ihrem Aeußern zu erkennen gab. Die wenigen Tage bis zu ihrer Abreise
hatten sie so sehr verändert, daß sie ganz und gar verfallen und um
wenigstens zehn Jahre älter erschien. Auch fühlte sie sich schwach und
kraftlos, und vermochte sich nur mit Anstrengung aufrecht zu erhalten
und die ihr obliegenden Anordnungen zu treffen; dennoch überwand sie
dies Alles mit Anwendung des festesten Willens und eingedenk ihres
Vornehmens, die Ruhe und Sammlung der Schuldlosigkeit zu zeigen. Sie
bedurfte dieser in hohem Grade, denn sie war willens, vor ihrer
Abreise noch den Prinzen und Fürsten zu sprechen. In diesem Verlangen
glaubte sie den Beweis zu liefern, daß sie nicht in dem Gefühl ihrer
Schuld schied, sondern nur als Leidende der über sie herrschenden
Gewalt wich. Auch war es ihre Absicht, dem Prinzen ihre Wünsche über
die fernere Erziehung ihrer Tochter zu erkennen zu geben. Sie besaß
ein Recht dazu und war weit entfernt, dasselbe aufzugeben, und glaubte
daher den Prinzen damit bekannt machen zu müssen, damit er nicht etwa
den Glauben hegte, sie wäre sich derselben nicht bewußt oder hätte
sie etwa in dem Bewußtsein ihres Vergehens, oder durch die Verbannung
eingeschüchtert, aufgegeben. Was sie jedoch zu der Unterredung mit
dem Fürsten trotz der erfahrenen Unbill besonders veranlaßte, war
die Hoffnung, daß es ihrem Worte vielleicht gelingen dürfte, ihn zur
Zurücknahme des Befehls hinsichts ihrer Tochter zu veranlassen. Ihre
Hoffnungen waren in dieser Beziehung allerdings nur gering; die Liebe
zu ihrem Kinde jedoch viel zu groß, um nicht noch das Letzte zu wagen.
Kostete es ihr schon eine nicht geringe Ueberwindung, noch einmal ihren
Feinden Auge in Auge gegenüber zu stehen, deren Gewalt sie unterlegen
war, so war sie doch auch zugleich entschlossen, sich selbst zu
vergessen, um sich das geliebte Kind zu retten, für dessen Besitz ihr
kein Opfer zu schwer sein sollte.
Sie hatte gefürchtet, daß weder der Fürst noch der Prinz sich zu
einer Unterredung verstehen würden, und wurde daher sehr angenehm
überrascht, als ihr diese auf ihre schriftliche Bitte bewilligt wurde.
Sie wußte freilich nicht, daß dies nicht ohne Widerstreben Seitens
Beider geschehen war.
Zu der Unterredung war der Tag vor ihrer Abreise bezeichnet worden. Wie
eilig ging ihr die Zeit bis zu diesem Augenblick dahin, in welchem sie
sich vielleicht für eine lange Dauer von ihrem Kinde trennen mußte, und
mit welcher Aengstlichkeit war sie bedacht, für Alles, was dessen Wohl
betraf, zu sorgen. Was sie in ihrer kummervollen Erregung noch aufrecht
erhielt, war die freilich nur schwache Hoffnung, des Fürsten Herz für
ihre Wünsche gewinnen zu können.
So nahte der bedeutsame Tag, und mit gewaltsamer Ueberwindung aller sie
bestürmenden widrigen Gefühle begab sie sich zu dem Prinzen.
Derselbe empfing sie in einem der Staatsgemächer des Palais.
Ihr hinfälliges Aussehen und die sich in ihrem Wesen abspiegelnde
Resignation blieben nicht ohne Wirkung auf ihn und schienen ihn zu
veranlassen, auf einen in seiner Nähe befindlichen Sessel zu deuten.
»Ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen,« sprach Sidonie, ohne sich
niederzulassen, »und diese bezwecken die Erziehung meiner Tochter.«
»Dieselbe wird ihrem Range gemäß sein,« fiel der Prinz ein.
»Ich zweifle nicht daran und dies ist auch nicht die Veranlassung,
wenn ich Ihnen meine Wünsche in dieser Beziehung zu erkennen gebe.
Es ist ein anderer und wichtigerer Grund, der mich dazu bestimmt.
Ein Kind bedarf vor Allem der Elternliebe, in deren vollem Genuß es
sich wohl fühlt. Diese wird Isabelle entbehren müssen, indem man sie
fremden Händen übergiebt. Man wird vielleicht ihren Geist ausbilden;
des Kindes Herz bildet sich jedoch nur an einem liebenden Herzen
aus, und so erfüllt mich die Besorgniß, Isabelle wird den Einflüssen
ihrer Umgebung unterliegen. Sie haben es für nothwendig erachtet, mir
die Erfüllung meiner Mutterpflichten unmöglich zu machen, um so mehr
erwarte ich daher, daß Sie selbst die Erziehung des Kindes überwachen
und es mir gestatten werden, Isabelle zu sehen und mich von dem Erfolg
der ersteren zu überzeugen.«
»Ich habe nichts dagegen; doch mache ich Ihnen bekannt, daß Isabelle
mit Ihnen zugleich den Hof verläßt, da ich sie zu meiner Tante, der
Herzogin Karoline, sende, woselbst sie fortan leben soll.«
Diese Nachricht erfreute Sidonie in hohem Grade; denn durch diese
Maßnahme wurde ihr Wunsch erfüllt und Isabelle den Einflüssen des
Hofes entzogen; auch war ihr die Herzogin als eine sehr geachtete Dame
bekannt.
»Sie erfüllen dadurch meinen Wunsch und ich billige diese Anordnung
gern,« entgegnete sie und fragte alsdann: »Ich hoffe, daß es mir
gestattet sein wird, mit meiner Tochter brieflich zu verkehren?«
»Ich stelle das Ihrem Belieben anheim,« entgegnete der Prinz, wie es
schien bemüht, die ihn peinigende Unterredung zu enden.
»Wenn auch hiemit mein persönliches Interesse erledigt sein dürfte,
so drängt es mich doch, noch ein Wort an Sie zu richten,« fuhr die
Prinzessin nach kurzer Pause fort. »Daß man die Trennung unserer Ehe
als durch meine Schuld herbei geführt betrachtet, muß ich hinnehmen,
da der Schein gegen mich spricht und es Ihnen beliebt hat, mich auf
diesen hin zu verurtheilen. Ich würde die mir auferlegte Strafe jedoch
weniger verletzend fühlen, dürfte ich hoffen, daß daraus ein Segen
für das Land hervor ginge. Dem Unrecht ist jedoch noch niemals Gutes
entsprossen. Möchte sich in diesem Fall meine Voraussetzung nicht
bestätigen; ich wünsche dies zum Wohl des Volkes, dem Sie bald ein
Herrscher sein werden. Wol ist es eine schöne und hohe Aufgabe, die
Wohlfahrt von Millionen zu erzielen; aber eben so furchtbar däucht mir
auch das Schicksal des Regenten, der in der zügellosen Hingabe an seine
Leidenschaften statt Liebe nur Haß und Verachtung säet und darum auch
erntet. Mögen Sie dessen eingedenk sein, und so leben Sie wohl!«
Sidonie hatte diese Worte fest und ruhig gesprochen, indem Sie die
Blicke eben so fest auf den Prinzen gerichtet hielt, der sie jedoch
nicht anschaute und ihr nur mit sichtlicher Ungeduld zuhörte. Mit einer
leichten, würdigen Verneigung verließ sie darauf das Zimmer.
