Nach der Erfindung des Fernrohrs mehrten sich begreiflicherweise

die Entdeckungen neuer Sterne, aber auch in unserer Zeit erschienen

neue Sterne durchschnittlich nur alle 4--5 Jahre. Es ist auffallend,

daß fast alle diese Sterne ganz in der Nähe der Mittellinie des

Milchstraßengürtels auftauchten, da, wo sich die Sterne am dichtesten

zusammendrängen, also auch die größte Wahrscheinlichkeit für

Zusammenstöße vorliegt, die wir für diese Ereignisse voraussetzten.

Die wenigen neuen Sterne, die etwas weiter von der Milchstraße

aufleuchteten, zeigten auch ein besonderes Verhalten. Sie besaßen im

Spektrum keine leuchtenden Linien, die den Ausbruch glühender Gase

ankündigen, und man muß deshalb annehmen, daß ihr Auftreten durch eine

weniger extreme Katastrophe verursacht wurde. Nur die 1866 erschienene

Nova in der nördlichen Krone macht hiervon eine Ausnahme. Sie war

die erste, die spektroskopisch untersucht werden konnte, und zeigte

dabei helle Linien. Man vermutete auch in den ersten Tagen nach ihrem

Erscheinen, daß sie von einem Nebel umgeben sei.

Unter den neuerdings erschienenen neuen Sternen verdient noch zunächst

der von 1885 erwähnt zu werden, der mitten in dem Sternengewirr des

Andromedanebels aufleuchtete, und dann die Nova Aurigae von 1892, die

insofern sich von den übrigen unterschied, als ihr Licht nach einem

nicht beobachteten plötzlichen Aufflackern mehrere Monate lang mit

kleineren, unregelmäßigen Schwankungen ziemlich konstant blieb, um

dann sehr schnell wieder bis zur Unsichtbarkeit herabzusinken. Man

kann sich bei ihm die Erscheinung deshalb nicht durch einen einmaligen

Zusammenstoß mit einer festen Masse erklären. Seeliger meint, dieser

Stern und wahrscheinlich auch einige andere seinesgleichen seien mit

einer Wolke kosmischen Staubes, das heißt, mit großen Schwärmen von

Meteoriten zusammengetroffen, die auf ihn beständig herabregneten

und ihn dadurch zum Glühen brachten. Solange der Stern die Wolke

durcheilte, blieb deshalb seine Helligkeit mit geringen Schwankungen

ungefähr gleich, sank aber dann schnell herab, nachdem er sie

durchdrungen hatte.

An dem Nebelgebilde um den neuen Stern im Perseus erkennt man

deutlich, daß es sich spiralig zu winden trachtet. Wenn zwei Körper

nicht ganz zentral zusammenstoßen -- und ein seitlicher Stoß ist doch

immer wahrscheinlicher --, so müssen sie sich gegenseitig in Umdrehung

versetzen, so wie wir es an Billardkugeln sehen. Der beobachtete

schnelle Lichtwechsel deutete schon solche Umdrehung an, und der Nebel

führte sie nun vor Augen.

[Illustration: Spiralnebel in den Jagdhunden.

Photographische Aufnahme der Yerkes-Sternwarte.]

Derartige Nebel findet man nun noch in großer Zahl am Himmel, und bei

näherem Hinblick ist ihre spiralige Form in vielen Fällen zweifellos.

Der berühmteste unter ihnen ist der Spiralnebel in den _Jagdhunden_.

Wir konnten nach unsern Erfahrungen über den Stern im Perseus

wenigstens vermuten, daß diese andern Nebel einmal auf ähnliche Art

durch einen Zusammenstoß entstanden seien. Hier beim Nebel in den

Jagdhunden sieht man sogar die zweite Masse, die mit der Hauptmasse

zusammengestoßen zu sein scheint, noch am Ende der letzten Spirale,

als ob sie nun nach Erfüllung ihrer Aufgabe den Schauplatz der von ihr

hervorgerufenen Katastrophe wieder verlassen wollte.

