Zum näheren Verständnis dieser Vorgänge müssen wir die eigentümliche

Periodizität aller dieser Erscheinungen, die sich auch in einer ganzen

Reihe von Vorgängen auf der Erde widerspiegeln, ins Auge fassen.

Die Sonne ist nicht zu allen Zeiten durchschnittlich gleich stark mit

Flecken besetzt. Es gibt Jahre, in denen sie wirklich als Sinnbild

der Makellosigkeit gelten kann, in andern Jahren dagegen bricht

ein Fleck nach dem andern auf, und die ganze Sonnenoberfläche zeigt

dann eine besondere Unruhe. Aus Aufzeichnungen, die bis in die Zeit

der ersten Anwendung des Fernrohrs auf die Himmelsbeobachtung (1610)

zurückreichen, fand _Rudolf Wolf_ in Zürich, daß immer nach 11,11

(11¹/₉) Jahren ganz besonders viele Sonnenflecke auftreten, freilich

so, daß das Maximum auch einmal selbst bis zu zwei Jahren früher

oder später eintreten kann. Von einer astronomischen Genauigkeit

ist hier also keine Rede. Charakteristisch ist es ferner für die

Fleckentätigkeit, daß die Zeit vom Minimum zum Maximum deutlich

kürzer ist als zurück vom Maximum zur größten Fleckenreinheit. Die

erstere Zeit beträgt etwa 5,1, die andere 6,0 Jahre (nach den von

_Wolfer_ revidierten Wolfschen Untersuchungen der Sonnentätigkeit von

1610--1874). Diese Ungleichheit entspricht der allgemein auftretenden

Erscheinung, daß eine Störung immer schneller hereinbricht, als sie

wieder zu beseitigen ist.

Parallel mit diesen Schwankungen der Sonnentätigkeit geht nun auch die

eigentümliche Verteilung der Flecke über die Oberfläche des glühenden

Balles. Da sich dieser, worauf wir noch näher zurückkommen, um seine

Achse dreht, so kann man auf ihm geometrisch einen Äquator, Breiten-

und Längengrade unterscheiden, wie auf der Erde, und also auch in bezug

auf diese das Fleckenphänomen studieren. Es fand sich dabei, daß Flecke

nur in einer äquatorialen Zone häufig auftreten; schon jenseits einer

Breite von 33 Grad nördlich und südlich sind Flecke sehr selten, über

42 Grad werden keine mehr beobachtet. Die den Polen näher kommenden

Flecke scheinen besonderen Umständen ihre Existenz zu verdanken, da sie

von dem Verlauf der oben erwähnten Periode mehr oder weniger unabhängig

sind. Aber auch wieder auf dem Äquator selbst und in seiner nächsten

Umgebung sind die Flecke seltener. Nach Beobachtungen in Greenwich,

die sich über die Jahre 1874 bis 1902 erstrecken, verläuft nun das

Fleckenphänomen folgendermaßen: Das Bild auf Seite 27 veranschaulicht

diese Verhältnisse. Während der Zeit des Minimums zeigen sich Flecke

in einer Zone, die nicht über 18 Grad Breite zu beiden Seiten reicht.

Der Beginn der neuen Tätigkeit kündigt sich dann durch das Auftreten

von Flecken in höheren Breiten bei etwa 30 Grad an, so daß zwischen

dieser Zone und dem äquatorialen Gürtel ein fast fleckenfreier Raum

vorhanden ist. Die neu beginnende Tätigkeit steht also in keinem

direkten Zusammenhange mit der alten, die sich auf jenen Äquatorgürtel

zurückgezogen hatte. Die Zone der größten Fleckenhäufigkeit rückt nun

aber in immer niederere Breiten, bis sich schließlich die neue Zone

mit der alten vereinigt, so daß das Maximum der Sonnentätigkeit etwa

auf 15 Grad Breite fällt. So wiederholt sich das Spiel regelmäßig.

