»Was vernimmt man von der Prinzessin? Haben Sie etwa erfahren, ob sie

des Grafen Aufenthaltsort kennt und vielleicht mit ihm in geheimer

Verbindung steht?«

»Ich bedaure, mein gnädiger Fürst, in dieser Beziehung nichts von

Belang berichten zu können. Wie mir meine Leute aus dem Palais

mitgetheilt haben, sind nur wenige fremde Personen zu der Prinzessin

gekommen; ob dies etwa in des Grafen Auftrag geschehen, vermag ich

nicht zu bestimmen. Betreffs der Prinzessin ist es Eurer Hoheit ja

bekannt, daß sie ein stilles Leben führt, ziemlich sicher im Verhalten

ist und keine Besorgniß über ihre Zukunft zu hegen scheint.«

»Diese Sicherheit verletzt mich eben. Ich würde die Angelegenheit

milder erledigt haben, hätte sie sich zu einer Bitte verstanden, hätte

sie Demuth und Unterwerfung unter meinen Willen gezeigt. Und ich hätte

es gern gethan. Dagegen zeigt sie wie auch der Graf einen Stolz und

Trotz, die in ihrer Situation durchaus unpassend und herausfordernd

genannt werden müssen und nur zu sehr geeignet sind, mich zur ganzen

Strenge gegen sie zu veranlassen. Sie haben es gewollt, so mögen sie es

auch tragen!«

Der Diener meldete in diesem Augenblick den Prinzen, worauf der Fürst

dem Chevalier noch einige Aufträge ertheilte, namentlich jedoch das

Verlangen aussprach, Boisière sollte auch fernerhin die sich unter

dem Adel geltend machenden Meinungen über die bekannte Angelegenheit

erforschen und ihm darüber seiner Zeit Bericht abstatten. Alsdann

entließ er ihn, und wenige Augenblicke darauf trat der Prinz ein.

»Ich vernahm, daß der Spruch gefällt ist --« bemerkte dieser.

»So ist es, und hier ist derselbe,« entgegnete der Fürst und reichte

dem Prinzen das Schreiben. Dieser griff hastig darnach, öffnete und las

dasselbe unter Zeichen der Aufregung, während der Fürst seine Blicke

auf ihn gerichtet hielt.

»Ist es Dir also recht?« fragte dieser mit einem Anflug von Ironie in

der Stimme, als der Prinz die Durchsicht vollendet hatte.

»Ich habe dieses Urtheil erwartet und Sidonie verdient es,« fiel der

Prinz mit Befriedigung ein.

Der Fürst betrachtete seinen Neffen einige Augenblicke schweigend,

alsdann entgegnete er in einem eigenthümlichen Ton:

»Die Sentenz konnte nicht anders ausfallen; ob die Prinzessin dieselbe

jedoch verdient, dürfte eine Frage sein.«

»Mein gnäd'ger Fürst!« rief der Prinz bestürzt und trat einen Schritt

von ihm zurück, indem er ihn fragend anschaute.

»Ich glaube eine Berechtigung zu dieser Frage zu besitzen,« fuhr der

Fürst in fast scharfem Ton fort, »und will Dir nicht verhehlen, daß die

Art der Herbeischaffung der Beweise für ihre Schuld allerlei Gedanken

in mir erzeugt hat.« --

»Die Umstände nöthigten dazu, mein Fürst!« fiel der Prinz ein.

»Wir wollen diese Dinge nicht weiter untersuchen. Sie dienen unserm

Zweck, haben den gewünschten Effect erzielt, und somit sind weitere

Auseinandersetzungen überflüssig. Ueberdies vertragen manche

Angelegenheiten auch nicht dergleichen, und alsdann ist es klug, sich

davon fern zu halten und, sie benutzend, eben gehen zu lassen. Du magst

diese Sache mit Dir abmachen, und ich meine, daß Dir das nicht eben

schwer sein wird. Ich bin mit der Sentenz einverstanden, wenngleich

-- -- in meinem Sinne,« bemerkte der Fürst, in dessen Antlitz sich ein

gedankenvoller, fast trüber Zug zu erkennen gab.

»So wären wir am Ziel!« fiel der Prinz erfreut ein.

