Die Umlaufsbewegungen dieser leuchtenden Begleiter anderer Sonnen

unterscheiden sich jedoch sämtlich in einer sehr auffälligen

Eigenschaft von denen der Planeten. Beide Arten von Körpern bewegen

sich zwar, genau den Gesetzen der Schwerkraft entsprechend, in Ellipsen

um den gemeinsamen Schwerpunkt ihrer Massen, aber bei den Planeten sind

diese Ellipsen Kreisen sehr ähnlich, sie sind sehr wenig exzentrisch,

während die Doppelsterne meist in sehr langgestreckten Bahnen einander

umkreisen. Die Doppelsterne nähern sich dadurch gewissen Kometen, die

in unserem Sonnensystem zwischen den Planetenbahnen umlaufen. Eine

Entwicklung des Lebens wäre auf solchen Weltkörpern, nachdem sie einmal

erkaltet wären, ganz unmöglich, weil im Laufe ihrer Jahreszeiten die

Beleuchtungs- und Erwärmungsverhältnisse bei dem starken Wechsel der

Entfernung vom Zentralgestirn zu veränderlich sein würden. Vielleicht

sind unbekannte Einwirkungen vorhanden, durch die im Laufe der Zeit,

die solche kleineren Sonnen brauchen, um zu Planeten zu erkalten, auch

ihre Bahnen allmählich zu ungefähren Kreisen abgeschliffen werden. Sind

in diesen offenbar jungen Weltsystemen noch viele kleinere Nebel- oder

meteorische Massen von der ersten Entwicklungszeit her vorhanden, die

der Bewegung Hindernisse entgegenstellen, so müßte in der Tat solche

langsame Verkleinerung der Exzentrizität eintreten.

Unter den Doppelsternen befindet sich auch Sirius. Wie er aber als

Doppelstern erkannt wurde, hat ein ganz besonderes Interesse. Jene

hellste Sonne am Nachthimmel machte nämlich ganz seltsame Bewegungen.

Zwar rücken alle Sterne am Himmel langsam von ihrem Platze, wovon

wir noch ausführlicher zu sprechen haben, aber Sirius bewegte sich

abweichend von den übrigen Sternen geradeso, als ob sich in seiner

Nähe noch ein anderer unsichtbarer Körper befände, der mit ihm um den

gemeinsamen Mittelpunkt des Systems kreiste. Man konnte vorhersagen,

daß der unsichtbare Körper zu einem Umlauf etwa 50 Jahre brauche, und

Auwers in Berlin berechnete dann auch noch die übrigen »Elemente«

seiner Bahn. Dieser rechnerischen Voraussetzung gemäß ist denn auch

wirklich der Begleiter gefunden worden. Dieser ist gar nicht so sehr

klein, 9. Größe, aber doch nur schwer zu sehen, weil ihn der mächtige

Glanz seiner Sonne so stark überstrahlt. Der kleinere Stern kann sich

höchstens um 9.7 Bogensekunden von ihr entfernen. Gewöhnlich befindet

er sich aber wesentlich näher. Die Umlaufszeit ist von _Lohse_ in

Potsdam zu 50.38 Jahren neu bestimmt. Da man auch bei Sirius die

Entfernung von uns kennt, so läßt sich auch die Masse der beiden Körper

berechnen. Man findet, daß er 13--14mal soviel Masse besitzt wie unsere

Sonne, der Begleiter 6--7mal soviel. Die große Helligkeit dieser

Sonne erklärt sich also wohl teilweise aus ihrer bedeutenden Größe.

Merkwürdig aber ist, daß der Begleiter gar nicht soviel kleiner ist als

Sirius und doch so sehr viel schwächer leuchtet. Wir haben hier wieder

ein Beispiel dafür, daß im besonderen die Helligkeit nichts Sicheres

über die wahre Größe eines Himmelskörpers aussagt.

Jenes wahrhafte Wunderinstrument, das Spektroskop, hat uns auch noch

tiefer in die Geheimnisse dieser fernen Sonnensysteme blicken und

Sterne als doppelt erkennen lassen, die in unsern Fernrohren wohl

niemals getrennt gesehen werden können. Bei den Spektren einiger

Sterne sieht man nämlich periodisch Doppellinien auftreten, die nur

davon herrühren können, daß hier zwei Körper Licht aussenden, von

denen der eine sich zu uns her, der andere von uns hinweg bewegt.

