daß er mit verschiedenen Beamten in der Festung bekannt wurde; einer
derselben, der ihn auf seinen Ausgängen zu begleiten pflegte, hatte
ihm schon öfter angedeutet, daß seine Haft wahrscheinlich sehr lang
ausgedehnt sein würde, und sein Befremden ausgedrückt, daß der Graf
die ihm gebotene Freiheit nicht zu einer Flucht benutzte, indem er ihm
dabei zugleich zu verstehen gab, wie gern er ihm dabei seinen Beistand
gewähren würde. Der Graf hatte ihm dafür gedankt, zugleich aber auch
seine Absicht ausgesprochen, sich ruhig in die über ihn getroffenen
Maßnahmen fügen zu wollen, da er seiner Ueberzeugung nach ungerecht
leide und also auch eine entsprechende Genugthuung zu verlangen hätte.
Der Beamte zuckte die Achseln und erinnerte ihn, wie wenig von der
Rücksicht des Fürsten zu erwarten sei, vielmehr mit Sicherheit
vorausgesetzt werden müßte, daß dieser, nun es einmal so weit gekommen,
auch mit aller Strenge verfahren und sich hüten würde, durch irgend
welche Maßnahme eine Blöße zu geben. Er unterließ dabei nicht, ihm
den besondern und starren Charakter des Fürsten in das Gedächtniß zu
rufen, indem er zugleich andeutete, daß derselbe sich leicht über eine
ungerechte Verhaftung hinweg setzen würde, sobald eine solche seinen
Zwecken entsprach.
Seine Worte und sein Verhalten verriethen zugleich die aufrichtigste
Theilnahme an dem Geschick des Grafen; auch sprach er die Ueberzeugung
von dessen Unschuld so wie das herzliche Bedauern aus, einen so edeln
Mann einer schändlichen Intrigue geopfert zu sehen, so daß der Graf
weit entfernt war, hinter alledem ein falsches Spiel zu ahnen. Dennoch
war dem so und der Beamte auf den geheimen Befehl des Fürsten zu diesem
Verhalten veranlaßt worden, um den Grafen zur Flucht zu bestimmen.
Das sichere Benehmen des Letzteren, so wie das Ansehen, in welchem
Römer stand, und die ihm so allgemein gezollte Verehrung ließen den
Fürsten besorgen, man würde seine Maßregeln gegen diesen einer strengen
Beurtheilung unterziehen und ihm daraus mancher Vorwurf erwachsen.
Denn es lag die Voraussetzung nicht eben fern, daß sich der ganze
Adel durch die gegen Römer angewandte Strenge verletzt fühlen würde,
selbst wenn dessen Schuld begründet werden könnte. Darum bot man diesem
auf's Neue die Gelegenheit zur Flucht, um allen weiteren so unbequemen
Verhandlungen rasch ein Ende zu machen.
Der Fürst ahnte freilich nicht, wie wenig Römer sich dazu geneigt
fühlte, so wie, daß dieser ein Ausharren unter den obwaltenden
Umständen für sein Interesse durchaus nothwendig erachtete.
Die sich trotz seiner Ablehnung dennoch wiederholenden Anträge
des Beamten erzeugten in dem Grafen bald einen Verdacht gegen die
Aufrichtigkeit desselben; er war jedoch vorsichtig genug, ihm dies
nicht zu erkennen zu geben, sondern lehnte dessen Vorschläge stets
dankbar und mit dem Hinweis auf seinen festen Willen, die Maßnahmen des
Fürsten ruhig abwarten zu wollen, ab. Er wurde in Folge dessen durch
weitere Anträge von Seiten des Beamten nicht mehr beschwert; dagegen
jedoch bald darauf durch das Bedauern des Commandanten überrascht,
seine Freiheit zufolge erhaltener Befehle beschränken zu müssen. Dies
erfolgte denn auch bald, und es wurden dem Grafen fortan die ihm so
angenehmen Ausgänge nicht mehr gestattet und obenein sogar seine Haft
noch verschärft. Dieser Umstand überzeugte Römer noch mehr, sich
hinsichts des Beamten nicht getäuscht zu haben. Um ihn zur Flucht zu
verleiten, bot man ihm die besten Gelegenheiten dar; als dieses Mittel
jedoch nicht fruchtete, versuchte man es auf's Neue mit Strenge, um ihm
den Aufenthalt in der Festung wenig erträglich zu machen und dadurch
den Wunsch nach Freiheit in ihm zu erregen. Indem Römer alle diese
Maßnahmen durchschaute, schickte er sich, treu seinem Vorsatz, mit
Geduld in seine Lage.
