nicht mehr eine Gelegenheit finden werde, zu Ihnen also zu sprechen;
darum will ich auch nicht von hier scheiden, ohne Ihnen zu erkennen
zu geben, daß Ihnen sowie dem Prinzen der Verrath meiner Liebe sehr
zu statten kommt. Ueber das »Wie« will ich schweigen. Ich weiß, daß
es Sie sehr verletzt haben würde, wäre der Prinz genöthigt gewesen,
sich als Schuldigen zu bekennen; darum auch Ihre Abneigung gegen die
Trennung der Ehe. Sie sind jetzt von dieser Besorgniß befreit worden,
indem Sie sich Beweise von ~meiner Schuld~ verschafften. Jetzt
liegt die Sache umgekehrt, und daß Sie das nicht übel aufnehmen, haben
mir Ihre Worte, noch mehr Ihre Neigung, mich als schuldig zu erkennen,
verrathen.«
»Sie stellen meine Geduld in der That auf die Probe! Was berechtigt Sie
zu dergleichen unerhörten Voraussetzungen?!« fiel der Fürst ein.
»Ich würde wiederholen müssen, was ich soeben gesagt habe. Wie
~Sie~ über mich und mein Verhalten denken, glaube ich zu wissen;
denn ich müßte mich in Ihrem Charakter getäuscht haben, sollte ich mich
irren. Ich weiß jedoch auch, daß Ihnen das Interesse des künftigen
Regenten und Ihres Verwandten höher steht, als dasjenige einer
Frau, die für Sie nur eben das ist, was sie ist, und die für Sie im
Hinblick auf die Staatsvortheile nicht in Betracht kommt. Sie haben
das soeben zu erkennen gegeben. Meine Absicht, warum ich dies Alles
vor Ihnen ausspreche, ist jedoch diese, Ihnen zu zeigen, daß ich eine
Intrigue durchschaut habe, der, wie ich zu meinem Bedauern soeben
vernommen, auch selbst Sie trotz Ihres klaren Blicks unterliegen und
-- -- ~unterliegen wollen~. Sie können nun über mein Schicksal
bestimmen, Sie können mich verurtheilen und den Mann meiner Liebe
kränken: dies Alles wird mich jedoch nicht beugen, sondern nur die
betrübende Ueberzeugung in mir befestigen, daß Sie dem Staatsinteresse
mit seltener Selbstverleugnung dienen.«
»Sie haben ohne Bedacht gesprochen und nicht erwogen, daß Stolz und
Ueberhebung in Ihrer Lage am wenigsten geeignet sind, dieselbe zu
bessern und mich in Ihrer Beurtheilung milder zu stimmen!« fiel der
Fürst, durch Sidoniens zutreffende Worte, deren Eindruck er sich nicht
zu erwehren vermochte, in hohem Grade unmuthig gemacht, erregt ein.
Sidonie ließ sich dadurch jedoch nicht einschüchtern. In der Erkenntniß
des zu Ihrem Verderben gesponnenen Bubenstücks und der Nothwendigkeit,
auch den leisesten Schein einer Schuld von sich abzuweisen und dadurch
auch zugleich die Ehre des Grafen zu retten, war ihr rasch Sammlung,
Kraft und Klarheit gekommen, die sich im Lauf der Unterredung mehr und
mehr steigerten und sie endlich in dieser Hinsicht mit dem Fürsten
gleichstellten, ja über denselben sogar ein gewisses Uebergewicht in
dem Augenblick gaben, als sie die Wirkung ihrer Worte auf ihn errieth.
Es war für sie kein Zweifel mehr, daß er sich durch ihre Erkenntniß
der, wie wir später erfahren werden, in der That gesponnenen geheimen
Intrigue um so mehr getroffen fühlte, da er sie nicht abzuleugnen
vermochte.
