»Ich habe in seiner kalten, selbstsuchtsvollen Seele gelesen, trotzdem

daß er sie mit dem ganzen Nymbus fürstlicher Gewalt und Hoheit, mit der

ganzen Ueberlegenheit des geistvollen, in seinen Urtheilen unfehlbaren

Mannes umgab, und daß ich mich trotz alledem nicht abhalten ließ, ihm

seine eigenen Gedanken zu entziffern, daß ich mich erkühnte, mich in

meinen Urtheilen ihm gleich zu stellen, ja sogar ein Uebergewicht über

ihn gewann, entrüstete diesen an tyrannischen Gehorsam gewöhnten Mann

so sehr, daß er sich endlich hinter seine Räthe flüchtete, um sich vor

meinen Angriffen zu schützen.«

»O, mein Gott, was hast Du gethan!« rief Aurelie in großer Besorgniß

aus, die Freundin mitleidsvoll betrachtend.

»Ich that, was ich thun mußte. Meine so tief gekränkte Ehre, die

namenlose Ungerechtigkeit und vor Allem jedoch die verletzende Art, mit

der mich der Fürst empfing und behandelte, riefen meine ganze Empörung

wach, und so war es eine Ehrenpflicht, ihm dieselbe zu zeigen, um den

Charakter meiner Schuldlosigkeit zu behaupten. O, meine Aurelie, Du

hättest in meiner Stelle ebenso gehandelt und hättest es auch nicht

anders gekonnt. In solcher Weise herausgefordert, wirst Du zu solchem

Verhalten genöthigt.«

»So hast Du auch keine Nachsicht von dem Fürsten zu erwarten,« fiel

Aurelie bewegt ein.

»Ich bin davon überzeugt,« entgegnete Sidonie ruhig und starr vor sich

hinblickend.

»Doch meintest Du, ihn zur Anerkennung Deiner Unschuld genöthigt zu

haben.«

»Daß ich schuldlos bin, weiß er; doch wenn ich auch über ihn siegte, so

kehre ich doch als ein zu Tode getroffener Sieger zurück, über welchen

meine Feinde bald frohlocken werden, da sie, wie der Fürst, mein

Verderben wollen und es auch erreichen werden.«

»So wäre vielleicht doch noch nicht jede Hoffnung verloren,« bemerkte

Aurelie.

Sidonie schüttelte das Haupt und entgegnete verzichtend:

»Eine innere Stimme sagt mir, daß ich der Politik des Fürsten zum Opfer

fallen muß und darauf die Intrigue angelegt worden ist. Höre das Nähere

derselben und Du wirst mir Recht geben und meine Besorgniß theilen.«

Und sie erzählte Aurelien darauf alle Einzelnheiten der stattgefundenen

Unterredung, und diese sah sich, gleich Sidonien in Folge dessen

genöthigt, anzuerkennen, worauf es in diesem Fall abgesehen war und daß

nur der Prinz und Mühlfels die Anstifter der Uebelthat sein konnten.

Jetzt auch vermochten sie sich das räthselhafte Verschwinden der

Cassette und des Dieners zu erklären, jetzt aber auch erkannten sie,

mit welcher Schlauheit und Berechnung man zu Werke gegangen war, um in

den Besitz der Mittel zu ihren übeln Zwecken zu gelangen.

»Du erkennst, meine theure Aurelie,« fuhr Sidonie fort, »daß ich unter

den obwaltenden Umständen auf keine Schonung zu hoffen habe und mich

daher an den Gedanken gewöhnen muß, Alles, was die Gewalt über mich

zu verhängen für gut findet, über mich ergehen zu lassen. Wie soll

ich mich anders vertheidigen, als ich es bereits gethan? Ich weiß es

nicht. Von meinem Bruder habe ich keinen Beistand zu erwarten; vielmehr

fürchte ich, er wird des Fürsten Meinung über mich theilen und mir

daher nur noch mehr zürnen. Wer würde es sonst noch wagen, gegen den

Fürsten und für mich aufzutreten? Niemand; denn Alle fürchten sich, den

allmächtigen Regenten zu erzürnen. Mag denn geschehen, was da will; ich

bin auf Alles gefaßt.«

Also sprach Sidonie in der richtigen Erkenntniß ihrer Lage.

