die gute Miß Stevens uns so oft und so begeistert beschrieb.
Während aber ihre Bekannten den Ruskin, Dante, Botticelli und die
Hochkirche anhimmelten, schart sich die Euston Brown'sche Gemeinde
um Swinburne, Schopenhauer, Wagner, Villon, die „Décadents“ und
ähnliche Herrschaften. Ich braver Märker kam mir natürlich etwas
entgleist vor, doch Hoyen macht auch dieses mit und erwähnte bereits
in der ersten Stunde die „Princesse Maleine“, den „Uebermenschen“ und
Whistler. Unsere Wirthe sind beide noch jung, sie ist blaß, schmal,
nicht eigentlich hübsch, wenn ihr auch gestern Abend ein matt-lila
faltiges Kleid aus schmiegsamer Seide und der Reif antiker Münzen
in den zerzausten braunen Locken vorzüglich stand. Er trägt Jacken
und Kniehosen aus Sammet, hat längliches Haar, ist aber im Uebrigen
+wirklich+ ein durchaus netter, anständiger Mensch. Seine Bilder sollen
von mehreren Collegen und einem Kritiker außerordentlich geschätzt
werden; sie sind „Naturempfindungen“, und man muß sie aus einer
möglichst großen Entfernung besehen. In Anbetracht der Kleinheit des
Hauses stellten wir uns im Eßzimmer auf und sahen durch die offene Thür
über den Flur in das Atelier, wo die Staffelei sich ganz hinten befand.
Erst starrte man perplex auf einzelne Farbenflecke, dann allmälig bekam
man den Eindruck von Nebel und Nässe und einem einsamen Schaf, oder
von ebbender Fluth und abendlichem Dunst und einem geflickten Netz --
aber schließlich empfand man doch wirklich die betreffende Stimmung und
wurde wirklich dorthin versetzt.
Zu Tisch hatten sie einige Nachbarn, den berühmten Professor Tuxley
und den Schriftsteller Dennison geladen. Tuxley machte einen recht
humanen Eindruck und erzählte in interessanter Weise über seinen
Collegen Darwin; der Andere ist Hauptapostel der Comtisten in England
und ritt geistvolle Principien nach Tisch. Die Unterhaltung war eine
allgemeine, an der auch die Damen sich lebhaft betheiligten. Ich
saß neben Miß Tuxley, einer wohlgenährten, vergnügten Lehrerin der
Mathematik in einem Oxforder Frauen-College und neben der schönen Mrs.
Dennison, welche ihre sieben Kinder nach Comtistischen Grundsätzen in
ursprünglicher Einfachheit erzieht. Das Essen war anspruchslos, aber
auf das Sorgfältigste zugerichtet, nur ein Wein wurde herumgereicht;
der Tisch war allerliebst mit schillerndem venetianischen Glas, mit
Heckenrosen und Zittergräsern geschmückt.
[Illustration]
Da die Euston Browns ein sehr geringes Vermögen besitzen und seine
Kunstwerke noch nie einen zahlungsfähigen Liebhaber fanden, müssen
sie sich einschränken, und die junge Hausfrau erzählte mir, daß sie
mit einem Dienstmädchen und dem Stalljungen auskommen und daß sie
in Folge dessen sich die ersten drei bis vier Morgenstunden auf das
Eingehendste mit der Wirthschaft beschäftigt. „Zum Luncheon bin ich
aber fix und fertig, und mein Mann verlangt, daß ich den übrigen Tag
mit ihm spazieren gehe, Tennis spiele, musicire, Besuche mache und die
häuslichen Angelegenheiten, die kleinen Miseren nie mit einer Silbe
erwähne.“ Ihre ultra-subtilen, etwas überspannten ästhetischen und
ethischen Ansichten scheinen ihren praktischen Menschenverstand aber
keineswegs zu beeinträchtigen, denn als wir drei Herren von einem
längeren Spaziergang kurz vor dem Luncheon zurückkamen, lag Frau
Enid im weißen Kleid in der Hängematte unter den Apfelbäumen und las
Rossetti'sche Gedichte, während das kleine Hauswesen auf das Netteste
und Pünktlichste geordnet war.