Aber überall zeigen sich auch wieder Abweichungen, so daß man zur

Aufstellung eines festen Gesetzes nicht gelangen kann. Auch auf beiden

Hemisphären der Sonne scheint die Fleckenfrequenz ungleich zu sein.

Während der vorhin angegebenen Beobachtungsperiode war die südliche

Halbkugel »fruchtbarer« als die nördliche. In bezug auf die Verteilung

nach den Längengraden scheinen gleichfalls gewisse Gegenden, ja

bestimmte Punkte für die Fleckenbildung begünstigt zu sein. Dieser

Umstand ist sehr beachtenswert, da er darauf hindeutet, daß im Innern

der Sonne doch schon irgendwie festere Regionen vorhanden sein müssen,

welche allein nur die Ursachen von Störungen sein können, die eben

immer wieder an diesen selben Punkten auftreten.

[Illustration: Verteilung der Sonnenflecke:

1. Kurz vor dem Minimum. 2. Kurz nach dem Minimum. 3. Vor dem Maximum.

4. Im Maximum. 5. Nach dem Maximum.]

Für uns wandern die Flecke ziemlich schnell über die Sonne hin, weil

diese sich in etwa 25½ Tagen einmal um sich selbst dreht. Die genaue

Ermittlung dieser Rotationszeit ist Schwierigkeiten unterworfen, weil

die Flecke, deren Bewegung man zu diesem Zwecke beobachten muß,

immer starke Eigenbewegungen haben, die nur von den sturmartigen

Vorgängen, unter denen sie offenbar entstehen, abhängen. Es können

deshalb verschiedene Flecke einer Gruppe auch verschieden schnell

über die Sonnenscheibe hinziehen, ja es ist die Regel, daß sich eine

Gruppe in der Richtung der Rotationsbewegung, also in einem Parallel,

auseinanderzieht. Dabei findet nun aber meist eine Abweichung in dem

Sinne statt, daß auf der nördlichen Halbkugel die Flecke mehr nach

Nordosten, auf der südlichen dagegen nach Südosten gedrängt werden.

Dies ist besonders interessant, weil es dem auch auf der Erde für die

Zyklone geltenden Rotationsgesetze entspricht. Die Erscheinung rührt

daher, daß die Umdrehungsgeschwindigkeit einer Kugel vom Äquator,

wo sie am größten ist, bis zu den ruhenden Polen abnimmt. In höhere

Breiten übergehende Luftströmungen kommen daher dort mit einer

Geschwindigkeit an, die größer ist, als die in jenen Regionen normal

herrschende; der Widerstand, den ihre ursprüngliche Geschwindigkeit

hier findet, wird dadurch die Veranlassung zu einer in dem angegebenen

Sinne umbiegenden Wirbelbewegung.

