Aber wenn sie auch die Umarmung ihres Kindes entbehren mußte,

umschlossen sie dagegen jetzt die Arme edelster Freundschaft; Aurelie

schloß sie an die Brust. Hier fand sie wieder Fassung und Muth, und

fühlte sich nun nicht mehr verlassen und einsam. Kaum hatte sie ihren

Schmerz übermannt, so ergriff sie auch das heftigste Verlangen, so

rasch als möglich das Palais zu verlassen. Fast gewaltsam erhob sie

sich, indem sie mit ängstlicher Stimme bemerkte:

»Lass' uns eilen, Aurelie! Es ist unheimlich hier, hier, an der Stätte

meiner Leiden. In der freien Natur wird mir wohler werden. Nur schnell,

schnell fort aus diesen schauerlichen Räumen!«

Der Wagen harrte ihrer bereits. Schnell war die Toilette geordnet und

eben so eilig verließ sie mit Aurelien das Gemach. Keinen Blick wandte

sie hinter sich, sondern schritt rasch nach dem Saal, in welchem ihre

ehemaligen Hofdamen und sonstige Beamte, Diener und Dienerinnen sie

erwarteten, um ihre Herrin noch beim Scheiden zu begrüßen.

Sie reichte Niemandem die Hand; denn sie glaubte sich dessen als

Verurtheilte enthalten zu müssen; aber es bedurfte dessen nicht, denn

man umringte sie und küßte ihr freiwillig die Hände. Sie vermochte

nicht zu sprechen; bebend drängte sie dem Ausgange zu; ehe sie jedoch

hinaus schritt, wandte sie sich nach Allen zurück, grüßte wiederholt

mit Freundlichkeit, und stieg alsdann mit Hilfe des Kammerherrn in den

Wagen. Aurelie folgte ihr.

In der Ferne stand schweigend und mit entblößten Häuptern die

schaulustige Menge, denn Sidoniens Abreise war bekannt geworden. Unter

derselben befanden sich einige niedere Hofbeamte; nur war keiner

darunter, der in des Prinzen Diensten stand.

Die Baronin Mühlfels hatte es nicht versäumt, sich den Anblick

von Sidoniens Abreise zu verschaffen, und sich darum zu der ihr

befreundeten Hofdame im Palais begeben, mit welcher sie von einer

verborgenen Stelle des Zimmers aus die tugendstolze, von ihr tief

gehaßte Prinzessin beobachtete. Das kummervolle Antlitz und das vom

Weinen geröthete Auge derselben thaten ihrem Herzen wohl.

»Es ist ihr recht geschehen,« meinte sie, und die Freundin stimmte

dieser Ansicht bei.

»Sie hat es schon um Ihren Sohn verdient,« meinte die Hofdame.

»Gewiß, gewiß! Und ich denke, man wird nun auch wieder zu seinen vollen

Würden kommen,« sprach die Baronin.

»Der Prinz vermählt sich wahrscheinlich bald, und da kann Ihnen die

Oberhofmeisterin-Stelle nicht fehlen.«

»Und dann werde ich auch auf meine Freundin bedacht sein,« fiel die

Baronin äußerst lieblich ein.

Ihre Bemerkungen wurden hier unterbrochen, da sich auf Sidoniens Wink

der Wagen in Bewegung setzte und rasch fort rollte.

»Adieu, keusche Susanne!« rief die Baronin ihr höhnisch nach.

Die Menge verhielt sich still und zerstreute sich eben so still; doch

wurde manches bedauernde Wort, jedoch nur leise gesprochen, vernommen.

Mancher zuckte die Achseln und schwieg. Die Wenigsten glaubten an

Sidoniens Schuld. Die Mienen Aller zeigten Ernst und Betrübniß; Einer

nur schaute dem fortrollenden Wagen aus den Gemächern des Prinzen mit

schadenfrohem Lächeln nach; es war dies Mühlfels, der sich nach einem

abgelegenen Zimmer daselbst begeben hatte, um gleich seiner Mutter

Zeuge von Sidoniens Abreise zu sein.

Der Prinz befand sich nicht in dem Palais; er war absichtlich für mehre

Tage verreist.

