»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht sie nicht.«

Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, die sich in meiner

lächerlichen Frage kundgetan hatte, und begriff, daß um Kaja der Seewind

strich. Aber die Allmacht ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare

Prüfung. Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, je

mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden Hüllen emporstieg. Als sie

ihr Hemd fortwarf, kehrte sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:

»Man muß dich ja schonen, du Armer.«

Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll Roheit gegeben,

als ich da nun im Sand lag, das Gesicht in den Händen und bebte.

»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte durch die Buchen

zu spähen.

»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.

Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.

»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen raubst du«, stellte

sie nachdenklich fest. »Aus dir wird man nicht klug. Aber vor allen

Dingen mußt du jetzt etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für

dich.«

»Daran hast du gedacht, Kaja?«

Sie sah mich fragend an.

Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter diesen Augen war ich

es ohne Arg. Ich werde niemals zu schildern vermögen, woher die Gefahr

und Wohltat dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und

verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und Schuld war

ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. Man vermochte in ihr

zu sein, beglückt oder traurig, aber erreichbar war sie nicht.

Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer gerichtet, mitten in der

Sonne, und rauchte. Ihr Haar fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder,

als schiene die Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet,

in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. Nun hob

sie es langsam, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, mit beiden

Händen, und barg es unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es

beim Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue Rauchsäule

erhob sich lebendig über ihr und wanderte, sich leicht zerteilend,

lautlos ins Buchengrün empor.

Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und öffnete sich ganz

den Sonnenstrahlen, wie eine blühende Pflanze. Sie breitete ihre Arme

aus, und als sie die leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie

mir gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten und

umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und durstig. Aber von

einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, ja verächtlich, so daß

mir war, als saugte das Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen

Abgrund von ewiger Selbstverlorenheit.

Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als würfe sie es fort.

Keine Geste schien ihr verächtlicher zu sein, als die der Darbietung.

Dankbar ist sie nicht, dachte ich, als dächte ein anderer für mich.

Eines guten Mannes gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute

eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders zu denken,

als im Talgrund der Dankbarkeit eines durch ihn begnadeten Weibes. Ich

mußte lachen, und Kaja sah sich nach mir um.

»Was ist geschehen?«

»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin eines braven Mannes

vorstellte.«

»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, wie ausschweifend

du in deinen Gedanken bist.«

»Erzähle mir von dir, Kaja.«

»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest mich endlich

kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig ihr doch seid, daß ihr den

Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, wie sie gesehen sein möchten. Es

geschieht, weil ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil

ihr es nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist immer

dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung an und nennen es

Verständnis, dann verstehen sie einander endlich und werfen sich

Täuschung vor. Ein lächerliches Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«

Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt für Schritt, maß

sie den feuchten Teppich, ging in Meer und Himmel über und schien die

helle Welt, das schöne Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie

annahm. Als eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm

ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen und verschmolz mit

dem kühlen Wasser wie für immer.

Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich beides zu dieser Stunde

vermochte, aber es ging, und ich fühlte eine schmerzende Zweiheit

wunderbar in mir heilen. Zugleich aber sank es um mich her nieder, als

fielen die Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu Dingen

geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige ich nun? fragte ich

mein Herz, aber als Antwort hörte ich nur den fühllosen Frohsinn der

großen Wellen erklingen, die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und

sich erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut meine Brust

sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, Asja, liegt weit in der

Ferne, bei der großen Stadt, dein Grabhügel. --

In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit stampfte ich bald darauf

durch die Mittagssonne am Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war

nicht ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, daß

ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im Lande blieb. Ist so

Wichtiges, so Lebendiges, so viel glückliches Tun mir gelungen, so wird

sich das Beiwerk dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach

Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, einen

Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.

Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer wieder von mir hören,

wie groß es sei. Ich hatte es nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht

gewinnen kann im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug einer

beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir sagte, daß ich Kaja

liebte mit der ganzen Inbrunst und aus tiefster Seele, so erschien es

mir in der eroberten Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts

doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. Sonderbar

und mütterlich lächelte der Weltgeist mich an, gnädig und zögernd, als

sei ihm ein Irrtum gefällig.

Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte ich, diese gewalttätige

Verlassenheit, die die begrünte Erde vergessen macht. Ich blieb stehen

und hörte den Wellen zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich

meiner, und ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in uns

mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes Wrack, das schwarze

Rippen in den fahlen Sonnenglanz emporreckte.

Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen nassen Sand, den die

Flut bespülte, und beobachtete, wie die Wogen es auslöschten. Ich grub

die Buchstaben tiefer ein und sah abwartend und begierig auf die sanft

heraneilenden, durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über den

Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, niederbrachen,

wie mit Gelächter, und sich breit und gelassen verebbend ausbreiteten

und zerteilten. Sie löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen

zu sich selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche Art,

ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob ich stumm ihr

geglättetes Sandbett betrachtete.

Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein Herz zu hüten,

aber ihre Macht war eindringlich und der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine

süße Wollust. Und plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf

der bewohnten Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den Knabenernst

meiner Absichten, über das Lebensgewicht der kommenden Jahre, voll

Streben, Erfolg und Wirken, über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen

werdet euch im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen oder

im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, zurückfluten und

aufs neue in vergänglichem Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.

Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. Die erste Woge

verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten und verblaßt, die

zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen

Strand in seiner alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand,

ein leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste Woge verwischte

ihn, als sei er tiefer eingesunken und verblaßt, die zweite Woge nahm

ihn spurlos dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner

alten Wesenheit.

Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses Lächeln gebildet,

als mir sonderbar deutlich Asjas Worte über den Wandel der Natur zum

Bewußtsein kamen, und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der Wandel

der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der

Geist.«

* * * * *

Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh

gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, hinter den Deich geduckt,

mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite

hinaussah. Ein Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox und

Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten

den sichtbaren Bestand des kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen

durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am

Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, und zwei Boote

lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser

hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel,

zu mir und ermutigten mich.

Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege

angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten

schien. Als ich mich ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu

wedeln. Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit an den

Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich eine Weile mit ihr. Es

schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in

einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und

erneuerte sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann vor sich,

wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder

jedenfalls derart waren, daß sie keine Zustimmung herausforderten.

Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen,

denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie

mit einer sonderbar störrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren

Hörnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres

Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu

wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien.

Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tür hervor und

musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck

zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart

eingerahmt, der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis von

Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, groß wie

Gießkannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem

Verhältnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte er sich von

ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mußte aber

zurücktreten, als er mir gemächlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies.

Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine

Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wußte,

glaubte ich daran, daß ich mit ihm übereinkommen und ein Obdach in

seinem Hause finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich

nicht. Ob ich ein Franzose sei.

»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.

»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch,

»warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«

»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«

Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.

»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß schickt Sie zu mir?«

fragte er.

»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«

»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm keinen besonderen

Eindruck zu machen. »Ich würde mich an die Junge halten, wenn ich in

deiner Haut steckte.«

»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete ich und wies auf

meinen Rock.

Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er irgend ein Ziel

draußen auf dem Deich.

»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen Mann nach seinem

Rock gewählt, das bilden sich nur die Laffen ein, die nichts als ihren

Frack besitzen. Aber was man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind

geredet. Eine Kammer habe ich, was gibst du mir?«

Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine Summe zu hoch zu

finden, die ich doch nicht bezahlen konnte.

»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« sagte der Alte, »so

kannst du Unterkunft bei deiner Baronin suchen.«

Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu ebener Erde enthielt

nicht viel mehr als ein Bett, aber der Boden war mit weißem Sand

bestreut, und das Fenster führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein

Bündel gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen

Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um das Gewicht

nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er sagte: »Nun ja ... wirst

auch nur eine Mutter gehabt haben.«

Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich wohlwollend, denn es

stellte eine Art Gemeinschaft zwischen ihm und mir her, als habe er nach

etwas gesucht, das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt

hatten.

»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte er mir auf meine

Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt dich an deine Schloßmuhme,«

fügte er hinzu, »sonst hat's gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um

sie fortzutragen, und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über dem

Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie eine Krippe.

Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern Stuben des Hauses und

durch den Garten, der Alte zeigte mir alles. Der Brunnen befand sich

weiter draußen im Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie

kleine Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden sei für

die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze und die Boote waren

ihm doch das wichtigste. Ich bot ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber

er spie nur aus, und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen

Lippen nach, wie er das Weite suchte. --

Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten eines struppigen

Busches. Da ich am Nachmittag mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete,

dessen Pflanzen gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst,

daß ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm teilte.

Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf zurück, ein

siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, so hell wie Flachs. Ihre

blauen Augen sahen ernst und mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne

andere Einschätzung, als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte

nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie war von

unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, andere Menschen als

die Dorfbewohner zu sehen. Auch wollte ich mich aufmachen, um im

Wasserschlößchen meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein

schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen eines

wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten war mir lieber. Ich

ließ das Fenster meiner Kammer leicht angelehnt offen stehen und

verabschiedete mich ohne Erklärungen.

»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir einen großen Fisch.

Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte Fisch waren mir

Gewähr, eine gute Aufnahme zu finden. Die Sonne stand nun hinter dem

Land und das Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe man viel

weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und die Möwen waren blendend

weiß und schwebten klar geschieden und ruhig im farbigen Himmel. Alles

war wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des Sonnenaufgangs

und die blendenden Bewegungen der Elemente, die brausenden Wogen aus

Glanz und Flut waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu

haben.

Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, eine

Mühle am Horizont, deren Flügel sich bewegten, wie Sonntagsspaziergänger.

Es verband sich mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie

der erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit sich zu

bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und mich einrichten, das war

mir fremd.

Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in den Stürzen der Flut

vor meinen Augen, verwoben in die Elemente der Natur, zugleich Plan und

Entzückung, unerreichbar, um mich her und tief in mir. Wie ruhlos machst

du mich durch die Trennung, Kaja, und welche Trennung von mir selbst ist

die Beruhigung deiner Nähe.

Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante Mimsey an einem

gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte durch die Büsche, die die

Gartenpforte übergrünten, und erkannte Niko auf ihrem Schoß, der

schlief. Etwas abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war

ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und ich fand in der

Gewohnheit dieser Stunde die innere Haltung mich ihr einzufügen.

»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut und hielt mir ihre

liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts in der Welt, das je zwischen uns

treten könnte. Kaja drehte sich um, knixte steif und wischte ihren

Pinsel am Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den Fisch

und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem Tisch, als ob er

herabfiele und kam nicht mehr zum Vorschein.

Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den Butt erblickte, den

sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang brachte, und an dessen Tod

sie erst glaubte, als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir

zärtlich, ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter

Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung rührte sie, sie

verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den Fisch für tot hielt und ihre

Brille mit frohem Dank zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu

Gott stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, am wenigsten

laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, und überlegte mir die Sache.

Kaja erschwerte mir den geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich

umzudrehen, gleichmütig:

»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«

Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung war: Der Herr

ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«

»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey liebevoll und schob

mir ein großes Stück Kuchen hin.

War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung der alten Dame zu

religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen Äußerlichkeit, wie sie

so oft in welken Gemütern angetroffen wird, die eher eines

undurchdachten Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so

irrte ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und

Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, still, heiter und in

kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler bestand in der Hauptsache nur

darin, daß sie niemanden für glücklich zu halten vermochte, der ihre

Welt nicht teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer

aufrichtigen Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für erwiesen zu

halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, ohne deshalb eine

Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich oft über Kaja, die ihre Zustimmung

übertrieb, um zu spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel

weiter ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber ihr Hohn

war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche Kraft der

Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an meinem heimlichen Tadel

irre wurde, denn ich empfand sie als kalt, mich aber als lau.

Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr Bild auf der

Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr Ausdruck von Arglosigkeit und

Unschuld war so vollkommen, so ohne einen Schatten von Verstellung oder

Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl so schmerzlicher

Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, daß ich glaubte, mein Herz

schmerzen zu fühlen, wie in einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht

geöffneter Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe Forschen

ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar zu einem wehen und süßen

Gehorsam der Hingabe, daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom

heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte mit Angst nach

den Merkmalen ihrer schrankenlosen Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen

ihrer dämonischen Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust ohne

Halt -- kein Hauch von Schwüle oder Glut lag um die klare Stirn, kein

Feuer unheiliger Gier des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die

Kinderbläue des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.

Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem farbigen Odem einer

Wiesenblume im Morgentau vergleichbar war, hatte eine furchtbare Wirkung

auf die schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff mit

Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller Werte, in der die

heiligen Feuer meiner Leidenschaft und Liebe mir unrein erschienen, und

ihre dämonische Priesterin von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner

entflammten und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen und

betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, der weit höheren Gesetzen

unterworfen war, als sein Schöpferwesen sie umfaßte.

Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß ich mich mit Kaja oder

meinem Gedanken beschäftigte, diesen beiden Elementen, um derer willen

mir das Leben allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den

Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie in einer gemütlichen

Tortur, die mich zugleich in Erstaunen setzte und ungeduldig machte.

Wenn ich von ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen für

einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand angeregt, an Asja

dachte, so war mir, als sähe ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf

dessen Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen dunklen

See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.

»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey innig, »die Welt ist an

Liebe arm, erst wenn wir diese Absicht an den Tag legen, wird es

besser.«

»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die mir mit gefalteten

Händen gegenübersaß.

Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, gemeinsam mit einem

Päckchen von Schriften. Sie schien nach einem Gegenstand Umschau zu

halten, der ihr fehlte; endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und

Kaja zog eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt Tante

Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf dem Tisch fest, daß sie

aufrecht emporstand und forderte mich auf, mit der Nadel in die leicht

zusammengehaltenen Blätter zu stechen.

Das war mir neu, und ich zögerte.

»Mutig«, sagte Kaja freundlich.

Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des Spalts, und Tante

Mimsey nahm die Brille.

»Nun werden wir sehen«, sagte sie.

Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich bisher nur gewußt

hatte, daß er vor Zephanja kommt. Tante Mimsey vergrößerte mit einer

Lupe, was von seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das

Zehnfache, und begann zu lesen.

»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und sah mich an.

Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:

»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, denn die Wölfe

des Abends. Ihre Reiter ziehen in großen Haufen von ferne daher, als

flögen sie, wie die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die

Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte man Parder.«

Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte ich mich in

meinem Blick, meine Lippen erstarrten mir wie unter einem herben

Schmerz.

Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch meinen Blick, und

von ihren hellen Lidern strahlte mir mein unmögliches Wesen zurück, wie

ein Strom von Traurigkeit.

Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden · 第 9 / 13 段