der Prinzessin, woselbst ein wärmendes Feuer in dem Kamin brannte.
Sie erquickten sich an demselben, ohne daß jedoch eine freundlichere
Stimmung über sie kommen wollte. Selbst die treue Aurelie unterlag an
dem heutigen Abend den Einflüssen des Unwetters, das im Lauf der Zeit
immer heftiger und beängstigender wurde.
Eine kurze Zeit saßen die Freundinnen schweigend bei einander, alsdann
ergriff Sidonie das Wort.
»Wie der Sturm tobt, die Wälder rauschen und der Regen die Mauern
peitscht!« sprach sie aufhorchend.
»Der Winter kündet uns sein Nahen an,« bemerkte Aurelie, sich fester in
ihren Shawl hüllend.
»So werden wir denn bald den dritten hier erleben müssen,« bemerkte
Sidonie betrübt. »O, daß Du mit mir leidest, schmerzt mich tief!« fügte
sie bewegt hinzu.
»Denke nicht an mich, meine Gute! Was gelten die kleinen Entbehrungen,
die mir hier fühlbar werden, gegen das Dir auferlegte Leid? O, glaube
mir, ich ertrage unsere Abgeschiedenheit in dem Bewußtsein, diese mit
Dir zu theilen und durch meine Gegenwart sie Dir weniger fühlbar zu
machen, mit Freuden.«
»Ich weiß es, aber um so lebhafter ist auch der Wunsch in mir, Dich in
glücklichen Verhältnissen zu sehen.«
»Was willst Du, meine theure Freundin? Ist mein Leben nicht ein
befriedigendes, da ich einem so guten Zweck dienen kann: den schuldlos
Leidenden beizustehen und sie in ihrem Kummer zu trösten?«
»O wäre es mir doch einst vergönnt, Dir Deine treue Liebe vergelten zu
können!«
»Sei überzeugt, daß mit der glücklichen Gestaltung Deiner Verhältnisse
auch mein Leben an Freuden gewinnt. Das Schicksal hat unsere Herzen ja
so eng verkettet, daß wir kein getrenntes Glück kennen. Und ich hoffe,
es werden auch uns einst freundlichere Tage kommen; der Fürst muß
früher oder später zu der Einsicht gelangen, wie unrecht er Dir gethan
hat.«
Sidonie schüttelte verneinend das Haupt. »Ich hoffe das nicht mehr.
Alle seine Wünsche sind erfüllt worden, und dennoch hat er meiner und
des Grafen nicht gedacht. O, ich habe ihn nicht für so hart gehalten;
die letzte Unterredung mit ihm ließ mich mit ziemlicher Bestimmtheit
auf seine Milde hoffen.«
Sidonie fuhr auf und schmiegte sich an Aurelie. Ein heftiger Windstoß
durchfuhr das Schloß und zog heulend durch den Kamin; die Wetterfahnen
kreischten, der Regen prasselte gegen die Fenster, an welchen sich die
Vorhänge hin und her bewegten.
Aengstlich lauschten die Freundinnen dem Toben, das nach wenigen
Augenblicken geringer wurde. Im Begriff, das Gespräch fortzusetzen,
vernahmen sie bei der eingetretenen Stille Hufschläge und
Menschenstimmen vor dem Schloß. Es schienen Reiter angelangt zu sein,
die Aufnahme begehrten.
Diese Voraussetzung bestätigte sich, denn bald darauf berichtete der
herbei gerufene Diener, daß die beiden Förster aus dem Waldhause eine
wichtige Nachricht überbracht hätten.
Sidonie, dadurch beunruhigt, sandte den Diener sogleich ab, um
sich darüber aufklären zu lassen; statt seiner erschien jedoch die
Oberhofmeisterin nach kurzer Zeit und berichtete der Prinzessin, daß
die Förster in dem nahen Flecken die Nachricht von dem erfolgten Tode
des Fürsten erfahren und in Folge dessen es für ihre Pflicht erachtet
hätten, dieselbe trotz des Unwetters der Prinzessin zu überbringen.