Dieser Umstand gewährte ihr einen nicht geringen Vortheil, und sie
zögerte nicht, denselben in ihrem Sinn zu benutzen, und so entgegnete
sie fest und ruhig:
»Sie nennen mich stolz und anmaßend, mein Fürst, und Sie haben ein
Recht dazu; denn ich verhehle Ihnen nicht, daß ich bedacht bin, den
ganzen Stolz und die ganze Entrüstung meiner gekränkten Seele zu
erkennen zu geben. Daß mir dieses gelungen ist, beglückt mich; denn es
erfüllt mich mit der Hoffnung, daß Sie den Schein von der Wahrheit,
daß Sie die Unschuld von der Schuld, daß Sie die Berechtigung meiner
reinen Zuneigung zu einem edeln Manne anerkennen werden. Ja, hoch und
stolz will ich fortan mein Haupt tragen, obgleich meine Seele demüthig
und geduldig ist, hoch will ich es tragen in dem Bewußtsein meiner
Unschuld vor aller Welt, und ihr zeigen, daß Unschuld Muth giebt gegen
jede Gewalt der Erde und sie keine Furcht kennt vor der sie bedrohenden
ungerechten Strafe. Verurtheilen Sie mich; doch zwischen Ihnen und mir
wird die Welt richten!«
Sie schwieg und blickte den Fürsten ruhig an. Ihre Worte und ihr
Benehmen steigerten dessen Unmuth in hohem Grade und nur mühsam
behauptete er sich in seiner Ruhe. Wir wissen, wie wenig er die Frauen
achtete, wie es ihn verdroß, denselben irgend welche geistige und
Charaktervorzüge zugestehen zu müssen; am meisten jedoch, wenn ihm
dieselben in solchem Maß, wie in Sidonien, entgegen traten, und werden
seine Entrüstung daher erklärlich finden. Vielleicht wäre es für die
Prinzessin besser gewesen, ein weniger bestimmtes und mehr demüthiges
Verhalten gegen ihn zu beobachten; es würde ihn wahrscheinlich milder
gegen sie gestimmt haben, selbst wenn er sie für schuldig erkannte. Ihr
Hinweis auf das Urtheil der Welt verletzte ihn jedoch so empfindlich,
daß er jede Rücksicht vergaß und mit vor Unmuth bebender Stimme
entgegnete:
»Gut denn, Prinzessin! Zeigen Sie der Welt und mir Ihren Stolz in der
Ueberzeugung, uns dadurch zur Anerkennung Ihrer Schuldlosigkeit zu
bewegen. Doch warten Sie den Erfolg ab und vergessen Sie nicht, daß
auch das Verbrechen sich solcher Mittel zu ähnlichen Zwecken bedient.
Eins kann ich Ihnen jedoch schon jetzt sagen, daß Ihr Verhalten
~mir~ gegenüber wirkungslos ist. Doch will ich den Kampf, den Sie
mir anbieten, aufnehmen, und erinnere Sie, daß Ihre Sache nicht von
mir, sondern von meinen Räthen entschieden werden wird. Sie erkennen,
daß mich also keine Schuld trifft, verurtheilt man Sie. Ich kann,
wie Sie meinen, getäuscht sein; warten wir ab, ob die vorliegenden
Beweise und die Aussagen glaubwürdiger Zeugen geeignet sind, Ihre
Schuldlosigkeit darzuthun, oder ob sich auch die Männer des Gesetzes
täuschen werden.«
»Ihre Räthe werden mich verdammen; ich weiß es. Denn da ~Sie~ es
wollen, so habe ich keine Schonung zu erwarten. Ich bin zu stolz und
mir keines Vergehens bewußt, und werde mich zu keiner Vertheidigung
verstehen. Ich halte eine solche meiner fürstlichen Würde nicht
entsprechend und überflüssig. Nur zu Ihnen, als meinem Fürsten, als
dem Verwandten meines Gemahls, den ich beleidigt haben soll, glaube
ich sprechen zu müssen, und das um so mehr, da ich Sie vor einer
compromittirenden Ungerechtigkeit bewahren will und weil es meine
Pflicht ist, Ihnen meine Gesinnungen ohne Rückhalt zu offenbaren.«
Und dem Fürsten näher tretend und ihn fest anschauend, fuhr sie mit
gehobener Stimme fort: »Man sagt, Sie besäßen einen scharfen, die
