das schwerste von allen bekannten Stoffen, ist in beständigem Zerfall
begriffen. Es schleudert eine »Emanation« aus, die zugleich leuchtet
und Wärme abgibt und endlich auch negativ elektrisch geladen ist. Diese
Emanation scheint aus allerkleinsten »Uratomen« zu bestehen, aus denen
sich die chemischen Atome dann wieder zusammensetzen. So bildete sich
wahrscheinlich das Helium aus dem Radium. Vielleicht ist das Koronium
noch ein Zwischenprodukt bei dieser Wiederzusammensetzung. Befinden
sich nun aber jene elektrisch geladenen Uratome, die »Elektronen«, in
der Korona, so müssen sie sich zu jenen »Kraftlinien« ordnen, wie sie
die äußerste Sonnenhülle wirklich aufweist.
Ein anderer, bisher geheimnisvoller Zusammenhang findet gleichfalls
durch die oben entwickelte Annahme seine Aufklärung. Es zeigt sich
nämlich eine ganz unzweifelhafte Übereinstimmung der Sonnentätigkeit
mit dem wechselnden magnetischen Zustand der Erde. Die Magnetnadel
weist bekanntlich nicht nach den eigentlichen geometrischen, sondern
den davon um mehr als zehn Grad entfernt gelegenen magnetischen
Polen. Diese haben aber auf der Erde keine unveränderliche Lage,
sondern bewegen sich in gesetzmäßiger Weise langsam weiter, die
magnetischen Elemente jedes Ortes ändern sich beständig. Außerdem
nimmt man nun an der Magnetnadel, wenn man sie sehr genau beobachtet,
plötzlich Schwankungen wahr, die sich innerhalb Tagen oder selbst
Stunden abspielen. Sie beweisen, daß unser Planet zeitweilig von
elektro-magnetischen Strömen, den sogen. Erdströmen, durchflossen wird,
wozu der Anlaß in der Erde selbst nicht vorhanden sein kann. Solche
Erdströme drängen sich auch in unsere Telegraphenleitungen, die ja
bekanntlich mit der Erde in direkter Verbindung stehen. Sind zwei ferne
Orte miteinander durch den Draht verbunden, der auf beiden Stationen in
die Erde mündet, so treten in diesem Draht oft selbständige elektrische
Ströme auf, die viel stärker sind als die der Telegraphenbatterien
und deshalb alle Verständigung zwischen jenen Orten unmöglich machen.
Wir können die Erscheinung selbst vergleichend etwa so darstellen:
Wir denken uns die Erde mit einem Meer von zunächst ausgeglichener,
das heißt unwirksamer Elektrizität erfüllt und betrachten den Draht
als eine lange Röhre, die an beiden Enden in dieses Meer eintaucht,
wie eine Heberröhre im Wasser. Nun hebt sich an dem einen Orte dieses
durch einen Sturm gepeitschte elektro-magnetische Meer, und dann
drängt sich die Flüssigkeit durch die Röhre nach dem andern Orte des
niedrigeren Niveaustandes hin. Wegen dieses Vergleiches nennt man diese
Erscheinungen, welche die Telegraphenapparate und Magnetnadeln in
nervöse Zuckungen versetzen, auch _magnetische Stürme_.
Was rührt sie auf? Was kann jenes im allgemeinen ganz ruhige
elektrische Meer im Erdinnern in so mächtige Schwankungen versetzen?
Wie ich schon vorhin sagte: Auf der Erde selbst ist diese Kraft nicht
zu finden, wir müssen nach kosmischen Ursachen dafür suchen.
[Illustration: Polarlicht.]
Gleichzeitig nun mit diesen magnetischen Stürmen leuchten die
geheimnisvollen _Polarlichter_ auf, die ihren Sitz in den höchsten
Regionen unserer Atmosphäre haben, wo das Irdische direkt an den
Kosmos grenzt. In unseren Breiten sehen wir diese herrlichste aller
atmosphärischen Erscheinungen nur sehr selten und auch dann immer nur
einen schwachen Abglanz davon. Sie drängen sich zu beiden Seiten des
Erdballes um die magnetischen Pole. Man erlaube mir, eine Schilderung
Nansens davon wiederzugeben.