Diese Verhältnisse machten es schwer, die Eigenbewegung der Flecke

von der wirklichen Rotationszeit zu trennen, und eine Reihe von

Beobachtern kam deshalb zu dem Schlusse, die normale Umdrehungszeit der

Sonnenoberfläche nehme regelmäßig vom Äquator zu den Polen ab. Dabei

ist die Rotations_zeit_ von der Rotations_geschwindigkeit_ wohl zu

unterscheiden; erstere muß natürlich bei einem festen Körper überall

dieselbe sein. Für die Sonne dagegen schien sie vom Äquator bis zur

Grenze der Fleckenzonen von 25 auf 28 Tage abzunehmen. Beruht dies auch

vielleicht auf Irrtum, so scheint doch die eigentliche Äquatorzone

der oberen Sonnenatmosphäre in der Tat den übrigen Teilen beständig

vorauszueilen. Man hat gemeint, daß die Ursache davon vielleicht das

einstmalige Herabstürzen eines Nebelringes gewesen sei, der vordem die

Sonne umgab. In einem andern Bändchen dieser Sammlung, das sich mit

der Frage eines möglichen Weltunterganges beschäftigt,[3] habe ich die

Auflösung und Wiedervereinigung von Planeten mit ihrem Zentralkörper

entsprechend geschildert. Ein Planet, der sich durch die allgemeinen

Widerstände im Weltraume seiner Sonne zu sehr nähert, wird von ihr in

einzelne Teile zerbröckelt, die sich über seine Bahn zu einem Ringe

ausbreiten. Durch die Hitze des Sonnenkörpers werden die Bröckelchen

in Gasform aufgelöst, und als Nebelring vereinigt sich der Planet

endlich wieder mit seinem Mutterkörper. Nach den allgemeinen Gesetzen

der Planetenbewegungen mußte solch ein Ring schneller umlaufen, als die

Sonne gegenwärtig sich um sich selbst dreht. Sein Aufsturz würde also

die Äquatorgegenden in der Tat beschleunigen. Alles dies sind natürlich

rein hypothetische Kombinationen.

Ganz denselben Gesetzmäßigkeiten, wie wir sie hier an den Flecken

wahrgenommen haben, begegnen wir nun auch bei den Fackeln, jenen

hellsten Stellen der Sonnenoberfläche, die meist die Flecke

umgeben, aber sehr häufig auch selbständig auftreten. Das Gebiet

der Sonnenoberfläche, das von den Fackeln eingenommen wird, ist

im allgemeinen bedeutend größer als das von Flecken besetzte, und

diese Fackeln sind auch beständiger als die Flecke. Wolfer hat

Fackelgruppen nicht so selten beobachtet, die während mehr als acht

Umdrehungsperioden wiederkehrten, indem sie nur jene Eigenbewegungen

ausführten, wie sie schon bei den Flecken beschrieben wurden.

Sonnenflecke sieht man nur in seltenen Fällen während drei oder vier

Rotationsperioden wiederkehren, freilich bestand in einem einzelnen

Falle auch einmal ein Fleck 18 Monate lang. Die Fackeln sind gleich

den Flecken innerhalb derselben Zone am häufigsten; auch sie kommen

in den Polargegenden nicht vor. Sie zeigen ebenfalls die elfjährige

Periode. Dies alles beweist, daß beide Erscheinungen auf das engste

zusammengehören. Dennoch können Fackeln durch mehrere Rotationsperioden

bestehen, ohne daß sich aus ihnen ein Fleck entwickelt. Man sieht

Flecke über Fackeln scheinbar ohne Zusammenhang mit ihnen ausgestreut.

Wir wollen uns hier zunächst darauf beschränken, die Tatsachen der

Beobachtung anzuführen. Die ursächlichen Beziehungen können wir

erst ins Auge fassen, wenn wir alle hierher gehörigen Erscheinungen

überblicken.

Ähnliches wie von den Flecken und Fackeln gilt auch von den

Protuberanzen, doch mit einer wesentlichen Einschränkung. Die

spektroskopische Untersuchung, auf deren Resultate über die Sonne

wir noch im besonderen zurückkommen, hat gezeigt, daß es zwei sehr

verschiedene Arten von Protuberanzen gibt, von denen die einen in

der Hauptsache nur Wasserstoff und Helium enthalten, die andern aber

Metalldämpfe, aus denen die Photosphäre der Sonne besteht. In jenen

werden also die Stoffe emporgeschleudert, welche die höheren Schichten

der Sonnenhülle, die Chromosphäre, bilden, die andern stehen in

Beziehung zu der tieferen Photosphäre.

[Illustration: Protuberanzen am Sonnenrande. Die Sonne selbst ist durch

den Mond verfinstert.]

Die sehr zahlreichen Wasserstoff-Protuberanzen zeigen keinen

hervorstechenden Zusammenhang mit den Flecken und Fackeln. Man

beobachtet sie am ganzen Sonnenrande bis zu den Polen hin, wenngleich

ihre Ausdehnung und Größe doch auch an die Regionen der allgemeinen

größeren Sonnentätigkeit gebunden ist. Dagegen stehen die metallischen

Protuberanzen in deutlicher Beziehung zu den Fackeln und Flecken.