Gedanken der Menschen leicht ergründenden Blick, wenden Sie denselben
auf mich, mein Fürst, forschen Sie in meiner Seele und fragen Sie
sich alsdann, ob ein Antlitz wie das meine ein Vergehen verbirgt. Die
Kunst der Täuschung liegt mir, wie Sie wissen, fern; Sie haben mir das
bereits zugegeben. Wagen Sie daher in dem Vertrauen zu Ihrer scharfen
Urtheilskraft die Probe; ich denke, wenn Sie sich nicht täuschen
~wollen~, werden Sie die Wahrheit leicht erkennen ~müssen~.«
Ihre Bitte war jedoch vergebens und der Fürst weit entfernt, dieselbe
zu erfüllen. Stets in solcher eindringlichen Weise herausgefordert,
mehrte sich sein Unmuth nur noch, da er nicht in seiner gewöhnten
Weise die Angelegenheit kategorisch zu erledigen vermochte, sondern
sich gezwungen sah, Sidoniens Angriffe abzuwehren. Statt also ihrem
Verlangen nachzugeben, verharrte er in seiner Lage und entgegnete:
»Sie irren in der ausgesprochenen Voraussetzung. Ich traue Ihnen
wie allen Frauen die Kunst der Verstellung zu, sobald sie dazu
herausgefordert werden, und somit verzichte ich auf eine so
zweifelhafte Probe. Die entsprechenden Verhandlungen meiner Räthe
werden mich überdies aller weiteren Einmischung in diese Angelegenheit
überheben, die mir doppelt verletzend ist, da ich sie der Welt nicht
ganz vorenthalten kann, obgleich man dabei mit aller Discretion zu
Werke gehen soll. Und somit, Prinzessin, halte ich unsere Sache für
erledigt und bestimme hiemit, sich bis zum Austrag derselben nicht aus
der Residenz zu entfernen, noch sich irgend zu bemühen, den Aufenthalt
des Grafen zu erforschen, oder etwa mit ihm in Correspondenz zu treten.
Jeder Ihrer Briefe wird zu meiner Kenntniß gelangen und dürfte Ihnen
daher keinen Vortheil bringen. Das bedenken Sie!«
Sidonie, durch seine scharfen Worte tief verletzt, trat von ihm zurück,
blickte ihn einen Augenblick an und entgegnete alsdann:
»Es war mein Wunsch, mich nach dem bereits besuchten Badeort zu
begeben, um mich meiner peinigenden Lage zu entziehen; ich will eine
solche Bitte jetzt jedoch nicht aussprechen, da Ihre Worte mir jeden
Muth dazu genommen haben. Ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne Ihnen
den tiefen Schmerz auszudrücken, den Ihre Strenge in mir erzeugt hat.
Ich habe offen und ohne jeden Rückhalt zu Ihnen gesprochen, wie es mir
mein gekränktes Gefühl gebot; ich glaubte nicht zu meinem ~Fürsten~,
sondern zu meinem ~Vater~ zu sprechen, und that dies in der Täuschung,
daß Ihr Herz mir ein wenig Achtung und Liebe bewahrt hätte. Ich erkenne
zu meinem innigsten Bedauern, wie unstatthaft diese Voraussetzung war
und daß Sie in mir nicht mehr die ~Fürstin~, nicht die zu achtende
~Frau~, sondern nur noch die ~Verbrecherin~ sehen. Das schmerzt mich
tief; denn ich ahnte nicht, diese Stätte mit einem so verletzenden
Bewußtsein verlassen zu müssen. Doch ich erkenne, daß es nicht anders
sein ~soll~, und so sage ich Ihnen, mein Fürst, mit der Bitte Lebewohl,
Ihre Gedanken auf mein offen vor Ihnen liegendes Leben zu richten und
dasselbe in Ruhe zu prüfen. Finden Sie alsdann noch Veranlassung, den
in Ihren Händen sich befindenden Beweisen und Ihren Zuträgern Glauben
zu schenken, so habe ich nichts mehr zu sagen und nur noch meine
früheren Worte zu wiederholen, daß zwischen uns, mein Fürst, trotz
Ihrer Räthe, die Welt richten wird!«
Sie verneigte sich voll Würde und verließ festen Schrittes das Gemach.