»Jetzt breitet das Nordlicht über das Himmelsgewölbe seinen glitzernden
Silberschleier aus, der sich nun in Gelb, nun in Grün, nun in Rot
verwandelt; er breitet sich aus und zieht sich wieder zusammen in
ruheloser Veränderung, um sich dann in wehende vielfarbige Bänder
von blitzendem Silber zu teilen, über die wellenförmige glitzernde
Strahlen dahinschießen; dann verschwindet die Pracht. Im nächsten
Augenblicke erschimmert sie in Flammenzungen gerade im Zenit, dann
wieder schießt ein heller Strahl vom Horizont gerade empor, bis das
Ganze im Mondschein fortschmilzt. Es ist, als ob man den Seufzer eines
verschwindenden Geistes vernähme. Hier und dort sind noch einige
wehende Lichtstrahlen, unbestimmt wie eine Vorahnung -- sie sind der
Staub von dem glänzenden Gewande des Nordlichts. Aber jetzt nimmt es
wieder zu, es schießen weitere Blitze empor, und das endlose Spiel
beginnt aufs neue. Und während der ganzen Zeit diese Totenstille,
eindrucksvoll wie eine Symphonie der Unendlichkeit.«
Soweit der große Polarforscher. Und wenn nun dort oben am Firmamente
diese Wunderstrahlen zwischen den Sternen hinschießen, so zucken
fast genau zu gleicher Zeit und überhaupt so, daß man den engsten
Zusammenhang ohne weiteres erkennt, alle Magnetnadeln der Erde. Schießt
zum Beispiel ein Strahl von Süden nach Norden über unsern Häuptern hin,
so weicht kurz vorher die Nadel nach Westen ab, um sich nach Osten zu
wenden, wenn der Strahl vorübergehuscht ist.
Nun ist aber noch ein anderer, ganz und gar wunderbarer Zusammenhang in
dieser Reihe von Erscheinungen zu erkennen. Gleichzeitig wiederum mit
diesen Polarlichtern und magnetischen Stürmen, die man gemeinsam als
magnetische Gewitter, die Polarlichter also als ihre Blitze auffassen
kann, zieht sehr häufig ein besonders großer Sonnenfleck gerade über
die Mitte der leuchtenden Scheibe, so daß er seinen Trichterschlund
unserer Erde zuwendet. Nicht immer zwar wirkt ein Sonnenfleck in dieser
Lage in solcher Weise. Die Sonne zeigte oft sehr große Flecke, ohne daß
sich die Magnetnadel merklich rührte und umgekehrt. Im Jahre 1903 trat
zum Beispiel am 12. Oktober ein Fleck auf, der in den dreißig Jahren
vorher nur von fünf oder sechs seinesgleichen an Größe übertroffen
wurde; die Magnetnadel wurde damals, als der Fleck sich gerade uns
zuwandte, zwar unruhig, aber lange nicht so sehr, wie etwa zwei Wochen
später, als am 31. Oktober der größte magnetische Sturm auftrat, der in
diesen selben dreißig Jahren beobachtet wurde. Die Magnetnadel schlug
damals um mehr als 200 Bogenminuten aus. Auch zu dieser Zeit war uns
ein Sonnenfleck zugekehrt, aber er gehörte nicht zu den größten. Wir
müssen also annehmen, daß die Flecke selbst diese Fernwirkung auf die
Erde nicht ausüben, sondern daß noch etwas hinzukommen muß.
