Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade im Tiergarten, etwa dort, wo
vor einigen hundert Jahren der »Große Stern« gewesen. Von hier aus
beherrschte die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt war nämlich in einem
großen Halbkreis gebaut worden und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen
Jungfernheide angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele, viele
Stunden weit über den Gesundbrunnen, die Schönhauser Allee, Neu-Weißensee,
Rummelsburg, Stralau, Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf hinausreichte, um
den Tiergarten.
Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus Futurus ganz Berlin,
übersehen und beobachten. Ja, er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, daß
Ralph Jonathan Wieland in der ehemaligen Königgrätzerstraße Wohnung
genommen hatte. Diese war die erste Straße, die, von der Sternwarte an
gerechnet, jenseits des Tiergartens überhaupt bewohnt werden durfte. Dort
standen denn auch die Paläste der reichsten Millionäre von Berlin, darunter
das Riesenhaus Ralph Jonathan Wielands.
Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener Richtung geblickt und mit dem
Glase den Nabob beobachten können.
»Ich habe keine Zeit zu verlieren!« murmelte er.
Ohne sich um Frau Fabia zu bekümmern, die ihn mit vorgestrecktem Hals
beobachtete und plötzlich von dunklem, unbewußtem Grauen ergriffen, aus der
Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer in
Tätigkeit. Er schraubte die Linse so zu, daß der Lichtschein keinen
größeren Umfang hatte als höchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen
Lichtstrahl ließ er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph Jonathan
Wieland gleiten.
Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen Vergrößerungsglas. Es
hatte die Form einer Automobilbrille. Die kleinen Gläser saßen auf hohen,
runden, schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den Augen lagen. So
stellte er sich an das Fenster und beobachtete. In dem Bruchteil einer
Minute, bevor Ralph Jonathan Wieland auf die Störung durch den weißen
Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus Futurus durch das geöffnete
Fenster, daß der Krösus eben damit beschäftigt war, eine kleine schwarze
Kugel mit Acetylen zu füllen. Er begriff sofort den schändlichen Mordplan
dieses von Leidenschaften ganz und gar irre geführten Millionärs.
Acetylen war nämlich das neueste, furchtbarste Sprengmittel, das man im
dritten Jahrtausend kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen
schweren Geschützen eingeführt. Diese Geschosse bestanden aus Holzbüchsen
mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid gefüllt waren. Unter dem Calcium
Carbid lag eine Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang,
Phosphorwasserstoff bildete, während das Calcium Carbid das Acetylen
entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff mit Luft in Berührung kam,
entzündete er sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand, das eine
furchtbare Flamme entwickelte, daß die größten Wassermassen nicht
hinreichen konnten, sie zu löschen.
Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das Haus Croftons auf diese
Weise in Brand setzen und in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den
Romulus Futurus in jener Nacht zunichte machte.
Der Millionär drehte sich plötzlich um, erschreckt und verblüfft durch die
schmale Lichtflut, die in sein Zimmer drang. Als er mit den Augen ihrer
Richtung folgte, da begriff er, daß sie von der Sternwarte ausging.
»Romulus Futurus!« flüsterte er in höchster Angst und versuchte, die
Acetylenbombe zu verstecken und das Zimmer zu verlassen.
Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte ihn.
Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein weißes Band, das
kerzengerade von dem Leuchtturm zu ihm herüber glitt. Die Spitze des
Scheines bohrte sich in seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen
Schmerz.
Gerade über dem weißen Band aber, das die rot durchleuchtete Nacht wie ein
Dolch durchdrang, lagen die Augen des Erfinders, von schwarzen Rändern
umgeben, spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet. Sie
machten den Eindruck von zwei quallenartigen, schlüpfrigen Sternen, die
über der milchigen Flüssigkeit schimmerten.
Jonathan Wieland schüttelte sich vor Grauen. Er machte die verzweifeltsten
Anstrengungen, sich von diesem furchtbaren Anblick loszureißen. Aber er war
nicht imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen.
Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit einem teuflischen Lächeln.
Er nahm seine ganze Willenskraft zusammen, legte sie in seine Augen und
fesselte Jonathan Wieland in seinen Bann.
Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare Bombe in Händen,
die durch die geringste ungeschickte Bewegung allein schon zur Entzündung
gebracht werden konnte, grün vor Entsetzen, während der schmale
Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen Körper bohrte und die Schmerzen
immer gewaltiger wurden.
Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte laut, während er den Kopf
zwischen die Schultern steckte und die furchtbaren Augen immer noch
unbeweglich über der Lichtflut glitzern ließ:
»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!«
Nicht sofort wirkte der auf diese Weise übertragene Wille. Obgleich
Jonathan Wieland sich ganz und gar im Banne der Hypnose befand, besaß er
doch selbst so viel gesunde Kraft, daß er sich zu wehren vermochte, daß er
dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes Wiederstand entgegen
setzen konnte.
Der aber ließ nicht nach.
»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!« wiederholte
er noch einmal eintönig, biß die Zähne aufeinander und bohrte seine Augen
in die des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern, während diese
furchtbaren schwarzen Quallen über der Lichtflut, vergrößert durch die
Gläser, seine Blicke förmlich in sich einsogen, während diese
entsetzlichen, gierigen Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen
aus dem Körper Wielands bannten und seine letzten Kräfte fraßen.
Und plötzlich stieß der Millionär einen furchtbaren, gellenden Schrei aus
und ließ die Bombe fallen.
Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krösus stürzte ein und begrub ihn
und seine zahlreiche Dienerschaft unter seinen Trümmern. Eine ungeheure
Flammensäule schoß augenblicklich in die Höhe und hätte vielleicht halb
Berlin eingeäschert, würde nicht das Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff,
mit dem fast alle Häuser überzogen waren, selbst diesen furchtbaren Flammen
einen energischen Widerstand entgegengesetzt haben.
Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach unendlichen
Anstrengungen, den Brand zu löschen und die übrigen Häuser vor der
Vernichtung zu bewahren.
Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber auch nichts mehr gefunden.
Sein Körper war dermaßen zu Asche verbrannt, daß auch nicht die Knochen
eines Gliedes übrig geblieben waren.
Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses entsetzliche Unglück
zustande gekommen war.
Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde übrigens rasch wieder durch den roten
Kometen abgelenkt. Dieser hatte sich nämlich jetzt der Erde soweit
genähert, daß man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen konnte.
Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit dem neuen Gestirn zu
beschäftigen; denn der Krieg zwischen der deutschen Nation einerseits und
den Engländern und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig wurde
gerüstet. Und ungeheure Mengen von Munition wurden an den großen
Kriegshäfen Wilhelmshafen und Kiel aufgestapelt.
Die Armee trat unter Waffen.
Romulus Futurus nahm an diesen Vorgängen wenig Anteil. Er erkannte sehr
richtig, daß die plötzliche Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen
ebenfalls nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war, das dieser
Unglückskomet ausstrahlte. Und doch wollte es Romulus Futurus scheinen, als
ob die Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genähert
hatte, abnahm. So arbeitete der große Astronom in aller Ruhe an seinen
Problemen weiter. Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse über sein
nächtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia kaum mehr in Berührung. Und
doch war es eigentlich nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus
Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb.
In sein Leben trat nämlich ein neues, merkwürdiges Ereignis. In dem Hause
befand sich ein großer Saal, in dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser
Raum, der mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war der
Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing auch in der Mitte der Wand in
goldenem Rahmen sein Jugendbildnis. Das ihn als dreißigjährigen Mann
darstellte, als er Fabia zur Gattin genommen hatte.
Das lag acht Jahre zurück. Oftmals dachte Romulus Futurus, der ein
Philosoph war, darüber nach, ob es wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu
Fabia getrieben; um sich darüber Aufklärung zu verschaffen, kam er auf die
phantastische Idee, durch die »Lumen«-Platte sein eigenes Bild aus
damaliger Zeit zu photographieren.
Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein möglichst genaues Bildnis zu
erhalten, den Apparat nachts in dem großen Ahnensaale auf, gerade seinem
Bilde gegenüber, und entfernte am nächsten Morgen die Platte, um sie zu
entwickeln.
Da wischte er sich mit der Hand über die Augen, fuhr sich von neuem über
die Stirn, als wollte er die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen
Spiegel und hielt ihn über die Photographie, um sich zu überzeugen, ob die
Augen ihn nicht trogen.
