Vom Winde beunruhigt, klatschte das Wasser gegen die steinernen Ufer,

knarrten die dürren Aeste der hohen Bäume und rieben sich gegen

einander, und hin und her brach ein Zweig und fiel tönend zur Erde.

Römer achtete auf alles das nicht, lediglich von seinen trüben Gedanken

beschäftigt; denn so sehr ihn auch Sidoniens froher Muth beruhigt

hatte, quälte ihn dennoch die Ueberzeugung, daß derselbe in hohem Grade

herausgefordert werden und die Geliebte darunter schmerzlich zu leiden

haben würde. Allerlei Entschlüsse keimten in seiner Seele, um Sidonie

davor zu schützen, und in Erwägung derselben betrat er die Allee und

schritt darauf weiter fort.

Er hatte ungefähr die Mitte der letzteren erreicht, ohne irgend Jemand

zu begegnen, als ein schriller Pfiff vor ihm ihn aus seinem Nachdenken

unangenehm aufstörte. Rasch blickte er vor sich hin und gewahrte mehre

Personen auf sich zukommen. Noch bemüht, dieselben zu erkennen, wurde

er plötzlich von der Rückseite gefaßt, ihm eine Kapuze über den Kopf

geworfen, der Mantel abgerissen, ihm der Degen genommen und die Hände

gefesselt. Alles das geschah so überraschend schnell, daß der Graf sich

nicht im geringsten zu vertheidigen vermochte. Nach Hilfe zu rufen war

ihm unmöglich, so blieb ihm nichts übrig, als sich seinen Feinden zu

ergeben.

Als er in solcher Weise vertheidigungslos gemacht worden war, vernahm

er plötzlich eine Stimme neben sich, die in höflichem Ton die Frage an

ihn richtete, ob er sein Ehrenwort geben wollte, sich in keiner Weise

den weiteren Maßnahmen mit ihm zu widersetzen, alsdann sollte er

von den Fesseln und der Kapuze befreit werden; doch müßte er es sich

gefallen lassen, daß ihm eine Binde über die Augen gelegt würde, die er

erst in einem gewissen Zeitpunkt, den man ihm später bezeichnen werde,

ablegen dürfte.

In der höchsten Bestürzung und Entrüstung vernahm der Graf diese

Bestimmungen und erklärte sofort, sich einer so nichtswürdigen

Behandlung in keiner Weise unterwerfen zu wollen.

»So bedaure ich, die angewandten Maßregeln fortan beibehalten zu

müssen,« entgegnete der Unbekannte und fügte, sich zu ihm neigend, mit

leiserer Stimme hinzu: »Thun Sie, wie ich Ihnen rieth; Sie haben keine

Aussicht, Ihrer Lage zu entkommen.«

»Wer durfte sich diesen Ueberfall erlauben?!« fragte der Graf.

»Ich darf Ihnen hierauf nicht antworten und vollziehe nur die

erhaltenen Befehle,« entgegnete die Stimme. Diese Antwort ließ Römer

erkennen, daß hier nicht von einem räuberischen Ueberfall die Rede sein

könnte, sondern es lediglich auf seine geheime Haftnahme abgesehen war,

darum auch ein jeder Widerstand nutzlos sein mußte, und er bemerkte:

»Ich glaube Sie zu verstehen, mein Herr, und folge Ihrem Vorschlage;

doch würden Sie mich sehr verbinden, wollten Sie mir sagen, ob meine

Verhaftung auf höheren Befehl geschieht und welches Vergehens ich

beschuldigt bin.«

»Ich bin Officier, Herr Graf; dieser Umstand wird mich bei Ihnen

entschuldigen, wenn ich Ihren Wunsch nicht erfülle.«

»Gut denn, mein Herr; thun Sie Ihre Pflicht; Sie haben von mir keinen

Widerstand mehr zu besorgen,« sprach Römer, nachdem er erfahren, in

welchen Händen er sich befand, und nun ein jeder Zweifel, von wem seine

Verhaftung ausgegangen sein müßte, schwand.

Der Officier nahte sich ihm und bemerkte: »Ich freue mich, daß Ihre

Bereitwilligkeit mir fernere Gewaltmaßregeln erspart, die mir in diesem

Fall doppelt unangenehm wären. Denn ich verehre auch in dem Gefangenen

den Cavalier. Erlauben Sie denn, daß ich Ihnen die Binde anlege. Ich

führe Sie alsdann zu einem Wagen, der auf uns wartet, und werde die

Ehre haben, Sie zu begleiten.«

»So werden Sie mich nach einem andern Ort bringen?« fragte der Graf

überrascht.