Am Nachmittag fuhr mich Euston Brown im kleinen Wägelchen nach dem
Schauplatz von Armgard's Lieblingsroman, „Robert Elsmere,“ nach der
Pfarre, wo er und Catherine die ersten, ereignißreichen Ehejahre
verlebten. Mrs. Humphrey Ward hatte dieses Haus einen Sommer über
bewohnt und sich in ihrem Buch ganz streng an die Oertlichkeit
gehalten. Der Pfarrer findet sich mit gutem Humor in die Rolle
des „Nachfolgers“ und zeigte uns die verschiedenen Zimmer und die
verschiedenen Stellen im Garten, wo diese erfundenen Auftritte, die
doch viel tausend Menschen bewegt haben, sich abspielten. Von „Robert
Elsmere's Pfarrhaus“ wissen jetzt aber leider auch Andere, und diesen
Sommer lagerten wißbegierige Amerikaner in den benachbarten Feldern,
mit Operngläsern und Butterbrot versehen. Recht ähnlich war aber auch
unser Betragen, als wir einen abgelegenen, von Haidekraut und Farren
bedeckten Bergrücken bestiegen, um von dort aus nicht nur die weite
Aussicht aus das bewaldete hügelige Land zu genießen, sondern auch mit
Feldstechern das nur von diesem hohen Standpunkt aus ersichtliche,
in Waldungen sorgsam versteckte Haus des großen, halb mythischen
Einsiedlers Tennyson zu erspähen.
Abends gehen wir mit den Euston Browns zu einem reichen Ingenieur. Auf
einer dieser Anhöhen soll er sich ein wahres Paradies erschaffen haben;
außerdem ist er leidenschaftlicher Wagnerianer, und nach Tisch wollen
die hervorragendsten Londoner Musiker nach Kräften götterdämmern.
So nimmt dieser erste englische Sonntag einen recht unerwarteten
Verlauf, ist aber auch, wie Hoyen mir eindringlich vorhält, keineswegs
der echte, typische, sondern nur die Abart einer vorgeschrittenen
Londoner Sippe. Ich wollte besagten Sonntag noch benutzen, um mich
recht eingehend für Eure Briefe zu bedanken, doch reicht weder Zeit
noch Papier und ich schließe, von Herzen
Euer
Udo.
+Nachtrag.+ Früh morgens.
Schließlich verlief der gestrige Abend ganz anders. Kaum war obige
Epistel beendet, als Hoyen aufgeregt auf mein Zimmer kam und mir
verkündete, ich hätte frevelhaftes Glück. Er sei eben einer Mrs. Groven
begegnet, welche ihn und mich gleich auf der Stelle zum heutigen
Mittagessen eingeladen hätte, wir würden ihre Nichte Dolly Vere und
mehrere der leitenden „Seelen“ bei ihr treffen. Mein Gesichtsausdruck
war wohl auffallend unintelligent, denn Hoyen, peinlich berührt, fuhr
fort: „Du willst mir doch nicht einreden, daß Du fast eine Woche in
England verbracht hast, ohne von Dolly Vere und ohne von den ‚~souls~‘
gehört zu haben?“ Beschämt gab ich es zu, und nun erläuterte er
mir, daß Dolly Vere die berühmteste unverheirathete Dame von ganz
England sei. Sie wäre die kühnste Reiterin, die beste Tänzerin, hätte
ein überraschend klares und feines Urtheil über Menschen, Kunst
und Literatur, sei schlagfertig im Wortgefecht und übersprudelnd
von originellen Einfällen. Sie hätte Dutzende von Herzen gebrochen
oder wenigstens dauernd beschädigt, ein sehr gelesener satirischer
Roman wäre kürzlich über sie erschienen, und die bedeutendsten
Menschen suchten ihre Bekanntschaft. Jetzt bildet sie zugleich mit
Arthur Balfour unbestritten den Mittelpunkt der „Seelen“, d. h. des
neuesten „inneren Kreises“, welcher alle höhere, geistige, ethische
und künstlerische Cultur für sich pachtet. „Bester Willy,“ bat ich
demüthig, „gehe lieber allein hin; ich habe überreichlich viel Geist
in den letzten vierundzwanzig Stunden genossen! Ich bin ein simpler
preußischer Assessor und zukünftiger Landjunker und mache faktisch
keine Ansprüche darauf, eine ‚Seele‘ zu sein, noch zu ‚Seelen‘ zu
passen.“ Aber Hoyen kannte kein Erbarmen. Die Euston Browns hätten sich
über unser unverhofftes Glück so gefreut, hätten es mir speciell so
gegönnt und würden uns beim Ingenieur schon entschuldigen. Alles wäre
eingerichtet, und ich sei schauderhaft undankbar gegen meinen Stern.
