Aus allen betreffenden Untersuchungen schließt _Scheiner_ in

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist

~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

[Illustration]

Sonne und Sterne

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde ◈ Stuttgart

Die Gesellschaft Kosmos bezweckt, die Kenntnis der Naturwissenschaften

und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer

Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes zu verbreiten.

-- Dieses Ziel sucht die Gesellschaft durch Verbreitung guter

naturwissenschaftlicher Literatur zu erreichen im

=Kosmos=, Handweiser für Naturfreunde

Jährlich 12 Hefte mit 4 Buchbeilagen.

Diese Buchbeilagen sind, von ersten Verfassern geschrieben, im guten

Sinne gemeinverständliche Werke naturwissenschaftlichen Inhalts.

Vorläufig sind für das Vereinsjahr 1924 festgelegt (Reihenfolge und

Änderungen auch im Text vorbehalten):

=Dr. Kurt Floericke, Käfervolk=

=R. Henseling, Werden und Wesen der Astrologie=

=Wilhelm Bölsche, Tierseele und Menschenseele=

=Dr. H. W. Behm, Von der Faser zum Gewand=

Jedes Bändchen reich illustriert.

Diese Veröffentlichungen sind durch _alle Buchhandlungen_ zu beziehen;

daselbst werden Beitrittserklärungen zum =Kosmos, Gesellschaft der

Naturfreunde=, entgegengenommen. Auch die früher erschienenen Jahrgänge

sind noch erhältlich.

Geschäftsstelle des Kosmos: Franckh’sche Verlagshandlung,

Stuttgart

Sonne und Sterne

Von

Dr. M. Wilh. Meyer

Mit zahlreichen Abbildungen

Vierundvierzigste Auflage

[Illustration]

Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung

Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Gesetzliche Formel für den Rechtsschutz in den Vereinigten Staaten von

Nordamerika:

~Copyright 1924 by

Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart~

~Printed in Germany~

Stuttgarter Setzmaschinendruckerei Holzinger & Co., Stuttgart.

[Illustration]

Es ist Hochsommer. Eine sonnige Landschaft breitet sich vor

schneebedeckter Alpenkette aus. Im Wiesengrunde leuchten die Blumen im

Sonnenschein und bieten ihre süße Gabe dem sie umschwärmenden Volke

der Falter und summenden Käfer. Auch dort über die weiten Kornfelder

gießt die Sonne ihre Strahlenfülle, um die Reife der goldenen Ähren

zu vollenden. Und auf den plätschernden Wellen des Baches, der am

Wiesenrand zwischen Steinen eilig hinabrauscht, der sonnendunstigen

Ebene entgegen, spielen die Sonnenstrahlen, die das Wasser dort oben

in den Firnfeldern aus langem, todesähnlichem Schlaf befreiten, damit

es drunten seine lebenerhaltende Arbeit in unendlicher Verzweigung

wiederaufnehmen kann. Über dem waldumrahmten Weiher weiter unten liegen

blaue Schleier. Die Sonne, die das Wasser hinabführte aus den Höhen des

ewigen Schnees, zieht es hier wieder empor, bis zu den Wolken, die die

durstende Ebene mit ihren Regenschauern erquicken.

Überall die Sonne!

Sinkt sie am Abend hinab und vollendet für diesen Tag ihre

segenspendende Arbeit, so entzückt sie uns noch mit der unendlichen

Schönheit ihrer Untergangsgluten, indem sie sich andern Erdstrichen

zuwendet. Niemals rastete ihre Tätigkeit seit Jahrmillionen. In

den Tiefen der Erde hat man von einem Pol zum andern versteinerte

Pflanzen gefunden, die nur eine tropische Sonnenglut aufwachsen lassen

konnte. Überall rings um die Erde herum muß einmal die Sonne ihre

ganze Strahlenfülle auf die Erde in vollem Überfluß herabgeschüttet

haben, so daß wir heute noch diesen Überfluß wieder aus den Tiefen

der Erde hervorgraben, um uns an Urzeit-Sonnenwärme zu erquicken,

wenn das wundertätige Gestirn auf seiner jährlichen Reise uns seine

Gaben für eine Weile etwas karger bemessen muß. Oder wir lassen ihre

unerschöpfliche Kraft für uns in den Maschinen arbeiten, daß wir,

mehr und mehr entlastet von menschenunwürdiger körperlicher Arbeit,

unsern Geist erweitern und uns freuen können an den tausendfältigen

Schönheiten, die die Sonne überall hervorzaubert.

Überall die Sonne!

Auch in uns! Sie war das Sinnbild der ersten Gottheit, zu der die

Menschen beteten. Schien sie nicht eine Gottheit selbst? Unerreichbar

fern und doch überall. Unmittelbar eingreifend in all unsere

Lebensregungen und doch ungreifbar und fast unsichtbar wie ein Gott,

denn sie straft den Allzukühnen, der es wagt, sie anzuschauen, mit

Blindheit, daß er es niemals wieder wagen kann. Tief zur Erde gebeugt

nur durfte man sie verehren. Von allen Dingen in der Welt ist sie dem

Wesenlosen am ähnlichsten, und doch gibt es nichts, das so mächtig

eingreift in alles Wesen. Die Sonne ist für uns der Inbegriff des

Schönen, des Großen, des Heitern, des Beglückenden. Man redet von der

Sonne unseres Glückes, die aufgeht, und die auch wieder untergehen

kann, doch immer die Hoffnung in uns zurückläßt, daß sie abermals

aufgehen wird. Es gibt Menschen, die rings um sich nur Sonnenschein

verbreiten, und die lieben wir.

»Geh mir aus der Sonne,« sagte Diogenes zu Alexander, als dieser

Mächtigste ihn aufforderte, sich eine Gunst von ihm zu erbitten. Dem

glücklichen Naturmenschen ging nichts über sein Bad in der Sonne.

Sonnenlicht und Leben sind verschmelzende Begriffe. Wir werden geboren

ans Licht des Tages, und unser Lebenslicht wird einstmals erlöschen.

Und was wissen alle, die diese tausendfältigen Wohltaten der

Sonne genießen, und die wir täglich von ihr sprechen, von diesem

allgewaltigen Himmelswesen? Wenn wir nicht zufällig Astronomen

sind, wohl eigentlich nichts. Das Alltägliche wird uns zu etwas

Selbstverständlichem, über das wir nicht weiter nachdenken. Wir

verbinden überhaupt mit dem Wort »Sonne« gemeinhin gar nicht den

Begriff des Himmelskörpers, sondern meist nur den seiner Wirkungen. Man

sagt: Die Landschaft ist in Sonne getaucht; die Sonne bringt es an den

Tag usw.

Nichts aber sollte doch für den Wißbegierigen näher liegen, als sich

über das Wesen dieser Weltleuchte zu unterrichten, die so unverkennbar

im Mittelpunkte alles Geschehens steht.

Was also ist die Sonne?

