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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1899 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke wurden ohne
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Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit
den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration:
Udo in England
von
Marie von
Bunsen
Preis 1 Mk. 50.
Verlag von Carl Krabbe
Stuttgart.
]
UDO in ENGLAND
von
Marie von
Bunsen
[Illustration]
Verlag von Carl Krabbe
Stuttgart
~Udo in England.~
Eine Reiseerzählung
von
Marie von Bunsen.
Illustriert von M. von Bunsen und H. Hübner.
[Illustration]
Stuttgart
Verlag von Carl Krabbe.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.
Umschlag und Illustrationen reproduziert von +A. Schuler+ in Stuttgart.
[Illustration: London]
I.
London, 82 North Audley Street.
Liebe Eltern!
So wäre ich ja glatt und glücklich angekommen. Während der Ueberfahrt
schlief ich, ahne deswegen nicht wie sie ausfiel, als ich aber zu
einer verboten frühen Stunde auf Deck kam, machte das Meer einen recht
harmlosen Eindruck und wir näherten uns einer schmalen, flachen Küste.
Von den erwarteten weißen Kreidefelsen war auch nicht das Geringste
zu sehen, sie scheinen um Queenborough herum nicht zu gedeihen, und
so entgingen mir alle darauf bezüglichen Gefühle. Dagegen gab es
malerische, rothbraun besegelte Fischerboote und sattgrüne Wiesen.
Dann erschienen Häuser und Schuppen und Werfte; wir legten an, ein
prachtvoller, blonder Seemann in blauem Wams ergriff meine Sachen,
und ihm folgend, gelangte ich in einen Wagen des bereitstehenden
Londoner Zuges. Er sowohl wie der Schaffner schienen, Gott sei gelobt,
mein Englisch auf das Bequemste zu verstehen, und dankbar gedachte
ich unserer guten Miß Stevens. All' die Jahre über hatten sie und ich
uns so gern und so oft geneckt und gestritten, daß ich doch heute
im Stande war, ruhig und fließend Wetter und Ernteaussichten mit
einem Reisegefährten zu besprechen. Zu weiterem Gedankenaustausch
kam es nicht, dazu waren wir beide wohl noch zu verschlafen, auch
interessierte mich die vorüberfliegende Landschaft. Besondere
Freude machte mir der bewußte, über Baumwipfeln emporsteigende
niedrige Kirchthurm unter dem bewußten weißwolkigen Himmel; von
„~Christmascards~“ her kannte ich das Alles so genau. Und dann gefielen
mir diese einzeln und gruppenweise herumwuchernden Bäume; sie haben
etwas ganz eigenartig Breites und Ueppiges und weich Verschwommenes.
Das ganze Land erschien parkartig, und die wohlgepflegten,
blumenumrankten „~homes~“ wollten gar nicht aufhören; hier waren es
kleine, originelle Backsteinbauten, hier schlichte, weiße Landhäuser
mit altmodischem Säulenportal, hier stattliche Schlösser. Einen recht
behaglichen, recht ländlichen Eindruck machten die Dörfer und Gehöfte,
wogegen die meisten Städtchen neu und nüchtern erschienen und die
meisten Bahnhöfe kahlen, mit Annoncen beklebten Schuppen glichen. Dann
begannen die Londoner Vororte; saubere, etwas banale Villen, endlose
Reihen eintöniger Häuschen, dann Fabriken, ein Meer von schwärzlichen
Dächern und Schornsteinen, darauf ein breiter, schimmernder Fluß und in
der dunstigen Sonne Schiffe und Thürme und gewaltige Gebäude.
Im Bahnhof stand der gute Willy Hoyen mit seinen eingekniffenen Augen
und der berühmten, aufgestülpten Nase. Augenscheinlich befürchtete er
eine zu demonstrative Begrüßung, streckte mir vorsichtig die Hände
entgegen, sprach über sein akut frühes Aufstehen -- es war acht Uhr
Morgens -- wurde dann aber gemüthlich und herzlich und ganz der Alte.
Er billigte gnädigst, daß ich während meines hiesigen Aufenthalts mich
ihm blindlings anvertrauen wollte und versprach, wie ein Vater für mich
zu sorgen. Er ist genau sieben Jahre älter als ich, behauptet aber der
Erfahrung nach ein Greis zu sein. Auch billigte er meine offenkundige
Bewunderung für das fixe, ruhige, höfliche Wesen der Gepäckträger,
wie für die respectvolle, wohlwollende Haltung der Schutzleute; diese
beiden englischen Menschenclassen wären sein höchstes ethisches Ideal.
Unterdessen fuhren wir durch stattliche einsame Squares in ältere
Seitenstraßen und hielten vor einem winzigen, etwas zurückgebauten,
tiefroth angestrichenen Häuschen. An der Thür stand knicksend eine
würdige Matrone in rauschender schwarzer Seide, und ein beängstigend
imposanter Herr mit glatt rasirter Oberlippe geruhte höchst
eigenhändig meine Koffer heraufzutragen. Eine schmale Treppe führt an
alten Kupferstichen vorbei in meine oben gelegenen Zimmerchen, die
allerliebst eingerichtet und mit Porcellansächelchen und altmodischen
Bildchen geschmückt sind. Unter mir wohnt Willy und unter diesem ein
entfernter Vetter, ~the Honourable~ Guy Wootten, bei dessen Eltern
unsere Wirthsleute Jahre lang als Kammerfrau und Haushofmeister
dienten. Auch jetzt noch rechnen dieselben sich mit zur „Familie“, die
Wootten'sche Dynastie beherrscht ihr Gespräch und deren Photographien
bedecken die Wände. Sie nehmen nur Junggesellen aus „ihren“ Kreisen,
und für Wohnung und ein vorzügliches Frühstück zahlt man angemessene,
keineswegs übertriebene Preise.
In einer großen englischen Badewanne erfrischte mich das bereitstehende
kochheiße Bad -- kalte Bäder, so erklärte mir Willy, wären hier so
veraltet wie Croquet oder Schnupftabak. Dann ging es zum Schneider, und
dann verließ ich meinen Begleiter vor seiner Botschaft, nachdem er mir
mit Segenswünschen Bädeker in die Hände gedrückt. So fuhr ich dann hoch
oben auf einem riesigen Omnibus in das Getöse der City hinein, und als
ich befriedigt und erschöpft gegen sechs Uhr zurückkam, hatte ich St.
Pauls und den Tower und London Bridge und das Mansion House und die
Bank of England gesehen. Glaubt aber nur nicht, daß ich Euch hierüber
oder über irgend etwas Aehnliches gewissenhafte Beschreibungen zu
schicken gedenke, sondern thut mir die Liebe und holt Euch ein halbes
Dutzend englischer Reiseberichte und lest hübsch nach. Das ist weit
gründlicher, weit zuverlässiger und weit, weit bequemer!
