Bewohner des Hauses sein, in dem Asja gestorben war, arme, fremde
Gestalten, wie wir, die niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein
junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner Amtstracht,
mich beschäftigten. Da der Weg schmaler wurde, blieb er stehen, ließ den
Wagen an sich vorüber und trat an meine Seite.
»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben Sie die Tote
gekannt?«
»Ja.«
»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, das Beziehung zu ihrem
verflossenen Leben hat, und das ich in meinen Worten am Grab zum Trost
der Mutter anführen könnte.«
Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; ich werde
freundlich und höflich antworten, dachte ich, aber mir kam nichts in den
Sinn, das mir, in Worte gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So
schwieg ich unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend auf mir
ruhen.
»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie um auszugleichen,
daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, fügte er herbeilassend hinzu,
ohne daß es mitteilsam wirkte:
»So will ich denn das Wort aus Johannes über dieser Toten sagen: Ihr
habt nicht mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.«
Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen Sarg. »Asja«, sagte
ich.
»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.
Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.
»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, »ja ...«
Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen hielt, der Sarg wurde
herausgehoben und ein paar Schritt weit vor ein offenes Grab getragen.
Aber man hatte sich geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein
Stückchen weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir uns
befanden.
In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang ein Vogel. Ich
lauschte und wartete, denn ich kannte ihn nicht, er sang überhell und in
klaren, gejubelten Tönen, ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein
Gefieder war hellbraun und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über
das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der große alte
Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, Kreuzen und Buschwerk
langsam zum hohen Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten
sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben stehen, als
die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft scholl, und sahen zu uns
hinüber.
Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar auf, mich ergriff ein
mächtiger Zorn, den ich nicht zu meistern wußte und der meinen Körper
wie Fieber schüttelte, mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und
hinfällig ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein Verlangen,
mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, denn ich kannte mich nicht
mehr. Vielleicht war dieser Zorn auch nichts als Bewegung, die einen
Ausweg suchte, da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen
Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag von Erde auf dem
Holzsarg, ein jeder warf anfänglich ein Häuflein hinab. Der Geistliche
führte der Mutter die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich,
denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber die Beendigung
dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. Langsam bewegte sich unser
Häuflein wieder auf den Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der
Vogelgesang aus den Waldlauben erklang immer noch und es hatte aufgehört
zu regnen. Ich nahm Abschied von der Mutter, sie sah mich ängstlich an,
als ob sie eine Frage stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den
Arm des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser Abkehr ein Wort
anklagender Enttäuschung, als spräche sie: »Seht nun, es hat euch nichts
genützt, ihr Kinder. Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und
waret so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh sein zu
dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, so ...« Aber hier brach
ihre stumme Gedankenrede ab, denn dort wie hier stand für sie der Tod,
und mutlos senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.
Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen schmalen Seitenpfad,
den ich einschlug, um so, von den andern getrennt, einen Ausweg aus dem
Garten zu suchen. Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben und
ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen warfen Tropfen auf
mich, hier und da hoben sich graue Steinkreuze im feuchten
Frühlingsschatten, sie standen in Duft und Stille feierlich in den
Tannendomen und sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel,
deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, wie ein
klingender Schleier.
Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile wieder den Hauptweg
erreichte, auf dem mancherlei Besucher des Gartens einherschritten, sah
ich, daß der junge Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand
und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne Gruß an ihm
vorüberschritt, trat er auf mich zu.
»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch ein Wort mit Ihnen
sprechen.«
Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, denn er schien den
begangenen Weg und die Nähe der Menschen vermeiden zu wollen, und ich
folgte ihm. Nach einer Weile begann er zögernd:
»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, noch ein paar Worte an
Sie zu richten. Sagen Sie mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie
führt.«
»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. Was sollen solche
Fragen, was kümmert es Sie, wer ich bin und wohin ich gehe? Wenn Sie
etwas zu sagen haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen
Sie mich gehen.«
»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach einer Pause. »Wer war
diese Tote?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»Sie weichen mir aus.«
»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten sich nicht danach.«
»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. Ich habe kraft
meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, bekannte und unbekannte, aber
niemals hat eine Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich
Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen bin, den
ich nicht verstehe.«
Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine offene Stirn über
suchenden Augen und ein Angesicht, in dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre
Linien zurückgelassen hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen von
allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der Menschen aufweisen.
Aber mein Mund blieb versiegelt. Da fuhr er fort und lächelte befangen:
»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, sagte ich
Ihnen, fast wider meinen Willen, das Wort, über das ich am Grab zu
sprechen vorhatte, es ist mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war
tief erregt über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. Sie
legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen der Toten und lächelten
so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort auf ein Wort, das aus diesem Sarg
zu Ihnen hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich nicht
für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten Empfindlichen, der das
Wunderliche an Stelle des Vernünftigen setzt und sich darin gefällt,
mehr sehen zu wollen als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber
die Helligkeit in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem
Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht bin ...«
Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand auf meine Augen, Asja,
und hilfst mir, daß sich endlich ihr Brennen löst. -- Aber meine Kraft
war zu Ende.
Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer Bank. Mein Nachbar
hatte übereifrige Worte der Entschuldigung gefunden, als sei er es
gewesen, der mich bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und
wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten vermag, und die
mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch meines Schmerzes sicherer
und unbeteiligter geworden, ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte
ich mein Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, daß
wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der Kraft sein kann, die heilt.
»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, »mach' mich
fröhlich!«
Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:
»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu eindringlich
erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der Toten zu erzählen.«
»Niemals«, sagte ich.
Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer geworden.
»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute schweigen, wie Sie es
wollen, aber ich möchte doch, Sie verstünden mich recht. Glauben Sie an
Wunder?«
»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein Knabe. Entweder glaubt ein
Mensch, oder er glaubt nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn
unmöglich wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen.
Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der vergänglichen
Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts achten. Die Welt des
Glaubens ist einfältig und wunderbar, wie alles Glück.«
Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.
»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, was mich bitten
läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet in mir, mir ist als müßte dieser
Tag mir etwas Unnennbares bringen. So hören Sie denn, was Sie hören
müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir das Eine, was ich
durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem Eifer, damit die Tropfen
fallen und der Himmel klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie?
Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen muß ...«
»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten aber, was Sie
hören. Jenes Wort, das Sie am Grabe gesprochen haben, ist mehr und
größer, als die Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen
vermag. Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in mein Leben
trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch wenn sie stürbe. Das
ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, deren Zeuge Sie gewesen sind, ich
begriff über Ihrem Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der
Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich weiß, daß sie lebt,
denn ihr Wesen war nichts anderes mehr, als jenes Licht, das heute und
morgen in die Menschenfinsternis scheint, und ewig.«
Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank in sich. Er schien nicht
zu bemerken, daß ich davonschritt, vielleicht auch war es ihm recht, daß
ich ihn nun allein ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen
Weg, den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft mit den Menschen
finden sollen.
Zweites Kapitel
Das Meer
Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der Landstraße nicht zu
ertragen, mir war, als schleppte ich auf Schritt und Tritt eine Last mit
mir herum, die zu schwer drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch
Schmerz, sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in einem
Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann nicht wahrhaft traurig
werden, dachte ich. Dann wieder fürchtete ich, der Verlust dieses
Menschen habe etwas für alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit
war furchtbar und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr tief
und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften Lichts und ohne
Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen eine gegenstandslose
Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß ich durch mein Schluchzen geweckt
wurde und zornig im Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die
ich nicht gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, diese
Traurigkeit verloren zu haben, die mir in meiner Traumerinnerung wie ein
unirdischer Reichtum vorkam.
Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: ich kenne euch alle
längst. Menschen mied ich; gesellte sich mir hier und da auf der
Wanderschaft einer zu, so vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit,
denn da ich nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines
Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar habe ich auch mit
ihr nur ein paar Worte gewechselt, aber ich kann sie nicht vergessen und
immer, wenn ich ihrer gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem
Tage mir selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich
beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben sich mir
sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn ich an sie zurückdenke, so
ermesse ich daran den Zustand meiner Seele, die beziehungslos aufnahm,
was sich ihr bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.
Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in den Sommer überging,
und mein Weg hatte mich durch eine verlassene Moorlandschaft geführt, in
der ich den Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich das von
Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines Flusses erreicht hatte,
warf ich mich ins Gras nieder, das in der feuchten Erde so hoch stand,
daß es mich wie eine grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die
Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die
geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die
Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer nahen Sumpfniederung, in der
das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich
dachte an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene
schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn und atmete tief.
Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die Halme, sie schaukelten im
Himmel. Eine Biene zog daher, summte bekümmert und ließ sich am Rand des
Kelches einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier
zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den strahlenden
Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben einander suchte und sich
begegnete. Langsam wanderte eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete,
ward kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem
Windhauch berührt wurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer
in den Blättern, ein silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte
und in glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom durchwärmten
Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferten ein und
führten merkwürdige Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich,
die zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von Träumen
befangener Blick.
Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein ganzes Leben lang
auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Höhepunkt
überschritten hatte, vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und
ein Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung kommen konnte.
Ich richtete meinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses
einen Kahn dahintreiben, in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben
Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich betrachtete
ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen Glieder, die das dürftige
und arme Sommerkleid kaum verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem
nachlässigen Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von einem
seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne und Regen ihm seinen Glanz
genommen, und doch lag ein matter Schein darauf. Dicht an meinem
Ruheplatz sah ich nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen
Pfählen, ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.
Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben ließ und ihn befestigen
wollte, erblickte sie mich und sah mich mit großen, überhellen Augen
starr und erschrocken an. Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas
tierhaft Leeres und Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun
der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von sagenhafter
Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt
einen der Pfähle, etwas geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und
staunte, bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in ihren
Zügen hervorbrachte.