Als der Wagen den Augen des Barons entschwand, erhob er sich voll

Befriedigung und murmelte vor sich hin:

»Ich bin gerächt!«

Neuntes Kapitel.

Obwol, wie wir erfahren haben, Sidonie ein fast zurückgezogenes Leben

am Hofe geführt hatte, so waren doch sehr Viele, namentlich die Damen,

durch die von ihr erhobenen Ansprüche an Sittlichkeit und Einfachheit

über die Maßen unangenehm berührt und beengt worden. So konnte es denn

nicht fehlen, daß man namentlich in jenen Kreisen ihre Verbannung nicht

nur mit geheimer Freude aufnahm, sondern diese Maßnahme auch um so

offener billigte, da man dem Fürsten und Prinzen dadurch eine Huldigung

darzubringen für gut fand.

Daß man wirklich an Sidoniens Schuld glaubte, kann nicht überraschen;

wie konnte sie besser sein, als Alle. Sie hatte ihre Rolle nur schlecht

gespielt. Doch das erachtete man im Hinblick auf das eigene Interesse

für nebensächlich; war doch das ziemlich allgemeine Verlangen erfüllt

und eine Person von so maßgebender Wichtigkeit endlich ihres Einflusses

beraubt worden. Das war die Hauptsache. Denn man sagte sich, daß, wenn

die so glücklichen Umstände, welche Sidoniens Verbannung herbei geführt

hatten, nicht eingetreten wären und sie früher oder später ihre Macht

als Regentin hätte ausüben können, statt des gegenwärtigen genußvollen

Lebens ein langweiliger Tugendzwang und ein klösterlicher Ernst bei

Hofe eingeführt worden sein würden. Und so gönnte man ihr von Herzen

die Verbannung. Daß der Prinz bei seiner neuen Vermählung in der Wahl

einer Gattin vorsichtiger sein würde, war man durchaus überzeugt,

und dadurch jeder Sorge für die Zukunft überhoben, wogte das lustige

und zügellose Leben mit um so größerer Gewalt auf, worin man sich zu

überbieten und in dessen Strudel man den Prinzen hinein zu ziehen

bedacht war.

Nur ein Theil des höheren Adels, der dem Grafen Römer anhing,

protestirte ziemlich offen gegen die hinsichts des Letzteren ausgeübte

Maßnahme und nahm keinen Anstand, selbst die Verbannung Sidoniens als

ungerecht und Beide als die Opfer einer wohl berechneten Intrigue zu

bezeichnen.

Viele zogen sich von dem Hofe zurück, wozu der nahende Lenz eine sehr

passende Gelegenheit darbot; Viele auch, denen dies nicht gestattet

war, mieden es, an dem Hofe zu erscheinen.

Der Fürst, mit Alledem vertraut, setzte ihnen sein ganzes

oberherrliches Ansehen entgegen und sah sich dadurch sogar veranlaßt,

gegen Römer mit größerer Strenge zu verfahren, als dies unter

entgegengesetzten Umständen geschehen wäre.

Und sein Verhalten erzielte in Verbindung mit der Alles ausgleichenden

Zeit und Gewöhnung die erwünschte Wirkung.

Sidonie war in wenigen Wochen, wenigstens in der Residenz, vergessen,

und der Adel murrte zwar, begnügte sich jedoch damit, da die früheren

Schritte bei dem Fürsten in Römer's Interesse fruchtlos gewesen waren.

Ja, des Fürsten beharrliches Verhalten führte sogar noch den übeln

Erfolg herbei, daß man selbst in diesen Kreisen allmälig den Glauben

an Römer's Schuld gewann und sich mit demselben das Interesse für ihn

minderte. Auch dieser Umstand entging dem Fürsten nicht und er wurde

dadurch sehr befriedigt. Trotzdem erachtete er es für vortheilhaft,

durch eine baldige Vermählung des Prinzen die stattgefundenen

Vorfälle rasch der Vergessenheit zu übergeben, und Boisière wurde

darum beauftragt, einige Höfe in diesem Interesse zu besuchen. Daß

der Kammerherr dieses Mal mit der höchsten Vorsicht zu Werke ging,

darf kaum bemerkt werden; dennoch gelang es ihm in kurzer Zeit, sich

seines Auftrages in der erwünschtesten Weise zu entledigen, und bald

verbreitete sich die Nachricht von der Neuvermählung des Prinzen und

nahm namentlich bei Hofe das allgemeinste Interesse in Anspruch.