Das war ich auch, denn bewußt oder unbewußt war die Gesellschaft höchst
unterhaltend.
Wir hatten uns Alle im Wohnzimmer versammelt, ehe die berühmte
Miß Dolly hereinkam, und bei ihrem Erscheinen war es, als ob eine
gesteigerte Vitalität uns durchfuhr. Es liegt etwas geradezu ansteckend
Lebhaftes in ihren sprühenden dunkeln Augen, in ihrem wirren
kohlschwarzen Haar, in ihren feinen, zuckenden Lippen. Jede Bewegung
der schlanken, von rauschender gelber Seide umflossenen Gestalt hat
eine eigenthümliche, nervöse Grazie, und ohne laut zu sein, hat ihre
Stimme, ihr Lachen eine vibrirende, aufregende Färbung. Als wir eben
zu Tisch gingen, rief sie entsetzt, wir wären ja Dreizehn, das sei
gegen ihre Grundsätze, und sie würde sich einen Vierzehnten besorgen.
Resignirt setzte sich ihre Tante wieder hin, sanft bemerkend: „Wen
Dolly uns nur holen wird? Wahrscheinlich Bob“ (die betreffende junge
Dame reist immer mit zwei Reitpferden und ihrem Groom). Es war aber
nicht der Groom, sondern das Skelet aus dem Laboratorium des seligen
Hausherrn, mit welchem sie triumphirend zurückkehrte. Matt protestirte
die Tante, aber Dolly bestand auf den Vierzehnten ihrer Wahl, ging Arm
in Arm mit dem fletschenden Klappergerüst zu Tisch und setzte dasselbe
mit liebender Sorgfalt auf den Stuhl zu ihrer Seite.
Der stumme Gast störte augenscheinlich keinen, denn ein gewandteres,
interessanteres Tischgespräch habe +ich+ wenigstens noch niemals
gekannt. Mit unmerklichen Uebergängen glitt man von einem Gegenstand
zum anderen, von Paul Verlaine auf Charcot'sche Versuche, von
der Tragweite der Belfastischen Riesenversammlung auf die
Charakterentwicklung des deutschen Kaisers, vom psychologischen Problem
des jetzt zur Verhandlung kommenden Mordes auf Burne Jones's letzte
Schöpfung. Dolly Vere und ein junger Parlamentarier, Reginald Pane,
gaben den Ton an, ohne das Gespräch jedoch an sich zu reißen, alle
Uebrigen hatten ihr Wörtlein zu reden, konnten aber auch meisterhaft
zuhören. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir der hinreißende
Zauber, den französische Salons in den alten Zeiten ausübten, an einem
lebenden Beispiel erläutert.
