Wann wird sich wohl das Schicksal der Sonne vollendet haben? Es sind

Rechnungen darüber angestellt, aber sie konnten immer nur auf recht

unsicheren Grundlagen aufgebaut werden. Ein amerikanischer Theoretiker,

_See_, gab der Sonne nur eine Gesamtlebensdauer von 36 Millionen

Jahren, wovon ihr von heute ab aber nur noch 4 Millionen Jahre übrig

bleiben sollten. Das ist nach astronomischem Maße eine sehr geringe

Zeit, und auch die Forscher, welche die Geschichte der Erde aus ihren

steinernen Annalen in den Gebirgsschichten zu ergründen suchen, die

Geologen, glauben durchaus nicht mit so wenigen Millionen Jahren

auskommen zu können, um die Aufeinanderfolge der Vorzeitalter und die

Entwicklung des Lebendigen, wie auch die Ausgestaltung der Erdrinde,

zu erklären. Für die Eiszeiten allein beansprucht man bis zurück

an die Grenzen der Tertiärzeit eine halbe Million Jahre. Der große

englische Physiker _Sir William Thomson_ kommt schon zu etwas größeren

Zahlen. Er findet, daß die Sonne nach geringem Maße bereits etwa seit

hundert, nach höchstem aber seit fünfhundert Millionen Jahren die

Erde beschienen habe, und man kann demnach die noch übrig bleibende

Lebensdauer gegen jene doch geradezu beängstigend kurze Zeit von

Millionen Jahre verdrei- oder verfünffachen. So dürfen wir uns wohl

einstweilen noch ruhig schlafen legen in der Gewißheit, daß uns auch

morgen noch wie bisher die holde Sonne leuchten wird.

* * * * *

Haben wir uns im Vorangegangenen ein Bild von den gewaltigen Wirkungen

gemacht, die die Sonne hier bei uns auf der Erde allein ausübt, und

erfahren, daß doch nur etwa der zweitausendmillionste Teil _der_

Gesamtkraft der Sonne uns zukommt, die sie sonst in das Weltgebäude

hinausstrahlt, so mag uns wohl dieses Gestirn als das mächtigste von

allen erschienen sein, als das Herz des Universums, wie es _Kepler_

genannt hatte, gegen das alle andern Gestirne des Himmels nicht

nur scheinbar, sondern auch in Wirklichkeit verschwinden müßten.

Aber wenn das Tagesgestirn zur Neige geht und es tiefer und tiefer

dämmert, dann sehen wir, wie aus dem Himmelsäther ein Sternchen

nach dem andern hervorbricht, das heller und heller wird, bis vom

nächtlichen Firmamente Tausende und aber Tausende von Sternen uns aus

der Unendlichkeit entgegenstrahlen. Und jeder ist eine Sonne in seinem

Gebiete, ist das Herz seines Weltorganismus. Unsere Sonne aber ist nur

ein Individuum unter Millionen. Sie nimmt keinen höheren Wert ein im

Universum, als irgendein Einzelwesen in unserer Welt des Lebendigen.

Freilich, wenn dieses Einzelwesen uns ein lieber Mensch ist, der uns

nahesteht, so können die übrigen für uns um seinetwillen verschwinden,

und so dürfen wir wohl die Sonne lieben vor den Sternen als unsere

allsorgende Mutter im Weltgebäude.

Aber wir sollen uns doch auch um die übrige Sternenwelt kümmern. Es

soll uns interessieren, ihr Wesen, ihr gemeinsames Getriebe, ihre

Organisation kennenzulernen.

Zu allen Zeiten hat der gestirnte Himmel tiefe Andacht in die Gemüter

der Menschen gegossen. Man suchte die Ewigkeit hier oben hinter den

unveränderlichen Lichtern, die allabendlich aufsteigen in stillem,

unwandelbarem Zuge, zusammengefügt zu geheimnisvollen Bildern, zu einer

himmlischen Strahlenschrift, noch hieroglyphisch für uns, aber wir

fühlen, daß sie uns verkünden, wie es etwas Unvergängliches gibt über

all diesen irdischen Wirren und Irrungen.

