in meiner Gedankenwelt entfacht, aber ich begriff die Einheit dieser in
ihr wirksamen Erscheinung Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu
betrachten und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch die
Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen gelehrt hatte, und
durch die Bilder, die mich von Kind auf begleitet hatten. Ich entschloß
mich schwer zu einer direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus,
die die erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter
denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. Es mochte
hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung den Anschein
vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft mit allen denen, die den
großen Namen nennen, um ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu
bemänteln.
Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit sich, daß ich meine
heißen Fragen, denen schon so klare Antwort gegeben worden war,
zweiflerisch wiederholte, denn einem jungen Menschen ist eine allzu
endgültige und umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im
Gebilde seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht und nicht mit
Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen lehrt, die sich niemals
in einer eigenen, sondern nur in fremden Welten bewegt haben.
Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, ihre Züge nahmen
an Trauer und Hilflosigkeit zu und sie begann stockend:
»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue meinen
Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie dahinziehende Wolken, und was sie
mir an Klarheit bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und
scheint erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist dann,
als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, vielleicht gewinnt
sie ihre Gestalt durch die Gedanken, aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte
ich mich aber auszusprechen, was ich erschaue, denn mir ist, als sei es
längst und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen und entstünde
nicht durch mich, sondern käme nur auch zu mir, in jenem kleinen Teil,
den ich zu bergen vermag. Zu reden aber verstehe ich immer nur zu jenem
kleinen Teil, und bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu
entstellen. Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen
vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen ist und immer sein
wird, glücklich sind oft Schweigende, die schauen und entbehren. Sieh,
wer nicht zu glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von seiner
Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben abhängig, von einem
Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit haben müssen.
Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. Was aber nennen sie
ihre Gedanken? Sie lassen den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch
die Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, so sagen
sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur seinen Leib mit der Welt der
Sinne zum Bogen, um die Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht
emporzuschleudern? Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der Welt? Wer
denkt, indem er Leib und Seele der Flamme seines Geistes zur Nahrung
gibt, vor Kühnheit hilflos und arm vor Ehrlichkeit?
Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem Mark des Selbst, ist
noch nichtig, mein Freund, es bleibt ein lichtloses Gleichnis, das in
Gleichnissen irrt, wenn nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten
Geist befällt. Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der Gedanken zu
locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber ihr Kommen ist Gnade. Ich
glaube nicht, daß die Lichtblumen dieser Gnade nach dem Wert des Ackers
fragen, auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit
Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, wo sie wollen,
nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die Kraft des Gedankens allein hat
noch kein bleibendes Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist,
hervorgebracht, glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung
im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, und der Empfangende,
der erwählte Herd, sprach seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.
Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? Die Erwählten sind
der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz unserer Beschaffenheit, in dessen
Erkenntnis Erlösung ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn
die Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine Welt
ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen haben. Wie soll sich
dort bewähren, wie soll dort trösten, was der Erlösung gilt?
Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, den ich eben in
meine Worte verwoben habe, bezeichnet ihn, von ihm aus wird er
auferstehen, nicht einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und
morgen, überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner
Beschaffenheit gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt und
zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.
Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze und sprach sie
aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, allein um der Wahrheit willen.
Niemals aber wird ein Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht
ist. Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der Gottheit, das
Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, auf dem die Liebe sich
offenbart, er ist die Gestalt der Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß
in der großen Dreieinigkeit der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?
Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne Willkür und ohne
Tun unter denen ist, die beschaffen sind, zum Weg der Liebe zu werden.
Ihr Schein ist von _einer_ Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es
gibt kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten wissen
voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und solche Gemeinschaft hat
nichts mit jener Wärme und Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die
Welt der Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. Sie sind
alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht laues Erwärmen, sie
richtet sich nicht in unsern Wohnzelten ein und hat keine Zuflucht, sie
fürchtet die Berührung der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das
bedeutet es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde hatte, keine
Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft aber, wie ich sie nenne,
ist der Tod überwunden, sie überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie
ist Auferstehung. Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der
Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen, der nicht
in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr Wesen nicht, ihm ist der Tod
mächtiger und er fürchtet ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht
erfüllt zu sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist
mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, das ich ausstrahle,
trete ich aus mir heraus, was bleibt dem Tod noch, als jene Hülle, die
längst nicht mehr ich ist?
Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder dort sein, die
irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die Heimat. Gemeinschaft ist das
große, das eine Wort des Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in
der Höhe, nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern Dasein,
das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als ein Tag. Es gibt keine
andere Erlösung. Ich war gehorsam und die Offenbarung kam zu mir, die
zur Gemeinschaft führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir zum Bild der
Liebe geworden und ich sage Gott, ohne Zweifel und Angst, heiter und
wahrhaftig, unaussprechlich gewiß.«
Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?«
»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht
die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen
Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende
Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf
eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese
Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses
Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein
Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die
Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die
Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie
Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst
verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? -- Er
wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten,
die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle
Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert
der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom
Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.
Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit
denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler
Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in
dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine
Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das
Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der
Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone
die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die
Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe
einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu
Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe
erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt.
Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem
Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen
seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.«
* * * * *
Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben
begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer
mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der
Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten
und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren
Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich
ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art
verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde
schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.
Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine
Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im
höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen
durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie
dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem
heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird
und des Menschen Sohn?
Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit
Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich,
von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der
Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig
zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß
tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.
So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an
Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den
Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand
mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere
Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt
entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist
unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von
vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis.
Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne
sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir,
und an meine Liebe.
So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug
sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage
mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist
wahr gewesen:
»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, oder ich gäbe dir
Ratschläge? Niemals, nimmermehr! Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber
nicht, damit jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens macht
sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist sie ein Lohn. Ein
Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, der Triumph von Kräften, die
längst zurückliegen, ein Ende, auf daß begonnen werde.
Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem Zweck gemacht, und haben
die Liebe dadurch entheiligt. So möchten sie sie nun überall finden --
bei Anderen, und traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch
die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen und
Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. Als die Kriegsknechte das
Haupt des Heiligen bespieen, waren sie schuldloser, als diese Propheten
der Liebe, die niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der
Finsternis zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele zu erhalten,
und nennen sich die Priester dessen, der gesagt hat: Wer da sucht seine
Seele zu erhalten, der wird sie verlieren.
Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, aus dem du zweifelst.
Wer seine Seele zu erhalten sucht, hat nichts gemein mit der Liebe. Das
Reich kommt nicht mit äußerlichen Gebärden ...«
Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. Und langsam füllten
sich ihre Augen mit Tränen, mir war, als erblickten diese Augen nichts
mehr um sich her. Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte,
wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der traurigen Welt,
deren Wege voll Steine sind.
Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages in Tränen ausbrechen,
weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, sich zu erweisen. Aber du, Asja,
weinst nicht deshalb, denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt
nicht einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie der Klang
einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf den Bergen. Wir sind geistig
reich, wir wissen von Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber
das Reich ist nicht unser. --
Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und ihre Art das
Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr und mehr deutlich, daß jenes
geheimnisvolle Wort der Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten
handelt, wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren
Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend und ihr Innenleben
waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken der Nächstenliebe
durchtränkt, der alle Wohlgesinnten leitet, die unsere Kindheit bewacht
haben, als daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll
unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir war, als läge viel
Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in solcher unerprobten Gewißheit. Wo
blieb bei solchem Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare
Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt waren? Mein Sinn
empörte sich oft bis zum Haß, wenn ich lange allein war, aber ich
schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen Genuß einer vermeintlichen
heimlichen Überlegenheit. Du liegst auf deinem weißen, stillen
Ehrenlager des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert dich
das große, allmächtige Leben, der heiße Strom, der unter dem Lichthorst
deiner traumhaften Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das
Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der Sterbenden, das
gepeitschte Glutmeer des Kampfs der Geschlechter ist dir wie das
seelenlose Brausen des Meers, und wer ist dein Nächster, den du lieben
sollst, wie dich selbst?
Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und die Schweigende fuhr
fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, dein Nächster sei der, welcher
dir, Körper an Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu
denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu befreien
vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die Gassen des Alltags, und wenn
ihr ihn darin zertreten und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt,
so verhöhnt ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. Wenn der
Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, so fragt ihr den
Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug über den Wäldern? Dein Nächster ist
nicht der, welcher dir örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen
Wesen deinem Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und
Geistestugend, dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen gleichen,
und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und Schmach, Beseligung
und Zuversicht, ein Weckruf und ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich
selbst, das ist kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein
erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. Gott aber,
den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe selbst, und ohne ihn
ist auch dein Nächster dir fremd. Nur in der Liebe gibt es einen
Nächsten, nicht in der Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem
Bestand, Vorteil oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen im Leben
des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde zu der wahrsagerischen
Verkündigung, daß der Erwählte Vater und Mutter verlassen würde, wenn
sein Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn wer steht dem
Menschen näher, als sein Vater und seine Mutter? Du wirst sie
verlassen, wenn sie nicht im Geist deine Nächsten sind, um deinen
Nächsten zu suchen.
Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor den besonnten
Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, die einst mit
Schmerzen und Jubel, die kein Sinn ermißt, eine Liebesforderung
sondergleichen, aus blendend erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume
eines schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des Abendhimmels
meines unruhigen Tags und meiner Zeit entgegen, ich ging ziellos und
allein weit vor die Stadt hinaus, und ich verstand Asjas Wort des
Willkommens, als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir haben
alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, und ihr einfaches
Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt sich mir langsam in die
Verheißung: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.
Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete mir auf einem
verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze und so auf die Vorstadt
zurückführte, ein Mann, der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem
Weg stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht hatte,
bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, hielt im Schreiten inne
und sah ihn an. Er fragte mich auf eine Art nach dem Weg, der ich
anmerkte, daß er keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war
schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder Kleidung für uns
beide deutlich festzustellen gewesen wäre, bevor wir uns einander nicht
ganz genähert hatten, und ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir
schien, als gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung
preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. So wurde seine
Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf eine vertraulichere Stufe
kameradschaftlicher Mitteilung gehoben.
»Hast du Geld?«
Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, und um sie zu
verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts mit meinem Betreiben zu tun
hatten. Er betrachtete mich verdrossen und abwartend. Als ich endlich
ein paar Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte mir
ab.
»Hast du mehr?« fragte er.
»Nein«, sagte ich.
»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.
»Ja.«
»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.
Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen Weg fortzusetzen,
aber als ich die Münzen wieder in meinem Rock bergen wollte, hatte ich
nicht die Kraft dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.
Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich das Haus, in dem
Asja wohnte, und sah, daß Licht in ihrem Zimmer brannte, es war gegen
zehn Uhr abends. Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte,
durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße aus sehen. Der
Schuster Stevenhagen, der neben dem Eingang im Hinterhaus seine Wohnung
hatte, öffnete mir auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.
»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes Eindringen ein Wort
zu verlieren.
Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, wie ungewiß meine
Vorstellungen von ihrem körperlichen Zustand waren.
»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine unsichere Auskunft
hin fort. »Ihre Mutter war heute bei mir.« Er sah mich an, als erwarte
er von mir irgendein ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und
zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte machte, als
müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen Art und Wirkung niemand
einen Begriff hatte. Ich war mutlos und schwieg, alles, was mich auf
meinem Wege beruhigt und erhoben hatte, verflog.
»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der Frühling kommt«,
fügte der Alte hinzu, als sei es nun an ihm, ein Wort der Beruhigung zu
sagen, da von mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied zu und
ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich lehnte mich an die Wand und
dachte: Es wird Frühling. Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche
Lichtlinie, es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, von
den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die Wiesen. Die Wipfel der
Buchen färben sich rötlich, und die Bäche rauschen trüb und eilig
zwischen ihren Ufern dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die
Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der ländlichen
Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu Hof, da nun die Sonne schon
eher aufgeht, über den Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten
Hängen erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das erste
Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten Landschaft,
zwischen den braunen Winterfarben der Büsche und Wege, taucht in der
glitzernden Märzsonne ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.
Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner Gemeinschaft, wenn
Asja begraben liegt? Ich fürchtete mich vor dem Eintritt in den grauen
Raum der Entbehrung, des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu
einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, als ich ihn vor
Monaten betreten hatte. Ich versuchte, mir gewaltsam jene Güter als
meinen und Asjas Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen
Stunden unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, die
Finsternis erwürgte mich.
Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben und Tod brannte am
Boden die Lichtlinie der Tür und ich vergaß, wo ich mich befand und
erschauerte, wie in einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines
Entschlusses nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte ich
gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht der nahen Kerze,
die es beschien, als wäre es allein in der Welt, und ich taumelte vor
Ergriffenheit, wie über alles Vergleichen und Ermessen schön dies
Angesicht war. Es sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und
klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen
Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, ein Bild der
Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, den ich fern vermutet und weit
von dieser Stätte verbannt hatte, kam mir aus der warmen Nacht der
großen Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter Wind
und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus dem das lichte
Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, sein unruhiges Wesen, war
hier in eine lautlose, mächtige Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß
ich es war, der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.
»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich kann mich nicht von
dir trennen und weiß doch, daß es meine Armut und Schwäche sind, die
mich von dir scheiden werden.«