Ohnehin war der Tag noch lange nicht aus; etwas vor Acht weckte mich
Hoyen's Franz, half mir beim Anziehen und überreichte mir einen dieser
allerliebsten Knopflochsträußchen aus Stephanotis und Venushaar, wie
die hiesigen Herren sie fast sämmtlich tragen. Dann schlenderten Willy
und ich zu Fuß durch hell erleuchtete, von schönen Wagen durchsauste
Straßen bis zu einem großen steinernen Portal. Meine Einführung in die
Londoner Gesellschaft begann ganz stilvoll beim Marquis of Southerley;
Hoyen verkehrt viel bei dessen Schwiegertochter und konnte mir daher
leicht diese Einladung erwirken. Gepuderte Diener mit weißseidenen
Wadenstrümpfen und hellgrau und gelber Livree erwarteten uns in der
steifen, prächtigen Marmorhalle; Gobelins und Ahnenbilder hingen an
den Wänden, und schwere, kostbare Tische und Sessel umstanden den
Raum. Sehr freundlich empfing mich die Lady, eine stattliche, vornehme
Frau mit altmodisch glattem Haar, altmodischem Sammetkleid und einem
reichen Smaragdschmuck. Die mit Treibhausblumen geschmückten Zimmer
füllten sich allmälig mit würdigen Herrschaften in großer Gala, das
einzige junge Mädchen wurde mir zu Theil. Wie sie hieß, ahne ich nicht;
sie war groß und schlank und erzählte mir, wie ungeduldig sie das
Ende der ~season~ erwarte, um mit Vater und Bruder in ihrer Yacht um
die schottische Küste zu segeln. So immer in Wind und Wetter draußen
zu sein, ohne Handschuhe herumzulaufen, braun einzubrennen und keine
langweiligen Besuche machen zu müssen, sei doch das Schönste in der
Welt!
Die Gäste um diese mit rosa Orchideen und altem Silber geschmückte
Tafel schienen sich gut zu kennen, und Alle sprachen lebhaft,
wenn auch mit englisch gedämpfter Stimme. Ziemlich ununterbrochen
kannegießerten sowohl Herren wie Damen, und trotzdem die Southerley's
zu den alten Whigfamilien gehören, wurde Gladstone's Name nur mit
leidenschaftlichster Erbitterung genannt. Wo ich nur hinhörte,
schwirrte es von Rosebery und Chamberlain, von Neuwahlen und
Versammlungen, doch einmal vernahm ich einen warmen Gedankenaustausch
über Canalisation und sonstige sanitäre Fragen und einmal eine
begeisterte Schilderung neuer Gladiolen. Das Mittagessen war schnell
vorüber, man nahm sehr wenig von den vorzüglich bereiteten Gerichten
und genoß nur ganz wenige der ausgesucht guten Weine. Augenscheinlich
hatten alle Anwesenden es ziemlich ebenso Tag für Tag zu Hause.
Nach dem Dessert erhoben sich die Damen, der alte Southerley öffnete
ihnen selber die Thür und stand, mit der Klinke in der Hand, bis die
Letzte an ihm vorbeirauschte. Dann rückten die Herren zusammen, tranken
ein Gläschen Port, rauchten ein Cigarrettchen und politisirten erst
recht darauf los. Begreiflicherweise langweilte mich dieses auf die
Dauer, und ich war froh, als wir uns hinauf zu den Damen begaben.
Dort ergriff mich die nette Schwiegertochter und zeigte mir die in
den großen Räumen herumhängenden Rembrandt's, Veronese's, Sir Joshua
Reynold's und andere Herrlichkeiten. Darauf verabschiedete man sich
bald, da Alle, auch die Gastgeber, noch mehrere gesellige Pflichten
zu erledigen hatten. Hoyen sah nach der Uhr, es war halb Elf. „Zu
einem Ball ist es noch zu früh, sollen wir einige Abendempfänge
noch mitmachen oder in den Club?“ Ich optirte für das Letztere, und
so fuhren wir vor das ernste Gebäude in St. James's-Street, dieser
classischen Stätte der historischen Clubs.
In den mit anspruchsloser Vornehmheit eingerichteten Räumen befanden
sich eine Unmenge Herren im Frack und weißer Binde; tiefernst lasen sie
Zeitungen, kritzelten mit affenartiger Geschwindigkeit ihre Briefe oder
saßen um die Tische der Spielzimmer. In den Fluren und an der Treppe
streckten sich zahllose Jünglinge auf den dunkeln ledernen Divanen und
schwatzten und kicherten mit gedämpfter Stimme. Hier und da trank
einer ein Täßchen Kaffee, einen Cognac oder Selterswasser, die Meisten,
wie auch wir, nahmen nichts. Zum Rauchen gab es getrennte Zimmer,
die übrigen Räume waren musterhaft gelüftet. „Ja,“ meinte Hoyen auf
meine Bemerkung, „die Engländer vergöttern die Aristokratie, sind aber
keineswegs exclusiv und nehmen leicht einen Gentleman, was auch sein
Vater gewesen, in ihre Kreise hinüber. Zum Gentleman aber gehört, daß
man eine vornehme Schule besucht hat, Abends zum Mittagessen sich in
einen Frack wirft, peinlich die Wahrheit spricht, ohne tägliche Bäder
umkommt und stickige, verbrauchte Luft wie den Tod verabscheut. Also
ein bißchen Nietzschianerthum.“ Hier trafen wir auch mehrere Hoyen'sche
Bekannte, welche ebenfalls gesonnen waren, den Levinsohn'schen
Ball mit ihrer Gegenwart zu beehren. Augenscheinlich verkehrt
ganz London bei diesem ursprünglich deutsch-semitischen Bankiers,
auch die königliche Familie, was der nur für solche Gelegenheiten
bestimmte, auf die Straße gelegte scharlachrothe Teppichläufer schon
von Weitem bekundet. Doch bekam ich weder den Prinzen von Wales
noch die Wirthe zu sehen. Um uns drängte sich eine dicht gekeilte
Menge, es stauten sich die tadellos angezogenen jungen Herren und
die Damen in ihrer blitzenden Diamantenpracht und den schneeweißen
Schultern. Im Stimmengeschwirr hörte man von der auf zwölfhundert
Pfund geschätzten Blumendecoration schwärmen, Andere jammerten über
die „Ananastreibhaushitze“ und Andere wieder erzählten von den fünf
berühmtesten Schönheiten Londons, welche die Festlichkeit krönten.
