Sidonie neigte bejahend, doch schweigend das Haupt, drückte ihre

Tochter fester an sich und schaute zu Boden. »Lies, liebe Aurelie,«

bemerkte sie alsdann fast tonlos.

Und Aurelie entfaltete das Schreiben. Die Prinzessin hatte sich in

ihren Erwartungen nicht getäuscht; neben einem Billet von dem Fürsten

befand sich die Sentenz.

Der Fürst schrieb:

»Madame! Ich sende Ihnen anbei den über Sie gefällten Richterspruch;

Sie erkennen daraus, daß Sie des Vergehens für schuldig befunden worden

sind und ihre Ehe mit dem Prinzen getrennt ist. Zu Ihrem künftigen

Aufenthalt habe ich Schloß Waldburg bestimmt, das für Ihre Aufnahme

eingerichtet werden wird. Sie werden sich dahin innerhalb zwei Wochen

begeben und dürfen dasselbe ohne meine besondere Erlaubniß fortan nicht

verlassen. Eine Hofmeisterin und eine Gesellschaftsdame werden Sie mit

der entsprechenden Dienerschaft begleiten. Ihr Jahrgehalt ist bestimmt

und wird Ihnen seiner Zeit stets ausgezahlt werden.«

»Verbannt, verbannt und meiner Freiheit beraubt!« rief Sidonie, von dem

Vernommenen tief erschüttert.

»O, meine arme Freundin, hofftest Du Besseres?« fragte Aurelie mit

feuchtem Auge Sidonie anschauend.

»Ich glaubte ein Recht auf ein milderes Urtheil zu besitzen. Doch es

sei; ich will mich deshalb nicht beklagen, da ich in solcher Weise

mit meinem theuern Freunde leiden kann. Ja, ich will diese Verbannung

mit Freuden begrüßen, wenn Römer seiner Haft nicht entlassen werden

sollte. Und ich fürchte, es wird so sein. Geht man so hart mit mir um,

so wird man noch schlimmer mit ihm verfahren. So wird er nicht allein

leiden,« sprach Sidonie, von Liebe und Hochgefühl erglüht. »O, ich

hatte es mir anders gedacht,« fuhr sie darauf fort; »ich habe gehofft,

daß mir mit der Trennung der Ehe auch meine Freiheit gewährt werden

würde und ich diesem Lande für immer entfliehen könnte. Ich vergaß, daß

ich eine entehrende Strafe erleiden mußte, um der Welt meine Schuld zu

bezeichnen. Darum Verbannung, Verbannung nach einem verödeten Schloß.«

»Wenigstens gewährt Dir dieselbe den Vortheil, dem Hofe entfliehen zu

können,« bemerkte Aurelie.

»Gewiß, gewiß, und den darf ich nach dem Erfahrenen in der That nicht

gering anschlagen. Wir werden uns dort eine neue Heimath gründen,

welche Liebe und Freundschaft verschönen wird. Dort werde ich mit noch

größerer Sorgfalt meinen Mutterpflichten genügen können, dort wird sich

mein Kind, unberührt von der entsittlichenden Hofluft, rein und schön

entfalten können, und ich vermag der Welt dereinst einen guten Menschen

zuzuführen. O, das ist ein großer, sehr großer Vortheil, dieser Gedanke

thut dem Herzen wohl!« endete Sidonie und drückte ihre Tochter an sich.

»Und Deine Verbannung kann und darf nicht allzu lange währen,« fiel

Aurelie ein.

