»Ich bin ein melancholisches Geschöpf, dessen Lustigkeit Wahnsinn oder
Unsinn ist.«
Dies Bekenntnis de Costers, dessen bester Illustrator Rops war, hätte
auch Hieronymus +Bosch+ von sich aussprechen können.
[Illustration: Abb. 24. +Hieron. Bosch+, Der Heuwagen.]
Beide lachen mit dem einen und weinen mit dem andern Auge.
Die Bilder des Bosch sind fast alle bitterernst gemeint und doch fühle
ich, sie hat einer gemalt, der gar herzhaft über eigene und fremde
Torheiten lachen konnte, lachen hören und sehen wollte.
Wie in einem Kaleidoskop wechselt in Boschs unerklärlichen Bildern das
Nebeneinander von farbiger Freude und düstrem Schmerz.
»Der Heuwagen« im Eskurial (Abb. 24). Himmel und Erde! Hinter dem
Heuwagen unter Gott Vaters leuchtenden Wolken eine wundervolle echt
flandrische Landschaft. Weit und feucht. Und über das flandrische Land
fährt der Menschheit Wagen. Hoch auf dem schwankenden Polster von
Blumen und Gras ein Jüngling mit der Gitarre beim Liebchen. Und der
Teufel bläst auf seinem Rüssel die üble Begleitung: »Alles Fleisch ist
wie Heu und alle Herrlichkeit wie die Blume des Feldes.«
Die Todsünden -- alle unerklärlichen Laster in unerklärlichen Gestalten
ziehen den Wagen -- dem die ganze Welt, Kaiser und Könige, Kardinäle,
Papst und Geistliche, dem die Ärmsten und Elendesten voller Verlangen,
voll Zuversicht auf herrlichen, leichten Genuß und Vorteil folgen.
Und sie kommen noch alle aus lauter Eifer unter die Räder!
Eines der schönsten und wichtigsten Bilder des Bosch. Eine +Malerei+,
nicht etwa eine jener gelehrten Ausklügeleien, von elenden
Unkünstlerischen zur sogenannten moralischen Allegorie zusammengebaut.
Kein Katechismus. Kunst und Leben, die zwei, die immer vom Schleier des
Geheimnisses verhüllt bleiben.
Viel rätselhafter -- aber gleich stark als malerische Schöpfung ist das
andere große Bild des Bosch im Eskurial (Abb. 25).
Es hat die entgegengesetztesten Namen. »Die irdischen Freuden« nennen's
die einen. Die andern: »Die Völlerei«. Die beides sehen, nennen's:
»Die Strafe der Laster«, »Die Wollust und der Teufel«.
[Illustration: Abb. 25. +Hieron. Bosch+, Die Freuden der Welt.]
Doch hier sei's betont: wir sehen derartige groteske Höllenbilder meist
viel zu ernst an. Bosch zumal hat Freude an unserm Lachen. Wer so einen
Lasterzirkus erfunden hat, der fühlte, die Verrücktheiten der Menschen
sind unausrottbar. Es dreht sich alles im Kreise. -- Und im einzelnen
wie viel köstlicher Humor, wie viele mühen sich ordentlich ab, doch
endlich zu den Lustgefühlen zu kommen, die sie sich ersehnt. Von
solchen Bildern können Tausende von Phantasten, Symbolisten leben. Die
Bilder sind unerschöpflich. Die einen machen sich, die andern andern
was vor, aus Verlangen, aus Zeitvertreib. Manche spielen Versteck --
isolieren sich -- um doch Narren und Sünder zu bleiben wie die in der
großen Welt.
Im einzelnen bleiben die Traumbilder des Bosch, die ihm erlebte
Wirklichkeit sind, unerklärlich. -- Die »kleine Hölle« (Abb. 15), in
der's zugeht wie in einer belagerten, erstürmten, brennenden Stadt,
in der die Eroberer plündern und die Menschen nackt wegführen und
foltern (in Hogenbergs Radierungen ist's die furchtbare Wirklichkeit
geworden) -- im »+Jüngsten Gericht+«, das nach Bosch Alaart du Hameel
gestochen hat (Abb. 16), sind Gestalten, sind Maschinen, Tiere und
Menschen und wieder Gestalten, die alles das in einer ungeheuerlich
karnevalistischen Form sind.
