Miniatur aus dem 1904 verbrannten Turiner Gebetbuch.]

Die Landschaft des Turiner Gebetbuches, die Küste mit dem Turm von

Vere, die Atmosphäre ist freilich holländisch. Und der dargestellte

Wilhelm IV. von Bayern war Herzog von Holland. Aber hier gilt uns

mit Recht das Bild als Beispiel für die Prunkliebe der damaligen

Höfe, für das große Interesse der Hofmaler für prachtvolle Stoffe.

Erst allmählich änderte sich dies mehr und mehr ins Bürgerliche

und Bäuerliche. Nur eines blieb stark in beiden Niederlanden, die

stoffliche Wahrmalerei. -- Diese war altes Erbteil der Niederlande.

-- Aber keiner war vor Breughel stark durch den ausgesprochen

belgisch-volkstümlichen Realismus.

[Illustration: Abb. 32. +Jan van Eyck+, Adam und Eva.]

Hundert Jahre vor Dürers »Fortuna« mit dem dicken Unterleib, der zuviel

daheim hockenden Hausfrau, malt Jan van Eyck die ersten Menschen um

kein Haar schöner als die ersten besten schlichten Landsleute, die sich

ausgezogen vor den Genter Maler hingestellt. (Abb. 32.)

Was sollte sich die Rasse schämen? Was sollte hier antikische

Körperpflege? Freilich in dem sonst so feierlich repräsentativem

Charakter des unerhört großen Altarbildes wirken die Figuren nicht

passend im Sinne des Stils. Nur die Akte sind »wie daheim«. Alles

andere bewegt sich, wie für feierliche Aufzüge.

Nichts wirkte damals aufs Volk so stark wie diese Akte. Diese gaben dem

Altar den Namen: »Spiegel, Spiegel sind es, keine Bilder« rief man aus.

Ist also Jan van Eyck teils noch dies -- nur im kleineren Teile schon

der nationale Maler, so gehören erst Breughels scharfe Augen ganz

allein der Heimat. Er will nichts von der alten Schaustellung. Akte hat

er nie gemalt. Und wenn er's getan hätte. -- Man kann sie sich leicht

bilden aus den festen vierschrötigen, gesunden Gestalten im prallen

Kittel.

Er malt Belgiens gesunde Rasse -- und alle Belgier nach ihm! Brouwer,

Teniers, Rubens, Lambeaux, Rops, Rassenfosse.

[Illustration: Abb. 33. +Meister von Flémalle+, Madonna.]

Ein anderes Werk mag unsere Überzeugung befestigen von dem gerade in

Belgien kräftig sich durchsetzenden Realismus. Der noch nicht mit Namen

bekannte »Meister von Flémalle«, der jedenfalls ein Schüler des echt

Brüsseler Malers Rogier van der Weyden gewesen ist, malte nicht lang

nach dem Tode des älteren van Eyck eine Madonna, die bezeichnend für

jenen kecken, derben Naturalismus, der Eigentum der flämischen Kunst

blieb bis heute. (Abb. 33.)

Die, wohl in Tournay gemalte, Gottesmutter ist von gleicher, gesunder,

ja kraftstrotzender Art wie eine Madonna des Rubens im Prado, in Berlin

oder im Louvre, sie ist eine unverkennbare Ahnin der »Fruchtbarkeit«

des Jordaens. »Die Auffassung ist derb und groß«, sagt Friedländer.

Vertieft im mütterlichen Glück, behäbig und breit thront die göttliche

Mutter im reichen Heim.

Und wenn hier auch vieles noch etwas gar fein und geziert, die Keckheit

der unsymmetrischen Komposition konnte nur einer haben, dessen Wille es

war, alles recht unmittelbar erscheinen zu lassen.

Freilich ist die Kunst dieser Zeit, in der der burgundische Hof

alle anderen an Pracht überbieten konnte, nicht frei vom höfischen

Einschlag. Um so mehr muß, gegen den Geschmack der Weltstadt Paris, die

derbere nationale Eigenart stark aufgefallen sein.

War die Kunst dieses Meisters noch nicht in jeder Beziehung

realistisch, ihr Ziel: Naturalismus, ihre Art: das kernige, flandrische

Naturell traten bahnbrechend hervor, wie in den Genter Akten.

Wie ganz anders die französische Malerei am Hofe von Paris, etwa zur

gleichen Zeit. Sie fürchtete vielleicht gar den niederländischen

Einschlag. Sie protestierte gegen deren Neuerungen, während die

flämische immer bewußter auftritt. Die Pariserischen blieben milder,

auch in den Farben zarter. Sie malten schöner, glatter. Lack und Gold

machten viel aus. Wo die von Paris oder in der Touraine auch mal

kecker auftreten wollten, da vergreifen sie sich eher ins Pikante, ins

gesellschaftlich Sensationelle.

Man braucht doch nur diese Madonna des Meisters von Flémalle mit

der uns heute befremdlicheren des Jean Foucquet zu vergleichen, die

jetzt im Antwerpener Museum hängt -- um den Unterschied belgischer

und französischer Kunst schon in jener Zeit zu fühlen. Foucquets

Madonna soll die Geliebte Karls VII.: Agnes Sorel darstellen. Sie

ist ganz modisch gekleidet -- nicht wie die des Flemallers etwas

patriarchalisch. Auch sie hat eine Brust entblößt. -- Und doch wirkt

das alles nicht frisch, nicht naiv. Alles ist schönheitlich berechnend,

trotz Realismus alles archaistisch. Die Komposition ist ganz

konventionell. Es ist höfische Kunst -- nicht die echte menschliche im

neuen Flandern.

Was vom figürlichen Bilde gilt, gilt auch vom Realismus in der

Landschaft.

[Illustration: Abb. 34. +Jan van Eyck+, Die Madonna des Kanzlers Rollin.

Belgiens Volkscharakter, Belgiens Kunst · 第 19 / 24 题