Vom belgischen Heimat-Realismus

Vom starken Realismus belgischer Maler mußte schon oft die Rede sein.

Er ist das Kennzeichen aller Großen dieses Landes.

[Illustration: Abb. 28. +P. Breughel+, Ein brabantisches Dorf.]

Er ist Voraussetzung für die große Zahl mächtiger Bilder, furchtbarster

Schrecknisse des Todes, der Schlachten, der Martern, der ganzen Fülle

von Bildern mit an sich häßlichen Erscheinungen.

Denn auch Phantasie setzt, wenn sie als höchste Kunst gewertet sein

will, Naturstudium voraus. Auch die wildeste Phantasie ist Tochter der

Erinnerung, die die nackten Tatsachen fest angeschaut.

Doch nun einiges von der Geburt, dem Entwicklungsgang, der Ergiebigkeit

des belgischen Realismus, der in den Künstlern lebt und im Volk, der

dieses glücklich und reich, jene begehrt macht.

Wie er anfängt, früher, großartiger, entschlossener als sonst wo, wie

er die Kunst Belgiens in ganz Europa berühmt macht, berühmter sogar als

die Kunst anderer Länder, wie er erobernd vorgeht, wie er mit dem einen

das andere Gebiet erschließt, deren Bedeutung befestigt und durch alle

Zeiten verteidigt.

Nur einmal sank der Ruhm belgischer Kunst dahin, als der realistische

Sinn verachtet wurde, als die Belgier, verblendet von Italiens

Schematismus formalen Aufbaus, das Land verließen und mit ihm die

feste, bodenständige Anschauung ihrer alten Künstler.

Doch die unglückliche Zeit des Abfalls der Künstler der

malererzeugenden Niederlande von ihrer Heimat, vom starken flämischen

Naturell, von der Form der germanischen Rasse währte nicht lange.

[Illustration: Abb. 29. +Pieter Breughel+, Das Hochzeitsmahl der

Bauern.]

Zur selben Zeit kam einer aus irgendeinem Neste Brabants, der rüttelte

sein Volk auf, schüttelte voll Zorn die Ausländerei der Maler ab: Das

war +Pieter Breughel+.

Breughel ist der Vater der belgischen Heimatsmalerei.

Er erschließt endgültig alle Probleme und Taten der belgischen Malerei.

Er ist der urwüchsige, ausschlaggebende Künstler der zähen, kraft-

und fruchtstrotzenden Opposition im belgischen Realismus gegen alle

Fremdtümelei -- unter der die deutsche Kunst ach so oft und schwer

gelitten.

Breughel war jung in Italien. In Rom, wie so viele. Nichts scheint

ihn dort interessiert zu haben. Kaum etwas blieb von seinen römischen

Studien. Die hatten keinen Wert für ihn.

Aber in den Alpen da geht ihm das Herz auf, das Auge des Zeichners, des

Malers, des Realisten.

Keiner hat zu jener Zeit so ganz das mächtige, große, unendliche Auf

und Ab der Felsen und Täler, der Hänge und der Flüsse zwischen den

Bergreihen in sich aufgenommen, wie dieser Maler des Tieflandes. Mit

und nach ihm wurden Belgier beste Alpenmaler.

[Illustration: Abb. 30. +P. Breughel+, Das Gleichnis von den Blinden.]

Aber dann vermißt er die Berge nicht mehr, deren feuchte Wände er

gemalt, wie erst ein Böcklin wieder im letzten Jahrhundert. Er

konstruiert nun nicht etwa, wie andere, unwirkliche Bergbilder. Nein

er sieht eine Welt von linearem Reiz in -- den schlichtesten Dörfern

Brabants. Er zeichnet die Hütten seiner Bauern mit unerhörter Treue --

mit derselben Treue, mit der der richtige Italienschwärmer von damals

nur Paläste Italiens gezeichnet, nur Statuen und schöne Posen und

vollkommene Akte.

Eine ganze Folge von solchen Stichen entsteht. Immer wieder mußten sie

verlegt werden, so sehr gefallen sie im ganzen Lande. Die Heimatkunst

wirkte wechselseitig. Eine solche Liebe zu solchen Bildern der Hütten,

die frei sind von jeder Art Verschönerung, die auch noch nicht einmal

das Volk in irgendwie fesselnd-deutlicher Weise zeigen war noch nicht

da. Es war etwas ganz neues. (Abb. 28.)

Breughel gab dem Volke das als +denkbar+ schön, was die +Kenner+ vorher

als minderwertig und häßlich verachtet hatten.

Er hebt also alte Schätze aus vorher ungesehenen Tiefen. Er gab nicht

nur anderes, er malte auch durchaus anders, als damals für schön galt.

Seine ganze Umgebung schwärmte nur für Rafael.

Alles an dem Maler ist Opposition gegen Schönheitsbegriffe der Zeit.

Alles ist Charakter. Alles Heimat-Realismus.

Die von Italien kamen, malten die Bilder im Hochformat. Er zieht das

Breitformat vor, das weitaus herrschend geblieben in der +echten+

nordischen Kunst. Was er malte war weit und breit gesehen.

Er malt bunter als andere. Nicht fein nüanciert. Er setzt die

Lokalfarben, setzt blau und gelb und rot unvermittelt nebeneinander.

Er malt die Dinge wie er sie sieht, nicht nach feinen Rezepten.

Er malt Volk, nicht Heilige, malt Genre, nicht Religionen, nicht Engel

im Himmel, sondern Bauern im Wirtshaus -- malt Straßen und Schützen,

Trunkenheit und Epilepsie.

Und das bleibt das Thema der belgischen Kunst, trotz van Dyck.

Er malt die Häßlichsten und Ärmsten und gibt solchen Bildern ohne alle

irgendwie pathetischen Mittelchen Wucht und Größe.

Oder nicht? -- -- Sind die »Blinden, die Blinde führen« nicht

herrlicher, bedeutsamer, packender und zwar auch rein als Kunstwerk als

all die schonen und verzückten und entzückenden Heiligenbilder dort

ringsum im Museum zu Neapel? (Abb. 30.)

Breughel schlug noch einmal Bresche für flämisch-niederdeutsche

Art. Für ihn war das schwerer als gut 100 Jahre früher für die van

Eyck. Denn damals galt auch in Italien das Niederländische. Jetzt

beeinflußten Rafael, Michelangelo, Tizian den Geschmack hier wie dort.

Dort mit Recht. Hier zu unrecht. Denn Breughel ist wie Bosch, wie van

Eyck vom Uradel seines Landes, wie jene von ihrem. Fremde Herren aber

können den Adel nicht verleihen.

Das sei nie vergessen.

So scheidet Breughel nicht nur endgültig Belgien von Italien -- er

ändert auch die Richtung der Anschauung im eigenen Lande.

Nur einiges von dem, was ihn unterscheidet von den alten belgischen

Künstlern; seine Auftraggeber, von denen des van Eyck.

Breughel sieht nicht mehr die Pracht der hohen Herren. Pomphafte

Aufzüge, wie wir sie so vielfach in den alten reichen Handschriften

der Herzöge von Burgund, im Turiner Gebetbuch (Abb. 31) mit

erstaunlichster Treue und Farbenfreude gemalt sehen, wie sie Jan van

Eyck in dem epocheeröffnenden Genter Altar geschildert -- interessieren

Breughel nicht. Er liebt die bunte Masse.

[Illustration: Abb. 31. Die Landung Wilhelms von Bayern in Holland.

Belgiens Volkscharakter, Belgiens Kunst · 第 18 / 24 题