Man munkelte von einer Revolution. --

Nie war Romulus Futurus liebenswürdiger gegen seine Gattin gewesen, als am

verflossenen Tage. Frau Fabia war glücklich wie nicht mehr seit den ersten

Tagen ihrer Ehe.

»Willst du den roten Kometen sehen, Fabia?« fragte Romulus Futurus abends

gegen elf Uhr. Und Frau Fabia antwortete lächelnd:

»Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so werde ich glücklich sein!«

Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort herrschte magisches

Licht. Romulus Futurus streckte den Arm aus und wies empor zu dem

rotschimmernden Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher

Deutlichkeit stand, so groß, so nahe, so drohend, daß man die Empfindung

hatte, als müsse er jeden Augenblick herabstürzen, alles unter sich

begrabend.

Frau Fabia schauderte.

»Und doch, heute möchte ich sterben!« flüsterte sie. »Ich habe das größte

Glück meines Lebens genossen, denn ich empfand, daß du mich immer noch

liebst!«

Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt von seinem Gewissen. Da

ging die Türe im rückwärtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein.

John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau Fabia so gegenüberzutreten,

wie er war. Er trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und einen

purpurroten Mantel über den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne wirr waren

unter dem direkten Einfluß des roten Lichtes, das sie umgab, schmiegte sich

ängstlich an ihren Gatten und flüsterte.

»Sage mir, Romulus, wer ist das?«

Romulus Futurus löste ihre Arme fast mit Gewalt von seinem Körper und stieß

sie dem entgegen, der eingetreten war. Frau Fabia sah die weißen,

gepflegten Hände Croftons, der sich bereit machte, auf sie zuzugehen. Und

von unbestimmter Furcht ergriffen, flüchtete sie nach dem anderen Ende der

Sternwarte und schrie:

»Rette mich, Romulus, ich fürchte mich.«

Der aber brachte noch mehr Zwischenraum zwischen sich und seine Gattin. Er

schlich sich zurück bis zu der kleinen Tür, die der Eingetretene offen

gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut zu finden, auch nur einen

Blick zurückzuwerfen.

John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und nun konnte er ein Schauspiel

genießen, auf das sich seine entarteten Nerven bis zu dieser Stunde

vorbereitet hatten.

Frau Fabia floh vor ihm wie das geängstigte Tier vor dem Jäger. Sie maß ihn

mit scheuen, verwirrten Blicken, während er ihr rund um die Sternwarte

herum folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels, der dieses

schändliche Verbrechen nicht hinderte . . . .

Schließlich, als sie kaum mehr die Kraft fand, sich auf ihren zitternden

Füßen zu halten, riß John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel ab

und rief mit diabolischem Gelächter:

»Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der Abrechnung ist gekommen!«

Sie fuhr zurück. Sie klammerte sich an die Wand. Sie schrie mit wahnsinnig

klingender Stimme nach Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um

Hilfe; aber niemand half ihr.

Sie stürzte auf die Knie nieder und flehte diesen Schurken um ihr Leben an,

aber er dürstete nach ihrem Blute.

Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den Raum, streckte wie

hilfesuchend ihre Arme nach dem Gestirne aus -- in diesem Augenblick hatte

John Crofton sie erreicht und die letzten Worte der Unglücklichen erstarben

in der Anrufung des roten Kometen, von dem sie Hilfe, von dem sie

Vergeltung forderte.

John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine Finger in ihren Hals

gekrallt. Er ließ sie nicht mehr los, bis das letzte Leben aus ihr

entflohen war.

Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von Freude überwältigt, ab,

taumelte zur Tür und rief nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen

entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe John Croftons

auf.

Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten Körper nach der Galerie.

Von den Straßen herauf tönte jenes eigentümliche, surrende Geräusch, das

das Zusammenströmen großer Volksmassen verkündet. Dann und wann hörte man

den verlorenen Ton einer lauten schreienden Stimme. Dazwischen Johlen,

Händeklatschen und Pfeifen.

In der Ferne ein Trommelwirbel.

Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die beiden Männer, die zwischen

sich den entseelten Körper der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts.