Sein Verhalten sollte bald einen sehr überraschenden Erfolg
herbeiführen, der zugleich wohl geeignet war, seine früheren
Voraussetzungen, ihn zur Flucht zu verleiten, nur noch mehr zu
bestätigen.
Nachdem man ihn nämlich ungefähr drei Wochen in strenger Haft gehalten
hatten, erfreute ihn der Commandant plötzlich mit der angenehmen
Nachricht, daß es ihm wieder gestattet sei, ihm die Ausgänge zu
erlauben. Wenngleich der Graf diese Maßnahme als einen neuen, ihm
gelegten Fallstrick erkannte, war es ihm doch sehr angenehm, sich der
gewährten Freiheit auf's Neue erfreuen zu können.
Ohne dies seiner Umgebung zu verrathen, hatte er sich schon lange mit
Ungeduld nach frischer Luft und dem Anblick der Natur und des Lebens
und Treibens der Menschen gesehnt. Die winterliche Luft, seine einsame
und einfache Wohnung, die nur eine Aussicht auf die hohen, kahlen
Festungswälle gewährte, die ihn umgebende, fast beängstigende Stille,
welche höchstens durch das Klirren von Gewehren, den einförmigen
Schritt der Wachen und das Commando der ausgestellten Posten
unterbrochen wurde, und der immer größer werdende Mangel an geistiger
Unterhaltung wirkten beengend und niederbeugend auf ihn. Denn es muß
bemerkt werden, daß ihm fortan nicht nur die Lectüre spärlich zuging,
sondern auch die früheren Besuche der beiden Edelleute verwehrt wurden
und er überdies täglich nur eine kurze Zeit auf den Wällen frische
Luft schöpfen durfte. Und wie endlos waren die dunkeln, durch Sturm
und Regen noch übler gemachten Winternächte, denen trübe, oft durch
Schneegestöber verdunkelte, unbehagliche Morgen folgten und sich so
der Abend schon an sie knüpfte, bevor noch der kurze Tag sich geltend
zu machen vermochte! -- Rechnet man zu dem Allen noch das den Grafen
beherrschende Seelenleiden, so wird es nicht überraschen, zu erfahren,
daß er tief darunter litt und sich die Wirkungen der strengen Haft
bald in dem matten Auge und der kränklichen Blässe seines Antlitzes zu
erkennen gaben. Dennoch sprach er niemals eine Klage oder einen Wunsch
aus, obwol er dazu häufige Veranlassungen hatte und sein Befinden
ihn dazu nöthigte. Sein Stolz konnte sich dazu nicht verstehen, und
so begnügte er sich mit denjenigen Erleichterungen, welche man ihm
freiwillig gewährte. Alle diese Umstände werden zur näheren Erkenntniß
und Werthschätzung seines Charakters beitragen und zugleich seine
angenehme Ueberraschung über die ihm auf's Neue gewährte Freiheit
begründen.
Er zögerte nicht, dieselbe sogleich zu benutzen, und auch jetzt wurde
ihm der frühere Beamte zur Begleitung beigegeben. Welch' hohe Lust
gewährte ihm der erste Ausgang trotz der winterlichen Natur und der
rauhen Witterung! Wie freudig begrüßte er die so lange nicht mehr
gesehenen Orte, und wie verlangend schweiften seine Blicke von der Nähe
in die Weite, der fernen, unerreichbaren Geliebten gedenkend.
Von der frischen Luft erquickt und angeregt von dem sich in Freiheit
entfaltenden Treiben der Menschen, erwachte der lebhafte Drang in ihm,
sich seiner Fesseln zu entledigen.