Nach Tisch zogen wir Alle, der englischen Sitte schnurstracks entgegen,
in das anstoßende Treibhaus, wo man sich paarweise in den lauschigen
verstreuten Rohrstühlen niederließ, Cigaretten rauchte und gründlich
„flirtete“. In einem von Palmen, Venushaar und Schlingpflanzen
geformten Versteck saß ich einträchtiglich auf einer kleinen Bank mit
der hübschen Lady Olivia, und sie erzählte mir von den Einflüssen ihrer
Jugend und von ihrer seelischen Entwicklung. Sie erzählte gut, hatte
weiche, weiße Arme und schläfrige, halb verschlossene Augen; so war ich
keineswegs beglückt, als aus dem Nebenraume Klänge ertönten und einige
vorbeihuschende Paare uns zuriefen, wir müßten augenblicklich ins
Wohnzimmer, Dolly würde tanzen. (Alle Seelen, Männlein wie Fräulein,
nennen sich beim Vornamen und in Momenten großer Erregung küssen sie
sich öfters.)
[Illustration]
Vor einem großen Spiegel, in der mit japanischer Goldtapete bekleideten
Wand, führte Miß Vere in einem faltigen, schillernden Gazegewand einen
Serpentintanz vor. Bald war er schmachtend, bald wild belebt. Ich
harmloser Mensch kannte so etwas bisher nur von „Ronacher“ oder vom
„Wintergarten“, und der Gedanke, daß ein hoffähiges, junges Mädchen
dergleichen producirte, war mir etwas verblüffend. Freilich so
poetisch war mir noch niemals ein Tanz vorgekommen, und wieder schien
jede Bewegung, jedes Lächeln dieser Dolly eine erhöhte Vitalität um
sich her zu verbreiten -- sie ist eben eine Persönlichkeit.
Die ganze Nacht hat sie mir vorgespukt, und ich habe verwünscht
schlecht geschlafen.
VI.
London, 82 North Audley Street.
Liebe Eltern!
Wieder bin ich auf dem Sprunge, in Folge einer verlockenden
Einladung aufs Land, welche heute früh ganz unerwartet vom Himmel
herunterschneite.
Als wir in Haslemere den Londoner Zug bestiegen, erkannte Hoyen eine
Dame in einem Wagen dritter Classe, wir setzten uns dort hinein,
und ich wurde Miß Farringham vorgestellt. Ihr vorzüglich sitzendes
Herrenschneiderkleid, die kostbare juchtene Reisetasche und die
hochherrschaftliche Jungfer schienen so wenig in die Wagenclasse zu
passen, daß man mir eine gewisse Ueberraschung wohl ansah. Lachend
erzählten mir die junge Dame und Hoyen, gerade das wäre jetzt der
neueste Chic; in diesen Zeiten des landwirthschaftlichen Niedergangs
habe kein irgend wie anständiger Mensch noch Geld, die Bedürfnisse
stiegen aber zusehends, und so wäre man auf den genialen Einfall
gekommen, hierin zu sparen. Nun ist es gang und gäbe, selbst auf
den vornehmsten Landsitzen kommen einige der Gäste in der dritten
Classe an, werden vom Bahnhofsvorsteher wie vom betreßten Diener
mit genau derselben devoten Aufmerksamkeit wie früher empfangen und
schwelgen in dem tugendstolzen Gefühl der Sparsamkeit. Hoyen beklagte
lebhaft, daß, in Folge seiner exaltierten Stellung als zweiter
Botschaftssekretär, „Excellenz“ es ungern sähe, und Miß Farringham
bedauerte die zurückgebliebenen Ansichten ihrer Eltern. Viel moderner
empfände der unsinnig reiche Herzog von Eastminster, der kürzlich
anfing, besagte Classe zu benutzen; darüber sittliche Entrüstung
Seitens der Eisenbahndirectoren; beim nächsten vorkommenden Fall wird
ein Schornsteinfeger zu ihm herein gesteckt, worauf der Herzog eine
Zuschlagskarte kauft, den grinsenden Reisegefährten höflichst in die
erste Classe befördert und selber in seiner dritten verbleibt. Es gäbe
aber doch für unsereins noch die zweite Classe, wandte ich zaghaft ein,
aber entsetzt antworteten beide: „Die ist unmöglich, die ist nun einmal
nicht ‚~reçu~‘.“
[Illustration]
Miß Farringham erkundigte sich sehr liebenswürdig nach meinem
bisherigen englischen Aufenthalt wie nach meinen Plänen und bat darauf