Wir wissen, daß der Prinz sich schon früher mit einer Vermählung

einverstanden erklärt hatte, und er wandte gegen dieselbe um so weniger

etwas ein, da ihm seine künftige Gemahlin in jeder Hinsicht zusagte und

er vor allen Dingen von dieser eine Mißbilligung seiner Liaison mit

Marianen nicht zu fürchten hatte.

Dieser Umstand war ihm gerade jetzt von Wichtigkeit.

Mariane hatte nämlich seinen Vorschlag hinsichts einer Vermählung mit

dem ihr empfohlenen Gemahl entschieden abgelehnt und verlangt, in ihrer

Villa zu wohnen, in Folge dessen sich der Prinz bewogen fand, ihr die

Rückkehr nach seiner erfolgten Vermählung in Aussicht zu stellen.

Damit gab sich das Mädchen zufrieden, überzeugt, daß nun auch einst

ihre ehrgeizigen Wünsche erfüllt werden würden.

Dem Prinzen hatte ihre Weigerung, sich zu vermählen, gefallen, dieselbe

steigerte zugleich sein Verlangen, sich bald ihrer Nähe wieder erfreuen

zu können, und so war er bedacht, seine Vermählung zu beeilen. Kaum

einen Monat nach derselben begrüßte er die Geliebte in der jetzt mit

großer Pracht ausgestatteten Villa. Trotz des Besitzes einer neuen

Gattin fühlte sich der Prinz durch Mariane im höchsten Grade entzückt,

da sie ihm noch vielfach reizender als früher erschien, indem sie die

gewonnene geistige Ausbildung sehr vortheilhaft zu benutzen verstand.

Wenige Wochen des Umgangs mit ihr reichten hin, ihn ihrer Herrschaft

ganz und gar unterzuordnen; denn das Mädchen hatte sich nicht nur

körperlich ausgebildet, sondern auch alle diejenigen Künste angeeignet,

welche dem Prinzen ganz besonders gefielen und ihr einen leichten Sieg

über den Schwächling und Sinnenmenschen gaben.

Da die Gemahlin des Letzteren die Liaison ihres Gatten nicht beachtete,

so übersah auch der Fürst dieselbe, durch das eheliche Verhältniß

seines Neffen durchaus zufrieden gestellt.

Daß Mühlfels fortan in noch erhöhterem Maß des Prinzen Freundschaft

genoß, darf kaum bemerkt werden; der Fürst verlieh ihm zwar einen

höheren Militärrang, suchte ihn jedoch von sich fern zu halten und

beehrte ihn niemals durch eine Ansprache.

Er überließ es seinem Neffen, sich dereinst mit dem Baron abzufinden,

was auch später in der glänzendsten Weise geschah. Nicht minder gütig

erwies sich der Prinz gegen die Baronin, die er zur Oberhofmeisterin

seiner neuen Gemahlin erhob. Zugleich trat die Baronin in ein

vertrauliches Verhältniß zu Marianen, was der Prinz wünschte und wofür

er sich allezeit sehr dankbar zeigte.

So erntete diese Dame den ihr gebührenden Lohn im vollsten Maß.

* * * * *

Wir kehren jetzt zu Sidonien zurück.

Sie hatte sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht. Kaum lag das Palais

und die Residenz hinter ihr, so athmete sie beruhigter und freier auf.

Mit Wonne sog sie die linden Frühlingslüfte ein, welche zu ihr drangen.

Vor Allem war es das Gefühl der Freiheit, das sie mit wunderbarer Kraft

durchdrang.

Den ganzen Schmutz der Gemeinheit und Unsittlichkeit, der seit Jahren

ihre Seele verletzte, ließ sie hinter sich und badete diese jetzt in

dem reinen Aether der göttlichen Natur.