Fand man das Rätsel der Sterne nicht, so legte man ihnen eigene

Gedanken unter und ordnete die Lichter zu Sternbildern. Das herrlichste

Sternbild unseres Himmels ist wohl der _Orion_, dem sagenhaften kühnen

Jäger gewidmet, den Zeus selbst an den Himmel versetzte (s. Abb. auf

S. 49). Es besteht hauptsächlich aus sieben hellen Sternen, von denen

die drei Sterne in der Mitte seinen Gürtel bedeuten; oben die beiden

Sterne sind die Schultern, unten die Füße. Der helle Stern rechts unten

heißt Rigel, der oben links Beteigeuze; er hat einen etwas rötlichen

Schein. Dem Jäger folgen seine Hunde. Den großen Hundstern, _Sirius_,

den hellsten Stern an unserem Himmel, findet man, wenn man die drei

Gürtelsterne, die man auch als Jakobsstab bezeichnet, durch eine Linie

verbindet und nach links verlängert. Tut man das gleiche mit den beiden

Schultersternen, so gelangt man ungefähr zu Prokyon, dem hellsten Stern

im kleinen Hund.

Der _Himmelswagen_ umfährt den Pol, ohne für uns jemals unterzugehen.

Wohl das bekannteste und auch deutlichste von allen Sternbildern. (Vgl.

den Sternenhimmel auf dem Umschlagbild.) Freilich, um in ihm einen

Bären zu erkennen -- es heißt bekanntlich auch der große Bär --, muß

man schon eine lebhaftere Phantasie besitzen. Die drei Deichselsterne

sind in diesem Falle der Schwanz. Verlängert man die Richtung der

beiden letzten Wagensterne, die Deichselsterne auf sich gerichtet

gedacht, nach links, so kommt man zum Polarstern, der wieder der letzte

Deichselstern des kleinen Wagens ist. Dieser Stern steht wenig mehr als

einen Grad vom Himmelspol entfernt und scheint deshalb für das bloße

Auge überhaupt unbeweglich immer an derselben Stelle des umschwingenden

Himmelsgewölbes stehen zu bleiben. Er war einst der Leitstern

der Seefahrer, der ihnen allein die feste Richtung auf der weiten

Wasserwüste geben konnte, um sich nicht rettungslos in ihr zu verlieren.

Noch zu vielen andern Sternbildern hat die Phantasie die Sterne

gruppiert und sie in ähnlicher Weise, wie hier angedeutet, durch

»Alignement« miteinander zur leichteren Orientierung verbunden.

Sind alle diese _Konstellationen_ nur ein Spiel des Zufalls und

die Sterne völlig regellos über das Himmelsgewölbe ausgestreut?

Gehören die Sterne, die der im menschlichen Geiste tief begründete

Drang zusammentut, der das Einzelne mit einem gemeinsamen Bande zu

verknüpfen trachtet, der Gesetz und Regel überall sucht, auch wirklich

zusammen, sind sie physisch und nicht nur für unsern Standpunkt optisch

miteinander verbunden?

Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir zunächst etwas über ihre

wirkliche, räumliche Verteilung wissen, wir müssen entscheiden

können, ob zum Beispiel von den Sternen des Himmelswagens einige

uns verhältnismäßig nahe, andere wieder ganz weit entfernt stehen,

so daß sie miteinander nicht mehr zu tun hätten, wie etwa ein Haus

ganz in unserer Nähe und eine ferne Turmspitze, die zufällig darüber

hinwegragt. Wir müssen notwendig etwas über die _Entfernungen der

Fixsterne_ erfahren.

[Illustration: Das Sternbild des Orion über einer Winterlandschaft.]