Ganz Ähnliches sieht man an dem großen Nebel in der _Andromeda_, den

wir mehr von der Seite sehen als den in den Jagdhunden, aber wir

können auf der Photographie die einzelnen Windungen doch deutlich

unterscheiden. Hier befinden sich in der Lichtmasse überall besondere

Knoten, ähnlich wie sie der Nebel um den neuen Perseusstern aufwies.

[Illustration: Nebel in der Andromeda.

Photographische Aufnahme der Yerkes-Sternwarte.]

Wir können uns bei diesem Anblick der Verdichtungen in der kreisenden

Urmasse nicht des Gedankens erwehren, als hätten wir es hier mit

einem werdenden Sonnensystem zu tun, und als seien diese Lichtknoten

die Embryonen künftiger Planeten. So folgt einem schrecklichen

Weltuntergange, der zwei zusammenstoßende Massen in diese gewaltige

Wirbelbewegung versetzte, eine Neuentwicklung auf dem Fuße, ja, er war

der Anstoß zu einer Neubelebung der bis dahin dunkel und deshalb ohne

Lebensregung den Raum durchdringenden Masse. Der Tod ist ja stets der

Schöpfer neuen Lebens. Aber wir können hier diese interessanten Fragen

nur streifen.

[Illustration: Spiraliger Sternnebel.]

Noch eine andere Spirale ist hier abgebildet. In ihr trachtet die

Nebelmasse sich zu Sternen zu verdichten. Auch die außen befindlichen

Sterne zeigen zum Teil eine Anordnung, die die Vermutung zuläßt,

daß sie einmal zu der Spirale gehörten, nun aber schon längst alle

Nebelmasse in sich vereinigt haben. So sehen wir in den verschiedenen

Einzelobjekten eine Entwicklungsreihe der Weltenbildung vor uns.

[Illustration: Der Orionnebel.

Nach einer Orig.-Aufnahme des Harvard College-Observatoriums.]

Hier der berühmte _Orionnebel_. Wie wild ist die Materie darin

durcheinandergewürfelt! Hier hat man wirklich den Eindruck einer

gewaltigen Katastrophe, die die ungeheure Weltenwolke so zerzausen

konnte. Und dennoch ordnen sich auch in ihr schon die Massen zu

einer Spirale, von der dieser Nebel nur der innere Teil ist. Durch

den größten Teil des ausgedehnten Orionsternbildes schlingt sich eine

äußerst zarte Spirale. Der eigentliche Orionnebel befindet sich unter

den drei in gerader Linie stehenden Sternen des Jakobstabes oder

Gürtels.

[Illustration: Der Ringnebel in der Leier.

Nach einer photographischen Aufnahme.]

Allmählich werden sich die Spiralen zu Ringen zusammenzuziehen suchen.

Denn alles strebt zu vollkommenerer Ordnung. Der schönste dieser

Nebelringe ist der im Sternbilde der Leier. Es schien im Sinne unseres

Entwicklungsgedankens, den wir hier andeutungsweise verfolgten,

merkwürdig, daß das Innere dieses Ringes leer war. Denn überall in

den uns bekannten Systemen befindet sich eine Zentralkraft, die nötig

scheint, wenn sich die Materie zu regelmäßigen Formen verdichten soll.

Hier hat die Photographie abermals ein Rätsel gelöst. Sie allein zeigt

den vermißten Zentralstern. Der photographische Apparat reagiert ja

bekanntlich auf Lichtarten, die dem Auge auch in den besten Fernrohren

unsichtbar bleiben, auf das sogen. ultraviolette Licht. Der zentrale

Teil dieses Ringnebels sendet hauptsächlich nur solches Licht aus.

[Illustration: Nebel im Sternbild des Schwans.]

Es gibt am Himmel natürlich auch unregelmäßige Nebel, aber vielfach

zeigen auch sie in ihrer Gestalt Andeutungen von Vorgängen, die wir

bisher verfolgt haben. Man sehe sich den völlig zerrissenen Nebel im

Schwan an (S. 84). Ist es nicht, als ob ein Gigant des Weltraums eine

Tabakswolke ausgeblasen hätte? Hier muß doch etwas hindurchgefahren

sein, um die Materie so auseinanderzuzerren.

[Illustration: Der »Amerikanebel«.