Das erhob, beseligte ihr Herz, das ließ sie die Trennung von ihrem

geliebten Kinde weniger schmerzlich empfinden. Um wie vieles

glücklicher würde sie sich gefühlt haben, hätte das Geräusch eines

nachrollenden Wagens sie nicht erinnert, daß ihre Freiheit durch die

ihr mitgegebenen Damen getrübt wurde und sie sich nicht dem ganzen

Vollgenuß derselben hingeben durfte. Wäre sie nur mit Aurelien allein

gewesen, so würde sie sich ganz befriedigt gefühlt haben. Doch sie

wurde durch die Fahrt so sehr in Anspruch genommen, daß sie diesen

Umstand nicht weiter erwog. Der Tag war schön; die Sonne leuchtete,

die ersten Lerchen ließen ihren Gesang ertönen, und die dunkeln Wälder

färbte bereits ein grüner Knospenschimmer. Das Alles that ihrem armen

Herzen so wohl.

Auf ihren Wunsch wurde die Fahrt beeilt; kaum gönnte sie sich die so

nothwendige Erholung, und schnell wurde Meile auf Meile zurückgelegt.

Dennoch war es fast Mitternacht geworden, als sie das Schloß erreichte,

woselbst man ihrer Ankunft entgegen harrte.

Das alterthümliche, von der Dunkelheit umhüllte Gebäude erschreckte

sie; es erschien ihr mit seinen Thürmen wie ein Gefängniß, wenngleich

ihm die einschließenden Mauern fehlten. Sie hatte es sich freundlicher

in der waldigen Umgebung gedacht, und nur zögernd und scheu betrat sie

die kühlen und feuchten Bogengänge, um nach ihren Gemächern zu gelangen.

Dieser Eindruck war jedoch ein vorübergehender, und an seine Stelle

trat die Erinnerung, daß ihr Freund wol kaum behaglichere Räume

bewohnte, und es gewährte ihrem edeln Herzen eine angenehme Beruhigung,

sich nicht allzu großer Bequemlichkeiten erfreuen zu dürfen. Sie

theilte diese Gedanken der Freundin mit, und Aurelie war erfreut,

Sidonie in so gefaßter Stimmung zu sehen, da sie selbst durch den neuen

Aufenthaltsort, der ihnen vielleicht für lange Zeit dienen sollte,

wenig angenehm berührt worden war. Sie umarmte die Prinzessin voll

Innigkeit und gefeuchtetem Auge.

»Fürchte nichts, gute Aurelie. Ich hoffe, wir werden uns bald an die

düsteren Räume gewöhnen, besonders wenn der Lenz sie mit seinen Reizen

ausstattet, was ja nicht mehr lange währen kann,« bemerkte Sidonie

fast heiter und fuhr alsdann fort: »Bei dem ersten hellen Tage wollen

wir uns unsern neuen Wohnsitz und seine Umgebung genau betrachten, und

ich denke, unseren Bemühungen soll es gelingen, denselben heiterer und

freundlicher zu gestalten.«

Aurelie ging mit der ihr so eigenthümlichen Güte sogleich auf die

Stimmung und Gedanken der Freundin ein, und während sie das Abendessen

einnahmen, entwarfen sie einen Lebensplan für die Folgezeit, nach

welchem sie die Stunden einzutheilen gedachten, um sich den Aufenthalt

angenehm zu machen. Die Ermüdung nöthigte sie jedoch bald, die Ruhe zu

suchen, der sie so sehr bedurften.

Es war eine ganz besondere Ironie des Zufalls, daß der Fürst dasjenige

Schloß zu Sidoniens Aufenthalt bestimmt hatte, aus welchem Mariane

hervor gegangen war. Ihm war dies unbekannt und ihn hatten zu

dieser Wahl besondere Umstände bestimmt. Das Schloß lag nämlich,

wie wir wissen, eine bedeutende Strecke von der Residenz entfernt,

was ihm besonders lieb war, um ein mögliches Berühren mit Sidonien

zu vermeiden; dann aber war es auch das einzige, was sich zu dem

bezeichneten Zweck eignete, da die vorhandenen Lustschlösser benutzt

wurden und auch der Residenz viel zu nahe lagen.