Wolfer teilt mit, daß von »315 metallischen Protuberanzen, die in

39 Rotationsperioden beobachtet waren, 274, d. h. fast 90%, in

Fleckengruppen oder doch deren nächster Nähe lagen, 27 oder 10% in

Fackelgruppen, die keine Flecke enthielten, und nur 14 oder etwa 5%

erschienen gänzlich unabhängig von Flecken- und Fackelbildungen.«

Wir dürfen also wohl annehmen, daß die Wasserstoff-Protuberanzen

zunächst ihr Entstehen nur Vorgängen verdanken, die sich innerhalb der

Chromosphäre abspielen, während die metallischen Protuberanzen ihre

Ursache mit den Flecken und Fackeln zugleich im Innern der Sonne haben.

Über der Chromosphäre breitet sich die Korona, die trotz vieler

vergeblichen Versuche, sie unter gewöhnlichen Umständen beobachten

zu können, sich unsern Blicken nur in den wenigen Minuten einer

totalen Finsternis enthüllt. Ihr Wesen ist deshalb noch immer recht

geheimnisvoll geblieben. Sie besteht aus breiten Strahlenbüscheln, die

sich oft um mehr als einen Sonnendurchmesser in den Raum erstrecken,

aber nicht immer geradlinig, sondern namentlich um die Pole herum

in eigentümlich gesetzmäßiger Weise gekrümmt. Die kräftigsten

Ausläufer gehen auch bei diesem Phänomen wieder von den Gegenden

der größten Sonnentätigkeit aus, aber feinere Strahlen umgeben

auch die Pole selbst. Die Anordnung der Strahlen entspricht genau

sogenannten magnetischen Kraftlinien, wie sie zum Beispiel durch

Eisenstäbchen um einen Magnetpol markiert werden. Auch unsere Erde

besitzt gewissermaßen Koronastrahlen, die Polarlichter, die ihre

Strahlen in ganz entsprechender Weise verteilen. Wir werden weiterhin

sehen, daß ein innerer Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen,

jener solaren und dieser irdischen, existiert. In neuerer Zeit ist

eine Beziehung zwischen der wechselnden Form der Korona und der

Fleckenperiode nachgewiesen worden. Zur Zeit des Minimums gehen die

Koronastrahlen mehr von der Äquatorgegend aus, während an den Polen

jene Kraftlinien nicht auftreten; diese erscheinen erst bei erhöhter

Sonnentätigkeit, wobei die Äquatorstrahlen dann geringer werden. Wir

sehen hieraus deutlich, wie die elektrische Ladung der Sonne sich

steigert bei jenen ungeheuren Stürmen, die die Flecke erzeugen. Nach

diesem Fleckenausbruch, der wie eine alle elf Jahre wiederkehrende

Krankheit die Sonne befällt, entspannen sich wieder die elektrischen

Kräfte, und die von ihnen erzeugte eigentümliche Gruppierung der

Koronastrahlen verliert sich. Daß auch die Korona in unmittelbarem

Zusammenhange mit den Flecken steht, zeigte sich in ganz augenfälliger

Weise während der totalen Finsternis vom 18. Mai 1901. Man sah damals

von einer bestimmten Stelle des verfinsterten Sonnenrandes ein weit

ausgedehntes Strahlenbüschel, an dessen Basis sich eine Protuberanz

befand, und am folgenden Tage tauchte in dieser selben Gegend ein von

Fackeln umgebener Sonnenfleck auf, der zur Zeit der Finsternis genau

an der Stelle gestanden haben muß, wo man diese Strahlen ausbrechen

sah. Wenn ich hier aber von Strahlen rede, so ist der Ausdruck nicht

ganz bezeichnend, denn ihre Struktur ist nicht völlig gradlinig, man

erkennt, daß es sich hier um Materie handelt, die nur ungefähr durch

eine ausstrahlende Kraft so geordnet wird, etwa wie bei einer Explosion.

