Die Aerzte hatten sich nicht geirrt; des Fürsten Lebenskraft schwand

rasch hin. Als die Sonne niederging und ihre feurigen Strahlen über den

Park ausgoß, schlug er zum letzten Mal die Augen auf und schaute mit

erweiterten Blicken in die heller und heller auflodernde Abendgluth,

und als sie verblaßte und in die dunkle Nacht versank, seufzte er

auf und verschied. Er starb, wie er es gewünscht; nur mit dem Tod

allein. Denn Niemand war bei ihm; nur seine Lieblinge blickten in sein

brechendes Auge und legten sich alsdann zu den erkalteten Füßen ihres

Gebieters.

* * * * *

So war denn, wie wir erfahren haben, des Fürsten wohlmeinende Absicht

wirklich in Erfüllung gegangen; die Glockenklänge brachten Sidonien die

beglückende Botschaft ihrer Freiheit. Dieselbe wurde anfangs allerdings

durch die nahe liegende Besorgniß, es könnte der Graf vielleicht nicht

in ähnlicher Weise erfreut worden sein, beeinträchtigt; jedoch nur

für kurze Zeit, da schon nach wenigen Tagen von der Gräfin Römer die

Nachricht von seiner Entlassung aus der Haft einlief und somit aller

Sorge ein freudiges Ende machte.

Jetzt entstand für Sidonie die nahe liegende Frage, wohin sie sich

begeben sollte. Sie, eine Fürstentochter, hatte nirgends eine Heimath,

denn in ihre ursprüngliche zurückzukehren, fühlte sie in Hinblick auf

die ihr von ihrem Bruder gezeigte Lieblosigkeit keine Neigung. Ehe

sie sich jedoch darüber entschied, eilte sie zu ihrer Tochter, um die

Langentbehrte an das Herz zu drücken. Aber sie verweilte daselbst nur

zwei Tage und kehrte alsdann wieder in ihr einsames Schloß zurück.

Die Herzogin hatte sie kalt und gemessen empfangen; denn trotz der

Begnadigung vergaß man Sidoniens Vergehen nicht. Der Schein war gegen

sie, sie mußte das hinnehmen.

Um so größer war daher ihre Freude, als sie bei ihrer Rückkehr einen

Brief der Gräfin Römer und des Geliebten fand, der, aus der Haft

entlassen, sofort zu seiner Mutter geeilt war. Die Gräfin lud sie

zu einem baldigen Besuch ein, indem sie ihr zugleich ihr Schloß zum

künftigen Aufenthalt anbot. Römer hatte diese Einladung durch seine

eigene Bitte und den Hinweis auf die besonderen Verhältnisse, welche

ein passenderes Wiedersehen nicht gestatteten, unterstützt.

Sidonie erkannte das und war nach kurzer Berathung mit Aurelien

entschlossen, das Schloß für immer zu verlassen, die Einladung der

Gräfin, bei ihr zu wohnen, jedoch aus nahe liegenden Rücksichten

abzulehnen und sich nach jenem Badeort zu begeben, den sie früher

besucht hatte. Derselbe lag, wie wir wissen, in der Nähe der gräflichen

Besitzung und gewährte ihr daher einen bequemen Verkehr mit der Gräfin

und dem Geliebten. Auf dem Wege dahin wollte sie der Gräfin den von

dem eigenen Herzen so heiß gewünschten Besuch machen, wollte sie den

theuern Mann nach so langer, langer trüber Zeit endlich wieder sehen

und das so schmerzlich entbehrte Glück der Wiedervereinigung genießen.

O, wie drängte ihr Herz zu ihm, und mit welcher Hast ordnete sie ihre

Abreise an und führte diese trotz der rauhen Witterung mit glücklichem

Herzen und ohne Zögern aus.

Die Bewohner des Schlosses und der Umgegend sahen sie mit betrübtem

Herzen scheiden, und mancher Glückwunsch tönte der Forteilenden mit

aufrichtigem Herzen nach; denn sie war ja so gütig und ach! auch so

sehr unglücklich gewesen, wie dies oft ihre kummervollen Züge und

verweinten Augen verrathen hatten.

Und Sidonie hatte Allen, Allen mit freundlichen Worten gedankt, sie

beschenkt und dem See und den Wäldern, den Fluren und Gärten mit

feuchtem Auge ein Lebewohl zugerufen. Alsdann rollte der Wagen dahin,

und das Schloß war wieder so einsam und öde wie ehemals.

Es verfiel nach wenigen Jahren rasch und dient heute einer gewerblichen

Thätigkeit. Niemand ahnt, wie viele Thränen das Unglück einst in diesen

Räumen vergossen hat.