»Der Fürst gestorben?!« rief Sidonie erschreckt und fügte alsdann
trostlos hinzu: »O, nun ist jede Hoffnung auf Freiheit verloren!«
Aurelie wagte ihr nicht zu widersprechen, denn auch sie erhoffte die
baldigen Befreiung der Prinzessin lediglich von dem Fürsten, da von
dem Prinzen keine Rücksicht zu erwarten war. Im Gegentheil konnte
man bei dessen gegen Sidonie gehegten Haß und seiner Neigung, den
Einflüsterungen ihrer Feinde ein offenes Ohr zu schenken, nur Uebles
von ihm erwarten.
»Du siehst, meine Freundin, wie wenig begründet unsere Hoffnungen
waren. Mag denn kommen, was will; ich bin auf Alles gefaßt,« sprach
Sidonie, als die Freundinnen wieder allein waren. »O, mein armer,
unglücklicher Freund!« fügte sie in der Erinnerung, daß auch für diesen
nun jede Aussicht auf Erlösung geschwunden sei, hinzu.
Statt jeder Antwort umarmte Aurelie die Freundin mit feuchtem Auge.
»Noch ein langer Winter, und nach diesem vielleicht noch einer und noch
einer und so fort, bis das Leben abgeblüht ist!« fuhr Sidonie in tiefer
Bewegung fort. »O, es gehört in der That Muth dazu, diesen Gedanken im
Hinblick auf meine Lieben, die mit mir leiden, auszudenken. O, vergieb,
Du Theure, vergieb, wenn sich mein so tief verletztes Herz nicht zu
einer Bitte an den Urheber meiner Leiden erniedrigen kann. Ich vermag
es nicht, und sollte ich auch einsam und verlassen meine Lebenstage
hier beschließen müssen. Nur der Schuldbewußte bittet, der Unschuldige
hat ein Recht zu seinem Stolz, und diesen will ich mir bewahren, so
lange ich athme und so Uebles mir auch noch zugedacht sein sollte!«
»Und so soll es auch sein und bleiben!« fiel Aurelie gefaßt ein. »Deine
Ehre steht mir höher als meine Freiheit. Und hat unser Aufenthalt
trotz seiner Abgeschiedenheit nicht auch seine Reize? Gewiß. Wir haben
sie gekostet und werden sie auch fernerhin kosten. O, ich denke, wir
könnten nirgends heimischer und ungestörter leben, als hier, wohin kein
Ton der falschen Welt dringt und wir uns im schönen Verein selbst leben
können!«
»Du hast Recht, meine Freundin, und ich ertrage meine Lage nur darum
weniger ruhig, da mir das Loos meiner Freunde nicht gleichgiltig sein
darf. O, ich danke Dir, meine Aurelie, für Deine treue Liebe; sie wird
mich standhafter machen, das Künftige zu ertragen. -- Und der Fürst
gestorben -- --« fuhr Sidonie fort. »Ich hätte ihm zum Wohl des Landes
ein längeres Leben gewünscht. Ich fürchte, es werden für dieses üble
Zeiten kommen, denn der Prinz wird seinen Leidenschaften rücksichtslos
die Zügel schießen lassen und so das Verderben des Volkes herbei
führen; schütze es der Himmel!«
Das Brausen des Sturmes ließ sie verstummen.
»Lass' uns die Gedanken auf angenehmere Dinge richten, um die traurige
Stunde leichter zu ertragen. Setze den Stürmen die Töne Deiner Harfe
entgegen, vielleicht gelingt es diesen, das Unwetter zu beschwören,«
sprach Aurelie in der wohlmeinenden Absicht, die Freundin zu beruhigen.
»Ein guter Vorschlag, den ich sogleich befolgen will,« entgegnete
Sidonie, griff alsdann in die Saiten und spielte, während die Windstöße
das Schloß durchbrausten, das Lieblingslied des Grafen. Und je länger
sie spielte, sich in allerlei Phantasien verlor, um so ruhiger wurde es
in der Natur, und als sie später ein einfaches Lied anstimmte, drängte
sich ein Mondesstrahl aus den zerrissenen Wolken leuchtend hervor
und in das Gemach und übergoß mit seinem milden Licht die Blumen des
Teppichs, auf welchem ihre Füße ruhten.