Die Versuchung dazu war groß und wurde durch das Verhalten des Beamten
noch wesentlich unterstützt, der sich mit dem Vorgeben, Bekannte in der
Stadt zu besuchen, für längere Zeit entfernt hatte.
Römer war daher unbeobachtet und konnte überdies über ein paar Stunden
nach Belieben verfügen, ehe man ihn aufsuchte; dennoch überwand er
seine Sehnsucht, seinem Vornehmen getreu, und kehrte wie gewöhnlich
unbefangen nach der Festung zurück, vielleicht von dem ihn dabei
gewahrenden Commandanten nicht eben gern gesehen. Seine ferneren
Ausgänge wurden durch die bezeichneten Momente nicht mehr getrübt; sein
fester Wille hatte ihn beruhigt. Das Verhalten des Beamten änderte sich
dabei nicht, und so geschah es, daß er eines Tages wie gewöhnlich ohne
dessen Begleitung auf der neben der Stadt gelegenen Promenade dahin
schritt. Das Wetter war ziemlich gut; die Sonne konnte sich geltend
machen und verlieh der Gegend ein freundlicheres Aussehen. Auch hatte
ein trockener Frost die Wege gangbar und ziemlich bequem gemacht.
Römer erreichte nach einem raschen Gange eine einsame Stelle, ohne zu
bemerken, daß ihm ein einfach gekleideter Herr folgte und sich bemühte,
ihn zu erreichen.
Als dem Letzteren dies endlich gelungen war und er sich Römer auf
Hörweite genähert hatte, blickte er sich vorsichtig nach allen Seiten
um und rief alsdann des Grafen Namen.
Dadurch überrascht, wandte sich dieser um, worauf der Herr ihm ein
Zeichen machte, ihn zu erwarten.
Erwartungsvoll sah Römer seinem Nahen entgegen, und seine Ueberraschung
steigerte sich schnell, als er in dem Herrn einen Befreundeten
erkannte, den er in einer so unscheinbaren Kleidung nicht vermuthet
hatte.
Baron von Steinwerth, ein Jugendfreund des Grafen, begrüßte ihn
herzlich und brachte ihm Grüße von seiner Mutter und Familie. Zugleich
überraschte er ihn durch die Mittheilung, daß man auf die von Aurelien
erhaltene Nachricht von des Grafen muthmaßlicher Verhaftung sogleich
bedacht gewesen, seinen Aufenthalt zu entdecken. Dies sei ihnen jedoch
erst nach längerer Zeit möglich geworden, worauf er sich alsdann sofort
hieher begeben habe, um die Gelegenheit zu erspähen, dem Grafen irgend
eine Mittheilung zugehen lassen zu können und von diesem zugleich zu
erfahren, in welcher Weise man ihm nützlich sein könnte. Man erachtete
dies für durchaus nothwendig, bevor man Schritte zu seiner Befreiung
that. Der Freund befand sich schon seit mehren Wochen in der Stadt,
ohne daß es ihm gelungen war, dem Grafen seine Nähe anzuzeigen. Doch
hatte er erfahren, daß man Römer früher längere Spaziergänge nach
der Stadt und deren Umgebung gestattet hätte, und dieser Umstand ihn
veranlaßt, sich über die Zeit, in welcher dieselben gemacht wurden, so
wie über die dabei obwaltenden Umstände Gewißheit zu verschaffen, um
darnach sein ferneres Verhalten einzurichten.
Seit Wochen hatte er nun aus den bekannten Gründen vergeblich gewartet,
bis es ihm heute endlich gelang, den Freund zu treffen.
In welch' freudiges Erstaunen der Graf durch das Vernommene versetzt
wurde, darf kaum erwähnt werden; hatte er doch, wie wir wissen, bereits
alle Hoffnung, Nachricht von seinen Lieben zu erhalten, aufgegeben.