»Daß wir dieses erreichen würden, habe ich nicht bezweifelt. Meine wie

Deine Wünsche sind erfüllt, und das ist die Hauptsache. Doch kann ich

Dir nicht verhehlen, daß, indem das Interesse des Staats also gewahrt

worden ist, jetzt auch die Pflicht an Dich herantritt, künftig durch

Dein Verhalten zu beweisen, daß Dir das erstere wirklich bedeutungsvoll

ist und Du Deinen fürstlichen Stand und seine Gewalt nicht lediglich

als Mittel zur Befriedigung niederer Leidenschaften betrachtest. Nur

indem der Fürst jenes zu wahren versteht, finden seine Schwächen

Entschuldigung. Einem Manne von Kopf hält man dergleichen stets zu gut

und übersieht sie, während man den Beschränkten nur nach seinen Fehlern

beurtheilt, die selbst Herzensgüte nicht auszugleichen vermögen. Vor

Allem erwarte ich jedoch mit Bestimmtheit, daß Deine nun einzugehende

Ehe keinen Anlaß zu ähnlichen Ereignissen, wie die gegenwärtigen,

bieten wird. Es wird fortan Deine Aufgabe sein, die Welt zu überzeugen,

daß die Prinzessin nicht ungerecht verurtheilt worden ist.« Der Fürst

schwieg, durchschritt ein paarmal das Gemach und fuhr alsdann fort:

»Da, wie ich voraussetzen muß, Du keine Zuneigung für eine Prinzessin

hegst, so werde ich Sorge tragen, Dir eine Gemahlin auszuwählen. Deine

neue Vermählung soll bald erfolgen, da ich ruhiger sterben würde, wenn

ich die Thronfolge gesichert wüßte.«

Der Fürst bezeichnete hierauf einige Prinzessinnen, die er kennen

gelernt und die seinen Beifall gefunden hatten, und der Prinz erklärte

seinem fürsorglichen Oheim, sich seiner Wahl ganz unterwerfen zu wollen.

Da in solcher Weise ihr Interesse erledigt worden war, trennten sie

sich. Der Fürst schien zu einer weiteren Unterhaltung überdies keine

Neigung zu hegen. Als er sich allein sah, durchschritt er wieder

gedankenvoll das Gemach. Trotz der stattgefundenen Unterredungen

schien er dennoch die ihm nothwendige Ruhe nicht gefunden zu haben.

Nach kurzer Zeit fiel sein Auge auf die Sentenz, welche offen auf

seinem Schreibtisch lag. Er hatte dieselbe noch nicht unterzeichnet.

Ihr Anblick schien ihn zu bewegen. Er ergriff sie, hielt sie einige

Augenblicke sinnend in der Hand, legte sie alsdann auf ihre Stelle und

nahm seinen Gang wieder auf, während er einige Worte leise vor sich hin

sprach und seinen Gedanken auf's Neue nachzuhängen schien. Sein Auge

blitzte düster und ein fast melancholischer Zug machte sich in seinem

gefurchten Antlitz geltend. Es war so einsam und still in dem Gemach.

Vor und in dem Palais vernahm man nicht das geringste Geräusch; eben so

geräuschlos war des Fürsten Schritt auf dem Teppich. In dem Kamin waren

die Kohlen zu einem Häuflein Asche verglüht; er blieb davor stehen

und schaute sinnend darauf. Nichts störte ihn darin. Niemand befand

sich in seiner Nähe, dem er seine Gedanken und Empfindungen hätte

mittheilen mögen, wozu ihn vielleicht seine Stimmung drängte. Selbst

die Windspiele hielten sich still und hatten sich beim Eintreten des

Kammerherrn auf ihre bequemen Lager begeben und schliefen jetzt. Nur

das Ticken der Pendule vernahm man.

Nach kurzer Zeit begab sich der Fürst an das Fenster und schaute

hinaus; er erblickte nur ein paar Wachen in der Ferne, sonst Niemand.