Die Korona ist also wirklich etwas Materielles. Man muß dies besonders

betonen, weil sie bei andern Gelegenheiten sich als ganz wesenlos zu

erweisen schien. Man hat nämlich Kometen beobachtet, die mitten durch

die Korona mit ungeheurer Geschwindigkeit hindurchsausten, ohne, wie

man bisher annahm, die mindeste Hemmung in ihrem Lauf zu erfahren. So

durchraste zum Beispiel der große Komet von 1843 in weniger als drei

Stunden einen Weg von mindestens 5 Millionen Kilometern innerhalb der

Korona, mit einer maximalen Geschwindigkeit von 570 Kilometern in der

Sekunde; er kam dabei der Sonnenoberfläche bis auf 3 Minuten nahe, das

ist also nur der zehnte Teil des ganzen Sonnendurchmessers. Ähnliches

geschah bei den Kometen von 1880 und 1882. Alle entwickelten dabei eine

enorme Helligkeit, die mit der Sonne selbst wetteiferte: Sie waren am

Tage dicht neben dem strahlenden Gestirne sichtbar, und der Komet von

1882 verschwand, als er vor die Sonne trat; er hatte also genau die

gleiche Helligkeit wie sie. Nun wissen wir von den Sternschnuppen, die

in die höchsten Schichten unserer Atmosphäre mit einer Geschwindigkeit

von rund 50 Kilometern eindringen, daß sie darin völlig in ihrem Laufe

durch den Widerstand der äußerst dünnen Luft aufgehalten werden und

durch die dabei entwickelte Hitze in Dampf aufgehen. Aus der Bewegung

der Kometen in der Korona aber glaubte man schließen zu können, daß

sie dort überhaupt keinen Widerstand fänden. In neuester Zeit sind

indes Zweifel darüber aufgekommen, ob die in jenen Fällen vorliegenden

Beobachtungen zu diesem Schlusse berechtigen. Die ungemeine und ganz

plötzliche Erhitzung dieser Weltkörper bei ihrem Eindringen in die

oberste Sonnenhülle aber scheint doch ein augenfälliger Beweis für den

Widerstand zu sein, der einen Teil der Bewegung in Wärme umsetzt; denn

die bloße Bestrahlung durch die Sonne kann ein so schnelles Anwachsen

der Helligkeit nicht erklären, das durchaus von der Art des plötzlichen

Aufleuchtens der Sternschnuppen in unserer Atmosphäre ist. Der Komet

von 1882 zeigte auch noch eine andere Erscheinung, die er mit den

Meteoriten teilt: Er zersprang in mehrere Stücke beim Durchdringen

der Korona. Außerdem entwickelten die Kometen hierbei Eisendämpfe;

auch von ihren festeren Teilen geht also dann etwas in Dampfform auf.

Wir müssen die Korona nach allen diesen Umständen als eine oberste

Sonnenatmosphäre ansehen und können nun der Frage nähertreten, aus

welcher Materie sie und überhaupt die ganze Sonne zusammengesetzt ist.

Wie hätte man ehemals auch nur ahnen können, daß man über einen Raum

von 150 Millionen Kilometern hinweg im Fall der Sonne und in dem

der Fixsterne bis in eine praktische Unendlichkeit hinein Weltkörper

chemisch zerlegen und infolgedessen genau zu sagen imstande sein werde,

welche Stoffe auf unserer Sonne und auf allen andern Sonnen, die den

Weltraum rings bevölkern, glühen? Man weiß, daß dieses Wunder die

_Spektral-Analyse_ vermochte, das heißt, die Zerlegung des Lichtes

in seine einzelnen Farben durch ein Prisma. Das Licht der Sonne ist

eine wundervolle Symphonie, gewebt aus Tausenden von Farbentönen,

und jeder chemische Grundstoff ist wie ein besonderes Instrument in

dem gewaltigen Orchester. Das Spektroskop ist nun imstande, alle

diese gleichzeitig ertönenden Lichtakkorde in ihre einzelnen Töne zu

zerlegen, so daß man die Instrumente, von denen diese Ätherwellen

des Lichtes ausgingen, das heißt die Grundstoffe, in der leuchtenden

Sonne, erkennt. Freilich verlangt die Spektralanalyse, daß die zu

untersuchenden Stoffe sich im gasförmigen Zustande befinden und

entweder selbst leuchten oder doch von einer andern Lichtquelle

durchleuchtet werden, denn sonst tönen die Stoffe nicht stark genug.