»O, daß selbst das reinste Gefühl vor der Verunglimpfung nicht mehr

gesichert ist!« rief Aurelie in schmerzlicher Entrüstung.

»Wie kann Dich das überraschen im Hinblick auf die sittenlose Welt,

in der wir leben?« fragte Sidonie. »Wie sollten diese Menschen an eine

edle, reine Liebe glauben, deren sie selbst nicht fähig sind? Sie

beurtheilen mich nach sich, wie das stets ist. Wäre ich wie sie, würde

mich kein Vorwurf treffen; meine Schuld besteht in der Anmaßung, besser

sein zu wollen, wie sie. O, jetzt ist mir mancherlei klar geworden, was

ich früher nicht verstanden habe!«

Sidonie schwieg und blickte schmerzvoll vor sich hin; ihre Gedanken

flohen trotz aller Bedrängniß zu dem Manne ihrer Liebe, dessen

Aufenthalt und Lage ihr unbekannt war.

»O,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »ich würde Alles, Alles

leichter ertragen, quälte mich nicht der Gedanke, den edeln Grafen

so tief verletzt zu wissen, zu wissen, daß ich ihn in mein Unglück

hinein gezogen habe! Wie unendlich tief wird er leiden, seine Ehre also

gekränkt zu sehen, er, auf dessen Charakter kein Makel haftet! Doch

eine Hoffnung beseelt mich und läßt mich erwarten, daß die Gräfin Römer

sich bei dem Fürsten für ihren Sohn verwenden und vielleicht dadurch

seine entehrende Lage abgekürzt werden wird. Wie sehr wird die gute

Frau gleich ihm leiden, und wie wenig angenehm wird ihr die Erinnerung

an die Urheberin ihres Kummers sein!« --

»So gestand der Fürst des Grafen Verhaftung zu?«

»Er that es in seiner Art, ohne doch auf meine Bitte, den Grafen frei

zu geben, zu achten, und wurde in hohem Grad ungehalten, als ich ihn

erinnerte, sich dadurch zu compromittiren.«

»Seine Eitelkeit ertödet jedes bessere Gefühl in ihm.«

»So ist es in der That. Der Zweck, den er sich vorausgesetzt,

der zu erzielende willkommene Vortheil geht ihm über Mitleid und

Gerechtigkeit, und indem er über uns Strafen verhängt, will er unsere

Schuld begründen und sie vor aller Welt darlegen. Das, ich bin

überzeugt, ist seine Politik und dazu sind ihm alle Mittel recht.«

»Trotz alledem dürfen wir uns nicht geduldig den Verhältnissen hingeben

und müssen auf Mittel sinnen, durch welche Deine Schuldlosigkeit

erwiesen wird.«

»Wen könnte ich anrufen? Unter den Fürsten habe ich Niemand, der sich

meiner annehmen würde, besonders da ich meine Liebe eingestanden habe.

Ueberdies bin ich eine Gefangene.«

»Wie?!« fragte Aurelie erschreckt.

»Ich darf auf Befehl des Fürsten die Stadt nicht verlassen, und ebenso

wird jeder meiner Briefe durch seine Hände gehen.«

»O, schrecklich, schrecklich!« rief Aurelie und fügte alsdann hinzu:

»Doch mag das Alles sein, so bin ich doch frei und kann für Dich

wirken.«

»Was vermöchtest Du, meine Gute? Wohin könntest Du Dich wenden, ohne

von des Fürsten Gewalt ereilt zu werden und Deine Mühen wirkungslos

gemacht zu sehen? Wir müssen das Alles aufgeben, da es fruchtlos wäre,

und abwarten, welche Schritte der Fürst thun wird und welches Urtheil

seine Räthe über mich fällen. Ich besitze nur ~ein~ Mittel, das

meine Ehre retten kann, und das ist meine Schuldlosigkeit; vertrauen

wir dieser.«

Weinend umarmten sich die Freundinnen und knüpften, nachdem sie sich

wieder gesammelt hatten, neue Betrachtungen und Erwägungen über

Sidoniens Lage an. Und während dessen neigte sich der Tag, es nahte

der traurige Abend und die ruhelose Nacht, ohne daß Trost in ihre

Herzen kam; vielmehr erfüllte Sidonie immer mehr die Ueberzeugung, das

Uebelste noch nicht erduldet zu haben.

