Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so fremdartig, daß ich

lächeln mußte, es war gewissermaßen notwendig, daß ich mich allen

Einrichtungsgegenständen erneut vorstellen mußte, was nicht lange

dauerte. Ich warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, und

sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht her noch aufgeschlagen

neben der Kerze lag. Dies alles steht jenseits, dachte ich, eine neue

Welt beginnt, es hat sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den

Weg. Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein plötzlich

erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles dessen, was ich bisher

zur Erhaltung meines Daseins begonnen hatte, überfiel mich und füllte

mich mit Zweifeln am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen

der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst bist die

Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden meine Kämpfe nicht

enden.

Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich nach mir zu

erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß ich nicht mehr käme,

siegelte den Brief mit dem Wachs der Kerze und war sicher, daß man mich

in Ruhe lassen würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß ich

mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich nachdenklich und ich nahm

den Spiegel von der Wand. Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden,

aber der andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen ausdauernden

Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff Stock und Hut und ging

davon. Das Tuch machte mich fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein

Bruder, dachte ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, in

Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich von ganzem Herzen

glaube, daß deine Augen es nicht einmal sehen würden, es sei denn aus

Erbarmen? Ist es wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg und

Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn es ist?

Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die ich bei mir trug,

wie man auf einem Feldweg die Straßen der Stadt vergißt. Auch als ich zu

Asja kam, dachte ich lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem

Bett niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir fremd war,

und ich atmete tief auf und mußte seufzen, ohne daß ich Kummer hatte.

Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem aus, was dir bisher

schwer gewesen ist, weil du allein warst, deshalb bist du jetzt müde.«

Da verlor ich unter dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber

sie schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer

Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres Wesens nicht zu

verkleinern.

Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog und vor ihr auf

die Decke des Betts legte:

»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst dieses dunkle Zimmer

gegen ein helles mit Sonne vertauschen, die Stadt gegen das Land. Du

wirst gesund werden.«

In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr Lächeln verschwand, ihre

Augen sahen mich forschend an und sie unterbrach mich ängstlich:

»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«

Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie störte meinen Bericht

durch kein Wort und keine Frage, und schwieg auch noch, als ich am Ende

war und, unsicher mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet,

eine Zustimmung von ihr zu hören.

»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.

Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich kaum, sondern schien

nun vielmehr durch etwas anderes beschäftigt und bewegt; sie fragte

unvermutet:

»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur deshalb bekommen, weil du

mit ihm gesprochen hast, hast du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur

durch den Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt

hast?«

»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, was es für dich

tun soll.«

»Ach, es war so, wie du gesagt hast! -- Ich denke nicht an das Geld, ich

denke an dich.«

Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren Zügen auf und sie

bat noch einmal:

»So nimm es und bring es wieder fort.«

»Du weist das Geld zurück, Asja?«

»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. Ja, ich weise das

Geld zurück.«

»Du wirst sterben, Asja.«

»Wie wir alle«, sagte sie einfach.

»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben sollst, die Tugend,

daß du sterben willst.«

Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, daß sie nicht über den

Sinn meiner Worte nachdachte, sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte,

die hinter ihnen stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so

gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem Ergebnis der

Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, die zwischen uns

geherrscht hatten, und die nicht zu beugen waren. Ist es dies, dachte

ich, und ward abgelenkt, liegt der Grund aller Mißverständnisse und der

Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen oder

bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung nicht zu ermessen

vermögen, und sich daher an das unredliche und mißbrauchte Gezücht der

Worte halten, die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die

Befangenheit eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte darüber

hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- und Tatsachenwelt des

Lebens fortzublicken schien -- wohin nur? Ich wußte es noch nicht, aber

ich fühlte, daß ich ihre Freiheit bedroht hatte.

»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand und, wie

meistens, mit einem beinahe schmerzlichen Zögern, »ich mache aus keiner

Not eine Tugend, aber es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie

könnte ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu recht

bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du bist so jung, wie

willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? Du kennst dich nicht, und

nun sollte ich dieses Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du.

-- Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es so gut ist, und

daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit Willen.«

»Liebst du das Leben nicht, Asja?«

»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, »aber ich denke

anders darüber als du. Laß uns doch nicht von diesen Dingen sprechen.