Der Prinz schaute ihr voll Unmuth nach, der jedoch nicht allein durch
die von Sidonien an ihn gerichtete Mahnung an sein besseres Selbst,
sondern noch mehr durch das Gefühl der Achtung hervor gerufen wurde,
das ihr Verhalten in ihm erzeugt hatte. Dieses Gefühl machte sich zum
ersten Mal in ihm geltend, seit er Sidonie kannte. Es lag eine so große
Würde in ihrem Wesen und Benehmen, eine ungesuchte Ueberlegenheit über
ihn und ihre nichts weniger als erfreulichen Verhältnisse, daß er
unwillkürlich von dem Zweifel an ihre Schuld ergriffen wurde.
Die guten Regungen gingen jedoch eben so rasch, als sie entstanden
waren, an seiner Seele vorüber, und sein Stolz und Rachegefühl übten
schnell ihre Wirkung wieder aus, und so steigerte sich sein Unmuth
bei dem Gedanken, daß Sidonie nicht als demüthig Bittende, sondern im
Vollgefühl ihrer Würde von ihm geschieden war.
Mit einem hastig gemurmelten Wort, das wie »Närrin« klang, kehrte er in
sein Wohngemach zurück, und ein ihm von dem Baron Mühlfels übergebener
Brief von Marianen verschaffte ihm rasch seine gute Laune wieder.
Sidonie eilte nach der Unterredung zu ihrer Tochter, die sie jetzt,
trotz der nahen Trennung, mit einem freudigeren Gefühl in die Arme
schloß, nachdem sie deren künftiges Geschick erfahren und überdies die
Gewißheit erhalten hatte, sie für die Folge sehen und nach Belieben
Nachricht von ihr erhalten zu können. Ihr däuchte nun die Trennung
weniger schmerzlich.
Aurelie überraschte sie dabei und theilte ihre Freude, nachdem sie
den guten Erfolg der Bemühungen vernommen hatte. Ihr edles Herz wußte
ja nur zu wohl, welchen großen Werth und Trost die Freundin in der ihr
gewährten Begünstigung fand und daß Sidonie ohne dieselbe vielleicht
in ihrem Schmerz und in ihrer Sehnsucht nach der Tochter untergegangen
wäre, trotz ihres Vornehmens, sich für diese und den Grafen zu erhalten.
Unter den Beschäftigungen, welche die angekündigte nahe Abreise des
Kindes nothwendig machte, nahte dann die zu der Audienz bei dem Fürsten
bestimmte Stunde.
Durch die Unterredung mit dem Prinzen ein wenig ermuthigt, die ihre
Hoffnungen hinsichts des Gelingens ihrer Absicht gehoben hatte, trat
sie den Weg zu dem Fürsten an.
Man führte sie zu ihm, und sie fand ihn in einem Lehnsessel ruhend,
wozu ihn gichtische Schmerzen in den Füßen nöthigten. Der Fürst
erwiderte ihren Gruß mit kalter Höflichkeit, welche leider sehr
geeignet war, Sidoniens Fassung herab zu stimmen; dennoch gewann sie
rasch die erforderliche Sammlung.
»Ich habe es für meine Pflicht erachtet, Ihnen bei meinem Scheiden
ein Lebewohl zu sagen,« begann sie mit bewegter Stimme, nachdem sie
sich auf eine einladende Handbewegung des Fürsten in seiner Nähe
niedergelassen hatte.
»Ich bedaure, durch meine Leiden an Ihrem früheren Empfang verhindert
worden zu sein,« bemerkte der Fürst mit einer gewissen Verlegenheit.
»Um so mehr danke ich Ihnen, mir denselben heute bewilligt zu haben; es
ist mir das ein Beweis, daß Sie selbst in dem Verurtheilten noch immer
den Menschen berücksichtigen.«
»Zweifelten Sie daran?« fragte der Fürst rasch.