Wie sehr hätte es sie beglückt, wenigstens der Nähe dieser ihr so

übelgesinnten Menschen entfliehen und in stiller Abgeschiedenheit das

über sie verhängte Loos erwarten zu können; doch auch dieser Trost war

ihr versagt; denn sie war ja eine Gefangene.

Sechstes Kapitel.

Etwa acht Tage waren über die bezeichneten Vorgänge dahin gegangen.

In dem Hause der Baronin Mühlfels herrschte ein großes Freuen, denn

der vielgeliebte Sohn war aus der Verbannung zurück gekehrt, von dem

Prinzen und sogar dem Fürsten in einer Privataudienz empfangen und

alsdann in seine frühere Würde wieder eingesetzt worden.

Von allen Seiten kam man ihm in der zuvorkommendsten Weise entgegen

und drückte ihm die Freude aus, ihn wieder in dem Freundeskreise sehen

zu können. Kurz, Mühlfels war der gefeierte Mann des Tages, worauf das

Gerücht von der Gunst des Fürsten keinen geringen Einfluß ausübte.

Der Letztere hatte ihn auch später noch mehrmals empfangen und

vertrauliche Unterredungen mit ihm gehabt, Grund genug, sein Ansehen

schnell zu steigern.

Die Baronin erachtete es für eine Pflicht, die Rückkehr ihres Sohnes

durch ein glänzendes Fest zu feiern, und hatte dazu die zahlreichsten

Einladungen ergehen lassen. Daß sie dabei den Prinzen nicht vergaß,

verstand sich von selbst, und dieser war so gnädig, ihr sein Erscheinen

zuzusagen. Dieser Umstand erfreute die Baronin nicht nur darum, weil

ihr und ihrem Sohne dadurch eine glänzende Genugthuung geboten wurde,

sondern auch, weil derselbe ihrer Absicht hinsichts Marianen entgegen

kam.

Mit der gegen die Prinzessin gespielten Intrigue war sie durch ihren

Sohn genau bekannt gemacht worden. Dieser hatte Bieberstein an sie

gesandt, durch den sie wieder des Prinzen Wünsche erfuhr, und so wird

uns daher auch ihr besonderes Verhalten auf der Redoute erklärlich

sein. Welche große Freude sie über alles Vernommene empfand, darf kaum

bemerkt werden; galt es doch die Genugthuung ihres theuern Sohnes.

Daß seine so klugen Maßnahmen die gewünschten Erfolge erzielen würden,

war für sie durchaus keine Frage, da sie die Intentionen des Fürsten

und Prinzen sehr genau kannte.

Wir übergehen die Festlichkeit, die durch des Prinzen ungewöhnlich

lange Gegenwart auf derselben einen ganz besondern Glanz erhielt.

Der Letztere zeigte die heiterste Stimmung und erschöpfte sich in

Aufmerksamkeiten für Mühlfels und dessen Mutter, so daß man diesen

wiederholt Glück dazu wünschte.

Die kluge Baronin beeilte sich, diese so herrlichen Vortheile in ihrer

Absicht zu benutzen, und als sich eine geeignete Gelegenheit zu einer

vertraulichen Unterredung mit dem Prinzen fand, erfüllte sie Marianens

Bitte und sprach mit dem Letzteren über deren ihr mitgetheilte Sorgen

und Bedenken. Sie that dies mit dem ihr eigenthümlichen Geschick,

und wenn der Prinz durch das Vernommene auch ein wenig überrascht

wurde, war es ihm doch auch zugleich lieb, daß sich Mariane an die in

die Liaison eingeweihte Baronin gewandt hatte, und trug ihr auf, das

Mädchen in jeder Hinsicht zu beruhigen und ihr die besten Hoffnungen

für die Zukunft zu geben.