Dadurch verschiebt sich die Lage der Linien im Spektrum. Es ist einer

der größten Triumphe unserer modernen Beobachtungskunst, daß es durch

diese Linienverschiebungen gelingt, die Größe der Bewegung solcher

Himmelskörper sogar in Kilometern in der Sekunde zu bestimmen, obgleich

man über die Entfernung selbst, in der diese Bewegungen stattfinden,

gar nichts weiß. Wir sehen es heute in der Tat einem Sterne unmittelbar

an, ob er sich gerade auf uns zu oder von uns hinweg bewegt und zwar um

wieviel in der Sekunde. Da bei kreisenden Bewegungen die Richtung sich

beständig ändert, so ändern sich auch jene Linienverschiebungen, und

wir können aus diesen periodischen Schwankungen die Umlaufszeit solcher

spektroskopischen Doppelsterne bestimmen, die wir doch immer nur als

einen einzigen Lichtpunkt sehen. Die größte Umlaufszeit, die auf diese

Weise entdeckt wurde, hat ein Stern im Drachen mit 282 Tagen. Die

meisten dieser Sterne aber haben nur Umlaufszeiten von wenigen Tagen

und verraten sich deshalb als Algolsterne mit sehr nahen Begleitern,

die sich von jenen nur dadurch unterscheiden, daß diese Begleiter noch

selbst leuchten. Natürlich braucht sich der Begleiter auch nicht in

der Richtung der Gesichtslinie zu uns zu befinden, wie beim Algol und

seinen Verwandten. Andererseits muß man Algol als spektroskopischen

Doppelstern erkennen, wenn die für seinen Lichtwechsel gegebene

Erklärung zutrifft. In der Tat verschieben sich die Linien im

Spektrum innerhalb derselben Periode wie sein Lichtwechsel. Auch bei

andern Veränderlichen mit nahezu konstanter Periode hat man dieselbe

Übereinstimmung gefunden.

Ebenso wie die Sonne mehrere Planeten um sich versammelt hat, bemerkt

man am Himmel auch mehrfache Sternsysteme, wo vier, fünf, selbst bis

zu neun Sterne sicher oder doch wahrscheinlich physisch miteinander

verbunden zu erkennen sind. Daß solche Systeme für unsere Wahrnehmung

selten vorkommen, beweist wieder nichts gegen ihre wirkliche

Häufigkeit. Sind die andern Sonnensysteme dem unsrigen in dieser

Hinsicht ähnlich, so müßten die kleineren Körper von der Art unserer

Erde für uns verschwinden, auch wenn sie noch selbst leuchten.

Selbst auf dem spektroskopischen Wege hat man Andeutungen von einer

Vielfachheit gefunden, wo wir doch immer nur _einen_ Lichtpunkt

unterscheiden. In neuerer Zeit hat Tickhoff bei Beta Aurigae die

Wahrnehmung gemacht, daß sich nicht nur seine Linien periodisch

verdoppeln, sondern daß wieder in andern Perioden jede der doppelten

Linien sich abermals spaltet. Wir haben hier also ein vierfaches System

vor uns; wahrscheinlich haben die beiden Hauptkörper je noch einen

kleineren Trabanten.

Die Perioden der spektroskopischen Doppelsterne reihen sich, je weiter

unsre betreffenden Kenntnisse vordringen, desto mehr in ihrer oberen

Grenze denen der optisch wahrgenommenen unten an, setzen sich dann aber

bis zu wenigen Tagen fort, das heißt, zu einer mutmaßlichen Nähe der

Begleiter, bei denen ein direktes Erkennen längst ausgeschlossen wäre.

