Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, als hoffte sie

darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang empor und sah den Morgen,

sah den schimmernden Körper und sah wieder den Morgen und taumelte mit

tiefen Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag alles voll

Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie mich. Der kühle Seewind

trug den Geruch des Gartens zu mir herein, er legte sich auf Stirn,

Gesicht und Brust. Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu

können. Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom von

Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles von übergroßer

Erwartung so voll, so rein vor Licht, so kühl vor Frieden, so erfüllt

vom Blühen, daß meine Seele nicht Raum darin findet?

Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus und die

Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im Ahornwipfel, auf dem leeren Weg

lag das Buch, am Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht,

beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den ich lachen

mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand hinab, es ging noch eine gute

Weile durch alten Park. Rosengruppen und farbige Beete von Blumen

wechselten ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen

wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch unter, das

schon auf sandigem Boden stand. Nur ein schmaler Weg führte, deutlich

geschieden, zum Strand nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das

Meer und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.

Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen Wellen nahen und sich

im Morgenrot auf den Strand werfen. Es roch nach Seetang und mir war,

als schmeckte ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich die

in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, auf deren Giebeln

bräunliches Licht lag. Es war kein Segel am Horizont zu sehen, kein

Inselland, nur fern vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes

Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen klein wie

Spielzeug aus und bewegten sich träge.

Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins Wasser. Der kalte nasse

Sand an meinen Füßen rann mit den kommenden und weichenden Wellen unter

mir fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht mehr den

Menschen, wo das Reich des fremden Elements begann. Ein Möwenschrei ließ

mich den Kopf wenden, da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und

bräunlichrot, noch stieg kein Rauch aus den Hütten.

Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe meiner Seele

erschütterten mich so mächtig, daß ich aufsingen mußte, einen hilflosen,

wilden, jauchzenden Gesang, voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht,

Gebet und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, mächtigen

Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit mich gelehrt hatten,

und die meiner schlafenden Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund.

Nun habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches weiß ich nun,

und meine Lust und Trauer sind nicht mehr mein Teil allein. Aber mein

Gesang von einst bleibt wie ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn

fern höre, so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach sein

wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, ein heiliges Kleid.

Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden Sonne, die aus

dem Meer emporstieg und Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen

miteinander vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, und

erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, Wasser und Himmel

voneinander.

Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes Boot, das

umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die Morgensonne unter sein schwarzes

Dach schien. Ich kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen

eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den Sand, um zu

schlafen. Langsam nahmen die Musik der Wogen, das Morgensonnenlicht und

der tragende Boden sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser

Elemente und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. Aber im

Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen Leben, und ich sah

große Bilder und weite Landschaften von solcher Freiheit, daß ich

schluchzte. Ein breiter ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt

bestand aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst mich, wie im

leeren Raum, der sonderbar wogte und spiegelte, auf der anderen lag bunt

und deutlich die Fülle der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich

sah beblühte Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und Baumgruppen,

Quellen und Ströme. Und mitten darin, wie geboren und erblüht aus diesem

lieblichen und mächtigen Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar

funkelte, ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der

Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle Pflanzen im

Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen der Bäume, das Flüstern der

Gräser und der Vogelgesang. Schattige Gründe der Triften, Kelche und

Früchte waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe zu bringen,

was diese Schultern und Hüften trugen, die reinen Glieder und der

unnennbare Grund und Wesenssinn des ganzen Leibes, den kein Name benennt

und kein Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet.

Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und diese betörende

Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, Vergangenheit aber und Ewigkeit

lagen, wie eine Einheit, auf meiner Seite der Welt, die erhaben und

traurig war.

Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren und klaren

Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, so nah, und doch

von ihr geschieden, sprachen zu mir und waren ich. Geh hinüber -- bleibe

hier. Und so fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich ein

und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. --

Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, mochte es,

dem Stand der Sonne nach, gegen elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich

und alsbald völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen

Bootmuschel hervor und taumelte vor Glück und Licht in der Sonne, die

über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich schüttelte den Sand aus meinen

Kleidern und brachte sie in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag

der Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich im

freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber klar, daß dieser

Besuch stattfinden mußte, vermochte mir allerdings über die Art keine

Vorstellung zu machen.

Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich nun nach allen

Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame vorgestellt werde, die ich

besser kenne, als alle, die ihr Leben von Anfang an mit ihr geteilt

haben. Eine heiße Liebe zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie

sollte ich nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich doch das

Ungewöhnliche bestanden habe?

Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, in dem ich meine

zukünftige Herberge erblickte, und das ich nach meinen Gewohnheiten

einzurichten beschloß, und begab mich dann auf gut Glück in den Park

zurück. Es war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und überall

strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten durch den heißen Duft,

und die Reiser der Büsche blühten. Auch sangen noch Vögel in der Kühle

der Baumkronen, denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im

Jahr.

Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in den gepflegteren Garten

übergingen, und die Wege sogar mit Kies bestreut waren, standen alte,

grüne Bänke, manche waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt.

Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam auf mich zukommen, die

ein zerzaustes Huhn an einer Kette hinter sich herführte. Als sie näher

kam, erkannte ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. Der

Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich tief und machte mich

fröhlich. Sie war in ein helles Seidentuch gehüllt und trug einen

breitrandigen Hut aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken

bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen fielen

schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, und zwischen ihnen

lächelte ein feines, zartes Angesicht von süßer Welkheit, aller Welt

fern, und voll kindlich hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz

ihres späten Lebenstages.

Als wir auf dem Weg einander näher gekommen waren, blieb ich stehen,

verbeugte mich tief und zog meinen Hut, so daß er einen großen Bogen

machte und den Kies am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls

stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine große,

schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt war, vor ihre

Augen. Ich trat näher herzu, um ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie

sich stellte, und sagte mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an

ihrem Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung bäte, ihn

ohne Erlaubnis betreten zu haben.

Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich aufmerksam von oben

bis unten durch ihre Brille und sagte dann leise, mit feiner,

gebrechlicher Stimme:

»Guten Morgen, guten Morgen.«

Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den Hut ab, wobei ich ein

wenig zurücktreten mußte, damit mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger

ehrerbietig ausfiel.

Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin nicht, kaum ein wenig

zögernd, keinesfalls aber ablehnend. Sie hob nun mit der feinen Hand ein

merkwürdiges Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer

Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten Germanen nach der

Sage zum Trinken verwandt haben sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer

schneeweißen Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief,

ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um meine Ehrfurcht

kundzutun, vor diesem lieblichen, welken Lebensgebilde, im warmen

Dämmerlicht von vielen, vielen Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer

Demut gegen sein letztes Wirken.

Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung eingesetzt werden

konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung forderte, er ging von

dem Begleiter der Dame aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das

sich offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen entsann. Das

Tier ging, offenbar durch meinen Gruß irre gemacht, zum Angriff gegen

mich vor. Mit einem heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren

unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen Seidenrock

seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort wieder, als seine

Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf aufklärte. Sie lächelte

versöhnlich und sah mich an.

»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.

Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, die

offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. Inzwischen war das Horn

erhoben worden und seine Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite

geschoben und den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich

Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm erneut Haltung an.

Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr freundliches: »Guten

Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: »Was führt Sie zu uns?«

Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns auf mich

gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.

»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame freundlich und zog

mit dem Augenglas eine wagrechte Linie durch die Luft, die diesen

Umstand ausglich.

Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden Worte über meinen

Eintritt in diesen Garten, aber ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante

Mimsey ließ ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.

»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen ja!«

Ich entschuldigte mich rasch:

»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.

Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:

»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, ich bin etwas

schwerhörig.«

Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.

Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm das Gespräch

bereitwillig wieder auf und schien in keiner Weise durch mein Ungeschick

enttäuscht zu sein. Sie mußte von meinen Worten so viel verstanden

haben, daß sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und daß

meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, die über eine

kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.

»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier ans Meer? Hier

verkehren nicht viele Menschen, wir wohnen hier einsam.«

Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu werden.