Unsere bisher gesammelten Kenntnisse von der Sonne geben uns einen
deutlichen Hinweis zur Lösung des Rätsels. Freilich müssen wir
deswegen eine zunächst außerordentlich kühn erscheinende Annahme
machen, nämlich die, daß die Sonnenflecke aus dem Innern der Sonne
etwas bis zur Erde hinüberschleudern, über einen leeren Raum von
fast 150 Millionen Kilometern hinweg. Jene Elektronen, in die sich
das Radium auflöst, und die nach unserer Ansicht die eigentümliche
Struktur der Koronastrahlen erzeugen, verlassen die Sonne durch jene
Trichterschlünde, und zwar nicht ganz geradlinig, wie ja die Korona
mit ihren oft stark gekrümmten Strahlen zeigt. Deshalb gelangen
nicht immer aus uns gerade zugewandten Flecken solche Elektronen in
einer der Größe des Fleckes entsprechenden Menge zu uns. Treffen nun
ähnliche elektrisch geladene kleinste Teilchen auf sehr verdünnte Gase,
so zeigen sich genau die Erscheinungen, wie wir sie am Polarlicht
wahrnehmen, und dieses erscheint ausschließlich wieder nur in jenen
höchsten Atmosphärenschichten, wo solche verdünnten Gase vorhanden
sind. Kann man noch daran zweifeln, daß wir wirklich in solchen
Augenblicken von der Sonne mit diesen elektrischen Projektilen
bombardiert werden? Wo ganz besonders viele die Erde treffen, da wird
das elektrische Meer in ihrem Innern zu jenen Stürmen aufgewühlt, und
es entsteht jener Überdruck, der die Erdströme fließen läßt, und wenn
dann die Telegraphenapparate über ganze Kontinente hinweg fortwährend
klappern, so greift die Sonne ganz direkt über jene ungeheuren Räume
hinweg auf die Taster, um uns durch eine kosmische Telegraphie ohne
Draht mitzuteilen, daß ihren Körper wieder gewaltige Revolutionen
durchwühlen, die auch unser Schicksal beeinflussen werden. Unsere
Polarlichter sind Koronastrahlen, die von der Sonne bis zur Erde
hinüberreichen und uns also direkt mit unserm Zentralgestirn verbinden.
Die Korona aber kann man andererseits als das Polarlicht der Sonne
bezeichnen, denn ihre Strahlen ordnen sich in ganz derselben Weise um
die Pole der Sonne wie die »Korona« des Polarlichtes um unsere Pole.
Nicht nur Licht und Wärme, sondern selbst wirkliche Materie, die ja
jene Elektronen, zwar in feinster Verteilung, sind, sendet uns die
Sonne zu. Man ist sogar der Meinung, daß die geringen Mengen freien
Wasserstoffs, die sich in unserer Atmosphäre befinden und die unmöglich
irdischen Ursprungs sein können, auf diesem selben Wege uns von der
Sonne zugeschleudert werden.
Haben wir hier einen direkten Einfluß der Sonnenflecke auf irdische
Zustände und Vorgänge feststellen können, so finden nun auch noch
gewisse allgemeinere Beziehungen statt. Zunächst wird es nicht
wundernehmen, daß auch die langsamen, jährlichen Schwankungen der
Magnetnadel mit den Schwankungen der Fleckenhäufigkeit parallel
gehen. Ich gebe hier die beiden zugehörigen Kurven wieder, wie sie
Rudolf Wolf, der diesen Zusammenhang aufdeckte, seinerzeit für den
Zeitraum von 1745--1875 aufgestellt hat. Die obere Linie gilt für die
Sonnenflecke, die untere für die Abweichungen der Magnetnadel. Man
sieht, die Übereinstimmung ist vollkommen.
[Illustration: Rud. Wolfs Kurven der Sonnentätigkeit und der
Abweichungen der Magnetnadel.]
