Die Familie Farringham gefällt mir so gut wie ihr Haus und ihre

ganze Lebensweise, und das will viel heißen. ~The Honourable~ Mrs.

Farringham, Tochter von Lord Darstead, ist eine feine, anziehende,

kleine Frau, sanft und sympathisch, voller Interessen und mit klarem

Blick. Er ist groß, hager, gutmüthig, etwas langweilig und anfänglich

von einer britischen Unnahbarkeit, an die man sich jedoch schließlich

gewöhnt. Mehrere Ehrenämter der Grafschaft nehmen ihn sehr in Anspruch,

und er steckt viel Geld in seine intensiv bewirthschafteten Güter.

Glücklicherweise hat er es; zwar gehören die Farringham's zu den

guten, alten ~county families~, doch würde sie die auch hier eine

beträchtliche Rolle spielende agrarische Depression recht beengen, wäre

seine Mutter nicht die Erbin der bekannten Bactorischen Bank gewesen.

Agneta ist groß und schlank wie der Vater, hat kleine, regelmäßig

geschnittene Züge und wellig-weiches, kastanienbraunes Haar. Ihr Wesen

ist heiter und offen, wie die Mutter, sie ist gescheidt und gesprächig,

so daß man außerordentlich angenehm mit ihr verkehrt. Wir reiten

öfters zusammen und ich wundere mich über ihre Belesenheit, über ihre

frische, vorurtheilslose Auffassung wie über ihre anscheinend recht

mäßige, zu Hause von Gouvernanten erhaltene Erziehung. Nach Hoyen's

Meinung steht die siebzehnjährige Engländerin geistig ebenso weit

hinter der gleichaltrigen deutschen „höheren Tochter“ zurück, wie sie

Letztere in zehn Jahren kraft selbständiger Interessen und anregenden

Verkehrs mit der Außenwelt überflügelt.

Zwei jüngere Schwestern der Agneta sind verheirathet, eine an

einen Geistlichen in London, wo sie sich nach Aussage der Familie

in der armen Gemeinde halb zu Tode arbeitet, die andere an einen

Lord Guy Leighton, welcher sich nur durch sein Cellospiel und durch

seine Sammlung alter musikalischer Instrumente hervorhebt. Von

den Söhnen ist der älteste leidenschaftlicher Sportsmensch, jagt

augenblicklich Rhinocerosse oder ähnliches Grobzeug in Mashonaland,

erlegte im vorigen Sommer elf spitzbergische Eisbären, ist aber

zwischendurch ein zärtlicher Gatte und Vater und tritt nächstens als

Parlamentscandidat für die Grafschaft auf. Der zweite ist ebenfalls

verheirathet und bebaut Theeplantagen in Ceylon, während der dritte bei

einem sehr beliebten Cavallerieregiment steht und kürzlich eine der

Adjutantenstellen im Hofstaat des Gouverneurs von Canada erhalten hat.

Die Agneta steht im regen brieflichen Verkehr mit all' den abwesenden

Geschwistern, und sie scheinen eine sehr anhängliche Familie zu bilden.

Morgen reist Hoyen nach London zurück, und die übrigen Gäste, eine

aus Elternpaar und drei hübschen, lebenslustigen Töchtern bestehende

Familie, zieht ebenfalls weiter. Hoyen's Vermuthung traf übrigens zu,

zwei erwartete Herren hatten im letzten Augenblick abtelegraphirt,

und so sollten wir in die Bresche springen und die Miß Clutterbucks

unterhalten. Ich that mein bißchen Bestes, doch Hoyen war grandios und

machte der Aeltesten mit einem beneidenswerth routinirten und doch

ursprünglich erscheinenden Geschick den Hof. Ich will offen zugeben,

daß ich ihn ernstlich „verheddert“ glaubte und stammelte bereits

Glückwünsche, worauf er mich „rührend harmlos“ benannte. Eine englische

Flirtation, erläuterte er, sei das Ergebniß einer hohen Cultur und

außerdem eine recht angenehme Zerstreuung. „~Cela ne tire pas aux

conséquences~;“ beim etwaigen späteren Zusammentreffen schüttelt man

sich herzhaft die Hände und spricht gerührt über die hübschen Tage in

X....