Photographische Aufnahme von Prof. Wolf in Heidelberg.]

Die nächste Abbildung zeigt den sogen. »Amerikanebel«. Der in seiner

Gestalt Zentralamerika entsprechende Teil windet sich, als sei hier

der Anfang einer Spirale. Rings um den Nebel herum befindet sich, wie

überhaupt bei den meisten ähnlichen Gebilden, eine sternarme Region.

Es hat demnach den Anschein, als ob sich in dem Nebel die umgebende

Materie zu vereinigen trachte, um hier in den Weltenwerkstätten

gebührende Verwendung zu finden.

[Illustration: Nebelschleier im Perseus.

Aufgenommen von Prof. Wolf in Heidelberg.]

Aber nicht auf alle Nebelmassen am Himmel haben bereits solche

bewegenden Momente gewirkt. Vergleichen wir das Werden der Welten

mit dem eines Lebewesens, so haben wir den Zusammenstoß von zwei

Weltkörpern als den Akt der Befruchtung anzusehen, von dem an die

vereinigten, machtvoll sich durchdringenden Massen zu einer neuen

aufsteigenden Entwicklung gezwungen werden. Die aufflammenden

neuen Sterne sind dann die Hochzeitsfackeln eines schöpferischen

Weltenbundes. Aber so wie in der lebendigen Natur gibt es auch

noch unbefruchtete Weltmassen in den Himmelsräumen. Wiederum die

Photographie hat weit ausgedehnte äußerst zarte Nebelschleier entdeckt,

wie den hier abgebildeten im Perseus, den Wolf in Heidelberg am 15.

Oktober 1904 aufnahm. Hier befindet sich die Weltmaterie noch in

äußerst feiner Verteilung. Aus sich selbst heraus würde sie wohl

niemals bewegte und bewegende Welten erzeugen können. Sie wartet auf

ein glückliches Zusammentreffen mit einer andern Masse, etwa einer

erkalteten Sonne, die die im Weltenraum nutzlos verfliegenden Massen

um sich sammelt und kreisen läßt, einen neuen Stern, einen Spiralnebel

und schließlich ein neues Sonnensystem erzeugend.

[Illustration: Der Sternhaufen im Herkules.

Nach einer Originalaufnahme des Harvard College-Observatoriums.]

Es mag aber auch wohl kommen, daß solche Nebelmasse niemals den

weltenbildnerischen Anstoß findet. Dann muß sie sich aus ihrer

eigenen Kraft heraus fast unendlich langsam verdichten. Waren schon

ursprünglich die Massen ungleich verteilt, so bilden sich einzelne

Verdichtungsknoten. Jede Verdichtung erzeugt Wärme, der Nebel zerfällt

in eine Unzahl einzelner Sterne, er wird zu einem Sternhaufen; das sind

wundervolle Himmelsobjekte, funkelnd und leuchtend wie eine Handvoll

in die Nacht ausgestreuter Diamanten. Hier ist der Sternhaufen im

Herkules nach einer Originalaufnahme des Harvard College-Observatoriums

in Cambridge (V. St.) abgebildet, und weiterhin der große Sternhaufen

im Zentauren (S. 88). Wie drängen sich hier die Sterne zusammen, daß

sie in der Mitte nur zu einem einzigen Lichtschimmer zusammenfließen!

Wieviel Tausende von Sonnen umschließt wohl dieses kleinere Universum?

Wir selbst mit unserer Sonne sind ein Teil eines solchen Sternhaufens,

der aber alle andern Sternhaufen und überhaupt alle Himmelskörper in

sich faßt: der _Milchstraße_. Sie ist nach neuen Ansichten für uns

das Universum in seinem ganzen Umfange, und der matte Schimmer des

den Himmel umfassenden Ringes kommt von den äußersten Grenzen des

Weltgebäudes, die unsern Sinnen erreichbar sind.

[Illustration: Der große Sternhaufen im Zentauren.]