»Ein paar Jahre vielleicht. O, die Zeit geht in der Einförmigkeit

rasch dahin, ich fürchte sie nicht. Was mir die Verbannung jedoch

schmerzlicher macht, ist der Gedanke, daß meine Tochter später davon

zu leiden haben wird, sobald meine Schuldlosigkeit nicht anerkannt

wird. Ob dies jemals geschehen wird, ich wage es unter den obwaltenden

Umständen nicht zu hoffen. Und wenn dies auch erfolgen sollte; die Welt

glaubt so gern das Ueble, und selbst der dem Schuldlosen angehaftete

Makel wird so schwer verwischt, trotz der Erkenntniß, wie ungerecht

derselbe ist. Doch Alles, Alles und noch Schlimmeres würde ich mit

Freuden ertragen, wüßte ich den Freund erst frei und seiner entehrenden

Fesseln ledig.«

»Vielleicht, daß Deine Verbannung seine Lage erleichtert und Dein

Wunsch erfüllt wird,« bemerkte Aurelie.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Es wird nicht geschehen, ich weiß es nur zu wohl. Der Fürst begnügt

sich niemals mit halben Maßregeln, sobald es darauf ankommt, der Welt

gegenüber sein Ansehen zu behaupten. Darum wird er den Grafen auch

strenger als mich bestrafen, wie er es bereits gethan hat, obwol seine

Maßnahmen ungerecht und von dem Adel nichts weniger als gebilligt

werden. Doch, Du weißt, der Fürst ist unbeugsam, so bald es seinen

Zwecken gilt.«

»Und möchtest Du den Fürsten nicht um eine Milderung des Urtheils

ersuchen?« fragte Aurelie.

»Niemals, meine theure Freundin! Er soll weder eine Bitte, noch einen

Vorwurf von mir vernehmen! Ueberdies bin ich von der Fruchtlosigkeit

meiner Bemühungen überzeugt, die höchstens seinen Triumph über mich

erhöhen würden. Nach diesem Urtheil sind wir für immer von einander

geschieden,« entgegnete Sidonie mit bestimmtem Ton und fügte nach

kurzem Sinnen, Aurelien die Hand hinreichend, hinzu: »Vergieb mir,

meine Theure, wenn ich bisher nur meiner Interessen gedachte und es

vergessen konnte, daß meine Verbannung Dein geliebtes Haupt trifft,

indem sie Dich in eine menschenleere Einsamkeit fesselt. O, wie

viele der reinsten Opfer hast Du mir schon gebracht, die ich wohl zu

schätzen, jedoch nicht durch mein Thun entsprechend zu würdigen vermag.

O, wende Dich auch jetzt nicht von mir, denn ohne Dich vermöchte ich

das Leben nicht zu ertragen!« Und sie umschlang weinend die Freundin.

»Warum Deine Bitte, Geliebte? Du kennst mein Herz und weißt, daß Deine

Freuden und Leiden auch die meinen sind und es stets bleiben werden.

Kein Wort also hierüber mehr,« entgegnete Aurelie voll Güte und edler

Hingebung.

Stumm drückten sich die Freundinnen die Hände.

»Die Besorgniß ergreift mich, ob man mir Deine Begleitung auch

gestatten wird,« bemerkte Sidonie nach kurzer Pause.

»Warum sollte man das nicht, da mein Aufenthalt bei Dir unmöglich ihre

Interessen gefährden kann?«

»Möchte es so sein! Doch überzeugen wir uns, ob in dem Urtheilsspruch

irgend etwas darüber bestimmt ist,« entgegnete Sidonie.

Aurelie ergriff in Folge dessen das Schreiben und trug es laut vor;

doch enthielt dasselbe in der angegebenen Bezeichnung nichts.

»Gott sei Dank, so ist meine Besorgniß unbegründet gewesen,« sprach

Sidonie, welche dem Vortrage mit ängstlicher Spannung zugehört hatte,

indem sie froh aufathmete.

»Hier ist noch eine Bemerkung von des Fürsten Hand, die der Sentenz

später beigefügt zu sein scheint,« bemerkte Aurelie, das Auge darauf

gerichtet.

»Wahrscheinlich noch irgend eine Bestimmung über mich,« entgegnete

Sidonie und fragte alsdann: »Wie lautet sie?«

Aurelie hatte kaum mit raschem Blick des Fürsten Worte überflogen und

deren Sinn erfaßt, als sie erbleichend und bestürzt einen leisen Schrei

ausstieß.

»Was erschreckt Dich?!« fragte Sidonie.

»O, meine arme, arme Freundin!« rief Aurelie in Thränen ausbrechend,

indem sie die Prinzessin umschlang.