Hoffentlich komme ich ohne meinen „Führer“ weiter, denn nach

reiflicher Ueberlegung finde ich es nützlicher und zweckmäßiger, die

Londoner Verabredungen aufzugeben und die so liebenswürdig angebotene

Gastfreundschaft der Farringham's zu weiteren Studien über englisches

Landleben zu benutzen.

Nun erwarte ich aber auch meinerseits einen langen und ausführlichen

Schreibebrief; erzähle mir alle Charlottenburger Ereignisse, wie es

mit der geplanten elektrischen Bahn steht, wie die Tennis-Nachmittage

verlaufen und wie sich Deine neue Signora bewährt.

Es küßt Dir treulich die runden, backfischlichen Backen

Dein alter

Udo.

VIII.

Harting Hall, Woxstead.

Lieber Vater!

Es freut mich sehr, daß Du meine bisherigen Reisepläne gebilligt hast,

und ich hoffe, daß Dir die Ausdehnung meines hiesigen Besuches ebenso

zusagen möge.

Dir erscheinen meine Berichte zu rosenfarbig, was durch die unverdient

freundliche Aufnahme sich wohl erklären läßt. Auch glaube ich wirklich,

daß manche in deutschen Zeitungen unverhältnißmäßig aufgebauschten

socialen und wirthschaftlichen Krisen erst durch einen Aufenthalt im

Lande in die richtige Perspective gerückt werden. Zweifellos sind

all' die so oft hervorgehobenen Schäden thatsächlich vorhanden, doch

besitzt dieser lebensstrotzende, bewußt mit der Zeit gehende Organismus

eine ungeheure Fähigkeit, die Schäden zu überwinden. Dies scheint mir

wenigstens das Ergebnis meiner Beobachtungen, wie mancher Gespräche

mit recht verschiedenen Leuten zu sein.

Der guten Mutter hingegen machen augenscheinlich die englischen

Zustände einen zu idealen Eindruck; wenn auch das Leben hier reich

und harmonisch verläuft, so wird doch selbst von den beneideten

Engländerinnen ganz tüchtig gearbeitet, allerdings in oft anderer

Weise als bei uns. Schon allein die Correspondenz! Agneta und ihre

Mutter weihten mich neulich in die allmorgendlich ankommenden Stöße

von „Geschäftsbriefen“ ein. Da empfahl man ein neues Mitglied

des Zweigvereins der großen ~Girls Friendly Society~, welcher

Hunderttausende über ganz England verstreuter junger Dienstmädchen,

Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen angehören, da kamen

Mittheilungen wegen einer bald zu veranstaltenden Unterhaltung für

die Dorfleute, sogenannte ~Penny Readings~, in denen jeder seine

zehn Pfennige Eintrittsgeld zahlt, und die Gutsherrschaft mit der

Pastorsfamilie für Musik, Declamation oder Vorlesungen sorgt. Dann gab

es Berichte über die letzte Sitzung der ~Liberal Women's Association~,

welche dem zunehmenden Einfluß der großen, auch von Frauen geleiteten,

stockconservativen ~Primrose League~ entgegenzusteuern versucht.

Dann folgte eine unorthographische, komische Beschwerde, welche die

Eltern eines bestraften Schulkindes an Mrs. Farringham richteten, da

dieselbe zum hiesigen ~School Board~, der von der Gemeinde berufenen,

auch Frauen zugänglichen Schulcommission gehört, und schließlich

kamen Anfragen wegen des alljährlich in Garten und Park gehaltenen

Stiftungsfestes des hiesigen Mäßigkeitsvereins. Außerdem bekümmern

sich die Damen um die örtliche Krankenkasse, den Consumverein und den

Arbeiterclub. Außerdem hat die Agneta im Dorfe eine Abendclasse für

halb erwachsene Knaben, denen sie Holzschnitzerei lehrt, gute Muster

und Aufträge verschafft. Wie ich von Gutsnachbarn hörte, soll sie einen

außerordentlichen Einfluß auf diese leicht verwildernden jungen Leute

gewonnen haben. Außerdem betheiligt sie sich an einer von Cambridge aus

geleiteten Vereinigung, welche verständnißvolle Lectüre der deutschen

und französischen Classiker bezweckt, und da sie sich lebhaft für ihren

Garten interessiert, gehört sie noch zu einem Cirkel für botanisches

Blumenmalen.