»Ich glaube Gründe dazu zu besitzen, denn es hat Ihnen nicht gefallen,
meine Muttergefühle zu beachten.«
»Die Wünsche des Prinzen waren in diesem Fall maßgebend,« fiel der
Fürst etwas erregt ein.
»Sie wären es gewesen, hätte der Prinz seiner Tochter seither die Liebe
eines Vaters bewiesen, denn nur die Liebe und Sorge berechtigt zu
dergleichen.«
»Ihre Tochter wird den besten Händen anvertraut werden,« bemerkte der
Fürst.
»Wer vermöchte einem Kinde die Mutter zu ersetzen? Ueberdies übersah
man, als diese Maßnahme beschlossen wurde, daß durch dieselbe nicht nur
ich, sondern auch das Kind schmerzlich getroffen wurde.«
»Dieser Vorwurf fällt auf Sie zurück, da Sie selbst die Urheberin
dieses Arrangements sind.«
Sidonie wurde durch diese Erinnerung schmerzlich getroffen; ihr ganzer
Unmuth über die erfahrene ungerechte Strafe erwachte in ihr und drängte
sie, sich dem Fürsten gegenüber geltend zu machen; doch die Liebe zu
ihrem Kinde und der heiße Wunsch, sich dessen Besitz sichern zu können,
ließ sie ihre Empfindungen beherrschen und nahm ihr das Wort von den
Lippen.
Schweigend senkte sie das Haupt.
»Der über Sie gefällte Richterspruch bedingt die Trennung von Ihrer
Tochter,« fügte der Fürst hinzu. »Man hätte diese Angelegenheit
vielleicht in angenehmerer Weise für Sie ordnen können, würden Sie mich
nicht zu einem richterlichen Entscheid genöthigt haben. Sie müssen nun
auch die Folgen tragen.«
»Sie verlangten also ein Bekenntniß meiner Schuld? Durch eine
Unwahrheit sollte ich mich selbst verurtheilen? Wie, mein Fürst,
~das~ verlangten, erwarteten Sie von mir?« fragte Sidonie mit
edlem Unwillen und fuhr nach kurzem Zögern fort: »Daß Sie das gethan
haben, giebt mir den Beweis, wie wenig Sie mit meinem Charakter
bekannt sind und wie fern Ihnen die Ueberzeugung lag, daß ich zur
Wahrung meiner Ehre zu den höchsten Opfern bereit war. Daß diese
Opfer so schmerzlich sein sollten, habe ich in dem Vertrauen zu Ihrer
Gerechtigkeitsliebe freilich nicht voraus gesehen.«
»Ich sehe mich außer Stande, irgend etwas für Sie zu thun,« wandte der
Fürst ein. »Die Erziehung Ihrer Tochter wird überdies Ihre Ansprüche
befriedigen. Die Herzogin ist eine Dame von Geist.«
»Ich will es hoffen; dennoch erinnere ich Sie, daß einem Kinde die
Mutter niemals ersetzt werden kann. Sie verstehen, begreifen mich
vielleicht nicht, mein Fürst; denn Ihnen ist das Vatergefühl fremd, da
Ihr Herz durch den Ton eines eigenen Kindes niemals ergriffen worden
ist. Ich wünschte, dem wäre so, Sie würden alsdann auch die ganze Größe
meines Schmerzes ermessen können, welche Sie mir durch die Trennung
von meiner Tochter bereiten.«
»Sie haben dies den Verhältnissen zuzuschreiben,« wandte der Fürst ein.
»Ich habe mich in dieselben gefügt, ohne Klage, ohne eine Beschwerde,
und ich würde meine Verbannung mit einem weniger vorwurfsvollen Gefühl
hinnehmen, hätten Sie sich bewogen gefunden, meine und meiner Tochter
Empfindungen und natürliche Forderungen zu berücksichtigen.«
»Sie scheinen ganz zu übersehen, daß man Ihre Tochter Ihren Aufenthalt
nicht theilen lassen darf; so etwas widerspräche dem Gesetz.«
»O, mein Fürst, wie übel muß ein Gesetz sein, das den Forderungen der
Menschlichkeit widerspricht! Wird die Ehre meiner Tochter gekränkt,
indem sie die Verbannung ihrer Mutter theilt? Ich glaube nicht.