»Ja, Herr Graf.«

»Wohin?«

»Ich habe den Befehl, Ihnen das zu verschweigen.«

»So werde ich Sie nicht mehr durch Fragen belästigen,« entgegnete Römer

resignirt.

»So bitte ich, mir Ihren Arm zu reichen und sich von mir führen zu

lassen.«

Der Graf erfüllte sein Verlangen, und nach wenigen Schritten erreichten

sie einen Wagen, der sich, nachdem sie ihn bestiegen hatten, sofort in

Bewegung setzte. Mit diesem zugleich brachen auch einige Reiter auf,

die neben dem Wagen aufgestellt waren und diesen jetzt umgaben.

Der Graf vernahm das Getrappel der Pferde und erkannte sofort, daß er

unter einer Bedeckung reiste.

Man hatte ihm den Mantel wieder umgelegt; er hüllte sich jetzt in

denselben ein, lehnte sich in eine Ecke des Wagens und verharrte in

seinem Schweigen.

Und in rascher Eile jagte das Gefährt durch die dunkle Nacht auf

ungeebneten und vom Regen und Schnee aufgeweichten Wegen dahin.

Fünftes Kapitel.

Des Grafen Verschwinden konnte nicht lange verschwiegen bleiben.

Vergebens erwartete Römer's Diener seinen Herrn. Die Nacht ging dahin,

der Morgen kam, ohne daß der Graf erschien. Dadurch in hohem Grade

beunruhigt, forschte er nach demselben umher, ohne daß man ihm irgend

welche Aufklärung über dessen Verbleib geben konnte. Da der Diener

Römer's Besuch im Palais nicht kannte, so gerieth er auch nicht auf

den Gedanken, sich daselbst zu erkundigen; doch suchte er des Grafen

Freunde auf und theilte ihnen die beunruhigende Nachricht mit. Man sah

sich in Folge dessen veranlaßt, allerlei Nachforschungen nach Römer

anstellen zu lassen, ohne daß dieselben irgend ein befriedigendes

Resultat ergaben. Zwar hatte man den Grafen auf seinem Ausritt noch

gesehen; an welchem Ort er jedoch den Abend zugebracht und weshalb

er sich aus der Stadt entfernt hatte, wußte Niemand. Denn von seiner

Verhaftung schien man nirgends eine Ahnung zu haben. Nachdem der

Diener auch den folgenden Tag vergeblich auf die Rückkehr seines Herrn

gewartet hatte, begab er sich nach der Besitzung desselben, um die

Gräfin mit Allem bekannt zu machen und ihr die weiteren Maßnahmen

anheim zu stellen.

Das räthselhafte Verschwinden des Grafen wurde in der Residenz,

namentlich in den höheren Kreisen, vielfach besprochen. Allerlei

Vermuthungen machten sich geltend, ohne daß man doch auf diejenige der

gewaltsamen Verhaftung gerieth. Wie hätte das auch anders sein können?

Der edle Charakter und das Leben des Grafen waren viel zu bekannt, um

irgend welche bedenkliche Verwicklungen voraussetzen zu können. Und

so sah man sich außer Stande, eine bestimmte Meinung darüber zu hegen

oder gar auszusprechen. Eben so wenig brachten die nächsten Tage irgend

welche Aufklärung. Die Anordnungen zu der Verhaftung mußten in so

guter Weise getroffen worden sein, daß ein Verrath derselben unmöglich

war, und selbst der Zufall schien die ursprüngliche Absicht in keiner

Weise beeinträchtigt zu haben. Zu Sidonien drang das Gerücht von ihres

Freundes Verschwinden erst am Abend des nächsten Tages, und zwar

erhielt sie die Nachricht davon durch Frau von Techow, welche Aurelie

besucht und dieser dieselbe mitgetheilt hatte. Es darf kaum bemerkt

werden, in wie hohem Grade die Freundinnen dadurch bestürzt gemacht und

niedergebeugt wurden.

Sidonie war verzweifelt; denn es war ihr sogleich ersichtlich, daß

nicht ein Unfall etwa, noch auch die Nothwendigkeit, sondern lediglich

eine geheime Gewalt des Grafen Entfernung herbeigeführt haben müßte.