Aber diese Bedingungen sind ja alle auf der Sonne erfüllt, und wir

können also an ihre chemische Analyse gehen. Auf die Prinzipien der

Beobachtungsmethode selbst kann ich leider an dieser Stelle nicht näher

eingehen. Es sei nur angeführt, daß das Spektroskop einen schmalen

Streifen weißen Lichtes zu einem Bande, dem Spektrum, ausbreitet, das

nun nebeneinander alle Farben enthält, die zusammengemischt dieses

weiße Licht ergeben hatten. Sendet nun ein Stoff nur gewisse einzelne

Farben aus, so erscheinen diese als einzelne farbige Linien, deshalb

spricht man von den Spektrallinien dieses oder jenes Stoffes.

Richtet man nun dieses Wunderinstrument, das Spektroskop, auf die

Sonne, so erkennt man in dem regenbogenfarbigen Bande des Spektrums

viele Tausende von dunklen Linien, und indem man die Lage dieser Linien

mit denen vergleicht, welche die verschiedenen Grundstoffe in unsern

Laboratorien im Spektroskop als leuchtende Gase erzeugen, kann man

nachweisen, welche von diesen Stoffen auf der Sonne vorhanden sind

und welche nicht. Es hat sich dabei gezeigt, daß die Photosphäre zum

größten Teil aus weißglühenden Metalldämpfen besteht, insbesondere aus

Eisen, aus dem überhaupt im wesentlichen die Weltkörper geschmiedet zu

sein scheinen. Auch unsere Erde muß in ihrem Innern sehr viel Eisen

enthalten. Im übrigen kommen auf der Sonne fast alle Stoffe vor, die

wir auch auf der Erde kennen, und es ist deshalb hier einfacher,

nur die zu nennen, die auf unserem Zentralgestirn nicht vorhanden

sind, oder doch nicht nachgewiesen werden können. Zu diesen gehören

namentlich alle Nichtmetalle, außer Kohlenstoff, Wasserstoff und

Silizium. Dies erklärt sich aber dadurch, daß diese Spektren stets

gegen die der Metalle stark zurücktreten und wahrscheinlich nur deshalb

im Sonnenspektrum nicht zu erkennen sind, während die zugehörigen

Stoffe dort dennoch vorhanden sein können. Sehen wir von diesen ab, so

fehlen nur noch einige auch auf der Erde sehr seltene Stoffe, die wir

deshalb gleichfalls im Sonnenspektrum übersehen können, und endlich

die schweren Metalle Quecksilber, Wismut, Gold, Platin, Uran. Da wir

nur die Oberfläche der Sonnenatmosphäre sehen können, so dürfen wir

wohl von diesen Stoffen annehmen, daß sie nur in den uns zugänglichen

Schichten, nicht aber auf der Sonne überhaupt fehlen. Wir kommen also

zu dem Schlusse, daß unser Zentralgestirn völlig aus demselben Material

aufgebaut ist wie unser Erdkörper: dieser ist ein Teil von jenem.

Die Flecke haben kein von der übrigen Sonnenoberfläche verschiedenes

Spektrum, nur verbreitern sich die Metallinien, was andeutet, daß hier

die Metalldämpfe dichter auftreten. Auch die gewöhnlichen Fackeln

zeichnen sich im Spektrum nicht besonders aus.