Zu alle diesem kommt aber auch noch die, durch eine rege, auf das

ganze Jahr vertheilte Geselligkeit bedingte Correspondenz, von

Familienergüssen gar nicht zu reden, und so gehört stundenlanges

Briefschreiben zur täglichen Last einer Engländerin. Nur so erklärt

sich auch der übliche, knappe, +mehr+ als kunstlose Stil, die

meistentheils erschreckend geniale Handschrift. Während ich jetzt

in einer Ecke der Halle diese Epistel verfasse, höre ich aus allen

umherliegenden Zimmern das leidenschaftliche Federgekritzel der übrigen

Hausbewohner, welche vor Abgang der Post ihre heutigen Pflichten zu

erledigen versuchen.

Eine neue Garnitur Gäste ist inzwischen erschienen, und als die

Farringham's mich zum längeren Verweilen nötigten, hielten sie es für

ihre Pflicht, mich auf die erwarteten, milde gesagt, wenig aufregenden

Besucher vorzubereiten. Zum Todtlachen sind sie auch nicht -- dafür

aber äußerst brav und wohlwollend. Der alte Earl of Marsh, eine

würdevolle, schweigsame Mumie, galt seiner Zeit für den tüchtigsten

Classiker seines Oxforder Jahrganges; seine Frau ist Mrs. Farringham's

Schwester, ebenfalls gescheidt, aber weit strenger und einseitiger

als diese. Das Ehepaar ist hochgradig religiös-philanthropisch, beide

reden in größeren und kleineren Versammlungen, haben mehrere sich

gut bewährende Wohlthätigkeitseinrichtungen ins Leben gerufen und

einen beträchtlichen Teil ihrer verhältnißmäßig geringen Einkünfte

auf dieselben verwandt. Außerdem ist Mrs. Polmache hier; Wittwe

eines bekannten Bischofs, besitzt sie eine ausgeprägte dogmatisch

kirchengeschichtliche Ader, erscheint frühmorgens mit den neuesten

„religiösen“ Streitschriften unterm Arm und hockt zu allen Tagesstunden

an irgend einem Schreibtisch, um Aufsätze und Besprechungen für

kirchliche Zeitungen zu liefern. (Es ist übrigens auffallend, wie viele

Männer und Frauen gerade aus den oberen gesellschaftlichen Kreisen

sich an den Wochen- und Monatsschriften betheiligen und mit welcher

rührenden Wichtigkeit sie von ihren eingeheimsten Honoraren reden!)

Schließlich gibt es noch ein junges Ehepaar, Willoughby Greene,

aus der Nachbarschaft; er ist Agent der conservativen Partei, wühlt

schon jetzt für die kommenden Wahlen und überfließt von klingenden

Schlagwörtern und überzeugender Statistik. Seiner stillen Frau sieht

man die berühmte Parforcereiterin nicht an; zum Kummer der Familie ist

ihre schöne, junge Schwester plötzlich in die Heilsarmee übergetreten

und befindet sich augenblicklich in Paris, wo sie allabendlich auf den

Boulevards die Flugblätter zum Verkaufe anbietet!

Ihre eigenen, glücklicherweise nicht ganz so anstößigen Wege nahmen

auch die Marsh'schen Töchter. Beide waren unverheirathet, nicht mehr

ganz jung, aber um so thatkräftiger, und während die Aeltere eine

ganz hervorragende Krankenpflegerin geworden ist, erhielt die zweite

kürzlich eine Anstellung von der Regierung! Sie hatte sich schon

lange mit der Frage wegen besserer Unterkunft für die Waisenkinder

der Gemeinden beschäftigt, Vieles darüber geschrieben und auf die

Vertheilung der Kinder in Bauernfamilien bestanden. Diese Ansichten

sind schließlich durchgedrungen, und mit sechstausend Mark jährlich ist

sie als Inspectorin der weit verstreuten Waisenkinder ernannt worden.