Ueberdies ist es bekannt, daß das Ansehen eines Fürsten noch nie
gelitten, dessen Menschlichkeit sich über das Gesetz zu stellen wagte.
Die Nachwelt nannte solche Fürsten gut und edel, und so meine ich,
dürfte die Wahl zwischen dem starren Gesetz und der Milde nicht eben
schwer sein.«
Der Fürst verrieth eine Bewegung, welche Sidoniens Worte in ihm
erzeugten; ihre Haltung und die Zeichen tiefen Seelenleidens hatten
überdies wie auf den Prinzen, so auch auf ihn bei ihrem Eintreten einen
tiefen Eindruck hervorgerufen, und so fühlte er sich fast geneigt,
auf ihre Vorstellungen einzugehen. Dies währte jedoch nur wenige
Augenblicke, alsdann machte sich sogleich das Bewußtsein von der
Nothwendigkeit, dem Gesetz jede wärmere Regung des Herzens zu opfern,
geltend, und er entgegnete nach kurzem Ueberlegen:
»Es ist die Pflicht eines jeden Regenten, die Gesetze zu achten, die er
selbst gegeben hat.«
»Gewiß ist dem so, mein Fürst; es ist aber auch das schöne Vorrecht
der Regenten, die gegebenen Gesetze durch Menschenliebe zu mildern.
Was wäre ein Fürst, der nur das verkörperte Gesetz darstellte? Dessen
Sklave, weiter nichts. Sollten Sie sich nicht ein höheres Ziel gesteckt
haben? Ich hoffe es.«
Sidonie hätte ihre Worte nicht besser wählen können; dieselben hatten
die empfindlichste Stelle in des Fürsten Herzen berührt, indem sie ihn
zugleich zur Anerkennung der Wahrheit derselben zwangen. Noch weniger
ahnte sie, daß noch andere Umstände die Wirkung ihrer Worte wesentlich
erhöhten.
Unter dem empfangenen Eindruck schaute der Fürst einige Augenblicke
schweigend und gedankenvoll vor sich hin; kaum jedoch fühlte er eine
Anwandlung von nachgiebiger Schwäche, so war er auch bedacht, sich in
seinem Vorsatz zu behaupten, und sein kalter, berechnender Verstand
wies sogleich die Anwandlungen milder Rücksicht von sich; jedoch wie es
schien, nicht ohne einen kurzen, heftigen Kampf.
Sidonien entging das nicht und ein beglückendes Gefühl zog in der
Voraussetzung durch ihr Herz, den Fürsten für ihren Wunsch gewonnen zu
haben. Sie sollte ihre Täuschung bald erkennen, denn im Begriff, dem
Fürsten das Glück zu bezeichnen, das er ihr durch seine Milde schenkte,
wehrte er ihrer Antwort durch eine Handbewegung und bemerkte erregt:
»Kein Wort weiter über diesen Gegenstand! Ich wünsche nicht, daß
diejenigen Grundsätze, nach welchen ich die Bestimmungen über Sie
getroffen habe, einer weiteren Erörterung unterworfen werden. Es würde
zu nichts führen. Darum bitte ich, davon abzubrechen.«
Sidonie erbleichte; sie erkannte, daß sie unter diesen Verhältnissen
auf nichts mehr zu hoffen hatte, da der Fürst jede weitere Bitte
bestimmt ablehnte.