Dagegen besitzt nun die über der leuchtenden Hülle liegende

Chromosphäre mit den in sie aufsteigenden Protuberanzen eine von

jener sehr verschiedene Zusammensetzung. Die Chromosphäre besteht in

der Hauptsache nur aus den beiden leichtesten Gasen: Wasserstoff und

Helium; ihre rötliche Farbe verdankt sie dem Wasserstoff. Das _Helium_

verriet sich schon lange, bevor es auf der Erde entdeckt wurde, durch

seine sehr kräftige gelbe Linie, die sich im Lichte der Chromosphäre

zeigte, aber mit keiner Linie eines damals bekannten irdischen Stoffes

identifiziert werden konnte. Später erst fand man dieses Gas in einem

seltenen Mineral, dem Cleveït, und neuerdings hat Ramsay gezeigt,

wie das geheimnisvolle Radium langsam in Helium zerfällt. Jedenfalls

aber kommen von diesem Gase nur ganz geringe Spuren auf der Erde vor,

während es die obere Sonnenhülle in ungeheuren Mengen erfüllt, was auf

den ersten Blick sehr seltsam erscheint, da wir ja gesehen haben, daß

auch quantitativ sonst alle übrigen Stoffe in ähnlichen Verhältnissen

auf der Sonne wie auf der Erde aufzutreten scheinen. Dies erklärt sich

indes dadurch, daß die gewaltige Anziehungskraft der Sonne imstande

ist, dieses leichte Gas mit dem im Atom noch viermal, als Gas zweimal

leichteren Wasserstoff festzuhalten, so daß es sich nicht, verdrängt

durch die schweren nach unten sinkenden andern Gase, in den Weltraum

verflüchtigt, wohingegen die Schwerkraft der Erde dazu nicht mehr

ausreicht. Das läßt sich nach physikalischen Gesetzen berechnen. Hat

die Erde also früher einmal Helium besessen, so müßte es inzwischen

längst ausgewandert sein. Die Spuren, die man dennoch gegenwärtig davon

findet, haben sich wahrscheinlich inzwischen neugebildet, und zwar

als Zersetzungsprodukte des im Erdinnern vermutlich nicht so seltenen

Radiums. Das so entstandene, zur Erdoberfläche emporsteigende Helium

aber verliert sich alsbald wieder durch die Atmosphäre hindurch in den

Weltraum.

Die Chromosphäre wird von den Protuberanzen durchdrungen. Wir haben

schon erfahren, daß es deren zweierlei Arten gibt, die metallischen und

die Wasserstoff-Protuberanzen. Wir verstehen nun ohne weiteres diesen

Unterschied. Die metallischen Auswürfe kommen aus der Photosphäre.

Deshalb stehen sie auch in engeren Beziehungen zu den Flecken. Die

Wasserstoff-Protuberanzen dagegen werden meist ihren Ursprung in

der Chromosphäre selbst haben und stehen mit den Flecken in keinem

Zusammenhang. Früher konnte man, wie ich schon erwähnte, diese Flammen

nur während einer totalen Finsternis sehen, da für gewöhnlich die

Helligkeit des Sonnenrandes sie weit überstrahlt. Durch das Spektroskop

aber sind sie uns jetzt dauernd sichtbar gemacht.

Leider ist dies mit der Korona noch nicht gelungen. Ihr Licht ist

zu schwach; selbst bei total verfinsterter Sonne ist es schwer, ein

Spektrum von ihr zu gewinnen. Es zeigt sich darin eine Linie, die mit

keinem der bisher bekannten Stoffe übereinstimmt, und man ist deshalb

nach Analogie mit dem Helium der Meinung, daß sich in den obersten

Schichten der Sonnenumgebung ein noch unbekanntes Gas, _Koronium_

genannt, befindet, das noch leichter wie Wasserstoff sein muß, und

schon deshalb noch weniger auf unserer Erde angetroffen werden kann.

Das Koronium kann sich aber wohl nicht allein zu jenen eigentümlichen

Strahlen ordnen, die ich vorhin beschrieb. Es scheinen auch kleine,

feste Teilchen in der Korona zu schweben, die das Licht reflektieren.

Man hat an Schwärme von Meteoriten gedacht, die im Begriffe sind, in

die Sonne zu stürzen. Da diese meist aus Eisen bestehen, so könnten sie

sich unter den elektrischen Wirkungen der Sonne zu solchen Strahlen

ordnen.

Sonne und Sterne · 第 2 / 8 段