Dieser leuchtende Gürtel ist nichts für sich Bestehendes. Nur für

unser bloßes Auge scheint er am Himmelsgewölbe verschwimmende Grenzen

zu zeigen. In Wirklichkeit nimmt die Sternenfülle am Himmel ganz

allmählich von den Punkten, die am weitesten von dem Gürtel entfernt

sind, den Polen der Milchstraße, bis zu ihr hin zu. Das untenstehende

Diagramm veranschaulicht das. Es ist danach kein Zweifel, daß alle

Sterne, auch die einzeln über den Himmel verteilten, einer größeren

Vereinigung von Sternen, einem größeren Weltenkomplexe angehören,

wovon die eigentliche Milchstraße nur der am dichtesten gedrängte Teil

ist. Durch die Abbildung auf S. 54 haben wir schon einen Blick in

die Fülle geworfen, wie sie die photographische Platte uns enthüllt.

Wie viele Tausende von Sonnen, jede vielleicht von bewohnten Welten

umkreist, überschaut hier zugleich das erstaunte Auge! Überkommt uns

nicht eine weihevolle Stimmung, wenn wir bedenken, daß hier das Wohl

und Wehe von vielleicht ungezählten Millionen verwandter Seelen für uns

zusammenschmilzt in diese flimmernden Lichtpünktchen?

[Illustration:

Nördl. Pol Gegend der Südl. Pol

d. Milchstr. Milchstraße. d. Milchstr.

Diagramm der Sternendichtigkeit.]

Wie mag dieses allumfassende Universum wohl aufgebaut, organisiert

sein, welche Form hat es wohl? Für uns, die wir mitten innestehen,

ist es schwer, die eigentliche Form zu erkennen. Aber das sehen wir

wohl, die Sterne können nicht gleichmäßig darin verteilt sein wie in

den Sternhaufen. Schon aus dem bloßen Anblick des Milchstraßenzuges,

der Verzweigungen und Lücken zeigt, erkennen wir dies. Dann muß die

Form des Ganzen flach, etwa linsenartig sein, so daß die Schärfe der

Linse in der Mitte der Milchstraße liegt. Es stehen hier die meisten

Sterne für uns hintereinander und drängen sich deshalb nur scheinbar so

zusammen.

Die wahre Form der Milchstraße zu erkennen, ist begreiflicherweise

eine recht schwierige Aufgabe, weil wir uns mitten in ihr befinden.

Man stelle sich vor, wir wären zur Nachtzeit auf einem großen, freien

Platze, der überall mit Laternen besetzt ist. Wir sollen die Form

des Platzes ermitteln, ohne uns auf ihm oder gar über ihn erheben zu

können. Immerhin wird aber ein genaueres Studium der Verteilung der

Lichter uns wenigstens einigen Aufschluß geben können.

Man untersuchte also zunächst einmal die Verteilung des

Sternenreichtums über die Himmelsdecke hin und fand dabei wohl

zunächst die allgemeine Zunahme gegen die Milchstraße hin, aber doch

auch wieder besondere Anhäufungen von Sternen, die nicht mit der

»galaktischen« Mittellinie zusammenfielen. _Stratonoff_ hat neuerdings

interessante Untersuchungen über die Verteilung der Sterne der Bonner

Durchmusterung nach ihren verschiedenen Größenklassen angestellt. Er

findet dadurch, wieder unter der Annahme, daß die schwächeren Sterne

auch im allgemeinen die entfernteren sind, die wahre Verteilung der

Sterne im Raume in diesen verschiedenen Entfernungen. Dabei zeigt es

sich, daß zunächst die Sterne bis 6. Größe eine zum Milchstraßenzuge

symmetrische Anordnung haben. Die Sterne bis zur 6. Größe umschließen,

wenn ihr Licht genau mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt, etwa 13