Sidonie legte die unbequeme Reise bis zu dem Schloß der Gräfin mit

großer Ausdauer zurück, und sank der edeln Dame, die sie zum ersten Mal

sah, mit bewegtem Herzen in die Arme.

Römer war Sidonien bis zu dem nächsten Ort entgegen gefahren, und hier

fand ihr Wiedersehen statt, das sich jeder Beschreibung entzieht.

Beider Augen schimmerten von Thränen, als sie sich gegenüber standen

und in das von Kummer gefurchte Antlitz schauten, bis sie sich, von

ihren Empfindungen überwunden, schweigend in die Arme sanken und jetzt,

von keiner Fessel mehr gehemmt, dem Glück des Augenblicks mit ganzer

Seele hingaben.

Römer's einst dunkle Haare waren ergraut, seine Stirn mit Falten

durchzogen, seine Gestalt gebeugt und nur noch ein Abglanz seiner einst

so ritterlichen Erscheinung. Er mußte sehr schmerzlich gelitten haben.

Und wie wir wissen, hatte Sidoniens Erscheinung nicht mindere

Veränderungen erfahren. Den Schmelz der Jugend hatte der Kummer längst

aus ihrem Antlitz gestohlen und manche Furchen darin gegraben; aber

waren sie auch körperlich gealtert: ihre Liebe war in ihren Herzen jung

geblieben und hatte sich in den erlittenen Prüfungen nur noch mehr

veredelt.

Tage des reinsten, süßesten Glücks folgten diesem Wiedersehen. Was

Sidonie ganz besonders wohl that, war die große Güte, mit welcher ihr

die bereits hoch bejahrte Gräfin entgegen kam, so wie die hohe Achtung,

welche man ihr von Seiten des Adels zu Theil werden ließ. Denn es

bedurfte nur eines kurzen Umganges mit ihr, um jedem vorurtheilsfreien

und edeldenkenden Menschen die Ueberzeugung von ihrer Schuldlosigkeit

und ihrem sittlichen Charakter aufzunöthigen.

So Mancher von ihnen bat ihr im Stillen das Unrecht ab, zu welchem ihn

das Vorurtheil verleitet hatte. Von ihrem neuen Wohnort aus richtete

Sidonie die Bitte an den Fürsten, ihr die Tochter wieder zu geben;

jedoch fruchtlos. Er wies sie ein- für allemal ab, obgleich er den

früheren Verkehr zwischen ihnen gestattete. Der verstorbene Fürst

hatte, als er ihr die Freiheit schenkte, ihre Tochter vergessen, und

sein Neffe erachtete es im Interesse seines Ansehens für nothwendig,

die ursprüngliche Anordnung festzuhalten, und so blieb Isabelle von

Sidonien für immer getrennt.

Diese Gewißheit war ein schmerzlicher Mißklang in die reinen

Freudentöne ihres unendlichen Glücks, das ihr die Liebe und Freiheit

gewährte. Um sich aus aller Verbindung mit dem Fürsten zu setzen, hatte

sie diesem sogleich nach Aufhebung ihrer Verbannung ihren Verzicht auf

die bisher bezogene Pension angezeigt. Sie wurde dadurch allerdings nur

auf die Einkünfte ihres eigenen kleinen Vermögens beschränkt; dennoch

fühlte sie sich in dieser Beschränkung freier und beruhigter, da damit

die letzte Fessel zerbrochen wurde, welche sie mit der unheilvollen

Vergangenheit noch verband. Auch wußte sie nur zu wohl, daß sie durch

diese Maßnahme den geheimen Wunsch des Geliebten erfüllte.

Trotz der Winterzeit flohen ihr die Tage jetzt rasch und lieblich

dahin, durch die Besuche des Geliebten und seiner Freunde verschönt,

und mit jedem neuen Tage wurde ihr Auge heller, wichen die kummervollen

Falten mehr und mehr aus ihrem feinen, lieblichen Antlitz, kehrte

die Heiterkeit zurück. Und gleich ihr geschah es auch dem Grafen,

wenngleich sein Wesen ernster als früher blieb und er trotz Sidoniens

inniger Liebe die erfahrene Ehrenkränkung nicht zu vergessen vermochte.

So nahte der Lenz, und mit ihm nahte leider für die Geliebten auch ein

herber Schmerz. Die Gräfin fühlte ihr Ende nahen.

In den letzten Monaten hatte ihre Körperschwäche rasch zugenommen, so

daß ihr baldiger Tod mit Gewißheit erwartet werden durfte.