Aber unser erneuter, mannhafter Versuch, die mit verschwenderischer
Rosenfülle umkränzte Treppe hinauf zu gelangen, schlug fehl, auch
das Eßzimmer war undurchdringlich dicht belagert, und so standen wir
nach einer halben Stunde wieder auf der Straße. Einige Häuser weiter
gab es ebenfalls vorfahrende Wagen, Treppenläufer und dichte Scharen
wartender Diener. Einen derselben frug Hoyen nach dem Namen der
gesellschaftgebenden Herrschaft, erinnerte sich dunkel, mit einer der
Töchter 'mal getanzt zu haben, vermuthete zu diesem Abend eingeladen zu
sein, ging mit mir hinein und dann aus der Garderobe schnurstracks in
das Eßzimmer. Dort traf er mehrere Bekannte, zu denen wir uns an einen
der kleinen Tische setzten und höchst gemüthlich abendbroteten. Darauf
machte sich Hoyen noch etwas liebenswürdig und geleitete alte Damen an
ihre Wagen; schließlich holten wir unsere Sachen und verließen, ohne
unsere Gastgeber auch nur erblickt zu haben, das Haus. Als aber mein
Willy hierauf noch einen Stoß Einladungskarten herausholte und mir
kaltblütig noch weitere Gesellschaften vorschlug, krümmte sich denn
doch selbst der Wurm, und störrisch verlangte ich nach Hause zu gehen.
[Illustration: Trafalgar Square u. die Westminster Thürme]
Chaotisch confus, schlief ich ein, und ebenso wachte ich heute
wieder auf. Sagt mal, ist es unbedingt nothwendig, Onkel Krastenow zu
schreiben? Als er mir die hochanständige Donation zur Reise verlieh
und mir den zweimonatlichen Urlaub von der Regierung erwirkte,
gelobte ich mir, ergriffen und dankerfüllt, ihm recht regelmäßige und
ausführliche Briefe zu schicken. Und nun kritzle ich Euch statt dessen
zwangloses Zeug, und mir graut vor schön geschriebenen ehrpusseligen
Reiseberichten.
Darf ich vorschlagen, ihm statt langweiliger Schilderungen später in
Naudorf bei einer Cigarre Alles mündlich vorzuerzählen? Kann man das
wohl bei einem ergrauten Erbonkel riskiren?
In Eile und Liebe
Euer
Udo.
II.
London.
Noch heute muß ich Euch, liebe Eltern, schreiben, sonst hole ich den
Faden in meinem Leben nicht ein.
Mein Vormittag verfloß also im British Museum, in der Nationalgalerie
und in Westminster Abbey (siehe Bemerkungen im letzten Briefe);
dann weihte ich meinen neuen ewiglangen Ueberrock ein, machte mich
überhaupt sehr schön und fuhr mit Hoyen nach St. George's Chapel. Hier
finden die meisten vornehmen Hochzeiten statt, und hier wurde heute
der eben großjährig gewordene älteste Sohn des Eisenbahnkönigs
Hughes mit der eleganten, etwa vierundzwanzigjährigen Honourable Mabel
Carleton getraut. Die bekannten „~Sacs et Parchemins~“, eine nirgends
mehr auffallende, hier in England, wo neugebackener Reichthum sich
schnell und gründlich mit der Landesaristokratie verschmilzt, eine
besonders beliebte Mischung. Schutzleute hielten die herumstehende
Menge zurück, und nur nach Vorzeigung der Einladungskarte gelangte man
in die dichtgedrängte Kirche. Ueberall eine entzückende Blumenfülle,
riesige weiße Clematis und stark duftende Lilien verdeckten fast die
Stickereien und Gefäße des Altars. Dort harrte, blaß, verlegen und
unglücklich, der Bräutigam, während neben ihm sein „~best man~“,
welcher die Stelle unseres Brautführers vertritt, in höhnischer Ruhe
die Versammlung musterte. Ich that dasselbe, nur in bescheidener
Bewunderung, denn wie gestern Abend, wie heute im Park erstaunte
mich die Schönheit dieser Leute. Zwar hatte ich die unteren Classen
bei meinen Wanderungen durch die City so unansehnlich wie andere
Großstadtbewohner gefunden, aber unter den Ladenverkäuferinnen, unter
den Mädchen und Frauen des kleinen Mittelstandes sah ich eine Menge
entzückender Gesichter und schön gewachsener Gestalten, und hier in
der „Gesellschaft“ waren diese prachtvollen interessanten Männerköpfe,
die vornehmen, älteren Frauengesichter und diese vielen jugendlichen
schönen Erscheinungen mit den sensitiven, feingeschnittenen Zügen im
höchsten Grade auffallend. Dazu diese kostbaren, seidenknisternden
Damenkleider, die vollendete Einfachheit der Herren und nirgends die
Spur jenes Aufgeputztseins, welches so manche festliche Gelegenheit bei
uns kennzeichnet.
[Illustration]
Auf einmal schwieg das leise Stimmengesumme, zu den Klängen des
Lohengrin'schen Brautmarsches (!) zog feierlich der weißgekleidete
Kirchenchor, die Geistlichkeit und der Bischof in vollem Ornat
herein. Dann erschien im Spitzenschleier und reichem Diamantschmuck
die niedliche, von ihrem Vater geführte Braut. Zwei in rosa Sammet
gekleidete Pagen trugen ihre Schleppe, dann folgten paarweis
schreitende Brautjungfern, Alle gleich, in irgend etwas Hellgelbem
gekleidet und mit Marschallnielrosen in den Händen. Es gab keine
Predigt, aber eine feierliche, wenn auch hier und da etwas sehr
mittelalterlich deutliche Liturgie. Die Rührung war mäßig, Thränen
sind wohl altmodisch; nur einmal, als die Braut mit zitternder Stimme
nachsprach, „bis daß der Tod uns scheide,“ wurden einige Matronen
sichtlich ergriffen. Zum Schluß wurde, wie bei uns, die junge Frau
ziemlich allseitig abgeküßt, und dann begab sich Alles zur Lady
Carleton, wo großer Nachmittagsempfang stattfand. Die Braut zerschnitt
einen monumentalen, kunstvollen Hochzeitskuchen, man trank herben
Sect, aß Treibhauspfirsiche und bewunderte die nach unseren Begriffen
unglaublich zahlreichen und kostbaren Hochzeitsgeschenke. Zwei Cousinen
erzählten sich, daß „die arme Mabel“ ganz trostlos über ihre
achtundzwanzig silbernen Sahnentöpfchen und fünfundvierzig Armbänder
sei und berathschlagten, wie man diesen Ueberfluß am zweckmäßigsten
verwenden könne. Das eine junge Mädchen war bildhübsch: blond, zart und
mit einem süßen, etwas kecken Profil. Auch erwies sie sich ganz gnädig,
und ich klettete mich an sie, bis Hoyen mich zur Abfahrt des Paares
fortholte. Alle jüngeren Damen und Herren drängten sich bis an den
„Square“ herein, die Hausthüre umstanden sämmtliche Brautjungfern --
ein hübsches Bild -- und als die jungen Eheleute vergnügt und strahlend
fortfuhren, bewarf man sie mit einem Regen von Reiskörnern und einigen
weißen, seidenen Schühchen.