»Um Gott, sage, was Dich bewegt!« rief Sidonie in gesteigerter

Besorgniß.

»Lies seine Worte,« entgegnete Aurelie leise und deutete auf diese hin.

Zitternd vor angstvoller Erregung that Sidonie das; in dem nächsten

Augenblick entfiel das Blatt ihren Händen, und mit dem Ausruf: »Mein

Kind, mein Kind!« schlang sie hastig die Arme um ihre sich an sie

schmiegende Tochter und drückte diese unter einem hervor stürzenden

Thränenstrom innig und fest an sich, indem sie ihr Antlitz auf deren

Locken sinken ließ und diese mit Küssen bedeckte.

Es trat eine kurze Stille ein, die nur das Weinen der Frauen unterbrach.

Das Kind blickte besorgt zu der Mutter auf und fragte:

»Warum weint =chère mama=?«

»Weil sie mich von Dir trennen, Dich mir für immer nehmen wollen!« fiel

Sidonie fassungslos ein, das Kind noch heftiger küssend.

»Ich soll nicht bei Mama bleiben?«

»Sie werden Dich fremden, lieblosen Händen übergeben und Dich zu einer

höfischen Puppe bilden, Dein weiches Herz verhärten für das Gute und

Edle und die Reinheit Deiner Seele trüben. Und ich soll fern, fern von

Dir sein, Dich nicht mehr behüten dürfen vor den Gefahren, die Dich

hier umlauern. O, mein Gott, mein Gott! Das vermag ich nicht!«

Und sie neigte auf's Neue das Antlitz auf ihres Kindes Haupt und weinte

heftig.

Es war so, wie Sidonie sagte. Der Fürst hatte unter die richterliche

Sentenz die Bemerkung hinzu gefügt, daß auf das ausdrückliche

Verlangen des Prinzen und in Anbetracht der die Schuld der Prinzessin

begründenden Momente er im Einverständniß mit seinem Neffen die

Bestimmung getroffen, daß Sidoniens Tochter dem Prinzen verbleiben

sollte. Die obwaltenden Umstände boten dem Letzteren dazu ein

scheinbares Recht. Welche unendliche Kränkung darin für Sidonie lag,

darf kaum bemerkt werden. Denn was wol dürfte eine Mutter mehr und

tiefer verletzen, als wenn man sie nicht für würdig erachtet, ihr

einziges Kind und Tochter obenein selbst erziehen und sich an ihrer

Entwicklung erfreuen zu dürfen. Ueber ihrem Schmerz blieb Sidonien

die Erkenntniß dieses über sie verhängten Schimpfes noch fern, da sie

lediglich der einzige Gedanke, sich von ihrem Kinde für immer trennen

zu sollen, beherrschte.

Aurelie gewann zuerst Fassung.

»Das kann und darf nicht geschehen!« rief sie mit ungewöhnlicher

Energie. »Diese Bestimmung muß der Fürst zurück nehmen, denn sie ist

mehr als hart, sie ist grausam.«

»Ich erkenne darin des Prinzen Rache; der Fürst allein würde sich nie

dazu verstanden haben,« bemerkte. Sidonie.

»War der Fürst schwach genug, dem Verlangen seines Neffen nachzugeben,

so bleibt ihm doch immer die Gewalt, diese Bestimmung zurück zu nehmen.«

»Ich zweifle, daß er sich dazu bewegen lassen dürfte, und erinnere

Dich an das Recht des Prinzen, als Vater seines Kindes über dieses zu

bestimmen. Ob ihm dies vor dem Sittengesetz zuerkannt werden darf, ist

eine andere Frage, die hier nicht in Betracht kommt. Doch ich weiß,

nicht die Liebe zu seiner Tochter, sondern sein Haß gegen mich haben

ihn dazu bewogen, und der Fürst ging vielleicht um so leichter auf

seinen Willen ein, da derselbe seinen Zwecken dient. Hält man mich

nicht für würdig, meine Tochter zu behalten, so muß ich der Welt noch

schuldvoller erscheinen, und das will man ja eben.«

»Der Fürst wird Deiner Forderung, Deinen Vorstellungen und Bitten nicht

widerstehen. Er ist Dir einst gewogen gewesen, er wird auch jetzt

Mitleid mit Deinem Kummer haben. Sein Herz kann nicht so ganz verhärtet

sein, um durch Deine Thränen nicht gerührt zu werden.«

Sidonie schüttelte wehmüthig das Haupt.