Daß es verhältnismäßig viele so sehr nahe beieinanderstehende

Weltkörper gibt, ist jedenfalls merkwürdig. Unser Sonnensystem zeigt

nicht entfernt irgendwo in seinem Bau ähnliche Verhältnisse. Wir müssen

annehmen, daß hier, ebenso wie bei den exzentrischen Doppelsternbahnen,

besondere Entwicklungszustände vorliegen, in denen sich unser

Sonnensystem nur gegenwärtig nicht befindet. In einem anderen

Bändchen[5] dieser Sammlung habe ich dargetan, daß diese ganz nahen

Doppelsterne möglicherweise das letzte Stadium einer Rückentwicklung

sind, in dem die Systeme ihre Massen wieder vereinigen, die Planeten

in ihre Sonne wieder zurückfallen. Aber manches spricht doch wieder

dagegen. Gerade die Algolsterne und die meisten spektroskopischen

Doppelsterne zeichnen sich durch ein besonders weißes Licht aus, sie

sind nicht rötlich, wie diejenigen veränderlichen Sterne, die wir als

alternde Sonnen erkannt haben. Man hat deshalb gemeint, daß man es bei

diesen einander so nahen und nahezu gleichgroßen Doppelkörpern ganz

umgekehrt mit einem Geburtsakt zu tun habe, bei dem eine Sonne sich

zweiteilt. Gewisse theoretische Untersuchungen haben die mechanische

Möglichkeit solcher Abtrennung erwiesen. Wir können über diese einander

völlig widersprechenden Ansichten derzeit noch nicht entscheiden.

Viele Sterne zeigen uns nun durch jenes sogen. Dopplersche Prinzip

der Linienverschiebungen, daß sie nicht in kreisender, sondern

_geradliniger_ Bewegung den Raum durcheilen, und wir können dann den

Teil davon messen, der gerade auf uns zu oder von uns hinweg gerichtet

ist, ohne daß wir sie im Fernrohr von der Stelle rücken zu sehen

brauchen. So ergaben Beobachtungen von _Vogel_ und _Scheiner_ in

Potsdam, daß Sirius und Wega sich in jeder Sekunde um 15 Kilometer uns

nähern, dagegen Aldebaran, der erste Stern im Stier, seine unbekannte

Entfernung von uns in jeder Sekunde um 48 Kilometer vergrößert.

Durchschnittlich sieht man die Sterne sich im Spektroskop um 20--30

Kilometer im Raume fortbewegen. Eine ungewöhnlich große Eigenbewegung

hat man letzthin an dem Doppelsterne ~O~ Persei entdeckt, der um mehr

als 100 Kilometer in der Sekunde fortrückt. Dabei schwankte diese

Geschwindigkeit in einer Periode von 4.4 Tagen beträchtlich, so daß

man es hier mit einem auch nur spektroskopisch doppelten Sterne zu

tun hat, von dem Vogel in Potsdam ausrechnete, daß die beiden Sterne

6600000 Kilometer voneinander abstehen und zusammen nur etwa 0.6 der

Sonnenmasse besitzen. Da sich hier die Spektrallinien nicht periodisch

spalten wie bei den sonstigen spektroskopischen Doppelsternen, so ist

anzunehmen, daß der eine Begleiter dunkel ist wie beim Algol, nur daß

seine Bahn nicht vor dem hellen Stern vorbeiführt, so daß er also keine

Lichtschwankungen hervorbringen kann.

Solche Bewegungen der Sterne werden nun auch direkt im Fernrohr

wahrgenommen, soweit sie in der andern Richtung, also senkrecht zur

Gesichtslinie, stattfinden. Kein Stern steht am Himmel wirklich still,

und der Name Fixstern ist nicht mehr berechtigt. Es gibt Sterne, wie

zum Beispiel Arkturus, die, seitdem man es vor zweitausend Jahren

zuerst versuchte, ihren Ort am Himmel festzustellen, diesen um mehr

als zwei Vollmondsbreiten verändert haben. Die größte Eigenbewegung

hat, wie man erst vor kurzem entdeckte, ein kleiner Stern 8. bis

9. Größe auf der südlichen Halbkugel, bezeichnet mit Cordoba Z.

5.243; sie beträgt 8.7´´ im Jahre. Er braucht nur 200 Jahre, um

eine Vollmondsbreite weiterzurücken. Die zweitgrößte Eigenbewegung

hat ein Stern 6. Größe, der 1830 Groombridge benannt wird. Seine

jährliche Bewegung beträgt 7.05 Bogensekunden. Die zehn größten

Eigenbewegungen sind auf dem oberen Diagramm S. 72 in ihrer relativen

Größe aufgezeichnet. Darunter befinden sich die Eigenbewegungen der

zehn hellsten Sterne des Himmels. Wir sehen, daß diese hellsten

Sterne keineswegs auch durchschnittlich sich am schnellsten bewegen,

was man voraussetzen könnte, wenn sie uns auch die nächsten wären.