Schützen wir unsere Augen vor ihren allzu blendenden Strahlen durch

ein berußtes Glas oder andere entsprechende Mittel, so sehen wir sie

als eine genau kreisrunde Scheibe, deren Durchmesser ungefähr dem des

Mondes gleichkommt. Im Laufe eines Jahres ist ihre scheinbare Größe

periodischen Schwankungen ausgesetzt, die daher kommen, daß unsere

Entfernung von ihr veränderlich ist. Die Erde läuft nämlich nicht

in einem genauen Kreise, sondern in einer Ellipse um die Sonne, so

daß diese sich uns immer zu Jahresanfang um rund ein Sechzigstel des

mittleren Abstandes näher, im Juli um so viel entfernter befindet.

Dementsprechend beträgt der Sonnendurchmesser im Januar 32´ 35´´ und im

Juli 31´ 31´´, im Durchschnitt also 32´ 3´´.[1]

Dies ist der _scheinbare_ Durchmesser, das heißt, der Durchmesser, wie

wir ihn sehen, wie er uns erscheint. Wie groß aber ist die Sonne in

Wirklichkeit? Jeder Gegenstand erscheint um so kleiner, je weiter er

von uns entfernt ist. Wir können deshalb aus seiner scheinbaren Größe

und seiner Entfernung immer seine wahre Größe berechnen. Um also zu

erfahren, wie groß die Sonne ist, müssen wir zuerst wissen, wie weit

sie von uns entfernt steht.

Da wahres Wissen immer nur auf Erkenntnis beruhen kann, so wollen wir

hier wenigstens versuchen, zu verstehen, wie man solche Entfernungen

mit Sicherheit messen kann, und wie es überhaupt möglich ist, unsere

Meßkette weit über unsern irdischen Wohnsitz hinweg in den Weltraum

hinausgreifen zu lassen.

Wer geometrische Kenntnisse besitzt, dem scheint die Aufgabe leicht; er

weiß ja, daß er die Entfernung jedes beliebigen, an sich unerreichbaren

Gegenstandes ausmessen kann, wenn dieser nur von zwei verschiedenen

Punkten aus sichtbar ist, deren Entfernung voneinander man auszumessen

vermag. Zwischen jenen beiden Punkten und dem dritten, auszumessenden,

läßt sich dann ein Dreieck konstruieren, in dem die eine Seite zwischen

den zwei Visierpunkten und die beiden Winkel, die die Richtung des

fernen Punktes von jedem der beiden andern angeben, bekannt sind, und

damit zugleich alle andern Teile des Dreiecks, also auch die beiden

andern Seiten, d. h. die Entfernung jenes dritten Punktes von den

Visierpunkten. Geometrisch nicht geschulte Leser können sich die Sache

praktisch veranschaulichen, etwa mit drei Meterstäben, die sie zu

einem Dreieck zusammenlegen. Man wird dabei auch leicht sehen, daß

die Ausmessung um so unsicherer wird, je kleiner das direkt gemessene

Stück, die Basis, gegenüber der zu findenden Entfernung ist. Je weiter

der Gegenstand in die Ferne rückt, desto weniger sind die Richtungen,

die ihn mit den beiden Basisendpunkten verbinden, voneinander

verschieden. Ein Fehler in der Ausmessung der Richtungswinkel bringt

einen um so größeren Fehler im Resultat hervor, je kleiner die Basis im

Vergleich zu der auszumessenden Entfernung ist.

Die Entfernung der Himmelskörper können wir demnach so ausmessen,

daß wir uns auf möglichst weit voneinander entfernte Punkte der Erde

stellen und gleichzeitig von da aus die Lage des Himmelskörpers

bestimmen. Die Verschiedenheit der Richtungen, in denen man dabei den

Körper sieht, heißt die _Parallaxe_, die mit der Entfernung der beiden

Beobachtungsstationen voneinander die des Himmelskörpers ergibt.

Dieser Winkel der Parallaxe ist nun, wie jeder Dreieckskundige weiß,

derselbe Winkel, unter dem eine auf dem entfernten Himmelskörper

stehende Person die Entfernung der beiden irdischen Beobachter

voneinander sehen würde: also die ganze Größe der Erde, falls sich die

Beobachter an den beiden Endpunkten eines Erddurchmessers befanden.

Wir können mithin direkt messen, wie groß oder wie klein im Winkelmaß

unsere Erde von dem betreffenden Himmelskörper aus erscheint, das

heißt, die scheinbare Größe der Erde, von jenem Himmelskörper gesehen,

bestimmen.

[Illustration: Ein Venusdurchgang.]

Bei Anwendung dieser Methode auf die Sonne hat man allerdings nun bald

erkennen müssen, daß jene »_Sonnenparallaxe_« so ungemein klein ist,

daß sie sich gar nicht genau genug direkt ausmessen ließe. Man mußte

zu dieser Fundamentalgröße durch Umwege zu gelangen suchen, deren

eingehendere Beschreibung hier zu weit abführen würde. Nur so viel möge

angedeutet werden: Man konnte theoretisch genau feststellen, wie weit

alle übrigen Planeten, die um die Sonne laufen, von ihr abstehen, wenn

man die vorläufig noch unbekannte Entfernung der Erde von ihr gleich

eins setzt. Man kann zum Beispiel aus der beobachteten Umlaufszeit

der Venus um die Sonne berechnen, daß ihre mittlere Entfernung vom

Mittelpunkte des Sonnensystems ganz genau gleich 0,7233322 Teilen der

Erdentfernung von der Sonne ist. Wenn man nun die wirkliche Entfernung

der Venus von der Sonne oder von uns ausmessen kann, so ist damit

offenbar auch die Sonnenentfernung von uns bekannt. Da die Venus aber

bei ihrem Umlauf je einmal zwischen Erde und Sonne vorbeigehen muß, so

ist dann ihre Entfernung nur 1 – 0,7233... oder 0,2767 Teile von der

Sonnenentfernung: Die Parallaxe der Venus ist dann, weil sie so viel

näher steht, beinahe viermal größer als die der Sonne und kann also

auch um mindestens ebensoviel leichter und genauer gemessen werden.