Die Bäume zeigten erst Knospen, und die ersten Frühlingsblumen

hatten sich an sonnigen Stellen aus der feuchten Erde erhoben und

bildeten einen farbigen Kranz um die Marmorstatuen, welche den Platz

vor dem Palais schmückten. Wie es schien unbefriedigt, wandte sich

der Fürst davon ab und durchschritt auf's Neue das Gemach. Endlich

blieb er stehen und richtete das Auge auf mehre auf einem Tisch

befindliche Bücher. Eins derselben war geöffnet und zeigte den Namen:

»~Macchiavelli~.« Einzelne Stellen darin waren unterstrichen

und am Rande mit einem Stift Bemerkungen gemacht. Er näherte sich

dem Tisch und ließ sein Auge einige Augenblicke auf dem Buche ruhen;

alsdann ergriff er mit einem raschen Entschluß die Feder und setzte

mit flüchtigem und hörbarem Zuge seinen Namen unter die in der Nähe

liegende Sentenz.

Sidoniens Schicksal war entschieden. Darauf ließ er sich am Kamin in

einem Fauteuil nieder, und auf ein von ihm gegebenes Zeichen erhoben

sich die Windspiele, eilten zu ihm und umschmeichelten seine Kniee. Er

beachtete sie jedoch kaum und schien noch von seinen Gedanken erfüllt

zu sein; denn über seine Lieblinge fortschauend, sprach er leise vor

sich hin:

»~Der Fürst darf nur so viel Mensch sein, als es ihm das

Staats-Interesse erlaubt.~« --

Der Prinz kehrte in der besten Stimmung nach seinem Palais zurück.

Die Sentenz über Sidonie hatte ihn in hohem Grade befriedigt, indem

dieselbe seine rachsüchtigen Wünsche stillte. Es verstand sich von

selbst, daß er bemüht gewesen, seinen ganzen Einfluß geltend zu machen,

damit das Urtheil in der vorhandenen Fassung gefällt wurde. Ueberdies

waren die Richter mit des Fürsten Intentionen in dieser Angelegenheit

genügend bekannt, um trotz Sidoniens reinem Lebenswandel einem Bedenken

Raum zu geben. Sichtbare Beweise und Zeugenaussagen thaten das Ihrige,

Sidoniens und des Grafen Schuld zu begründen, und somit befanden sich

die Herren in der angenehmen Lage, sowol des Fürsten als auch des

Prinzen Wünsche durchaus zu befriedigen. Mühlfels, mit dem Schluß der

Verhandlungen bekannt gemacht, erwartete den Prinzen in dessen Palais

und wurde von diesem mit den freudigen Worten begrüßt:

»Nun, Mühlfels, der Spruch ist gefällt; wir sind gerächt!«

»So wünsche ich Ihnen und mir Glück dazu. Hoheit sind nun endlich eine

Bürde los, die Sie fortwährend unangenehm belästigte.«

»In der That, es war so, und ich würde mich noch mehr darüber freuen,

wenn mir nicht bereits neue Fesseln drohten, denn der Fürst hat mir

soeben mitgetheilt, eine neue Gemahlin für mich zu besorgen.«

»Fürchten Sie nichts, mein Prinz. Der Fürst ist meines Erachtens durch

das Erfahrene vorsichtig genug gemacht worden, um die Neuwahl mit

ganzer Sorgfalt zu betreiben; auch setze ich voraus, Hoheit werden

dieses Mal selbst bedacht sein, sich von dem Charakter der zu Wählenden

genügend zu überzeugen.«

»Das werde ich, Mühlfels, und bin gewiß, nicht zum zweiten Mal mit

einer Zierpuppe voll Moral verbunden zu werden. Und dies ist um so mehr

nothwendig, da ich Mariane aufzugeben keine Lust fühle. Das Mädchen muß

sich prächtig entwickelt haben, und ihre Briefe zeigen mir überdies,

daß sie Geist und Verstand besitzt und beide vortrefflich ausgebildet

hat. O, ich sehne mich nach ihr; denn trotz ihrer Entfernung ist sie

mir gleich lieb geblieben, ja ich möchte behaupten, daß sie allein für

alle Zeiten mein Herz befriedigen wird. Lachen Sie nicht, Mühlfels! Ich

sage Ihnen, es ist so, und Sie werden es erleben!«

»Hoheit täuschen sich in der Voraussetzung, ich zweifelte daran, und

ich versichere Sie, Ihre Zuneigung durchaus gerechtfertigt zu finden.