Vielleicht würde der Fürst zu einer andern Wahl bestimmt worden sein,

hätte er jenen Umstand hinsichts Marianen gekannt oder ihn der Prinz

darauf etwa aufmerksam gemacht. Dieser besaß jedoch viel zu wenig

Zartgefühl, um auf den Gedanken geleitet zu werden, daß Sidonie durch

die getroffene Bestimmung verletzt werden könnte. Dergleichen lag ihm

fern. Sidonie selbst war gleich dem Fürsten mit dem zwischen ihrem

neuen Aufenthaltsort und Marianen bestehenden Beziehungen eben so wenig

vertraut, und unterwarf sich darum ohne jedes Bedenken einer Anordnung,

die ihren heißen Wunsch erfüllte und sie von der Residenz fast gänzlich

abschloß.

Als sie nach einer unruhigen Nacht erwachte, begrüßte sie kein sonniger

Tag, sondern ein trüber, nebliger Morgen, der wenig zur Erheiterung

ihrer trauernden Seele geeignet war. Dennoch ließ sie sich dadurch

nicht abhalten, wenigstens die Räume des Schlosses zu besuchen, und

entdeckte dabei zu ihrer Freude, daß dasselbe außer den düsteren, noch

mehre wohnlichere Gemächer enthielt. Als dann die Tage freundlicher

wurden, nahm sie den Garten und die Umgebung des Schlosses in

Augenschein, und es gewährte ihr eine angenehme Ueberraschung, die

letztere mit vielen landschaftlichen Reizen ausgestattet zu finden und

zu erkennen, daß der erstere mit Anwendung von nicht bedeutenden Kosten

geordnet und verschönt werden konnte. Es bot sich also für sie ein Feld

angenehmer Thätigkeit dar, die ihr unter den obwaltenden Verhältnissen

doppelt erwünscht war.

Sie gab daher sofort die erforderlichen Befehle, und bald belebte sich

die Nähe des Schlosses mit Leuten, deren Arbeiten sie fortan ihr ganzes

Interesse schenkte. Und je näher der Frühling rückte, je mehr seine

Reize sich auf den Fluren und in den Wäldern geltend machten, um so

weniger düster und unbehaglich erschien ihr der neue Aufenthaltsort.

Bald erschlossen sich Blumen aller Art in dem zierlich geordneten

Garten, und ganz besonders prangte der daran grenzende Obstgarten in

dem reichsten Blüthenschmuck, und mit ihnen erwachte ein regeres Leben

in der Natur, in dem sich Sidonie wohl fühlte. Auch ihren Wohngemächern

hatte sie mancherlei Verschönerungen angedeihen lassen und dieselben

so gewählt, daß sie die Fernsicht nach dem See bequem genießen konnte.

Lectüre und Musik, kleine Ausflüge in die Umgegend, namentlich nach dem

tief im Walde gelegenen Forsthause, gaben angenehme Zerstreuung und

wehrten dem freilich unablässigen Sehnen nach ihrer Tochter und dem

Freunde.

Aber auch in dieser Beziehung blieb Sidonie nicht ohne Trost. Denn sie

empfing bald eine höfliche und tröstliche Antwort von der Herzogin,

später auch ab und zu einige Zeilen von der Hand ihrer Tochter,

die ihr Herz mit Wonne erfüllten. Was sie jedoch ganz besonders

beglückte, war eine Mittheilung von der Gräfin Römer an Aurelie, welche

die Nachricht enthielt, daß der Fürst ihrem Sohn endlich sowol den

brieflichen als den persönlichen Verkehr mit der Außenwelt gestattet

hätte, ohne daß derselbe wie früher der Aufsicht des Commandanten

unterlag. Sie hatte in Folge dessen seinen Aufenthalt erfahren, war

jedoch leider durch körperliche Schwäche verhindert, ihn zu besuchen,

und mußte sich daher mit brieflichen Mittheilungen begnügen. Der Graf

hatte ihr eine genaue Schilderung seines bisher geführten Lebens

gegeben, woraus sie entnehmen konnte, daß seine Gesundheit nicht zu

sehr gelitten, er sich mit Geduld in seine Lage gefügt hatte und in dem

Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit so wie in seinen wissenschaftlichen

Arbeiten Trost und Unterhaltung fand.