Aber auch der zeigte dasselbe:
Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das Portrait an der Wand; denn
Romulus Futurus hatte damals wirklich einen vornehmen Charakter besessen
und keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte ihn jetzt
nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte und in grenzenloses
Erstaunen versetzte, war ein ganz anderer Umstand:
_Vor dem Bildnis stand nämlich eine Gestalt._
Es wäre schwer gewesen, sie zu beschreiben, überhaupt genauer anzugeben,
wer sie war, wie sie aussah, was sie trug.
Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah man es nicht. Aber Romulus
Futurus fühlte es. Ihre Gestalt kam nicht über eine nebelhafte Unsicherheit
hinaus, und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, mehr über die Züge
dieser Erscheinung zu sagen. Und doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange
Zeit vor dem Bildnis Romulus Futurus' gestanden und mit einer gewissen
Andacht zu ihm emporgeblickt.
Der Astronom wußte nicht, was er davon denken und halten sollte.
Schließlich schrieb er das Ganze seiner überhitzten Phantasie zu,
vielleicht auch einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht genügend
gegen das Licht geschützt worden war. Um sich Sicherheit zu verschaffen,
ließ er es in der zweiten Nacht auf einen neuen Versuch ankommen. Als er
aber am Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche Phänomen:
eine weibliche Gestalt, etwas stärker ausgeprägt, als am Tage vorher, eine
Frau von wundervoller Reinheit, mit einem Antlitz von außerordentlicher
Schönheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfaßbar,
unbeschreiblich.
Romulus Futurus wurde nun von einer quälenden Unruhe erfaßt, die ihn nicht
mehr verließ. Da er in seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen
setzte, um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens verdankte, so
rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die Sternwarte und zeigte ihm das
Bild. Dann weihte er ihn in die Vorgeschichte ein.
John Crofton blickte die Photographie lange an.
»Siehst du dasselbe wie ich?« fragte Romulus Futurus.
»Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte Gestalt vor deinem Bilde!«
»Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrückt zu werden? Eine
Gestalt, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann?«
John Crofton lächelte.
»Die Erklärung, meine ich, ist sehr einfach, Romulus. Diese Gestalt ist
kein gewöhnliches Lebewesen, das steht fest. Sonst würde es ihr nicht
möglich sein, durch verschlossene Türen und Fenster in den Ahnensaal
einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, daß sie eine besondere Vorliebe
für dich besitzt, sonst würde sie nicht die Nächte vor deinem Bilde
zubringen.«
Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine eigenen Empfindungen und
Hoffnungen bestätigte, aufs höchste erregt, ging mit großen Schritten in
dem Raume auf und nieder.
»Aber, was ist da zu tun?« rief er, verzweifelt die Hände ringend.
»Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt mich im höchsten
Grade, während sie zugleich in den Tiefen meiner Seele etwas aufwühlt, das
mich in die größte Unruhe versetzt. Ich muß dieses Phänomen sehen! Willst
du mir behilflich sein, John, daß ich einen Zeugen habe und meinen eigenen
Augen nicht mißtrauen muß?«
Der Freund nickte.
»Mit Vergnügen, Romulus!«
Die beiden verabredeten also, daß sie in der nächsten Nacht in dem großen
Ahnensaale wachen wollten, während Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder
seine lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde gegenüber in
Bereitschaft setzte.
Sie warteten die ganze Nacht hinter einem schweren Brokatvorhang. Sämtliche
Eichentüren waren verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur das rote
Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte Helligkeit in dem Saale.
Romulus Futurus und sein Freund John Crofton warteten die ganze Nacht bis
zum Morgen. Sie sahen nichts, hörten nichts und bemerkten nichts; und
Romulus Futurus meinte seufzend:
»Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart vertrieben.« Dann besah er
die photographische Platte, während seine Hände in fieberhafter Ungeduld
zitterten.
Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen Tage, nur noch
ausgeprägter, so daß man selbst das lange, fließende Haar, das bis auf die
Hüften wallte, die feinen Linien des Körpers, der in ein durchsichtiges
Gewand gehüllt war, erkennen konnte.
Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale auf und nieder.
»Ich muß sie kennen lernen!« rief er ein über das andere Mal. »Ich muß!