»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, sagte ich rasch und

schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß ich der Vorstellungswelt meiner

prüfenden Gastgeberin ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein

Student, ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise,

es sind zugleich die Sommerferien.«

Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu zweifeln. Ich

nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen mußte, wenn ich verstanden

werden wollte.

»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun langsam nebeneinander

die Gartenwege entlang.

»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.

»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl auch Algen?«

Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und musterte mich

glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll heiterer Bescheidung.

»Auch Algen!« rief ich.

»Wie?« fragte sie bestürzt.

»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.

»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja schon.«

Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von Flieder und Jasmin

überschattet war. Die Büsche hatten hier unter den hohen Bäumen lange,

hagere Triebe geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses

Gestänge um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.

Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht werden, damit

die Kette sich nicht verwickelte. Das kleine Tier trug schwer an dieser

Fessel und schien verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die

Fransen einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es

zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick auf seine

Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.

»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. »Nieder mit dir!«

Niko verkroch sich.

»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte Fräulein. Sie sah mich

liebevoll und aufmunternd an, ich hatte deutlich den Eindruck, nicht

abstoßend auf sie zu wirken.

»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete ich.

»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem mutigen, jungen

Menschen, der vorlieb nimmt und nicht auf Äußerlichkeiten sieht. Der

Jugend ist kein Lager hart.«

»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß Haus und Park mit einer

Armbewegung.

»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«

Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter beiseite, als

erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, der ihr entgehen möchte,

oder der zu laut sein könnte. Sie ist nur noch Grobheiten gewohnt,

dachte ich, denn wie kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch

den Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit großem Aufwand

von Lungenkraft auszustoßen und ihnen im Rahmen ihres Schallumfangs

Milde und Anstand zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und

alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... ich begann zu

grübeln.

»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen Landsitz,« erzählte mir

Tante Mimsey, »ich und meine Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes

Kind. Ich ertrage die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich,

und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht mehr. Einmal sah

ich eine edle Taube -- mein Bruder hielt Tauben --, die in einen

Fabriksaal geraten war, in dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter

bohrten und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin und her

und war außer sich! So fühle ich mich in der Großstadt. Meine Brüder

bewohnen den Erbsitz, auch hierzulande, so habe ich mich auf diese

kleine Besitzung zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie

lächelte nachsichtig.

Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung des Kopfes, die ich

jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen wurde. Da ich nicht zu

antworten brauchte, konnte ich überdenken, auf welche Art es mir am

besten gelingen möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten

Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß war gefaßt,

unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen auf irgendeine Art die

natürliche Dauer eines gesellschaftlichen Verkehrs zu geben. So wählte

ich unbewußt durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte, den

besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, sich ungestört

mitzuteilen. Wie ich sie später kennenlernte, hätte ich kein

geeigneteres Mittel ersinnen können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es

schien ziemlich gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein

Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« gegen mich

vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen überhörte. Einmal schien

es mir jedoch notwendig, deutlich und freundlich beizupflichten, aber

sie schrie nur:

»Nieder Niko!«

Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und verlor nicht einen

Augenblick die Geduld, denn ich wußte, worauf ich wartete. Immer begann

die sanfte Klage an meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und

unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die Unzuträglichkeiten

einer kleinen Alltagssorge. Wie bei manchen gealterten Gemütern, deren

Herkommen mit der unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist,

bewegte auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch um die Achse einer

anerkannten Richterlichkeit und eines oft gefragten Urteils. Sie hatte

den Zusammenhang mit den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft

der neuen Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren,

da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur ihre Nichte Kaja war

für sie der Inbegriff einer im erwiesenen Geist gesicherter Lebensform

heranreifenden Persönlichkeit, sie erklärte den Charakter und

Lebensanstand ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung

und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. Bewegend war die

innige und selbstlose Liebe, die aus allen Einwänden sprach, die sie

selber schüchtern wagte, mehr um für die hellen Tugenden einen

Hintergrund zu haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des

jungen Mädchens in Frage zu stellen.