In der Voraussetzung, daß ihres Sohnes Brief Sidonien und Aurelien

viele Freude bereiten würde, hatte sie denselben ihrem Schreiben

beigelegt, und es darf kaum bemerkt werden, wie sehr sich die erstere

bestätigte. Welche wehmüthige Freude erregten die geliebten Worte in

Sidoniens Herzen; wie viele Mal las sie dieselben und wie manche Thräne

fiel auf sie hernieder.

Aurelie beeilte sich, der Gräfin eine eben so genaue Schilderung von

Allem, was sie und Sidonie betroffen, zu machen, welcher diese einige

freundliche Worte in der nahe liegenden Voraussetzung beifügte, daß

die letzteren zu dem Freunde gelangen und sein Herz erfreuen würden.

Und so war es auch, und wir brauchen kaum zu erwähnen, daß der Graf

dieselben mit nicht minder warmen Empfindungen begrüßte, wie dies bei

Sidonien der Fall gewesen war. In solcher Weise knüpfte sich bald ein

schriftlicher Verkehr zwischen den Liebenden an, aus welchem sie Trost

und Muth schöpften, wenngleich er freilich auch die Sehnsucht nach

Freiheit steigerte, um einander für immer anzugehören.

Aber sie waren durch die Umstände gezwungen, ihre Wünsche in sich zu

verschließen, ja sie erachteten es sogar für besser, sich nicht durch

directe briefliche Mittheilungen zu erfreuen und begnügten sich daher

mit dem Gebotenen. Doch sie unterwarfen sich dem Allen mit jener Kraft,

welche das Bewußtsein treuer Liebe verleiht; auch fern von einander

verkehrten ja ihre Seelen in Innigkeit und in der süßen Hoffnung, daß

ihrer eine frohe Zukunft harrte.

So gingen Sidonien die Tage dahin; zwar einförmig, aber doch nicht ohne

Trost.

Von Seiten des Hofes wurde sie in keiner Weise beunruhigt; doch drang

die Nachricht von des Prinzen neuer Vermählung in ihre Einsamkeit. Sie

freute sich derselben, da dadurch, wie sie wußte, des Fürsten Wunsch

erfüllt wurde.

Sonst vernahm sie nichts vom Hofe und seinem Treiben, auch suchte

sie Niemand auf, und so sah sie ihr Verlangen befriedigt; sie war

vergessen, vergessen in ihrer Abgeschiedenheit, die ihr im Verhältniß

zu ihrem früheren Leben tausendfach angenehmer erschien.

Und es kamen während des Sommers auch manche schöne Festtage, die ihr

durch den Besuch ihres geliebten Kindes bereitet wurden, das oft eine

ganze Woche bei ihr verweilte und an dessen herrlicher Entwicklung sich

ihr Mutterherz erfreute.

Dann aber nahte der Herbst, der Winter mit seiner Oede und Einsamkeit,

mit seinem Schnee, der alle so lieb gewonnenen Reize der Natur

verhüllte und sie in das jetzt wieder düsterer blickende Schloß bannte

und oft Wochen lang an dem Genuß der frischen Luft verhinderte. Da

wurde ihr das Herz denn oft recht schwer, und trotz aller Beschäftigung

würde sie ohne Aureliens Nähe ihre Lage kaum oder doch nur sehr

schwer ertragen haben. Diese edle Natur entfaltete jetzt alle ihre

Seelenvorzüge in dem höchsten Grade, indem sie mit der nur ihr eigenen

Selbstverläugnung ganz und gar in der Freundin aufging, unablässig

bemüht, die Tage derselben erträglich zu machen. An ihr richtete

sich Sidoniens gebeugte Seele schnell wieder auf, und die trüben,

regnerischen Tage, der das Schloß durchheulende Wintersturm erschienen

ihr alsdann nicht mehr so beängstigend und unerträglich.

Aber der Winter war so lang, der Frühling zögerte mit seinem

Wiederkommen, und wie viele Stunden zählte ein Tag, eine Nacht. --

Aber trotz des Zögerns erschien der Lenz dennoch endlich und brachte

auch Sidonien neue Freuden und die Gewißheit, nach so langem Entbehren

auch ihre Tochter wieder an das Herz drücken zu können. Denn während

der rauhen Jahreszeit war dem Kinde der Besuch nicht gestattet worden

und Sidonie hatte sich auf briefliche Mittheilungen beschränken

müssen. Trotz ihres Kummers und dieser schmerzlichen Entbehrungen

übersah Sidonie die ihr gebotene Gelegenheit nicht, die Pflichten der

Menschenliebe zu üben, wozu sie überdies ihr gütiges Herz nöthigte, und

oft suchte sie in Aureliens Begleitung die Stätte des Leidens auf, und

ihr mildes, freundliches Wort, die so reich gestattete Hilfe hatten sie

bald zu einem vergötterten Liebling in der Gegend erhoben.