Nun ist freilich unter gewöhnlichen Umständen die Venus überhaupt

nicht zu sehen, wenn sie zwischen uns und der Sonne vorbeigeht. Da

sie ihr Licht ja allein von der Sonne erhält, so wendet sie uns

in jener Stellung ihre Nachtseite zu, die infolge der allgemeinen

Helligkeit der Atmosphäre in der Sonnennähe völlig verschwindet. Nur

in seltenen Fällen, im Jahrhundert durchschnittlich zweimal, kommt

sie so genau zwischen Erde und Sonne vorüber, daß wir sie als scharf

begrenzte kleine schwarze Scheibe über die strahlende Sonnenscheibe

hinziehen sehen. Es findet dann ein »_Venusdurchgang_« statt. Die Sehne

nun, welche die Venus dabei über die Sonnenscheibe hin beschreibt,

wird offenbar verschieden lang sein, je nach der Richtung, aus der

wir den Vorgang beobachten. Für einen Beobachter auf der südlichen

Halbkugel ~b~ in unserer Zeichnung muß die Venus bei ~c~ nördlicher

über die Sonnenscheibe hinziehen, als für einen bei uns etwa in ~a~

aufgestellten Beobachter. Diese Verschiebung für verschiedene irdische

Standpunkte gibt aber offenbar die gesuchte Parallaxe. Um sie zu

bestimmen, braucht man, wie schon _Halley_ im 17. Jahrhundert erkannt

hatte, nur die Ein- und Austritte der Venus am Sonnenrande und dadurch

die Zeitdauer zu bestimmen, während deren der Planet vor der Sonne

verweilte, woraus sich dann die Länge der Sehne berechnen läßt. Die

verschiedene Länge der an den einzelnen Beobachtungsstationen auf diese

Weise beobachteten Sehnen _~ef~_ und _~gh~_ gibt dann ihre verschiedene

Lage auf der Sonnenscheibe an und dadurch auch die parallaktische

Verschiebung. Diese Methode der Venusdurchgänge erschien deshalb ganz

besonders vorteilhaft, solange man sich noch nicht genügend auf die

Sicherheit und Genauigkeit der eigentlichen Winkelmeßinstrumente

verlassen konnte, die heute einen ganz erstaunlichen Grad von Präzision

gewonnen haben. Es ist daher begreiflich, welch bedeutenden Wert man

noch im vergangenen Jahrhundert den Venusdurchgängen von 1874 und 1882

beimaß, zu deren Beobachtung alle zivilisierten Nationen kostspielige

Expeditionen in ferne Länder sandten, um so mehr, als unser Jahrhundert

überhaupt keine Gelegenheit bietet, das interessante Phänomen zu

beobachten. Der nächste Venusdurchgang findet erst wieder am 8. Juni

2004 gegen 10 Uhr morgens nach mitteleuropäischer Zeit statt.

Inzwischen sind aber vorteilhaftere Mittel gefunden worden, den

Fundamentalwert der Sonnenparallaxe bis zur letzten Genauigkeit zu

bestimmen. Namentlich der 1898 entdeckte kleine Planet _Eros_ bot eine

solche Gelegenheit, weil er sich der Erde mehr nähert als irgendein

anderes Mitglied des Sonnensystems, den Erdenmond ausgenommen, der

für den ins Auge gefaßten Zweck jedoch unbrauchbar ist. Da der Eros

lange Zeit hindurch fortwährend am Nachthimmel steht, so kann man ihn

unausgesetzt auf weit voneinander abgelegenen Sternwarten beobachten

und seine Entfernung von uns dadurch viel genauer bestimmen, als die

eines andern Himmelskörpers. Durch sie ist dann zugleich auch die

Sonnenentfernung bekannt.

Aus all den viele Jahre fortgesetzten Messungen ergab sich als

gegenwärtig wahrscheinlichster Wert der Sonnenparallaxe der kleine

Winkel von 8,80 Bogensekunden, der bis auf die Hundertstelsekunde

genau sein wird. Die Tausendstelsekunden würde man dagegen noch nicht

verbürgen können. Man darf es nun nicht für Haarspalterei und für

eine unnötig pedantische Forderung halten, einen Winkel bis zu einer

so geringen Größe genau zu bestimmen und darauf jahrelange Arbeit zu

verwenden. Es ist wohl zu bedenken, daß dieser kleine Winkel sehr

große Entfernungen bedingt. Es ergibt sich aus ihm, daß die Sonne

von uns 149500000 Kilometer im Durchschnitt entfernt ist. Der 880ste

Teil hiervon, der einer Hundertstelsekunde bei der Sonnenparallaxe

entspricht, ist 170000 Kilometer oder etwa das Dreizehnfache des

Erddurchmessers, und fast um diesen Betrag bleibt die Sonnenentfernung

also immer noch unsicher bestimmt.

Jener Winkel von 8,80 Bogensekunden drückt nun, wie bereits gesagt,

zugleich auch aus, wie groß die Erde, von der Sonne gesehen, erscheinen

würde. Ihr Halbmesser hat in Sonnenentfernung diesen Winkel. Da nun

die Sonne selbst aus derselben Entfernung unter einem Winkel erscheint,

den ich vorhin schon angegeben habe, so ist klar, daß die Sonne um

ebensoviel größer sein muß wie die Erde, als jener Winkel von 8,80

Bogensekunden im Halbmesser der Sonne enthalten ist. Das einfache

Divisionsexempel ergibt, daß der Durchmesser unseres Zentralgestirns

109mal größer ist als der der Erde. Da der Durchmesser der Erde wegen

ihrer Abplattung in verschiedenen Richtungen verschieden ist, so müssen

wir weiter präzisieren, daß für die Erde der größte Durchmesser, also

im Äquator, gemeint ist, und man sagt deshalb, daß jener Winkel von

8,80 Bogensekunden die »Horizontal-Äquatorial-Parallaxe« der Sonne ist.

Da der äquatoriale Durchmesser der Erde 12755 Kilometer beträgt, so

erhalten wir also für den Durchmesser der Sonne 1390300 Kilometer.

Welch ein ungeheurer Feuerball! Hundertundneun solcher Himmelskörper

wie unsere Erde müßten wir aneinanderreihen, um zwei entgegengesetzte

Punkte der Oberfläche des Sonnenballes über seinen Mittelpunkt hinweg

zu verbinden. Stellte man die Erde in diesen Mittelpunkt (die Sonne als

Hohlkugel angenommen), so könnte der Mond seinen Planeten nicht nur wie

jetzt umkreisen, sondern es würde zwischen ihm und der Sonnenoberfläche

noch ebensoviel Raum bleiben, wie die Entfernung des Mondes von der

Erde beträgt. Die Oberfläche der Sonne ist 109mal 109 oder rund

12000mal größer als die der Erde. Die ganze Erdoberfläche würde auf der

Sonne im Verhältnis nicht größer sein als die Provinz Brandenburg auf

der Erde.

Der Rauminhalt zweier Kugeln verhält sich wie die dreimal miteinander

multiplizierten Durchmesser. Wir finden also, daß im Innern der Sonne

über 1300000 Erdkugeln stecken könnten. Unser Planet verschwindet

geradezu in der Sonne. Wir können es wohl begreifen, wie sie die

Vorherrschaft auch über alle übrigen Planeten für sich in Anspruch

nimmt.

Freilich kann sie diese Vorherrschaft nur vermöge ihres wirklichen

Übergewichts an Masse üben, das nicht ganz so bedeutend ist. Wir sind

imstande, die Sonne auf die Wagschale zu legen und zu bestimmen,

wieviel sie schwerer ist als die Erde, und man kann also schließlich

auch ihr Gewicht in Kilogrammen angeben, weil wir ja das der Erde

kennen. Diese Wage der Himmelskörper ist die Anziehungskraft, die

sie aufeinander ausüben. Es fand sich, daß man aus der Sonnenmasse

324400 Weltkörper vom Gewicht unserer Erde formen könnte. Diese Zahl

ist also etwa viermal kleiner als das Verhältnis des Volumens der

beiden Weltkörper, das ich vorhin angab. Die Masse der Sonne nimmt

einen viermal größeren Raum ein als die gleichschwere Erdmasse, sie

ist viermal lockerer verteilt und deshalb durchschnittlich nicht viel

dichter als Wasser unter normalen irdischen Verhältnissen.