Nur unser nächster Nachbar im Weltall, Alpha Zentauri, hat auch eine

große Eigenbewegung. Wir sehen auch aus diesem Umstande wieder, daß

die hellsten Sterne uns keineswegs auch immer die nächsten sind.

Die hier mit zum Teil sehr kleinen Eigenbewegungen verzeichneten

Sterne erster Größe haben sich als für uns praktisch unendlich weit

entfernt herausgestellt. Wir müssen also annehmen, daß diese Sterne,

Canopus, der zweithellste, auf der südlichen Halbkugel stehende

Stern, dann Rigel und Beteigeuze im Orion, ganz gewaltige Sonnen

sind, gewiß Hunderte von Malen größer als die unsrige, da sie aus

fast unausmeßbarer Entfernung noch so hell zu uns herüberleuchten

und auch durch ihre geringen Eigenbewegungen ihren großen Abstand

von uns verraten. Andererseits aber zeigt Arkturus, der für uns

gleichfalls in nahezu unendlicher Entfernung steht, eine sehr große

Eigenbewegung. Er muß sich in Wirklichkeit also ungeheuer schnell durch

den Himmelsraum bewegen. Unter der Annahme der sehr kleinen Parallaxe,

die man mit ziemlicher Unsicherheit für diesen Stern gefunden hat,

folgt aus seiner scheinbaren Eigenbewegung von 2,3´´ im Jahre, daß er

mit einer Geschwindigkeit von 670 Kilometern in der Sekunde den Raum

durchrasen müßte, das ist tausendmal schneller als unsere schnellsten

Geschosse fliegen. In den Himmelsräumen, wo alles mit einem Maßstabe

gemessen wird, der uns Parasiten eines kosmischen Sandkornes völlig

über den Horizont geht, ist man wohl auf große Geschwindigkeiten

gefaßt, mit denen die Materie ihren unbekannten Zielen entgegengeführt

wird, aber jene Geschwindigkeit gehört doch zu den größten auch nach

diesem kosmischen Maßstabe. Und eine ganze Sonne soll sich so schnell

fortbewegen! Mit was für unausdenkbaren Kräften arbeitet das Getriebe

der Weltkörper!

Die 10 schnellsten und die 10 hellsten Sterne des Himmels, ihre

100jährige Eigenbewegung (E.), Parallaxe (P.) und Entfernung in

Lichtjahren (L.).

[Illustration: Die 10 _schnellsten_ Sterne des Himmels, ihre

100jährige Eigenbewegung; 1 kleinstes Quadrätchen = 5´´.]

Namen: E. P. L.

1. Cordoba Z. V. 243 870´´ 0,32´´ 20

2. Groombridge 1830 710´´ 0,12´´ 17

3. Lacaille 9352 690´´ 0,29´´ 11

4. 61 Cygni 520´´ 0,31´´ 10

5. Lalande 21158 470´´ 0,40´´ 8

6. ε Indi 470´´ 0,28´´ 12

7. Lalande 212158 450´´ 0,20´´ 16

8. ~o~² Eridani 410´´ 0,17´´ 19

9. μ Cassiopeiae 380´´ 0,11´´ 30

10. α Centauri 368´´ 0,76´´ 4,3

[Illustration: Die 10 _hellsten_ Sterne des Himmels, ihre

100jährige Eigenbewegung; 1 kleinstes Quadrätchen = 5´´.]

Namen: E. P. L.

