Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, in dem ich

mich befand, sie war weder zu täuschen, noch irrte sie sich, und die

göttlich-dämonische Macht ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals

bei ihren Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, von

etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen Glauben an eines

Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. Es ist unausdenkbar, daß jemals ein

Mensch, selbst der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas

geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes Glück. Wer

hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung wert sein, wenn er leidet?

Wer aber vermag einer Seele diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu

bringen, als der, welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur

Liebe glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er wahrhaftig ist,

vermag Berge von Schmach und Finsternis, von Selbsterniedrigung und

Verarmung zu versetzen, und auf den befreiten Boden bricht wieder das

Himmelslicht, keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, groß

genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares Land zu verwandeln, vom

trocknen Firmament brechen die feuchten Schauer, und der Sand begrünt

sich.

»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen unvergeßbaren Ernst

ihrer Fragen, ich habe ihn niemals im Leben wiedergefunden. Warum

lächeln diejenigen, welche sich für stärker oder erfahrener halten, und

wieviel ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr rechnet alle

auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die Hälfte gebt, und weil ihr

die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs zu glauben verlernt habt. Euer

Lächeln dieser Art ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte

Zugehörigkeit, noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, nur

an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes Mitleid der

Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres Erleiden nicht erlaubt,

und als sei ihm durch Herablassung am sichersten beizukommen. An diesem

Lächeln gleitet ihr aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in

der armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder selber hat.

Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage bis auf den Grund, und

ich sagte einfach, als wüßte sie schon alles:

»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält mich wieder und wieder.

Du hast einmal davon gesprochen, daß das Wesen und Schicksal des

Menschen mit diesem Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare

Wahrheit der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du hast gesagt,

dies Wort vor allen andern bezeichnete die Erkenntnis und Lehre Christi,

aber mich läßt die Frage nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen

soll, die weder berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie

wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber schließt aus und

sondert, entscheidet und verwirft. Ist das das Wesen der Liebe?«

»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«

Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer Antwort mir die

innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, was ihre Augen schauten, aber

es blieb alles ungewiß in mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten

sich im Dunkeln.

»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, und ich will

schweigen und warten«, sagte ich.

»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. »Die Liebe

scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist ihre Kraft und

Herrlichkeit. Satan mischt und legt die Namen der Liebe an die laue und

falsche Gestalt. Wer sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als

seien sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt von der Liebe

erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst du, solch heilige Gunst

raffte den Wert an sich, um ihn für sich zu besitzen, gesättigt,

zufrieden, selbstsüchtig? Sie strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz

dies Licht ausstrahlt, um so eher ist es erwählt. Wer hat das große Wort

auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens ausgelegt? Wer hat es

unter den Schein von kleiner Tugend und armseligen Lohn gestellt und in

einen Rangstreit des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel Angst

muß in der Welt sein! Was von der Erlösung galt, das haben die Menschen

in den Widerstreit von Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor

der Macht des Satan!«

»Wer ist Satan?«

»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich ist überall, wo

Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum Bild der Liebe das Bild Gottes

setzt, so setze für das Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht

der Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, was ihr das

Gute nennt.«

Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie sah mich drohend an

und rief laut:

»Schweig!«

Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen hatte,

neigte sie sich über meine Hand und drückte ihre Lippen darauf. Erst

nach einer Weile hob sie die Stirn und sagte fröhlich:

»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es lautet so:

Ich möchte dich beglücken

und kann nicht dunkel sein.

So tritt mit deinem Zweifel

in meiner Liebe Schein.

Mich quält nur eine Frage:

Hast du mich lieb, sag an?!

So bleib in diesem Lichte,

das ich nicht trüben kann.

Frag nicht, weshalb ich frage.

Aus Zweifel frag ich nicht.

Es gibt nur eine Klage

der Liebe, die um Licht.«

* * * * *

Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern der Stadt und

verkündete seine Gegenwart überall. Meinem Kammerfenster gegenüber, an

der Hofseite des Nachbarhauses, hoch am Giebel, begann ein altes

Mütterchen ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale

Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein kleines grünes

Gitter, und die Alte arbeitete mit einem Blechlöffel in der Erde, unter

dem Giebel ihres Dachfensters. Wenn mittags die Sonne schien, hing sie

ihren Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme schmetterte in

warmen Stunden durch die öden Hallen der Höfe. Man hörte auch wieder

Kinderstimmen, und überall standen die Fenster offen. Die Weiber

schnatterten auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des

Morgens erwachte.

Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen umwehte, sehnte ich

mich danach, die Stadt zu verlassen. Wohl entfloh ich zuweilen ihren

Häusermauern, aber das öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht,

sondern stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen und

Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer Stimme, die mich

überwältigte. Ihr Gesang war überredender und süßer, als ich ihn jemals

in der Freiheit der Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß

ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern wie eine

Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und plötzlich verstand ich in

einem ganz neuen Sinn das Wort: »Wer da sucht seine Seele zu erhalten,

der wird sie verlieren.«

Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und ihre Beengung. Nun

blüht draußen der Frühling über Wäldern und Wiesen, dachte ich, die

Sonne scheint auf den nassen Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im

Wind begrünen sich. Ich möchte über den nassen Acker gehen und

Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, ich möchte die Saat mit

meinen Tränen benetzen und auf dem dunklen Grund niederknien und zu

Gott, dem Vater, beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es wäre

ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam wie das Blühen, das

mich umweht und überkommt. Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der

mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o Vater, du Liebe! --

Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner kurzen Jugend auf der

Erde, in denen Asja starb. Ich habe außer der Nacht, in der sie Abschied

von mir nahm, kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und weiß

in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen äußerer Gewißheiten

zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, wie ich auch mein Alter nicht

mehr weiß, denn es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem

uferlosen Meer des Lebens für mich.

Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die Stunde des Tags an

ihr nicht festzustellen vermag, so gibt es Ereignisse in unserm Dasein,

deren Einwirkung so stark ist, daß wir den Widerschein auf den

erkennbaren Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen

in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie Grabhügel auf den

Feldern.

Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, wenn der Pflug

ihn für die Saat aufreißt, und die Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen,

nichts mehr als ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen.

Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand unseres

Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen werden, der zum lebendigen

Sein und Schauen führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist,

der nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern durch jene

Macht, die auch den Gedanken zu wollen scheint.

Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, unsere Bewegung hat

diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, in denen wir ihn wissen, von ihnen

schweigt jeder Mund. Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung

und Verkündigung und ein erlösendes Glück.

Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht dahingegangen; auf dem

Acker meines Herzens ist nun die Saat dieser Stunden aufgebrochen und

blüht. Ihr sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was ich

auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, wie sie einst

fielen, sondern die Felder in der Mittagssonne des Lebens.

Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut und gequält hatte,

am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig in ihrem Bett und richtete ihre

Blicke auf mich, als sei sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage

ihrer Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.

So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, und ich vermochte

mich nicht zu fassen, obgleich ich äußerlich gelassen und geduldig

erschienen sein mag. Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit

denen die meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu trösten

hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, und sie gelangen mir

nicht, denn Asjas Seele war von jener Unverführbarkeit, wie nur die

aufrichtigen Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen

Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit willen.

Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich sprach über dieses und

jenes mit ihr, aber ohne daß meine Gedanken bei meinen Worten waren, und

ich war in einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde,

sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in Asjas Gegenwart mit

mir von dem zu sprechen, was sie auf dem Herzen hatte, und ihren

heimlichen Andeutungen, ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier

Augen Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am Tage

eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn sie auch nicht ahnte, wie

nahe der Tod ihrer Tochter bevorstand, so war sie doch voll jener

schwankenden Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig

täuschen lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften des

Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß Asja sich, ohne

Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher und lebendiger

gezeigt hatte, als zuvor, besonders in Dingen, die das äußerliche Dasein

betrafen und in ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte mich

tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die von ihrer Krankheit

Befallenen so oft durchmachen, obgleich die Hoffnungsfreudigkeit, die

sie zur Schau trug, kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in

einem andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges Aufatmen

ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert fühlte.

Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und lächelte zuweilen

flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre Gedanken schienen auf den Wiesen zu

sein, auf denen die Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. Sie

schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit ohne Trauer an,

wie in einer zögernden Erwägung, wie überhaupt ihr Hang zu allen schönen

Gebilden der Natur wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.

Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, das ich mit ihrer

Mutter führte:

»Geh nicht fort.«

Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die Blumen zur Erde

niederfielen. Ihre Mutter ging zur Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie

zu wecken, wenn es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht,

da die Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen Augenblick in

das Gesicht Asjas, und ich hatte den Wunsch es zu verhüllen. Auch legte

sie noch eine Kerze neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen

beinahe zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl allein.

Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu gehen oder zu

kommen, und ich dachte an ihr Wort und hörte Hof und Haus ruhig werden,

während ich gegen meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft

überwältigte, da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und wenig

Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein tiefes, merkwürdiges Gefühl

einer fast lieblosen Furcht hatte, wie sie mich fast immer befallen hat,

bevor es galt sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien,

daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, die ihnen

neu sind, Zuversicht und gedankenlosen Mut an den Tag legen, sich für

gewöhnlich nicht darin bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu

bestehen, der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die es zu bewältigen

gilt, darum erscheinen die wahrhaft Fühlenden zuweilen so kalt und

herzlos, wenn es sich um ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme

handelt. Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, die

als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich geringeres Vertrauen,

als derjenige, der zu ihr gerufen wird, und unter denen, die der Wille

der Andern erwählt, wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der

sich am längsten sträubt.

Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser Ermattung dies und

das, ich fühlte den Schlaf nahen und kämpfte in willenloser Absicht

gegen seine wohltuenden Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die Kerze,

um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen könnte, wenn sie ohne

unsere Beachtung niederbrennen müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein

Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die Hand ein Stückchen

abgebrochen hatte. Hoch am Fenster war ein gelblicher Lichtschein

erkennbar, der, durch die Hauswände fallend, von einer Straßenlampe

herrührte, und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft

sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn die Kerze brannte nur

trüb und flackernd. Ich dachte: Wenn die Morgendämmerung hereinbricht,

so werde ich, wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den

Frühschlummer auf das umgewandte Kissen betten, sie wird mich anlächeln,

und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort werde ich durch die leeren

Straßen gehen, die Amseln in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft

des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so wird es auch

diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich der unfaßbare und

entscheidende Tod uns nahen, um uns zu trennen?

Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler Allmacht ein

Schatten von großer Liebesangst, so daß ich meine Hände mit bebender

Gewalt vor mein Gesicht schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht

und Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich Asja hatte,

befreite meine heißen Augen und sah sie wieder an, von einer furchtbaren

Ahnung überwältigt. Ich erblickte ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht,

und Grauen und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. Ich

mußte mich wieder abwenden, um nicht laut nach ihr zu rufen. Dies

Kinderhaupt in Gottes ganzer Güte war von einer unirdischen Schönheit,

wie nur das Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren und

eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen und bereit zu

ertragen, was immer die Fremde bot. Aber die Last der Erde wurde auf

dieser Stirn zur Glorie und das Kindertum der Züge zu einer so freien

Weisheit der Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich

wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. Ist es so,

dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie in einen Traum, daß das

Erbarmen, das die Unschuld in uns hervorruft, wenn sie sich von der

Lieblosigkeit der Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in

einen Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der Segen eines

hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und müssen wir um dieser Allmacht

willen zu Kindern werden, um das Reich zu finden?

Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße aus einen großen,

dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein verschwiegenes totenstilles Haus

stand. Vor den Fenstern erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie

Säulen, und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in

geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe mußte es stürmen,

denn trotz der toten Versunkenheit dieses Bildes sah ich die Äste der

Bäume sich in den Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen,

schwarzgrün in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme,

unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier wohnt der edle Geist

der Menschenfamilie, hier ist Glaube an den Bestand des Irdischen, und

wer es wagt vom Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und

gilt als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden nicht

achtet und Zerstörung sät.

Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man mußte sie von den Fenstern

aus fast berühren können. Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume

gepflanzt hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich

gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. Die Fahnen der

Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln der Scheiben; es quälte mich zu

erfahren, wer dies Haus bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft

bewußt, wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße war, und

wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir haben unrecht, dachte ich,

darum ist es so schwer. Unsere Liebe ist der Feind der Welt, und wir

bringen Unfrieden in die Seelen und Gärten.

Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, daß sich mein

Herz bäumte. Nur die Seele, die durch den Schlaf ungerüstet zum

Widerstand ist, empfängt so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem

Zauber und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine Geige aus dem

Schlaf und war mir nicht, als sänke ein farbiger Himmel von

unaussprechlicher Wohltat auf mich nieder?

»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«

Das war Asjas Stimme.

Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und streckte ihr meine Arme

entgegen, aber sie sanken mir nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie

kniete in ihrem Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in

eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen im Schoß, aber

nicht gefaltet, sondern leblos und still, als habe sie sie für immer

vergessen, und als wäre ihrem Bereich entrückt und ungreifbar, was die

Augen schauten. Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in

dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen in unser Zimmer

fiel. Es war ein Ausdruck von so großer Hilflosigkeit, ja so voller

Verzweiflung in ihren Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und

schweigen mußte.

Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, mit einem tiefen

Seufzer:

»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer kann mir helfen? Es ist

dunkel umher und wird bald noch dunkler sein. O, es war alles gering,

ich habe es nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und für

das Licht gewesen.«

Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor Schwäche nieder, ohne

noch darauf achten zu können, wie sie lag, als sei sie tödlich

verwundet.

»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es besser? Ich bin nicht

gewesen und habe nicht getan, was ich sein und tun sollte, im Raum ohne

Ende, bei den fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß es?

Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es nicht ertragen kann.«

Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. Ihr Gesicht, das

nun in meiner Hand lag, flog und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein

schwarzer Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres Lebens

lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, dann warf ein furchtbarer

Schmerz, dessen Ursprung schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie

sah mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das spärliche

Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und totenstill rang das

Elend des armen Gesichts und Leibes wie mit einer gefesselten und

gelästerten Seele.

»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein Herz, erblickende Augen,

Tränen für mich! O sei Gestalt, du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als

alle, so schwach, so elend, daß ich schreie.«

Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie in meinem Leben.

In meinem Fühlen und Wollen riß ich sie wieder und wieder in meine Arme,

preßte sie an meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren

Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es nicht. Alle Untat,

Angst und Müdigkeit der Welt lagen in meinen Gliedern, keine Tränen

lösten die Erstarrung und kein Seufzer brach den Bann.

Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort zu mir gesagt, so

deutlich vernahm ich aus aufgewühlten Gründen der Seele tief in mir

einen Ausspruch ihrer Lippen, den sie vor langer Zeit in einer

versunkenen Stunde vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe

am nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses Worts kam zu

uns und hüllte uns voll Erbarmen in einen großen Glanz ein, als eine

unnennbare und übersinnliche Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun

allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, die in

Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die den Abschied von ganzem

Herzen gewollt haben.

Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas Zügen, derweil der

Morgen am Fenster herandämmerte und die Stube spärlich aufhellte. Der

Körper wurde schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen den

Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. Ein leiser Hauch

streifte meine Stirn, er erklang und rief mich: »Mein Bruder«. Darauf

sank ihr Gesicht zur Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.

* * * * *

Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem zu Anfang, dort wo

das eiserne Tor hineinführte, die Tannen hoch und dicht standen, wie in

einem Wald, kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, nur

zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen bemooste Steinkreuze unter

ihnen. Als die Bäume niedriger und die Wege zur rechten und linken

schmäler wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in Blüte

standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden farbigen Dickichten, von

denen ein berauschender Duft aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel,

glänzten die Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische

erklangen die Stimmen der Singvögel.

Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche immer spärlicher, der

Garten lichtete sich zusehends und die Grabsteine und Kreuze umher

hatten helle Farben, standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und

bunt da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen,

durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich verletzt. So aber

standen sie geweiht unter dem warmen, trüben Himmel, der am Horizont

einen rötlichen Lichtstrich zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage

war, es mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.

Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, der Schuster

Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu haben uns zu folgen, obgleich der

kleine Zug sich langsam dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar

in seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn doch, denn

mein eigenes Gewand war weder feierlich noch auch nur ansehnlich. Ich

hatte meinen Stock mit mir und nur ein Tuch um den Hals geschlungen,

meine Habseligkeiten führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich

wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt zurückkehren, sondern

hinausgehen, dem Sommer entgegen.

Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden · 第 5 / 13 段