Da stellt es sich aber leider heraus, daß alle unsere feinsten

Meßmethoden versagen, gegenüber den an die praktische Unendlichkeit

ragenden Abständen dieser Weltkörper. Wenigstens ist die Möglichkeit

einer ganz ungefähren Ausmessung von Fixsternentfernungen die

Ausnahme. Ich habe schon S. 7 u. ff. erklärt, wie man die Entfernungen

unerreichbarer Objekte durch die perspektivische Verschiebung bestimmt,

die sie erleiden, wenn man sie von verschiedenen Standpunkten

betrachtet. Es zeigt sich aber, daß der Durchmesser der Erde, der

uns zur Ausmessung der Sonnenentfernung diente, längst nicht mehr

hinreicht, um auch nur die allergeringste Verschiebung eines Sternes

am Himmelsgewölbe hervorzubringen. Man mußte eine weit, weit größere

Basis anwenden und fand sie in der Erdbahn. Jedesmal nach einem halben

Jahre steht ja die Erde infolge ihres Umlaufs um die Sonne an 300

Millionen Kilometer von ihrem vorigen Orte im Weltall entfernt und

kehrt nach einem weiteren halben Jahre wieder zurück. Bei einer so

großen Lageveränderung der Gesichtslinie zu den Sternen hin sollte man

doch annehmen, daß sie im Laufe eines Jahres regelmäßige periodische

perspektivische Bewegungen zeigen müßten, die die kreisende

Bewegung der Erde widerspiegeln. Aber immer mehr wuchs das Staunen

über die ungeheuren Dimensionen des Weltgebäudes, als man auch solche

»_jährliche Parallaxe_« nur bei einigen Sternen entdeckte, da sie

trotz der ungeheuren Basis immer noch von äußerster Kleinheit blieb

und niemals eine Bogensekunde erreichte. Die größte Parallaxe zeigte

bisher der hellste Stern im südlichen Bilde des Zentauren, das bei uns

nicht sichtbar ist. Von diesem also, soviel wir wissen, uns am nächsten

stehenden Fixsterne erscheint der Weg von uns bis zur Sonne, rund 150

Millionen Kilometer, nur unter einem Winkel von 0,72 Bogensekunden. Ein

Markstück erschiene ebenso groß, wenn man es aus einer Entfernung von

acht Kilometern ansehen könnte. Es folgt daraus, daß jene uns nächste

Sonne rund 300000mal weiter von uns absteht als die unsrige, das

macht in Zahlen, für die wir zwar keine Begriffe haben, 43 Billionen

Kilometer. Das Licht, das bekanntlich 300000 Kilometer in einer Sekunde

zurücklegt, braucht 4½ Jahre, um von jenem Stern zu uns zu gelangen.

Wir sehen, daß wir bei der Ausmessung der Fixsternwelt uns nach einer

größeren Maßeinheit umsehen müssen, damit wir es nicht mit allzu

ungeheuren Zahlen zu tun haben. Man wählte dafür das _Lichtjahr_, das

heißt also die Strecke, die das Licht in einem Jahre durchläuft.

Die uns zweitnächste Sonne ist ein kleiner, mit dem bloßen Auge nicht

mehr sichtbarer Stern, den man nach einem betreffenden Sternverzeichnis

mit 21185 Lalande bezeichnet. Seine Parallaxe ist 0.48´´, danach

ist er 6.8 Lichtjahre von uns entfernt. Nach ihm folgt der berühmte

Doppelstern 61 im Schwan, den man ohne Fernrohr noch schwach erkennt.

Die Parallaxe ist 0.44´´, die Entfernung 7.4 Lichtjahre. Dann erst

kommt Sirius, der hellste Stern: Parallaxe 0.37´´, Entfernung 8.8

Lichtjahre. Von den hellen Sternen am Himmel stehen uns nur noch

Prokyon mit 11.6, Capella im Fuhrmann mit 15.5, Atair im Adler mit

16.3, Aldebaran im Stier mit 21.7 und Wega in der Leier mit 21.7

Lichtjahren nahe. Hierzu mag noch der nicht mehr zu den hellsten

Sternen zählende Polarstern treten, der 46 Lichtjahre von uns entfernt

ist.

Nur etwa zwei Dutzend hat man unter den bisher untersuchten Sternen

herausgefunden, die merkliche Parallaxen haben, alle andern erwiesen

sich für unsere Meßinstrumente unendlich weit entfernt oder zeigten

doch nur so kleine Parallaxen, daß sie wegen der unvermeidlichen

Beobachtungsfehler nur als ganz unsichere Bestimmungen gelten können.