Wer erklärt sie?
Was sind's sonst als die geistigen, seelischen, körperlichen Qualen der
genarrten, nur aus Glücksucht verbrecherischen Menschheit?
Es fällt ein Schimmer von Sympathie auf den düsteren Tyrannen der
Niederlande Philipp II. von Spanien, daß er an keinen Bildern bis zum
Tode solche Freude empfand wie an diesen erlebten Menschheitbildern,
gesehen wie im Spiegel eines unergründlichen Märchensees, um den die
Pessimisten sich sammeln und die Träumer. -- Woher hat Bosch solche
Phantasien?
Aus seinem Genie, seinem Land, seiner Zeit und allem vor ihm.
Vergil und Talmud und Indien, Hellenisches und irische Sagen, Bibel
und Masken und Geräte wilder Völker erkennt der gelehrte Literat und
Ethnograph da und dort im kaum verwandelten Bilde.
In Bosch lebt der Geist der flämischen Rasse, der Geist des
Mittelalters, der sterbend Neues erschaut.
»Charakteristisch für den Geist des Bosch,« sagt Lafond, »ist sein
Verlangen nach lebendigem Ausdruck. Er ist der erste Maler seines
Landes, der umherging, um alles zu beobachten, was nur geschah, der
die Feste besuchte und das Volk bei seinen Vergnügungen, die nirgends
so häufig und derb wie in Flandern und Brabant.« Es war die Zeit, da
zwei Epochen mit aller Heftigkeit aufeinanderplatzten. Die Hirne
zermarterten sich in Sorgen und Aberglauben, in den Weissagungen der
Apokalypse vom nahenden Weltende.
Aber in Flandern und Brabant blieb trotz allem noch der Geist
überlegener Gelassenheit, der sich lustig macht und mit einer
derben Zote ins volle Leben zurückspringt, wenn's nicht anders mehr
auszuhalten. Der Spott des Genießers liegt in allem. Eine köstliche,
lachende, praktisch bewährte Philosophie des Durchhaltens.
Bosch hat viel gesehen. Daheim und in der Ferne. Ob er weit gereist
ist? Ein so Reicher hat das nicht nötig. Er hat viel gelesen und
viel gesehen in den Büchern von Mandevilles indischen Reisen,
vom Physiologus mit seinen Mißgeburten und Ausgeburten begabter
Reiselügner. Die erzählten von Menschen ohne Beine, oder von
Seeweibern, die fast Fische waren, von allen Unmöglichkeiten.
Bosch vertiefte sein suchendes Auge in die grotesken Wasserspeier der
Dome, die Teufeln, die unter den Konsolen der Heiligen hocken, die
aus den Fassaden herauslugen und sich krümmen müssen zu Armlehnen im
Gestühl für die lebenskundigen Chorherren.
Das war alles Art von seiner Art an den Kirchen von Brüssel und
Löwen, in Breda und im Rathaus von Damme. Das war immer und immer
noch die gleiche anthropomorphisierte Welt der Sonderlinge um ihn
herum auf den Jahrmärkten und in den Stuben. -- Er sah die Teppiche
Persiens mit Jagden und Prozessionen und rätselhaften Zeichen. --
Bosch aber verknüpft und verknotet und umschlingt diese Millionen von
Vorstellungen zu einer ewig von Fragen erfüllten, atmenden Welt.
Einem Flamen gelingt dieser Wurf!
Eine lebendige Welt. Äonen von Leiden und Freuden fern, fern von der
hellenischen Welt mit ihren schönen Menschen ohne Erlebnis.
Bosch geht noch weiter als alle Erfinder und Phantasten Er bildet
Menschen, die sind halb und halb Geräte, Maschinen, Mühlen mit Armen
statt Flügeln, Häuser mit glotzenden, phosphoreszierenden Augen statt
der Fenster. Seine Höllen sind voll von Belagerungsmaschinen, Flug- und
Schwimmaschinen, die Ingenieure verrückt machen, beschämen und anregen
könnten.