Welche ungeheure Kraft von dieser Sonnenmasse ausstrahlt, davon kann

man sich keine Vorstellung machen. Wir können sie nur ziffermäßig

angeben und in Vergleich stellen. Was wir auf der Erde von ihrer

strahlenden Kraft verspüren, ist ja wieder nur ein verschwindender Teil

ihrer Gesamtkraft. Wissen wir doch schon, daß unser Planet, von der

Sonne gesehen, nur als ein Scheibchen von 17,6´´ Durchmesser erscheint,

das ist kleiner, als die übrigen Planeten für uns meistens erscheinen.

Die Sonne strahlt nun ihre Kraft rings über das ganze Himmelsgewölbe

hin, und uns kommt deshalb nur _der_ Teil davon zugute, den die

Erdscheibe von der ganzen Fläche des Himmelsgewölbes ausmacht. Wir

finden so, daß nur der 2735millionste Teil der wirklichen strahlenden

Kraft der Sonne all jene unermeßlich großen und vielartigen Wirkungen

auf unserer Erdenwelt hervorbringt, denen unsere gesamte lebendige

Natur ihr Dasein verdankt. Mit diesen Wirkungen der Sonnenkraft auf der

Erde wollen wir uns zunächst noch ein wenig eingehender ziffermäßig

beschäftigen.

Ihre augenfälligste Wirkung ist die des Lichtes. Wie hell ist die

Sonne? Wir vergleichen ihr Licht mit dem einer sogenannten Normalkerze

(Hefner-Lampe), die wir in einem Meter Entfernung aufstellen. Wir

finden dann, daß erst 100000 solcher Kerzen ein weißes Stück Papier

ebenso hell beleuchten wie der Sonnenschein. Die betreffenden

Beobachtungen wurden von _Fabri_ in Marseille ausgeführt und gelten für

den Meereshorizont und die Zenitstellung der Sonne in ihrer mittleren

Entfernung von uns. Dies ist wichtig, weil von der Sonnenstrahlung

beim Durchdringen unserer Atmosphäre ein sehr beträchtlicher Teil

verloren geht; wieviel, läßt sich schwer genau angeben, da wir den

Zustand der obersten Luftschichten und deren wahre Höhe nicht kennen.

Aus der Zunahme der Sonnenstrahlung auf hohen Bergen kann man indes

schließen, daß mindestens die Hälfte davon in der Atmosphäre verloren

geht, und aus anderen Untersuchungen geht hervor, daß das Sonnenlicht

in Wirklichkeit die Kraft von etwa 288000 Kerzen besitzt, wohl

gemerkt, diese letzteren müssen in einem Meter Entfernung stehen,

während die Sonne 149 Millionen Kilometer von dem Schirm entfernt ist,

den sie trotzdem gleich stark beleuchtet. Am Grunde der Atmosphäre

übt jeder Quadratmillimeter der Sonnenoberfläche, die wir als

Leuchtkörper betrachten, eine Leuchtkraft von 1800 Kerzen aus, während

beispielsweise dieselbe Fläche der doch so intensiv strahlenden Kohle

einer elektrischen Bogenlampe nur gegen 200 Kerzen Lichtstärke besitzt.

Wir haben ja auch alle schon gesehen, wenn einmal eine Bogenlampe im

hellen Sonnenschein brannte, wie sie geradezu zum Nachtlichtchen wurde,

ohne alle Kraft.

Welche enorme Hitze muß die Sonne besitzen, um in so intensiver

Weißglut dieses Licht ausstrahlen zu können! Man vermag natürlich auch

die Wärmestrahlung der Sonne zu messen, aber diese Beobachtungen sind

noch mehr Fehlerquellen ausgesetzt als die Messung ihrer Leuchtkraft,

weil die Atmosphäre noch in viel unkontrollierbarerer Weise Wärme

verschluckt als Licht. Der wechselnde Feuchtigkeitsgehalt spielt

dabei namentlich eine große Rolle. Die direkte Wärmestrahlung ist

natürlich etwas ganz anderes als die Lufttemperatur. So muß zum

Beispiel die Sonne während unseres Winters uns mehr Wärme zustrahlen

als im Sommer, weil sie uns dann, wie ich schon weiter oben (S. 7)

erklärte, näher steht. Man bestimmte früher diese Wärmeeinstrahlung,

indem man beobachtete, um wieviel in einer bestimmten Zeit die Angaben

eines schwarz berußten und den direkten Sonnenstrahlen ausgesetzten

Thermometers stiegen. Eine schwarze Fläche, ein sogenannter vollkommen

schwarzer Körper, nimmt nämlich alle Wärmestrahlen in sich auf, strahlt

keine davon wieder zurück, wie alle andern. In neuerer Zeit hat man

indes viel feinere Methoden gefunden, um jene uns beständig von dem

gewaltigen Zentralherde zuströmende Wärmemenge zu bestimmen. Von ganz

wunderbarer Empfindlichkeit ist in dieser Hinsicht das Bolometer, ein

Instrument, durch das die Wärme auf sehr schwache elektrische Ströme

einwirkt, deren Schwankungen man mißt. Dies ist mit einer Genauigkeit

möglich, daß selbst eine Wärmeschwankung von nur dem hundertmillionsten

Teil eines Zentigrades dem Beobachter nicht mehr entgeht. Mit diesem

Instrumente hat namentlich der amerikanische Astrophysiker _Langley_

jahrelange Beobachtungsreihen zum Teil auf hohen Bergen angestellt, die

von epochemachender Bedeutung wurden.

Aus allen betreffenden Untersuchungen schließt _Scheiner_ in Potsdam,

daß an der Grenze unserer Atmosphäre die Sonne einer Fläche von einem

Quadratmeter in jeder Minute 4, unter Umständen auch bis 6 sogenannte

Wärmeeinheiten oder Kalorien zuströmt. Eine solche bezeichnet die

Wärmemenge, die erforderlich ist, um ein Gramm Wasser einen Zentigrad

wärmer zu machen. Jene die Wärmestrahlung der Sonne ausdrückende Zahl

heißt die _Solarkonstante_. Da nun auch die Wärmestrahlung ganz ebenso

wie das Licht im Quadrat der Entfernung abnimmt, so kann man aus dieser

Zahl die wirkliche Temperatur der Sonnenoberfläche ableiten und findet

dafür etwa 7000 Zentigrade. Dies ist etwas mehr als noch einmal so

heiß wie die Kohlenspitzen einer Bogenlampe sind. Wir kommen hier also

nicht zu gar so übermäßigen Zahlen, wie man sie früher unter falschen

Voraussetzungen gefunden hatte, als man der Sonne noch bis zu 10

Millionen Grad Hitze zuschrieb. Es ist nicht unmöglich, daß einstmals

unsere Technik imstande sein wird, die Hitze der Sonnenoberfläche

künstlich zu erzeugen, um dann experimentell genauer zu prüfen, in

welchen physischen Zuständen die uns bekannten Stoffe sich dort

befinden.