Freilich konnten nur verhältnismäßig wenig Sterne überhaupt auf etwaige

Parallaxen hin untersucht werden, weil dies eine sehr langwierige

Arbeit ist, die sich, wie man aus dem Vorangegangenen wohl ersieht,

über mindestens ein Jahr erstrecken muß. Begreiflicherweise wählt man

zunächst die helleren Sterne für solche Untersuchung aus, weil man

vermuten darf, daß diese auch die nähern sind. Im besondern trifft

diese Vermutung indes durchaus nicht immer zu: Es gibt sehr helle

Sterne, die keine Parallaxe zeigen, zum Beispiel Rigel, dann Spika in

der Jungfrau, Regulus im Löwen. Andererseits hat man ganz unscheinbare

Sterne entdeckt, die man längst mit dem bloßen Auge nicht mehr sehen

kann und die uns doch verhältnismäßig nahe stehen. Es sind vielleicht

16 bis 18. Das ist natürlich nur eine sehr geringe Zahl unter den

übrigen kleinen Sternen, die bisher keine Parallaxe verraten haben.

Aus diesen Ergebnissen allein kann man also schon entnehmen, daß die

helleren Sterne zwar im großen und ganzen wohl auch die näheren sind,

im besonderen aber auch starke Abweichungen von dieser Regel vorkommen.

Wir werden auch aus anderen Gesichtspunkten eine Bestätigung hierfür in

der Folge finden.

Hier sollte zunächst nur einmal ein Bild von der unermeßlichen Größe

der Welt gegeben werden, in die wir uns nun weiter vertiefen wollen.

Man wird es angesichts dieser ungeheuern Entfernungen begreifen,

daß selbst in den stärksten Fernrohren alle Fixsterne ohne Ausnahme

völlig durchmesserlos nur als leuchtende Punkte erscheinen. Sie

könnten ja Sonnen sein, zehn- und mehrmal größer als die unsrige,

und müßten doch selbst unter den stärksten Vergrößerungen zu

Punkten zusammenschrumpfen: Ja, je besser ein Fernrohr ist, desto

kleiner erscheinen darin die Sterne. Denn die kleinen Scheiben,

als die man sie wirklich im Fernrohr sieht, sind nur eine Folge

einer gewissen ungehörigen Lichtbrechung, der Diffraktion, die um

so mehr verschwindet, je größer und je genauer geschliffen die

Objektivgläser sind. Allerdings erscheinen uns trotz ihrer faktischen

Durchmesserlosigkeit die Sterne doch um so heller, je größer die

verwendeten Gläser sind. Ein Fernrohr ist ja wie ein Trichter, der

alles oben durch die Objektivöffnung eindringende Licht so weit

zusammendrängt, daß es unten durch das Okular hindurch in unsere

Augenöffnung, die Pupille, gelangen kann.

Wenn man deshalb von der Größe der Sterne redet, so meint man damit

nur ihre verschiedene Helligkeit. Hiernach teilt man also die Sterne

in Größenklassen ein. Die Abgrenzung dieser Klassen ist zunächst

willkürlich. Man rechnet gewöhnlich die 20 hellsten Sterne zur ersten

Größenklasse. Genauer wird angenommen, daß ein Stern 2½mal heller ist,

wenn er eine Größenklasse vor dem andern steht. Danach ist α Crucis

genau 1. Größe; Wega ist 2,3mal und Sirius fast 11mal heller als ein

normaler Stern 1. Größe.

Größenklassen und entsprechende Helligkeitswerte der 20 hellsten Sterne:

| Gr. | H.

Sirius |-1,6 |11,0

Canopus |-0,9 | 5,8

α Zentauri | 0,1 | 2,3

Wega | 0,1 | 2,3

Capella | 0,2 | 2,1

Arkturus | 0,2 | 2,1

Rigel | 0,3 | 1,9

Prokyon | 0,5 | 1,6

Cuhernar | 0,6 | 1,4

Beteigeuze (veränd.) | 0,9 | 1,1

β Zentauri | 0,9 | 1,1

Atair | 0,9 | 1,1

α Crucis | 1,0 | 1,0

Aldebaran | 1,1 | 0,9

Spika | 1,2 | 0,8

Pollux | 1,2 | 0,8

Antares | 1,2 | 0,8

Fomalhaut | 1,3 | 0,8

Deneb | 1,3 | 0,8

Regulus | 1,3 | 0,7

Der zweiten Größe gehören etwa 50 Sterne am ganzen Himmel beider

Hemisphären an. Dann folgt die dritte Größe mit bereits 200, die vierte

mit 600, die fünfte mit etwa 1200 und die sechste mit 3600 Sternen.

