kniend zu Asja hinüber: sie schlief fest. Wie meistens lag sie grade
ausgestreckt auf dem Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres
Körpers erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht mit dem
überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des offenen Haars, das den Scheitel
mit den Schultern verband, und grade von der Decke abgeschnitten wurde,
merkwürdig feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht machte das
Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung aller Dinge im Raum,
die mit dem ersten erkennbaren Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und
die solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken des Zeigers
an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen kann.
Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte ihn an Asjas Bett
und ließ mich nieder. Auf dem kleinen Tisch neben ihrem Bett lag ein
Stück Brot, von dem die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich
ich in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, bewegte mich
sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die Tiefen der Seele, ich
begriff nicht, woher die schmerzhafte Bestürzung voll Rührung kam, und
sah das Brot an, als verklagte es mich.
Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt durch die
gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der Schlafenden, und je
andächtiger ich in dies Gesicht sah, um so inbrünstiger begannen dies
Brot und dies Angesicht zu mir zu reden und trösteten mich.
Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, dachte ich, denn es
ist meiner Rührung eine Gewißheit zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du
bist das ewige Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und
einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen Ausmaße der Seele
und des Geistes, du erhältst, ohne zu gefallen und ohne zu schmeicheln,
du befriedigst, ohne daß Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du
forderst keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines Gebens
wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst Christus dich und dein
Wesen mit dem seinen verglich, daß er dich brach und gab, wie auch sich,
als er das Opfer seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das
Sinnbild der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, Abschied und
Auferstehung.
»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme plötzlich in mein
verlorenes Sinnen hinein, »bist du hungrig?«
»Ich habe ewig, ewig Hunger!«
Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden Licht ihrer
unstillbaren Augen, und verlangend, fast zornig, sah es mich unter den
angstvoll zusammengezogenen Brauen an. Die forschende Gier ließ mich
erschauern. Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln ihre Stirn
auf meine Hand:
»Ach, Bruder ...«
* * * * *
Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein Geist geriet, und die
Beunruhigungen, die mit meiner Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten
mir die letzte Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens
geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen sein mochte,
nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht worden war. Wie handle ich
nun töricht, dachte ich oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken
lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im Zeichen des
Beginns? Aber dann war mir, als begänne mit allem bewußten Leben in uns
Menschen der Abschied und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied
von ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage und Jahre, das
Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger verweilte, als diese zum
Abschied so froh Gerüstete, gar so groß und gewichtig, und flogen die
Stunden nicht eilig und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung
getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, der nicht der
meine war? Und so beschäftigte mich der Sinn dieses eigenen Wegs, den
ich suchte, und ich sagte es Asja:
»Ich finde den Weg nicht!«
Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen schienen zu fragen, zu
forschen, weit in die Welt hinaus, und nichts von der Antwort zu
wissen, die sie gab. Es war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von
draußen hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett war ein
wenig vom Fenster abgerückt worden, das von unten her zum Teil verhängt
worden war, so daß es kleiner und höher erschien. Wir waren allein und
hatten lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts
mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen Lebensunruhe ward und
mich zugleich ermutigte, das Schweigen zu brechen.
»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas vor dir und um dich her,
was du selbst sein sollst. Wenn nicht du selbst der Weg bist, so findest
du keinen, bist du es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was
oder für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg der Liebe. Mehr
kann niemand finden und sein, und alles andere Suchen verlohnt sich
keiner Lebensmühe, es macht arm und führt mehr und mehr zur
Verlassenheit.
Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen und längst
vergessen hast. Aber dann sieh weit, weit hinaus, und betrachte das
Verlangen und die Worte der Erkenntnis derer, deren Namen die
Erinnerungskraft der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt
das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder nannte den Weg;
forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der Weg! Begreife nun, welche
Gewißheit diese Worte bergen, die Flut der Liebeskraft zog durch sie in
den großen, lebendigen Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So
nur ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, erst
du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis zu bereiten, das ist der
Gehorsam, der zur Vollendung führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin
der Weg? Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich bin der Weg
für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, sondern es bedeutet, daß er
selbst der Weg der Liebe ist, die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in
die Welt scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener
Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich bin die Wahrheit
und das Leben? Seine Worte bedeuten: Ich habe der Liebe kein Hindernis
bereitet, sie strömt durch mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr
Wesen offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er frohen Sinns
zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, der sieht die Liebe. Meinst
du, dies sei sein Vorrecht gewesen? Es ist das deine. So suche nun
keinen Weg mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, aber du
bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung und Auferstehung, sein
Leben ... die Seele ist Maria.
Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit der
dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen zu mir, wie Lichtvögel,
farbige Bilder voll Helligkeit und Gewißheiten, die mich so erfreuen,
daß ich schluchze. Ich liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der
Sonne, fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in
unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen Stunden und die
Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, daß ich nicht sterbe und nicht den
Tod sehe, sondern daß ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke.
Das ist kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche noch
rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener Gemeinschaft,
wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum Weg der Liebe mache. Bin ich nun
ganz in ihr, der Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang
und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das sei mein irdischer Tod.«
Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und ihre Augen waren
geschlossen, als schliefe sie. Im Schein der Kerze sah ihr Angesicht wie
Stein aus, alt und jung, zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne
und so rein wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und
Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit eines
Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der Natur, die Quelle und
die Mündung ihrer Fülle, das Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den
Wiesen bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! Und der
Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, und zum erstenmal war mir, als
formte sich in meiner Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten,
sondern im Geist und in der Wahrheit. --
Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die Mutter längst in ihrer
Kammer schlief, wenn die Nacht zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr
erkannte, war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am Tage.
Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen beide, sie auf ihrem
Lager, ich in meinem alten Korbsessel, der bei jeder Bewegung knisterte.
Brannte im Herd noch das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von
den Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer Nähe taten
Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie war im Schlaf und Wachen der
Zustand unsres Daseins.
Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte und sandte meine
Gedanken erneut zu den Dingen hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten,
als seien sie mir nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich
nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem Denken
unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der Ruhe lag, Hand in Hand.
Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, wunderartig und
flüchtig, Visionen und geheimnisvollen Einsichten vergleichbar, voll
Trost. Eine neue Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten
meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang des Lichts und
vergaß alles, was nicht von diesem Licht beschienen wurde. Krankheit,
Schmerz und Tod, dachte ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem
Lächeln der hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, die
aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering erscheinen lassen,
was nicht im Glauben an die Allmacht der Liebe liegt. --
So erstand uns in den armen vier Wänden dieses kleinen Raums eine Welt,
die keiner andern Welt zu vergleichen war, die uns von Himmel und Erde
abschloß, aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte.
Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich heran, wie das
Tageslicht anbricht, sie war von großer Herbheit und so ernst, wie nur
die Jugend zu sein vermag.
Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt verließ, so kam ich mir
verirrt vor und wie ein verstoßener Fremdling, aber so zuversichtlich
und geborgen zugleich, wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe.
Ich wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den
Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar ist, sie wurde
mir frühzeitig zu einem Gleichnis und ich fühlte, was uns allein heiter
und wahrhaft gerecht macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren
Gegenstand mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, und wußte
doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer brachte. Darüber begriff
ich, daß nicht der Verzicht uns beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will
in der Welt nur wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von
ihr empfangen, damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht
fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.
Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe ich denn? so wußte ich
nur zu sagen, ich liebe aus tiefster Seele und habe Gemeinschaft. Und
darüber begriff ich mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte
ich denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe nicht lehrt, das
sollst du nicht wissen.
Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende Wunsch ergriff, Herz
und Mund zu öffnen, um alle an dem teilnehmen zu lassen, was mich
erfüllte. Mir erschien es, als brenne und verlösche ein Licht im
Verborgenen, und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. Ich
sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit und betört von Eifer.
Sie sah mich an, als verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was
ich meinte und sagte:
»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so ereifere dich nicht,
sage einfach und geduldig, was dich bewegt, und bemühe dich nicht, der
Wahrheit Flügel zu verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das
ist die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit ist, ist es nur
deshalb, weil es längst Teil und Gut aller Wahrhaftigen und Erkennenden
ist. So sprich nur, als sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist
Torheit.
Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, darauf kommt es
nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. Wappne dein Herz nicht,
gib es ruhig dahin, sein Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die
sich hell und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, das
Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz preisgibt, weiß, was
er tut, wenn er spricht: Dein Reich komme.
Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen Menschen unsrer
Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, heute noch nicht
weiter gekommen, als bis zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze
Geschichte des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. Es
betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen der Welt und dein
Wesen, von der Geburt bis zum Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein
Wort und einfältig wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich von
Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie es ein Sinnbild der
Bahnen aller Geisteskulturen ist, und endlich der Menschheitsgeschichte
selbst. Liegt nicht das >Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch
und Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen Zeichen über
der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach uns kommen, die wird im
Zeichen des dritten Worts stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie
weit, weit liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche Brot
die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen Guts mehr
bedürfen, wie nah werden sie der Liebe sein! Welch eine Zeit aber wird
endlich anbrechen, die mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich,
die Kraft und die Herrlichkeit.«
Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie im Bannkreis eines
deutlichen Bildes:
»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht an Zeit, sondern im
Wesen, das ist das Geheimnis. So sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und
Ewigkeit einig, einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«
* * * * *
Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch dauerte, durchschritt
ich die Straßen der lauten Stadt, mischte mich unter Menschen und
betrachtete ihr Tun und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt
verschlagen, auf einen fremden Stern. Und ich empfand, wie gut es sei,
dies hier und da zu können, der große Abstand tat mir wohl und öffnete
meine Augen. Es war kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der
Nähe des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen und mir
ohne Groll.
Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, bei langem
Verweilen unter ihnen, in mir neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln
auf, das ich fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, und
ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.
Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, diese große
Welt, die nur der Jugend aufglüht. Bin ich nicht einzig fähig und
erbötig, in ihr zu wandeln, weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie
aber vermag ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das
allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? An
Stelle deiner Güter werden mich die Tage mit ihrer Wirklichkeit, mit
Stundengewalt und nüchternem Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen
und beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine,
verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert und das den
Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir ihn nicht bedenken können. Die
nahen Menschen mit ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die
Pflichten, der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die
zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle werden sie
wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige Macht. Ich werde denken, wo
war ich nur, was trieb und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet
abschweifen können und mich so weit verirren? Und ich werde vergessen,
daß ich in der Heimat war, denn ich weiß nicht, was dir Kraft gibt,
allein zu sein und im Hellen zu verharren.
So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß doch mein Vertrauen
war. Ja, es ist die Zeit meines Lebens gewesen, in der ich nicht allein
war, aber ich wußte es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr
Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. Die wahrhaft
Einsamen aber wissen für gewöhnlich nicht, daß sie es sind.
Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst viel später, als
ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen erinnerte, tauchte auch
ihre weiße Stirn wieder vor mir auf, der farblose Mund und die
übergroßen Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, die von
ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein Recht an. Es war gut so
und nach ihrem Willen, und es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu
sehen und nicht den dahinwelkenden Docht.
Sie sagte mir auf meine Frage:
»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der ganzen Welt, es gibt
kein Bett der Ordnung und Ruhe, das ihm zu vergleichen ist, und vor
seiner Echtheit ordnet sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur
daran, sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die Menschen
hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist ohne das Herz kein
Trost, es ist wie eine Leiter, die in die Helligkeit gebaut wird und
endet bald. Erst wenn sein Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es
ein seliger Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber durch
das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist das Ziel, nicht aber
ein Ziel als Ende und Zweck. Ein echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg
der Liebe, sieh, so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.
Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der Besten nicht wahr und
erhaben gewesen ist, es kann keinen Gott gegeben haben, der nicht aus
dieser ordnenden Kraft der Liebe war. Die Bilder der Götter, die
versunken sind, verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als
alle Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist die
Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die meisten Menschen
brauchen ein Bild von Gott, das sich in der Schwäche ihrer Herzen
spiegelt, aber in einem starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur
Licht und Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder dich
verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis vom Wesen zu
unterscheiden und den Schattenriß vom Angesicht.
Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach Ursprung und Ende! Wir
wandern durch den Sonnenschein, die Hand voll Wiesenblumen, hören die
Lerche -- und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, und
schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem Herzen, so
offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du aus: Es ist alles geschehen,
es ist alles gut, es ist vollbracht.«
»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die Auferstehung, Asja!«
Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, als sei meine Wißbegier
in ein Mißverhältnis zu meiner Andacht geraten, als kniete ich nicht am
Altar, sondern als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich
empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte Maße der
Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. So beruhigte es mich
fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich meine persönlichen
Liebespflichten und mein unpersönliches Verlangen nach den Wundern ihrer
Worte sich oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu
scheiden vermochte.
Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres Nackens und der
Schulter, unter dem Haar, verrieten mir eine Miene schweren Leides. Ein
unerklärliches Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher
Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe unfreundlich.
Aber die Herausforderung meiner Stimme weckte nicht ihren Unwillen,
sondern ihre Güte. Sie wandte sich mir wieder zu und sah mich an:
»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, dessen Seele nicht in
der Schmerzensfinsternis ihres Grabes liegt? Fragt derjenige, der nicht
gefallen ist, die Vorübergehenden, wie er sich erheben könnte? Wer aber
nur deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, der wird
keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, und Furcht ist nicht
in der Liebe. Aber die Liebe, die in der Welt allein zu antworten
vermag, kann nur der Liebe antworten. Sieh, das ist der Irrtum der
Jahrhunderte, in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie
hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. Nur wer aus
der Wahrheit ist, hört die Stimme der Wahrheit, nur wer aus der Liebe
ist, hört die Stimme der Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht
antworten, denn meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht.
Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis der Welt über dir
zusammenschlägt, wo du im geistigen Tode am Boden liegst und weder
fragen noch hoffen kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine
Liebe, und zu dir sagen: Stehe auf!«
* * * * *
Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen sich in dem meinen
kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen, begriff ich recht, welch
wahrhaftige Heiterkeit von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner
Kindheit und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen und
kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß ich nicht eine
leidende Abwehr und einen an Widerwillen grenzenden Zorn vor jener
Bescheidung in einer Gottseligkeit empfand, die nur Bestand hatte, weil
ihren Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil sie die
Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie leugneten und
verrieten oder verachteten. So erhoben sich meine Forschungen vor den
Quellen des Glücks dieser Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis
zur Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr Genügen
guthieß, und war darin um so stürmischer und ungerechter, als ich die
meinen noch nicht kannte.
Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen Verkündigung mich
überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht und meinen Trotz verwünschend
meine Zweifel ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt
als nachsichtig.
»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem Licht widerstanden
wird«, sagte sie einfach und ohne ihre Worte in den Widerstreit meiner
Gedanken zu führen. Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme
Gebärde der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie sprach,
gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom Himmelsschein auf fernen Angern
der Welt, die nie ein Mensch betritt.
Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen unsern Geist
weit lebendiger anzieht und mächtiger fesselt, als alle, noch so
leidenschaftlich und glühend ins Feld geführte Überredung, so erwachte
und entflammte meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber
Zurückhaltung, als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden
wäre.
Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört hatte, Asjas
Stellung zu den Worten und zur Gestalt Christi, dessen Name und
Aussprüche sie oft in so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es
mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen Auffassung
willen, fast praktisch und ins tägliche Dasein verwoben, dann wieder von
solcher Inbrunst der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares
Bild zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um ihre von
keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung und seine Wirkung
nicht anders zu nehmen, als sie die irgend eines sonstigen weisen und
großen Menschen hinnahm, verehrte und wiedergab.
Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und durch keinerlei
Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien gekommen, erst in
gereifter Jugend, und ohne in ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus
vernommen zu haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies Buch
eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, als das Haus ihres
wohlhabenden Vaters nach seinem Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände
fremder Menschen überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und
eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, welche der
Durst nach geistigem Gut in einem echten Gemüt hervorbringt.