Denn sie wußte nur zu wohl, wie der Letztere seine Gegenwart in dieser

so wichtigen Zeit für unumgänglich nothwendig erkannt hatte; er daher

freiwillig den Ort nicht verlassen haben konnte. So viel es ihr die

Verhältnisse gestatteten, ließ sie im Geheimen nach ihm forschen, ohne

jedoch irgend etwas von Belang zu erfahren.

Man sagte ihr, daß der Fürst dieser Angelegenheit keine Bedeutung

schenkte; ebenso der Prinz.

Sie schienen dieselbe lediglich als eine Privatsache zu betrachten, und

so wurden daher auch nicht die geringsten Maßnahmen zur Entdeckung des

Urhebers dieser That getroffen, obgleich das Ansehen des Grafen den Hof

dazu wol hätte veranlassen müssen. Sidonie hatte sofort durch Aurelie

Römer's Mutter mit dem Vorfall bekannt machen und ihr die Vermuthung

einer geheimen Verhaftung andeuten lassen, um ihr einen Fingerzeig über

die dieserhalb zu thuenden Schritte zu geben.

Ehe hierauf noch eine Antwort erfolgte, wurde sie jedoch bereits durch

die bedeutsamsten Vorgänge herausgefordert.

Es waren etwa drei Tage nach des Grafen Haftnahme dahin gegangen, als

Boisière bei ihr erschien und ihr im Namen des Fürsten eine Einladung

zu einem Besuch um eine bestimmte Zeit überbrachte.

Mit großer Freude begrüßte sie dieselbe in der Voraussetzung, daß

dadurch der peinigenden Ungewißheit, in der sie bisher gelebt und

welche des Grafen Verschwinden überaus erhöht hatte, nun endlich

beseitigt und zugleich das unheimliche Dunkel gelichtet werden sollte,

welches über die möglichen Maßnahmen des Fürsten gebreitet war. Vor

Allem jedoch beglückte sie die Hoffnung, des Freundes Schicksal zu

erfahren und, falls es geboten war, für dessen Interesse wirken zu

können. Bis zu der Unterredung mit dem Fürsten blieben ihr noch mehre

Stunden, und sie benutzte dieselben, um sich während dessen auf die

erstere vorzubereiten, wobei sie Aureliens liebevoller Rath wesentlich

unterstützte.

Daß die Unterredung mit dem Fürsten für sie von hoher Bedeutung und

der Gegenstand derselben ihr Interesse für Römer sein würde, war für

sie keine Frage mehr. Zweifelhaft blieb es allerdings, in welcher Art

der Fürst das letztere zu behandeln für gut fand, so wie, in wie weit

seine Kenntniß davon reichte. Ihres Erachtens konnte er lediglich durch

Zuträger irgend etwas erfahren haben, und sie erachtete den Fürsten

für zu gerecht, um voraus zu setzen, daß er demselben ein besonderes

Gewicht beilegen würde. Auch glaubte sie in seiner Achtung so hoch zu

stehen, daß es nur ihres Erscheinens und ihrer offenen Worte bedürfte,

um ihn zu der Einsicht zu leiten, wie schlecht er bedient worden sei.

Diese Annahme, mehr jedoch noch das Bewußtsein ihrer Schuldlosigkeit

ermuthigten sie, und als der Zeitpunkt zu dem Besuch nahte, begab sie

sich mit größerer Ruhe, als sie zu besitzen gefürchtet hatte, zu dem

Fürsten. Als sie bei ihm eintrat, fand sie ihn nicht anwesend, sondern

er erschien erst nach mehren Augenblicken und begrüßte sie mit kalter

Höflichkeit.

»Es sind,« begann er, nachdem er sich nieder gelassen hatte, in

gemessenem Ton und ohne die Prinzessin anzublicken, »seit unserer

letzten Unterredung über die Ihnen bekannte Angelegenheit so höchst

wichtige Dinge zu meiner Kenntniß gekommen, daß ich mich mit Rücksicht

darauf veranlaßt gesehen habe, Ihnen dieselben vorher mitzutheilen,

bevor ich die dadurch gebotenen Schritte thue. Ich bin dazu durch das

Vertrauen zu Ihrer Offenheit und Wahrheitsliebe bestimmt worden, von

denen ich eine rückhaltlose Erklärung erwarte --«

»Worin Sie sich auch durchaus nicht getäuscht sehen sollen,« fiel

Sidonie, durch seine gemessenen Worte verletzt, ein.

