Die Landschaft des Turiner Gebetbuches, die Küste mit dem Turm von
Vere, die Atmosphäre ist freilich holländisch. Und der dargestellte
Wilhelm IV. von Bayern war Herzog von Holland. Aber hier gilt uns
mit Recht das Bild als Beispiel für die Prunkliebe der damaligen
Höfe, für das große Interesse der Hofmaler für prachtvolle Stoffe.
Erst allmählich änderte sich dies mehr und mehr ins Bürgerliche
und Bäuerliche. Nur eines blieb stark in beiden Niederlanden, die
stoffliche Wahrmalerei. -- Diese war altes Erbteil der Niederlande.
-- Aber keiner war vor Breughel stark durch den ausgesprochen
belgisch-volkstümlichen Realismus.
[Illustration: Abb. 32. +Jan van Eyck+, Adam und Eva.]
Hundert Jahre vor Dürers »Fortuna« mit dem dicken Unterleib, der zuviel
daheim hockenden Hausfrau, malt Jan van Eyck die ersten Menschen um
kein Haar schöner als die ersten besten schlichten Landsleute, die sich
ausgezogen vor den Genter Maler hingestellt. (Abb. 32.)
Was sollte sich die Rasse schämen? Was sollte hier antikische
Körperpflege? Freilich in dem sonst so feierlich repräsentativem
Charakter des unerhört großen Altarbildes wirken die Figuren nicht
passend im Sinne des Stils. Nur die Akte sind »wie daheim«. Alles
andere bewegt sich, wie für feierliche Aufzüge.
Nichts wirkte damals aufs Volk so stark wie diese Akte. Diese gaben dem
Altar den Namen: »Spiegel, Spiegel sind es, keine Bilder« rief man aus.
Ist also Jan van Eyck teils noch dies -- nur im kleineren Teile schon
der nationale Maler, so gehören erst Breughels scharfe Augen ganz
allein der Heimat. Er will nichts von der alten Schaustellung. Akte hat
er nie gemalt. Und wenn er's getan hätte. -- Man kann sie sich leicht
bilden aus den festen vierschrötigen, gesunden Gestalten im prallen
Kittel.
Er malt Belgiens gesunde Rasse -- und alle Belgier nach ihm! Brouwer,
Teniers, Rubens, Lambeaux, Rops, Rassenfosse.
[Illustration: Abb. 33. +Meister von Flémalle+, Madonna.]
Ein anderes Werk mag unsere Überzeugung befestigen von dem gerade in
Belgien kräftig sich durchsetzenden Realismus. Der noch nicht mit Namen
bekannte »Meister von Flémalle«, der jedenfalls ein Schüler des echt
Brüsseler Malers Rogier van der Weyden gewesen ist, malte nicht lang
nach dem Tode des älteren van Eyck eine Madonna, die bezeichnend für
jenen kecken, derben Naturalismus, der Eigentum der flämischen Kunst
blieb bis heute. (Abb. 33.)
Die, wohl in Tournay gemalte, Gottesmutter ist von gleicher, gesunder,
ja kraftstrotzender Art wie eine Madonna des Rubens im Prado, in Berlin
oder im Louvre, sie ist eine unverkennbare Ahnin der »Fruchtbarkeit«
des Jordaens. »Die Auffassung ist derb und groß«, sagt Friedländer.
Vertieft im mütterlichen Glück, behäbig und breit thront die göttliche
Mutter im reichen Heim.
Und wenn hier auch vieles noch etwas gar fein und geziert, die Keckheit
der unsymmetrischen Komposition konnte nur einer haben, dessen Wille es
war, alles recht unmittelbar erscheinen zu lassen.
Freilich ist die Kunst dieser Zeit, in der der burgundische Hof
alle anderen an Pracht überbieten konnte, nicht frei vom höfischen
Einschlag. Um so mehr muß, gegen den Geschmack der Weltstadt Paris, die
derbere nationale Eigenart stark aufgefallen sein.
War die Kunst dieses Meisters noch nicht in jeder Beziehung
realistisch, ihr Ziel: Naturalismus, ihre Art: das kernige, flandrische
Naturell traten bahnbrechend hervor, wie in den Genter Akten.
Wie ganz anders die französische Malerei am Hofe von Paris, etwa zur
gleichen Zeit. Sie fürchtete vielleicht gar den niederländischen
Einschlag. Sie protestierte gegen deren Neuerungen, während die
flämische immer bewußter auftritt. Die Pariserischen blieben milder,
auch in den Farben zarter. Sie malten schöner, glatter. Lack und Gold
machten viel aus. Wo die von Paris oder in der Touraine auch mal
kecker auftreten wollten, da vergreifen sie sich eher ins Pikante, ins
gesellschaftlich Sensationelle.
Man braucht doch nur diese Madonna des Meisters von Flémalle mit
der uns heute befremdlicheren des Jean Foucquet zu vergleichen, die
jetzt im Antwerpener Museum hängt -- um den Unterschied belgischer
und französischer Kunst schon in jener Zeit zu fühlen. Foucquets
Madonna soll die Geliebte Karls VII.: Agnes Sorel darstellen. Sie
ist ganz modisch gekleidet -- nicht wie die des Flemallers etwas
patriarchalisch. Auch sie hat eine Brust entblößt. -- Und doch wirkt
das alles nicht frisch, nicht naiv. Alles ist schönheitlich berechnend,
trotz Realismus alles archaistisch. Die Komposition ist ganz
konventionell. Es ist höfische Kunst -- nicht die echte menschliche im
neuen Flandern.
Was vom figürlichen Bilde gilt, gilt auch vom Realismus in der
Landschaft.
[Illustration: Abb. 34. +Jan van Eyck+, Die Madonna des Kanzlers Rollin.