Ausschnitt: Die sogenannte Landschaft von Lüttich.]

Um die Bedeutung der Heimatlust eines Bosch und Breughel zu erkennen,

muß man deren Bilder mit den älteren vergleichen. Die prächtige

Küstenlandschaft mit Wilhelm von Bayern ist gemeinsamer Ausgangspunkt.

Dann wirkt die große Landschaft im Genter Altar wie eine Offenbarung.

Aber sie ist zusammengestellt, sie zeigt sogar noch die Palmen des

Südens. Schon vorher aber hat Jan van Eyck auf dem Bilde des Kanzlers

Rollin (Abb. 34) möglichst getreu seine Heimat gemalt: Felix Rosen

will in der Landschaft Lüttich und seine Umgebung erkennen. --

Jedenfalls ist das Maaßtal auch landschaftlich der klassische Boden der

flandrischen Kunst. -- Doch gab auch Jan van Eyck noch keine Landschaft

der Heimat ganz für sich. Auch Patinier malt ganz wundervolle Ideale

flandrischer Weiten zu dem Bilde des Quentin Massys: Versuchung des

h. Antonius (Abb. 36). Nicht lange nach ihm kamen Bosch und dann P.

Breughel, von dessen epochemachender Folge Brabanter Dörfer schon

die Rede war. Mit ihnen beginnt die eigentliche Heimatlandschaft der

belgischen Maler. (Abb. 28.)

[Illustration: Abb. 35. +D. Y. Cameron+, Die Maas bei Dinant.]

[Illustration: Abb. 36. +Quinten Massys+ und +J. Patinier+, Die

Versuchung des h. Antonius.

Phot. F. Bruckmann, München.

Die Figuren von Massys, die große ideale Landschaft des oberen

Maastales und der flandrischen Ebene von Patinier.]

Von der unversiegbaren Lebensbejahung der Künstler und des Volkes der

Belgier

Realismus und Heimatlust sind die starken Pfeiler der niederländischen

Kunst. Beide haben die belgische Malerei siegreich gemacht im

künstlerischen Wettstreit aller Völker der Erde.

[Illustration: Abb. 37. +Pieter Breughel+, Die Bauern tanzen unterm

Galgen.]

Aber der starke Erfolg der großen belgischen Maler daheim und draußen,

bei den schärfsten kritischen Beurteilern wie bei allen Schaulustigen

überhaupt, verlangt noch andere Erklärung. -- Und die gibt nichts

anderes als die unvergleichlich starke Lebenslust des flämischen

Volkes, das nichts weiß von Sentimentalität und Kopfhängerei, nichts

von Schwäche und Daseinsverzicht.

Was die Reihen der belgischen Bilder so genußreich macht -- auch für

die jenseits künstlerischen Gestaltens, das ist die derbe Freude, die

gute Laune, das Genießerische.

Weil der belgische Künstler, wie das Volk, schließlich überall mit

allen Augen, mit ganzem Herzen fühlt: das Leben ist doch lobenswert,

es ist doch zu bejahen -- ist die Kunst dieser Maler so ohne Grenzen.

Alles, alles ist ihnen bedeutend, genußreich.

So vollzieht sich in Belgien's Malerei häufiger und leichter als

sonstwo die ewig unbegreifliche Wandlung vom Häßlichen ins Schöne, vom

Grausigen ins Erschütternde, vom Wahren ins Wunderbare, von der ich in

einem anderen Werke ausführlich gesprochen habe.

Wäre wirklich die niederländische Bauernmalerei so sieghaft gewesen,

wenn nicht aus all diesen ärmlichen Kneipen, aus diesen derben

Gesichtern armer Teufel ein Rassenbewußtsein uns entgegenlachte, das

überzeugender wirkt als alle philosophischen und theologischen Traktate

über das Glück der Bescheidenheit?

So hängt aufs engste zusammen, flämischer Volkscharakter und flämische

Kunst. Kraft solcher naiver, volkstümlicher Doppelbejahung sind und

bleiben die größten belgischen Künstler die stärksten Repräsentanten

des belgischen Volkes.

Rubens ist der stärkste. Er steht für uns mitten zwischen den

Jahrhunderten.

Rubens erst hat die Bauern seiner Heimat verherrlicht. Er hat sie

vergöttlicht zu Panen und Satyren. Kein größerer Unterschied als Rubens

Bauern und Watteaus Bauern. Dieser bewußte Nachfolger des Rubens ist

nur durch Geburt Auch-Flandrer. Die belgischen Rassebauern gehen mit

ihm unter. Sie werden verächtliche »magots«. Rubens Kirmesbild im

Louvre (Abb. 38) ist Rausch an Rassegefühlen, ist die Hymne belgischer

Heimatlust und flämischen Genießens.

[Illustration: Abb. 38. +P. P. Rubens+, Die flämische Kirmes.]

»Alle Laster, die Freßsucht, die Trunkenheit, die Ausschweifung, sind

hier in einer so donnernden Hymne gefeiert, daß man gar nicht auf die

einzelnen Worte achtet. Eine ungeheuere Musik, keine Zurückhaltung,

keine Dämpfung, brutal bricht sie aus wie Zimbelschlagen, rauschende

Blechmusik und das Gröhlen der breiten Baßgeigen. Rubens vergötterte

seine Rasse, er liebte in ihr die Gutmütigkeit, ihre Sinnlichkeit,

ihre rohe, rote Glut. Von allen Genrebildern des Rubens ist dies

Kirmesbild das berühmteste und typischste«. (V.)

[Illustration: Abb. 39. +P. van der Heyden+, St. Georgskirmes.

Belgiens Volkscharakter, Belgiens Kunst · 第 20 / 24 题