»Um so rascher und sicherer dürften wir eine Erledigung dieser

Angelegenheit erzielen,« bemerkte der Fürst und fuhr alsdann nach

kurzem Hüsteln fort: »Ich weiß, daß Sie von mir eine bestimmte

Erklärung über das von Ihnen ausgesprochene Verlangen, sich von dem

Prinzen zu trennen, erwarten. Sie hätten dieselbe bereits erhalten,

wenn nicht wichtige Entdeckungen mir die Motive verrathen hätten,

welche Sie zu der Trennung bestimmten.«

»Ich denke, mein Fürst, daß es deren nicht bedurfte, da ich Ihnen

dieselben bereits hinreichend bezeichnet zu haben glaube,« fiel Sidonie

überrascht ein.

»Allerdings sah ich mich veranlaßt, Ihren Worten zu glauben; ich bin

jedoch davon zurück gekommen, nachdem ich unzweifelhafte Beweise

besitze, daß nicht des Prinzen Verhalten gegen Sie, sondern die seit

Jahren von Ihnen warm gepflegte Neigung für einen andern Mann Ihnen

die Trennung Ihrer Ehe schon lange höchst begehrenswerth gemacht hat,«

entgegnete der Fürst mit scharfem Ton, während zugleich sein stechender

Blick sich forschend auf sie richtete.

Trotz der gehegten Vermuthung, ihre Liebe könnte einen Verräther

gefunden haben, trafen des Fürsten Worte Sidonie dennoch tief in's

Herz. Das so sorglich verhüllte süße Geheimniß ihrer Seele von ihm

rücksichtslos enthüllt und obenein in solcher Weise benutzt zu sehen,

erfüllte sie mit dem tiefsten Schmerz und Unmuth und machte sie

zugleich im höchsten Grade bestürzt.

Keiner Erwiderung mächtig, blickte sie zu Boden, während der rasche

Farbenwechsel ihres Antlitzes, der bewegte Athemzug ihre große Erregung

verrieth. Der Fürst unterbrach das eingetretene Schweigen durchaus

nicht, sondern fixirte sie mitleidslos, und man erkannte aus diesem

Umstande, daß jedes mildere Gefühl für Sidonie in ihm erstorben war.

Diese rang nach Athem, nach einem entsprechenden Wort, um sich nicht

vertheidigungslos ihrem Richter in die Hände zu geben und damit die ihr

beigelegte Schuld anzuerkennen.

»Ihr Verstummen bekundet, daß man mir die Wahrheit gesagt hat,«

bemerkte der Fürst nach kurzer Pause mit schneidender Schärfe.

Sidonie hatte sich gewaltsam gesammelt und entgegnete:

»Allerdings, mein Fürst, obwol nur zum Theil. Denn ich läugne nicht,

schon vor meiner Vermählung mit dem Prinzen einem andern Manne mein

Herz geschenkt zu haben; doch ist es eine Unwahrheit, daß lediglich

diese Neigung die Motive meines Verlangens gewesen sind.«

»Sie gestehen also diese Neigung zu?« fragte der Fürst rasch.

»Gewiß, mein Fürst, und thue dies um so freimüthiger, da ich früher

meinen Eltern offen meine Abneigung gegen den Prinzen zu erkennen

gegeben habe und lediglich ihrem Verlangen meine Liebe opferte.«

»Sie haben diese Liebe jedoch während Ihrer Ehe gepflegt, ja Sie sind

sogar, von Ihrer Leidenschaft verleitet, in den vertraulichsten Umgang

mit dem Grafen getreten!«

Sidonie schaute den Fürsten überrascht, doch gesammelt an, indem sie,

das Haupt schüttelnd, entgegnete:

»Das ist eine Verleumdung, mein Fürst, wenngleich ich nicht läugne, ihm

meine Zuneigung bewahrt zu haben. Dieselbe war mir von um so größerem

Werth, je mehr ich das Unglück meiner Ehe fühlte. In meiner Liebe zu

einem edeln, würdigen Manne fand ich die Kraft, Jahre hindurch meine

Leiden zu tragen, meine Ehre verletzt zu sehen und die Stunden nur an

der Vermehrung neuen Kummers abzuzählen. Ich wäre längst ein Opfer

dieser unheilvollen Verhältnisse geworden, hätte mich diese Liebe nicht

belebt und aufrecht erhalten.«

»In der That, Prinzessin, Ihr Freimuth überrascht mich!« rief der Fürst

in großer Erregung aus.

»Ich glaube es Ihnen, denn ich weiß ja, welchen Werth Sie einer

aufrichtigen Neigung beizulegen für gut finden.«

»Durften Sie in solcher Weise die gegen den Prinzen zu beobachtenden

Pflichten verletzen?!« fragte der Fürst.