Das Fräulein ist zu reich mit allen weiblichen Vorzügen ausgestattet,

um nicht dauernd fesseln zu können, selbst Sie, mein Prinz, dessen

Ansprüche nicht eben klein sind!«

»Das Schlimmste bei der Sache ist, wie ich sie wieder in meine Nähe

bringen kann,« bemerkte der Prinz.

»Nicht so schlimm, als Sie vermuthen, mein Prinz,« wandte Mühlfels ein.

»Können Sie mir in dieser Beziehung etwa einen annehmbaren Vorschlag

machen?«

»Was meinen Hoheit zu einer Vermählung des Fräuleins?«

»Eine Vermählung?!« fiel der Prinz, durch den nicht erwarteten

Vorschlag überrascht, ein und fügte hinzu: »Die Sache gefällt mir nicht

besonders. Der Gemahl könnte stören.«

»Man beugt dem vor, indem man ihn fortsendet.«

»Das ginge; doch es ist zu bedenken, ob sich Mariane dazu versteht. Ich

zweifle daran; denn sie will Gräfin werden, und ein Graf dürfte kaum

die Rolle des Strohmannes übernehmen, und mit einem Geringeren würde

sie sich wahrscheinlich nicht begnügen.«

»Die Ehe kann nach Belieben getrennt und somit des Fräuleins Wunsch

erfüllt werden.«

»~Der~ Ausweg ist zu erwägen. Ich will mir die Sache überlegen

und Mariane seiner Zeit damit bekannt machen. Doch, wenn sie darauf

eingehen sollte, bliebe doch noch die Frage zu beantworten, ~wer~

die Rolle des Gemahls übernehmen dürfte.«

»Ich glaube den Mann dazu gefunden zu haben.«

»Wer ist es?«

»Kapitän von Bieberstein, der uns so wesentliche Dienste geleistet hat.«

»Der Mann wäre gut und gefällt mir.«

»Befehlen Hoheit etwa, daß ich ihn sondire?«

»Sie können das immerhin thun. Ich bin dem Manne überdies verpflichtet

und muß daran denken, ihm meine Dankbarkeit zu erkennen zu geben.

Ich werde dafür sorgen, daß er hieher versetzt wird, und das Weitere

findet sich alsdann,« entgegnete der Prinz und bemerkte nach kurzem

Ueberlegen: »Es fällt mir ein, daß es am besten wäre, wenn Ihre Mutter

Mariane mit dieser Angelegenheit bekannt machte. Die Frauen verstehen

Dergleichen annehmlicher zu behandeln, und Ihre Mutter besitzt darin

ein großes Geschick. Da sie mit Marianen auch in Briefwechsel steht, so

läßt sich die Sache um so bequemer ausführen.«

»Wenn Sie befehlen, mache ich meine Mutter mit Ihren Wünschen bekannt.«

»Thun Sie das. Ihre Mutter ist eine aufgeklärte und verständige Frau,

und ich brauche ihr daher nichts Näheres zu sagen.«

»Sie wird sich durch Eurer Hoheit Befehle sehr geehrt fühlen.«

»Sie mag Marianen zu erkennen geben, daß ich mit ihren Vorschlägen

einverstanden bin.« --

Aus dieser Unterredung werden wir leicht entnehmen können, welchen

geringen Eindruck des Fürsten bedeutsame Worte auf den Prinzen erzeugt

hatten und wie weit dieser entfernt war, irgend ein sittliches Bedenken

wegen seiner neuen Anordnungen betreffs der Befriedigung seiner

Leidenschaft zu hegen. Diese Momente lassen zugleich auf sein künftiges

sittliches Verhalten schließen, sobald er als Regent keine Rücksichten

mehr zu nehmen genöthigt ist, und wir werden später erfahren, daß er

seinem Charakter durchaus treu blieb.

Mühlfels traf, als er zu seiner Mutter zurückkehrte, um sich des von

dem Prinzen erhaltenen Auftrages zu entledigen, die Baronin in sehr

eifrigem Gespräch mit Boisière.