»Dein liebevolles Herz vermag nicht die ganze Größe der Selbstsucht

zu erfassen, die den Fürsten beherrscht. Vielleicht ist er mir einst

wirklich zugeneigt gewesen; davon kann jedoch nicht mehr die Rede sein,

nachdem ich ihm gegenüber meinen Charakter und Willen zu behaupten

wagte. Meine frühere Unterredung mit ihm hat mir sein kaltes, liebloses

Herz gezeigt. O, wie leer ist dasselbe, und wie ist es lediglich die

Selbstsucht, welche sich eng mit dem Interesse des Staates verknüpft

und die von ihm getroffenen Bestimmungen erzeugt. O, wie arm an

Freuden, wie traurig ist sein Dasein trotz seines mächtigen Geistes, da

in seinem Herzen nicht der Quell strömt, der allein dem Leben Werth und

Annehmlichkeit verleiht!«

»Was gedenkst Du zu thun? Wirst Du zu ihm gehen?« fragte Aurelie nach

einer kurzen Pause.

»Ich werde es und will den Himmel bitten, daß er meinen Worten Kraft

verleiht, sein Herz zu rühren. Vor Allem aber will ich bedacht sein,

mich an einen Gedanken zu gewöhnen, der mir allen Lebensmuth und die

erforderliche Stärke raubt, das Schmerzliche zu ertragen und den Stolz

der Unschuld meinen Feinden gegenüber zu behaupten. Dies ist eine

Pflicht, die mir nicht nur gegen mich selbst, sondern auch gegen meinen

unglücklichen Freund auferlegt ist. O, ich weiß wol, es werden harte,

sehr harte Zeiten für mich kommen; ich will, ich darf ihnen nicht

erliegen, so viel Kummer sie mir auch bringen. Ihm, ihm, dem edeln,

geliebten Manne bin ich es schuldig, der mir das Glück seines Lebens

zum Opfer brachte. Vergelten will und muß ich es ihm mit der ganzen

Hingabe meiner vollsten Liebe, und darum will ich mich ihm erhalten,

damit sein Dasein nicht in einem Schmerz-Accord ausklingt und er nicht

mit dem Wort des Vorwurfs, sondern der Liebe auf den Lippen das Leben

aushaucht. Ob mir dies gelingen, ob und wann die Zeit kommen wird,

in der mein Leben mit dem seinen zusammen pulsen darf, wer vermag

das heute zu bestimmen? -- Vielleicht naht uns der bleiche Engel des

ewigen Friedens früher, als wir ahnen; ach, das Leben ist ja so kurz

und hinfällig! Vielleicht wird mein Wunsch erst dann erfüllt, wenn die

Jahre die Lebenskraft und Freudigkeit zerstört und den Geist ermüdet

haben, und ich ihm statt der Jugend nur ein in Kummer schnell gewelktes

Alter bringen kann, und sich in meinen Zügen dann nichts mehr von dem

widerspiegelt, was sein Herz einst erfreute. Wie schnell verblühen

wir!« Sie schwieg und schaute voll Wehmuth sinnend vor sich hin. »Doch

warum fürchte ich das Uebelste, warum sorge ich des Vergänglichen?!«

bemerkte sie nach kurzer Pause. »Was wäre die Liebe, wenn sie von

äußeren Vorzügen abhinge! O, ich erkenne, wie sich selbst in diesem

Augenblick die allgemeinste Schwäche meines Geschlechts, die Eitelkeit,

geltend zu machen bestrebt. Doch nein, nein, nicht Eitelkeit, sondern

die Liebe zeugt meinen Kummer. Weil ich ihn von Herzen liebe, will ich

ihm auch gefallen; dieser Trieb ist ja natürlich und nothwendig. Und

Römer liebt ja überdies nicht die äußeren Reize, er liebt die Seele,

die unvergängliche, und besitze ich auch nicht die Macht, den Körper

vor der Hinfälligkeit zu schützen, so will ich doch bedacht sein, meine