»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie langsam mit einer
tiefen Altstimme.
Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, vielleicht,
weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich erhob ich mich halb unter
der Last des schweren goldenen Sonnenmantels, der lange auf meinen
Gliedern und Gedanken gelegen hatte, und sagte:
»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel an, und nun
auch dich.«
Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie schien zu
empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art reden ließ, wie sie es mit
den Leuten ihrer Gegend und Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen
Stolz verbarg sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie
zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war rührend und voll
kindlicher Gefaßtheit.
»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange unterwegs ...« Ihre
Augen musterten mich aufmerksam, aber ihr Forschen verletzte nicht.
Diese Sinne suchten nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen
es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. Vorsichtig, klug
und heiter umwanderten mich die hellen Lichter der Augen, voll
freundlicher Neugier und bereit zu verstehen.
Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, als entstammte ihre
Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, wie eine Pflanze dem
Wiesengrund. Die Sonnenglut verwob mir alles zu einem einzigen Teppich
des Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, Pflanzen und
Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat mir Gewalt an, erhob mich und machte
einen Schritt auf den Steg zu.
»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir helfen.«
Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und löste die Hand vom
Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß den Kahn langsam vom Steg
abtrieb. Ich sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf
stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich
mehr und mehr von mir, aber sie lächelte mich an, als käme sie mir
entgegen.
»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg zurück. Da sie sah, wie
ich mich an meinen alten Platz ins Gras sinken ließ und daß kein
Anzeichen von Groll in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das
Ruder ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre Hand den
Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig neigte, als sie sich und
den Kahn aufs neue daran festhielt. Er war schwarz und schien so alt wie
die Welt, wie lange mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund
stecken? Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, der
sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende Silberbahn sank.
»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.
»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse ...«
wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in den Sinn gekommen sein,
daß sie mir mit dieser Aussage das Versteck ihres Geräts verraten hatte.
Aber da ich weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit
Befangenheit in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer Besorgnis
unrecht getan.
Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es gibt eine fröhliche
Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht getan, weshalb wächst deine
Unsicherheit? Ich will nicht mehr mit dir reden, denn ich weiß alles.
Was ich aber nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie
die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die Liebe des Bluts und
wie die Nacht.
Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein Schweigen, in einer kaum
sichtbaren Regung die Hand vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und
schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke sie
nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung faßte wieder den Kahn,
drehte ihn langsam und nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon
die Schilfwände sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie die
Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein.
Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun wieder die Stimmen
der Rohrspatzen und eine Libelle mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf
einem Schilfhalm dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und mehr sank,
wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen
Blättern, auf dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des Waldes, jenen
Goldglanz ohne Frische, wie er die Nachmittage so klar und sonderbar
macht in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter
Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über dem toten
Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich tausendfach im Spiegel seiner
Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege
und Grab ...
So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde empor, die in den
Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig geschieden und in gesonderter
Deutlichkeit in mir zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und
Verheißung für mich geworden und steht zwischen Trennung und Erneuerung,
ein wahrsagendes Lebensbild.
Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, aber zuweilen scheint
es, als dächte es in uns, ohne uns, wir werden zu Zuschauern unserer
selbst, schreiten neben uns dahin und lassen neben uns geschehen und
über uns dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist dann,
als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer milden Ungeduld erwachte,
wir empfinden später, daß wir Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es
nicht erkennen, doch verwalten.
Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich verspürte mit der
herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit und schritt durch ein Dorf, in
dem ich niemanden sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es
bildeten sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem Herd des
Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden Sterne verschleierten.
Sie und die schmale Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor
dahinzueilen, fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem
Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne wandern. Sie
stehen still und scheinen doch zu ziehen, dachte ich, aber hinter dieser
Gewißheit gibt es eine andere, die, daß sie wandern, hoch im Weltall,
obgleich es uns so erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren
Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder unrichtig, aber
Wahrheit ist nicht durch die Welt der Sinne zu erkennen, erst die Geist
gewordene Seele lebt in Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das
Ziel. Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, wer von
euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, schlaf wohl, Asja, du ewig
Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit deines lebendigen Lebens tief in
mir und aller Liebe.
Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, obgleich die
Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, wenn sie sich langsam mit
ihrem Hereinbrechen, wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald
begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes nächtiges
Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In einer Lichtung hörte ich
Eulenstimmen, und die Nacht wurde mir plötzlich lieb und voller
Geheimnisse. Ein sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und
mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, ich kannte
diesen Hauch, aber er entsank immer wieder meinen Gedanken, so daß ich
mich nicht sammelte, um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging
langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte sanft bergan,
sandig und über kahles Gelände.
Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, es ging ein
kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte ein sonderbares gedämpftes
Rauschen, als ob der Wind durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein
matter, großer Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war,
als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber zugleich die
Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt über sie verlor, und ein
leiser Schwindel befiel mich. Da erkannte ich jählings, was vor mir lag,
und erschrak sehr, taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie
laut auf -- das Meer!