»Sternweiten«, wie wir sie auf S. 56 erklärt haben. Nun aber ergaben

die entfernteren Sterne von 6. bis 8. Größe, die zwischen 13 und

25 Sternweiten liegen, deutlich zwei besondere Verdichtungen, die

etwas abseits von der Milchstraße liegen, die eine im Schwan, die

andere im Fuhrmann; am ausgeprägtesten ist die erstere. In dieser

Richtung zeigt auch die Milchstraße ihren höchsten Glanz, aber doch

nur für das bloße Auge, das hier die Gesamtwirkung des Sternenlichtes

empfängt. Als _Easton_, der seit langen Jahren die Milchstraße zu

seinem Spezialstudium gemacht hat, die allgemeine Helligkeit dieses

geheimnisvollen Gürtels mit der Sternverteilung darin verglich, fand

er, daß hier im Schwan nur die verhältnismäßig helleren, näheren

Sterne diese Helligkeit verursachten, während an anderen Stellen

mehr die kleineren Sterne durch ihre besonders große Zahl den Glanz

hervorriefen. Diese Wahrnehmung deutet offenbar darauf hin, daß ein

Sternenstrom von uns aus in der Richtung des Schwans sich erstreckt,

der sich wahrscheinlich mit der eigentlichen Milchstraße verbindet

und andererseits bis ganz in das Gebiet unserer Sonne reicht. Daß die

nahen und nächsten Sterne diese Anordnung nicht verraten, liegt an den

perspektivischen Verschiebungen, durch die sie scheinbar gleichmäßiger

über den Himmel verteilt werden. Wir haben es hier also mit einem

Arm der Milchstraße zu tun, dem alle helleren Sterne des Himmels mit

unserer Sonne selbst angehören. Ein zweiter, ähnlicher Arm liegt in der

Richtung des Fuhrmanns.

Die Milchstraße selbst zeigt sehr ungleiche Helligkeitsverteilung. Sie

besteht aus großen, sich scheinbar übereinander lagernden Lichtwolken.

Nimmt man alle Erfahrungen zusammen, so kommt man zu der Überzeugung,

daß die Milchstraße eine ungeheure Spirale bildet, die sich aber schon

zum größten Teil in einzelne Sterne und Sterngruppen aufgelöst hat,

und daß einer der Spiralwindungen, die aus dem zentralen Teile des

großen Weltkomplexes entspringt, die Sonne angehört. Der eigentliche

Mittelpunkt der Spirale befindet sich danach vielleicht 30--60

Sternweiten von uns in der Richtung des Schwans.

Man hatte lange geglaubt, die Stufenfolge der von uns noch übersehbaren

Welten gehe weit über unser Milchstraßensystem hinaus, und jene

Nebelflecke und Sternhaufen, die wir zwischen den Sternen verstreut

finden, seien vielleicht Milchstraßensysteme jenseits des unsrigen,

die wir deshalb in ihrer eigentlichen Form übersehen konnten. Die

Milchstraße mit ihren Millionen Sonnensystemen sei also auch wieder

nur eine Einheit unter vielen in der endlosen Kette des Weltenbaues.

Aber das genauere Studium jener Nebelflecke hat es namentlich durch

die neueren, epochemachenden Arbeiten des Heidelberger Astronomen

_Wolf_ kaum mehr zweifelhaft gemacht, daß auch diese in Form und Größe

so unendlich vielgestaltigen Himmelswesen organisch in das System

unserer Milchstraße gehören. Zunächst ist durch die Heidelberger

photographischen Aufnahmen erwiesen worden, daß die Zahl der Nebel

ganz erheblich größer ist, als man bisher annahm. In gewissen Gegenden

wimmelt es geradezu von kleinen Nebeln. Auf einer einzigen Platte, die

150 Minuten lang exponiert war und eine Himmelsfläche im Haupthaar der

Berenice von nur wenigen Quadratgraden umfaßt, fand Wolf nicht weniger

als 1528 kleine Nebelgebilde. Diese Gegend ist die nebelreichste am

Himmel, und hier liegt gerade der Pol der Milchstraße, das heißt, sie

befindet sich möglichst weit von dem Himmelsgürtel entfernt, wo die

Sterne sich am meisten zusammendrängen. Dies hat sich als ein nicht

zufälliges Zusammentreffen herausgestellt: Die Nebel nehmen über den

ganzen Himmel hin in demselben Maße an Zahl zu wie die Sterne abnehmen.