Seele davor zu bewahren und sie seiner würdig zu erhalten, damit er

einst aus dem gefalteten Antlitz, aus dem matten, entfärbten Augenstern

sie dennoch erkennt und sich an ihr erfreut. O, glaube mir, die Liebe

ist sehr geschickt, die Erinnerungen vergangenen Lebens zu bewahren;

habe ich dies doch in meinen Leidensjahren so ganz erkannt.«

Ein stiller Tag ging über die Freundinnen hin, während dessen sie nur

wenige Worte mit einander wechselten, von Kummer und Sorgen erfüllt.

Was auch hätten sie sich unter den obwaltenden Umständen mittheilen

sollen. Vor Allem mußte Sidonie Fassung gewinnen, um sich für die so

wichtige Unterredung mit dem Fürsten vorbereiten zu können. Darüber

mußten einige Tage dahin gehen; denn Sidonie war zu tief gebeugt und zu

wenig von Hoffnung für das Gelingen ihres Vorhabens erfüllt, um früher

die erforderliche Kraft zu gewinnen.

Als ihr dies jedoch nach zwei Tagen gelungen war, sandte sie ein Billet

mit der Bitte an den Fürsten ab, ihr eine Audienz zu bewilligen.

Erwartungsvoll harrte sie seiner Antwort entgegen.

Achtes Kapitel.

Man hatte Römer nach einer von der Residenz sehr entfernten

Grenzfestung gebracht. Er ward daselbst mit größerer Strenge behandelt

als früher, und es wurden ihm nur innerhalb der Festungswälle

Spaziergänge gestattet. Die zu den letzteren bestimmten Orte waren

überdies der Art, daß er von ihnen aus höchstens einen Blick auf Felder

und Wälder gewann und es ihm daher unmöglich war, sich mit der Gegend

und der neben der Festung gelegenen Stadt bekannt zu machen. Dennoch

und obwol er sich zu keiner Frage verstand, konnte es nicht lange

ausbleiben, daß er den Namen der Festung und der Stadt erfuhr und somit

erkannte, daß er nun auch von aller Verbindung mit seinen Freunden

getrennt war.

Von dem Bemühen des Fürsten überzeugt, seinen Aufenthalt so viel als

möglich der Welt zu verheimlichen, durfte er dies um so sicherer

voraussetzen.

Auf seine Vorstellung an den Fürsten war keine Antwort erfolgt, und so

blieb er in Ungewißheit, ob dieselbe in des Ersteren Hände gelangt war,

oder ob der Fürst eine solche für überflüssig erachtet hatte.

Er war geneigt, das Letztere anzunehmen, als nach Ablauf von ungefähr

drei Wochen ihm der Commandant ein offenes Schreiben mit der Bemerkung

überreichte, daß dasselbe sein Urtheil enthalte, wonach ihm zwei

Jahre Haft zuerkannt worden wären. Ueber das Vergehen, für das der

Graf leiden sollte, war man fortgegangen und hatte eben so wenig der

Prinzessin in der Sentenz erwähnt. Dies war auf den ausdrücklichen

Befehl des Fürsten geschehen, der, wie wir erfahren haben, über diese

Angelegenheit strengste Discretion beobachtet zu sehen wünschte.

Römer war das in hohem Grade angenehm, denn er würde durch das Urtheil

viel tiefer verletzt worden sein, hätte man Sidonie nicht in solcher

Weise geschont.

Schweigend empfing er den Urtheilsspruch, auf welchen er sich längst

vorbereitet hatte, nachdem der Fürst seine und seiner Freunde

Vorstellungen unberücksichtigt gelassen; aus dem ersteren konnte er

jedoch auch mit Bestimmtheit auf Sidoniens Verurtheilung schließen, und

es drängte sich ihm die beunruhigende Frage auf, welcher Art dieselbe

sein könnte.