Damit sind wir an der Grenze der Sterne angekommen, die ein gutes Auge

unter günstigen Bedingungen noch unbewaffnet sehen kann. Es sind dies

also gar nicht so sehr viele. Gleichzeitig wird man am Himmel wohl

kaum jemals mehr als zweitausend Sterne zählen können. Diese Zahl

erscheint überraschend klein. Die unzählbare Menge von Sternen ist ja

sprichwörtlich.

Wie unzulänglich aber unser bloßes Auge ist und wie unendlich das

Fernrohr unsern Blick geweitet hat hinaus in eine unermeßlich

große Welt von Welten, das erkennen wir, wenn wir nun weiter die

Sternenfülle überblicken, die die machtvoll alle Himmelsräume

durchdringenden Sehwerkzeuge unserer Zeit dem Auge erschließen. Schon

in verhältnismäßig kleinen Fernrohren könnte man eine halbe Million

Sterne zählen, wieviel aber in unsern mächtigsten Teleskopen unsern

Blicken noch zugänglich werden, darüber werden selbst die Schätzungen

ganz unsicher. Viele meinen, es würden etwa 50 Millionen sein, andere

wollen sich mit der doppelten Zahl noch nicht begnügen. Fünfzig

Millionen Sonnenwelten wie die unsrige! Welche über alle Maße gewaltige

Fülle von Kraft und Arbeit, von aufstrebendem Kampf und Glückseligkeit

können diese Sonnen hervorbringen, wenn sie vom Schlage der unsrigen

sind! Das zu ergründen, soll unser Ziel sein.

Eine außerordentlich langwierige Arbeit war es begreiflicherweise,

diese Sternenfülle zu mappieren, um über etwaige Veränderungen, über

das Verschwinden oder das Neuauftreten und über Ortsveränderungen der

Sterne etwas erfahren zu können. Solange man noch keine Fernrohre

besaß, ging dies noch an. So konnte schon im zweiten Jahrhundert vor

Christus der alexandrinische Astronom _Hipparch_ einen Katalog von 1080

Sternen entwerfen, der also so ziemlich alle für ihn sichtbaren Sterne

enthielt, wenn man von den schwächsten absieht. Ein solcher Katalog muß

natürlich auch die Positionen der Objekte angeben. Die bloße Anordnung

nach den Sternbildern genügte bald nicht mehr. Man teilte deshalb schon

früh die Himmelskugel durch Kreise ab, wie man es mit dem Erdglobus

tut, und ebenso wie durch die geographische Länge und Breite ein

beliebiger Punkt auf der Erde festgelegt ist, geschieht dies am Himmel

durch die beiden Koordinaten der Rektaszension und Deklination. Die

Fundamentalebene beider Systeme ist die des Äquators, der sich durch

den Erdumschwung in der täglichen Bewegung der Gestirne abspiegelt.

Der Nullpunkt, von dem die Rektaszensionen gezählt werden, ist der

Punkt des Äquators, den die Sonne zu Frühlingsanfang passiert: Der

Frühlingspunkt, oder kurz das Äquinoktium genannt.

Nach der Erfindung des Fernrohrs, das zugleich auch als Meßinstrument

für die Bestimmung der Lage der Sterne dient, wuchs natürlich der

Umfang dieser Sternkataloge gewaltig, und die ganze sichtbare

Sternenfülle war auf diese Weise überhaupt nicht mehr zu bewältigen.

Der bedeutendste dieser Kataloge ist der von _Argelander_, der fast

sein ganzes langes Leben dieser Riesenaufgabe widmete. Er bestimmte die

genauen Örter von 33811 Sternen und genäherte Örter von 324188 Sternen.

Diese sogenannte »_Bonner Durchmusterung_ des Himmels« enthält vom

Nordpol bis 2 Grad südlicher Deklination fast alle Sterne bis zur 9.

Größe. Die Arbeit ist später auf der südlichen Halbkugel fortgesetzt.

Das Argelandersche Riesenwerk erschien um die Mitte des vorigen

Jahrhunderts. In den letzten Jahrzehnten hat eine internationale

Vereinigung von Astronomen als »Katalog der Astronomischen

Gesellschaft« ein ähnliches, noch umfassenderes Werk unternommen, das

seiner Vollendung entgegengeht. Auf Grund dieser Kataloge sind dann

auch Sternkarten hergestellt, von denen wieder die Bonner die weitaus

vollständigsten sind.

