voller Freiheit und Erhobenheit faßte mich wie Wind, mein Glück war so
groß, daß ich bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine
grüblerische Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie war ich
kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, das sich in mir und
vor mir weitete, als sei das Meer das Unfaßbarste und zugleich das
Ersehnteste des Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der
Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt leuchten. Ich schloß
die Augen, als trüge nun der Strom der Seele mich, aus mir selber
stammend, über die Weite. Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in
Weltenfernen, mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen
Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...
Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich die Augen öffnete,
mir war als sähe ich sie. Das hellere Band des nahen Strands zog sich
zur Linken in einem weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der
Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte in seiner
schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot wie ein Farbfleck,
seltsam trüb und leblos in der silbrigen Dämmerwelt der Küstennacht.
Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und sieht am Horizont endlich
die starre, graufarbige Leiste der Küste, so ist man nicht weniger
ergriffen, als wenn sich unerwartet die lebendigen Wassermassen des
Meers vor uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, das auch
ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank sein könnte, je nach
der Beschaffenheit der Luft, ein Anblick voll sonderbar erregender
Kräfte, es vollzieht sich ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und
keinem anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine alte,
törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln gelegt hatte. In
gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die Erde, unser Stern, für eine
kurze Weile in der ungeheuren Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer.
Wie eine Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das
Bewußtsein von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an uns nieder,
unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum berührten Boden, und wir
wissen, wie feierlich es ist, ein Mensch zu sein.
So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am fernen Waldrand mich
aufs neue in die Gefangenschaft seines Daseins nahm, und ohne es recht
zu wissen, ging ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung
wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu gewinnen, denn das
Schreiten im Sand ermüdete. Am Rand eines Kartoffelackers führte ein
schmaler Fußweg entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm ging
ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine mächtige, ruhende
Silbersichel zog sich der Bogen der Bucht mit seiner helleren Brandung
dahin, sie leuchtete stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die
Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller Dämmerung und
duftete nach sommerlicher Abendnässe. Ich kam an ein Roggenfeld, dessen
Halme spärlich standen, aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige
Lebensteppich von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die
Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre Berührung mein
Blut mit einem wunderbaren Dank.
Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam seinem Bereich, und
nun schien der rote Lichtschein bald zu erlöschen, bald wieder
aufzuglimmen, jenachdem die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen
verdeckten. Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben,
genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen waren und
die teilweise lose niederhingen. Es war so dunkel hinter der Buschhecke,
daß ich nichts erkannte, und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten
Haselnußsträucher sein, hier duftete Hollunder, oder war es Jasmin? Die
schweren, kühlen Duftwogen standen wie Wolken über den Schattengründen
der Gartentiefe, und erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie
zu mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein glomm immer
noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher nun als vorher, und zuweilen
sah ich die Zweige eines Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen
den viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem das Licht
brach.
Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter den Bäumen ein freierer
Platz entstand, vielleicht ein breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich
erkannte eine schmale Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume
geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, ob menschliches
Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, dessen Ruf ich gefolgt war,
und dessen viereckiges Tor, wie ein rosa Vorhang, totenstill in der
Nacht schwebte.
Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt zögernd auf die
Bank zu, jeden Augenblick konnte ein Hund hinter dem Haus hervorstürzen,
das hätte mühevolle Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte aus
Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten darf, sondern
standhalten muß und sich erst nach kurzer, ruhiger Haltung, langsam,
Schritt für Schritt und rückwärts schreitend, auf den Zaun zurückziehen
durfte. Einmal hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer
pechschwarzen Regennacht mehr als eine Stunde lang einem großen Hund
gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte, und von dem ich nichts
sah, als seine Augen. Keiner von uns rührte sich, wir waren zwei Statuen
in der verlorenen Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste
Bewegung des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es ging um
unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in unserm Bewußtsein zu
einem graunhaft einsamen und einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die
langsam waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein Messer in
die Hand zu bekommen und den Arm weit hinter mich zurückzustrecken, wozu
ich mehr als eine Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der
Verzweiflung und dem Todesgrauen, die wie ein langes, atemloses Sterben
gewesen waren, stieß ich jählings im Dunkeln das Messer unter die beiden
glühenden Augen. Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und meine
Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend am Erdboden und
ward still. Aber auch ich sank zur Erde und fand erst, als der Morgen
dämmerte, die Kraft mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem
ich lange schlief. --
Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur die Erinnerung
jagte meinen Geist für eine Weile vor sich her, als verfolgte ihn das
Gespenst jenes Erstochenen in einer gleichen, finstern Nacht, wie es die
Nacht seines Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit,
du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in deinem Bereich atmen,
ein Mann, ein Weib, vielleicht ein Kind, das bei der brennenden Kerze
eingeschlafen ist. Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen
Abständen von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das
Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war mir ein gutes
Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern mit den Geistern anderer
verkehren, sind dem meinen verwandt, wer in einem Buche liest, ist schon
mein Bruder.
Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du für ein Buch?«
»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine Mädchenstimme, als riefe
sie um Hilfe, »wer ist denn da?«
»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie dein Geist das Buch.«
»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als käme sie von der
Decke herab.«
»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«
»Merkwürdig ...«
»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«
»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt erzählen? Er würde
dich kaum erfreuen, denn du gehst auf besseren Wegen als ich, draußen
durch die Sommernacht, vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von
Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«
»Hast du keine anderen Bücher?«
»Sag' erst, wer du bist.«
»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey nicht liest.«
»Dann bist du also Vetter Eberhard.«
»Ich denke nicht daran.«
»Ach ... er wollte kommen.«
»Kommt er immer nachts?«
»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht kommt er
nachts und erschreckt mich wie du es getan hast. Sag' jetzt, wer du
bist, sonst muß ich die Unterhaltung abbrechen. Ich liege hier im Bett,
habe nicht einmal ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann.
Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des Hauses, wegen der
Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«
»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«
»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, sie hat
eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch liegt.«
»So soll ich bleiben?«
»Sag' erst, wer du bist.«
»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du mich anerkennst,
nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß du zu mir herunterkommst.«
»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«
»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen habe und du willst
nicht herabkommen, so verlangt auch mich nicht mehr danach, und ich
werde meines Wegs gehen.«
»Wie unhöflich du bist.«
»Unhöflich ...«
»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu einem Herrn? Könntest
denn nicht du heraufkommen zu mir?«
Nun war es eine Weile still.
»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig kann ein Mensch aus
seiner Rolle fallen. Welch eine törichte Frage das doch war. Die Stimme
antwortete ohne Eifer:
»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher nicht. Aber erst
wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche dir getrost alles, was du
willst, denn ich weiß, daß du schon bei der ersten Bedingung versagst,
unter der ich meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt hast,
so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«
Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen scholl zu mir herab.
Jetzt geht noch das Licht aus und das Fenster wird geschlossen, dachte
ich mutlos. Aber es geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder,
wie eine Seite im Buch umgeblättert wurde.
Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, wollte Gott, ich fände
einst das Ende so leicht und froh, wie ich alle Anfänge gefunden habe.
»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.
Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die Luft, raschelte
wild im Gezweig und schlug klatschend neben mir am Boden auf. Das war
das Buch.
»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.
»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine Kräfte
beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel Sinn du doch dafür
hast, daß einem Mann vor einem jungen Weib das Herz schüchtern wird,
wenn sie ihm seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum
Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen willst, wer ich bin,
so darf ich nicht über mich, sondern ich muß über dich sprechen. Du
wirst mich hören, als hörte mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus
der Nacht in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und immer
wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? Von mir ist nichts zu
sagen, als daß ich immer geglaubt habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt
werde ich es glauben, und dann wird er es sein.
Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst mitten darin, so schön
wie die Ahnung des Morgens und oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich
zugehe, so ist es auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du
füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist in Wahrheit ein
Morgenschein. In der Welt ist es wie eine Nacht in der Nacht, und es
gibt zwei Morgen. Der eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus
dem Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in beiden sind
Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, der Dauer, der
Ewigkeit und Freiheit.
Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht unser einziges Leid?
Seit ich nun deine Stimme gehört habe, ist jeder Morgen aus meinen
Sinnen und Gedanken entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen
Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob du gut oder schön
bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, wie klar und feierlich die Liebe
ist, die in meiner Brust erwachen könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen
als einen strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, das
große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller Tränenströme. Sieh, so
stehe ich hier in meinem Licht, das von dem deinen angelockt worden ist,
in der irdischen Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich
abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt du noch von ihm?
Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört ihr von ihm reden und
seht ihn fern leuchten, regt euch sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und
seid gläubig nach der Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt,
wie vom Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes Auge es
ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere Morgenhoffnung lebt nicht
als Quelle in eurem Gemüt, und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so
war schon euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, oder
bin ich gehorsam? Sieh, ich möchte mehr wissen, als nur, daß du hell
bist.«
So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und sonderbar traurig,
bald von einer jubelnden Gewißheit des Glücks und des Triumphs erhoben,
und stets dachte ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du
kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und Held, und niemand
wird wissen, wer geredet hat.
Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares fernes
Geräusch und lauschte. Es war das Meer. Ein ungestümer Frohsinn ergriff
mich jählings. Da draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene,
unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, dachte ich und schritt
auf das Haus zu. Ich will am Strand schlafen und mich von den Stimmen
des Meers einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne
Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten ihn vor
tausend Jahren vernommen haben und wie die Kommenden ihn vernehmen, wenn
wir unter der Erde sind.
Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause emporrankte und
dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk verwachsen, wohl einen Menschen
tragen konnten, ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin
schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich würden
einige von ihnen aufgescheucht werden. Wenn ich im Klettern innehielt,
hörte ich mein Blut und das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter
der Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine Seele! Noch bist du
über der Erde und schon ein erhebliches Stückchen höher, als eben noch.
Wenn dieser knorrige Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so
erreicht meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde Freundin dieser
Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! Sollte ich vor ihr
bestanden haben, mit meiner sonderbaren Rede? Was hatte ich denn
gesagt ...
Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, saß auf dem Brett und
schaute in den erhellten Schlafraum. Ich sah wenig darin, da meine
Blicke zuerst allein durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der
Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden Lichttal der Haare,
etwas zur Seite geneigt, in tiefem Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht
verstellte sie sich, wer wollte es wissen, in dieser holden,
schrecklichen Welt von Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit,
Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das Fensterbrett, wartete
still ein wenig, ob das Zittern meiner Glieder sich legen würde und
darüber die hellen Lider vor mir im Lichtschein sich öffnen möchten,
aber beides blieb, wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum
nieder, trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen Rand.
Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie mit einem tiefen
Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind wir nun beieinander, zwei Menschen
in der Nacht, was sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer
erregende Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, auch beschämte es
mich, sie zu betrachten und in ihren Zügen zu forschen, ohne daß sie es
wußte und hindern konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen
sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese Seele einzudringen,
deren unbewachtes Bild das junge Antlitz spiegelte, widerstand mir
schmerzlich. Du sollst mir das Bild von dir geben, das du selber willst,
dachte ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare
Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die Haut der Schläfe und
das sich nicht von ihr unterschied, nicht in der Berührung und nicht im
Licht. Ich erzitterte vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit
dem kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang zu bringen
vermochte, die ich vernommen, und die mich kühn und selbstvergessen
gemacht hatten. Die Kinderseligkeit dieses Angesichts nahm mir jede
Willkür und führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung
meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.
Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken auf und
nahm mit beiden Händen meine Hand:
»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, und ich
bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. Aber glaube doch, ich habe das
meiste gehört, es war wirklich sehr schön, besonders der Anfang. Bist du
böse?«
»Wer bist du?«
»Sicher kein Gespenst -- du schaust mich an, als sei ich eins. Bitte gib
mir mein Hemd.«
Ich sah mich um.
»Dort am Waschtisch.«
Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, und reichte es
ihr, wie im Traum. Es flatterte auf wie ein Nebelwölkchen im Licht,
senkte sich zwischen den erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte
wieder im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus betörend
zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß und sicher an, zugleich
hell und dunkel, mit lächelndem Forschen, ohne Schüchternheit, aber
ernst.
»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich Baronesse,
Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut aber nichts zur Sache, ich lege
keinen Wert darauf, und wer bist du?«
»Worauf legst du Wert?«
»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein gutes Buch und
kluge Männer.«
»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und einen klugen Mann.«
»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst du in Kammerfenster zu
den Mädchen ein, um Predigten über Moral zu halten?«
»Setzt du voraus, daß man unmoralisch ist, wenn man zu einem Mädchen
einsteigt?«
»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, aber ihr, ihr alle!
Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt habe, so hoffe ich, nicht
enttäuscht zu werden.«
Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung und erschrak
heiß.
»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich abweisend.