»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich und sah mich

streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen will, beim Baden in der

See den üblichen Badeanzug anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es,

obgleich ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas

kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, ist nachher

gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne habe ihn getrocknet, aber

nein, nein ... da soll sie ihre alte Tante doch nicht zum Narren

haben. -- Kaja, ich spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich

kommen, dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden und muß

hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle ich sie Ihnen vor.«

Sie richtete ihr Horn auf mich.

»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.

»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim Bade eine

angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide darunter und hege die

Befürchtung, ein unberufenes Auge möchte Zeuge dieser kindlichen

Vorurteile sein. So pflege ich denn während ihres Bades hier im Park und

auch am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und Passanten

abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es wäre ja auch schrecklich!«

Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, zerrte Niko,

der eingeschlafen war, unter der Bank hervor und drängte auf das Haus

zu.

»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie herzlich, aber

deutlich in jener befangenen Besorgnis, die entsteht, wenn eine gute

Absicht noch nicht die Form ihrer Durchführung gefunden hat. Sie zerrte

an Nikos Kette, die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er

erst unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm hervor, so

daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs unsere Richtung

einzuhalten, aber deutlich war es nicht zu unterscheiden.

»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko schnarrte und drohte vor

Grimm zu ersticken, als ich mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb

sind, habe ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen vermocht,

er war mir nicht angenehm. Wir kamen an einer Grotte vorüber, in der ich

später oft mit Kaja gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, ohne

den Strand zu erblicken, durch die Stämme der Buchen hindurch und unter

ihrem Dach dahin. Es ist ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas

anderes erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder Sterne, Licht

oder Nacht. Ich sehe seine Form noch heute, ein unruhig gerändertes Tor,

durch das die Lichtbahnen der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet

sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, der Mond schien und sie

fröstelte leicht im Mantel ihres Haars ...

»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so machen Sie mich bitte

darauf aufmerksam«, sagte Tante Mimsey. »Hier können wir warten, später

werden wir dann etwas zu uns nehmen.«

Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern und mein Herz

schlug übermächtig. Hell, rasch, eine weiße Seligkeit von Sein und

Kommen, glitt es wie ein Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche

dahin, und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag um die

Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!

»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte deutlich, daß es

verächtlich klang.

»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung verstanden

hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«

Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie nun auf uns zutrat.

Ohne Überraschung musterte sie mich, nähertretend, aufmerksam und

abweisend, und sah dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.

»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« fragte ihr Blick die

Tante.

Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines Bein in eine

gefällige und vornehme Haltung.

Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, aber er ging zu Ende

und nun mußte sie sich rechtfertigen.

»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, aber ein junger

Student auf der Reise. Er ist Naturforscher und hier fremd.«

Kaja machte einen strengen Knicks.

»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante fort, »wir unterhalten

uns hier noch ein Weilchen.«

»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja zu mir, »nachher

komm schwimmen. Du siehst schrecklich aus im Tageslicht, man schämt sich

ja. Also auf Wiedersehen.«

Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte aussprechen konnte und

dazu ein Gesicht machen, als sagte er, betroffen und verlegen: »Guten

Morgen, mein Herr, ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe,

daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«

Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen in sich hinein,

und man sah den Bewegungen ihrer Hände an, daß ihr ein Hindernis als

überwunden galt.

»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.

»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es die Schlußzeile

eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.

Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine Unterkunft suchen zu

dürfen, und half ihr damit aus ihrer kleinen Verlegenheit. Während sie

sich zu Niko niederbeugte, schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre

gestielte Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und

steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte ich damit

für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, um als glücklicher und

ehrlicher Finder empfangen zu werden. --

Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten Gras des Strandes und

zog sich aus. Sie hatte einen Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu

sehen war, da die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem

unterspülten Hang.

»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir fertig geworden bist,

ist keine Heldentat, denn ich habe es dir leicht gemacht, aber mit Tante

Mimsey -- das will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir

wohlgesinnt ist.«

»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. Bist du noch

einmal eingeschlafen?«

Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden · 第 8 / 13 段