[Illustration]
Nun verabschiedeten wir uns und gingen durch den schönen, alten
St. James's-Park nach dem Parlamentshaus, da Hoyen, Dank vieler
Anstrengung, in den beneideten Besitz von Karten zur großen irischen
Debatte gelangt war. Vorzeitig erreichten wir die mächtigen,
thurmreichen Gebäude, und ehe ich es ahnte, führte mich Hoyen in den
vielleicht geschichtsreichsten Raum der Welt, Westminster Hall. Kein
Mensch war da, es hallten unsere Schritte, vernehmlich sprachen die
Steine und die dunkeln Wände. Wie hypnotisirt starrte ich umher und
lauschte dem Spuk. Auch Hoyen schwieg; dann sah er nach der Uhr, und
wir gingen hinaus in das Lärmen der Wagen, in das rastlose Gewirr der
vorbeiströmenden Menge.
Durch gothische Portale und schmale steinerne Gänge gelangten wir
auf unsere Plätze in der Galerie. Die Verhandlungen nahmen eben
ihren Anfang; herein kam der „Sprecher“ (Vorsitzende) mit weißer,
wallender Perücke, schwarzseidenem, schleppendem Mantel, Kniehosen und
seidenen Strümpfen; ihm folgten zwei Beamte, ebenfalls in Perücken und
Talaren, und dann der Caplan. Am Tisch des Hauses begann dieser die
vorgeschriebene Litanei, an seiner Seite stehend las der Sprecher mit
geschäftsmäßig lauter Stimme die Responsorien, dann fuhr der Geistliche
fort: „Laßt uns beten,“ und wie automatische Holzpuppen drehten
sämmtliche Abgeordnete sich um und betrachteten die Wand. Schließlich
verbeugten der Caplan und der Sprecher sich tief gegen einander, der
Caplan zog mit seinem Gebetbuch ab und der Sprecher setzte sich bequem
in seinen hohen geschnitzten Baldachinsessel zurück. Man erledigte
einige geschäftliche Mittheilungen, dann wurde die zweite Lesung der
irischen Vorlage beantragt, und zusehends füllte sich jeder Sitz-, ja
fast jeder Stehplatz dieses verhältnißmäßig kleinen Raums.
Den Reigen eröffnete Mac Swiney, ein Nebenbuhler Parnell's, und mit
geballter Faust schmetterte er leidenschaftliche Anklagen gegen die
Regierung, gegen Balfour (den irischen Staatssecretär) heraus. In immer
heftigeres Feuer gerieth der kleine, etwas aufgedunsene Celte, er
schäumte vor dem Mund, es zuckten ihm die Glieder.
Auf der Ministerbank dehnte sich der lange irische Staatssecretär; sein
überkreuzter, sorgfältig beschuhter Fuß war in gleicher Höhe mit dem
hintenüber gesunkenen vergeistigten, etwas blasirten Gesicht, sanft
waren die Augen geschlossen.
Da hörten die schrill geschrienen Perioden auf, und nachdem der
frenetische Jubel der Iren verbraust war, erhob sich langsam Balfour's
schlanke, noch jugendliche Gestalt. Mit gedämpfter, nachlässiger
Stimme bat er um Entschuldigung, wenn er den persönlichen Anklagen
des verehrten Mitgliedes für X..... augenblicklich nicht die nöthige
Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Es wäre manchmal etwas schwer, mit
der nöthigen Frische zu reagiren, unwillkürlich stumpfte das Gefühl
sich ab. Und aus der Tasche einige Zeitungsabschnitte irischer
Localblätter ziehend, verlas er mit milder, matter Stimme einige gegen
ihn geschleuderte rabiate Beschuldigungen, die in ihrer unfreiwilligen
Komik geradezu zündend wirkten. Dann reckte er sich etwas in die
Höhe und widerlegte an der Hand statistischer Zahlen und officieller
Berichte die Behauptungen des Vorredners.
Unterdessen war Gladstone hereingetreten und saß Balfour gegenüber,
weit vorgebeugt, die Hand am Ohr, seinen jungen Nebenbuhler mit den
tief auflodernden Augen verschlingend. Dann erhob er sich zum Wort, nur
der Tisch des Hauses trennte die Beiden, trennte den gewaltigen Führer
vergangener Generationen von dem Führer einer kommenden. Gemessen
und würdevoll rollte das reiche Gefüge der glänzenden, tönenden Sätze
dahin, den berühmten „goldenen“ Klang seiner Stimme hatten die mehr
als achtzig Jahre nicht gedämpft; er ist ein imponirender Greis. Es
war eine prachtvolle oratorische Leistung, und ich weiß nicht, weshalb
sie mich nicht so hinriß wie die schneidende, geistvolle, jetzt
leidenschaftlich bewegte Entgegnung Balfour's.
Was nun noch folgte, fiel außerordentlich ab; gern nahmen wir die
Einladung eines Abgeordneten an und gelangten durch lange, gothische
Gänge in die natürlich ebenfalls gothischen Speiseräume, wo man
zwischen acht und neun zu Mittag ißt, während im Sitzungssaal einige
redebegierige Lückenbüßer die Stenographen beschäftigen. Da Lord
Randolph Churchill, auf den ich mich gespitzt hatte, schließlich doch
nicht sprechen wollte, empfahlen wir uns nach Tisch, und wieder kramte
Hoyen aus seiner Tasche eine Menge Einladungskarten zum heutigen Abend
hervor, um einen sinnreichen Schlachtplan zu entwerfen. Dann fiel ihm
ein, daß er einer guten Bekannten schon lange versprochen hatte, ihre
Schöpfung, ein „~Music Hall~“ im Osten Londons, zu besuchen, und da
dieses mir durchaus einleuchtete, gelangten wir auf der Stadtbahn in
eine der schlimmsten Gegenden des schlimmen Londoner Ostens.