Diese Erscheinung gewinnt, ich gestehe es, von Tag zu Tag einen größeren
Einfluß auf mich, und ich möchte beinahe behaupten, ich sei von einer
rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen Liebe zu ihr erfüllt!«
John Crofton, der das heimliche Schaudern, das ihm dieses Phänomen
verursachte, hinter Frivolitäten zu verbergen suchte, entgegnete:
»Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und Blut so unempfindlich ist wie
du, ist's nichts Wundersames, wenn er sich in Geister verliebt!«
Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit.
»Geister . . .« wiederholte er. »Das ist sicherlich nicht das richtige
Wort, John. Es handelt sich um keinen Geist, und ich glaube auch nicht, daß
die Seelen Verstorbener sich uns auf diese Weise bemerkbar machen können.«
»Wie willst du es dann erklären?« entgegnete John Crofton verwundert. »Auf
alle Fälle ist das eine Erscheinung, die ohne Materie, das heißt ohne
Fleisch und Blut ist, sonst müßten wir sie doch mit unseren Augen erkennen.
Nur die fabelhaft empfindliche Platte war imstande, das Unsichtbare
sichtbar zu machen.«
Das war eine Erklärung, die Romulus Futurus weder befriedigen noch
beruhigen konnte.
»Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate!« rief er. »Ich will aber
wissen, John, wer sie ist! Gib mir einen Rat. Du weißt nicht, welches große
Opfer ich für dich gebracht, daß ich dir sogar das Leben gerettet habe. Du
staunst? Nun, nimm es an! Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir
einen Gegendienst verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das rechte
Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen nach jenem Wesen, das Nacht
für Nacht sich vor meinem Bilde zeigt. Ich muß sie besitzen! Also gib mir
ein Mittel! Ein Mittel, John Crofton!« Und der sonst so vernünftige,
ruhige, kühle und gemessene Mann rannte in der Sternwarte auf und nieder,
packte seinen Freund Crofton und schüttelte ihn, als wollte er ihn töten.
»Laß mir einige Augenblicke Zeit!« murmelte John Crofton und ließ sich in
einen Sessel nieder. Ihm war ein elender Gedanke gekommen. -- --
Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell abgewiesen, hatte er
einen tiefen und unauslöschlichen Haß gegen die schöne Frau mit sich herum
getragen. Von Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war seine
Leidenschaft für das schöne Weib zu teuflischer Bosheit geworden, und Tag
und Nacht dachte er darüber nach, wie er ihr Furchtbares antun könnte.
Aber er fürchtete Romulus Futurus zu gleicher Zeit! Er fürchtete diesen
mächtigen, in seinen Leidenschaften unberechenbaren Mann und hatte bislang
nicht gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen.
Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hände! Jetzt verlangte er ein
Mittel von ihm, das ihm kein Mensch verraten konnte! John Crofton vergaß
vollständig, daß sowohl er wie Romulus Futurus vor einem phänomenalen
Rätsel standen. Er dachte nur mehr an Frau Fabia, an seinen Haß, an die
Möglichkeit, sich zu rächen, ohne sich selbst strafbar zu machen. Und er
hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umränderten Augen zu Romulus
Futurus, der ihn erwartungsvoll ansah, und sagte:
»Ich wüßte wohl ein Mittel!«
Der Astronom war Feuer und Flamme.
»So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt, um selbst einen
klaren Gedanken zu fassen. Was ist zu tun?«
John Crofton ließ sich drängen. Er wiegte den Kopf hin und her und tat, als
getraue er sich nicht, zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor, bis
er ihm zusicherte, daß er jede Verantwortung tragen würde.
Dann begann John Crofton:
»So viel steht fest: die Platte, die an und für sich eine wunderbare
Erfindung bedeutet, hat dir und der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen;
ungeheuerliche Entdeckungen werden gemacht werden. Nun, diese Gestalt vor
deinem Bilde existiert, das ist sicher. Und ohne Zweifel ist es die Seele,
der Geist, das vom Körper losgelöste Wesen eines jungen Weibes, das dich
leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen, so mußt du
dieses Wesen in einen neuen Körper bannen. Ob das Experiment gelingen wird,
weiß ich nicht. Aber es sollte glücken! Du verfügst über fabelhafte Kräfte!