»Unerhört, unerhört!« rief der Fürst entrüstet, nachdem er sich allein
sah und rasch auf und ab schritt. »Ich glaubte leichtes Spiel mit
ihr zu haben und erkenne nun, wie sehr ich mich täuschte! Welch ein
fester, unerschrockener Charakter in diesem zarten Körper! Ich meinte,
sie würde diese Schwelle gebrochen von Schuldbewußtsein verlassen,
und sie schreitet nun stolz und sicher wie die Gekränkte in dem
Gefühl des errungenen Uebergewichts über mich, ihren Fürsten! Das ist
unerträglich, unerhört! Sie hat mir in die Seele gesehen; ich darf
nicht daran zweifeln. Sie ist klug, ihr Blick scharf und nur schwer
verbirgt sich vor ihr der geheime Gedanke. Doch mag das Alles sein;
es soll meinen Willen nicht ändern und die Sache ihren Gang haben. Sie
darf den Triumph nicht genießen, über mich gesiegt zu haben. Ich würde
anders mit ihr verfahren sein, und es wäre mir lieb gewesen, hätte ich
es thun können; nun ~darf~ ich es nicht mehr, jetzt ~will~
ich es nicht, und das Aeußerste soll und muß geschehen.«
Die Folge wird zeigen, in welcher Art er seinen Vorsatz ausführte.
Kaum dürfte es nothwendig sein, zu bemerken, daß sich Sidoniens
Voraussetzungen hinsichts der zu ihrem Verderben gesponnenen Intrigue
durchaus bestätigten, und eben so wenig dürfte der eigentliche Urheber
derselben bezeichnet werden müssen, da die plötzliche Begnadigung des
Baron Mühlfels ihn bereits verrathen hat.
Er war es in der That.
Hören wir nun, welcher Mittel er sich bediente, um seinen Zweck zu
erreichen.
Wir haben erfahren, daß er mit dem Versprechen von dem Prinzen schied,
ihm die gewünschte Genugthuung zu verschaffen, ebenso wissen wir,
daß er ein ähnliches, jedoch noch lebhafteres Verlangen hegte, sich
an der Prinzessin zu rächen, vor Allem jedoch, in Gnaden aus seiner
Verbannung wieder an den Hof zurück berufen zu werden. Eine gewöhnliche
Begnadigung, ohne daß Sidonie in der empfindlichsten Weise gekränkt
und er dadurch als schuldlos hingestellt wurde, würde ihm jedoch
nicht genügt haben, und so mußte er auf Mittel sinnen, sich einen
solchen Erfolg zu sichern. So war er unablässig bemüht, einen Plan zu
diesem Zweck zu ersinnen, ohne daß ihm dies jedoch gelang. Erst als
die Nachricht von Sidoniens Reise in das Bad zu ihm gelangte, gewann
derselbe einen bestimmten Haltpunkt. Es war ihm bekannt, daß Römer's
Besitzung nur wenige Stunden von dem Curort entfernt war, und er hielt
sich daher überzeugt, daß lediglich dieser Umstand die Prinzessin zu
der Wahl des Ortes veranlaßt haben könnte.
Nichts hätte ihm erwünschter kommen können; denn er setzte nun mit
Bestimmtheit voraus, daß Sidonie die gewährte Freiheit zu einem
lebhaften Umgange mit dem Grafen benutzen würde und dieser Umstand
seiner Absicht sehr zu statten kommen müßte. Schon war er Willens,
sich durch des Prinzen Einfluß einen Urlaub zu verschaffen und nach
dem Badeort zu begeben, um daselbst in seinem Sinn zu wirken; er gab
dies Vornehmen jedoch in der naheliegenden Voraussetzung auf, dadurch
seinen Zweck nur schwer oder vielleicht gar nicht erreichen zu können,
da Sidonien seine Anwesenheit bald bekannt und sie daher zur Vorsicht
veranlaßt werden würde.
Darum entwarf er einen andern Plan, der ihm sicherer däuchte.
Er hatte in seinem neuen Aufenthalt den Kapitän von Bieberstein kennen
gelernt und in demselben einen für seine Zwecke sehr geeigneten
Charakter gefunden, er gedachte diesen nun in seinem Sinn zu benutzen.
Er weihte den Kapitän in seine Absichten ein, ohne ihm jedoch sein
eigenes Interesse dabei zu verrathen, sondern gab als Grund der
ersteren an, daß es sich in diesem Fall lediglich darum handelte,
einen lebhaften Wunsch des Prinzen zu erfüllen. Er deutete ihm die
großen Vortheile an, welche ihm dadurch im Fall des Gelingens von dem
künftigen Regenten zu Theil werden müßten, und wußte durch seine klug
berechneten Worte den Kapitän bald für sich zu gewinnen.