Romulus Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade unter sein

Bild zu legen.

Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht, um die geheimnisvolle

Gestalt in dem Augenblicke sehen zu können, da sie sich auf der

»Lumen«-Platte abbildete. Während er nämlich unter seinem Bild einen

starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits zu dem

Spiegel, andererseits zu dem photographischen Apparat in einem rechten

Winkel stand. Gleichzeitig legte er sich zwei äußerst lichtempfindliche

Gläser, die alles in riesiger Vergrößerung spiegelten, über die Augen.

So verharrte er regungslos, während das Toben auf den Straßen allmählich

verstummte; denn man hörte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden

Bataillone.

Während der Gelehrte also halb ängstlich, halb voll wahnwitzigen Hoffens

seine Augen fieberhaft auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem

Augenblick spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen Platte

erschien -- Romulus Futurus konnte also ganz einfach die Platte in dem

Spiegel erblicken; denn das Wesen selbst war ja für das Auge nicht sichtbar

-- während er beide Hände gegen das wildpochende Herz preßte, um es

gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte sich John Crofton mit einem hämischen

Lächeln in einen Sessel geworfen.

»Zu dumm,« dachte er. »Dieser Narr glaubt, er könne das Unmöglichste

vollbringen! Sind die Menschen nicht wirkliche Hampelmänner, die sich an

den Schnüren unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen, wenn

wir nur erst die Kraft dazu haben?

Romulus hat mir das Henkergeschäft über sein Weib übertragen; er wird nie

das Recht und die Fähigkeit besitzen, mich zu bestrafen.«

Inzwischen aber wurden die Gedanken John Croftons abgelenkt. Er sah in der

grellroten Helle, die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus

plötzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an dem Spiele der

Gesichtsmuskeln. Draußen stand, riesengroß, eine gewaltige Kugel, der

Komet.

Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In dem Augenblick, da sie unter

sein Bild getreten war, hatte die lichtempfindliche Platte sie

festgehalten, und diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild

in die Augen des Astronomen zurückwarf.

Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu sprechen, zog er seinen

ganzen Willen, all seine Energie und innere Macht in seine Augen und

blickte das schemenhafte Wesen an.

Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige Gesicht zu,

dieses wunderschöne Antlitz, das er nur fühlte, aber nicht sehen konnte.

Und sagte, während seine Stimme dumpf klang, als käme sie aus weiter Ferne:

»Wer du auch sein mögest, ich befehle dir, mir zu gehorchen!« Er bemerkte

deutlich, daß etwas wie Schrecken die Gestalt erfaßte. Sie sah ihn starr

an, offenbar unfähig, den Blick von ihm zu wenden, ohne daß Romulus Futurus

eigentlich ihre Augen sehen konnte, und er fuhr fort, triumphierend über

den schnellen Sieg, den er errungen hatte.

»Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu nehmen!«

Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb auf den Leichnam seiner

Gattin Fabia, halb hob er beschwörend die Hände und beschrieb die magischen

Zeichen über der seltsamen Gestalt.

Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer Widerstand, den sie dem

gigantischen Willen des Gelehrten gegenübersetzte. Aber der ließ nicht

nach.

In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen wieder erblickt, war auch

seine namenlose Leidenschaft gewachsen, und mit einem Willen, der stärker

war als alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl, während

die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht angezogen, sich immer mehr dem

Körper der Frau Fabia näherte. Und schließlich gab sie den Widerstand auf.

Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte Wesen eine unendliche

Traurigkeit zeigte -- im nächsten Augenblick war es zerflossen wie nichts,

und der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel, der in der purpurroten

Nacht verschwand.

Gleichzeitig sank er selbst erschöpft, mit hämmernden Pulsen in einen

Sessel zurück.

In großen Tropfen stand der Schweiß auf seiner Stirn.

John Crofton aber, der alles gehört, doch nichts gesehen hatte, war halb

von seinem Sitze aufgestanden, streckte den Kopf vor und lauschte mit

zitterndem Atem.

Plötzlich regte sich Frau Fabias Körper.