Und mit der wiedergekehrten Ruhe in der Natur war auch größere Ruhe in
die Herzen der Freundinnen gekommen, und nach einer herzlichen Umarmung
schieden sie, um in dem willkommenen Schlummer das Leid und die Sorgen
zu vergessen, von welchen ihre Seele tief erfüllt war. Ihr Wunsch wurde
ihnen jedoch leider nicht gewährt; besonders fand Sidonie keine Ruhe
und manche Thräne entquoll im Hinblick auf ihre und ihres Freundes
hoffnungslose Lage ihrem Auge, und diese versiegte erst, als gegen
Morgen die Ermüdung sie überwältigte und einem unruhigen Schlummer
zuführte.
Ein von dem nahgelegenen Kirchdorf durch die ruhige Luft hertönendes
Glockengeläute erweckte sie. Als sie die Augen aufschlug, drangen
bereits einzelne Strahlen der Morgensonne in ihr Gemach.
Sie erhob sich und forschte nach der Ursache des Geläutes, da es weder
ein Sonn- noch Festtag war, und erfuhr, daß dasselbe in Folge des
Todes des Fürsten angeordnet wäre, wie das Gebrauch sei.
Das Geläute dauerte mehre Stunden fort und erfüllte Sidoniens Herz mit
vermehrter Trauer, indem es sie an ihre kummervolle Lage erinnerte. So
nahte die Mittagszeit heran.
Um ihr Ohr dem traurigen Klange zu entziehen, hatte sie sich mit
Aurelien nach einem Gemach begeben, wohin derselbe nur noch leise zu
dringen vermochte. Dem Unwetter war ein ruhiger, klarer Tag gefolgt,
der die Natur weniger öde erscheinen ließ. Einzelne Wintervögel
belebten die Gegend und ließen ihre Stimmen ertönen. Die Freundinnen
hatten von dem Fenster aus, an welchem sie arbeitend und sich
unterhaltend saßen, einen Fernblick auf die sich nach dem Walde hin
verlierende Straße, nach welcher sie bisweilen ausschauten.
Einsam lag der wenig benutzte Weg da; denn nur selten brachte er
einen Wanderer oder Leute aus den nahgelegenen Orten nach dem Schloß.
Eben richtete Aurelie ihr Auge wieder auf ihn, als sie einen Reiter
entdeckte, der aus dem Walde kam; sie machte Sidonie darauf aufmerksam,
indem sie bemerkte:
»Täuscht mich mein Auge nicht, so ist es ein Jäger.«
Sidonie hatte hingeblickt und stimmte ihr bei, ohne dem sich rasch
nähernden Reiter eine besondere Beachtung zu schenken.
»Der Mann wird aus dem Waldhause sein,« meinte sie.
»Du irrst. Es ist ein Feldjäger,« erwiderte Aurelie, die schärfer
hingesehen hatte.
»Also vom Hofe!« fiel Sidonie erregt ein, indem sie jetzt den Nahenden
genauer beobachtete. »Man wird mir den Tod des Fürsten melden,« fügte
sie hinzu.
»So wird es sein,« meinte Aurelie und nahm ihre Arbeit wieder auf.
Nach wenigen Augenblicken hielt der Reiter vor dem Schloß; er war, wie
Aurelie erkannt, ein fürstlicher Courier.
Kurze Zeit darauf erschien ein Diener und überreichte Sidonien einen
Brief mit der Meldung, daß derselbe aus dem Cabinet des Fürsten käme.
Von der Voraussetzung erfüllt, daß derselbe nichts weiter als die
Todesanzeige des Fürsten enthalten würde, erbrach Sidonie den Brief.
Es war so, wie sie erwartet hatte. Der Prinz theilte ihr mit
wenigen Worten das erfolgte Ableben seines Oheims mit, und da ihre
Voraussetzung also bestätigt wurde, schenkte sie den dieser Meldung
beigefügten Worten kaum eine Aufmerksamkeit. Da fiel ihr Auge auf die
letzteren, die also lauteten:
»Beifolgend die letztwillige Bestimmung des Fürsten.«
Rasch hatte sie das Blatt umgeschlagen, und der Namenszug des Fürsten
leuchtete ihr auf dem beigefügten Schreiben entgegen.