Und so dankte er dem Freunde auf das herzlichste für den Beweis
seiner Liebe, beruhigte ihn über das etwaige baldige Erscheinen des
Beamten, indem er ihm die Gründe dazu bezeichnete, und erbat sich
alsdann Nachricht über Sidonie. Der Baron vermochte ihm nur wenig
zu sagen, da die Verhandlungen durchaus geheim gehalten wurden und
davon noch kaum etwas bekannt geworden war. Eben so wenig war er
mit Sidoniens Gefangenschaft vertraut, obwol er erfahren hatte, daß
dieselbe ihr Palais nur selten verlassen und überhaupt ein sehr stilles
und zurückgezogenes Leben führen sollte. Er gab dem Grafen jedoch
zugleich das Versprechen, sich, sobald er mit dessen Wünschen über die
auszuführenden Schritte bekannt gemacht sein würde, nach der Residenz
zu begeben und dabei Aurelie und, wenn es die Verhältnisse irgend
gestatteten, auch selbst die Prinzessin aufzusuchen und sie von des
Grafen Geschick zu unterrichten. Der Letztere beeilte sich darauf, ihm
mit wenigen Worten die verletzende Art seiner Verhaftung mitzutheilen,
indem er dieselbe lediglich als die Folge seines Verhältnisses zu
Sidonien bezeichnete und daran die Ueberzeugung knüpfte, daß jedenfalls
auch die Prinzessin gleich ihm von den harten Maßnahmen des Fürsten
betroffen worden sein müßte. Mit freudigem Dank nahm er das ihm
gemachte Anerbieten, sich in seinem Interesse direct an den Fürsten
zu wenden, an, indem er zugleich bat, sich wegen der erlittenen
Ehrenverletzung zu beklagen und gegen seine Haft in strengster Form zu
protestiren. Wie und in welcher Weise dies am geeignetsten geschehen
könnte, mußte er seinen Befreundeten überlassen, die, wie ihn der Baron
versicherte, von seiner Schuldlosigkeit, so wie von der gegen ihn
gesponnenen Intrigue überzeugt waren.
Um einer möglichen Ueberraschung von Seiten des Beamten vorzubeugen,
kürzte der Graf die Unterredung ab, und die Freunde schieden mit der
Verabredung von einander, sich am nächsten Tage an diesem Orte wieder
zu treffen und Weiteres zu besprechen. Die glückliche Stimmung zu
bezeichnen, in welcher der Graf heute in seine Haft zurück kehrte,
dürfte kaum nothwendig sein; wissen wir doch, wie sehr er bisher unter
dem Entbehren aller Nachrichten von seinen Lieben gelitten hatte.
Freilich mangelte ihm dasjenige, wonach seine Seele ganz besonders
verlangte: eine genauere Kenntniß von Sidoniens Lage und der über sie
verhängten Maßnahmen; doch, wenn er diese auch entbehren mußte, fühlte
er sich doch schon hoch beglückt, endlich eine geeignete Gelegenheit
gefunden zu haben, sie mit seinem Geschick bekannt machen zu können und
das ihrige kennen zu lernen. Und er athmete nach vielen Monaten endlich
wieder freier auf, durch die angenehme Aussicht erfreut und beruhigt,
daß in Folge der Bemühungen seiner Freunde seine Lage nun nicht mehr
lange unentschieden bleiben könnte.
Als er sein Zimmer erreicht hatte und nun in der Stille das Erlebte
erwog, erwachte der Wunsch mit großer Lebhaftigkeit in ihm, Sidonien
ein paar Worte zu schreiben. Er wußte nur zu wohl, wie sehr er sie
dadurch erfreut haben würde; dennoch befriedigte er sein Verlangen
nicht. Er hatte sein Wort gegeben, sich jeder geheimen schriftlichen
Mittheilung zu enthalten, und ihm war sein Versprechen zu heilig, um es
auch selbst unter den obwaltenden Umständen zu brechen, und so blieb
der Brief ungeschrieben.
In Folge der getroffenen Verabredung erwartete der Baron den Grafen
an dem folgenden Tage an einer unbesuchten Stelle der Promenade. Auch
dieses Mal gab der Beamte einen Geschäftsgang vor und ließ Römer allein.
Nichts konnte diesem erwünschter kommen, und rasch schritt er der
Gegend zu, woselbst er den Freund zu treffen hoffte. Seine Freude,
diesen bereits seiner harrend zu finden, war groß, und herzlich umarmte
er ihn.