Vor einem großen, hell erleuchteten Gebäude hielten wir an,
lösten Billete (Fremdenloge zu einer Mark) und befanden uns in
einem stattlichen roth und gold ausgemalten Theaterraum. Auf der
offenen Scene sang eine Dame im Ballstaat ein gefühlvolles Lied, den
Zuschauerraum füllte eine ärmlich gekleidete Menge, welche aufmerksam
lauschte und am Schluß der Ballade lebhaften Beifall spendete. Die
Schriftführerin, Miß Mount Dawling, hatte Hoyen erkannt, setzte sich
zu uns und erzählte, wie einige wohlhabende Bekannte sich vor etwa
fünf Jahren zusammengethan und dieses im allerschlimmsten Verruf
stehende „~Music Hall~“ (Tingel-Tangel) aufgekauft hätten. Sie
wünschten recht allmälig vorzugehen und deshalb Theile des alten
Repertoires mit herüberzunehmen, doch war unter den Hunderten von
Liedern kein einziges unanstößiges zu finden. Jetzt gibt es dreimal
wöchentlich richtige ~Music-Hall~-Vorstellungen mit leichten, aber
anständigen Liedern, mit Tausendkünstlern und Specialitäten aller Art;
an einem Abend findet, wie heute, ein besseres Concert statt, zu dem
man oft recht bedeutende Künstler heranholt, an einem anderen Abend
gibt es populäre wissenschaftliche Vorträge mit Transparentbildern,
einmal wöchentlich veranstalten vornehme Damen und Herren aus dem
Westen ein Dilettantenconcert, und jeden Sonntag gibt es geistliche
Musik. Alle Vorstellungen werden von der nur den untersten Schichten
angehörenden dichtbevölkerten Nachbarschaft gut besucht, das geringe
Eintrittsgeld wird gern bezahlt und in ganz auffallender, unverhoffter
Weise hat sich das Benehmen dieser Leute verändert. Während sonst
tumultuarische Auftritte und der schlimmste „Radau“ in einem fort die
frühzeitige Schließung der Vorstellungen bedingte, während sonst,
trotz einer ständigen Polizeiabtheilung, mehrere Morde alljährlich
in diesen nämlichen Räumen stattfanden, wird jetzt auch die kleinste
Ruhestörung, auch die geringste Unschicklichkeit von den Zuschauern
selbst durch unweigerliche Entfernung des Schuldigen bestraft. Früher
war es durchgängig Sitte, daß die jungen Fabrikarbeiterinnen auf dem
Schoß ihrer Begleiter saßen, nachdem ihnen aber Seitens der stets
anwesenden Vorstandsdamen nahegelegt wurde, daß solches Betragen
nicht recht „~ladylike~“ und hübsch sei, unterblieb es. Während
einer Pause gingen wir in den breiten Gängen und Erholungsräumen, wo
leichte Erfrischungen zu kaufen waren, herum, und unsere Begleiterin
unterhielt sich mit einigen ihrer besonderen Freunde, Waschfrauen,
Briefträgern, Ladenmädchen, Werftarbeitern und dergl. Die größte
Ueberraschung des Abends war aber vielleicht die spontane Begeisterung,
welche eine neu aufgefundene, verzopfte Händel'sche Arie erweckte.
Dieselbe war in der That schön, doch hätte man sie bei uns nur etwa
einem Singakademie-Publicum zu bieten gewagt, und ich constatire diesen
Geschmack des als unmusikalisch verschrieenen englischen Volkes, ohne
eine Erklärung zu bieten. Auch ist es Zeit, zu schließen -- ich umarme
Alle, und Thilda ganz besonders.
Euer
Udo.
[Illustration: Kensington Park]
III.
London.
Vielen Dank, ~cara~ Mutter, für Deinen lieben Brief, auch für die
willkommene Nachricht, daß Onkel Krastenow gern auf Reiseberichte
verzichtet und sie für Unfug hält. Wie recht hat der Mann!
Eben werden meine sieben Sachen gepackt, da wir den Sonntag über einen
Künstler in Surrey, etwa zwei Stunden von hier, zu besuchen gedenken.
Wir hatten mehrere solcher freundlichen Aufforderungen erhalten, denn
viele bekannte Familien haben eine Besitzung in der Nähe von London
und füllen während der ganzen „Season“ allwöchentlich von Sonnabend bis
Montag ihr Haus mit Gästen. Als aber Hoyen eine, sich auch auf mich
erstreckende Einladung zu einem jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen
erwähnte, optirte ich für diese, denn der Abwechslung halber sehnte
ich mich nach Leuten mit weniger als zwanzigtausend Thaler Einkünften.
Dies wäre nach Hoyen das Minimum für Londoner gesellige Verhältnisse,
darunter kann man gerade zur Noth „existiren“, aber absolut nichts
„mitmachen“.
Es liegt aber bereits ein gutes Tagewerk hinter mir; ganz früh, d.
h. um zehn Uhr, ritten wir mit dem hierher auf ein Jahr commandirten
Hans Quilow im Hyde-Park, ich auf einem mir vom Botschafter gütigst
zur Verfügung gestellten Rappen. Hoyen wurde elegisch und klagte über
~fin de siècle~, Verkommenheit. Bis vor wenigen Jahren ritt man nämlich
zwischen halb zwölf und halb zwei im Cylinder und tadellosen, fest
anschließenden Reitanzug; wie er behauptete, ein Anblick für Götter.
Jetzt thun das nur noch zurückgebliebene Leute aus der Provinz, und
Alles, was etwas auf sich hält, reitet frühmorgens, die Herren in
bequemen, ausgetragenen, grauen Röcken, die Damen in Blousen und
flatternden Jäckchen -- Alle aber in Filz- oder Matrosenhüten --
„complete Demoralisation“. Quilow und ich waren jedoch harmlos genug,
um uns rückhaltlos an den wundervollen Pferden und an dem für unsere
Begriffe fast unerlaubt naturwüchsigen, aber doch famos sicheren Sitz
dieser Hunderte von Reitern und Reiterinnen zu freuen. Uebrigens
erklärte man mir später, daß die Ursache eines frühen, zwanglosen
Reitens in dem wachsenden Einfluß der beschäftigten jungen Männer zu
suchen sei. Als die Damen merkten, daß die Mehrheit ihrer Tänzer und
guten Bekannten früh, d. h. vor ihrer Arbeit in den Ministerien, in
der City oder in den Justizgebäuden, ritten und daß nur die kleine
Minderheit der Nichtsthuer später im Park zu haben sei, änderten auch
sie ihre Gewohnheiten. Ohnehin ist es für unsere Anschauungen etwas
anwidernd, Mittags, um die schönste Tageszeit, dieser Anzahl sorgfältig
angezogener herumschlendernder Herren im Park zu begegnen. Und so hat
diese „Verwilderung“ des Reitanzugs vielleicht sogar etwas für sich!