1. Sirius 132´´ 0,38´´ 9

2. Canopus 5´´ 0,01´´ 327

3. α Centauri 368´´ 0,76´´ 4,3

4. Wega 36´´ 0,09´´ 36

5. Capella 43´´ 0,07´´ 47

6. Arktur 228´´ 0,07´´ 47

7. Rigel 2´´ 0,01´´ 328

8. Prokyon 125´´ 0,32´´ 10

9. Achernar 42´´ 0,05´´ 65

10. Beteigeuze 3´´ 0,03´´ 108

Da wir bisher eine so völlige Übereinstimmung aller Grundeigenschaften

zwischen den Sternen und unserer Sonne gefunden haben, so müssen wir

voraussetzen, daß auch diese im Raume nicht still steht. Bewegt sie

sich aber mit uns und den übrigen Körpern ihres Reiches unter den

Sternen fort, so müssen diese scheinbar nach der entgegengesetzten

Seite zurückweichen. Die Eigenbewegung der Sterne, so wie wir sie

wahrnehmen, setzt sich also aus zwei Teilen zusammen, nämlich aus ihrer

wirklichen Bewegung im Raume und ihrer scheinbaren, durch unsere eigene

Bewegung hervorgerufenen. Man versteht wohl, daß es schwer ist, diese

beiden Wirkungen voneinander zu trennen. Unter gewissen Voraussetzungen

fand man, daß wir uns mit der Sonne in jeder Sekunde um etwa 16

Kilometer gegen einen Punkt bewegen, der unweit der schönen Wega in

der Leier liegt.

Es wird manchem kaum faßlich und unmöglich scheinen, daß das ganze

Sonnensystem mit allen seinen großen und kleinen Weltkörpern, die durch

weite leere Räume von der Sonne getrennt sind, doch sich fortbewegen

könne, als sei es nur ein einziger, fest zusammenhängender Körper. Wir

müssen uns aber vorstellen, daß der ganzen ursprünglichen Masse diese

Bewegung schon innewohnte, als sie sich noch nicht in die einzelnen

Teile des heutigen Sonnensystems geschieden hatte, als die Planeten

noch nicht geboren waren. Die gemeinsame Bewegung blieb, und die

Planetenkugeln konnten später ihr kreisendes Spiel unbekümmert um diese

beginnen, wie man auf einem fahrenden Schiffe Ball spielen kann, als ob

es ruhe.

[Illustration: Das Sternbild des Großen Bären:

1. vor 50000 Jahren,

2. in der Gegenwart,

3. nach 50000 Jahren.

]

Es scheint nun, daß nicht nur die Sonne mit ihren Planeten, sondern daß

selbst gewisse Gruppen von Sonnen einen gemeinsamen Ursprung gehabt

haben, da sie in derselben Richtung im Raume weiterziehen. So scheinen

einige Sterne des Himmels denselben Weg zu gehen, so daß sie also

wirklich und nicht nur scheinbar ein zusammengehöriges Ganzes sind.

Da andere Sterne des Bildes aber andere Richtungen haben, so muß es

mit den Jahrtausenden eine völlig andere Gestalt gewinnen. Hier ist

das Sternbild des Großen Bären abgebildet, wie es vor 50000 Jahren

ausgesehen haben muß, wie es jetzt ist und abermals nach 50000 Jahren

aussehen wird.

So erkennen wir also, wie auch die Sternbilder nichts ewig Bestehendes

sind, wie alles sich ruhelos verändert und wie wir die Sterne, die wir

einst an die Himmelsdecke festgeschmiedet wähnten, über sie hinfliegen

sehen würden wie die Leuchtkäfer in einer Juninacht, wenn wir den Lauf

der Zeit nur entsprechend beschleunigen könnten.

Wir wissen, daß einzelne Sterne mit rasender Geschwindigkeit den

Raum durcheilen. Können sie da nicht einmal gegeneinander rennen?

Würde zum Beispiel die gegenwärtige Bewegung des Sirius auf uns zu so

bestehen bleiben und besäße er nicht auch zugleich noch eine seitliche

Bewegung, so hätte er uns schon in etwa 17000 Jahren erreicht. Stürzte

er dabei auch nicht gleich direkt auf die Sonne, so müßte die größere

Annäherung einer so großen Masse doch die heilloseste Verwirrung in

den Planetenbewegungen hervorbringen, und der völlige Untergang alles

Bestehenden bei uns wäre sicher. Das ist nun zwar kaum zu fürchten,

denn auch in der Fixsternwelt herrscht wohl eine allgemeine Ordnung,

ähnlich wie im Planetenreiche, die solche Kollisionen nicht gestattet.

Aber solche Ordnung ist offenbar noch nicht in allen Teilen des

Universums erreicht. Wir sind gelegentlich Zeugen ganz gewaltiger

Weltkatastrophen, in denen kosmische Massen mit ihren ungeheuersten

Geschwindigkeiten aufeinander gerannt sein müssen. Solche Katastrophen

kündigen sich uns in den sogen. _neuen Sternen_ an. Ich will gleich den

interessantesten von ihnen herausgreifen, den neuen Stern im Perseus.