Um nicht etwa durch den Beamten überrascht zu werden, hatte Römer
diesem gesagt, daß er ihn auf dem Rückwege aus der Stadt abholen
würde, und war dieserhalb das Nähere zwischen ihnen besprochen
worden. Die Freunde waren daher sicher und konnten sich nach Belieben
unterreden. Sie benutzten die so günstige Gelegenheit, indem sie des
Grafen Interesse nochmals in allen Einzelnheiten erwogen und alsdann
feststellten, daß der Graf durch den Freund sobald als möglich mit
den erzielten Erfolgen bekannt gemacht werden sollte. Da dies jedoch
nur durch eine persönliche Mittheilung ermöglicht werden konnte, so
versprach der Baron, sobald er dem Grafen irgend eine Mittheilung von
Wichtigkeit zu machen haben würde, sich wieder hieher zu begeben und
ein ähnliches Zusammentreffen wie das gegenwärtige herbei zu führen.
Allerdings war es zweifelhaft, ob man dem Grafen auch noch fernerhin
so viele Freiheit gestatten würde; doch mußte man in Ermangelung einer
andern Gelegenheit, eine Zusammenkunft herbei zu führen, das Beste
voraussetzen.
Bestätigte sich diese Annahme nicht, so blieb es dem Baron anheim
gestellt, die besten Wege zu einem persönlichen Verkehr mit Römer
ausfindig zu machen.
So manche Fragen und Wünsche wurden alsdann noch von Römer
ausgesprochen, deren Beantwortung und Erfüllung ihm von hoher
Wichtigkeit war, und so eilte die überdies nur kurz zugemessene Zeit
rasch dahin, und da der Graf die Begleitung des Freundes nach der Stadt
aus Vorsicht ablehnen mußte, so trennte er sich von ihm nach einem
herzlichen Abschied, den die angenehme Aussicht eines zu hoffenden
baldigen Wiedersehens weniger schmerzlich machte.
Der Beamte pflegte auf den Ausgängen gewöhnlich in einem auf ihrem
Wege nach der Festung gelegenen Weinhaus anzusprechen und der Graf
hatte längst errathen, welcher Art die von dem Erstern zu erledigenden
Geschäfte waren. Auch heute traf er, wie verabredet worden war,
daselbst mit seinem Begleiter zusammen, und es schien als ob diesem die
Rückkehr seines Gefangenen viel zu frühzeitig wäre. Dennoch zögerte er
mit dem Aufbruch nicht, da er des Grafen Pünktlichkeit kannte, und bald
schritten sie der Festung zu, der Beamte in redseliger Laune, der Graf
schweigend und mit seinen Gedanken beschäftigt.
Der Baron reiste noch an demselben Tage nach der Heimath des Grafen,
um daselbst mit dessen Freunden und Verwandten die bei dem Fürsten zu
thuenden Schritte zu berathen.
Es darf kaum erwähnt werden, mit welchen Empfindungen der Graf fortan
seine Ausgänge fortsetzte, und wie sich mit jedem neuen Tage seine
Spannung mehrte, da sich die Frist bis zu dem gehofften Wiedersehen
des Freundes mehr und mehr kürzte und er denselben täglich zu treffen
erwartete. Doch eine und die zweite Woche ging ihm also dahin, ohne daß
seine Erwartungen erfüllt wurden; der Freund erschien nicht. In der
dritten Woche erst sollte er freilich zu seinem großen Schmerz durch
die über ihn verhängten Maßnahmen die Wirkungen der von seinen Freunden
angestellten Bemühungen erfahren.
Eines Tages nämlich erschien der Commandant bei ihm und theilte ihm
mit, daß er den Befehl erhalten habe, den Grafen nach einer andern
Festung bringen zu lassen, und ihm bis zu dieser Zeit fernere Ausgänge
nicht gestattet wären. Als Römer, darüber in hohem Grade bestürzt,
nach der Veranlassung zu dieser Maßnahme fragte, vertraute ihm der
Commandant, daß man wahrscheinlich höheren Orts vermuthete, der Graf
habe die ihm hier gewährte Freiheit benutzt, mit seinen Freunden in
Verbindung zu treten, indem er zugleich bedauernd die Voraussetzung
hinzufügte, daß ihm in seinem künftigen Aufenthaltsort wahrscheinlich
die ehemalige Freiheit nicht mehr gestattet werden würde.