Aber ganz gewaltig sind doch die Kraftmengen, die durch diese

Wärmestrahlung der Erde zuströmen. Nach Scheiner strahlt die Sonne

jährlich eine Wärmemenge aus, die sich in Kalorien durch eine Zahl

ausdrückt, welche mit 58 beginnt und 33stellig ist. Der Erde kommt

davon nur etwa der 2000millionste Teil zu, wie wir schon wissen, das

macht immer noch etwa 96000 Billionen Kalorien. Man kann sich nun

diese Wärme in Arbeitsleistung umgesetzt denken, z. B. als ob man

Dampfmaschinen damit heizte und dann arbeiten ließe. Die moderne

Wärmelehre zeigt dann, daß eine solche Kalorie imstande ist, das

Gewicht von einem Gramm um 428 Meter zu heben. Danach finden wir

als gesamte Arbeitsleistung der Sonne auf der Erde, durch ihre

Wärmestrahlung, daß sie in jeder Sekunde 32600 Millionen Tonnen zu je

1000 Kilo um einen Kilometer heben könnte.

Mit dieser ungeheuren Kraft bewegt die Sonne zunächst die

atmosphärische Maschine und hebt damit, wie wir täglich vor Augen

sehen, ganz gewaltige Lasten bis zu den Wolken hinauf, nämlich

das verdunstende Wasser. Aus den meteorologischen Beobachtungen

allein folgt, daß jährlich etwa 660 Billionen Kubikmeter Wasser,

von denen jedes das Gewicht einer Tonne hat, nicht nur zur Höhe der

Wolken emporgehoben, sondern auch noch vom Äquator nach den Polen

transportiert werden. Die wieder herabstürzenden Wassermassen arbeiten

beständig an der Ausgestaltung der Erdoberfläche, indem sie die

Gebirge abtragen und die Meere wieder ausfüllen mit dem in die Tiefe

beförderten Erdreich, und alle diese Arbeit verrichtet ausschließlich

die Sonne. Nur einen ganz kleinen Bruchteil dieser Kraftfülle benutzen

wir, indem wir zum Beispiel vom Niagara, der rechnungsmäßig eine Kraft

von 17 Millionen Pferdestärken in der Sekunde entwickelt, verschwindend

kleine Wassersträhne abzweigen, deren Fallkraft genügt, ganze Städte

mit elektrischem Licht zu versehen. Aber der Niagara ist noch lange

nicht der größte unter allen Strömen, die nur durch die Kraft der Sonne

ihre ungeheuren Wassermassen aus dem Innern der Kontinente auf Tausende

von Kilometern hin bis ins Meer befördern.

Nicht nur die große atmosphärische Maschine bewegt die Sonne, sie

greift überall in die mikroskopisch kleinsten Maschinen der Organismen

ein und verrichtet dort wahrhafte Wundertaten. Ohne Sonnenlicht

und Sonnenwärme könnte keine Pflanze gedeihen. Die Sonne gibt uns

unser täglich Brot und noch vieles Schöne und Köstliche dazu. Die

Sonne reinigt die veratmete Luft in diesen molekularen Maschinen der

Pflanzenzellen auf immer noch gänzlich rätselhafte Weise, indem die

grünen Blätter die aus unsern Lungen kommende Kohlensäure einatmen

und daraus den Sauerstoff, unsere Lebensluft, abtrennen und uns

zurückgeben. Welch unermeßliche Arbeit leistet die Sonne auf diese

Weise rings um die Erde herum, indem sie ihr den wundervollen grünen

Teppich wirkt!

Nur jener Teil der Sonnenkraft, der im Getriebe der Natur unbenutzt

abfällt, würde allein genügen, um der Menschheit alle Last der

körperlichen Arbeit von den Schultern zu nehmen, wenn unsere Technik

bereits entsprechend ausgebildet wäre, wie es zweifellos einmal

geschehen muß, wenn die Vorräte uralter Sonnenkraft, die noch in den

Steinkohlenlagern schlummern, verbraucht sein werden. Im kleinen hat

man mit dieser Ausnützung schon begonnen. Man treibt bereits heute

Dampfmaschinen durch die Sonne in Gegenden, die sehr wasserarm sind, wo

man also die Sonnenkraft durch die billige Vermittlung der Kraft des

fließenden Wassers nicht ausnützen kann, und wo die Herbeischaffung

von Brennmaterial besonders schwierig ist, wie zum Beispiel in den

weiten Wüstengebieten Südkaliforniens, in denen vielversprechende

Bergwerksunternehmungen entstanden sind. Es wird von einer solchen

Maschine berichtet, die, solange die Sonne scheint, beständig die

Arbeit von zehn Pferdekräften leistet und in der Minute 6000 Liter

Wasser zu Bewässerungszwecken aus der Erde hebt. Die Sonnenkraft wird

hier durch einen sehr primitiven Hohlspiegel verdichtet, der aus

etwa 1800 kleinen ebenen Spiegelstückchen zusammengesetzt ist und

einen Durchmesser von zehn Metern besitzt. Also gerade hier in diesen

Wüstengegenden, wo die Sonnenstrahlung alles Wasser verschluckt hat, so

daß die Regungen der lebendigen Natur aufzuhören beginnen, hier zwingt

der Mensch dieselbe Kraft wieder in ihre sonst geübte heilsame Wirkung

zurück, mit der die Sonne den Kreislauf des Wassers reguliert: man läßt

sie Wasser schöpfen, wie sie es im großen über den Meeren tut, um es

aus den Wolken über die Erdoberfläche erquickend zu verteilen.

Um jene vorhin erwähnte Arbeit von zehn Pferdekräften zu leisten, wird

einem Oberflächenstück von zehn Metern Durchmesser die Sonnenwärme

entzogen. Welche ungeheuren Mengen von Arbeit verschluckt der

Wüstensand der Sahara, den die Sonne glühend heiß macht! Würde nur der

dreitausendste Teil der Sahara mit Spiegeln und Maschinen, wie die oben

beschriebenen, besetzt, so lieferten sie schon ebensoviel Kraft, wie

der ganze Niagara.

Woher nimmt die Sonne alle diese Kraft, die sie seit Jahrmillionen

rings in das Weltall hinaussendet? Muß sie nicht einstmals versiegen?

Es wäre der Weltuntergang für uns. Schon, wenn ihre Strahlenfülle nur

ganz vorübergehend auf einige Minuten von uns abgehalten wird, bei

totalen Finsternissen, stocken die Pulse der Natur.