Die Aussicht, sich den Prinzen verbinden zu können, war dem Kapitän
viel zu verlockend, um irgend welchem Bedenken Raum zu gestatten. Der
Plan des Barons war nun folgender: Bieberstein sollte sich unter dem
Vorwande von Kränklichkeit nach dem von Sidonien besuchten Bade begeben
und die Letztere im Geheimen beobachten. Da weder die Prinzessin noch
Römer ihn kannten, so vermochte er dies in vollstem Maße zu thun. Er
sollte dabei zugleich bemüht sein, sich irgend welche Beweise von dem
bestehenden Liebesverhältniß zwischen dem Grafen und der Prinzessin
zu verschaffen. Die Art und Weise, in welcher dies geschehen könnte,
überließ ihm Mühlfels.
Reich mit Mitteln versehen, traf der Kapitän in dem Curort ein, und
ganz erfüllt von dem erhaltenen, so gewinnbringenden Auftrag, unterzog
er sich demselben mit dem höchsten Eifer. Er hatte bald erlauscht,
daß sich Sidonie viel auf dem Balkon ihres Hôtels aufhielt, und
beobachtete sie aus dem nahe gelegenen Garten, in welchem seine Wohnung
lag, die er sich als ganz besonders für seinen Zweck geeignet besorgt
hatte. So gelang es ihm, nicht nur des Grafen Besuche bei Sidonien
zu entdecken, sondern er bemerkte auch, daß sie sich bisweilen mit
dem innigen Betrachten eines Medaillons beschäftigte. Durch Mühlfels
in die Verhältnisse eingeweiht, glaubte er sich in der Annahme nicht
zu täuschen, daß das letztere vielleicht des Grafen Portrait wäre.
Gelang es ihm, sich in den Besitz desselben zu setzen, und sah er
sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht, so war seiner Ansicht
nach auch in Verbindung mit den von ihm gemachten Beobachtungen der
Zweck erreicht. Es fragte sich jedoch, durch welche Mittel er sich das
Medaillon aneignen könnte. Die Sache war im höchsten Grad schwierig
und verlangte große Vorsicht, damit sein Spiel nicht verrathen wurde.
Nur Jemand aus der näheren Umgebung der Prinzessin vermochte den zum
Raub geeigneten Augenblick zu erlauschen und den letzteren auszuführen.
Wer von den Dienern würde sich jedoch dazu gewinnen lassen; das fragte
sich Bieberstein. Die Prinzessin sollte, wie er vernommen hatte, sich
der ergebensten Dienerschaft erfreuen; es war also wenig Aussicht zur
Erfüllung seines Wunsches vorhanden. Dennoch meinte er den Versuch dazu
machen zu müssen. Er war erfahren genug, um zu wissen, daß dem Gelde
selbst die treuesten Diener nicht zu widerstehen vermögen, besonders
wenn ihre Dienste mit keiner Gefahr für sie verbunden, sondern obenein
von hoher Stelle aus noch belohnt werden würden.
Der Zufall führte ihm bald einen der Diener in den Weg, und er zögerte
nicht, diesen Umstand in seinem Sinn zu benutzen. Er prüfte mit der
ihm eigenen Schlauheit sofort den Charakter des anscheinend gewandten
Mannes und erkannte zu seiner angenehmen Ueberraschung, in demselben
vielleicht das gewünschte Werkzeug seines Vorhabens gefunden zu haben.