Begreiflicherweise hat man schon sehr bald nach der Entdeckung der
Fleckenperiode nach deren _klimatischen Einflüssen_ geforscht. Wenn
die Sonne durch ihre Bedeckung mit Flecken weniger leuchtet, so sollte
sie wohl auch weniger wärmen, und die Jahre der Fleckenmaxima müßten
also kälter sein. In dieser Hinsicht ergab zunächst die direkte
Beobachtung, daß von den Flecken wirklich wesentlich weniger Wärme
ausstrahlt, als von der übrigen Sonnenoberfläche, nach Langley nur
54%. Da nun gelegentlich so große Gebiete von Sonnenflecken verdunkelt
werden, daß sie mit dem bloßen Auge zu erkennen sind, so begreift
man, daß ein merklicher Prozentsatz der gesamten Wärmestrahlung der
Sonne dadurch verloren gehen kann. Direkte Messungen der etwa dadurch
hervorgebrachten Temperaturschwankungen auf der Erde sind wegen
der vielen lokalen Einflüsse auf die meteorologischen Verhältnisse
schwierig anzustellen, aber sie scheinen doch zu bestätigen, daß die
Gesamttemperatur der Erdatmosphäre wirklich vom Fleckenminimum zum
Maximum um etwa einen Grad schwankt. Bedenkt man, daß ausgerechnet
worden ist, es bedürfe keiner größeren Temperaturerniedrigung als 3--5
Grad, um jene Eiszeiten zu erklären, die die Grenze des ewigen Schnees
in unseren Alpenregionen um mehr als tausend Meter herabdrückten und
ganz Norddeutschland durch von Skandinavien sich herüberwälzende
Gletscher unter einer mehrere hundert Meter dicken Eisdecke begruben,
so wird man es begreiflich finden, daß die Fleckenperiode auf eine
ganze Reihe meteorologischer Vorgänge, namentlich auf das Vorrücken der
Gletscher, merklichen Einfluß gewinnen kann.
Es zeigen sich nun wirklich solche Schwankungen der Gletscher, die aber
nicht eine Periode von etwas mehr als elf Jahren, sondern eine dreimal
längere von rund 35 Jahren haben. Dies gerade ist eine sehr schöne
Bestätigung des gesuchten Zusammenhanges, weil man eigentlich erst
nachträglich fand, daß auch in der Sonnentätigkeit dieselbe dreifach
längere Periode hervortritt, daß also immer jede dritte Fleckenperiode
ganz besonders zahlreiche und große Flecke hervorbringt. So sehen wir
also die Eisströme in den einsamen Alpentälern zurückgedrängt und
wieder vorgeschoben in demselben Rhythmus, wie dort auf der Sonne
die fleckenerzeugenden Sturmperioden kommen und gehen. Kann es eine
eindrucksvollere Tatsache geben, um die bis in das Tiefste wurzelnde
Abhängigkeit des Erdenlebens von dem mütterlichen Zentralgestirn zu
illustrieren?
Die Gletscherschwankungen beweisen schon an sich, daß mit ihnen
gleichzeitig die Niederschlagsmengen veränderlich sein müssen, denn
von diesen hängt ja der Vorstoß der Gletscher unmittelbar ab. Nun hat
in der Tat _Brückner_ auch direkt in diesen Niederschlagsmengen die
Periode von 35 Jahren wiedererkannt. Namentlich zeigt sich dies darin,
daß die großen Binnenseen, die die Sammelbecken der Niederschläge über
Länderstrecken von kontinentaler Ausdehnung sind, wie zum Beispiel
der Kaspisee, innerhalb dieser Periode die Höhe ihres Wasserstandes
regelmäßig verändern.