Ganz begreiflicherweise glaubte man, daß gerade ein weibliches Auge

sich leicht und zuverlässig über das leibliche und geistige Wohlergehen

der Pflegekinder vergewissern würde, und der Erfolg hat es bewiesen.

Als mir dies in Gegenwart der Lady Marsh erzählt wurde, frug ich, ob

es ihr nicht schwer falle, die einzigen Töchter zu vermissen. „Ihre

eigene Mutter,“ antwortete sie, „würde gewiß auch +Sie+ am liebsten

zu Hause behalten haben und fügte sich doch gern, als Sie Ihren Beruf

ergriffen. Wenn mein Mann und ich sterben, ist es kein kleines Glück,

alle Kinder in einer schönen, sie befriedigenden Thätigkeit zu wissen.“

So einmüthig verlaufen die Gespräche aber nicht immer, und heute Abend

prallten die Geister energisch an einander; der eben veröffentlichte

Urtheilsspruch des Erzbischofs von Canterbury wurde leidenschaftlich

erörtert, und selbst Lord Marsh raffte sich aus seinem üblichen

comatösen Zustande zu scharfen, geistvollen Entgegnungen empor. Es

handelte sich um einen Toilettengegenstand des Geistlichen wie um

dessen Stellung am Altar während gewisser liturgischer Abschnitte, und

da diese Streitfrage mir in meiner Unwissenheit ebenso gleichgültig

wie unwichtig vorkam, machte ich wohl einen ziemlich verrathenen

und verkauften Eindruck, so daß die Agneta sich meiner erbarmte

und Willoughby Greene und mich zu einer Billardpartie wegführte.

In den Pausen des Spiels geriethen die Beiden sich zwar ebenfalls

in die Haare, doch handelte es sich wenigstens um vernünftige,

politische Meinungsverschiedenheiten und nicht um jene verknöcherten

Subtilitäten von vorhin. Es fiel mir übrigens wieder auf, wie ruhig

und rücksichtsvoll bei aller Schneidigkeit ein Wortkampf hier geführt

wird; selbst unter Herren im Rauchzimmer hört man nie die bei uns doch

ziemlich häufigen „bombenfesten“ Behauptungen. Nur so wird ja auch

dieser gesellige Verkehr zwischen gänzlich verschiedenartig denkenden

Menschen ermöglicht.

Am Vormittag waren W. Greene und ich per Eisenbahn nach dem einfach

großartigen Gestüt des Herzogs von Eastminster gefahren. Doch mehr

davon mündlich, wie auch über die vielen hübschen Ausflüge, welche die

Farringham's mit mir und meiner treuen Camera in der Nachbarschaft

unternehmen. Hoffentlich mißglücken nicht allzu viel Aufnahmen!

Es umarmt Euch

Euer

Udo.

IX.

Harting Hall.

Vielen Dank, liebe Eltern, für die willkommenen Briefe und Nachrichten.

Thilda's Tennissieg erfüllt mich mit Stolz und Bewunderung!

Soeben habe ich meinen ersten, unverfälschten englischen Sonntag

absolvirt und den Eindruck einer anheimelnden, poetisch verklärten

Langeweile davongetragen. Um halb elf begannen die Glocken zu läuten;

jede Kirche hat ihr eigenes, eng mit dem Heimathsgefühl verwachsenes

Glockenspiel, und in der tiefen sonntäglichen Stille hörte man das

schwache Läuten weit entfernter Kirchen. Unterdessen versammelten

wir uns, äußerst schön gekleidet, in der Halle und schlenderten zu

Fuß (nur im Nothfall beraubt man Kutscher und Pferde ihres Ruhetages)

durch Garten und Park nach der gleich anstoßenden Kirche. An die

Eingangspforte und an die schlichten Grabsteine lehnten sich leise

schwatzende Männer und Knaben mit rothen Händen und steifen, schwarzen

Röcken. So standen allsonntäglich an dieser Stelle ihre Vorahnen herum,

und so werden ihre Enkel es ebenfalls thun.