Vertrauend eilten die Bedrängten zu ihr und gingen stets getröstet

von dannen, und wo sie erschien, in den nahe gelegenen Dörfern und

Flecken, so wie in dem Schloß selbst, segneten viele Herzen die edle,

unglückliche Frau, an deren Vergehen Niemand glaubte.

Und dem zweiten Sommer folgte wieder Herbst und Winter und diesem

wieder der Lenz, ohne daß sich Sidoniens noch des Grafen Lage in

irgend welcher Beziehung änderte. Sie sah sich in den hinsichts ihrer

Freilassung gehegten Hoffnungen leider getäuscht, denn der Fürst hatte

ihr bisher durch kein Zeichen zu erkennen gegeben, daß er sich dazu

etwa geneigt fühlte, und sie war weit entfernt, sich in irgend welcher

Weise darum zu bemühen.

Da kam die Nachricht von der Geburt eines Erbprinzen zu ihr, und sie

hoffte, daß dieser Umstand den Fürsten etwa veranlassen würde, ihrer

und ihres Freundes in Güte zu gedenken. Leider täuschte sie sich auch

jetzt; man hatte sie vergessen oder erachtete sie der Begnadigung nicht

für würdig.

Wie werthlos wäre ihr auch diese gewesen, wenn dieselbe nicht auch

diejenige des Grafen in sich schloß; denn es hätte ihrem Gefühl

widerstrebt, sich der Freiheit allein zu erfreuen. So lange er litt,

wollte auch sie mit ihm leiden.

Von Seiten des Grafen war eben so wenig irgend etwas zu seiner

Befreiung gethan worden; sein Stolz hatte jeden Vorschlag seiner

Freunde in dieser Beziehung bestimmt zurück gewiesen, da er sich

berechtigt fühlte, nicht zu bitten, sondern Genugthuung zu fordern. So

ertrug er die ungerechte Strafe mit Würde und ohne Klage, und nur der

Gedanke, wie viel Sidonie leiden mußte, entmuthigte ihn bisweilen so

sehr, daß er darunter auch körperlich litt.

Zwei lange Jahre waren ihm und Sidonien in der bezeichneten Weise dahin

gegangen; Beide hatten bereits alle Hoffnung, die Freiheit endlich zu

erlangen, aufgegeben und sahen daher der Zukunft mit um schmerzlicherer

Resignation entgegen, da der Spätherbst sich bereits geltend machte

und sie an den nahenden traurigen Winter mahnte. Besonders war

dies in Bezug auf Sidonie der Fall. Was ihrem Aufenthalt Reiz und

Annehmlichkeit verlieh, war dahin. Ueberall Oede, Einsamkeit, welke,

fallende Blätter, dürre Zweige, leere Felder und gebräunte Wiesen,

auf welche ein trüber, wolkiger Himmel schaute, der Allem den letzten

Farbenreiz stahl. Und wie der Natur diesen, so stahl er auch dem

Herzen die Freude und Lust am Leben.

Sidonie war ausgefahren und kehrte gegen Abend unter strömendem Regen

in Begleitung Aureliens von dem nahe gelegenen Dorf zurück, wohin sie

sich, um wie gewöhnlich zu trösten und zu helfen, begeben hatte. Bei

der Hinfahrt war das Wetter gut gewesen, auf dem Rückwege jedoch wurde

sie von dem Unwetter überrascht, das die Herbststürme rasch herbei

geführt hatten.

Ueber das Schloß hin rauschte der Sturm, von seinem Dach strömte der

Regen, und die Dämmerung, in welche das Gebäude gehüllt war, ließ

dieses noch unheimlicher als gewöhnlich erscheinen.

Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 13 / 15 段