Bald trennte ich mich vom „corrupten Westen“ und begab mich wieder nach
einem armen, verkommenen Stadttheil im Osten. Die Miß Mount Dawling
hatte mich gestern Abend mit einem jungen Juristen bekannt gemacht,
der nun in Toynbee Hall mich erwartete. In diesem Institut verleben
mehrere Dutzend junger Männer aus den gebildetsten, auch aus den
vornehmsten Ständen einige Jahre nach der Universitätszeit, verfolgen
ihr Studienfach, widmen jedoch ihre freien Stunden den verschiedensten
philanthropischen Bestrebungen. Hier unterrichten sie Abends die
Knaben und Männer dieser hauptsächlich aus Fabrikarbeitern bestehenden
Bevölkerung in den Schulfächern, in Nationalökonomie, Religion oder
Kunstgeschichte. Hier leiten sie Gesang-, Schwimm-, Turm-, Cricket-
und Fußballvereine, hier werden „historische Gänge“ durch London,
sowie Ausflüge in der Umgegend vorgenommen, normale Arbeiterwohnungen
verwaltet und Krankenkassen errichtet. Kurz, diese freiwilligen
Arbeiter wollen praktische Fühlung mit ihren ärmeren Mitmenschen
gewinnen und einen festen Mittelpunkt für die philanthropischen
Bestrebungen bilden.
Als ich Mr. Julian Gard, einem hübschen, eleganten, jungen Menschen,
meine Bewunderung aussprach, wies er mein Lob sehr bescheiden von sich
und behauptete, daß er und seine Freunde weit mehr gelernt als gelehrt
hätten, daß, wenn auch dieses jetzt etwa fünfzehn Jahre bestehende
Toynbee Hall einen erfreulichen, manchmal überraschend günstigen
Einfluß auf die Umgegend ausgeübt hätte, der Nutzen auf die jungen
künftigen Politiker, Geistlichen, Juristen oder Nationalökonomen ein
ebenso ausgesprochener wäre. Etwas verlegen fuhr er fort: „Diese
manchmal etwas ungeschlacht und verwildert aussehenden Männer und
Knaben machen einem auch größere Freude als Sie vielleicht denken; es
ist unglaublich, wie anhänglich sie sich oft erweisen, wie schnell man
sich an einander gewöhnt.“ Dabei ist dies die verrufenste Gegend von
ganz London, aus Gard's künstlerisch eingerichtetem Zimmer sah man auf
den Schauplatz des einen „Whitechapel-Mordes“, und vom Tennisplatz, im
hinteren von Epheu bekleideten Hof des schlichten, aber geschmackvoll
vornehmen Backsteingebäudes erblickte man die Fenster, hinter denen
eine andere dieser Scheußlichkeiten geschah. Gard fuhr fort: „Unsere
Thätigkeit ist vielleicht nur ein Tropfen, aber der ist von intensiver
Farbe und färbt weithin das Wasser. Wir sind auch keineswegs muthlos,
und überall, inmitten dieser entsetzlich großen, zusammengepferchten
Bevölkerung arbeiten ähnliche Genossen und Genossinnen.“ Er gefiel mir
recht gut, und gern hätte ich manche Frage mit ihm erörtert, um statt
blutloser Theorien diese eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu
hören, aber schon mußte ich nach der Uhr sehen und mich schleunigst in
die Bahn setzen, da mich ein verabschiedeter indischer Oberst in South
Kensington zum Luncheon erwartete.
So kam ich denn auch in diese beliebte Gegend, wo um das altmodische
Schloß und den gradlinigen, schattigen Park ein nagelneues Viertel roth
backsteinerner, „stilvoller“ Gebäude sich erhebt.
Im Wohnzimmer des Obersten angelangt, prallte ich zurück; denn vor mir
erhoben sich drei ältliche Fräuleins, und nur zu gut erkannte ich die
eiserne Unerbittlichkeit dieser schnurgeraden, sogenannt weiblichen
Gestalten, das mechanische Lächeln dieser großen, blassen Lippen. Es
waren dieselben Engländerinnen, welche in Mürren mich an das jüngste
Gericht mahnten, als ich Sonntags einen Ausflug unternahm; welche mir,
höchst unpassender Weise, eigenhändig Tractate in mein Schlafzimmer
brachten und mich erfolglos anflehten, einen Temperenzlerverein in
Deutschland zu gründen. Auch ihnen schien die Begegnung eine ebenso
unerwartete, wenn auch leider nicht so unliebsame wie mir. Jedes, auch
das geringste Opferlamm mag ihnen willkommen sein, und sie setzten mir
armen Wurm auf das Weidlichste zu. Religion und Wassertrinken wurde
zwar auch während des ewiglangen Frühstücks breit getreten, doch war
augenblicklich Vivisection das beliebteste Steckenpferd, und daß ich
trotz aller haarklein geschilderten Greuel des Secirtisches doch noch
Lammrücken mit ~mint sauce~ herunter kriegte, spricht entschieden
für meine unangekränkelte Natur. Der Oberst versuchte mehrmals das
Gespräch an sich zu reißen, doch erwies sich die Phalanx der Töchter
zu stark; er mußte den augenscheinlich besonders geliebten Klang der
eigenen Stimme entbehren bis er mich den Fräuleins entwand und nach
der indischen Abtheilung von South Kensington-Museum entführte. Das
war nämlich die Verabredung gewesen und erfüllt, wie ich von meinem
Rudyard Kipling nun einmal bin, hatte ich mich ganz besonders auf
eine sachkundige Leitung durch diese märchenhaften Schätze gefreut.
Allerdings erzählte er viel -- +sehr+ viel -- über Indien, als er aber
die Ränke, welche seine frühzeitige Pensionirung zur Folge hatten,
die Günstlingswirtschaft der Behörden und die Ungerechtigkeit der
Rupee-Währungsverhältnisse in genügender Vielseitigkeit beleuchtet
hatte, flüchtete ich, gänzlich erschöpft.
Und jetzt ertönt schon Hoyen's mahnende Stimme. -- Zärtlichst küßt Dir
die Hand
Dein
Udo.
IV.
Liebste Mutter! Also, ich fahre fort. Gestern Nachmittag war ein großes
Gartenfest in Holland House und das bedeutet viel; denn Holland House
ist vielleicht das berühmteste, traditionsreichste Privathaus Londons.
Mitten aus dem Straßengewimmel gelangt man durch ein schmiedeeisernes
Thor in Lord Ilchesters Herrschaft und befindet sich augenblicklich
auf dem Land. Allerdings war es eine recht städtische, gedrängte
Wagenreihe, welche durch die uralte Ulmenallee dahinfuhr und nur
über und zwischen den hellen Federn und Blumen der großen Damenhüte
erblickte man weite Wiesen und ferne Bäume. Dann hielten wir vor dem
verwitterten, rothgrauen, backsteinernen Gebäude, das man anderswo
ruhig ein Schloß benennen würde; lange, in Stein gefaßte Fenster,
monumentale, mit gebrannten Thonornamenten verzierte Schornsteine,
Vieles an- und dazu gebaut, das Ganze etwa aus der ersten Hälfte des
siebzehnten Jahrhunderts. Durch ein weißmarmornes Greifenthor gingen
wir gleich in den Garten hinein, unter einer gewaltigen, tiefdunkeln
Ceder empfing die Lady ihre immer neu heranfluthenden Gäste, und dann
erging man sich in den Lindenalleen, zwischen den Buxbaumbeeten des
„holländischen Gartens“, auf den frisch grünen Rasenplätzen, an hellen
Statuen vorbei. Mich zog es aber in das Haus hinein; denn eine junge
Nichte (es ist zu nett -- überall giebt es hier zu Lande Nichten)
versprach mir, Alles zu zeigen und zu erklären.