Eine Sonnenfinsternis entsteht bekanntlich dadurch, daß der Mond vor

das Tagesgestirn tritt und seine Strahlen abhält. Da der scheinbare

Durchmesser des Mondes ungefähr gleich dem der Sonne ist, so kann

er diese zuweilen für uns vollkommen verdecken; aber das geschieht

nicht jedesmal, wenn er in seinem monatlichen Laufe zwischen Erde

und Sonne tritt, weil die Bahnen beider Himmelskörper nicht genau in

derselben Ebene liegen. Für gewöhnlich geht zu dieser Neumondszeit

unser Begleiter unter oder über der Sonne vorbei, und nur etwa alle

Halbjahre tritt er dabei so zwischen die beiden Himmelskörper, daß es

je 1--3 Finsternisse gibt; verdeckt uns der Mond die Sonne, so haben

wir eine totale oder partielle Sonnenfinsternis. Die Zeichnung auf

Seite 17 mag dies veranschaulichen. Auf dem Gebiet von ~a~ bis ~d~

und von ~b~ bis ~e~ verdeckt nur ein Teil des Mondes die Sonne; hier

ist die Finsternis nur partiell. Sie bietet dem Laienauge nichts

Besonderes. In den meisten Fällen würde sie unbemerkt vorübergehen,

denn man kann ja die Sonne selbst nicht ansehen. Nur wenn man durch

die rechnenden Astronomen vorher aufmerksam gemacht, die Sonne bei

solchen Gelegenheiten durch ein berußtes Glas, das die allzu blendenden

Strahlen abhält, betrachtet, sieht man, daß sich in der Sonnenscheibe

ein kreisförmiger Ausschnitt befindet, der sich langsam von rechts nach

links bis zu einer gewissen Grenze weiter herbewegt, um sich auf der

andern Seite dann wieder hinauszuschieben. Besondere Phänomene treten

dabei nicht auf. Der verdeckte Teil der Sonnenscheibe vermindert die

allgemeine Helligkeit der Landschaft nicht. Auch wenn der Mond genau

vor die Sonne tritt, sein Durchmesser aber kleiner ist als der der

Sonne, ändert sich das Bild noch nicht sehr wesentlich: Es entsteht

dann eine _ringförmige Finsternis_. Um den dunklen Mond herum schlingt

sich ein leuchtender Ring, der immer noch Kraft genug besitzt, um die

Erde fast wie sonst sonnenhell zu beleuchten. Auch dauert diese Phase

der Ringförmigkeit immer nur wenige Minuten.

[Illustration: Partielle und totale Sonnenfinsternis.]

Die scheinbaren Durchmesser von Sonne und Mond sind nun aber

veränderlich wegen der wechselnden Entfernungen der beiden Gestirne

von uns. Der Mond kann deshalb die Sonne auch völlig verdecken; dann

tritt eine _totale Finsternis_ ein. Auf der Zeichnung findet dies auf

dem Gebiet von ~a~ bis ~b~ statt. Während die Dauer der partiellen

Verfinsterung sich über zwei Stunden hinziehen kann, währt die

eigentliche totale Verfinsterung nur höchstens acht Minuten, in den

meisten Fällen aber viel weniger.

Während dieser kurzen Minuten vollzieht sich nun ein vollkommener

Wandel des Naturbildes, der auch auf die naivsten Naturmenschen, ja

selbst auf die Tiere einen tiefen Eindruck macht. Die Sonne selbst

steht plötzlich als schwarze Scheibe am Himmel, umgeben von einem

eigentümlichen Schein, der in silberglänzenden, unregelmäßigen

Strahlenbündeln in den fahlgrauen Himmel hinausreicht. Dieser Schein

ist die sogenannte Korona, sie ist keine bloß optische Wirkung, sondern

etwas Tatsächliches, das uns noch eingehender beschäftigen wird. Der

Himmel wird so dunkel, daß die helleren Sterne sichtbar werden, wie in

der ersten Dämmerung nach Sonnenuntergang. Aber die allgemeine Stimmung

ist vielmehr die eines plötzlich aufziehenden Gewitters. Am Horizonte

geht die graue Färbung des Himmels in ein düsteres Violett-Rot

über, das sich als langer Streifen hinzieht und von dem Teile der

Atmosphäre herrührt, der noch nicht oder nicht mehr vom Mondschatten

getroffen wird. Im Augenblicke des Eintritts der Totalität sieht man

seltsame, sich schlängelnde fliegende Schatten über die Landschaft

dahineilen, deren Ursprung noch nicht sicher erkannt ist, die aber

wohl von eigentümlichen abnormen Brechungen des Lichtes in unserer

Atmosphäre herrühren, ähnlich den Schlierenbildungen in ungleich

dichtem Glase. Ein »Finsterniswind« geht meist dem Mondschatten auf

seinem Wege über die Erdoberfläche hin voran; die Temperatur sinkt oft

um 2 bis 3 Zentigrad. Kein Wunder, daß auch die lebendige Natur auf

diese plötzliche Veränderung der Verhältnisse reagiert. Man sieht die

Vögel erschreckt auffliegen; der über sie hinsausende Schatten hat

ihnen diesen Schrecken eingejagt, vermutlich, weil sie ihn auf einen

herannahenden Feind beziehen. Man kann ein bezügliches Experiment

leicht an Fliegen machen, die im Sonnenschein still an der Wand sitzen.

Sobald man, etwa durch die Hand, aus beliebiger Entfernung einen

Schatten über sie hinstreichen läßt, fliegen sie davon. Dann beobachtet

man bei der Totalität, daß Hühner und andere Tiere ihre Nachtquartiere

aufsuchen oder sich verstecken, und Blumen sieht man ihre Kelche

schließen. Alles dies ist ganz erklärlich, obgleich man es früher

geheimnisvollen Einflüssen zuschreiben wollte. Während einer solchen

Finsternis sollte ein giftiger Hauch über die Erde hinstreichen,

vor dem sich die Tiere und auch die Pflanzen zu schützen suchten.

Daß selbst den Menschen, der die Ursache der Erscheinung kennt und

sie deshalb nicht zu fürchten braucht, ein Gefühl der Beklommenheit

beschleicht, ist auch ganz begreiflich. Ist es doch, als ob ein

plötzlicher Riß durch die ganze Natur ginge. In keinem Augenblicke

empfindet man mehr und gewissermaßen instinktiv, wie sehr man von

dieser gewaltigen Weltleuchte abhängig ist, die sich da plötzlich

verfinstert, wie ersterbend an einem bleischweren Himmel hängt, als

wolle sie den Weltuntergang ankündigen.