Einige Wochen vor demselben, als sich Sidonie bei ihr befand und sie

mit ihr allein war, nahm sie deren Hand, sprach in ruhigem Ton von

ihrem baldigen Scheiden und bemerkte alsdann, wie sehr es sie beglücken

würde, vor ihrem Heimgange Sidonie mit ihrem Sohn vereinigt zu sehen.

Obgleich die Letzteren überein gekommen waren, sich in dem nächsten

Frühjahr nach Italien zu begeben und daselbst zu vermählen, erklärte

sich Sidonie doch sogleich zur Erfüllung des ausgesprochenen Wunsches

bereit, und wenige Tage darauf wurde sie in aller Stille und nur in

Gegenwart der Gräfin, Aureliens und einiger Verwandten des Grafen

mit diesem vermählt. Ihre Verbindung wurde jedoch geheim gehalten,

ebenso bezog Sidonie auch nicht das gräfliche Schloß, sondern blieb in

ihrer Wohnung, doch verschönte sie durch längere Besuche die letzten

Lebenstage der hinscheidenden Gräfin, die durch das Glück ihres Sohnes

sich selbst hoch beglückt fühlte.

Ueber die anderen Personen dieser Erzählung wäre nur noch wenig zu

sagen.

Mühlfels genoß die ihm von dem Fürsten geschenkten Begünstigungen nicht

lange. Er blieb der Vertraute des Regenten, der seinen verwerflichen

Leidenschaften, seitdem er nach Belieben schalten und walten konnte,

ganz und gar die Zügel schießen ließ, zu seinem und des Landes

Verderben. Wenige Jahre, nachdem der Prinz den Thron bestiegen hatte,

fand Mühlfels auf einer Jagd durch den jähen Sturz mit dem Pferde den

Tod, ehe er noch seine Absicht erreicht und das Ansehen seines Hauses

durch eine glänzende Vermählung erhöht hatte.

Marianens Wunsch ging in Erfüllung. Bald nach dem Tode des Fürsten

wurde sie in den Grafenstand erhoben und spielte fortan eine sehr

wichtige Rolle am Hofe des fürstlichen Geliebten, den sie durchaus

beherrschte. Niemand erkannte in der stolzen, hoffärtigen Dame,

vor welcher sich Alle beugten, jene Waldtaube, die einst aus der

Verborgenheit ausgeflogen war, um mit kindischer Neugier die

Herrlichkeiten der Welt zu schauen.

Sie beherrschte jedoch nicht nur den Regenten und den Hof, sondern

selbst die Gemahlin des Ersteren mußte ihrem Uebergewicht weichen, das

sie bis zur letzten Stunde zu behaupten verstand.

Und so regierte sie im wahren Sinn des Wortes allein und umgab sich mit

Glanz und Reichthum.

Als der Fürst starb, ereilte jedoch auch sie die Vergeltung. Sie wurde

verbannt und starb, von ihren Freunden verlassen, in Vergessenheit.

In Bezug auf das Ende seines Neffen traf die Voraussage des Fürsten

durchaus zu.

Durch sinnliche Genüsse vollständig entnervt und nachdem er dem Lande

eine ungeheure Schuldenlast durch seine Verschwendung aufgebürdet

hatte, starb derselbe, kaum einige dreißig Jahre alt, in Marianens

Armen, welche sich das Recht anmaßte, in Gegenwart der Fürstin und

deren Kinder an seinem Sterbelager zu erscheinen. Und man duldete das.

-- --

Der Tod der Gräfin Römer erfolgte mit dem Beginn des Frühlings, und

einige Wochen darauf und nachdem der Graf seine Verhältnisse geordnet

hatte, führten die Vermählten ihre Absicht aus und begaben sich nach

Italien. Eine reizend gelegene Villa am Gardasee nahm sie auf, und die

durch so viele Prüfungen nur noch erhöhte Liebe verlieh ihrem Leben

fortan jenes reine, ungetrübte Glück, zu welchem ihre edeln Herzen im

vollsten Maß berechtigt waren.

Aurelie fand den Lohn ihrer treuen, aufopfernden Freundschaft in dem

Glück ihrer Freunde, bei welchen sie in voller Hingabe und hoch geliebt

und geachtet blieb.

Sidonie besuchte in jedem Jahre ihre lieblich heranblühende Tochter,

deren Verlust ihr ein gütiges Geschick in der Folgezeit durch den

Besitz nicht minder lieblicher Kinder weniger fühlbar machte.

~Ende.~

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Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 15 / 15 段