Dieser hatte sich nämlich beeilt, der Freundin die Nachricht von der

über Sidonie gefällten Sentenz so rasch als möglich zu überbringen, da

er wußte, welche große Freude die Baronin darüber empfinden würde.

Und so war es auch, und die Befreundeten befanden sich in der

behaglichsten Stimmung, die sich von Seiten des Chevaliers in der

höchsten Zuvorkommenheit gegen die Baronin und von ihrer Seite in

der liebenswürdigsten Koketterie gegen den theuern Chevalier zu

erkennen gab, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, die fleischige

Hand der Baronin mit Grazie an die Lippen zu führen, und so ein

würdiges Seitenstück zu der koketten Dame bildete. Mühlfels lieferte

das fehlende entsprechende Blatt zu diesem Bouquet von Leerheit

des Gemüths, Hohlheit des Charakters, niederer Denkungsart und

ausgeprägtester Selbstsucht, das überdies, durch raffinirte Schlauheit,

Intriguensucht und Augendienerei vervollkommnet, eine charakteristische

Verkörperung des damals herrschenden Zeitgeistes bildete.

Mit welcher behaglichen, freundlichen Miene wurde die unglückliche

Prinzessin verdammt, obgleich vielleicht alle Drei nicht an deren

Schuld glaubten. Doch das galt ihnen gleich, da ihre eigenen

außerordentlichen Vorzüge dadurch um so mehr zur Geltung gelangten.

Ueberdies gewährte es namentlich Mutter und Sohn eine hohe

Befriedigung, die stolze, sich über Alle erhebende Prinzessin in

solcher Weise gedemüthigt und gekränkt zu sehen, und es zeigt sich auch

in diesem Fall, daß die Schlechten das Bessere im Menschen nicht dulden

mögen und eine Wollust empfinden, es mit Haß zu verfolgen und mit

Begier das falsche Herz an ihrem Unglück zu weiden.

Dies war auch selbst hinsichts Boisière und der Baronin der Fall,

obgleich der Erstere niemals etwas Uebles von Sidonien erfahren hatte,

und die Letztere lediglich durch das Interesse ihres Sohnes dabei

betheiligt war.

Es war aber die Sache an sich, das Pikante derselben, welche ihre

innerste Natur herausforderte; denn wie wir wissen, ging ihnen nichts

über eine Angelegenheit, in welcher die Tugend zu Falle gekommen war,

oder Ungeschick oder Zufall den Schleier von einem pikanten Geheimniß

gelüftet hatte.

Das Glück dieser Stunde wurde für die Baronin noch ganz besonders durch

die Mittheilung von des Prinzen Auftrag erhöht, den ihr der Sohn nach

dem Entfernen Boisière's vertraute. Die von ihr begehrte Dienstleistung

erhob sie mit einem Schlage zu einer wichtigen Person in dieser

difficilen Angelegenheit. Es galt, den Wunsch des Prinzen zu erfüllen

und dadurch ein befriedigendes Verhältniß zwischen ihm und Marianen

herzustellen, und daß ihr dies gelingen würde, war für sie keine Frage.

Dadurch verband sie sich jedoch nicht nur dem künftigen Regenten,

sondern gewann auch überdies einen nicht geringen Einfluß auf Mariane,

und in welcher Weise sie diese Momente zu ihrem Vortheil auszubeuten

hoffte, haben wir bereits früher angedeutet. Was ihrem Herzen jedoch

ganz besonders wohlthat, war der Umstand, daß sie Marianen zugleich die

Nachricht von der endlichen Trennung der Ehe der Prinzessin mittheilen

konnte, die dem Mädchen, wie sie voraussetzen durfte, eine große Freude

bereiten mußte.

