Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen Kapitels

auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen des alten Propheten auf das

kommende Reich des Heilands und verglich die angeführten Übeltäter mit

den Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, in denen sie

lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung darauf zu sprechen, daß

deshalb die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstünde.

Kaja sah auf die Uhr.

»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte Tante Mimsey

geheimnisvoll mit und sah warnend drein.

»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die Tante wird hellsichtig.

Nimm dir heute nacht ein Beispiel am Dieb und sei pünktlich.«

Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand und ging,

nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht hatte, ins Haus. Nun wäre

Andacht möglich gewesen, wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja

zu folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte er unter

seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu kommen, so daß der Kies

flog. Tante Mimsey gewahrte es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk

versenkt hatte. Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko

atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt seine

stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, die nicht

hinausgeschoben werden durfte. Sie ließ alles stehen und liegen wie es

war, löste die Kette von der Banklehne und ließ sich von Niko

davonzerren. Beim Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die

Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne Bedrängnis zu

folgen vermochte; aber dann entschwand auch sie meinen Blicken, und es

wurde still im sommerlichen Garten.

Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert und zugleich

unbefriedigt. Der Gleichmut der Meerstimmen zog mich an, und solange ich

nicht daran dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte sich

langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang der sinkenden Sonne

auf dem Wasser. Ich glaubte den weiten Schattenteppich zu erkennen, den

die Parkbäume aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit ruhigem

Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, als sei die Welt

verlassen. Der Seetang duftete schwül und fremdartig.

Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden Eindrücke nicht

mehr gewohnt und sah Kaja wie in einem Narrenkleid einhergehen. Die

Verführungen dieser arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich

bitterlich, obgleich ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu

nehmen, was sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen Tags.

Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges zu retten, das in

diesen Einflüssen herabgesetzt wurde und verdarb. Es fiel Staub darauf,

und alles wurde kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und

umher standen hämische Verkünder der Erniedrigung.

Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen und vermochte in

meinen Gedanken zu verweilen, wo immer ich wollte. Die Sterne und

Stunden waren meine Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich

Ewigkeiten. Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah die Erde in

die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, welcher von ihnen

mich trug. Jetzt war es die Erde ... Aber je länger ich im Sande lag,

die Stirn gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer Klarheit

zum Meergesang hereinbrach, um so größer wurden die Sterne und um so

kleiner die Erde. --

Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir im Garten

entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, schien nur spärlich

durch die Baumkronen zu uns nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft

in diesem geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur

undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein äußerer

Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und dunkel und der Park im

leeren Land wie eine Insel. Das Gras duftete feucht, und die Grillen

feilten an ihren undeutbaren Stätten.

»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« sagte Kaja, »komm ans

Meer. Ich weiß nicht, warum es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht,

wir haben sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. Es

ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, wenn du es

genau zu erkennen trachtest; schließt du aber die Augen halb, so

erstrahlt es am hellsten wie eine kleine Lichtwolke. Du weißt den

siebenten Stern und siehst ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und

glaubst es nicht. Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«

Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. Ihr Fuß auf dem

Boden war lautlos, es ging eine heimliche Wärme von ihr aus, ein

Sommerduft und -leid. Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort

zu sprechen.

»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du es? Hast du nicht

gemerkt, daß man es immer nur ganz kurze Zeit kann, es ist doch schade.

Ich möchte die Sterne >tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut,

daß das Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich atmet und

glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne bewegen sich, um einander

näher zu kommen ... lachst du mich aus?«

Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab ihn mir. Sie trug

darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.

»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein kleines Mädchen war,

noch fast ein Kind, gab ich den Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den

Empfindungen, die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu

mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand lag. Dieser hieß

>Trauer<, jener >Unverstand<, dieser >Frohsinn<, und einer hieß >Sünde

der Nacht<. Ich haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an

das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen Farben. Ich

verklagte ihn und sprach: Du hast mir alles gesagt. Einen anderen nannte

ich >Erlöser<, zu ihm betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte.