uns beide, ihre Eltern gleich heute Abend auf einige Tage in Harting
Hall zu besuchen; wir würden einen herzlichen Empfang und einige ihrer
netten Bekannten dort antreffen. Auch sei die Hauptsaison in London
schon wirklich vorüber und eine Menge Familien bereits aufs Land, wo
es bezaubernd sei, zurückgekehrt. Hoyen sagte, ich müsse mit allen
Händen zugreifen, denn Harting Hall sei ein typischer englischer
Landsitz, und ein englischer Landsitz das Vollkommenste in der Welt;
wenn sein Chef irgend wie Vernunft annehme, würde er ebenfalls mit
Freuden kommen, und unsere Londoner Verabredungen ließen sich alle noch
abtelegraphiren. Ich stammelte meinen Dank, frug Hoyen aber später, als
wir allein waren, ob ich wirklich solche Freundlichkeit wildfremder
Menschen annehmen dürfe. „Natürlich,“ antwortete er, „erstens haben
ihnen augenscheinlich einige Herren im letzten Augenblick abgesagt,
zweitens sind die Farringham's äußerst gutmüthige Leute, drittens ist
man überhaupt hier zu Lande sehr gastfrei.“
Also -- warum nicht!
Es grüßt Euch herzlichst
Euer
Udo
VII.
Liebste Thilda!
Du verlangst eine ausführliche Schilderung des englischen
Landhauslebens und wünschest, daß ich Dir über Einrichtung,
Tagesvertheilung, Beschäftigung, das Innere und Aeußere des Menschen
einen „recht dummen Brief, recht nach Deinem Herzen“ schreibe. Gut,
mein Kind, das fällt uns nicht schwer!
Also: bald nach acht Uhr Morgens erscheint ein steifer Diener, ohne
guten Morgen zu sagen, mit feierlichem Gesicht in meinem Zimmer, zieht
die Vorhänge zurück, stellt eine riesige Kanne mit heißem Wasser ans
Bad, legt meine genial herum verstreuten Kleidungsstücke mit peinlicher
Sorgfalt zurecht und bringt dann eine Tasse Thee mit ätherisch dünnen
Butterbrotscheibchen auf einem Tablett sammt den eingelaufenen Briefen
an mein Bett, indem er mit gedämpfter, gemessener Stimme hersagt:
„~Prayers at 9.30, Sir.~“ Um besagte Zeit erschallt ein gewaltiger
Tamtam, man versammelt sich in der großen Halle und nimmt auf den
alten geschnitzten Bänken und Stühlen Platz. Dann naht sich der
imposante Zug der Dienstboten, voran die würdige Haushälterin, dann
Mrs. Farringham's Jungfer, dann die übrigen Gäste (genau nach dem
Rang ihrer Herrschaften), dann ein gutes halbes Dutzend in lila oder
rosa Kattun gekleideter Hausmädchen oder Küchenfeen mit niedlichen
weißen Häubchen, dann der an einen Staatsminister a. D. mahnende
Haushofmeister, die fremden Kammerdiener und schließlich zwei Diener
in Livrée. Die Agneta Farringham begleitet einen Choralvers auf der
Orgel, dann verliest der Hausherr einen kurzen Bibelabschnitt, darauf
kniet alle Welt nieder, um gemeinschaftlich das Vaterunser zu beten.
Feierlich in derselben Reihenfolge zieht die Dienerschaft wieder ab,
einige verspätete Gäste erscheinen und entschuldigen sich, man wirft
einen Blick auf den Stoß sorgfältig aufgeschnittener und ausgebreiteter
Morgenzeitungen und steht plaudernd herum, bis das sehnlichst erwartete
Frühstück angemeldet wird. Die Diener verlassen das Zimmer, man
versorgt die Damen und sich selbst mit den mannigfachen Eier-, Fisch-
und Fleischspeisen, mit den frisch gebackenen, noch warmen Brötchen,
mit Eingemachtem, Obst, Kuchen, mit Thee oder Kaffee. Auf Hoyen's
eindringlichen Rath nehme ich nie das Letztere, und als ich einmal aus
Zerstreutheit mich in Lady Southerley's Haus daran vergriff, sträubten
sich meine Haare vor Entsetzen. Selbst Hoyen, der sonst +Alles+ weiß
und +Alles+ erklärt, steht rathlos vor dieser Erscheinung und schlägt
die Hypothese vor, daß der Genius eines Volkes zu gutem Kaffee oder zu
gutem Thee, +nie+ aber zu beidem lange.