Deshalb gehörten die Finsternisse, die doch in Wirklichkeit niemals

Schaden anrichteten, dennoch bei allen Völkern zu den am meisten

gefürchteten Naturerscheinungen. Man stellte sich vor, daß ein

unsichtbarer Drache an dem strahlenden Gestirn nage, um es nach und

nach ganz zu verschlingen. So glaubten zum Beispiel die alten Chinesen,

und da man diesem Drachen -- dem bösen Prinzip im Gegensatze zu dem

in der Sonne verkörperten guten -- nicht anders beikommen konnte, so

begann man einen Höllenlärm zu schlagen, vor dem sich der Drache so

fürchtete, daß er die schon verschlungene Sonne ebenso stückweise

wieder von sich gab, wie er sie sich einverleibt hatte. Bei Gelegenheit

der Finsternisse fanden deshalb ganz besondere Zeremonien statt, an

denen selbst der Kaiser teilnahm. Es war also von großer Wichtigkeit,

diese Ereignisse voraussagen zu können, was nach gewissen Erfahrungen

über ihre Periodizität auch schon sehr früh gelang. So gaben diese

Erscheinungen an der Sonne den ersten Anstoß zu einer rechnenden,

theoretischen Astronomie. Es wurden Staatsastronomen angestellt, welche

die Aufgabe hatten, den Kalender zu machen und darin die Daten der

Finsternisse vorher anzugeben. Sie wurden schon im 3. Jahrtausend vor

unserer Zeitrechnung auf das schärfste, meist mit dem Tode bestraft,

wenn sie eine Finsternis nicht vorhergesagt hatten. Berühmt ist in

dieser Hinsicht die Sonnenfinsternis, die nach den Untersuchungen

Theodor _v. Oppolzers_ am 22. Oktober 2137 v. Chr. stattfand. Von

ihr wird berichtet, daß die Hofastronomen Hi und Ho sich damals im

Amte befanden, sich aber liederlich in Wein versenkten, so daß die

Finsternis unverkündet eintrat und eine große Unordnung im Volke

hervorrief: »Der Blinde brachte die Trommel zu Ohren, der sparende

Mann lief einher, die gemeinen Menschen liefen«, Hi und Ho aber

hörten und wußten nichts. Sie mußten ihre nachlässigen Häupter dem

Henker überliefern. Diese Sonnenfinsternis ist zugleich das älteste

Himmelsereignis, von dem wir eine sichere Überlieferung besitzen.

Solche Überlieferungen sind von höchstem Wert für die astronomische

Wissenschaft. Totale Sonnenfinsternisse ereignen sich an einem

bestimmten Orte der Erdoberfläche nur sehr selten. Man kann rechnen,

daß innerhalb eines bestimmten engeren Gebiets eine solche Erscheinung

nur etwa alle 200 Jahre einmal eintritt. So ging der Mondschatten über

Norddeutschland zum letztenmal am 19. August 1887 hin, und erst am 7.

Oktober 2135 wird er dort wieder erscheinen. Nahezu über Wien hin geht

eine Totalitätszone erst wieder am 11. August 1999.

[Illustration: Weg des Mondschattenkegels über die Erdoberfläche

während einer totalen Sonnenfinsternis.]

Sonnenfinsternisse an sich sind dagegen auf der Erdoberfläche überhaupt

nicht selten. Es ereignen sich mindestens 2, höchstens 5 im Jahre,

worunter fast immer eine totale. Die Totalität selbst ist aber immer

nur auf einem engen Streifengebiete sichtbar, worüber eben die Spitze

des Mondschattens hinzieht, wie aus beistehender Zeichnung zu ersehen

ist. ~m~, ~n~, ~o~ ist der Weg des Mondschattens über die Erde oder

die Totalitätszone. Man wird auch leicht verstehen, daß der Weg, den

der Mond scheinbar vor der Sonnenscheibe beschreibt, sehr wesentlich

von unserm Standpunkt auf der Erde abhängt. Der Mond steht uns 387mal

näher als die Sonne, das heißt, seine Parallaxe ist auch 387mal größer,

also etwa 57 Bogenminuten. Um das Doppelte dieses Winkels kann sich

also nach unsern Betrachtungen über die Parallaxe der Mond im Maximum

perspektivisch gegen die Sonne verschieben, je nachdem man ihn auf

dem einen oder dem andern Ende eines Erddurchmessers betrachtet. Das

macht beinahe viermal mehr, als der scheinbare Durchmesser dieser

beiden Gestirne selbst beträgt. Deshalb kann an einem Orte der Mond die

Sonne völlig verdecken, während an einem andern, um etwa vierzig bis

fünfzig Breitengrade davon entfernten Orte die beiden Gestirne sich

überhaupt nicht berühren, also nicht einmal eine partielle Finsternis

stattfindet. Man begreift deshalb auch, welche wichtigen Schlüsse

über den Lauf von Sonne und Mond die historische Überlieferung zu

geben imstande ist, die uns von totalen Verfinsterungen der Sonne

erzählt. In der Hauptsache zu dem Zweck, alte Finsternisse leicht

feststellen zu können, hat Theodor v. Oppolzer sein Riesenwerk, den

»Kanon der Finsternisse«, geschaffen, an dem auch der Verfasser mit

noch einer Reihe von andern Kollegen mitgerechnet hat. Das Werk enthält

alle zur Feststellung nötigen Angaben über 8000 Sonnen- und 5200

Mondfinsternisse für die Jahre 1207 v. Chr. bis 2163 n. Chr. Umgekehrt

gewinnt aus solchen Untersuchungen auch die historische Wissenschaft,

indem der Astronom Daten genau festlegen und ganze Zeitepochen an die

rechte Stelle rücken kann, in denen von totalen Sonnenfinsternissen auf

bestimmten Gebieten geredet wird. So konnte zum Beispiel die älteste

chinesische Zeitrechnung mit der unsrigen verbunden werden.[2]

Wir sahen, welchen mächtigen Einfluß auf die gesamte Natur auch nur

das vorübergehende Schwinden der Sonnenstrahlung hervorbrachte, und

fragten uns, ob wohl diese Kraftfülle einmal versiegen könne, da am

Ende doch nichts in der Welt ewig ist. Dies bedingt die weitere Frage,

woher die Sonne all diese Kraft eigentlich nimmt. Wir müssen uns das

Riesengestirn etwas näher ansehen, seine Konstitution und die Vorgänge

auf ihm studieren um auf diese Fragen Antwort geben zu können.

[Illustration: Die Sonne mit Flecken.]

Betrachten wir die Sonne durch ein Fernrohr, oder lassen wir sie ihr

eigenes Bild auf der photographischen Platte entwerfen! Da sehen wir

dann, daß sie, das Symbol der Reinheit, doch selten ganz fleckenlos ist

(s. Abb. oben). Zunächst sehen wir sie überzogen von einer Unzahl von

feinen Poren und Linien, einem Netzwerk, das in beständiger Veränderung

begriffen ist und offenbar gebildet wird durch Wölkchen, die, unsern

Schäfchenwolken (~Cirrus~) ähnlich, sich eng aneinanderdrängen. Das

Ganze nennt man die _Granulation_ der Sonnenoberfläche (s. Abb.

S. 22). Man muß sich aber wohl vorstellen, daß diese »Wölkchen«

durchschnittlich die Ausdehnung eines irdischen Kontinentes besitzen.

Diese wolkenartigen Gebilde grenzen eine bestimmte Atmosphärenschicht

der Sonne ab, die sogen. _Photosphäre_, die eigentliche Lichtspenderin.

Über dieser aber befindet sich noch eine andere Luftschicht, die nur

bei totalen Finsternissen unmittelbar und deutlich gesehen werden kann

und dann einen rosafarbenen Ring um die leuchtende Scheibe bildet, die

_Chromosphäre_. Sie besteht, wie wir gleich noch näher sehen werden,

aus den leichtesten bekannten Gasen, Wasserstoff und Helium. Über

dieser Schicht endlich breitet sich die oben erwähnte Korona.