Mit zitternder Hast überflog sie dasselbe und ein Freudenschrei entriß
sich ihren Lippen.
»Wir sind frei, frei!« rief sie in Thränen ausbrechend und sank an die
Brust der sie mit freudigem Erstaunen umarmenden Freundin.
Letztes Kapitel.
Um die so gütige Maßnahme des Fürsten hinsichts der Prinzessin zu
erklären, müssen wir an den Hof und in eine frühere Zeit zurückkehren.
Wir haben bereits erfahren, daß des Fürsten Wünsche in Bezug auf die
Wiedervermählung des Prinzen und die Thronfolge sich in der besten
Weise erfüllt hatten.
Die Gemahlin des Prinzen entsprach in jeder Weise seinen Ansprüchen.
Einfach in ihrem Wesen, ohne besondere Geistesbildung, von sehr ruhiger
Gemüthsart, fühlte sie sich in ihrer neuen Stellung durchaus wohl und
war weit entfernt, irgend welche besondere Ansprüche an den Prinzen zu
erheben.
Diese Umstände waren aber sehr geeignet, den Prinzen mit der
getroffenen Wahl zufrieden zu stellen; eines solchen Charakters
bedurfte er gerade, einer Natur, die ihm nicht wie Sidonie geistig
überlegen, und obenein fern von allen moralischen Bedenken war. Seine
Ehe genirte ihn in keiner Beziehung, und das hatte er ja eben gewollt.
Sie lebten einförmig neben einander, ohne sich gegenseitig durch
irgend welche Prätensionen zu belästigen, und dieser Umstand führte die
gute Folge herbei, daß das erforderliche Interesse für seine Gattin
in dem Prinzen erhalten wurde und man seine Ehe als eine überaus
glückliche pries.
Der Erbprinz gedieh vortrefflich, und ebenso waren bereits neue
Hoffnungen für den Zuwachs der fürstlichen Familie vorhanden, das
Verhältniß der Gatten auch ein so gutes, daß man mit Sicherheit auf
eine reiche Nachkommenschaft hoffen durfte.
Diese angenehme Aussicht war dem Fürsten um so bedeutungsvoller, da er
seither sehr viel gekränkelt hatte und seine Kräfte rasch schwinden
fühlte. Die Gicht, an welcher er schon seit mehren Jahren litt, hatte
die Brust ergriffen, führte Schlaflosigkeit und allerlei andere
bedenkliche Beschwerden herbei, so daß die Aerzte seine Genesung als
unmöglich bezeichneten.
Diese Voraussage bestätigte sich; denn von Tage zu Tage verschlimmerte
sich sein Zustand, so daß man seinem Ende entgegen sah.
Es war Spätherbst; die welken Blätter fielen; kalt und feucht zog der
Nordwind über die Gewässer und durch die zum Theil schon entlaubten
Baumkronen des Parks, der des Fürsten einfaches Palais umgab, in
welchem er, getrennt von seiner Gemahlin, seit einer langen Reihe
von Jahren einsam gelebt hatte. Und einsam, wie er gelebt, schien
er auch einsam sterben zu wollen; denn außer seiner gewöhnlichen
Bedienung befand sich weder seine Gemahlin, noch irgend eine andere
ihm verwandte Person in seiner Nähe. Er wollte das Sterben mit sich
allein abmachen und keinen Andern damit belästigen, auch hätte es ihn
verdrossen, seine Leiden Anderen zeigen zu müssen. Es wäre ihm das
selbst in Gegenwart Verwandter oder Befreundeter peinigend gewesen, und
so begnügte er sich mit der Theilnahme seiner Windspiele und ließ die
ihm gemeldeten Besuche gewöhnlich zurückweisen. Nur in Bezug auf einige
von ihm bevorzugte gelehrte Männer machte er eine Ausnahme, mit welchen
er sich, wenn es ihm sein Leiden gestattete, ein wenig unterhielt oder
sich unterhalten ließ. Trotzdem erlitten die Staatsgeschäfte keine
Unterbrechung, obgleich ihm die Erledigung derselben oft sehr große
Anstrengungen und Beschwerden verursachten.