Nachdem wir nun gesehen haben, daß sich drei der gewöhnlichen Perioden
von etwas mehr als 11 Jahren jedesmal zu einem größere Maximum
vereinigen, kann man sich fragen, ob es nicht noch längere Perioden von
Hunderten oder gar Tausenden von Jahren mit noch größeren Schwankungen
der Sonnenstrahlen gibt, die dann vielleicht verantwortlich gemacht
werden könnten für die gewaltigen Klimaschwankungen der Eiszeiten,
die ihre Spuren rings um die Erde herum zurückgelassen haben, wie die
neuere Forschung zweifellos erwies. Es traten mindestens vier große
Eiszeiten ein, zwischen denen immer wieder wärmere Perioden lagen,
aber es scheint sogar, daß innerhalb jeder dieser Kälteperioden, die
möglicherweise etwa hunderttausend Jahre anhielt, wieder kleinere
Schwankungen stattfanden, vielleicht von einigen zwanzigtausend
Jahren. Kann man also dieses geheimnisvolle Eiszeitphänomen durch eine
entsprechend schwankende Sonnentätigkeit erklären? In neuerer Zeit,
seit man die Spuren der Eiszeiten selbst in den Gebirgen der Tropen
fand, neigt man dieser Ansicht immer mehr zu. Wir haben ja schon
vorhin gesehen, daß es nur einer Temperaturerniedrigung von etwa 3 bis
höchstens 5 Grad bedürfte, um ein andauerndes Vorrücken der Gletscher
zu veranlassen, die dann die Tiefebenen wie zur Eiszeit ausfüllen
müßten. Da sich nun gegenwärtig bei einem gewöhnlichen Fleckenmaximum
die Temperatur der Atmosphäre um etwa einen Grad zu erniedrigen
scheint, so brauchten also nur drei- bis fünfmal mehr Sonnenflecke zu
erscheinen, um uns eine neue Eiszeit zu bringen.
Hier ist nun eine auch erst in jüngster Zeit bekannt gewordene
Beobachtungstatsache von größter Wichtigkeit. Langley, jener schon
mehrfach erwähnte amerikanische Sonnenforscher, hat durch langjährige,
außerordentlich sorgfältige Untersuchungen festgestellt, daß die
Sonnenkonstante, jene Zahl, welche die Gesamtwärmestrahlung der
Sonne ausdrückt, auch unabhängig vom Fleckenphänomen beträchtlichen
Schwankungen von langer Dauer unterworfen ist und namentlich letzthin
so beträchtlich abgenommen hat, daß man daraus auf eine Abnahme der uns
zustrahlenden Gesamtwärme von 7 Grad schließen müßte. Hielte diese an,
so hätten wir das Hereinbrechen einer neuen Eiszeit zu gewärtigen. Aber
die Beobachtungen hierüber müssen noch vervollständigt werden.
Da wir nun gesehen haben, wie tief in unsere Schicksale die Vorgänge
auf der Sonne eingreifen, so interessiert uns um so mehr die Frage
nach deren inneren Ursachen. Wie entstehen die Sonnenflecke und die
anderen Erscheinungen auf der Sonnenoberfläche, und warum wechselt die
Sonnentätigkeit in diesen doch nur ungefähr innegehaltenen kleineren
und größeren Perioden?
Die Entstehung eines Fleckes kann man vergleichsweise auf dieselben
meteorologischen Vorgänge zurückführen, die bei uns die Wirbelstürme
erzeugen. Obgleich die Sonnenluft aus metallischen Gasen von etwa
8000 Grad Hitze besteht, so kann es doch auch dort Gebiete geben, die
sich aus irgend einem Grunde besonders abgekühlt haben, so daß aus
andern Gebieten die Luft ausgleichend herbeiströmt, wodurch dann in
Verbindung mit der Sonnenrotation Wirbel leicht entstehen. Hier kann
auch die metallische Luft, ganz ebenso wie bei uns die wasserhaltige,
sich zur tropfbaren Form verdichten, es kann aus den Sonnenwolken etwa
flüssiges Eisen niederregnen. Auch in der Sonne müssen die tieferen
Schichten heißer sein als die dem kalten Weltraum näher liegenden.
Deshalb werden die in diese tieferen Schichten niederfallenden
metallischen Regentropfen sich dort wieder in Dämpfe auflösen.