Wie hoch die Baronin einen solchen Auftrag schätzte, wissen wir,

und es darf kaum bemerkt werden, daß sie mit einer ausführlichen

Mittheilung an Mariane nicht zögerte und ihr darin im Hinblick auf die

stattgefundenen Vorgänge, welche eine baldige Trennung der Ehe des

Prinzen mit Bestimmtheit erwarten ließen, die gewisse Erfüllung ihrer

Wünsche in Aussicht stellte.

Sie war überaus erfreut, daß ihr diese so wichtige Sache in so

trefflicher Weise gelungen war, und eben so sehr überzeugt, sich den

schönsten Hoffnungen hinsichts einer glänzenden Zukunft hingeben zu

dürfen. Denn sie zweifelte nicht, daß es ihr gelingen würde, später

Marianens ganzes Vertrauen zu gewinnen. Und sie täuschte sich in dieser

Voraussetzung nicht. Schon kurze Zeit nach dem Absenden ihres Briefes

an das Mädchen schrieb ihr dieses und drückte ihr den wärmsten Dank

für ihre so treffliche Verwendung bei dem Prinzen und die nicht minder

sehr erwünschten Aussichten für die Zukunft aus. Zugleich richtete

sie die Bitte an sie, ihr Interesse auch für die Folge wahrnehmen zu

wollen und sie mit Allem, was für sie von Wichtigkeit sein konnte,

sogleich bekannt zu machen. Mariane war klug genug, neben diesem Dank

und dieser Bitte zugleich anzudeuten, wie sehr angenehm es ihr sein

würde, sich des Rathes der erfahrenen Frau nicht nur jetzt, sondern

auch künftighin erfreuen zu können, und wir erkennen daraus, daß sie

ihren Pariser Aufenthalt in jeder Hinsicht gut benutzt hatte, ganz

abgesehen, daß die ihr beiwohnende Schlauheit sie auf die geeigneten

Mittel zu ihren Zwecken leitete. Wir müssen jedoch an dieser Stelle

zugleich bemerken, daß ihr Sinnen und Trachten seit der Abreise aus

ihrer Villa lediglich auf ihre Rangerhöhung gerichtet war, und dieser

Umstand nicht wenig beitrug, die Verhältnisse bei Hofe mit

scharfem Auge zu verfolgen, um sich mit allen etwa daraus für sie

hervor gehenden Vor- und Nachtheilen sofort bekannt zu machen. Bisher

hatte ihr Madame Voisin die gewünschten Nachrichten besorgt, jetzt

genügten ihr dieselben nicht mehr und sie erkannte die Nothwendigkeit,

sich persönlich darum zu bemühen. Die Mittheilung der Baronin von der

bald zu erwartenden Trennung setzte sie in wahres Entzücken, und in der

spannendsten Erwartung sah sie weiteren Mittheilungen in der Gewißheit

entgegen, nun bald am Ziel ihrer Wünsche zu stehen. Sie hegte nämlich

den Glauben, daß mit der Trennung der Ehe zugleich auch jedes, sich der

Befriedigung ihres Verlangens entgegen stellendes Hinderniß beseitigt

sein würde, und wer konnte voraussehen, was alsdann dem launischen

Prinzen zu thun beliebte. Eine Betrachtung führte sie zu der andern,

und so däuchte es ihr eben auch nicht unmöglich, daß aus der Gräfin

vielleicht noch eine regierende Fürstin werden könnte.

Wir erkennen, daß sie naiv, aber auch ehrgeizig genug war, sich so

ausschweifenden Hoffnungen hinzugeben; sie erachtete sich jedoch dazu

in dem Bewußtsein ihres Einflusses auf den Prinzen, der, wie sie

meinte, durch ihre Pariser Bildung nur noch gesteigert werden mußte,

durchaus berechtigt, ohne sich ihrer niederen Herkunft und zweideutigen

Stellung zu erinnern. Wir werden erfahren, in wie weit ihre Erwartungen

durch die Folgezeit erfüllt wurden; jedenfalls erkennen wir auch in

diesem Fall, daß die naivsten Naturen gewöhnlich die anspruchsvollsten

und schwer zu befriedigendsten zu sein pflegen. Wir kehren nun zu dem

Grafen Römer zurück. --

In ununterbrochener Eile wurde die Fahrt, sobald sie die Stadt

verlassen hatten, fortgesetzt, ohne Rücksicht auf den übeln Weg und die

dadurch den Fahrenden bereiteten Unbequemlichkeiten. Nur an den Orten,

an welchen frische Pferde vorgelegt wurden, rastete man eine kurze

Zeit; alsdann ging es um so schneller durch die feuchte Nacht weiter.