Von allen diesen Gedanken bewegt, entwarf sie, nachdem ihr Sohn sie

verlassen hatte, sofort den Brief an Mariane, den sie denn auch im

Lauf einiger Stunden mit großer Ueberlegung zu Stande brachte. Als sie

denselben nach seiner Fertigung überlas, war sie mit der Fassung sehr

wohl zufrieden und eben so sehr überzeugt, daß sich Mariane dem Wunsch

des Prinzen fügen würde. --

Der Fürst hatte das Urtheil nach dessen Empfang nicht an Sidonie

abgesandt, sondern zögerte damit, wozu ihn besondere Gründe, die

wir später erfahren werden, veranlaßten. Sidonie befand sich daher

hinsichts der über sie getroffenen Maßregeln in Ungewißheit. Zwar war

ihr bekannt, daß die Verhandlungen von den über sie von dem Fürsten

eingesetzten Richtern betrieben wurden, auch hatte sie mit einem

derselben auf den Wunsch des Fürsten mehre Unterredungen gehabt;

indessen waren Monate dahin gegangen, ohne daß über ihr und des Grafen

Schicksal entschieden worden war.

Wir haben aus Boisière's Worten erfahren, daß sie seit dem erkannten

Verrath ein stilles, eingezogenes Leben führte, und fügen hinzu, daß

dieses Leben durch die Ungewißheit über des Grafen Geschick noch

wesentlich getrübt wurde.

Alle von Aurelien angestellten Bemühungen, irgend etwas Bestimmtes

darüber zu erforschen, waren vergebens gewesen; Niemand kannte des

Grafen Aufenthalt. Um so mehr befestigte sich in den Freundinnen die

Voraussetzung einer geheimnißvollen Verhaftung, und wir wissen, daß sie

sich darin nicht irrten. Die Gräfin Römer hatte in der auf Aureliens

Brief an diese gesandten Antwort die Absicht ausgesprochen, durch ihre

Freunde nach dem Aufenthaltsort ihres Sohnes sogleich Nachforschungen

anstellen zu lassen; es waren jedoch mehre Monate dahin gegangen, ehe

die Gräfin weitere Nachrichten sandte. Diese bestätigten nun leider die

von Sidonien gehegten Besorgnisse, indem sie des Grafen Haft in der

Festung als begründet bezeichneten. Die Gräfin hatte dabei zugleich

bemerkt, daß man fortan bemüht sein würde, mit dem Grafen entweder in

schriftlichen oder persönlichen Verkehr treten zu können, und wollte

den erzielten Erfolg seiner Zeit Aurelien mittheilen. Bald darauf hatte

Sidonie die große Freude, durch Römer's Freund Näheres über den Grafen

so wie die beabsichtigte Verwendung für diesen bei dem Fürsten zu

erfahren.

Baron Steinwerth hatte sich nämlich seinem Versprechen gemäß nach

genommener Rücksprache mit des Grafen Verwandten nach der Residenz

begeben, um bei dem Fürsten eine Audienz nachzusuchen und also für des

Grafen Interesse zu wirken.

Der Fürst hatte ihm dieselbe nur mit Unmuth bewilligt, da er sich

wenig dazu geneigt fühlte und sie doch auch nicht ablehnen durfte;

über die dabei zur Sprache kommenden Angelegenheiten jedoch nicht im

Zweifel, war er daher auch bedacht, eine erweiterte Unterredung zu

vermeiden und den Baron so kurz als möglich abzufertigen. Dies gelang

ihm jedoch nicht; denn Steinwerth war ein muthiger Mann, der sich nicht

so leicht einschüchtern ließ, besonders da ihn die Ueberzeugung von

Römer's Schuldlosigkeit erfüllte, und so hatte der Fürst keinen eben

leichten Stand gegen einen Mann, der kühn genug war, die Maßnahme gegen

den Grafen als ungerechtfertigt zu erklären, selbst für den Fall, daß

dieser sich eines Vergehens schuldig gemacht hatte.

Wir haben in der Unterredung des Fürsten mit dem Chevalier einzelne

Andeutungen des Ersteren über die Anmaßungen des Adels vernommen und

bemerkten, daß dieselben lediglich eine Folge des mit Steinwerth

gehabten Gesprächs waren, und werden daraus zugleich auf den Charakter

desselben schließen können. Trotz der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen

war Steinwerth dennoch später bedacht, den Fürsten durch schriftliche

Vorstellungen zu bestimmen, Römer frei zu geben, ohne daß sich derselbe

dazu bequemte. Der Fürst glaubte dies um so weniger thun zu dürfen,

da die Haft ein Beweis von des Grafen begründeter Schuld sein sollte.