Dein Wille ist unermeßlich! Versuche, sage ich!«
Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin und her.
»Ja, das ist eine Idee! Das ist glänzend! Das ist großartig!«
Plötzlich brach er ab. Er begriff, daß der Vorschlag John Croftons
scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten aufwies.
»Aber woher diesen Körper bekommen, John? Was meine Gewalt über dieses
Wesen anbetrifft, verzweifle ich nicht. Es wird mir gelingen, die
Unsichtbare zum Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Körper soll ich sie
bannen? Es muß der Leib eines Weibes sein, dessen äußerliche Schönheit mit
diesem Wesen harmonieren würde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich
auf die Knie werfen könnte --«
Er brach erschöpft ab. Und John Crofton sagte so ruhig, als handle es sich
um, die einfachste Sache der Welt, während in seine Augen ein furchtbarer
Schimmer trat:
»Deine Frau!«
Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt stehen, seine Augen weiteten
sich, seine Lippen bebten.
»Meine Frau . . .« wiederholte er tonlos.
»Natürlich!« fuhr John Crofton fort, indem er mit einem eisernen Willen
sofort auf das eine Ziel losging, Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte
in Wirklichkeit nicht daran, daß Romulus Futurus, den er für einen Narren
hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches Werk vollbringen konnte.
»Natürlich deine Frau! Kein anderer Mensch auf Erden würde sich für dieses
Experiment eignen! Du liebst sie nicht -- du hast es mir ja selbst bereits
gestanden, hast oftmals mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grämt
sich darüber! Töte sie und banne dieses Wesen in ihren Leib, so wirst du
sie lieben können, wie nie ein Weib von einem Manne geliebt wurde!«
Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort. Er ging auf und nieder, von
Zeit zu Zeit vor dem Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren
Blicken messend. Es dämmerte noch, und der purpurne Schimmer des Kometen
flutete durch die Sternwarte.
»Und warum sollte ich es nicht tun?« schrie der Gelehrte plötzlich hinaus,
sich selbst die schreckliche Frage beantwortend. »Sage selbst, warum nicht?
Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglücklich, sagst du? Ja, ja, sie ist
es! Ich weiß es, ich habe es unzählige Male gefühlt! Ich liebe sie nicht!
Aber ich liebe dieses Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fühle, bis zum
Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren, wenn dieses Wesen
in ihrem Leibe wohnt!«
»Also!« entgegnete John Crofton und warf seine Cigarette weg, während seine
Augen vor Mordlust glühten . . . . .
Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er kreuzte die Beine
übereinander, vergrub die Hände in die Taschen und zog den Kopf zwischen
die Schultern, während ein feiger Zug sein männlich schönes Gesicht
entstellte.
»Ich kann es aber nicht tun!« flüsterte er.
»Was, Romulus?«
»Ich kann sie nicht töten! Denn es ist klar, daß ich sie erwürgen muß, wenn
ich die wesenlose Gestalt in ihren Körper bannen will!«
»Freilich!« entgegnete John Crofton brutal. »Du wirst sie töten müssen!«
»Nein, nein!« wehrte Romulus Futurus ängstlich ab. »Ich kann es nicht! Ich
bringe es nicht über mich! Aber vielleicht -- könntest du --«
John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte ein phosphoreszierendes
Leuchten. Seine Augen sanken förmlich in die Höhlen zurück, und seine
Lippen bebten vor verhaltener Freude.
»Was meinst du, Romulus?«
Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz nahe an sich heran und
flüsterte ihm ins Ohr:
»Vielleicht könntest du -- sie töten!«
John Crofton riß sich los und tat über die Maßen erstaunt.
»Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie töten? Dein Weib? Damit du mir im
nächsten Augenblick selbst die Pistole auf die Brust setzest und mich
tötest?«
Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst auf. Er machte
John Crofton begreiflich, daß er ihm den größten Dienst seines Lebens
erweisen könne. Er bat, flehte, weinte schließlich wie ein Kind. So groß
war die eingebildete Macht des unbekannten Wesens über ihn.
Und doch war alles nur die Wirkung des roten Kometen . . . .
Endlich gab John Crofton nach und die beiden Freunde verabredeten, daß sie
sich in der kommenden Nacht in der Sternwarte treffen wollten. -- --