V.

Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Höhepunkt

erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines

Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur

des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine

Hitze, die von Tag zu Tag größer wurde. Während das fabelhafte Licht die

Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr

gegeben war für den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei

befanden, brachte die intensive Wärme, welche von dem neuen Kometen

ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue

Begierden, Leidenschaften und Laster.

Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der rote Komet noch durch einen

unendlichen Raum von der Erde getrennt sei.

»Es ist eine neue Sonne!« sagte er, »ein gewaltiger Körper, der lange Zeit

hindurch, vielleicht ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am

Ende des Weltalls gestanden hat!«

Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus Futurus mußte zugeben, daß der

rote Komet der Erde nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum bis

zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem Falle aber wäre bereits

jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das

Nahen des Kometen keine andere Folge, als daß mitten im Winter die

Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen unter ungeheuren

Ueberschwemmungen litten. In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze

Städte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die

Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische

Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer.

Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten.

Dagegen sahen sie nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee;

denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese bedeutend gestiegen waren.

Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, daß die Farbe

des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende

Körper der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein Licht, das die

Augen kaum mehr vertrugen, so daß ihr Schein eine Reihe von Erblindungen

hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des roten Kometen

gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz außerordentlich empfindsam gerade für

das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden

Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten förmlich

in sich einsogen, um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine

Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die Regierung in Berlin die

umfassendsten Maßnahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen.

Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, so zog man neue

Beamte in den Dienst.

Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus übertragen,

weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das

Ressort dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten, dem

öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit verwandt war.

Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurück. Zwar war die

deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen

Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem

unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Plätze

mit ihren furchtbaren Geschützen fast ohne Widerstand genommen und eine

Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang

einzig in der Geschichte dastand.

In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert

worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete

Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und

Wilhelmshaven mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß die englische

Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor. --

Allein -- obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste

standen -- mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare

Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung,

wie ein düsterer Bann über Berlin.

Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, die schon

verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen können. Wohl

hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt die Kanonen

gedonnert, und die Fackel des Bürgerkrieges war entzündet worden.

Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen.

Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknüpft hatte, erfüllten

sich.

Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die

französische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Bürger, denn auf die

Niederlagen hin, die die französische Armee erlitten, war dort wieder das

Standrecht der Kommune erklärt worden. In England war ein

Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und Großbritannien ausgebrochen, in

Amerika wütete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen

und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, und von

Osten her wälzte sich die gelbe Gefahr heran.

Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins Rollen:

Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen würdig

zu feiern. Diese standen noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der

Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so daß man

es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen

zu tragen.

Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung ihre letzten

Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden.

Die französischen Diplomaten wußten eigentlich nicht recht, woran sie

waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen

Absichten Deutschlands und Englands.

Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fäden

der in Aussicht genommenen europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war

der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, Amerika: John

Crofton.

Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame Wohnzimmer seines

Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin.

»Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?« fragte er, seine dunkel

umränderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte.

Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre

Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit

Wochen Berlin mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher nur

zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers stand.

»Ich habe nichts vor,« entgegnete Romulus Futurus. »Wenn meine Gattin

einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff

unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal

näher ansehen würde.«

Frau Fabia klatschte in die Hände.

»Das ist eine Idee, Romulus,« sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie

sehnsüchtig die weißen Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend

am Himmel stand.

»Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,« murmelte sie, »und weiß doch

nicht wonach, warum! Mir ist als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte,

der meine Bestimmung einschließt!«

John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach

seinem Geschmack.

»Man gibt heute abend den Tannhäuser,« meinte er. »Happy Head-Divina singt

die Elisabeth. Ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu

verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher

darauf gerechnet, daß ihr mitkommen würdet!«

Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie änderte daher sofort ihren

Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde

später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die große Oper . . .

Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia vergaß alles um sich her,

während sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend

wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte

begraben gehabt.

Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas

Gequältes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er

bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie empfunden, immer mehr

nachließ, in dem Bewußtsein, daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was

er suchte. Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich hinter

die Kulissen.

Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schön in

dem weißen Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen

Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges Silber tauchte.

»Sie haben mich rufen lassen, Happy,« begann John Crofton und trat in ihren

Ankleideraum, der aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf

einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine

schwarze Groom.

»Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,«

entgegnete die Sängerin. »Du machst dich so selten bei mir, und man spricht

in unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia habe immer noch nicht

nachgelassen!«

Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen Hals zurück. John Crofton

entgegnete ärgerlich:

»Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen an?«

»Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch immerhin eine interessante

Figur, nachdem ganz Berlin weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!«

Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine

Falte.