»Verletzen?« fiel Sidonie ein. »Meine Liebe hat dieselbe in keiner

Weise beeinträchtigt.«

»Wie, Sie wollen mich glauben machen, es bestände kein sträfliches

Verhältniß zwischen Ihnen und dem Grafen?!«

»Wer dürfte es wagen, mir einen solchen Vorwurf zu machen?!« rief

Sidonie voll Entrüstung aus.

»Ich, Ihr Fürst!« fiel dieser mit Schärfe ein, erhob und begab sich

nach einem Schreibtisch, aus welchem er ein Päckchen nahm, mit welchem

er zu Sidonien zurück kehrte und es ihr mit den Worten einhändigte:

»Hier sind die Beweise dafür!«

Zitternd vor innerer Bewegung öffnete Sidonie dasselbe, und kaum hatte

sie einen Blick auf den Inhalt gethan, so stieß sie einen Schrei jäher

Ueberraschung aus; sie erblickte das ihr geraubte Portrait des Grafen

und den von ihr an ihn gerichteten Brief.

»Ihr Verhalten zeigt mir zur Genüge, daß Sie diese Dinge für Ihr

Eigenthum anerkennen,« bemerkte der Fürst kalt und scharf.

»Ja, mein Fürst, dieses Portrait gehört mir und diesen Brief habe ich

an den Grafen geschrieben. Aber ich erkenne mit Entrüstung, daß man

sich der niedrigsten Mittel bedient hat, um sich in den Besitz dieser

Dinge zu setzen und daraus die Motive zu einer Anklage gegen mich zu

schöpfen, da Ihnen mein Leben bisher dazu keine dargeboten hat.«

»Sie irren in der letzteren Voraussetzung; es sind Zeugen vorhanden,

die Ihren vertraulichen Umgang mit dem Grafen im Bade beobachtet haben.

Sie haben sich der höchsten Verletzung Ihrer Ehepflichten schuldig

gemacht und so mögen Sie denn auch die Folgen Ihres Handelns tragen!«

»Ein freundschaftlicher Umgang mit einem edeln Manne sollte mir nicht

gestattet, sollte eine schwere Uebertretung meiner Pflichten sein?«

fragte Sidonie voll Entrüstung, indem ihr ganzer Muth in der Erkenntniß

zurück gekehrt war, daß es sich für sie in diesem Moment um das

Höchste, um ihre Ehre, handelte. »Wie, mein Fürst, während sich der

fürstliche Gemahl nicht scheut, sich vor aller Welt eine Buhlerin zu

halten, der er offen huldigt, soll es seiner Gemahlin nicht gestattet

sein, sich an dem Umgange gebildeter Männer zu erfreuen? Wie, mein

Fürst? Oder sollen etwa die Fürsten das Privilegium rücksichtsloser

Sittenlosigkeit besitzen und sollte ihren Leidenschaften keine Schranke

gesetzt sein, ihnen, welche ihrem Volk in Sitte und Leben ein Vorbild

sein sollen? Und dieses Privilegium sollte so weit ausgedehnt werden,

daß sie auch selbst ihren Gemahlinnen keine Berücksichtigung schenken

dürfen, ja, daß es diesen trotz alledem nicht einmal gestattet sein

soll, sich in einem harmlosen Umgang mit Anderen eine Freude zu suchen?

Woher schöpfen denn die Fürsten diese Freiheit? Aus der Willkür und

weil sie Niemand über sich wissen, während die von ihnen eingesetzten

Richter doch den einfachen Bürger, der sich dergleichen Vergehen

vor Sitte und Gesetz schuldig macht, verurtheilen? Was das Weib

niederen Standes von ihrem Gatten verlangt und verlangen darf, sollte

dennoch fürstlichen Gemahlinnen vorenthalten sein? Die Ehe sollte,

mein' ich, unter allen Verhältnissen und in allen Ständen als gleich

würdig betrachtet werden. Das scheinen die Fürsten jedoch anders zu

beurtheilen. Fordern sie durch ein solches Verhalten nicht ihre Frauen

zur Nachahmung heraus, und wenn diese erfolgt, wagen sie es obenein,

über die Verleiteten zu Gericht zu sitzen, und selbst Unbedeutendes

und vor dem Sittengesetz Gestattetes zu verdammen! So weit ist die

Selbstsucht, so weit die Willkür ausgeschritten?!«

»Ich bitte, sich zu mäßigen!« fiel der Fürst fast drohend ein.