In den Regenwolken, aus denen es noch nicht herabregnet, geschieht bei
uns dasselbe; sie verdunsten bereits wieder in der wärmeren unteren
Luft, ehe sie die Erdoberfläche erreichen können. In einer gewissen
Tiefe aber scheinen sich auf der Sonne die Kondensationsprodukte doch
schon so weit angesammelt zu haben, daß sie eine vielleicht noch sehr
dünne, feuerflüssige Schale bilden, die wieder, wegen der zu großen
Hitze in den noch tieferen Schichten, über dem sonst gasförmigen
Sonneninnern schwebt, als eine immerwährend sich bildende und zugleich
wieder unten auflösende Haut. Die Sonne wäre dann durchaus mit einer
Seifenblase zu vergleichen. Nun wissen wir weiter, daß die Sonne aus
sich selbst, durch ihre Verdichtung, fortwährend in ihrem Innern neue
Wärme erzeugen muß. Da wird dann ein Zeitpunkt eintreten, in dem die
innere Wärme die flüssige Haut nicht mehr dulden kann, so daß sie
zerreißt: ein Sonnenfleck entsteht in der Atmosphäre über dieser
Stelle, und aus ihm werden die Massen des innern Sonnenballes hoch
empor geworfen, wir sehen die Protuberanzen aufsteigen. Die Fackeln
dagegen, meist früher auftretend als die Flecke, sind Stellen, unter
denen jene für uns unsichtbare Sonnenhaut besonders heiß ist und
deshalb aufzuplatzen droht. Heiße Luftströmungen steigen von ihr
empor und wölben die hier besonders weißglühende Photosphäre auf.
Wird die heiße aufsteigende Strömung stark genug, so durchbricht sie
die Photosphäre, und ein Fleck entsteht. In diesen ergießen sich
die umgebenden weniger heißen Photosphärengase, wobei dann durch
Regenbildung in dem geschilderten Sinne eine Abkühlung entstehen muß.
Zwischen der beständig neue Wärme erzeugenden Verdichtungsarbeit im
Innern der Sonne und der von außen eindringenden Kälte des Weltraums,
die immer wieder Kondensationen, also die angenommene flüssige Haut,
hervorbringt, entsteht nun ein Widerspiel, das in mancher Hinsicht
mit den intermittierenden Geisererscheinungen zu vergleichen ist.
Eine ganze Weile kann der Druck in diesen Geisern das Wasser überhitzt
erhalten, ohne daß es siedet; weil aber von unten immer neue Wärme
zuströmt, muß doch endlich der Siedeprozeß, und zwar zuerst unten,
beginnen, und der entwickelte Wasserdampf schleudert nun alles darüber
befindliche Wasser mit hinaus. Das Spiel wiederholt sich bekanntlich
bei den meisten dieser Geiser in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen.
Ich meine nun, man könnte die Sonnenflecke mit ihren Protuberanzen als
Geiser von kosmischen Dimensionen betrachten, deren Hauptausbrüche sich
alle elf Jahre wiederholen, weil immer innerhalb dieses Zeitraumes
die im Innern erzeugte Sonnenwärme sich so weit gesteigert hat, daß
die sich unter der flüssigen Decke neu bildenden Gase sich gewaltsam
befreien müssen. Ist dann der Ausgleich eingetreten, so kann wieder
eine Zeitlang die Verdichtungsarbeit ziemlich ungestört fortschreiten
und die zerrissene Haut des glühenden Balles neubilden, bis schließlich
wieder die eingeschlossenen Gase durchbrechen, und so weiter.
Alle diese urgewaltigen Revolutionen im glühenden Mutterherzen der
Sonne ziehen ihre Kinder, die Planeten, in Mitleidenschaft. Jene
besondere Unruhe der Sonnenatmosphäre, die wir in den Fleckenbildungen
wahrnahmen, teilt sich auch der irdischen Atmosphäre mit, und würde ein
Beobachter außerhalb der Erde einen unserer Wirbelstürme betrachten,
er müßte ihn in allen Teilen einem Sonnenfleck sehr ähnlich finden.