»Das kommt darauf an!« murmelte er.

Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder

dufteten, um seinen Hals und flüsterte:

»Und für mich, John, hast du gar nichts mehr übrig? Liebst du mich wirklich

nicht mehr? Hast du mich ganz vergessen?«

John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit

verschleierter Stimme entgegnete:

»Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer noch so wie früher! Aber die

Leidenschaft für Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz

verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo

ich wieder ganz und gar zu dir zurückkehre!«

Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen, dann

drückte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . .

Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll

Befürchtung, die Sängerin möchte im nächsten Auftritt versagen, wenn sie

sich während der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy

Head-Divina mit ihrem Freunde.

Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie John Crofton immer von

neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er

löschen mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte

nicht, wie seine schöne Freundin plötzlich aus einem kleinen Fläschchen

einige Tropfen in sein Glas gleiten ließ. --

»Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?« fragte sie plötzlich

scheinbar gleichgültig, eine Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich

zur Decke empor.

John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, entgegnete:

»Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen werden allerdings übel

abschneiden. Ja, wenn sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig

im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland finanziell und

ökonomisch durch diesen Krieg vollständig ruiniert ist, so würden sie

allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!«

»Die Sache steht also für Frankreich weit besser, als man annimmt?«

entgegnete Happy Head-Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das

Sektglas füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus als sonst. --

»So ist es! Auch Englands Chancen sind weit größer, als die Briten

annehmen!«

»Und du kennst bereits alle näheren Pläne?«

Er lachte.

»Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche Happy! Sprach ich doch

erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswärtigen!

Ja, wenn man es so nimmt -- das Schicksal Frankreichs liegt jetzt

eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten!«

Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich geweitet hatten. Sah nicht,

daß sie ihn mit den Blicken förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an

die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . .

Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John

Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder

waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen

zu öffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu.

»Also du trägst die Entwürfe bei dir!« meinte Miß Happy plötzlich, indem

sie wieder auf das alte Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht

die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie

die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betäubung zu entgehen.

Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei

klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf:

»Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt -- ich möchte mich --

entfern --«

Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, die sich gegen einen Stuhl

gestützt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das große

Eisbärenfell.

In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an der Tür. Der Inspizient

steckte den Kopf herein und rief:

»Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina! Ihr Stichwort fällt in

einer Minute!«

Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich

stürzte der Groom herbei.

»Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich

zufällig dort aufhält. Sage ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir

Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.«

Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick die Bühne und sang ihre

Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß

mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste. -- --

Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr.

Diabel tatsächlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters

gerade eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der Nachricht nicht

sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin.

Dr. Diabel trat ein.

»Du kannst gehen,« wandte er sich an den Groom. »Laß mich allein!«

Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und verließ

die Garderobe.

Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb

war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem

Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen

Züge waren förmlich durchsichtig geworden; die großen, dunklen Augen lagen

tief in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schläfen,

während das Gesicht ganz zurücktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des

Bartes.

Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht aus, daß durch den

Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des

roten Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu

und goß das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des

Betäubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf

riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, warf ihn über einen Sessel, daß

auf der einen Seite die Füße, auf der anderen der Kopf und die Schultern

hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen.

Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten

Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies

und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er ließ das

Dokument in der Brusttasche verschwinden und goß dann auf einen kleinen

Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er in der Westentasche

getragen hatte. Diese Flüssigkeit ließ er zwischen die Zähne des

Bewußtlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton

die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um.

Sein Auge fiel auf Dr. Diabel.

»Wo bin ich? Was ist geschehen?« fragte er hastig, indem er sich

aufrichtete. Dr. Diabel mußte ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden

gestürzt.

»Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,« meinte der Arzt. »Ich wurde

eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy

bewußtlos zusammengestürzt!«

Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurück. Er begriff,

was geschehen war, glättete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand.

»Ich danke Ihnen!« flüsterte er. »Ich werde mich bei Miß Head-Divina noch

persönlich entschuldigen.« Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes

Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzählte, um sich

wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen.

Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, denn die Oper war zu

Ende.

Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung seines Freundes erwidert.

Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich

zurückgezogen, sagte der Kultusminister:

»Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance-Pläne noch in

deiner Tasche hast!«

John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so

furchtbar hatte ihn die Möglichkeit getroffen, die Romulus Futurus

andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern

sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. Die amerikanischen

Zeitungen pflegten kurzen Prozeß mit ihren auswärtigen Vertretern zu

machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie wurden

ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da sämtliche Zeitungen

Amerikas einen großen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust

waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend

einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden.

Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht

genügend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis zu

schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem

Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, so

wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen.

Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen

Taschen. Sein Gesicht überzog eine wächserne Farbe.

Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe gezogen und sah ihm schweigend

zu.

»Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr?«

»Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon

gesprochen!«

»So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne

deine Natur, John! Dein plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!«

Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit

wieder ein und der Verdacht, daß er das Opfer eines schändlichen Komplotts

geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel der

letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und

Mantel und beschloß, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu

ziehen.

Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück.

»Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund!« sagte er ruhig. »Ich

werde Dr. Diabel verhaften lassen!«

Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der

Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am

Krankenbett der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer

schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den

Leibarzt der Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen.

Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde nicht den geringsten

Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in

dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt.

Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, der eine große Rolle in

der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn

einem langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne Wort, das der

Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von

einem Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen eigenen Stift

auf ein Blatt Papier übertragen. So war jedes Protokoll überflüssig, und

der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten von dem

Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden seien und sich mit dem

Protokoll nicht deckten.

Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote das Protokoll. John

Crofton rang verzweifelt die Hände, als er es gelesen.

»Ich bin verloren! Verloren, Romulus!« rief er. »Dr. Diabel leugnet

hartnäckig und weder die körperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend

etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!«

Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine

Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden

worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt

des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu übermitteln,

so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John

Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach Amerika zurückgeschickt zu

werden. Vor diesem Schicksal hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren

können.

Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen Stationen

gesperrt würden und drei Tage lang unter persönlicher Kontrolle des

Ministers ständen.

Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. Er begriff sehr wohl,

daß, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine

Helfershelfer schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach Paris zu

übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina die Komplicin des Doktor Diabel war,

wollte John Crofton nicht glauben.

Auf alle Fälle leugneten beide standhaft.

So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien

besiegelt.

Er, der gegen seinen Freund so schmählich gehandelt hatte, scheute sich

nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu

retten.

Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit.

»In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er

sich befindet!« sagte er ruhig.

John Crofton hob den Kopf.

»Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr.

Diabel sein Geheimnis entreißen könntest!«

»Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es

keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von

jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig sein, es

wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen

Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden!«

»Ich verstehe dich nicht!« entgegnete John Crofton.

Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in

sein Coupé zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis.

Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war groß und geräumig

und besaß zwei Fenster: eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das

einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß.

Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort

seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche

»Lumen«-Platte ein.

Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit.

Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch

vervollständigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne

Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Völker wirken

mußte.

Nachdem er sich überzeugt, daß die »Lumen«-Platte die menschlichen

Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie

schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so

vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen

bewerkstelligte. Auf diese Weise war die »Lumen«-Platte noch zwanzigmal

verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt

nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie

zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren

geheimsten Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie

geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mühe zu geben, nur die

einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür

bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen des

menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben

auch da nur eine bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen

bestimmten Gedanken ausprägt.

Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er

mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte

selbstverständlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden

waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes Auge vom Fenster auf

ihn gerichtet war.

Er lachte, als die beiden Männer eintraten.

»Ihr werdet euch täuschen,« dachte er: »Von mir werdet ihr nichts

erfahren!« Zu gleicher Zeit überlegte er sich, daß er nun auf keinen Fall

an Miß Happy Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der

»Lumen«-Platte waren ihm natürlich längst bekannt.

»Ich werde weder an Miß Happy denken, noch daran, daß der Vertrag sich in

ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines

Plüschsessels in ihrem Saale verborgen hält,« dachte er. Und wirklich gab

er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Männer

eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster

Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhör unterzog.

Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter

vorgenommene, und Romulus verließ mit seinem Freunde Crofton die Zelle,

während ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen

Menschenkenners lag.

Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel.

»Ihr werdet euch täuschen,« dachte der Arzt. »Ihr werdet euch täuschen! Ich

habe weder an Miß Happy noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht,

und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!«

Romulus Futurus nahm ruhig die »Lumen«-Platte aus dem Apparat, nachdem er

diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause.

Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Männern in den Weg. Sie

brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung

zurückzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage

wurden immer kürzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden.

In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk,

das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte eigentlich

nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der

Regierung, mit allem. --

Der rote Komet Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2 · 第 12 / 16 题