Da ihm das Liegen üble Zufälle verursachte, so brachte er die meiste
Zeit in einem bequemen Lehnsessel zu, woselbst er sich noch am
behaglichsten fühlte. Die spärlichen Sonnenblicke, welche ihm der
Herbst in das stille Gemach sandte, und seine Lieblinge, die Hündchen,
die ihn harmlos umspielten, sich neben seinen geschwollenen Füßen
lagerten, seine Hände leckten, oder es sich in seinem Schooß behaglich
machten, waren die einzigen Gesellschafter in den einförmig und
einsam dahin schleichenden Stunden, die vielleicht außerdem nur noch
eine kurze Lectüre, ein leichter, oft wenig erquickender Schlummer
unterbrachen. Und wenn der Fürst in der Nacht schlaflos in seinem
Sessel ruhte, das laute Rauschen der dürren Baumwipfel zu seinem
Ohr drang, gedachte er des Augenblicks, in welchem sein letzter
Lebenshauch in diesem Rauschen vertönen würde, um in dem unendlichen
All aufzugehen. Dieser Moment mußte bald eintreten; er fühlte es immer
deutlicher, und so traf er mit der ihm eigenen Klarheit und Ruhe alle
jene Anordnungen, welche seine Verhältnisse bedingten.
Es war etwa elf Uhr Vormittags; er erwartete den Prinzen, den er um
diese Zeit zu sich hatte bitten lassen. Die Aerzte waren soeben bei
ihm gewesen und hatten auf sein ausdrückliches Verlangen ihm die Frist
genau bezeichnen müssen, welche seinem Leben noch gestattet wäre, die
sie auf höchstens vierundzwanzig Stunden schätzten.
Er hatte das mit Ruhe vernommen und sie alsdann entlassen, da er die
letzten Stunden allein zu sein wünschte. So fand ihn denn auch der
Prinz allein und eingeschlummert.
Leise näherte er sich seinem Sessel; die Windspiele blieben ruhig,
da sie mit des Prinzen Erscheinung bekannt waren, und dieser ließ
sich in der Nähe seines Oheims nieder, das Auge auf das bleiche,
eingefallene Antlitz gerichtet, in welches der nahende Tod bereits
seine charakteristischen Linien gezeichnet hatte.
Der Schlummer des Fürsten war wie gewöhnlich unruhig, oft unterbrochen
durch wenige unverständliche, leise gemurmelte Worte, oder eine matte
Armbewegung.
Dergleichen Momente pflegen auf den Beobachtenden selten ihre
eigenthümliche Wirkung zu verfehlen, und dies fand auch in Bezug
auf den Prinzen statt, der aufmerksam lauschte, um den Sinn der
gesprochenen Worte zu verstehen. Dies gelang ihm jedoch anfangs nicht,
bis der Fürst allmälig vernehmlicher und hastiger sprach und endlich
mit dem Wort: »Sidonie« ängstlich auffuhr und die Augen aufschlug. Sein
glanzloser Blick erkannte den Prinzen nicht sogleich; als dies jedoch
erfolgte, bemerkte er mit schwacher Stimme:
»Da bist Du ja!« und deutete auf einen kühlenden Trank, der in seiner
Nähe stand. Der Prinz beeilte sich, ihm denselben zu reichen, und der
Fürst trank mit kurzen Zügen, da ihm die Kurzathmigkeit, an welcher
er litt, es nicht anders gestattete. Alsdann überwand er einen kurzen
Husten, sammelte Kräfte und begann darauf mit schwacher Stimme:
»Die Aerzte haben mir nur noch wenige Stunden Leben zugesprochen, und
so will ich Dir noch einen Wunsch mittheilen, den Du sogleich nach
meinem erfolgten Tode erfüllen sollst. Er betrifft Sidonie und den
Grafen Römer; gieb sie sofort frei.«
»Wie, mein Fürst?!« fragte der Prinz, durch das Vernommene, das er
nicht erwartet hatte, in hohem Grade überrascht.
»Du möchtest Dich dazu vielleicht nicht bequemen wollen?«
»Wenn Sie befehlen, soll es geschehen,« entgegnete der Prinz kalt.