Er hatte sich in der That nicht getäuscht, und in nicht langer Zeit
gelang es der Ueberredungskunst und seinen reichen Mitteln, den Diener
seinen Absichten willfährig zu machen. Derselbe mußte ihm fortan alle
irgend wichtigen Vorgänge, vor Allem jedoch die Besuche des Grafen
und deren Dauer sofort mittheilen und zugleich sein Augenmerk auf
das Entwenden des Medaillons richten. Die plötzliche Erkrankung des
Kindes und die dabei obwaltenden, bereits näher bezeichneten Umstände
erleichterten das Vergehen in hohem Grade. Denn nur der Zufall ließ
den stets spionirenden Diener das Portrait entdecken. Er hatte sich
nämlich kurz vorher, geschützt von der Dunkelheit, im Garten in der
Nähe des Balkons aufgehalten und dabei Gelegenheit gefunden, Sidonie
im Betrachten des Medaillons zu beobachten, und dieser Umstand im
Verein mit den übrigen Verhältnissen ihm den Raub der Cassette sehr
erleichtert. Wie fern lag Sidonien die Ahnung, in solcher Weise
beobachtet zu werden; in der Ueberzeugung, auf dem Balkon vor jedem
Lauscher gesichert zu sein, fiel es ihr nicht ein, irgend wie Vorsicht
ausüben zu müssen. Um den Verdacht von sich und den Leuten der
Prinzessin abzulenken, hatte der Diener die Lichte brennen lassen,
damit vorausgesetzt würde, man habe von dem Garten aus die Cassette
entwendet.
Alles Weitere ist uns in dieser Beziehung bekannt, und wir dürfen kaum
hinzufügen, wie reich der Kapitän den Diener belohnte, nachdem er das
gewünschte Medaillon wirklich gefunden hatte.
Bieberstein meldete dem Baron sofort das so höchst wichtige Resultat
seiner Bemühungen und fragte bei ihm zugleich an, ob er sich dadurch
befriedigt fühle; ehe er jedoch noch eine Antwort erhielt, wurde
der nämliche Diener mit dem Ueberbringen des Briefes an den Grafen
beauftragt. Neben dem Portrait konnte ein Brief von Sidonien an den
Grafen das bedeutsamste Beweisstück von ihrem Verhältniß bieten, und
der Kapitän hatte daher in dieser Erkenntniß den Diener, der, wie wir
erfahren haben, die Briefe an den Grafen besorgte, sogleich angewiesen,
ihm dieselben, bevor er sie ablieferte, einzuhändigen, damit er sie
durchsehen und das Weitere darüber bestimmen könnte. Die bisherigen
Briefe waren alle von Aurelien gewesen und ohne jede Bedeutung; das
letzte Schreiben an den Grafen enthielt jedoch Sidoniens Worte, und so
sah der Kapitän seine Mühe reich belohnt. Daß der Diener verschwand
und nicht entdeckt werden konnte, war ein berechnetes Spiel, um den
Raub zu verbergen und den Ersteren sicher zu stellen. Ueberdies wußte
man nicht, ob der Fürst die dabei angewandten Mittel gebilligt haben
würde, falls ihn die Prinzessin künftighin damit bekannt machte, was
nicht gut ausbleiben konnte. Darum mußte der Diener sich nach seiner
fern gelegenen Heimath begeben, und that dies um so lieber, da er nicht
nur sehr reich beschenkt, sondern ihm auch für die Folgezeit eine sehr
einträgliche Stelle in der Umgebung des Prinzen zugesichert worden war.
In welcher Weise der Kapitän überdies bemüht war, sich mit dem Grafen
bekannt zu machen und sich in sein Vertrauen zu stehlen, haben wir
bereits früher erfahren. Mit diesen Beweisen kehrte er zu Mühlfels
zurück und wurde später von diesem angewiesen, die ersteren dem Prinzen
im Geheimen zu überbringen.
Dieser war im hohen Grade erfreut darüber, erachtete es jedoch für
besser, wenn dem Fürsten der Ueberbringer so wie die nähern Umstände
zu dem Allen verschwiegen blieben, und sprach den Wunsch aus, ihm die
Sachen auf der in den nächsten Tagen stattfindenden Redoute und zwar
in Gegenwart des Fürsten als Maske zu überreichen. Das Weitere ist
uns bekannt, so wie auch die unheilvollen dadurch hervor gerufenen
Wirkungen.
Der Fürst war, wie wir erfahren haben, durch die Anklage der Prinzessin
und die ihm übergebenen Beweisstücke für ihre Liebe in hohem Grade
überrascht worden; denn er hatte bis zu diesem Augenblick die Untreue
der Prinzessin für unmöglich erachtet; jetzt freilich war das anders.