Nach dem Frühstück schlendert man ein bischen durch die tadellos
sauberen Ställe, dann zieht sich der Hausherr in sein Arbeitszimmer
zurück, die Hausfrau hält Zwiegespräche mit der Wirthschafterin, und
die Gäste lesen Zeitungen oder schreiben Briefe (in jedem Wohn- oder
Schlafraum befindet sich ein auf das Vollständigste eingerichteter
Schreibtisch). Einige der jungen Damen -- bekanntlich aquarelliren
alle Engländerinnen -- malen das alte, stattliche Tudorhaus mit seinen
verwitterten Giebeln und den von Schlingpflanzen umrankten steinernen
Erkern. Die älteren Damen gehen im stilvollen alten Garten herum
und betrachten und notiren sich die neuen Blumensorten der bunten,
dichtgedrängten Staudenrabatten, welche in England die früheren
Teppich- und „italienischen Salat“-Beete glücklich verdrängen.
Um zwei Uhr giebt es zum Luncheon wieder warme und kalte
Fleischgerichte, warme und kalte süße Speisen, nebst Kuchen, Käse und
Obst; dann wird ausgeritten, ausgefahren oder ausgegangen. Zum Thee um
fünf Uhr findet sich meistens ein Besuch aus der Nachbarschaft ein,
und man sitzt unter den uralten Cedern auf dem sammtgleichen Rasen,
mit dem Blick auf die Rosenbeete und gradlinigen Teiche, in welchen
die Taxushecken und verwitterten Statuen sich spiegeln. Dann wird
eifrig Tennis gespielt, bis der Tamtam zum Umziehen mahnt. Die Damen
erscheinen zu Tisch in voller Gesellschaftstoilette, mit Diamanten und
Blumen, nur im ganz kleinen Familienkreis erlauben sich in den letzten
Jahren die Herren jene kurzen Jacken, welche man auf dem Festland
Smoking benennt, und die Damen lose Prinzeßkleider aus Seide oder
Plüsch, die übrigens ganz hübsch sind -- Du könntest Dir so etwas zu
Weihnachten mal wünschen!
Das Mittagessen um acht verläuft ähnlich wie anderswo, doch trinken
viele Herren nur Apollinarisbrunnen oder Cognac mit heißem Wasser,
welches für ebenso hygienisch wie Chic gilt, ja, einige... brrrr...
nehmen das Letztere ohne Cognac! Die Speisen sind der späten Stunde
entsprechend leicht und werden in auffallend kleinen Portionen
verabreicht, auch das angeregteste Gespräch wird mit gedämpfter Stimme
geführt, und Hoyen behauptet, daß z. B. ein deutsches Hochzeitsmahl
Engländern, ja allen Ausländern, wie das „wüste Geschrei entsprungener
Tollhäusler“ erscheinen würde. Nach dem Obst lächelt Mrs. Farringham
die vornehmste Dame verständnißvoll an, man erhebt sich, und in ihrer
genauen Rangreihenfolge segelt alles Weibliche hinaus.