Eine große Thräne rann über ihre bleiche Wange; der Fürst bemerkte
diesen Zeugen ihres tiefen Wehes nicht, denn er hielt die Augen von ihr
abgewandt, als ob er sich vor ihrem Anblick scheute. Es trat eine kurze
Pause ein, alsdann bemerkte Sidonie ruhig und mit schmerzvollem Ton:
»Wol fühle ich, wie wenig angenehm Ihnen meine Worte sein müssen, und
ich bitte um Vergebung, wenn ich, ermuthigt durch Mutterliebe und in
dem Wahn, es könnte dieselbe einen wenn auch nur schwachen Widerhall in
Ihrem Herzen finden, Ihnen offen meinen Schmerz, aber auch das Glück
zeigte, das mir die Gewährung meiner Bitte bereitet hätte. Doch ich
will mich zufrieden geben, da Sie mich auch dazu zwingen; aber, mein
Fürst, bin ich dazu auch genöthigt, so gestatten Sie mir doch, Sie zu
erinnern, welchen Namen die Welt dieser Maßnahme geben wird. Denn
selbst wenn mich auch die Menschen für schuldig erachteten, würden sie
dennoch nimmer die Trennung von meinem einzigen Kinde billigen. Die
Rechte der Mutter sind heilig, und wer dieselben in solcher Weise zu
schädigen wagt, verfällt dem Urtheil der Welt.«
»Sei es; ich kann dasselbe hinnehmen!« fiel der Fürst erregt ein.
»Nein, mein Fürst, nein! Flüchten Sie sich nicht hinter Ihr
fürstliches Ansehen; es schützt den Menschen in Ihnen nicht; nicht
den ~Fürsten~, sondern ~diesen~ wird man verurtheilen. Denn
über allem Glanz, über aller Macht und Gewalt der Fürsten steht der
Mensch; man liebt und verehrt ~ihn~, nicht die ~kalte fürstliche
Größe~!«
Des Fürsten Antlitz zeigte ein bewegtes Mienenspiel, in welchem sich
die widerstreitendsten Empfindungen zu erkennen gaben; sein Auge
leuchtete rasch auf und verrieth eine ungewöhnliche Bewegung seines
Innern. Das Alles währte jedoch nur ein paar Secunden; alsdann schien
er wieder ruhig zu sein.
»Haben Sie schon den Prinzen gesprochen?« fragte er.
Sidonie bejahte, und er fuhr fort:
»So werden Sie auch erfahren haben, daß es Ihnen unbenommen ist,
Ihre Tochter für die Folge zu sehen. Isabelle wird Sie in gewissen
Zeiträumen besuchen; ich werde den Befehl dazu geben.«
»O, wie danke ich Ihnen, mein gnädiger Fürst!« fiel Sidonie, durch
das Vernommene beglückt, in gerührtem Ton ein, und fügte alsdann
nach einem raschen Entschluß flehend hinzu: »O, mein Fürst, warum
wollen Sie dem edeln Zuge Ihres Herzens nicht folgen und mir Ihre
ganze Gnade gewähren? O, ich lese es in Ihren Zügen, daß meine Worte
einen Widerhall in Ihrem Herzen fanden; warum unterdrücken Sie so edle
Regungen, um mein kummervolles Herz nicht ganz zu beglücken? Wäre es
nicht ein schöner Sieg, den die Menschlichkeit über das kalte Gesetz
davon trüge?«
In ängstlicher Spannung, die Augen mit Thränen erfüllt, blickte Sidonie
auf den Fürsten, seiner Antwort gewärtig, von der das Glück und die
Ruhe ihrer Seele abhing.
»Sein Sie zufrieden, Prinzessin!« fiel der Fürst ein und fügte nach
kurzem Zögern hinzu: »Ich habe mehr gethan, als ich durfte; ich habe
gegen meine eigene Bestimmung gehandelt. Ich habe des Prinzen Willen zu
beachten und mehr als das, die Verhältnisse, welche die Trennung von
Ihrer Tochter fordern. Erkennen Sie das und glauben Sie mir, daß, so
hart ich Ihnen auch vielleicht erscheine, sich der Fürst oft nur auf
Kosten seines Herzens behaupten kann.«
Der Fürst sprach diese Worte mit einer ungewöhnlichen Milde und
Bewegung, und es schien, als ob er während dessen bereits bemüht wäre,
dieselbe zu verbergen.