»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? Dein Gesicht und deine
Stimme sind anders als dein Gewand. Aber sag', wie willst du wissen, daß
du mich enttäuschen wirst?«
»Du kannst nicht lieben, Kaja.«
Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich -- nicht -- lieben!? Weißt du, ich
habe mir zuweilen mancherlei Vorstellungen davon zu machen versucht, wie
ich wohl auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch einen
gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, wie ich wirklich
bin. Aber so kühn meine Phantasie die Wirkung ermessen hat, auf deine
Antwort war ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb
nicht?«
»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, Kaja, der diese
Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß ihren Boden berührt, so umhüllt er
sich mit einer Wolkenwoge von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht es
der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«
Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein schönes, lebensvolles
Tier, das zugleich erschrickt und seine Kraft ermißt zu Flucht oder
Angriff.
»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, »du bist ja
verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. Da wärst du doch besser
bei Tante Mimsey hereingeklettert. Jetzt machst du mich ganz befangen,
fromme Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung
recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit und Dummheit
sind eine schreckliche Mischung. Dumm bist du nicht -- aber
gesinnungstüchtig? Wie gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an,
das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich umgibt. Es wird dich
beruhigen.«
Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein trotziger, wilder
Geist ergriff Besitz von mir und gewann Gewalt über mich. Ist es mein
Lebensamt, Klage zu führen, dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu
sein, die ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen
entscheiden, aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine Flucht
meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel weiter, in großer Ferne,
dachte ich bebend, ich werde nicht umkehren. Lieber nenne ich meine
Lebensbegier meine Pflicht, als daß ich meine Feigheit meine Tugend
nenne. Aber ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel
geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges Erdenlicht sah.
Die blinde Kraft macht jede Schuld heilig, es gab nur noch diese Kraft
oder die rasche Abkehr, tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und
drohten mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen
Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige Schar der geflügelten
Spötter und Versucher und sagte:
»Du verstellst dich, Kaja.«
»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier auf. »Ich sollte
mich verstellen? Bin ich denn häßlich? Wenn eine schöne Frau sich
verstellt, so hat sie immer einen schwachen oder albernen Mann vor
sich.«
»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau sagt: Du verstellst
dich, so meint er damit, sie sei immer noch nicht frei und offen genug
für ihre Schönheit.«
»Ach -- so --«
»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, Kaja, wie du es eben
getan hast, so gehört er zu denen, die ohne Wolkenwoge schöner sind.«
Sie verstand sofort:
»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie bekümmert. Sie
lachte leise auf, wie über sich selbst, als zwänge mein Verhalten sie
sonderbare und unnütze Dinge zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst
weder bedurft hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt
gewesen wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog ihre Lippen,
in kindlicher Herablassung, erstaunt und schüchtern.
Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit ihnen ein warmer
Himmelsschein, tief her aus meiner Seele, wo sie noch schlief und dem
Licht vertraute. Ein Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier
war, bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen und
Trotz.
»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.
-- Du große Frühlingsfrage!
Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch weite Landschaften
voller Blüten und Gram hast du nicht überflogen? Und immer wieder wird
die Antwort die gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den
großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern zwischen Angst
und Pflicht und das Beben der beseligten Schwäche, aus der die größte,
die eine Kraft emporsteigt, ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in
die Zukunft zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich
zurücklassend. --
Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden Hand, um ein
übermächtiges Licht in uns emporströmen zu lassen, das uns blendete.
Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, diese Nacht, und
ich weiß nichts von ihr und alles. Ich lasse sie in meinem Geiste
emporsteigen und rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im
nächtlichen Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene Stunde
nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt von der Nacht, die sanft zu mir
hereinscheint, an tausend Orten der Welt gegenwärtig, wie ein
Blütenkranz um die kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre
Blumen und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, wovon ich
rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, fremd, in
heiliger Torheit. Und der Schritt der Kraft, das lebendige Leben, geht
über mein Herz, seinen Boden, und über die ihren, und fort und fort.
* * * * *
Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, wahrhaftig, es
war das irdische Leben, das helle, gleiche, namenlose wie zuvor. Mein
erster Gedanke, der wie ein Schreck über mich herfiel, war die
Gewißheit, daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich nicht
in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang den goldumsponnenen
Nacken neben mir, als stieße dies helle Fenstertor der fremden Welt
draußen mich zurück, aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.
»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch schlafen, geh doch
nun, es wird ja schon hell, siehst du nicht? Schau doch hin!«