Fernere Fragen ersparte sich der Graf, da er voraussetzen konnte,
daß man ihm dieselben nicht nach Wunsch beantworten durfte oder auch
vielleicht nicht einmal beantworten konnte.
Nachdem der Commandant die Zeit der Abreise bezeichnet hatte, trennte
er sich und ließ Römer mit seinen trüben Gedanken allein.
So war diesem denn jede Hoffnung genommen worden, irgend welche
Nachricht von seinen Lieben zu erhalten, und eben so wenig durfte er
nach den über ihn verfügten Bestimmungen hoffen, daß sich der Fürst
zur Aufhebung seiner Haft geneigt fühlte. Im Gegentheil mußte er
befürchten, dieselbe in jeder Hinsicht verschärft zu sehen. Ueberdies
war es eine Frage, ob seine Freunde von seinem neuen Aufenthaltsort
Kenntniß erhalten würden; er glaubte das bezweifeln zu müssen, da er
dessen strenges Geheimhalten mit Sicherheit erwarten durfte. Zugleich
erkannte er, daß dies Alles lediglich eine Folge der in seinem
Interesse dem Fürsten von Seiten seiner Freunde gemachten Vorstellungen
wäre. Wie der Letztere dieselben aufgenommen hatte, sagte ihm seine
Versetzung nach einer, wie er überzeugt war, sehr entlegenen Festung
zur Genüge.
Durch die bereits erfahrene Behandlung und diese neue Maßnahme in hohem
Grade entrüstet, war er sofort entschlossen, sich an den Fürsten mit
einer Vorstellung darüber zu wenden. Ohne Zögern führte er dies aus,
indem er sich über das Erfahrene beschwerte und zugleich in bestimmter
Weise das Verlangen aussprach, vor den Richter gestellt zu werden und
die Begründung der über ihn verhängten Strafe kennen zu lernen, da er
sich keiner Handlung bewußt sei, welche dieselbe rechtfertigen könnte.
Er händigte das Schreiben dem Commandanten mit der Bitte ein, dasselbe
sofort an den Fürsten befördern zu lassen.
An dem nächsten Abend verließ er die Festung in einem geschlossenen
Wagen, von einem Officier und einer kleinen Escorte begleitet.
Siebentes Kapitel.
Der Lenz nahte und sandte seine goldenen Lichter in das Arbeitszimmer
des Fürsten, in welchem dieser, die Hände auf den Rücken gelegt, erregt
auf und ab schritt. Er hielt in den letzteren ein Schreiben. Es war
die über die Prinzessin gefällte Sentenz, welche er soeben aus dem
Staatsrath erhalten und gelesen hatte. Ein paar reizende Windspiele
trippelten neben ihm her und hoben ab und zu die Köpfe zu ihm auf, um
seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihn zu den gewöhnten Liebkosungen
zu bewegen, ohne daß ihnen dies jedoch gelang.
Der Fürst schien von seinen Gedanken ganz beansprucht zu sein und die
Thiere kaum zu bemerken, oder auch keine Neigung zu fühlen, seine
Lieblinge zu hätscheln, wie er dies sonst wol zu thun pflegte.
Der Diener meldete Chevalier Boisière.
»Eintreten!« befahl der Fürst, ohne sich in seinem Gange stören zu
lassen.
»Nun, Boisière, was spricht man über die bewußte Angelegenheit?« fragte
er, den eintretenden Kammerherrn mit einem leichten Nicken begrüßend.
Der Chevalier zuckte die Achseln und entgegnete:
»Hoheit werden es für unglaublich halten, wenn ich mich zu berichten
beehre, daß das Vorurtheil zu Gunsten der Prinzessin spricht.«
»Wirklich! wirklich?!« fragte der Fürst.
»Die Welt will nicht an ihre Schuld glauben, obgleich dieselbe doch
hinlänglich bewiesen ist. Allerlei Meinungen machen sich geltend.