Der den Grafen begleitende Officier war rücksichtsvoll genug, seinem

Gefangenen ab und zu Erfrischungen anzubieten, die der Erstere jedoch

ablehnte. Die Höflichkeit seines Gebieters berührte den Grafen jedoch

angenehm, da dieselbe auf eine für ihn gehegte aufrichtige Theilnahme

hindeutete. Dennoch behauptete er ihm gegenüber ein beharrliches

Schweigen den Augenblick ruhig erwartend, in welchem er ihm freiwillig

eine Mittheilung zu machen für gut fand.

Und weiter und weiter rollte der Wagen dahin, bald auf erweichtem, bald

auf festerem Wege, durch Lichtungen finsterer Wälder, über Brücken

und an dem Ufer eines Wassers; erreichte Dörfer und Städte, und hielt

endlich vor einem düster blickenden und mit Laufgräben und Thürmen

versehenen Gebäude, das neben einer ziemlich umfangreichen Stadt lag.

Es war darüber die Nacht vergangen und das Frühlicht brach mit feurigem

Schein durch die dunkeln über den Himmel gebreiteten Wolken.

Sobald der Wagen still stand, wandte sich der Officier mit dem Bemerken

an den Grafen, daß sie ihr Ziel erreicht und er ihn hier anderen

Händen zu überliefern hätte. Zugleich verließ er den Wagen und begab

sich in das Gebäude, kehrte nach kurzer Zeit zurück, worauf sich der

Wagen in Bewegung setzte und langsam über eine Brücke und, wie es den

Grafen däuchte, in das Gebäude fuhr.

Sobald er daselbst angelangt war, vernahm er, wie sich ein Thor

knarrend hinter ihm schloß. Man ersuchte ihn auszusteigen und führte

ihn alsdann in ein einfaches Zimmer, woselbst man ihm die Binde abnahm

und bemerklich machte, daß dies für die Folgezeit seine Wohnung

sei. Ein flüchtiger Blick genügte dem Grafen zur Bestätigung der

Voraussetzung, nach einer Festung gebracht worden zu sein. Nicht

nur war das nicht große Zimmer in jeder Hinsicht von der höchsten

Einfachheit, sondern das einzige Fenster in demselben auch durch ein

Eisengitter gesperrt.

Daß seine Verhaftung auf des Fürsten besondern Befehl geschehen

war, konnte für ihn keine Frage sein; doch wußte er es sich nicht

zu erklären, weshalb man ihn in so gewaltsamer und geheimnißvoller

Weise aufgehoben hatte. Nahe lag die Vermuthung, daß dies lediglich

zur Vermeidung jedes Aufsehens so wie, um seine Verhaftung der Welt

zu verbergen, geschehen war; vielleicht auch, um ihn dadurch der

Mittel zu berauben, die Hilfe seiner einflußreichen Freunde anzurufen

und ihnen seine Lage zu verrathen. Diese Voraussetzungen waren

durchaus begründet; denn der Fürst würde des Grafen Verhaftung gern

umgangen haben, wenn es die Verhältnisse irgend gestattet hätten.

Er war daher erfreut, von dem Prinzen auf der Redoute zu vernehmen,

daß der unbekannte Ueberbringer der näher bezeichneten Gegenstände

ihm die Absicht angedeutet hätte, den Grafen mit dem Verrath seines

Verhältnisses zu der Prinzessin bekannt machen zu wollen und ihn

dadurch zur Flucht und somit zur Anerkenntniß seiner Schuld zu

veranlassen. Der Prinz war darauf sogleich eingegangen, weil er den

dadurch erzielten großen Vortheil für sein Interesse erkannte.