»Jetzt lassen Sie uns scheiden,« fuhr er nach kurzer Pause fort; »eine
weitere Unterredung wäre fruchtlos und uns Beiden nicht angenehm.«
Von seinen Worten und seinem Benehmen tief ergriffen, erhob sich
Sidonie; sie erkannte, daß ihr unter den obwaltenden Umständen nichts
mehr zu thun übrig blieb, und so zögerte sie nicht, seinen Wunsch zu
erfüllen und ihn zu verlassen.
»So leben Sie denn wohl, mein Fürst,« sprach sie voll Rührung. »Ich
scheide mit dem aufrichtigen Wunsch, Sie würden bald von Ihren Leiden
befreit werden. Auch danke ich Ihnen nochmals für die Beruhigung, die
Ihre Güte mir gewährt hat.«
»Leben Sie wohl!« entgegnete der Fürst mit einer geringen Kopfneigung
gegen sie.
Als sich die Thür hinter Sidonien schloß, athmete der Fürst auf und
lehnte sich in den Sessel zurück, indem er auf das Geräusch des
fortrollenden Wagens der Prinzessin lauschte. Seine vorher strengen
Züge waren jetzt weich, sein Auge blickte mild, und er fuhr sich mit
der Hand über die Stirn. Sinnend schaute er eine Weile vor sich hin,
alsdann klingelte er, ließ sich von dem eintretenden Kammerdiener
aus dem Sessel heben, und schritt unter dessen Beihilfe trotz der
empfundenen Schmerzen mehrmals durch das Gemach. Er schien bewegt, und
es währte eine längere Zeit, ehe seine Züge den gewöhnlich ruhigen
Ausdruck wieder zeigten.
Sidonie kehrte, wenngleich nicht in einer befriedigten, so doch
beruhigteren Stimmung in ihr Palais zurück; sie war wenigstens um
eine beglückende Hoffnung reicher, die ihr den künftigen Besuch ihres
geliebten Kindes verhieß. Das ihr von dem Fürsten gezeigte Mitgefühl
that ihrem Herzen wohl, und sie beklagte es um so mehr, daß die Gewalt
der Verhältnisse dasselbe in solcher Weise beschränkte und ihn bewogen,
sich dem Willen des Prinzen unterzuordnen. In diesem Umstande lag aber
für sie die angenehme Hoffnung, es könnte der Fürst vielleicht für die
Folge diese Milde wieder geltend zu machen bedacht sein und sich somit
auch ihr und ihres Freundes Geschick bald günstiger gestalten.
Diese Hoffnung theilte auch Aurelie, welche Sidonie mit dem Erfolg
ihrer Bemühungen bekannt machte, wenngleich sie dem Fürsten zürnte,
daß er sich dem Verlangen des Prinzen gefügt hatte. Doch der Mensch
erträgt geduldiger das ihm auferlegte Mißgeschick, wenn seinem Herzen
die Hoffnung auf ein künftiges Besserwerden schmeichelt. Ist dies doch
so eigentlich der ganze Inhalt unseres Lebens; Streben und Kämpfen
mit den Verhältnissen der Gegenwart in dem trügenden Hoffen, daß uns
die Zukunft für die Mängel und Opfer der Gegenwart liebreicher und
vollkommener durch Gewährung unserer Wünsche entschädigen wird.