O, wie beglückt hätte er sich gefühlt, wäre es ihm vergönnt gewesen,

für sie zu leiden und alles Ungemach von ihr zu nehmen; doch es sollte

nicht sein. Was ihn tröstete, war die Ueberzeugung von der Rücksicht,

welche der Fürst der Prinzessin zu beobachten sich durch die Umstände

genöthigt sehen würde. Man durfte sie nicht hart strafen; so hoffte,

so erwartete er es mit Sicherheit, ohne zu ahnen, wie sehr er sich

täuschte. Nach des Fürsten Befehl sollte er in der Festung verbleiben.

Der Commandant, wahrscheinlich mit den des Grafen Haft bedingenden

Vorgängen gekannt, erzeigte ihm viel Wohlwollen, und wenn er Römer auch

keine besonderen Freiheiten gestatten durfte, so lud er ihn doch öfter

zu sich ein und verplauderte alsdann einige Stunden mit ihm.

Seitdem Römer den Urtheilsspruch empfangen hatte, wurde niemals

ein Wort hierüber zwischen ihnen gewechselt. Der Graf vermied dies

absichtlich, und der Commandant hatte bald erkannt, daß eine jede

derartige Erinnerung einem Manne von Römer's Charakter nur unangenehm

sein müßte.

In trüber Einförmigkeit ging dem Grafen die Zeit dahin. Keine Nachricht

von seinen Lieben kam ihm zu; ein Beweis für ihn, daß man seinen

Aufenthalt nicht kennen mußte, wenn er nicht annehmen wollte, ihm

würden die ersteren von dem Commandanten vorenthalten.

Es kam ihm jetzt seine Neigung für wissenschaftliche Studien sehr

zu statten, denen er sich fortan mit Eifer hingab und worin ihn die

Freundlichkeit des Commandanten unterstützte, der die Besorgung der

von Römer gewünschten Bücher etc. veranlaßte. Aber, so angenehm dem

Letzteren auch eine solche Beschäftigung war, welche seinen Geist

nährte und die schmerzlichen Gedanken von ihm fern hielt, kamen doch

viele, viele trübe Tage über ihn, in welchen er der kummervollen

Erinnerung unterlag und sich die Sehnsucht nach Freiheit und dem

Wiedersehen seiner Lieben mit großer Gewalt geltend machte. Wie in

Sidonien erhoben sich auch in ihm unablässig die Fragen, was er von der

Zukunft erwarten durfte und ob, wenn seine Haft endete, die Geliebte

frei und es ihr gestattet sein würde, ihm anzugehören. Er glaubte

dies hoffen zu dürfen, da er die Trennung ihrer Ehe mit Bestimmtheit

voraussetzte, und diese Hoffnung war zu süß und beglückend, um ihm

seine Haft nicht weniger peinigend zu machen.

Um wie viel mehr würde sein edles Herz gelitten haben, wäre ihm

Sidoniens Geschick und die Härte bekannt gewesen, mit welcher man ihr

begegnete, hätte er geahnt, welche Seelenkämpfe sie in derselben Zeit

zu bestehen hatte, in welcher er, von seinen Voraussetzungen getäuscht,

ihr Loos mild und erträglich wähnte.

Auf Sidoniens an den Fürsten gerichtete Bitte um eine Unterredung hatte

ihr dieser geantwortet, daß sein Befinden sie zu empfangen verhindere

und er es ihr daher überlassen müsse, ihm ihre Wünsche schriftlich zu

bezeichnen. Wie schmerzlich sie dadurch betroffen werden mußte, darf

im Hinblick auf das hohe Interesse, das für sie auf dem Spiel stand,

kaum bemerkt werden. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerten sich um so