In Folge dessen hatte Bieberstein -- denn dieser war, wie wir erfahren

haben, der Ueberbringer der so gewichtigen Beweisstücke -- dem Grafen

beim Hinausgehen aus dem Saal das Billet in die Hand gesteckt.

Man sah sich jedoch in den gehegten Erwartungen getäuscht, und nachdem

der Graf nicht die geringste Neigung verrathen, sich in Sicherheit

bringen zu wollen, bestimmte der Fürst die näher bezeichneten

Gewaltmaßregeln.

Dadurch wurde allen unbequemen Schritten von Seiten der Freunde

des Grafen vorgebeugt, denn indem das strengste Geheimniß über die

Verhaftung beobachtet werden sollte, machte man es den Ersteren

unmöglich, ihren Einfluß in irgend einer Art zur Geltung zu bringen.

Die von dem Fürsten befohlenen Anordnungen waren, wie wir bereits

erfahren haben, so vortrefflich getroffen worden, daß weder die

Verhaftung noch der Ort, an welchem sich der Graf befand, bekannt

wurde, und somit erreichte der Fürst seine Zwecke vollkommen.

Trotz der großen Erregung, in welcher sich der Graf befand,

überwältigte ihn dennoch die Müdigkeit und er warf sich auf das wenig

bequeme Lager, ohne jedoch Ruhe zu finden. Seine Gedanken suchten

Sidonie auf, und er erwog, wie sehr sie durch sein geheimnißvolles

Verschwinden erschreckt und besorgt gemacht werden würde.

So war denn früher, als er geahnt, das Unheil über sie gekommen und er

überzeugt, daß der Fürst, angestachelt durch des Prinzen Rachsucht,

die Angelegenheit mit aller Strenge behandeln würde. Denn es konnte

für ihn kein Zweifel mehr sein, daß man sich die sichersten Beweise

für seine und Sidoniens Schuld verschafft haben müßte, indem er bei

Erwägung dieser Umstände zugleich auf den Raub der Cassette und das

seltsame Verschwinden des Dieners geleitet wurde und sich die Besorgniß

in ihm geltend machte, daß die bezeichneten Gegenstände vielleicht in

des Prinzen Hände gelangt wären und damit den Verrath seiner Liebe

herbei geführt hätten. Von der ihm und Sidonien mit schlauer Berechnung

gespielten Intrigue hatte er keine Ahnung, da seinem edeln Charakter

der Gedanke einer so raffinirten Bosheit durchaus fern lag. Eben

so wenig ahnte er, daß der ihm früher mit so großer Freundlichkeit

entgegenkommende Kapitän das Mittel zu derselben gewesen war. Die ihn

erfüllende Ungewißheit über alle die bezeichneten Vorgänge war nur

zu sehr geeignet, seine Spannung und Erwartung, in welcher Art sich

dieselben lösen würden, außerordentlich zu steigern. Daß er auf Uebles

gefaßt sein mußte, war für ihn nach dem Erlebten keine Frage mehr,

da er sich überzeugt hielt, daß man die ihn betreffenden Umstände zu

seinem und Sidoniens Verderben zu benutzen bedacht sein würde.

Gegen die Mittagszeit erschien der Commandant der Festung bei ihm,

begrüßte ihn und theilte ihm mit, daß er auf Befehl des Fürsten

hieher gebracht worden sei. Die Gründe zu dieser Maßnahme wußte er

nicht anzugeben, da seiner Versicherung nach ihm dieselben noch nicht

bezeichnet worden wären und er nur den Befehl erhalten hätte, den

Grafen bis auf Weiteres zu beaufsichtigen. Er entschuldigte sich

zugleich, wenn er durch diese Umstände genöthigt wäre, den Grafen in

strenger Haft zu halten, meinte jedoch, daß es ihm wahrscheinlich bald

gestattet sein würde, diese Strenge zu mildern. Im Uebrigen sollte

es dem Grafen an nichts fehlen. Dieses Versprechen erfüllte er auch

in jeder Hinsicht, da Speisen und Getränke durchaus gut waren und er

auch gestattete, daß der Graf Lectüre und Schreibmaterialien erhielt,

obgleich ihm jeder Briefwechsel verboten war.