[Illustration]
Ein liebenswürdiger, etwas geckenhafter Höfling Karls des Ersten
hatte Holland House damals, fern von London, erbaut. Nicht ganz
gesinnungsecht, wechselte er während der Bürgerkriege öfter die
Farbe. Von dieser Besitzung aus versandte er mit dem General Farifax
und andern Parlamentariern einen Erlaß an die Armee, das Jahr darauf
ging er wieder zu den Königlichen über und wurde schließlich von
den Rebellen zum Tode verurtheilt. Bei Westminster -- über den
Platz war ich Vormittags gegangen -- bestieg er das Schaffot; bis
zuletzt hielt er auf's Aeußere, war in weiß Atlas gekleidet, so
spukt er auch zeitweise hier herum. Das Haus wurde dann von mehreren
parlamentarischen Generalen bewohnt; Cromwell soll auf einem
der Felder mit dem schwerhörigen Ireton sich ausgesprochen haben
(hundert und zwanzig Morgen zählt noch heute der Besitz!); schließlich
erhielt es die Wittwe zurück. Die Dame war anscheinend lebenslustig
und temperamentvoll; denn mitten in der puritanischen Herrschaft,
in der alles Theaterwesen in Acht und Bann erklärt wurde, ließ sie
hier ruhig Komödie spielen. Ihr Sohn erbte den Titel eines Earl of
Warwick und dessen verwittwete Schwiegertochter heirathete den Dichter
Addison. Nach Johnson's Behauptung erinnerten die Ehebedingungen an
die Trauungsfeierlichkeiten einer türkischen Prinzessin, bei denen der
Sultan erklärt: Tochter, hier gebe ich Dir diesen Mann zum Sklaven!
Uebertrieben angenehm hatte es Addison auf jeden Fall nicht.
Dann später erwarb die Fox'sche Familie, die Vorfahren der jetzigen
Besitzer, Holland House. Auch sie waren durch Hofgunst gestiegen,
ein Fox hatte in Brüssel dem Tennis spielenden Karl dem Zweiten, als
erster, den Tod des „Ungeheuers“, des Cromwell, gemeldet. Seit über
einem Jahrhundert stand allzeit ein Fox in der vordersten Reihe der
englischen Staatsmänner. Der erste Politiker dieser bedeutenden Familie
wurde außerdem noch durch einen viel Staub aufwirbelnden Roman mit
der Lady Caroline Lennox, Enkelin Karls des Zweiten, berühmt; da die
Eltern sie ihm nicht freiwillig gaben, entführte er sie, und die Ehe
schlug tadellos aus. Ihr zweiter Sohn war der berühmte Redner und
Staatsmann Charles James Fox. Er muß eine fesselnde, widerspruchsvolle
Persönlichkeit gewesen sein. Von lockerem Lebenswandel, ein berüchtigt
leidenschaftlicher Spieler, war er der warmherzigste Freund und
auch ein feingebildeter Mensch, welcher z. B. alljährlich den Homer
von Anfang bis zu Ende in der Ursprache las. Von ihm wurde 1831
geschrieben: „Noch jetzt, nach fünf und zwanzig Jahren, giebt es Leute,
welche keine Viertelstunde über Charles Fox sprechen können, ohne
Thränen zu vergießen.“ Aus dem Fenster zeigte man mir die Stelle, an
der damals eine alte Steinmauer stand. Der zum Lord Holland erhobene
Vater versprach dem Knaben, bei dem Niederreißen derselben zugegen
zu sein. Aus Versehen geschah es jedoch in Charles Abwesenheit, und
um selbst einem Kind gegenüber das Wort zu halten, gab der Vater
den Befehl, die Mauer wieder aufzuführen und in der Gegenwart des
Sohnes noch einmal niederzureißen. Mit feinsinniger Liebe zur Natur
ausgestattet, hing Charles zeitlebens an der schönen Familienbesitzung;
kurz vor seinem Tod wanderte er in den Alleen umher, wehmüthig die
erinnerungsreichen Stätten betrachtend.
Dann zeigte man mir eine der Perlen unter den Gemälden, einen berühmten
Sir Joshua. Eben derselbe Charles Fox steht als vierzehnjähriger Knabe
vor einem Fenster von Holland House, aus welchem die schöne, blutjunge
Schwester seiner Mutter, die Lady Sarah Lennox herausblickt, während
ihre Freundin, Lady Susan Strangways ihr eine Taube heraufreicht. Auch
diese jungen Mädchen wurden ihrer Zeit viel genannt, auf beiden ruht
der Schimmer einer romanhaften Neigung.
Nach dem Tode ihrer Eltern war Lady Sarah zur Schwester gezogen. Hier,
auf einem jener Felder, an denen Hoyen und ich eben vorbeigekommen
waren, machte sie am Junimorgen Heu in phantastisch ländlicher Tracht,
und der junge König Georg der Dritte ritt vorbei und verliebte sich
sterblich. Auf das Ernsteste bemühte er sich, sie zur Gattin zu
erringen, brachte die Angelegenheit vor den Thronrath, doch mahnte
dieser energisch ab. Aber auch jetzt noch hätte die schöne Lady Sarah
wahrscheinlich die Krone erringen können, wäre sie ehrgeiziger oder
temperamentvoller gewesen. Sie that nichts, gab kein Zeichen und der
König verlobte sich mit der mecklenburgischen Prinzeß. Vielleicht, da
es wirklich zu spät war, bedauerte sie ihre Kälte, aber sie plaudert
mit gutem Humor über die Unbeständigkeit des Souverains in ihren
Briefen. (Ein großes Prachtwerk über Holland House gab mir meine
liebenswürdige Führerin zum Nachlesen und Nachschlagen mit.) Bei der
feierlichen Hochzeit und Krönung war sie natürlich die meist beachtete
Brautjungfer, war, wie Horace Walpole schreibt, „engelhaft schön.“ Der
junge König wandte während der ganzen Feierlichkeit seine Blicke nicht
von ihr. Das Jahr darauf heirathete sie einen Landjunker aus Suffolk,
fand ein ruhiges Glück.