mehr, da sie sich sagen mußte, daß der Fürst sein Befinden lediglich

als Vorwand zur Ablehnung ihrer Bitte benutzte; denn wie sie erfahren

hatte, war dasselbe ziemlich gut. Er wollte sie also nicht sprechen und

fühlte daher auch nicht die Pflicht, die geringste Rücksicht auf ihren

Kummer zu nehmen. Dadurch zum schriftlichen Verkehr mit ihm genöthigt,

zögerte sie nicht, ihm in den flehendsten Ausdrücken um Zurücknahme der

getroffenen Bestimmung hinsichts ihres Kindes zu bitten. Die heißeste

Liebe zu diesem hatte ihr die Worte eingegeben, denen der Schmerz über

ihr so unverdientes und hartes Geschick um so mehr Kraft und Nachdruck

verlieh. Wiederholt hatte sie sich dieserhalb mit Aurelien berathen,

um die Fassung des Briefes in der wirksamsten Weise zu ermöglichen,

und das Schreiben alsdann unter bangen und heißen Wünschen einer guten

Wirkung abgesandt.

Unruhvoll harrte sie der so wichtigen Antwort in der Hoffnung entgegen,

dieselbe vielleicht schon an dem nächsten Tage zu erhalten und durch

deren Inhalt beglückt zu werden.

Wie sehr sah sie sich getäuscht!

Tag um Tag ging dahin, ohne daß ihr Wunsch erfüllt wurde. O, wie tief,

wie schmerzlich litt die Arme darunter, und mit welcher Aengstlichkeit

war sie bedacht, die ihr zu dem Verkehr mit ihrem jetzt doppelt theuern

Kinde noch gegönnten Stunden so ganz auszugenießen. Sie trennte sich

von demselben fast gar nicht mehr und ließ sogar dessen Bettchen in ihr

Schlafcabinet bringen, um sich auch selbst noch in der Nacht ihrer Nähe

erfreuen zu können, indem sie den Athemzügen der Schlummernden lauschte.

Nach fünf langen und bangen Tagen und Nächten erst erhielt sie des

Fürsten Antwort, die sie mit ängstlicher Hast erbrach und alsdann

durchflog. Sie enthielt nur wenige und in gemessenem Ton gehaltene

Worte, die ihr armes Herz durchkälteten und ihr die letzte Hoffnung,

ihren Wunsch erfüllt zu sehen, raubten.

Der Fürst lehnte ihre Bitte mit der Bemerkung ab, den durchaus

gerechtfertigten Ansprüchen des Prinzen nicht entgegen treten zu

dürfen, indem er sie zugleich an die vermehrten Rechte zu den

getroffenen Maßnahmen erinnerte, welche demselben unter den obwaltenden

Umständen zuständen. Außer diesem nur kurzen Bescheid hatte der Fürst

weder ein Wort des Trostes noch des Rathes hinzugefügt, und Sidonie

erkannte daraus nur zu wohl, daß jedes weitere schriftliche Wort

vergeblich sein würde. Zwar hatte der Fürst darauf hingedeutet, daß in

diesem Fall lediglich des Prinzen Verlangen seinen Entscheid bestimmt

hätte, und sie dadurch gleichsam auf diesen hingewiesen: was aber

konnte ihr das in ihrer Lage nutzen? Den Prinzen mit einer Bitte

angehen, würde eben so wenig gefruchtet haben, selbst wenn sie sich

auch zu einem sie so tief verletzenden Schritt verstanden haben würde.

So blieb ihr nur die Ergebung in das Unabänderliche. In dieser

Erkenntniß bereitete sie sich auf die Trennung vor, von der Hoffnung

gestärkt, daß es ihr jedenfalls gestattet sein würde, ihre Tochter

später ab und zu zu sehen, und daß vielleicht die Zukunft des Fürsten

und Prinzen Herz milder stimmen könnte.

Mit der ihr eigenthümlichen Seelenkraft war sie bemüht, ihre Gefühle

zu beherrschen; doch wenn ihr dies auch zum Theil gelang, füllten

sich ihre Augen doch häufig unwillkürlich mit Thränen, besonders wenn

ihr Blick auf der lieblichen Tochter ruhte, die ohne Ahnung von der

Mutter Weh harmlos sie umspielte und den süßen Frohsinn ihrer Jugend

offenbarte.

Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 11 / 15 段