Es ist außerordentlich bedeutsam, zu sehen, wie das Naturgeschehen in
den verschiedensten Stufen des Weltbaues sich oft so ganz wunderbar
gleicht. Überall arbeiten dieselben Kräfte mit derselben Materie, nur
die Größenverhältnisse ändern sich.
Angesichts dieser völligen Abhängigkeit unseres Daseins von der
Sonne müssen wir nun die Frage wiederholen, die wir schon am Anfang
unserer Betrachtungen aufwarfen, ob wohl diese Quelle des Lebens
völlig unerschöpflich sei, oder ob mit ihrem Versiegen einstmals
der Untergang alles Irdischen bevorstehe? Ich habe schon in einem
andern Bändchen dieser Sammlung, das die verschiedenen Möglichkeiten
eines Weltunterganges behandelt, diese Frage von der Lebensdauer der
Sonnenkraft erörtert, weshalb ich mich hier kurz fassen will.
Nichts ist in der Welt unerschöpflich und ewig. Auch die Sonne muß
einmal erlöschen. Die Erscheinungen der Sonnenflecke sind der erste
Anfang zu dieser absteigenden Entwicklung. Aber wir sehen auch, wie
eine Gegenwirkung vorhanden ist, die immer wieder dem Überhandnehmen
der Flecke Einhalt gebietet. Es steckt noch eine ganz ungeheure Menge
von Lebenskraft im Körper der Sonne, und ihr Wärmevorrat vermehrt
sich noch immer durch ihre Verdichtungsarbeit. Man ist im Zweifel
darüber, ob diese Wärmeerzeugung nicht vielleicht noch bedeutender
ist als der Wärmeverlust durch die Ausstrahlung in den Weltraum. Es
ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Sonne gegenwärtig noch
beständig wärmer wird. Aber immerwährend kann das doch nicht anhalten.
Die Wärmeerzeugung im Innern der Sonne ist abhängig von dem Grade, bis
zu dem sie ihre Materie noch zusammenzuziehen vermag. Nachdem sie eine
gewisse Dichtigkeit erreicht hat, kann sie sich nur noch abkühlen,
und dieser Abkühlung ist ihrerseits keine Schranke gesetzt. Man hat
ausgerechnet, daß die Sonne durch ihre Ausstrahlung jährlich um 3 Grad
kälter werden müßte. Wären also jene Wärmeeinnahmen nicht vorhanden, so
müßte unser Zentralgestirn schon nach etwa 3000 Jahren seinen ganzen
Wärmevorrat ausgegeben haben, oder umgekehrt müßte es vor 3000 Jahren
etwa auf die Helden von Troja noch einmal so heiß herabgeschienen haben
wie heute. Es findet also ein Ausgleich statt, die Sonne ist eine gute
Haushälterin, sie sorgt dafür, daß Einnahmen und Ausgaben sich, soviel
wir erkennen, genau die Wage halten. Die Fleckenperiode ist offenbar
eine Folge solcher pulsierenden Ausgleichsbewegungen.
Aber schließlich muß doch die Zahl und Größe der Flecke mehr und mehr
zunehmen; immer größere Gebiete der Sonnenoberfläche werden zeitweilig
verdunkelt werden, und das alternde Gestirn wird dann außer der
elfjährigen Periode seiner Lichtschwankungen noch eine viel kürzere
zeigen, wenigstens für einen bestimmten Standpunkt im Weltall, je
nachdem es in seiner Umdrehung um sich selbst die mit Flecken besetzte
oder die reinere Seite einer bestimmten Richtung zukehrt. Die Sonne
wird ein veränderlicher Stern geworden sein. Über der flüssigen Haut
unter ihrer Atmosphäre wird eine festere entstehen, und schließlich
wird die Sonne ein dunkler Stern werden.