Das alles ist Boschs persönlichstes Eigentum -- geschöpft aus den
tiefsten Quellen der Menschheit, aus der Art seiner Rasse: »Die Belgier
haben«, sagt L. Maeterlinck, »von Anfang an stärkste Begabung gezeigt
für Satire und Phantasie.« Und V.[1] sagt: »In Flandern darf nichts
abstrakt sein, dort muß der Stein lebendig sein, in steter Bewegung, so
wie Pflanze, Bäume, das Feuer, die Vögel, das Tier und die Menschen,
selbst auf die Gefahr hin, einen strengen Geschmack mit dieser
Bewegungsfülle zu verletzen« (Was z. B. von Michelangelo gilt.)
[1] Es widersteht mir, den Namen dieses Schriftstellers zu
nennen, der das künstlerisch beste Buch über Rubens geschrieben
hat. V. hat unsere deutschen Krieger in einer so unflätigen
Weise, die nur grausamster Selbsterfindung zweifelhafte
Ehre machen kann, beschimpft, daß sein Name alles Vergessen
verdient. Nicht nur seitens der Deutschen, ebenso seitens
der Flamen, deren Verräter und Abtrünniger er geworden. Haß
aus politischen Gründen ist verzeihlich -- wer aber seine
unsterbliche Rasse beschimpft, verdient Namenlosigkeit.
-- Gleichzeitig bemerke ich, daß der hier öfter genannte
=L.= Maeterlinck nicht mit dem uns gleichfalls verächtlich
gewordenen Maurice M. identisch ist. Wie Französelei die
modernen Städte Belgiens charakterlos gemacht hat, so ist das
Verhalten V's. und M. M's. Mordversuch am allein schöpferischen
Flamentum.
Wer heute sich in die Bilder des Bosch vertieft, sieht die tolle, bunte
Menschheit -- er sieht, wie nirgends sonst, die Seele Flanderns.
Das macht den Ruhm des Bosch bei seinen Zeitgenossen klar.
Bosch ist der Maler der Zauberei und der Hexenprozesse -- der Angst vor
Folterqualen, des Suchens nach Errettung durch Gottes Wort und Macht.
Seine Bilder von der Bühne des Lebens der flämischen Lande waren alle
warmblütigen Lebens voll.
Das Verhältnis König Philipps II. ist für die Seelencharakteristik
dieses melancholischen Tyrannen unerläßlich.
Seine öffentlichen Handlungen waren nichts als kalte berechnende Posen,
er spielte vor einem Publikum, das in stiller Angst erzitterte. Und
Bosch malte dies Volk und diesen Herrscher.
Diese Bilder paßten also nirgends besser als in den Beichtstuhl und
vor das Totenbett des kranken Tyrannen, der ein geniales Volk verbissen
und heimtückisch gemacht hat.
Verbohrtheit ist in diesem Maler, in diesem Volke, diesem Herrscher. --
Verbohrtheit bis zum Genialen.
[Illustration: Abb. 26. +James Ensor+, Der Krieg. (Verlag Ey,
Hannover.)]
Trotzdem, trotz Michelangelo ist Bosch ein vollkommener Künstler.
»Seine malerische Harmonie ist ebenso stark, seine Farbe ebenso warm
wie die Rembrandts. Er steht ihm gleich.« (Lafond.)
Der Einfluß des Bosch ist unermeßlich. Natürlich auch gefährlich
gewesen, wie der aller ganz Starken und Einzelnen.
Callots »Versuchung des h. Antonius« ist ohne Bosch kaum denkbar.
Ein letzter Verwandter in Belgien mag +James Ensor+ sein (Abb. 26).
Nur ist Ensor kein Reifer, kein Lachender wie Bosch. Er griffelt
die Ängstlichkeit in zitternden Linien von traumhafter Zartheit. --
Drohender Pöbel, Massenangst, das sind seine Themen.
Die Reihe der Bilder übersinnlicher belgischer Phantasten des Lebens
und des Todes schließe ich mit einem der gewaltigsten, dem »+Triumph
des Todes+« von +Pieter Brueghel+ (Abb. 27).
Muß der Ruhm Bosch' als Maler noch verteidigt werden, so steht Brueghel
als einer der größten Maler über allem Streit.
Auch in +dem+ Bilde ist er Maler und Landschafter hohen Ranges. Aber
die Wucht der Erfindung fesselt fest das Auge an die Darstellung.
Auch hier, wie bei Bosch, bei Rubens, bei Rembrandt eine Komposition
voll divergierender Richtungen und schneidender Zäsuren. Es ist ja auch
ein Bild des Hin und Her.