Da er ihn in solcher Weise einmal hatte verhaften lassen, so mußte

er sich auch seiner Ansicht nach treu bleiben. Ließ sich der Graf zur

Flucht verleiten, wie er bestimmt hoffte, so waren seine Maßnahmen um

so mehr gerechtfertigt. Ueberdies ging er darin durchaus sicher, da er

wußte, daß Sidonie für schuldig erkannt werden würde und damit auch des

Grafen Schuld begründet wurde.

Weitere persönliche Unterredungen in dieser Angelegenheit hatte der

Fürst durchaus abgelehnt, und ebenso die einlaufenden schriftlichen

Vorstellungen unbeachtet gelassen. Um sich jedoch in seiner Autorität

zu behaupten, den störrischen Adel einzuschüchtern und dessen weiteren

Verkehr mit dem Grafen unmöglich zu machen, ließ er den Letzteren, wie

wir erfahren haben, auf's Neue in Nacht und Nebel nach einer andern

Festung bringen, indem zugleich den dabei Betheiligten das strengste

Schweigen anbefohlen wurde, damit des Grafen Aufenthalt nicht entdeckt

werden konnte.

Alle diese Vorgänge hatte Sidonie durch Aurelie erfahren, der sie

durch des Grafen Mutter mitgetheilt worden waren. Wie groß ihr Schmerz

darüber war und wie sehr sich derselbe steigerte, als ihr Aurelie die

Erfolglosigkeit der Bemühungen Steinwerth's, den Grafen auf's Neue zu

sprechen, mittheilte, darf kaum bemerkt werden.

So waren denn alle Anstrengungen zur Erleichterung der Lage des

Geliebten vergebens, und das beugte Sidonie um so tiefer nieder, da sie

nur zu wohl wußte, wie sehr der Graf und dessen Mutter darunter leiden

mußten. Wie sehr hätte es sie beglückt, wäre es ihr gestattet gewesen,

der von ihr so hochgeachteten Frau ein paar Worte zu schreiben; doch

daran durfte sie nicht denken und mußte thatenlos Alles über sich

ergehen lassen. Mit so trüben Gedanken erfüllt saß sie in ihrem Boudoir

und schaute sinnend durch das Fenster in die Weite, und ihre Seele

suchte den Geliebten in seinem düstern Gefängniß auf, in welchem er

für sie litt. Ihr bleiches Antlitz verrieth, daß sie seinen Kummer

theilte. Aurelie, mit der Freundin Gemüthsstimmung nur zu wohl bekannt,

war unablässig bedacht, sie in angenehmer Weise zu zerstreuen, was ihr

jedoch nur in geringem Maß gelang.

Sidonie beschäftigte sich viel mit ihrer lieblich heran blühenden

Tochter, die sie ein wenig unterrichtete. Das Kind war die meisten

Stunden des Tages in ihrer Nähe und gewährte ihr unter den obwaltenden

so trüben Verhältnissen eine tröstende Freude, deren sie in der bangen

Erwartung der kommenden Dinge so sehr bedurfte.

Es war am zweiten Tage, nachdem der Fürst Sidoniens Urtheil

unterzeichnet hatte, und sie befand sich wie gewöhnlich in Gesellschaft

Aureliens und ihrer Tochter, als ihr ein Handbillet des Fürsten

überreicht wurde. Dasselbe war ziemlich umfangreich. Kaum hatte sie

das Schreiben erblickt, so erbleichte sie, von der Ahnung ergriffen,

dasselbe könnte den über sie gefällten Richterspruch enthalten. Ihr

fehlte der Muth; es zu öffnen, und darum reichte sie es Aurelien mit

der Bemerkung hin, das Schreiben zu lesen.

»Es wird mein Urtheil enthalten,« fügte sie mit bebender Stimme hinzu.

»Fassung, meine theure Freundin! Wir sind ja auf Uebles vorbereitet; so

wird uns die Sentenz nicht überraschen. Uebrigens freue ich mich, daß

der peinigenden Ungewißheit endlich ein Ende gemacht wird,« beruhigte

und ermunterte die sorgliche Freundin, obgleich auch ihr treues Herz

vor Erwartung bebte.

Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 10 / 15 段