Unsere Gesellschaft vertheilte sich auf die alten, geschnitzten Bänke,

rings herum hingen Grabinschriften vergangener Farringham's; durch

ein hohes Bogenfenster fiel grünliches Licht auf die liegende Statue

eines Ritters. Im Chor saß die Dorfjugend und sang die Responsorien,

Psalme und Choräle mit kräftigen Lungen und anzuerkennendem guten

Willen. Der Altar war reich mit bestickten Sammetdecken belegt, und

weiße Rosen füllten die streng geformten, messingnen Gefäße. Nach

der kurzen, hausbackenen Predigt verließ ein Theil der Gemeinde die

Kirche, während alles Uebrige, auch unsere ganze Gesellschaft, am

Abendmahlsgottesdienst Theil nahm. Ich verließ meinen Sitz, blieb aber

unten in der Kirche stehen. Obgleich die Feier monatlich stattfindet

und keine besonderen Kleiderbestimmungen oder äußere Vorbereitungen

wahrnehmbar sind, erschien mir die Ceremonie mit der schönen, uralten

Liturgie durchaus würdevoll und feierlich, und die Gemeinde machte

einen gerührten und gesammelten Eindruck. Nachher gingen wir Alle bis

zum Luncheon in den Gärten und Gewächshäusern herum, und Nachmittags

unternahmen Agneta und ich einen längeren Spaziergang nach einer

hübsch gelegenen Pfarre, wo wir mit den Töchtern des Hauses in der

rosenumrankten Veranda den Thee tranken. Unser Weg führte durch üppige

Fluren und Felder: unter Bäumen versteckt lag eine graue, verschimmelte

Mühle am Wasser, hinter der Hecke saßen heitere Kinder und sangen

Choräle unter Anführung der eben erwachsenen älteren Schwester. Ueber

den Wiesen, unter den Weiden zogen ferne Gestalten nach der Kirche. Als

wir heimkehrten, saß die anmuthige, kleine Mrs. Willoughby Greene unter

den Cedern auf dem Rasen, um sie herum ihre vier Kinder, und Alle in

eine Bilderbibel vertieft, aus welcher sie Geschichten erzählte.

Das Mittagessen wurde des Ruhetages wegen etwas vereinfacht, und vor

dem Schlafengehen gab es eine Abendandacht, in der Lord Marsh ein

längeres Gebet improvisirte. Vorher hatte Mrs. Polmache sich meiner

sie geradezu erschreckenden Unwissenheit betreffs der Strömungen im

englischen religiösen Leben erbarmt, und in meinem Kopf schwirrt

es bedenklich von ~high~, ~broad~ und ~low-church~, von Secten und

atheistischem Unfug.

Außerdem ist es spät -- also lebt sämmtlich recht wohl. Stets

Euer liebender

Udo.

X.

An Bord der „Waterbird“ auf der Ouse.

Liebste Armgard!

Vielen Dank für Deinen Brief, aber weshalb in aller Welt nur diese

Anspielungen auf Miß Farringham! Verzeih' mir das harte Wort --

ich will Dich ja keineswegs kränken -- aber dergleichen ist ebenso

altmodisch wie spießbürgerlich. Ich verkehre in der allerangenehmsten,

allerfreundschaftlichsten Weise mit besagter jungen Dame, aber weder

sie noch ihre Eltern, noch ich, noch irgend Jemand denken nur an

eine Verlobung. -- Vielleicht ist es Dir eine Beruhigung, ihr Alter

zu erfahren, sie ist neunundzwanzig Jahre, also genau ebenso alt wie

ich. Man erhält sich übrigens hier zu Land auffallend gut, in der

Londoner Gesellschaft sollen die tonangebenden jungen Mädchen meistens

vierundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein und gelten vorher

nicht für genügend elegant oder unterhaltend. Aber wäre sie neunzehn

oder neununddreißig -- in meinen Gefühlen würde es nicht den geringsten

Unterschied verursachen, und so bitte ich Dich, ein klein wenig mit der

Zeit zu gehen und nicht in so philiströser Weise den Teufel an die Wand

zu malen.