Im Lauf der folgenden Woche erhielt der Graf ein besseres Zimmer

und der Commandant war bedacht, ihm mancherlei Bequemlichkeiten zu

verschaffen.

In der zweiten Woche seines Aufenthaltes erschien an einem Vormittage

ein Beamter bei dem Grafen, der im besondern Auftrage des Fürsten

aus der Residenz gekommen war, um ihn über sein Verhältniß zu der

Prinzessin zu vernehmen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Römer zu seiner

großen Ueberraschung alles Nähere über diese Angelegenheit, ohne

daß ihm jedoch verrathen wurde, durch welche Mittel man sich in den

Besitz der bekannten Beweisstücke gesetzt hatte. Mit jener Ruhe und

Ueberlegenheit, welche das Bewußtsein der Schuldlosigkeit zu verleihen

pflegen, und treu seinem Vornehmen, läugnete der Graf seine Verehrung

der Prinzessin nicht, indem er jedoch mit der höchsten Entschiedenheit

jede entehrende Zumuthung von sich und Sidonien abwies und dieselbe

als ein von der Rachsucht gesponnenes Bubenstück bezeichnete. Freilich

vermochte er seinen näheren Umgang mit der Prinzessin in dem Badeort

nicht abzuläugnen; meinte jedoch, daß der Charakter der Prinzessin und

der seinige jede üble Deutung desselben unzulässig mache.

Sein Verhalten und seine Worte schienen auf den Beamten eine gute

Wirkung auszuüben; doch enthielt sich derselbe jeder Bemerkung über

den zu erwartenden Entscheid, so wie er auch bedauerte, des Grafen

Fragen über Sidoniens Geschick nicht beantworten zu dürfen. Es war

ihm das strengste Schweigen anbefohlen worden, und er war ein viel zu

pflichttreuer Diener, um dasselbe zu brechen.

Er wiederholte seinen Besuch im Lauf der nächsten Zeit, vernahm

den Grafen auf's Neue und war dabei bedacht, ihn zu einem offenen

Bekenntniß zu veranlassen, indem er ihm zu verstehen gab, daß den

Fürsten ein solches nicht nur zur Milde gegen ihn, sondern auch gegen

die Prinzessin bestimmen würde. Trotz aller dieser klug gelegten

Fallstricke beharrte der Graf dennoch auf seiner ursprünglichen

Aussage, wie er es ja auch nicht anders konnte, und seit dieser Zeit

wurde er nicht weiter durch den Beamten beschwert. Dagegen erzeigte ihm

der Commandant eine vermehrte Güte, erlaubte ihm, Ausgänge zu machen,

und überließ es ihm, die Dauer derselben nach Belieben auszudehnen.

Auch gestattete er ihm, Besuche zu empfangen, die freilich ausblieben,

da der Graf mit Niemand in der Stadt bekannt war. Er wurde dadurch

jedoch veranlaßt, mit zwei Edelleuten, die wegen Zweikampfs sich in der

Festung befanden, einen näheren Umgang anzuknüpfen, durch welchen er

sich manche angenehme Stunde während der trüben Winterzeit verschaffte.

Römer hatte von einer Woche zur andern gehofft, von seiner Mutter

oder seinen Freunden, vielleicht selbst von Aurelien ein Schreiben

zu erhalten, welches der peinigenden Ungewißheit, in welcher er

sich befand, endlich ein Ende machte; er sah sich jedoch getäuscht.

Kein Brief lief ein, und dieser Umstand diente ihm als Beweis, daß

sein Aufenthalt Allen unbekannt geblieben sein müßte. Da er dem

Commandanten sein Wort gegeben hatte, sich jedes brieflichen Verkehrs

mit der Außenwelt zu enthalten, so vermochte er auch den bezeichneten

Personen keine Nachricht von sich zugehen zu lassen und mußte also mit

Geduld den Zeitpunkt abwarten, in welchem des Fürsten Befehl ihm dies

gestatten, oder er seine Freiheit erhalten würde. Denn er zweifelte

nicht, seine und Sidoniens Schuldlosigkeit anerkannt zu sehen und damit

auch der entehrenden Haft enthoben zu werden.

Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 8 / 15 段