Aber es wäre natürlich ein ganz unerfüllbares Verlangen gewesen, alle

die vielleicht hundert und mehr Millionen Sterne auf die erwähnte Weise

genau zu mappieren, wenn hier nicht die Photographie zu Hilfe gekommen

wäre. Sie gestattet es, Sterne ihrer gegenseitigen Lage nach genau zu

fixieren, die selbst in den lichtstärksten Fernrohren nicht mehr direkt

sichtbar sind. Man kann ja die Expositionszeit beliebig verlängern,

um durch Summierung der Lichtwirkung selbst die allerschwächsten aus

einer praktischen Unendlichkeit herüberflimmernden Lichtstrahlen

sich mechanisch selbst aufzeichnen zu lassen. Man sehe sich die

nebenbei abgebildete kleine Partie des Himmels im Sternbild des

Schwans, allerdings mitten in der Milchstraße, an. Alle diese Sterne

zeichneten sich auf nur _einer_ photographischen Platte in wenigen

Stunden auf. Wäre es überhaupt denkbar, wenn auch durch eine Arbeit von

Jahren, diese Sterne messend oder durch Einzeichnen auf einer Karte

mit annähernd ähnlicher Genauigkeit festzulegen, so daß man einmal

nach Jahren sagen könnte, hier sei einer wirklich hinzugekommen oder

verschwunden? Unter diesen Sternen auf der Platte ist längst keiner

mehr mit bloßem Auge und sind vielleicht nur einige hundert mit den

besten Fernrohren zu sehen.

[Illustration: Ein Teil der Milchstraße im Schwan.

Nach einer photographischen Daueraufnahme.]

Bei diesen gewaltigen Vorteilen der photographischen Mappierung

haben sich im September 1887 eine Reihe von Astronomen in Paris

zusammengefunden, die gemeinsam auf ihren über den ganzen Erdball

verteilten Sternwarten nach einem einheitlichen Plan eine vollständige

photographische Karte des Himmels herstellen. Diese wird über 20

Millionen Sterne enthalten, von denen 3 Millionen auf den Platten ihrer

Lage nach ausgemessen werden sollen, um daraus einen Riesenkatalog

herzustellen. Es wird wohl noch mindestens ein Jahrhundert hingehen,

ehe die Arbeit vollendet ist.

Wir haben gesehen, daß die Anzahl der Sterne sehr bedeutend mit der

Abnahme ihrer Helligkeit zunimmt. Dies wird ohne weiteres niemand

merkwürdig finden: Überall in der Welt ist das Kleinere zahlreicher als

das Große. Aber wir können doch noch etwas mehr aus dieser Tatsache

entnehmen. Wir müssen doch voraussetzen, daß nicht alle Sterne, die uns

so schwach leuchten, wirklich auch dunkler und kleiner seien, sondern

in den meisten Fällen werden sie nur durch ihre Entfernung so viel

kleiner erscheinen. Ihre Helligkeit gibt uns also unter Umständen etwas

über ihre Entfernung an, und da wir sonst nur in ganz vereinzelten

Fällen darüber etwas erfahren konnten, müssen wir diese Gelegenheit,

so gut es eben geht, ergreifen, um über die räumliche Verteilung der

Sterne etwas Allgemeineres kennenzulernen.

Würden wir zum Beispiel voraussetzen können, alle Sterne wären gleich

groß und besäßen die Helligkeit der Sonne, so würde die Vergleichung

der scheinbaren Helligkeiten direkt auch die wirkliche Entfernung

ergeben, denn diese Helligkeit nimmt mit dem Quadrat der Entfernung

ab. Wir können also schließen, daß Sirius, der 4¼mal heller leuchtet

als Wega, uns noch einmal so nahe stehen müsse als dieser Stern, wenn

beide in Wirklichkeit die gleiche Leuchtkraft besitzen. Nach den

Parallaxmessungen ist in der Tat Wega 2½mal weiter von uns entfernt

als Sirius. Beide Sonnen scheinen also wirklich etwa gleich groß zu

sein. Wie sich freilich ihre Größe gegen die Sonne verhält, können wir

hieraus noch nicht entnehmen, wir müßten dazu die scheinbare Helligkeit

dieser beiden Sterne gegen die der Sonne abschätzen können, was sehr

schwierig ist. Wir werden aber später noch einen Weg kennen lernen,

auf dem man wenigstens für einige Sterne etwas über ihre wahre Größe

ermitteln kann; man fand dann meist, daß diese fernen Sonnen auch in

dieser Hinsicht von der unsrigen nicht allzu verschieden sein können.