Wenn du bei mir bleibst, wirst du bald alles wissen, auch wenn ich

schweige.«

»Wie meinst du das?«

»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, was ich aber bin,

wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, und nachher wird dir sein, als

hätte ich zu dir gesprochen. Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand

und öffne dein Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du

bald empfinden, wie gut und groß du bist.«

»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, wie sehr du das

Leben liebst, Asja.«

»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir nichts erklärt.«

Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung ausgesprochen

hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit ihres Lächelns war

von einer Bescheidung, daß ich sie empfand, als stünde ich über und über

in Licht. Welch ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein

heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses Erlebnis, nicht

die alten Dinge der Welt kommen darin vor. Mir war, als wendete ich mich

fort, zu Anderen, zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir doch

bisher, ihr und ich!

Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, was Menschen zu tun

vermögen, um dies Leben dem Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen.

Ich empfand, daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen Opfers

wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! So sprach ich denn aufs

neue und bat von Herzen darum, sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen.

Sie antwortete mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.

»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst du so? Ist das

kleine Maß deines Daseins vom Aufgang bis zum Niedergang das Leben? Je

mehr wir solch bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand

darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. Das ist

sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«

»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du nicht, daß meine

Liebe sich wünscht, daß du bei mir bleibst? Ich habe dich erst heute

gefunden.«

»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. Aber hindere

mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin nur ein Weg. Was über mich hin

zu dir kommt, ist viel mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch

befriedigt, obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen und

mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, wenn ich dem Licht

nicht zugewandt wäre? Weshalb ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit

du fröhlich sein kannst.«

»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als habe ich nur diesen

Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische Neugier bewegte mich, ich

zitterte vor Begierde und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht,

das Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein Recht zur

spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete mir nicht.

So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:

»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, um zu gehen.

In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den Menschen, der vor mir

lag, der, ohne mich anzuschauen, mich doch zu sehen schien, der sich mit

seinem Schweigen von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, und

dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es der kühnste

Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war mächtiger als alles andere in

mir, und ich sagte:

»Nein, Asja!«

Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. Es klang rauh und

böse, wie eine ewige Absage, in dem stillen, einfachen Raum, und

erschütterte mich so mächtig, als hätte ich den schwachen Körper vor mir

durch einen Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, voll

Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und küßte sie. Es war kein

Kuß der Andacht oder Demut, sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und

innig, ein herzliches Tun.

* * * * *

Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die Jugend liebt es, für

ihr Glück zu leiden. Der in meiner Natur ruhende Widerspruch gegen die

Freundin vertiefte sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das

Bedürfnis nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen Harmonie

fremd, sie ist im Eigenen befangen und je echter sie ist, um so mehr

scheut sie sich vor frühzeitiger Abrundung oder unerprobter Zustimmung.

So ist ihr Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es häufig

denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen überzeugt sind, sondern

es ist das Recht der schlummernden Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe

diese werdende Kraft zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst

bereitet, und manche Herzen suchen es.

So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem Wesen Asjas schwankte, in

Sorge sich zu verlieren oder in Begierde zu begreifen und sich

hinzugeben. Aber ich segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief

die Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals Klage führen,

daß ihrem Licht widerstanden worden ist. Ihr Wesen ist frei von jeder

Absicht, und ihre Wirkung ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer

diese Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein

teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.

Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich schon von dem

Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, denn es wäre unrichtig

zu sagen, daß sie es nur verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich

gut, daß zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es waren die

Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die Scham. Ich schämte mich

ihres Menschentums, der Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer

Tränen. Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von allen,

von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden geglaubt hatte. Welch

ein geringes Tun war doch mein Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu

meiden und meine Ansprüche nicht preiszugeben.

Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der ich am Tage darauf

meinem vornehmen Freund in der Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er

empfing mich freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als

ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ ihn eilig, da es

mir widerstand, etwas zu erklären, unter dessen Walten ich selber noch

litt, ohne volle Klarheit zu haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn

von den Beweggründen meiner Handlungsweise überzeugen zu können. Es mag

ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball einer Laune entwürdigt

worden, vielleicht auch, daß eine Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich

gehorsam war.

»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.

Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer anlangte,

wiederholte ich es mir ohne zu denken, starrte vor mich hin und ließ die

Stunden verstreichen. Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder,

über Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser mich lebendig

begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne über der Landschaft vergessen,

den glitzernden März, die Sommersonne im Schilf oder die schweigsame

Herrlichkeit der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles ist es

nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, ein

wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. Warum bin ich so

mutlos? Bin ich nicht durch die Pracht des Vielerlei dahingeschritten,

Jahre um Jahre, um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als

ein Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus Zuversicht

trunken? Nun scheint sein Licht aus einem Herzen, es ruft mich und ich

zaudere. Ach, ich ahne, wieviel es ist, dachte ich, weil es längst in

mir glimmt. --

So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines Tages zu Asja kam. Sie

hob mir beide Arme entgegen und ich beugte mich, zitternd vor innerer

Not, unter ihren Liebesgruß.

»Asja, glaubst du an Gott?«

»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.

»Antworte mir!«

»O Freund, ich kann nicht sprechen.«

»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber antworte.«

»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was du ersehnst!«

»Du bist es. Sieh mich an.«

»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als habe sie mich

vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. In der Liebe ist alles

beschlossen, der Vater, das ist der Gehorsam in uns, der Sohn, das ist

die Offenbarung in uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei

doch ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. Es ist

alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen sondern sie hat uns

erwählt.«

»O Asja, du machst das Herz froh.«

»Ich tue nichts.«

»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«

»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. Ich glaube nicht an

ihn, aber ich glaube wie er. Er war reinen Geistes, ein freier Weg der

Liebe, die vor ihm war und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der

Weg? Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die Welt,

sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und viele nach ihm. Zuweilen

erwählt sie einen Menschen, in dem sie sich ohne Makel offenbart, dann

ist es, als sähest du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß

wer ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die Liebe sei?

Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein Wesen! Aber alles, was uns

von ihm bekannt ist, ist uns durch Menschengedanken und -sinne

übermacht, es ist besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus

wirst du ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater die

Quelle.«

»Der Vater, Asja?«

»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«

»Was nennst du Gehorsam?«

»Oh, frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder spät, ich aber

möchte mich irren, wer wird einem Wort vertrauen, das so schnell gesagt

ist, wie eine Antwort es herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe

kein Hindernis bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen

Gehorsam.«

»Und alle Gesetze, die Kirche?«

»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben die Kirche

erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als Luther die Gesetze der

alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn die Liebe, als er neue erschuf,

quälte ihn der Zweifel. Aber wie spreche ich denn, du drängst mich in

meine Armut.«

»Oh, sprich weiter, Asja.«

»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor dem Eigenen in mir.

Immer wieder drängt es sich noch herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne

mich. Komm, sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie du bei

mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und glücklich machen, denn

unter meinen Augen verstehst du dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du

durstig bist.«

»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? Ist sie ein

Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in uns einzieht, eine Gnade,

der wir teilhaftig werden? Wo ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr

Sinn?«

Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, neigte sich mir

zu und sah mich an. Mir war, als bedrohte ihr Auge mich in einem

unirdischen Schein, ich erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und

still war. Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug

diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer brennen, schwieg

und wußte, daß ich nie mehr im Leben diese Frage stellen würde.

* * * * *

Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, Wind und Sternbilder, Raum

und Stunden aus dieser Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem

Erleben und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne Ende, und wußte

es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen fremd an mir vorüber, ich beachtete

sie nicht und begreife heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß

ich mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen Wunder, aber ich

empfand sie nicht, merkwürdige Umstände traten ein, die mir alles

erleichterten und möglich machten, ich nahm sie hin, als seien sie

selbstverständlich, wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute

zurückdenke, so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich einst

kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen kaum Beachtung

schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich Zufälle nannte, ohne mehr als

einen Blick auf sie zu verlieren, die ich rasch vergaß und ohne Dank

hinnahm, da sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht

Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht zum Tage

machten und meine Augen vor allzu blendendem Erstrahlen schützten. Heute

erkenne ich das Gesetz, das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir

stammend, in sich verwob und ward, indem ich war. Du Eines und du Alles,

was suche ich nach deinem Namen? Es war alles gut! Das ist dein Name.

Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine Zimmerwirtin mich

wartend in meiner Kammer. Sie schien sich im Raum umgesehen zu haben,

der Schrank stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er

leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, die aber

wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf dem Tisch umhergesucht

zu haben. Als sie mich ansah, erstarben der Unwille und die Besorgnis

auf ihren Zügen, sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.