Er erschien am 21. Februar 1901 ganz plötzlich, oder vielmehr, er war

da, als Stern 2. bis 3. Größe, ohne daß man ihn hätte aufleuchten

sehen. Es ließ sich nachweisen, daß er zwei Tage vorher sicher nicht

11. Größe gewesen sein konnte, weil er auf einer zufällig gemachten

photographischen Aufnahme nicht zu entdecken ist. Bis zum nächsten

Tage nahm sein Glanz noch zu, und er leuchtete nun heller als alle

Sterne unseres Himmels, Sirius ausgenommen. Er erreichte jedenfalls

die Helligkeit der Wega. Von da ab nahm er nun bald wieder ab. Am 4.

März war er nur noch 2. Größe, am 6. bereits noch eine Klasse tiefer

gesunken, und so fort. Heute ist er nur noch 10. Größe.

Selbstverständlich richtete man sofort das Spektroskop auf das so

plötzlich aufgetretene neue Himmelswesen. Es zeigte sich in den

Linien seines Spektrums, daß hier zwei verschiedene Massen mit ganz

furchtbarer Gewalt aufeinandergestoßen waren, die eine davon mit einer

Geschwindigkeit von beinahe tausend Kilometern in der Sekunde. Dadurch

mußten die Körper offenbar zum großen Teil zertrümmert und eine ganz

ungeheure Hitze entwickelt werden. Die glühenden Gase der Umgebung

gaben leuchtende Linien.

[Illustration: Lichtkurve der Nova Persei v. 21. Februar bis 24. Juli

1901.]

Als nun unser Stern bis Mitte März, etwa drei Wochen nach seinem

Erscheinen, bis gegen die Grenze der Sichtbarkeit mit dem bloßen Auge

abgenommen hatte, zeigte er eine neue wunderbare Erscheinung: Sein

Licht nahm in regelmäßigen Zwischenräumen von etwa vier Tagen um

anderthalb Größenklassen ab und zu, er war ein veränderlicher Stern

geworden. Die untenstehende Kurve zeigt die Lichtschwankungen vom 16.

März bis zum 24. Juli 1901. Schon der Anblick dieser Kurve allein

stellt uns die Gewalt und Wildheit der Katastrophe vor Augen. Wir

müssen annehmen, daß ein Teil der Massen, die hier zusammenstießen,

die Hauptmasse sehr schnell umkreiste. Dies spricht für die Ansicht

Seeligers, nach der gewisse neue Sterne dadurch aufleuchten, daß sie in

eine Wolke kosmischen Staubes oder Nebels, oder endlich von Meteoriten

geraten, die dann mit immer beschleunigterer Geschwindigkeit auf sie

stürzen.

Ein neues Wunder an diesem interessantesten aller Himmelsobjekte für

den denkenden Beobachter schien diese Ansicht durch den Augenschein zu

bestätigen. Nach einigen Monaten sah man nämlich den Stern von einem

leuchtenden Nebel umgeben. Man nahm zuerst an, daß dieser schon immer

vorhanden gewesen sei und nun erst durch das neuaufflammende Licht des

Sternes in seinem Innern uns sichtbar wurde. Als man den Nebel sich in

den folgenden Monaten immer weiter ausdehnen sah, meinte man, daß das

Licht so lange Zeit gebrauche, um den Nebel zu durcheilen, denn der

neue Stern war offenbar auch für Fixsternverhältnisse sehr weit von uns

entfernt und der Weg vom Mittelpunkte der Katastrophe bis zur Grenze

des Nebelgebildes so ungeheuer groß, daß das Licht ihn erst in Monaten

durchlaufen konnte. Nichts kann in diesem Falle wohl eindrucksvoller

die unausdenkbar gewaltigen Dimensionen des Weltgebäudes uns vor Augen

führen, als dieses Hinschleichen des Lichtes über die Himmelsdecke, von

dem wir doch wissen, daß es 300000 Kilometer in der Sekunde zurücklegt.

[Illustration: Nebel um den neuen Stern im Perseus, aufgenommen am 31.

Januar 1902 auf der Licksternwarte in Kalifornien.]