Man weist auf den seitherigen Lebenswandel der Prinzessin hin,
glaubt denselben rühmen zu müssen, spricht von der Reinheit und
Offenheit ihres Wesens, ihrer Schönheit, und selbst die Vernünftigeren
wagen es, an die unglückliche Ehe zu erinnern und darin einen
Entschuldigungsgrund für ihre sträfliche Leidenschaft zu finden.«
»Ich habe es mir gedacht! Die Welt ist wenig geneigt, in solchem Fall
die fürstliche Autorität anzuerkennen. Das ist eine rechte Kost für
Fraubasereien und was darum und daran hängt. Mögen sie klatschen; nicht
ich, der Staatsrath hat entschieden. Hier ist die Sentenz!«
Mit diesen Worten wies der Fürst das Schreiben vor und fuhr alsdann
fort:
»Ihre Berichte lassen mich die Wirkung derselben voraussehen; doch
sei's d'rum! Es wäre mir allerdings angenehmer gewesen, hätte man
diese Angelegenheit noch mehr cachiren können; denn es ist mir die
Einmischung der Leute in dieselbe unangenehm. Doch die Sache läßt sich
nicht ändern und so mag sie ihren Gang haben. Trotz aller Vorsicht
wird der Inhalt der Sentenz bald bekannt werden; vermuthlich wird die
Prinzessin selbst dafür sorgen; erforschen Sie, was darüber laut wird
und welcher Art die Urtheile sind, damit man erforderlichen Falls dem
Gerede einen Dämpfer aufsetzen kann. Der Zustimmung der Fürsten bin ich
gewiß, besonders da auch der Bruder der Prinzessin, Herzog Friedrich,
auf meiner Seite ist. Ein wichtiger Moment in dieser Sache. Hat man
sich hinsichts des Grafen in den Adelskreisen beruhigt?«
»Leider muß ich das verneinen und vermuthe, man wird sich mit
den bereits gemachten Vorstellungen nicht begnügen und Hoheit
wahrscheinlich mit neuen Gesuchen angehen.«
»Ich hoffe dem durch diese Sentenz vorzubeugen,« fiel der Fürst rasch
ein.
»Halten zu Gnaden, mein Fürst, wenn ich trotzdem die Meinung
auszusprechen mir gestatte, daß sich des Grafen Freunde alsdann kaum
weniger beruhigt fühlen dürften. Wenigstens vernahm ich Mancherlei, was
mich zu dieser Voraussetzung bestimmte.«
»Mögen sie agitiren; es führt zu nichts. Indem durch diese Sentenz die
Schuld der Prinzessin anerkannt ist, ist es auch diejenige des Grafen;
das muß eingesehen werden, dem darf und soll man nicht widersprechen,
und somit ist auch des Grafen verlängerte Haft gerechtfertigt. Es wäre
mir allerdings lieber gewesen, hätte sich der Graf durch die Flucht
den Verhandlungen entzogen; man würde weniger belästigt worden sein
und die Angelegenheit wäre mit einem Schlage erledigt gewesen. So
aber ist es anders. Der Graf zeigte keine Neigung, die ihm gebotenen
Gelegenheiten zur Flucht zu benutzen, und beharrt voll Trotz darauf,
vor einen Richter gestellt zu werden, da er seine Vernehmungen nicht
für maßgebend anerkennt, ihn in der Haft zu halten. Er hat vor mehren
Wochen einen stolzen, herausfordernden Brief an mich gesandt und sich
erlaubt, mich an seine Adelsvorrechte zu erinnern. Der Adel ist, wie
immer, anmaßend und pocht auf seine Vorrechte, sobald er sich in einer
übeln Situation sieht. Er meint alsdann immer mehr als andere Menschen
zu gelten, wenngleich er eben so schlecht wie sie ist. Ich weiß, daß
ich durch meine Maßnahmen in das Wespennest des Adels geschlagen habe;
mögen sie nun versuchen, wie weit ihr Stachel reicht; sie sollen sich
hüten, mich zu verletzen!«
Der Fürst hatte mit Erregung gesprochen, ohne seinen Gang zu
unterbrechen; er setzte diesen noch einige Augenblicke schweigend fort
und fragte alsdann: