Phot. F. Bruckmann A.-G., München.]

Als nun die Brügger den Gerichtssaal der Schöffen mit einem recht

passenden, eindrucksfähigen Bilde schmücken wollten, beauftragten sie

David damit.

Die Wahl des Malers zu solchem Thema war merkwürdig.

Irgendein Gelehrter hatte in den Geschichten des Herodot diese

unglaubliche Erzählung gefunden: Kambyses läßt den Richter Sisamnes,

der durch Bestechung zu einem ungerechten Urteil sich hatte verleiten

lassen, bei lebendigem Leibe die Haut abziehen. Die Haut wurde dann als

Überzug des Richtersessels verwendet, auf dem der Sohn des Gerichteten

künftig Urteile zu fällen hatte.

[Illustration: Abb. 18. +Dierick Bouts+, Das Martyrium des h. Erasmus.]

Die furchtbare Schindung mußte also David malen, obwohl er die

besondere Fähigkeit dafür noch nicht gezeigt hatte.

Doch er löste die Aufgabe ganz entsprechend den Wünschen seiner

belgischen Auftraggeber (Abb. 17).

Ruhiger, erbarmungsloser, herzloser hätte keiner dies unheimliche Thema

malen können.

An handgreiflicher Wirkung läßt das Bild nichts übrig.

Und wenn auch unsere Mediziner sagen, das sei ganz unmöglich, einem

lebenden Menschen die Haut abzuziehen wie einem toten Hasen -- auf die

Zeitgenossen und auf uns Unbefangene wirkt der Vorgang so wahrhaftig,

daß wir beim Anblick des roten enthäuteten Fleisches schon fast den

üblen Geruch einer Anatomie zu atmen glauben. Was Schnaase von der

volkstümlichen Wirkung des, eine Zeitlang nach Paris entführten,

Bildes erzählt, ist für den im Bilde gewollten und von den Bestellern

anerkannten Realismus nur eine Bestätigung. Das Publikum umdrängte das

Bild wie eine leibhaftige Hinrichtung.

Der Realismus ist auch sonst stark -- war er's unbewußt auch in der

Darstellung der völlig teilnahmslosen Richter und Zuschauer und Henker?

Ich glaube es, abgesehen von der Gewöhnung des flandrischen Volkes

selbst an solche Hinrichtungen, weil ähnliche Bilder dieser Zeit, so

realistisch sie auch sonst sein mögen, kaum ein leises Entsetzen --

eher ein verstohlenes oder gar offenes Behagen an dem Anblick des

Gemarterten verraten.

Noch ein Holländer, in einer belgischen Stadt lebend, hat sich durch

zwei Bilder ungewöhnlich grausamer Hinrichtung beliebt gemacht bei den

Belgiern:

+Dierik Bouts.+

Dierik Bouts, der Stadtmaler Löwens, bekam diese echt belgischen

Aufträge. »Das Martyrium des heil. Hippolit« das neuerdings dem

»Meister von Brabant« zugeschrieben war, hängt in der Erlöserkirche

zu Brügge (Abb. 9). Das Martyrium des heil. Erasmus (Abb. 18) ist in

der Peterskirche zu Löwen. Das Zerreißen eines Lebenden in vier Teile

war häufig genug. Aus den belgischen Sagen braucht hier nur an die

Genovefasage und die Hinrichtung Golos erinnert zu werden.

In beiden Bildern keine Spur von Entsetzen. Nur einer der Zuschauer

nimmt die Körperzerreißung mit jener Spur von Mitleid auf, wie wir etwa

eine leichte Tierquälerei auf der Straße. Dem Schergen links macht die

Aufgabe entschieden Freude. »Das ist doch mal was anderes als Henken.«

Und den Henkern des Erasmus sehe ich, entgegen sentimentaleren

Kritikern nur die Mühe ihrer Arbeit an; nichts weiter. Beim Bärtigen

links ist das nicht zu bezweifeln. Der zusammengekniffene Mund des

andern könnte als leichte mitleidige Regung aufgefaßt werden, wenn nur

nicht die Augen in weite Ferne, an dem Gemarterten ganz vorbei schauen

würden.

Doch nun Vorsicht vor falschen Schlüssen auf den Volkscharakter und vor

Mißverständnissen.

Charakteristisch für den belgischen Volkscharakter sind hier nur die

Besteller: die Herren von Löwen und Brügge.

Die aber dürfen wir uns mindestens so teilnahmslos vorstellen bei

solchen Greueln, wie das Publikum, das der Realist Bouts in beiden

Bildern gezeichnet hat. Auf den Holländer Bouts trifft trotz dieser

Bilder nicht der Vorwurf besonderer Lust am Grausamen.

Und die sichtliche Teilnahmslosigkeit der Zuschauer beider

Hinrichtungen ist nicht mehr als Tatsache und ist nicht mehr als

allgemeine Erscheinung bei allen Völkern der Zeit.

Wären Bouts und David nicht +nur+ Realisten, sondern starke

sittenrichterliche Allegoristen gewesen -- wie Bosch und Breughel --

so hätten sie wenigstens den Richtern des Hippolit, des Erasmus, des

Sisamnes Fratzen aufsetzen müssen voll von teuflischer Lust an den

sich krampfenden, zähneknirschenden, armen Gemarterten. Das wäre die

richtige Anspielung auf die mehr als abgehärteten Besteller gewesen.

Die Gleichgültigkeit der doch ganz ohnmächtigen Zuschauer ist nicht

als kunsteigentümlich anzusehen. Auch Italiens Künstler zeigen

Italiens Volk genau so teilnahmslos. Nur freilich, wie wurde dort das

Schreckliche vermieden, das Blutige verdeckt.

Auffallend echt malen Bouts und David selbst +diese+ Henker. Fast

überall sonst -- zumal auf dem berühmten Johannisaltar des Massys in

Antwerpen -- wurden die Henker karikaturenhaft häßlich dargestellt und

in ihrer Arbeit so fanatisch wütend wie nur denkbar. Das war nicht der

Wirklichkeit entsprechend, war entweder Unfähigkeit oder nur Konzession

ans Publikum, billige Deutlichmachung von Repräsentanten des Auswurfs

der Menschheit ohne psychologische Konsequenz. Denn der Auswurf bleibt

regungslos beim Grausamen. Realismus ist und bleibt das Auszeichnende

dieser Bilder und dieser Künstler.

[Illustration: Abb. 19. +Brügger Meister+: Der Tod der h. Ursula.]

David und Bouts malten für ihre Zeit die Dinge wie sie waren. Sie

brauchten keine billige Übertreibung. Ihre Henker haben eben nur die

richtigen »konfiszierten Gesichter«. Nicht mehr. In der Geschichte

der künstlerischen Physiognomik wird der Verzicht auf pathetische

Übertreibung immer einen Höhepunkt bezeichnen.

Hoch, höher jedenfalls als Bouts steht in dieser Beziehung +Memling+.

Sein »Martyrium des h. Sebastian« im Louvre zeigt ihn als Meister

im Gesichtsausdruck. Hier ist an der teuflischen Lust des einen

Bogenschützen, am Mitleid des andern nicht zu zweifeln. -- Doch wie

ganz anders stellten Italiens Künstler diesen Heiligen dar. -- Als

Gegenstück zu Memlings berühmterem Ursulaschrein in Brügge mit der

Erschießung der elftausend Jungfrauen und der h. Ursula sei hier ein

anderer Ursulatod aus dem Kloster der schwarzen Schwestern in Brügge

gezeigt. (Abb. 19). Der Maler ist jetzt unbekannt, er wurde damals

aber besonders gut bezahlt von Florentinern. Als Charakterschilderer

keineswegs groß, sagt er uns doch viel von der Beliebtheit des

Bogenschießens in Flandern. Jedenfalls erklärt die in Brügge

aufbewahrte Reliquie nicht allein, erklärt auch die Volkssitte die Wahl

des gleichen Themas, erst durch diesen Meister, dann zehn oder zwanzig

Jahre später durch Memling.

[Illustration: Abb. 20. +Amb. Francken+, Die Hinrichtung der Heiligen:

Crispin und Crispinian.]

Etwa hundert Jahre nach David malte +Ambrosius Francken+ in Antwerpen

den Märtyrertod der h. Crispinus und Crispinianus. (Abb. 20). Wieder

bleibt die Wahl gerade einer so ausgesucht furchtbaren Hinrichtung

belgischen Bestellern und Malern vorbehalten. Diesmal ist die Ruhe

der Gemarterten auffallend, die Unruhe, das Entsetzen der Henker und

Zuschauer erscheint unmotiviert. Die physiognomischen Motive gibt die

Legende: die ausgeschnittenen Hautpfriemen springen wunderbarerweise

auf die Henker zurück. Sie erschrecken, fühlen sich gefoppt.

Es ist unmöglich, die Kette vortrefflich gemalter belgischer Bilder der

Grausamkeit zu verfolgen.

Natürlich blieb Rubens ungestümes, auf stärkste künstlerische und

seelische Wirkung berechnetes Schildern so vieler Schlachten und

Martyrien umso mehr von Einfluß auf die ganze folgende Zeit, als ja ein

Heer von Stechern und von Nachahmern der oft umgeänderten Stiche gerade

die pathetischsten Werke des großen Flamen in alle Welt verbreiteten.

Im letzten Jahrhundert suchte ein großer Schwärmer, aber schlechter

Maler in Brüssel als kongenialer Folger des Rubens zu gelten: +Anton

Wiertz+.

Sein Museum ist, zumal für Künstlerische, eine gemalte Folterkammer.

Er will entsetzen, will durch kaum auszudenkende Bilder verblüffen. Er

wollte +noch+ mehr grauenerregende Bilder schaffen als alle vor ihm. Er

malt Napoleon in der Hölle, das Grauen der Cholera, Hölle und Krieg,

Wahnsinn, Verbrechen und Tod.

Der Scheintote (Abb. 21), der den Deckel seines Sarges zu heben sucht,

dessen Rechte den Betrachter des Bildes zu erreichen sucht, das sind

Bilder, die wohl eher in ein Panoptikum gehören als in eine Galerie,

die aber doch unverkennbare +Epigonen+ sind Bosch's und Brueghels und

Rubens', der Unerreichbaren.

Denn wie diese, nur immer zu unkünstlerisch, absichtlich knüpft auch

Wiertz gern an Ereignisse seiner Zeit, an Dinge, die er erlebt.

»Die Ohrfeige einer belgischen Dame« (Abb. 22) ist ein Bild, geboren

aus der Erinnerung an die französischen Eroberer Belgiens, die

anders vorgingen als unsere Helden. So zeichnete ein Belgier die

Belgierinnen! --

Und doch liegt Wiertz' Schaffen fast jenseits der Kunst, jedenfalls

jenseits guter Malerei. Und seine Kunst ist nur Zerrbild flämischen

Geistes, wie jener Pöbel Belgiens, den unsere Krieger kennen gelernt.

-- Vor allen anderen Großen Belgiens fehlt ihm als Maler sehr

sinnlicher Themen die gesunde, kraftvolle, naive Sinnlichkeit, die ein

göttliches Vorrecht. Seine Sinnlichkeit ist krankhaft, altersschwach.

Die Belgier können nicht stolz auf ihn sein.

[Illustration: Abb. 21. +Antoine Wiertz+, Das Erwachen des Scheintoten.]

Ein anderer, echter Belgier aus Namur war +Felicien Rops+.

Ohne über die so entgegengesetzten, verdammenden und rühmenden Urteile,

die sein Werk erfahren, ein Wort zu verlieren, sage ich nur: Er ist

ganz das, was Bosch für seine Zeit war. Phantast seiner Zeit, Moralist

mit den Mitteln, mit den Bildern seiner Zeit.

So wenig wie Bosch schreckt er vor den gewagtesten Bildern zurück, um

das zu sagen, was er erlebt. Erlebt ist seine Wollust.

Hier eine Illustration zu Peladans »~Vice suprême~«: »Das erhabene

Laster«. (Abb. 23.) Der Tod ist's der verblendeten Leidenschaft.

Verblendung und Wahn bis über den Tod. Wie ein Triumphator steht der

vom Tod zerfressene Galan, den Schädel unterm Arm eingeklemmt, auf dem

Podium der gierigen Liebe. Er öffnet den Sarg einer Dirne mit falschem

Busen, dem Fächer und rauschenden Röcken.

»~Ecce homo -- ecce Eros.~«

[Illustration: Abb. 22. +Ant. Wiertz+, Die Ohrfeige einer belgischen

Dame.]

Ähnlich sein Bild vom »Syphilitischen Tod«. Grausam zupackend. Ganz wie

Bosch ist Rops ein Symbolist, der selbst alle Leidenschaften erlebt

haben muß, ein Symbolist vor allem auf der unendlichen, schrankenlosen,

erotischen Welt, die gebiert und vernichtet.

Solche Bilder des Rops sind flammende Menetekel an den Wänden

überfüllter Bordelle. Es sind Kapuzinaden voll scharfer, witziger

Schlager, die lachen machen und die Genießer aufrütteln und

beschäftigen, wenn die Dämmerung kommt und die verführerische Nacht. --

Wie Bosch, sein unsterblicher Ahne, denkt auch Rops, daß der Skandal

der Prüden wichtiger ist als die Lüge, daß es verflucht notwendig,

solche Dinge zu sagen und zu zeigen, wie sie sind.

Zumal gegen Wiertz ist auch die kraftstrotzende, üppige Erotik des Rops

gesund, wenn auch noch so weltstädtisch, so verführerisch durch alle

aufpeitschenden Mittel halbweltlerischen Luxus.

[Illustration: Abb. 23. +F. Rops+, »Das erhabene Laster«.]

Wiertz zeigt seine Nuditäten durch Schlüssellöcher. Rops zeigt das

Schamlose schamlos. Er hat immer die starke, spiegelnde Wahrheit -- das

freie, echte Künstlertum auf seiner Seite.

Und das gilt von der belgischen großen Kunst durchweg.

Es ist kein Zufall, ist Zeichen der Selbsttreue einer Rasse, daß Bosch

und Breughel, Rubens und Rops sich folgen wie die Glieder einer Kette.

In der Wiederholung der Themen und der Typen ist Charakter.

Und ob die Welt um 1900 gar so von Grund aus -- auf dem von diesen

Künstlern gleich stark geliebten und gleich hart gegeißelten Gebiete --

anders war, als die um 1500?

Belgiens Volkscharakter, Belgiens Kunst · 第 15 / 24 题