[Illustration: Granulation der Sonnenoberfläche.

Photographische Aufnahme des Observatoriums von Meudon.]

Diese Sonnen-Schäfchenwolken sind, wie schon gesagt, in fortwährender

Bewegung. Zwei Aufnahmen, zwischen denen nur zehn Minuten liegen, sind

oft schon voneinander verschieden. Man wolle wohl bedenken, wie groß

die Verschiebungen in Kilometern sein müssen, damit wir sie von uns aus

derart erkennen können. Die Sonnenatmosphäre ist in beständiger Unruhe.

[Illustration: Ein normaler Sonnenfleck.

Nach Secchi.]

Am deutlichsten tritt dies durch die _Sonnenflecke_ zutage. An den

Stellen der Photosphäre, wo ein solcher Fleck hervorbrechen will, wird

zunächst oft die Umgebung heller, es entstehen »_Fackeln_«; aber diese

sind durchaus nicht immer die Vorläufer der Flecke, die oft von jenen

umgeben werden. Die Flecke brechen oft sehr schnell hervor, so daß

sie sich in wenigen Tagen völlig entwickeln. Es kann aber auch Wochen

dauern, bis aus kleinen Anfängen schließlich eine ganze Gruppe von

Flecken gebildet wird, die lange Zeit, oft Monate hindurch, auf der

Sonne verweilt, um sich dann erst wieder langsam aufzulösen. Solche

Sonnenflecke können gelegentlich ganz enorme Dimensionen erreichen. So

bedeckte eine Fleckengruppe, die im Februar und März 1905 selbst mit

dem bloßen Auge sichtbar war, ¹/₃₀ der uns zugewandten Sonnenhalbkugel,

das ist ein Gebiet, 200mal größer als die ganze Erdoberfläche.

[Illustration: Sonnenflecke.

Nach dem photogr. Sonnenatlas der Meudoner Sternwarte.]

Ein regelmäßiger Fleck hat eine runde Gestalt; er erscheint in der

Mitte ganz schwarz, was jedoch nur eine Kontrastwirkung ist, denn

man konnte bestimmen, daß dieser Kern immer noch etwa 5000mal heller

strahlt wie eine gleichgroße Fläche des Vollmondes. Den Kern umgibt

in der Regel der Halbschatten, die Penumbra, die oft von einer Menge

strahlenförmig nach der Mitte verlaufender Streifen durchzogen

ist. Der ganze Fleck gewinnt dann eine gewisse äußere Ähnlichkeit

mit einem Explosionskrater. Aber doch nur selten zeigen die Flecke

eine so regelmäßige Gestalt. Oft sehen wir, wie die Materie der

Sonnenoberfläche wild durcheinander gewirbelt worden ist, und eine

drehende Bewegung ist dabei gelegentlich nicht zu verkennen. Schon der

bloße Anblick des Verlaufs der Erscheinung legt die Vermutung nahe, daß

man es hier mit ungeheuren Wirbelstürmen zu tun habe, ihrer Entstehung

nach nicht unähnlich den irdischen Zyklonen. In einzelnen Fällen, wenn

man einen deutlich ausgebildeten Fleck bis an den Sonnenrand verfolgen

konnte, sah man, daß es Vertiefungen in der Photosphäre waren, riesige

Trichterschlünde, wie sie ja auch die Wolken in unseren Zyklonen

bilden. Aber in andern Fällen konnten Flecke auch in so günstiger Lage

nicht als Vertiefungen erkannt werden.

Vermutlich brechen aus diesen von strahlender Luft gebildeten Kratern

jene ungeheuren rötlichen Flammenzungen hervor, die man früher nur

als _Protuberanzen_ am Sonnenrande sehen konnte, wenn bei totalen

Verfinsterungen die übrige Helligkeit der Sonne abgedeckt war. Heute

hat man mit Hilfe des Spektroskops eine Methode gefunden, durch die man

jederzeit diese gewaltigen Eruptionen am Sonnenrande verfolgen kann.

Auf der Sonnenscheibe selbst sind sie zwar nicht mehr als solche zu

erkennen, aber es wird vermutet, daß die oben erwähnten Fackeln mit

jenen Protuberanzen identisch sind. Man sieht den ganzen Sonnenrand

über weite Gebiete hinweg mit feinen roten Flämmchen besetzt.

Jedenfalls haben wir es in den Flecken, Fackeln und Protuberanzen

mit Begleiterscheinungen ungeheurer Eruptionen zu tun, die bald in

dieser, bald in jener Form auftreten, so daß oft wohl alle drei

Erscheinungsformen miteinander in direkter Verbindung stehen mögen,

ohne daß dies so sein müßte.

Völlig aufgeklärt ist es zwar noch nicht, was wir eigentlich in den

Protuberanzen vor uns haben, und ob es wirklich immer Eruptionen

aus dem Innern des Sonnenballes sind. Einzelne dieser Erscheinungen

erweisen sich dazu trotz des größeren Maßstabes, den man an die

Sonne zu legen hat, doch als gar zu gewaltig. So hat Pater Fenyi

solche Flammenzungen bis zu mehr als einem Drittel des ganzen

Sonnendurchmessers oder 500000 Kilometern, das ist 40mal mehr als unser

ganzer Planet von Pol zu Pol mißt, emporschlagen sehen, und zwar mit

einer so rasenden Geschwindigkeit, bis zu mehr als 300 Kilometern in

der Sekunde, daß man wirklich kaum entsprechend gewaltige Spannkräfte

im Sonneninnern voraussetzen kann. Man hat an optische oder elektrische

Erscheinungen gedacht, weil auch viele Protuberanzen lange Zeit

ziemlich unverändert sich schwebend erhalten. Die Substanzen, die

dort scheinbar ausgeschleudert werden, sind meistens Wasserstoff

und Helium, die beiden Gase, die die Chromosphäre bilden, welche

von den Protuberanzen durchbrochen wird. Nach dieser Ansicht sind

nun diese Gase schon immer an jenen Stellen gewesen, nur in einem

andern Dichtigkeitsverhältnis wie die Umgebung. Sie besitzen deshalb

verschiedenes Brechungs- und Leitungsvermögen. Bei der Bildung eines

Sonnenfleckes müssen sich dann Licht- oder elektrische Wirkungen in den

ungleich dichten Medien auch ungleich verbreiten und deshalb dieses

Emporschlagen gewissermaßen nur vorspiegeln. Auch ist es möglich, daß

man es mit Explosionen zu tun hat, das heißt mit plötzlich durch die

Vorgänge bei der Bildung eines Fleckes nur ausgelösten chemischen

Verbindungen, die sich in den oberhalb schon vorhandenen Gasen so

schnell verbreiten. Jedenfalls sehen wir, daß die Umwälzungen, die zu

so ausgedehnten Gleichgewichtsstörungen führen, ganz gewaltiger Art

sein müssen, wenn uns auch ihre eigentliche Natur noch nicht bekannt

ist.

Sonne und Sterne · 第 1 / 8 段