»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.

Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand ihres Gesichts nicht zu

stören und sagte eifrig:

»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«

»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«

»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«

»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich geraten sind,« sagte

sie, »aber Abwege sind es nicht.«

Ich schwieg.

»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau fort und sah ein Bild an

der Wand an.

»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. »Noch ein paar

Tage und ich habe Geld. Ich werde es bestimmt bekommen.«

»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor ein paar Tagen haben

Sie mir von ihrer neuen Freundin erzählt, von der Kranken. Wie geht es

ihr?«

»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich mich, und antwortete

auf ihre Frage.

Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren Namen habe ich

vergessen, aber ihres Gesichts erinnere ich mich noch gut, jedoch nur

deshalb, weil in seinen Zügen einst ein Widerschein meines inneren

Erlebens stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:

»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen erzählt. Wie war

doch ihr Name?«

»Asja.«

»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich damit. Ich wollte

Sie nicht wegen Ihrer Schuld mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen;

meine Bitte geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so dies

und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«

»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«

»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast verschlossen, gingen

und kamen wie ein Schatten, aber Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt

sind Sie ärmer als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung

verkommt, Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. Nicht daß Sie

lachten oder scherzten, aber man spürt es und weiß nicht wie, es bleibt

im Zimmer zurück, wenn Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen

herauf, wenn Ihr Schritt klingt.«

Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als schäme sie sich,

oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine ja nur so,« sagte sie und

lächelte ausgleichend, »nehmen Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin

nicht arm, lebe mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts

Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche Dinge, wie Sie

erzählt haben. Daß einer glücklich ist in seiner Lebensnot, wie dies

Mädchen ... Sie werden schon verstehen.«

Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs hinaus. Die

gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit ihren kahlen Fenstern lag im

spätherbstlichen Dämmerlicht, und vom Hofe herauf drangen Geräusche und

Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen Lärm der Fuhrwerke

drangen Kinderstimmen, dieser grelle, leere Jubel, der sinnlos und

wehmütig klingt, wie das Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben

ihrer Käfige.

Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr selber kaum

verständlichen Bitte noch etwas schuldig.

»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« sagte sie, »wer entbehrt

denn etwas, es wird schon ins Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend

mit der Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie damals, aus

der Seele und froh, so soll es gut sein.«

Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden Glas sah ich,

wie die Alte sich vorbeugte und zur Seite, um zu erkunden, ob ich mit

Wohlwollen oder widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. --

Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das Zimmer schimmerte

still im Licht des ersten Schnees, der vorzeitig gefallen war und auf

den schrägen Dächern draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im

Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und licht und schien

sonderbar leer. Ich war darin nun längst ein vertrauter Gast, und auch

die Mutter hatte sich an meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr

Kind in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und Unterhaltung

fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten mit einer Art ehrfürchtiger

Scheu, ohne Eifersucht, aber ein klein wenig zögernd und ablenkend, als

gäben wir uns Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien

längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen Welt lebte

als sie selbst, und so wenig sie früher besondere Teilnahme gezeigt

hatte, so gleichmütig beachtete sie die meine; zumal da Asja in ihrer

Gegenwart mit derselben Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach,

in der sie früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung und

Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie erstaunt in Asjas

leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, wohl auch ein wenig

stolz, und riet zu Ruhe und Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte.

Mit den ein wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden

Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert der kleinsten

Münze kennt, vermutete sie hinter meiner Erscheinung mehr und anderes,

als sich ihr durch den Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den

Gegensatz, in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem

bedürftigen Wandel standen.

Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert und sorgenvoll,

wie so manchen Morgen hindurch, den ich allein verbrachte und nicht zu

verwenden wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, in der

ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war ich zu jung und

ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden des Alleinseins ein volles

Genüge an meinem Leben und Denken empfand; mächtiger als je drängte

alles in mir zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten

eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte mich

übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und Augenlicht auf meiner

Stirn fühlte. Es war ein erstes Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das

sich vor ihrem Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne

Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in heiliges Feuer, aber

es lohte sinnlos in mir empor, wie ein Reisigfeuer auf einer

Frühlingswiese, dessen Glut nur die Überreste des verflossenen Jahrs

verzehrt, aber keinen Keim des Bodens fördert.

Eros und die Evangelien, aus den Notizen eines Vagabunden · 第 2 / 13 段