Der Fürst sann einige Augenblicke nach und bemerkte alsdann:
»Es ist besser, ich bringe diese Angelegenheit selbst in Ordnung. Geh'
dort an den Tisch und fertige die Befehle aus.«
Schweigend that der Prinz das Gebotene.
»Gieb die Blätter her und auch die Feder, ich will unterzeichnen; es
wird mein letzter Namenszug sein,« sprach der Fürst darauf.
Der Prinz legte die Mappe mit dem Schreiben vor ihm auf die Knie; der
Fürst ließ sich alsdann die Stelle bezeichnen, woselbst er seinen Namen
hinzusetzen hatte; -- denn sein Auge war bereits ganz schwach; -- und
als dies geschehen war, unterzeichnete er mit zitternder Hand. »Mein
Tod soll ihnen eine Freude bereiten, die ich ihnen -- -- schuldig bin,«
bemerkte er, die Schriftstücke dem Prinzen hinreichend.
»Ich verstehe Sie nicht, mein Fürst,« sprach der Prinz überrascht und
indem er ihn fragend anschaute.
»Gut für Dich, wenn Du mich nicht verstehst,« fiel der Fürst matt ein
und fügte dann hinzu: »Doch lassen wir das! Ich habe die Prinzessin
soeben im Traum gesehen; sie erschien mir nicht traurig, sondern ernst
und ruhig und fragte mich etwas.« -- --
Er brach kurz ab und blickte sinnend vor sich hin.
»Und welche Frage richtete sie an meinen Oheim?« fragte der Prinz nach
kurzer Pause.
»Eine Frage, die mein letzter Namenszug beantwortet hat,« entgegnete
der Fürst mit sichtlicher Erregung.
Der Prinz trat erstaunt einen Schritt von ihm zurück.
»Ist die Begnadigung etwa ein Zeichen, daß Sie sie nicht für so
schuldig erachten, um eine verlängerte Verbannung zu rechtfertigen?«
fragte der Prinz.
Der Fürst verrieth eine ungewöhnliche Bewegung und schien hinsichts der
zu gebenden Antwort unentschlossen; nach kurzer Ueberlegung entgegnete
er alsdann mit Betonung und einem flüchtigen Aufblick zu dem Prinzen:
»Die Prinzessin war ~niemals~ schuldig.«
»Wie, mein Fürst?!« fiel der Prinz überrascht und betroffen ein und
fügte hinzu: »Die vorhandenen Beweise zeugen doch gegen sie!«
»Still davon! Möglich, daß Du an ihre Schuld glaubst; ich habe
mich davon niemals überzeugen können; doch opferte ich sie der
Nothwendigkeit und dem Staatsinteresse. Sie weiß es, denn sie hat mir
in's Herz gesehen.«
»Sie überraschen mich, mein Fürst!«
»Lass' das! Dergleichen paßt nicht zu der gegenwärtigen Situation!
Der beabsichtigte Erfolg ist erzielt; Geschehenes läßt sich nicht
ungeschehen machen; mein Tod ist jedoch der beste Moment, dieser
Angelegenheit für immer einen guten, den Adel versöhnenden Abschluß zu
geben. Der letzte Funken Leben in mir ist daher nicht verloren.«
Der Fürst hatte mit Anstrengung und schwacher Stimme gesprochen, lehnte
sich darauf erschöpft in den Sessel zurück und schloß die Augen.
Der Prinz erwiderte nichts darauf; denn er sah sich zur Anerkenntniß
des Vernommenen genöthigt, wenn er auch hinsichts Sidoniens
Schuldlosigkeit trotz des Fürsten Meinung in Zweifel war. Er würde
sich daher zu der Begnadigung selbst gegen sein gegebenes Versprechen
vielleicht nicht veranlaßt gefühlt haben, und das eben erkannte des
sterbenden Fürsten Scharfblick und darum wandte er seine letzten Kräfte
zur Unterzeichnung des Befehls an.
»Du wirst weder der Prinzessin noch dem Grafen in ihren künftigen
Maßnahmen irgend welchen Widerstand bieten,« bemerkte der Fürst darauf.