Das beweist aber ganz klar die Zusammengehörigkeit beider Arten von

Himmelskörpern. Wir können uns vorstellen, daß der Entwicklungsprozeß

unter den einzelnen Teilen des Milchstraßensystems an der Peripherie

des ursprünglichen Ringes am schnellsten vor sich gegangen ist, so

daß sich hier die Nebelmaterie fast vollständig zu Sternen, das

heißt Sonnen, verdichtet hat. Dies mochte um so eher geschehen, als

manches dafür spricht, daß die Sterne in der eigentlichen Milchstraße

durchschnittlich wirklich -- und nicht nur scheinbar wegen ihrer

Entfernung -- kleiner sind als die der inneren Teile des gewaltigen

Sternhaufens. Sie stehen deshalb wahrscheinlich einander auch

tatsächlich näher als der Durchschnitt, und die Berechnungen, die

von der Verteilung der Sterne nach ihren Größen auf ihre wirklichen

Entfernungen schließen wollen, geben deshalb, wie ich schon früher

erwähnte, wahrscheinlich doch wesentlich zu große Werte für die

Entfernungen der schwächsten Sterne. Wegen dieser Kleinheit konnten

sich diese Sterne der äußersten Windungen der Milchstraßenspirale

schneller kondensieren, früher zu fertigen Sonnen werden, als die

inneren Teile. Namentlich in der Umgebung der Achse des linsenförmigen

Raumes, den die Welt der Milchstraße einnimmt, also in der Gegend

ihrer Pole von uns aus gesehen, konnten sich andererseits ursprünglich

vorhandene Nebelgebilde am längsten ungestört erhalten, weil hier alles

die geringsten Bewegungen ausführt.

Wir finden hier in der Milchstraße als Ganzes eine Erscheinung

wieder, die die einzelnen Nebel oft in sehr auffälliger Weise zeigen,

daß nämlich in ihrer Umgebung sich deutlich sternarme Gegenden,

Sternwüsten, finden, die meist nur auf der einen Seite des Nebels

auftreten, so daß es den Eindruck macht, als habe der Nebel in seiner

Bewegung alle vorgefundene Materie mit sich vereint, oder es hätten

umgekehrt die Sterne in ihrer Bahn den Weltraum von diesen Nebelwolken

befreit.

Zu diesen bedeutsamen Beziehungen tritt nun noch eine weitere, die

gleichfalls Wolf gefunden hat. Alle elliptisch langgestreckten Nebel

und Sternhaufen von der Art des großen Andromedanebels zeigen die

Tendenz, ihre Längsachsen nach ein und derselben Richtung zu kehren,

und deuten dadurch ihren gemeinsamen Ursprung an.

Nehmen wir alle diese Tatsachen zusammen, so müssen wir mit hoher

Wahrscheinlichkeit alle überhaupt an unserem Himmel wahrnehmbaren

Körper, alle die einfachen und vielfachen Sterne, alle die Sternhaufen

und Nebelflecke, kurz alles in allem, was unserer menschlichen

Erkenntnis noch zugänglich ist, organisch als zur Milchstraße gehörig

ansehen; sie ist für uns das Universum in seinem ganzen, unseren Sinnen

zugänglichen Umfange. Jenseits ihres allumfassenden Sternenkreises

liegt die Grenze unseres menschlichen Wissens. Liegt dort aber auch das

absolute Nichts?