So eilig gingen Sidonien die letzten Stunden, welche sie noch mit ihrer
Tochter verleben durfte, dahin; sie benutzte dieselben, um dieser die
Nothwendigkeit ihrer Trennung erklärlich und sie zugleich auf die
Bestimmung des Prinzen hinsichts ihrer Erziehung bei der Herzogin
aufmerksam zu machen. Sie ermahnte sie dann, sich durch Folgsamkeit
die Liebe ihrer Pflegerin zu erwerben und erinnerte sie, welche
Freude sie ihr selbst dadurch bereiten würde. Sie sagte ihr, daß sie
oft Briefe an sie senden würde, und sie sich daher bemühen sollte,
dieselben beantworten zu können, und wie sehr sie ein jedes Wort von
ihr beglücken würde.
»Auch wirst Du mich öfter besuchen, meine Tochter, und wir werden
alsdann wol einige Tage bei einander sein,« fuhr Sidonie fort.
»Warum kann ich nicht immer wie jetzt bei =chère mama= sein?«
fragte die Kleine.
Wie tief und schmerzlich ergriff Sidonie diese so natürliche Frage,
da sie die richtige Antwort verschweigen mußte; dieselbe berührte sie
um so empfindlicher, da sie deren Wiederholung in späterer Zeit mit
Bestimmtheit erwarten durfte.
»Du sollst die Gründe dazu, wenn Du älter bist, erfahren,« entgegnete
Sidonie, deren Vornehmen es war ihre Tochter dereinst selbst mit
Alledem bekannt zu machen, wodurch ihr trauriges Geschick hervorgerufen
worden war.
In solchem und ähnlichem Zwiegespräch verweilten Mutter und Tochter so
lange bei einander, bis das Kind sich zur Ruhe begab. Alsdann fertigte
Sidonie einen Brief an die Herzogin Karoline, in welchem sie dieser
mit der ganzen Wärme ihres Muttergefühls ihre Tochter empfahl, ihr das
Vertrauen zu erkennen gab, welches sie zu ihrem edeln Sinn hegte, und
sie eindringlich bat, ihr die Liebe des Kindes zu erhalten.
Es war bereits über die Mitternacht hinaus, als sie diesen für sie so
wichtigen Brief vollendete; alsdann begab sie sich an das Lager ihres
Kindes und erfreute sich an dessen süßem Schlummer, und erst gegen
Morgen suchte sie selbst Ruhe, um sich für die Reise zu kräftigen.
Ach, so früh kam der Morgen, nahte die Stunde der Trennung von ihrem
Kinde.
Das Geräusch des heranrollenden Wagens, der ihre Tochter aufnehmen
sollte, durchzitterte ihre Seele und sie bedurfte ihrer ganzen Fassung,
um dem Augenblick nicht zu erliegen.
Bald darauf erschien die Hofmeisterin Isabellens, welche diese zu der
Herzogin begleiten und fortan bei ihr bleiben sollte.
Sidonie hatte bereits am vergangenen Tage eine eben so ernste als
eingehende Unterredung hinsichts ihrer Tochter mit dieser gehabt
und wiederholte daher nur noch einen und den andern Wunsch. Alsdann
drückte sie das geliebte Kind noch einmal voll Zärtlichkeit an sich und
bedeckte das Lockenhaupt mit vielen Küssen. Weinend schlang Isabelle
die Arme um ihren Hals, wollte nicht von ihr lassen und verlangte
bei ihr zu bleiben; ein tief ergreifender Anblick, der in den Augen
aller Anwesenden Thränen lockte. Doch es mußte geschieden sein, und
so riß sich Sidonie gewaltsam von der Tochter los, übergab sie der
Hofmeisterin, die mit ihr davon eilte, und sank alsdann, von Schmerz
überwunden, in den Sessel. Wenige Augenblicke darauf eilte der Wagen
davon und entführte die Geliebte.
Als Sidonie wieder zum Bewußtsein gelangte, war es um sie einsam und
still.
Längst war das Rollen des forteilenden Wagens vertönt.
»Sie ist dahin!« sprach sie unter einem heftigen Thränenstrom leise.