Wenn du nun ahntest, wie verwöhnt die Agneta ist, wie angenehm und

mannigfaltig sich ihr Leben gestaltet und wie wenig verführerisch

ihr selbst die mögliche Aussicht, nach Onkel Knastenow's Tod auf

dem stillen Naudorf zu hausen, erscheinen würde! Es sind eben ganz

colossal verschiedene Verhältnisse; was hier zur anständigen Existenz

von ~ladies~ und ~gentlemen~ naturgemäß gehört, erscheint uns ein

exceptioneller Luxus, den nur Börsencrösusse oder besonders begnadete

Standesherren beanspruchen dürften. Wo man sich bei uns zu einem

Bechstein'schen Flügel, zu Topfpflanzen und einem in Livrée gesteckten

früheren Burschen aufrafft, verlangt man hier Haushofmeister,

Gewächshäuser und tadellose Wagen und Pferde.

Wegen der künftigen Schwägerin brauchst Du also wirklich nicht

Englisch zu treiben; übrigens spricht sie Deutsch auffallend fließend,

wenngleich mit einem ganz hübschen Accent.

Nun wirst Du aber wissen wollen, wie ich auf die Waterbird und

Ouse gekommen bin. Ganz unerwarteter Weise wurde ich von einem

Londoner Bekannten, Mr. Auberon St. Maur, eingeladen, mit ihm auf

seinem Schiffchen die Norfolkgewässer zu besuchen; es sei eine ganz

eigenartige Landschaft und eine unbeschreiblich nervenberuhigende

Existenz. Mr. St. Maur ist ein eleganter, wohlerhaltener Vierziger,

unverheirathet, kunstliebend, ideal gesonnen und beschäftigungslos. Die

Damen vergöttern ihn, von einigen Herren wird er, unter uns gesagt,

nicht ganz gewürdigt. Ich mag ihn recht gern, er ist zuvorkommend und

ein unterhaltender Gesellschafter. Gestern kam sein siebzehnjähriger

Neffe den Tag über an Bord; er ist in Eton auf der Schule, hat jetzt

Ferien, gleicht einem blonden St. Georg auf altdeutschen Bildern und

ist ebenso kindlich als wohlerzogen und aufgeweckt. Da auch sein

Onkel Etonianer gewesen ist, drehte sich das Gespräch um die ~Alma

Mater~, an der Alt und Jung anscheinend mit derselben schwärmerischen

Begeisterung hängen. Wenn ich denke, wie verhaßt mir und meinen

Freunden unser nüchterner Berliner „Stall“ war, beneidete ich diese

um ein Glück, das Einem auf immer entgangen. Allerdings überzeugte

ich mich leicht, wie altmodisch, verzopft und nach unseren Begriffen

gänzlich ungenügend es hier mit dem Unterricht bestellt ist. Aber --

du lieber Himmel -- es ist doch keine Kleinigkeit, wenn Knaben unter

alten, vornehmen, historischen Umgebungen aufwachsen und in physisch,

und vor Allem auch in moralisch reiner, gesunder Luft sich entwickeln.

Wenn auch Cricket, Fußball und Rudern eine unverhältnißmäßige Zeit,

eine unverhältnißmäßige Wichtigkeit erlangen, so wird dadurch nicht

nur die Gesundheit gestählt, sondern auch Ausdauer und Energie,

kameradschaftliches Zusammenhalten und Unterordnung der eigenen

Persönlichkeit, wie zur gleichen Zeit auch die Hervorrufung der

individuellen Verantwortung erzielt. Die Disciplin ist streng, Formen

und Aeußerlichkeiten werden peinlich bewahrt, aber die Lehrerwelt und

Obrigkeit sind weniger maßgebend als die von den Knaben ausgehende,

auf Tradition beruhende öffentliche Meinung, als die von den Knaben

gewählten ~Captains~, zu denen jeder Schüler einstmals zu gehören

verhofft. Für unsere Examen wären diese reinlichen, ~gentlenmanlike~

kräftigen Knaben recht mäßig gerüstet, vorzüglich aber für das

praktische Leben, für den Kampf ums Dasein.