Ist das Milchstraßen-Universum wirklich eine Spirale, so muß eine

andere Masse, die von jenseits desselben herüber gekommen ist, die

kreisende Bewegung durch einen Zusammenstoß hervorgebracht haben. Es

muß sich also auch jenseits der Grenzen unserer direkten Erkenntnis

noch etwas befinden, und unser Universum muß doch wieder nur ein Teil

eines noch weit größeren sein, das sich unsern Sinnen vielleicht

ewig entzieht, in dem aber der für uns alles umfassende Spiralnebel

der Milchstraße abermals nur einer unter vielen ist. Es scheint

sogar, als ob wir jene andere Masse, die durch ihren Zusammenstoß den

Werdeprozeß dieses unseres Weltgebäudes und damit alle unsere Geschicke

einleitete, diese Masse, die das Weltall einst befruchtete, heute noch

am Himmel sehen könnten. Nicht weit vom Zuge der Milchstraße auf der

südlichen Himmelshälfte erkennt man zwei von ihr losgelöste leuchtende

Massen, die Magellanischen Wolken, von denen die größere nach einer

Originalaufnahme des Harvard College-Observatoriums hier abgebildet

ist. Sie sind durchaus zu vergleichen mit den Nebelknoten, die wir in

der Nähe gewisser Spiralnebel wahrnahmen, und die ganz so aussehen,

als ob sie ihre wirbelnde Bewegung verursacht hätten. Vielleicht also

ist diese himmlische Wolke hier der Vater alles Gewordenen. Denn

all unsere Lose lagen verteilt in jener Urmasse, und allem wurde

die Entwicklungsrichtung gegeben durch jenen ersten weltenbildenden

Zusammenstoß.

[Illustration: Die große Magellanische Wolke.

Nach einer Original-Aufnahme des Harvard College-Observatoriums.]

Unsere Lose fielen dabei zweifellos besonders günstig. Wir befinden

uns nahezu im Zentrum der Weltspirale. Schematisch mag unsere Stellung

im Weltall etwa durch untenstehende Zeichnung angedeutet werden, in

der die Milchstraße selbst, in Unkenntnis der Einzelheiten ihrer

spiraligen Struktur, als Ring dargestellt ist. In dem großen Ringe ist

noch ein kleinerer, die innere Spirale andeutend, eingezeichnet, und in

diesem die zentrale Verdichtung, der die größeren, uns näheren Sterne

angehören. Links am Rande dieser Mittelpartie ist dann die Lage unserer

Sonne anzunehmen. Der innere Kreis von Sonnen wäre dieser Ansicht

zufolge nach geringstem Maß etwa 300 Lichtjahre von uns entfernt,

der innere Rand der eigentlichen Milchstraße 1200 und ihre letzten

Grenzen 1800 Lichtjahre. Dort liegt das wirkliche Ende der Welt für

uns. Weiter kann ich den geneigten Leser nun nicht mehr führen. Unsere

Betrachtungen nehmen hier ein Ende.

[Illustration: Schematische Darstellung des Milchstraßen-Weltsystems.]

Mögen sie die Überzeugung geweckt haben, daß wir in einem wunderbaren

Weltorganismus leben, in dem alle Teile dem Ganzen ähnlich sind und

alles nach einem großen, einheitlichen Prinzip geordnet ist, und

daß alles, das Lebendige wie die leblose Natur und die ungeheuren

Weltkörper, in rastloser Fortentwicklung ein und demselben großen,

unerforschlichen Ziel entgegenstrebt.

Fußnoten:

[1] Der ganze Kreisbogen wird bekanntlich in 360° (Grade), 1°

in 60´ (Min.) und 1´ in 60´´ (Sek.) eingeteilt.

[2] Vgl. Gideon Riegler, Sonnen- und Mondfinsternisse. A.

Hartlebens Verlag, Wien und Leipzig.

[3] S. M. W. Meyer, Weltuntergang.

[4] Anmerkung. Alle Zahlenangaben sind heute sehr unzuverlässig

geworden, da durch die neuen photographischen Verfahren

beständig viele neue Entdeckungen gemacht werden. Neulich

teilte z. B. Wolf in Heidelberg die Auffindung von nicht

weniger als 35 veränderlichen Sternen allein im Orionnebel

mit. Ein bis 1900 fortgesetzter Katalog der Veränderlichen,

von Miß Cannon hergestellt, enthält 737 Nummern.

[5] Meyer, Weltschöpfung.

[6] Meyer, Weltuntergang.

Inhaltsverzeichnis.

(d. S. = der Sonne, d. St. = der Sterne).

Algoltypus 63

Alpha Zentauri 66

Alter d. S. 45, 46

Amerikanebel 85

Anbetung d. S. 6

Andromedanebel 82

Arbeitsleistung d. S. 14

Argelanders Sternkatalog 53

Arkturus 55, 73

Arm der Milchstraße 90

Bahnen der Doppelsterne 68

Bedeutung d. S. 6

Beta Aurigae 69, 70

Beta Lyrae 61

Bewegungen d. St. 71

Bolometer 13

Sonne und Sterne · 第 7 / 8 段