Habe ich schon erwähnt, daß in England fast einzig und allein der
Geburtsrang anerkannt wird? Zwar bildet der Adel bekanntlich absolut
keine Kaste, zwar fehlt der Unterschied zwischen adlig und bürgerlich
gänzlich und wird durch die schmiegsamere Definition von „guter“
Familie und „keiner“ Familie wie durch die noch weitherzigeren
Begriffe von einem ~gentleman~ und ~not quite a gentleman~ ersetzt,
zwar sind die titellosen Grundbesitzer, die ~county families~, die
~gentry~, der Aristokratie vollkommen ebenbürtig; in Präcedenzfragen
entscheidet aber weder Alter noch Stellung, noch Würde, sondern einzig
und allein der erbliche Rang. Der zwanzigjährige Sohn eines Lords
kommt vor einem ergrauten General, und eine würdige Baronetsgattin
läßt der unverheiratheten blutjungen Tochter eines Earls unweigerlich
den Vortritt. Jedes Mitglied des englischen Adels hat seine feste
verbriefte Stellung, deren Nichtanerkennung nur durch einen Mangel
gesellschaftlicher Kenntnisse zu entschuldigen wäre. In einer
herzoglichen Familie z. B. kommen die unverheiratheten Töchter nach
der Frau des ältesten Sohnes, aber vor den Frauen der jüngeren Brüder;
heirathet eine Tochter einen Bürgerlichen oder einen Baronet, so behält
sie ihren Rang, heirathet sie einen Lord oder einen Earl, so erhält sie
seinen niedrigeren und kommt hinter ihren unverheiratheten Schwestern
zu stehen. Bei gleicher Rangkategorie entscheidet das in jedem
~Court Guide~ befindliche Alter der Adelsernennung. Dem bürgerlichen
Premierminister weist man heutzutage die Stelle zwischen Marquis und
Herzog an, die Staatsminister kommen zwischen Baronets und Pairssöhnen,
jedoch -- es ist haarsträubend! -- haben ihre Gattinnen absolut keine
Privilegien und folgen der jüngsten Honourable Miß So und So. Hoyen und
ich haben die Berechtigung dieser gänzlich aristokratischen, gänzlich
unbureaukratischen Auffassung lebhaft erörtert, bei welcher Gelegenheit
ich den Kürzeren zog. Er behauptete, daß für eine auf Aeußerlichkeiten
beruhende Einrichtung, wie die der „Gesellschaft“, äußerliche, deshalb
klare und unumstößliche Normen die richtigsten seien. Nur dadurch
schwänden kleinliche Etiquettenfragen, nur dadurch sei die in England
so überaus wichtige und wohlthuende Vermischung der gesellschaftlichen
Kreise leicht und praktisch zu regeln. Durch den befestigten Reichthum
und durch die beständige Zuführung neuen Blutes hat der englische Adel
sich seine einzige Stellung erworben und die heilsamen rothblütigen
Elemente werden nur in Folge dieser allgemeingültigen Gesetze so bald
absorbirt.
Schließlich sehe ich ja auch ein, daß, da besagte Aristokratie stets
für die einflußreichste, gebildetste und beliebteste der Welt gegolten
hat, eine gewisse Vorsicht in der Verdammung ihrer Einrichtungen
indicirt sei.
Doch verzeih', brave Thilda, daß ich Dich mit langen Simpeleien so
anöde!
Haben also wir Herren genügend politisirt oder uns einem, sich vom
weiblichen natürlich +sehr+ vortheilhaft unterscheidenden
Geklatsche ergeben, so ziehen wir in die großen, von Blumen und
verschleierten Lampen gefüllten Zimmer, wo die Damen in malerischen
Gruppen herumsitzen. Nun wird geplaudert und musicirt oder Halma oder
Karten gespielt, bis gegen elf Uhr der allgemeine Aufstand beginnt.
Man begibt sich in die Halle, einer der jüngeren Herren steckt die
in langer Reihe aufgepflanzten silbernen Handleuchter an und reicht
sie den Damen, welche in ihren hellen Seidenkleidern auf der alten
eichenen Treppe an den verdunkelten Ahnenbildern vorüber nach oben
hinauf rauschen. Dann verziehen wir uns ins Rauchzimmer, trinken einen
Whisky und Sodawasser und erzählen uns Geschichten, bis auch wir unsere
Leuchter anzünden und die mit altmodischen Kupferstichen behängten,
mit schweren Teppichen belegten Gänge hinunter gehend, unsere höchst
behaglichen Schlafzimmer glücklich entdecken.