Leider könnten wir Deutsche uns schwerlich den Luxus solcher Anstalten

gestatten; etwa achttausend Mark jährlich kostet ein Etonschüler seinen

Eltern!

Doch nun ist der frische, kleine Harold fort, und Mr. St. Maur und ich

führen ein gemächliches, beschauliches Leben zu Zweien. Mit Vorliebe

liegt er auf orientalischen Kissen oben auf dem Verdeck, liest Flaubert

und George Meredith oder betrachtet schläfrig die Natur; ich halte mich

viel zu den beiden famosen Schiffsleuten, lerne ihre Segelhandgriffe

und lasse mich im kunstgerechtesten Angeln unterweisen.

Die „Waterbird“ ist eine richtige ~Wherry~, wie die hier üblichen,

zum Transport dienenden Flußschiffe heißen; etwas kleiner als unsere

Havelkähne, sind sie ebenso originell und bunt bemalt, haben flaches

Verdeck und riesige, schwarze Segel. St. Maur kaufte eine dieser

echten ~Wherries~ und richtete sie mit phantastischem Luxus ein. Sein

weiß verschleiertes, mit Genien und Libellen bemaltes Schlafzimmer

hat er mir überlassen. Für ihn wird in der mit alten Goldtapeten und

persischen Teppichen behangenen Cajüte ein Lager aufgeschlagen, und

im kleinen Zwischenraum befindet sich in einer Tags über bedeckten

Versenkung eine rosa und silber emaillirte Badewanne für die Tage, in

denen die geographische Lage kein Flußbad im Freien gestattet. Der

jüngere Matrose ist ein gediegener Koch, wir leben sehr gut und trinken

Burgunder und griechische Weine, vermuthlich weil St. Maur sie für

stilgerecht und stimmungsvoll hält.

Einen eigenen Zauber hat diese flache Landschaft, welche Leuten,

deren Bewunderung für eine Gegend mit dem Metermaß der Höhe zunimmt,

zweifellos langweilig und öde erscheint. Aber ich norddeutsches

Ebenenkind liebe diese weiten, dunstigen Horizonte, die ruhigen Flächen

der satten Fluren, den geheimnißvollen Zug des fließenden Stroms. Hier

und da erweitert sich die Ouse zu großen, waldumgebenen Seen, die hier

~broads~ genannt werden; hier und da steigt über Bäumen ein Kirchthurm

empor, in der Ferne treiben die Windmühlenflügel, saubere Dörfer und

malerische kleine Wirthshäuser liegen am Ufer, und ganz seltsam wirken

in dieser grünen, friedlichen Gegend die bei scharfer Brise auf Einen

zusausenden ~Wherries~ mit ihren großen, unheimlich schwarzen Segeln.

[Illustration: Norfolk Broads]

Heute Nachmittag trat Windstille ein, die Matrosen schoben mit den

Staken; nun ankern wir unter Sternenschein mitten unter Schilf und

Wasserrosen; weit und breit ist keine menschliche Wohnung zu sehen.

Nun, gute Nacht. Schade, daß Du nicht hier bist!

Grüße Deinen Fritz und die drei Rangen, vor Allem mein Pathenkind, das

mich bei der nächsten Begegnung hoffentlich nicht so aggressiv lieblos

wie letzthin behandeln wird. Herzlichst

Dein treuer Bruder

Udo.

XI.

Trinity Lodge, Cambridge.

Liebe Eltern!

Willy Hoyen ist wirklich ein rührender Mensch; jetzt hat er mir wieder

für Cambridge eine famose Einführung verschafft. Dank ihm bin ich der

Gast des Master of Trinity, der ein äußerst liebenswürdiger Mensch und

das größte hiesige Thier ist.

Udo in England: Eine Reiseerzählung · 第 3 / 5 段