Anders verlief der Roman ihrer Freundin, der Lady Susan, aber auch in
diesem spielte Holland House eine Rolle. Eines schönen Tages verließ
sie dasselbe, um, von einem Diener begleitet, spazieren zu gehen; um
etwas Vergessenes zu holen, schickte sie ihn in das Haus zurück und
gab vor, auf der Straße ihn erwarten zu wollen. Hier harrte ihrer
aber ein schöner Schauspieler, O'Brien, mit einem Miethswagen, fort
fuhren sie nach einer Kirche und ließen sich trauen. Hatte Harry Fox
damals eine gesellschaftlich über ihm stehende junge Dame entführt,
wurde das Vergehen an seiner Nichte gerächt! Weder meine Führerin,
noch das Foliobuch konnten mir jedoch mittheilen, ob auch diese Ehe so
befriedigend verlief.
Aber die berühmteste Epoche von Holland House ist die Zeit von etwa
1800-1840, in welcher der dritte Lord Holland und seine Gemahlin
die geistig bedeutendsten Londoner Kreise um sich versammelten.
Alle Bedingungen zu der schönsten Geselligkeit waren da. Den Rahmen
lieferte die fürstliche Pracht, die wohlthuend ländliche und doch
erreichbare Lage des Hauses. Auf Reisen im Ausland, im Verkehr mit
den meisten europäischen Berühmtheiten hatten sich die Wirthe eine
kosmopolitische Gewandtheit erworben; begabt und angeregt, fesselten
sie die hervorragendsten Menschen an ihr Haus, schlossen echte,
langjährige Freundschaften. Ich muß sagen, es sind Menschen und
Verhältnisse, deren man gern gedenkt. Vielleicht erinnert Ihr Euch aus
der Macaulay'schen Biographie, wie oft er diesen glänzenden, ästhetisch
anregenden Kreis erwähnt. Der Hausherr war, der Familientradition
folgend, ein Whig; mehrere hohen Aemter wurden ihm zu Theil, Ende des
vorigen Jahrhunderts befürwortete er bereits die erst lange nachher
durchgedrungene parlamentarische Reform, wie auch die Emanzipation der
Katholiken. Ein leidenschaftlicher Literaturfreund, interessirte er
sich ganz besonders für die spanischen Klassiker und übersetzte mehrere
derselben. Den Kaiser Napoleon kannte und verehrte er, auch nach dessen
Sturz bewahrte er ihm die treuste Bewunderung; vorhin war ich auf der
Terrasse, neben altmodischen Taxushecken, auf seine Statue gekommen.
Er galt für den feinsten, geistvollsten Gesellschafter, für den
denkbarst gütigen Wirth. Seine Gattin war ebenso bedeutend, wenn auch
entschieden schwierig. Sie war schön, begeisterungsfähig, witzig, aber
herrisch, launenhaft und von einer berüchtigten Offenheit der Sprache.
Noch intimer als in seinem Aufsatz, weniger diskret, aber um so
unterhaltender beschreibt Macaulay in seinen Briefen an die Schwester
seine etwas gefürchtete Gönnerin, die Lady.
Nennt man die Gäste des Hauses, so hat man fast alle litterarischen und
politischen Größen jener Tage genannt. Sheridan, Byron (welcher dem
Lord Holland seine Braut von Abydos widmete), Frau v. Staël, die beiden
Humboldt waren gern gesehene Gäste. Hier übernachtete Brougham vor
seiner großen Vertheidigungsrede der unglücklichen Königin Karoline,
eine der liebenswürdigsten Politikerinnen, die Fürstin Liewen, war
eine intime Freundin des Hauses. Die Nachfolger dieses Ehepaares, der
vierte Lord Holland und seine erst vor kurzem verstorbene Gemahlin
waren weniger bedeutsam, pflegten jedoch in würdigster Weise die
Familientraditionen. Die eine lange Schloßterrasse, wo jetzt die
Kapelle spielte, heißt die Louis Philippe-Allee zum Andenken an den
1848 dort in trüben Gedanken auf und ab gehenden verbannten König. Mit
dem Herzog und der Herzogin von Aumale wurde im kleinen, steingefaßten
Teich hinter den umwachsenen Arkaden, wo jetzt Theetische aufgeschlagen
waren, gefischt, Thiers und Guizot waren oft hier zu Gast.
Ich habe aber fast einen Schreibkrampf bekommen und höre auf. Den
prächtigen Bibliotheksaal, in dem Addison dichtete, habe ich vergessen.
Besonders schön ist auch der „goldene Ballsaal“ mit modernen Fresken
von Watts, der in diesem Hause seine frühesten Gönner fand. Sonst hat
er sich wenig verändert, seitdem anläßlich der Vermählung Karls des
Ersten und der Henrietta Maria der erste Ball darin gegeben wurde.
Jede Generation hat hier seither getanzt und wie viele Hunderte noch
ungeborener Menschen werden sich wohl noch auf diesen dunkeln, glatten
Eichendielen ergehen!
Nein, das Haus war wirklich unglaublich interessant! Herzlichst und
treulichst
Euer
Udo.
[Illustration: Eine Surrey-Cottage]
V.
Marwood Cottage, Haslemere.
Liebe Eltern!
Hier ist es fabelhaft hübsch, durch das winzige Fenster klettern
Rosen, dann kommen jenseits vom Rasen lange Rabatten von Lilien und
Mohnblumen, dann saftige, sonnige Wiesen und schattige Bäume, und dann
wieder Viehweiden und Hecken und immer dunstiger werdende Bäume, und
endlich ferne, umflorte, blaßblaue Berge. Die Gegend erscheint still
und weltentrückt, und erst beim längeren Herumspazieren zeigen sich
die von Bäumen und Büschen umstandenen malerischen Gehöfte und die
vielen neuen Häuschen im gefälligen, anspruchslosen „~cottage~“-Stil,
d. h. rother, leicht verwitternder Backstein, unregelmäßige Giebel,
Erkerfensterchen, ein kleines Hauptportal, Alles von Jelängerjelieber,
Clematis und Heckenrosen umrankt. Hier und da gibt es auch alte
herrschaftliche Landhäuser, hier und da haben reiche Londoner
Kaufherren sich prachtvolle Besitzungen geschaffen, aber besonders
häufig und für die Gegend besonders charakteristisch sind diese
anheimelnden „~cottages~“, in welche Maler, Schriftsteller und Gelehrte
sich aus der Großstadt herausflüchten. Jeder sich neu anbauende Mensch
gilt natürlich anfänglich als Volksfeind, der aus krassem Egoismus
diese unberührte Ländlichkeit zu zerstören gedenkt. Die Gefahr liegt
ja auch nahe, aber noch verbergen die üppigen Bäume jedwede Londoner
Eindringlinge, und der hier bestehende geistig angeregte Verkehr kommt
wohl sonst auf dem Lande nicht leicht wieder vor.
[Illustration: Surrey-Landschaft]