John Crofton riß die Augen weit auf. Er wollte, er konnte es nicht glauben!

Namenloses Entsetzen erfaßte ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen

Händen erwürgt? War es möglich, daß noch Leben in ihr war? Stehen denn die

Toten auf, um sich an den Lebenden zu rächen?

Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd in dem Sessel barg,

starrte er zu Frau Fabia hinüber.

Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener müden Bewegung, die die

zeigen, welche eine lange Reise gemacht haben, glättete das seidene Kleid

und sagte, unfähig, im ersten Augenblicke die zwei Männer zu erkennen, die

tief im Schatten saßen:

»Wo bin ich?«

Plötzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung zu kommen, eine

Erinnerung, die wenig mit der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem

Augenblicke anpaßte.

»Ganz recht!« murmelte sie lächelnd, indem sie die schweren, dunklen

Haarsträhnen aus der Stirne strich. »Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal

getreten und habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei hat mich

der Schlaf übermannt. Wie lächerlich das ist!«

Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie im ersten Augenblick wie etwas

Furchtbares anstarrte. Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schloß

sie in seine Arme und preßte sie an sich.

»Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend, wie immer? Du wirst nie

von mir gehen? Wir werden ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?«

Sie schlang die weißen Arme um seinen Hals und flüsterte:

»Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl ist es mir, als ob wir uns heute

zum erstenmal sähen. Aber dein Bild war immer bei mir!«

Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Küssen, das ihm vor kurzem so

gleichgültig, beinahe hassenswert erschienen war. Er küßte Frau Fabia so

lange, bis er endlich wahrnahm, daß er vergeblich die Züge jenes seltsamen

Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte.

Da erfaßte ihn etwas wie eine lähmende, dunkle Traurigkeit.

John Crofton aber war ruckweise, Schritt für Schritt näher getreten und

starrte Frau Fabia an.

An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab, links ein Daumen, rechts der

Zeige- und der Mittelfinger. --

Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte John Crofton . . . Diesem

war es, als ob der Blitz ihn treffen müßte. Er riß einen Teppich von der

Erde auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem halbausgestreckten

Arme deckend. So stand er da, das personifizierte böse Gewissen, und

zitterte.

Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und fragte ihren Gatten:

»Wer ist dieser Mann?«

Romulus Futurus lächelte düster.

»Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest du ihn nicht kennen?«

»John Crofton?« wiederholte sie, während ihr Antlitz einen gequälten

Ausdruck annahm. Offenbar suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen

dieses Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da, das sie nicht

fassen konnte. Sie schüttelte den Kopf und sagte:

»Ich kenne ihn nicht!«

John Crofton holte tief Atem. Er ließ die Decke sinken und starrte der

schönen Frau ins Gesicht. War es möglich, daß sie noch reizender geworden?

Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder Perlen gehabt, so

leuchteten sie jetzt wie Sterne in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze.

Auch ihre Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen John

Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick von neuem von jener rasenden,

teuflischen Leidenschaft erfaßt wurde, die ihn schließlich zum Mörder hatte

werden lassen.

Aber er verbarg seine Empfindungen ängstlich ebenso vor Frau Fabia als vor

dem Freunde. Er beugte sich nieder, führte die Hand der schönen Frau galant

an seine Lippen und drückte dann schweigend Romulus Futurus die Rechte.

»Es ist geglückt, mein Freund! Ich gratuliere dir!«

Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwörend zur Decke empor und

flüsterte:

»Ich bin von heute ab der glücklichste aller Menschen, John Crofton! Hast

du nicht bemerkt, daß selbst ihre Stimme sich verändert hat? Sie spricht

ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in allem instinktiv jenes

Wesen wieder, das ich vor meinem Bilde zum ersten Mal gesehen habe.«

Darüber, wer jenes Wesen sein könnte, dachte weder Romulus noch Crofton

nach. Die Wünsche der beiden Männer trafen sich zunächst nur in dem

rasenden Verlangen, Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener ging John

Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend, dieses Weib zu gewinnen, das

er in der vergangenen Nacht mit eigenen Händen getötet hatte. --

Der rote Komet Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2 · 第 11 / 16 题