»Sie werden sich vermählen, vermuthe ich; sie haben auf diesen Moment
lange harren müssen; ihre Zuneigung ist viel geprüft; so hoffe ich,
sie werden einen Ersatz dafür in der Ehe finden. Sidonie paßte zur
Fürstin nicht; denn sie besitzt zu viel von dem, was Fürstinnen nicht
gebrauchen, wenn sie auf dem Thron eine Figur machen wollen. Aber sie
ist ein seltenes Weib und darum selten, weil sie Charakter besitzt und
weiß, was sie will. Ihr Benehmen hat mich trotz meiner Abneigung gegen
die Frauen dennoch zur Bewunderung gezwungen; diesen Stolz und dieses
klare, ruhige Auge hat nur das Selbstbewußtsein der Unschuld und ein
edler, fester Sinn. -- Sie wußte sich trotz Allem zu behaupten, und das
ist viel.«
Er hatte hastig und in Absätzen gesprochen und deutete nun auf das Glas
mit dem Getränk, das ihm der Prinz reichte. Als er getrunken hatte,
fuhr er fort:
»Sie, Sidonie, hatte in vieler Hinsicht Recht; aber auch Unrecht, da
sie die wirkliche Welt mit ihren größeren Ansprüchen nicht anerkennen
und sich derselben nicht unterordnen wollte. Doch Du wirst mich nicht
verstehen, denn Deiner Natur liegt dieser Charakter zu fern, da Du
in dem Weibe nichts als Fleisch und Bein siehst. Du hast nun, was Du
brauchst, und ich wünschte, schon anfangs in meiner Wahl auf eine
solche Frau gestoßen zu sein; es wäre Alles besser gewesen.«
Wieder schwieg er und nahm erst nach kurzer Ruhe das Gespräch wieder
auf.
»Du hast viele Schurken unter Deinen Freunden; so lange Du Prinz bist,
erträgt sich das; der Regent muß sich von ihnen frei zu machen bedacht
sein. Es ist das nicht eben leicht; aber es muß geschehen, soll er
nicht endlich ihr Sklave werden. Ich lasse Dir gute Räthe; achte sie
und folge ihren Vorschlägen. -- -- Lass' die Weiber! Sie entnerven
Dich, machen Dich feig und ziehen Dich in ihre sinnliche Tiefe, darin
Du untergehst. Man muß durchaus ganzer Mann sein, um etwas Tüchtiges
zu leisten; aber ~nur~ Mann im Sinne des Geschlechts ist der
Verderb aller wahren Mannheit. Du bist bisher nur dies eine gewesen;
sei bedacht, Dich mit dem Ernst Deiner Stellung von Deinen sinnlichen
Neigungen zu befreien, wenigstens diese zu beschränken, um nicht gleich
einem weibischen Sardanapal unterzugehen. --
Du wirst die Begnadigung noch heute abgehen lassen, damit die
Prinzessin sie während des Glockengeläutes empfängt, das ihr meinen Tod
verkündet.«
Der Fürst schwieg, sammelte sich ein wenig, reichte dem Prinzen die
Hand und bemerkte:
»So lebe wohl! Geh', ich will ein wenig schlummern, denn das viele
Sprechen hat mich angegriffen.«
Durch die einfache, aber um so wirkungsvollere Mahnung des Sterbenden
in hohem Grade erschüttert, wagte der Prinz keine Erwiderung
auszusprechen, wozu er sich überdies auch nicht fähig fühlte, sondern
ergriff schweigend die ihm dargereichte welke Hand, drückte sie leicht
an die Lippen und verließ alsdann das Gemach.
So trennten sich Oheim und Neffe für immer.
Der Fürst schloß die Augen und sank in den Sessel zurück.
»Er wird wie Sardanapal in den Armen seiner Buhlerinnen untergehen,«
murmelte er vor sich hin und fiel alsdann bald in einen
ohnmachtähnlichen Schlummer. Sein Aussehen änderte sich rasch.
Niemand erschien; überall ängstliche Stille und Einsamkeit. Nur das
Picken eines Spechtes an einem morschen Baume im Park tönte herein und
klang, als klopfte man Nägel in einen Sarg.