Natürlich hat man sofort auch versucht, durch direkte

Parallaxenmessung die Entfernung des Wundersternes zu bestimmen. Es

fand sich wirklich eine fast unausmeßbar große Entfernung. _Bergstrand_

in Upsala bestimmte die Parallaxe zu 0.026 Bogensekunden und konnte

sagen, daß sie sicher nicht größer, eher dagegen in Wirklichkeit

kleiner, also die daraus berechnete Entfernung ein Minimum sei.

Diese kleinste Entfernung, in der jene weltvernichtende Katastrophe

stattfand, ergibt sich danach als das 11millionenfache der Entfernung

unserer Sonne oder 1600 Billionen Kilometer. Das Licht braucht 170

Jahre, um von dort zu uns zu kommen; die 1901 bei uns wahrgenommene

Erscheinung fand danach also in Wirklichkeit schon um 1730 statt.

So lange brauchte die himmlische Depesche, die diesen schrecklichen

Weltuntergang verkündete, um bei uns anzukommen.

[Illustration: Nebel um den neuen Stern im Perseus, aufgenommen am 2.

Februar 1902 auf der Licksternwarte in Kalifornien.]

Aber die Wunder dieses Sternes steigerten sich noch immer. Man sah,

wie es auf den Bildern S. 77 u. 78 auch zu erkennen ist, in dem Nebel

einzelne Flocken, die im Laufe der Monate zwar in ihrer Form ungefähr

bestehen blieben, aber deutlich die Reise vom Zentrum nach der

Peripherie mit derselben Geschwindigkeit machten, wie der Nebel selbst

sich ausbreitete. Auf den beiden Aufnahmen ist dieselbe Wolke mit einem

Kreise umgeben; durch Vergleichung mit den nebenstehenden Sternen sieht

man ihre Bewegung. Hier sah man also wirkliche, materielle, leuchtende

Massen, die mit voller Lichtgeschwindigkeit vom Mittelpunkte der

Katastrophe in den Weltraum hinausgeschleudert wurden.

Solche Kräfte waren physikalisch völlig unverständlich, solange man

das geheimnisvolle _Radium_ noch nicht kannte. Von diesem aber geht

bekanntlich ein Etwas beständig mit Lichtgeschwindigkeit aus, das,

mit andern Körpern zusammenstoßend, sie zum Leuchten bringt. Ich

habe hiervon auch schon in dem Kosmosbändchen vom Weltuntergang[6]

gesprochen. In den Weltkörpern, wie auch der Sonne, sind wahrscheinlich

größere Mengen von Radium vorhanden. War dies auch bei dem neuen

Stern im Perseus der Fall, so konnte nach seiner Zertrümmerung diese

»Emanation« des Radiums sich frei im Raume ausbreiten und erzeugte

dadurch diesen Nebel.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß unsere Sonne ganz ähnliche

Erscheinungen zeigen würde wie jener neue Stern, wenn ihr eine solche

Katastrophe zustieße. Ausgeschlossen ist dies keineswegs, da wir es ja

an andern ihr verwandten Sonnen am Himmel stattfinden sehen. Nur durch

eine noch weitere Vertiefung in die Organisation der Fixsternwelt,

von der die Sonne ein Teil ist, können wir einmal Auskunft darüber

erhalten, ob vielleicht der Bestand unseres Systems besonders geschützt

ist.

Das Aufflackern neuer Sterne gehört indes zu den seltensten

Erscheinungen am Himmel. Bis zur Entdeckung des Fernrohrs findet man

in den Annalen etwa 15 verzeichnet, von denen aber einige höchst

zweifelhaft sind. Unter ihnen ist die Erscheinung des »_Tychonischen

Sterns_« von 1572 die glänzendste überhaupt und übertraf auch den Stern

im Perseus noch bedeutend an Helligkeit. Der Stern erschien plötzlich

in der Kassiopeia und blieb mehrere Monate in der Helligkeit 1. Größe;

erst nach anderthalb Jahren verschwand er, das heißt, er war unter

die 6. Größe herabgesunken. Bei seiner Lichtabnahme wechselte er seine

Farbe von reinem Weiß durch Gelb zu Rot, benahm sich also ganz wie ein

glühender und erkaltender Körper. Solchen Farbenwechsel hat man auch an

andern neuen Sternen, aber nicht an allen, wahrgenommen, z. B. nicht an

der »Nova Persei«.

Sonne und Sterne · 第 6 / 8 段