Das war auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. Ich war

sechzehn Jahre alt. -- Hier ist es gut, der Sand ist noch warm. Wie blaß

du in diesem Licht bist, Lieber. Nun leg deine Kleider ab, wir wollen

baden. Ich möchte dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt

und heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im Einschlafen

und Traum.«

»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich kennst, Kaja.«

»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich meine den Mann. Wie soll

ich es dir sagen, da ich doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft

staune ich über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne

sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte ich mich in die

Worte der Männer betten, wie in ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe

die Männer immer.«

»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, als ich unter deinem

Fenster sprach?«

»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«

»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«

»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«

»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als daß ich zu dir

will.«

»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, so wirst du

mir viel sagen; auch das Schweigen ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch

ich liebe sehr, wenn ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig,

ihr Beherrscher der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. Wenn

eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, gnädig oder wohl auch

erzürnt, kühler oder gieriger, nach eurem Gehorsam, dann begleiten sie

die großen Melodien meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln

freundlich die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht

beschwichtigt, wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du mich küßt oder

schlägst ...«

Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört an: »Was sag ich

denn nur, sei nicht böse ...« Sie ließ sich langsam niedersinken und lag

nun, als sei sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit

ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich Knienden mit

Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr Knie ein wenig hob und zur

Seite neigte, und Landschaft, Meer und Sterne stürzten in ihren

schaurigen Befehl.

* * * * *

Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch Sternlicht am Ufer, und

die Nacht war von majestätischer Größe. Sie erhob sich in einer blauen

Sternwand über dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor uns

ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren in einen feinen Flor

gelegt, aus wärmeren Gründen stieg es zu herrlicher Klarheit auf.

Vielleicht schlief Kaja; oder lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des

Wassers? Ich fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das

edle, gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. Der lose Sand

gab jeder kleinen Regung des Körpers nach, und trug uns, als täte er es

leicht und gern. Langsam wich alles Gefühl für Zeit aus meinem

Bewußtsein, so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle

über dem Sand.

Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas entfesselten Leib hin.

Sie lag da, als erflehte sie in einem tiefen Weltentraum, mit allem Sein

und Sinnen, die Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie

verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete gegen den Meerhimmel

eine Landschaft. Diese vom Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler

waren uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des zaghaften

Gemüts meines von Andacht und Ahnung wunden Wesens, dessen arme und

flüchtige Bewußtheit, haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis

bebte.

Da überwältigte mich tief von innen her eine große Erschütterung, die

ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis ohne Klarheit, doch eine

mächtige Wahrheit in meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die

Hände, und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das furchtbare,

wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es schüttelte mich, als wollte es

mich aus einem langen Schlaf der Seele erwecken, der aufhören mußte, um

nicht überzugehen in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in einer

Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, lag ich fest,

fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal darüber, daß Asja gestorben

war.

Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren Mund dicht über

meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine Wand aus dunklem Nachtgold nah an

meiner Wange nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch

wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe überströmend, ihre

Worte auf mich niederhauchte, daß Geist und Sinne sie bei meiner tiefen

Schwäche gleicherweise tranken.

»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«

Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.

Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, die die Lust so

lieblich regierte und die der Schmerz hilflos machte. Sie berührte mich

so ängstlich wie ein Kind:

»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So sprich doch, ach, ich

bitte dich, sprich!«

Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:

»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich bin dir ja gern zu

Willen, und du darfst nicht von mir glauben, daß ich arm und häßlich

bin. Ich gehöre ja dir, kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort

tief innen, wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«

Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an mich, und schaurig

still, wie Gewitter am Himmel, entzündeten Schmerz und Freiheit der

Seele in mir sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. --

Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, doch ohne

Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst ihres unerbittlichen Rechts

gestellt, im Eigensinn der brennenden Begabung. In März- und Sommerglut

und hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die meine

Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden gedrängt, Augenblicke

dehnten sich, in Silberfahnen gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu

Gestirn gespannt, das Meer stürzte über die schneidende Firn der

Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit der wieder

emporsteigenden Nacht, über die gleitenden Grenzen der Bewußtheit hin:

Tausend Jahre sind wie ein Tag. --

»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg des Lebens machen,

anders als alle. Ich will einen guten Gürtel haben, rasche Füße, frohe

Augen. Wie offen liegt die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und

nichts getan.«

»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über mir.

Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, wie eine Decke.

»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht vom Morgen zu dir, als

ich dich noch nicht kannte, als ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter

dem Fenster?«

»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, bald wird es

hell.« --

Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem Meer. Er leuchtete so

hell am Horizont, daß mir war, als füllte sein ferner Glanz mich an, als

sei mein Leib durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein

leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im Sand sah ich die

Spuren des holden Lebens, das mich diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war

fort, es war alles umher still und leer wie am ersten Tag. Eine

Fröhlichkeit ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen

empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, das zu immer

größerer Macht anwuchs.

* * * * *

Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens Nichte, im Wind über

den Deich. Es war ein trüber, stürmischer Tag und das Meer tobte. Han

sah es selten an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es

schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie hörte mir gerne

zu, wenn ich über das Meer sprach.

»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und lächelte

schüchtern.

»Nein, Han, du gehörst dazu.«

»Ja,« sagte sie, »so ist es.«

»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte Baronin, Proker, den

Diener, die Köchin mit der Haube wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber

wie solltest du sie nicht kennen ... das ist ja natürlich.«

»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge Fräulein.«

»Kaja, ach ja.«

Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; das helle Blau ihrer

Augen war farbig und hart wie Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne

Wehmut und Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:

»Also, dann sprich von ihr ...«

Ich erschrak.

»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn man neben ihr

dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt sich alles und bekommt

seinen Wert durch sie ...« Ich stockte und schwieg.

Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich hinab, um uns zu

schützen, und tappten weiter durch den losen Sand. An geschützteren

Stellen wuchsen Heidekraut und Ginster, da schritt es sich leichter.

»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, erzählte Han. »Es war

eine Sturmflut, alles lag unter Wasser, und der Leuchtturm und die

Station standen auf einer Insel.«

Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der weite Reisen gemacht

hatte; ihre Eltern lebten in der Stadt. Alles kam herb und mühsam über

ihre Lippen, es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die mit

dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr gefälliger vonstatten,

Schreiten und Rudern und das Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie

sagte:

»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich habe die Hände falten

müssen, als ich sie sah. Ich brachte die Koffer auf der Schiebkarre.«

»Wer? Wer kam?«

»Das Fräulein doch ...«

»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«

»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, weil Veit Geesten ertrank.«

»Wer war das?«

»Ein Fischer.«

»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu tun?«

»Das war so.«

»Sag mir doch, was du weißt, Han.«

»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts gesagt.« Wir

waren uns plötzlich fremd und schwiegen beide. So ließ ich sie denn

allein ihren Weg machen und legte mich in den Sand, bis der Abend und

der Regen mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, sie hatte

wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust aus, ohne Licht und wie

auf einen Fleck gebannt, schaukelte sie in den grausamen Wasserbergen.

Die graue, große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem Gemüt

aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das Schiff gegen die Wogen.

Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten Saal von

großer Pracht, der mit festlich gekleideten Menschen angefüllt war. Eine

verborgene Musik spielte, fröhliches Lachen und das Klingen von

Weingläsern erschollen. Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus

kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre Schultern und

Arme den Saal. Ich suchte mit meinen Augen Kaja. In einem Winkel der

Vorhalle lehnte sich eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das

fast noch ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten seine

Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und begierig. Sie

lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie die Blicke hob, fing er

sein Gesicht und schaute einfältig-gütig drein. Ein Diener mußte

Vorwürfe anhören, er schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich

kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige Kraft ihres Körpers

wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren

begleiteten sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der

Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal ihrem Zauber.

Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, aber ich ging noch

ein paar Schritte über sein Haus hinaus, um nach dem Wasserschloß

auszuspähen. Ein dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles,

was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. --

Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder dem Sommerwind,

und als eines Morgens die Sonne strahlend über dem Meer aufging,

glitzerte ihr Licht in der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand

wurde wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah weit, weit hinaus

zur Rechten und Linken. Die Brust hob sich mit dem frischen Blick und

das Gemüt war wie verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und Erde

für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten Tag, und keine

Entstellung aus einem Kampf gegen das Ungemach der trüben Zeit war an

ihnen zu finden.

Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das Wasser blau durch die

Bäume glitzerte. Sie schritt hell und rasch durch die goldenen Lichtwege

der Sonne und sang.

»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«

Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne Entzücken und ohne

Enttäuschung, von einem beseligenden Wohlstand in sich selbst, und unter

ihrer heiteren Gelassenheit glitten rasch und schaurig die dunklen

Stunden der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen an den

trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall pfiff und rüttelte,

dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, das feuchte Stroh meines

Betts, Hans tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese

halbnackte, sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie ein

einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.

»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf meine Frage, wie sie die

Regenzeit verbracht hätte. »Die Sonne scheint ja, es ist ja vorüber.

Tante Mimsey hat täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz

gewonnen, brich es nicht und geh zu ihr.«

Sie sah mich neugierig an.

»Ach, die Tante ...«, sagte ich.

»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten Weibern hast du

die halbe Welt, das wissen die wenigsten. Was kann dir an den Männern

liegen, du bist ja selber einer.«

»Hast du Freundinnen, Kaja?«

»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht mehr zu fragen.«

»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, daß du keine

hast.«

»Ich hatte eine, damals vor ...«

»... vor Veit Geesten.«

»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich verlassen haben,

wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel angelangt ist. Ihr Körper war

wie Glas und warme Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging

sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen nach Hilfe

zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, um zu verstehen, was sie

verschwieg. Nachts blühte sie auf, im Dunkeln, und tanzte auf der

Waldwiese im Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, wie

laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, dann ahnte ich mein

Liebesgeschick, den schmerzlichen Frühling.«

»Ist sie auch tot?«

»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, aus dessen zwei Wangen

du ihren Körper hättest formen können. Als wir uns wiedersahen, wandte

sie sich ab. Sie ist also glücklich. -- Du nimmst alles so ernst.«

Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter ihrem Fenster

gestanden habe, daß ich ruhlos durch die Wälder geirrt bin und am Meer

dahin, bis ich mich im feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte

heimlich heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die stumme Schmach

meines Leids mit blicklosen Augen, wie ein Spiegel, der doch das Bild

mit sich fortträgt. Oder weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich,

und hat es durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr

Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im Dunkeln im Kies

ausgewählt und doch nicht emporgeworfen habe?

Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- und Sinnengestalt, im

Uferlosen meiner Gedanken war kein Halt zu finden. Der Wert meiner

Hoffnung erzitterte und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des

Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, wie ein

verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, hellem Stoff und fiel und

schmiegte sich, als sei der leichte Sommerwind ein Meister, der mit

diesen wehenden Hüllen den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren

nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, wie der

Wert im Gold, gingen nicht nur ihre Frauenschritte auf dem weichen

Moosboden, sondern sie rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch,

die warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.

»Pflück' die Blume dort, Kaja!«

Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.

»Wozu? Was willst du damit?«

Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften

Blick von Prüfung und Gunst.

»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der

zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von

wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind

und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit

von Lust und Unschuld hob.

Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier

und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der

Schuster Stevenhagen geflickt hatte.

Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft

der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen

des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie

langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und

unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das

ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst

im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht

gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir

etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der

Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie

zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.

Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das

Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der

grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer

freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie

Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der

unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der

Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element

aufzunehmen vermag.

Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden · 第 10 / 13 段