Aber es gibt hiervon zweifellose Ausnahmen. So gehört zum Beispiel

Arkturus zu den hellsten Sternen, während er eine so geringe

Parallaxe zeigt, daß seine Entfernung sehr viel größer sein muß als

durchschnittlich bei Sternen seiner Helligkeit. Er ist also auch in

Wirklichkeit eine sehr große oder doch ungewöhnlich hell leuchtende

Sonne. Andererseits haben wir gesehen, wie es recht kleine Sterne von

9. Größe gibt, die deutliche Parallaxen besitzen und uns also relativ

nahe stehen. Das müssen ungewöhnlich kleine oder doch ungewöhnlich

schwach leuchtende Sonnen sein.

Aber im allgemeinen müssen wir, wie gesagt, doch wohl annehmen,

daß die schwächeren Sterne durchschnittlich auch die entfernteren

seien. Dann entsprechen den verschiedenen Größenklassen der Sterne

verschiedene Tiefen, in denen sie sich befinden. Die photometrische

Vergleichung der Größenklassen ergibt also zugleich ihre relativen

Abstände. Solche Vergleichungen haben nun gezeigt, daß jede tiefere

Größenklasse etwa 2½mal weniger Licht besitzt als die höhere, daß also

ein Durchschnittsstern 3. Größe 2½mal schwächer leuchtet als einer

der 2. Größe. Hiernach haben zum Beispiel die Sterne 10. Größe nur

noch 0.00025 des Lichtes von Wega, dem Normalsterne 1. Größe. Nach

dem Gesetz von der quadratischen Abnahme des Lichtes haben wir also

aus dieser Zahl nur die Quadratwurzel zu ziehen, um unter unserer

Annahme zu erfahren, daß diese Sterne 10. Größe, die noch längst

nicht zu den schwächsten gehören, etwa 64mal weiter von uns abstehen

müssen als durchschnittlich ein Stern 1. Größe. Nehmen wir für diese

letztere Durchschnittsentfernung 15 Lichtjahre oder rund 1 Million

Sonnenentfernungen, eine sogen. _Sternweite_, so würde sich ergeben,

daß das Licht der Sterne 10. Größe schon etwa tausend Jahre braucht, um

zu uns zu gelangen. Für die schwächsten in Fernrohren noch sichtbaren

Sterne findet man so an zehntausend und mehr Jahre.

Aber hier hat die Rechnung doch wohl ein Loch. Es scheint, daß diese am

schwächsten leuchtenden Sterne, die zum größten Teil die Milchstraße

bilden, wirklich auch kleiner sind als der Durchschnitt, und daß man

sie also doch in wesentlich größerer Nähe vermuten muß. Außerdem ist

es kaum anders möglich, als daß auch der Weltraum mit einem sehr

dünnen, lichtabsorbierenden Stoffe erfüllt ist, ähnlich wie die Luft

unserer Atmosphäre, und daß also auch dadurch die Sterne scheinbar in

eine größere Entfernung gerückt werden, als ihnen wirklich zukommt.

Aus manchen noch weiter dazukommenden Gründen meint man deshalb

annehmen zu dürfen, daß die letzten, allerfernsten Sterne, die unsere

optischen Mittel noch erreichen können, etwa »nur« 2000 Lichtjahre

von uns abstehen. Dies ist der ungeheure Umfang des Gesichtskreises

für unsere folgenden Betrachtungen. In Zahlen ausgedrückt, die uns

aber keine Begriffe geben können, mißt danach die ganze Welt, soweit

wir sie noch sinnlich wahrnehmen können, nach jeder Richtung hin rund

zwanzigtausend Billionen Kilometer (20000000000000000 km) oder 130

Millionen Sonnenentfernungen oder »Sternweiten«. Dies ist nach aller

Wahrscheinlichkeit ein allergeringstes Maß.

Sonne und Sterne · 第 4 / 8 段