Dergleichen schlagende Beweise gestatteten keinen Zweifel mehr, und,
unterstützt von seinen Ansichten über Frauentugend und -Sittlichkeit,
erkannte er zu seinem nicht geringen Unmuth, von der anscheinend so
einfachen Prinzessin durchaus getäuscht worden zu sein. Er gab sich
dieser Ueberzeugung um so mehr und lieber hin, da er in der Prinzessin
Schuld zugleich ein geeignetes Mittel erkannte, die Ehre des Prinzen zu
retten.
Wir sehen, daß Sidoniens Voraussetzungen in dieser Beziehung durchaus
begründet waren. Wenn sich vielleicht auch in dem Fürsten bisweilen
einige Bedenken über die Angelegenheit erhoben und er eine im Geheimen
wohl berechnete Intrigue ahnte, so übte das doch keinen solchen Einfluß
auf ihn, um die ihm gebotenen Mittel abzuweisen. Im Gegentheil,
Sidonie würde, so sagte er sich, auf ihrem Verlangen beharrt haben,
die Trennung konnte also nicht umgangen werden, und so war er in hohem
Grade erfreut, die Beweise von ihrer Schuld zu besitzen und der ganzen
Angelegenheit eine so willkommene Wendung geben zu können.
Auf des Prinzen Wunsch erfolgte sofort Mühlfels' Begnadigung, nachdem
der Erstere dem Fürsten die Vermuthung mitgetheilt, daß wahrscheinlich
lediglich durch den Baron die Angelegenheit in solcher Weise arrangirt
und zu ihrer Kenntniß gelangt wäre. Ueberdies ließ diese Annahme auch
erwarten, daß Mühlfels vielleicht noch weitere Aufklärungen über diese
Angelegenheit geben würde; um so mehr Grund für den Fürsten, den Baron
sofort kommen zu lassen, der seiner Ansicht nach durch der Prinzessin
begründete Schuld gerechtfertigt war, jedenfalls vor der Welt in
solcher Weise gerechtfertigt wurde.
Denn nachdem der Fürst entschlossen war, die sich ihm darbietenden
Vortheile in seinem Sinn zu benutzen, konnte es ihm nur erwünscht
sein, auch selbst durch dergleichen Handlungen die Ueberzeugung von
Sidoniens Schuld zu erkennen zu geben. An dem auf Sidoniens Unterredung
mit dem Fürsten folgenden Tage fand eine Berathung des Letzteren und
des Prinzen mit den Ministern statt, in Folge dessen eine Anklage gegen
die Prinzessin erhoben und die weiteren Maßnahmen darin getroffen
wurden.
Die Empfindungen, mit welchen die Letztere nach ihrem Palais
zurückkehrte, dürften wol kaum näher zu bezeichnen sein. Aurelie, die
in der ängstlichsten Spannung der Freundin Rückkehr geharrt hatte,
empfing sie mit besorgten Blicken. Der Ausdruck in Sidoniens Antlitz
verrieth ihr die Bedeutsamkeit der stattgefundenen Unterredung, und um
so erwartungsvoller sah sie daher deren Mittheilung entgegen.
»Es ist Alles verrathen,« sprach Sidonie, als sie sich mit Aurelien
allein befand; »Alles, Alles, und meine reine Liebe in den Schmutz der
Gemeinheit getreten.«
»Verhüte der Himmel, daß Du die Wahrheit sprichst!« rief Aurelie
erschreckt.
»Es ist so, wie ich sagte, und der Fürst hat sich, wie ich erkannt,
nicht eben gesträubt, diesem Bubenstück Glauben und Beifall zu
schenken. Die Cassette und unsere Briefe sind geraubt worden, um
Beweise für meine Schuld zu erhalten, und mit diesen Beweisen ist
mir der Fürst entgegen getreten und wie mir schien in der gewissen
Voraussetzung, mich zum sofortigen Geständniß zu veranlassen. Er irrte
sich jedoch.«
»Was konntest Du ihm sagen?«
»Die Wahrheit, meine theure Freundin, und ich habe es gethan.«
»So bist Du verloren!«
»Ich weiß, daß ich es bin, und um so sicherer, da man mich verderben
will; doch durfte ich nicht anders.«
»Und glaubt der Fürst nicht an Deine Schuldlosigkeit?«
»Er ~will~ es nicht, da sein Staatsinteresse es ihm verbietet.«
»Du überzeugtest Dich davon?«