»Würde ich mich mäßigen, mein Fürst, so könnten Sie leicht Mißtrauen

in meinen Charakter setzen, so könnten Sie leicht auf den unheilvollen

Gedanken gerathen, mit einer Schuldigen zu sprechen. Doch meine Seele

ist rein, keine meiner Pflichten verletzt worden, trotz meiner Liebe,

trotz der Beweise derselben, die man mir in berechneter Weise geraubt

hat, um daraus meine Schuld zu begründen.«

»Sie wollen dieses nicht anerkennen; ich sage Ihnen jedoch, daß

eine Frau, die dergleichen hegt, die so zärtliche Briefe an einen

andern Mann schreibt und diesen selbst zu einem =tête-à-tête=

wiederholt empfängt, kein Recht besitzt, von ihrer Schuldlosigkeit zu

sprechen. Dergleichen Dinge lassen auf mehr als eine platonische Liebe

schließen, lassen mit Bestimmtheit behaupten, daß sie nur eine Folge

zärtlichster Zuneigung und Hingabe sind. Wie viele dergleichen Beweise

ihrer gegenseitigen Leidenschaft mögen noch vorhanden sein, die nicht

zu meiner Kenntniß gelangt sind. -- Die Liebe ist eine Leidenschaft,

die sich nicht im Dulden und Verzichten glücklich fühlt, sondern nach

Vereinigung drängt und dann erst ihre Befriedigung fühlt. So ist es

auch bei Ihnen gewesen; aus dem Einzelnen schließt man auf das Ganze,

und ich wüßte nicht, warum ~Sie~ gerade eine Ausnahme gemacht

haben sollten, besonders da Sie ein solches Recht für sich in Anspruch

nehmen. Vielleicht hat Sie dieser Irrthum schwach gemacht, ich will

es glauben. Doch irren Sie, wenn Sie für die Frauen dieselbe Freiheit

verlangen, wie sie der Mann genießt, und in diesem Irrthum beruhen

Ihre Ansprüche. Die Frauen, Prinzessin, sind nur das, was sie sind,

die Mittel bestimmter Zwecke; ihr Reich das Haus und die Familie;

das sollen sie in Bescheidenheit anerkennen und darum auch nicht mit

ungebührlichen Forderungen an den Mann herantreten. Und dieses vor

Allem die Frauen der Fürsten, und wenn Sie vorhin bemerkten, daß diese

die Aufgabe hätten, dem Volk vor allen Dingen als Vorbild zu gelten,

so erinnere ich Sie, daß man dasselbe noch mehr von den Fürstinnen

verlangen darf. Und somit, dächte ich, wäre in dieser Angelegenheit das

letzte Wort gesprochen.«

»Sie irren, mein Fürst, so denke ich nicht!« fiel Sidonie in bestimmtem

Ton ein.

»Was nützten alle Ihre Worte, da Sie sich von der Schuld nicht befreien

können?«

»So halten Sie sich für berechtigt, aus diesen Umständen ein Vergehen

zu folgern?«

»Gewiß mit allem Recht. Außer diesen Beweisen sind Zeugen vorhanden,

die dasselbe bestätigen.«

»Sind sie vorhanden, so sind sie erkauft, so ist Alles ein planmäßig

angelegtes Bubenstück, das darauf hinzielt, mich an meiner Ehre zu

kränken. Ich glaube die Personen zu kennen, welche dasselbe eingeleitet

haben; denn ich weiß, daß die Rachsucht vor keinem Mittel zurückbebt,

sich Befriedigung zu verschaffen. Hüten Sie sich, mein Fürst, daß

Sie nicht, indem Sie sich von derselben in ihren Maßnahmen bestimmen

lassen, zu spät Ihren Irrthum erkennen.«

»Sorgen Sie nicht; das ist meine Sache! Uebrigens genügen mir diese

Beweise schon.«

»Dann habe ich freilich nichts mehr zu sagen und will Ihre Beschlüsse

ruhig abwarten. Doch ehe ich von Ihnen scheide, bitte ich, mir noch

eine Frage zu beantworten.«

»Und welche?«

»Haben Sie den Grafen verhaften lassen?«

»Ich fühle mich nicht bewogen, Ihnen darauf zu antworten.«

»So bin ich überzeugt, daß es geschehen ist,« fiel Sidonie ein und

fügte alsdann mit Nachdruck hinzu: »Wie tief beklage ich es, daß Sie

sich zu so gewaltsamen Maßregeln bewogen gefunden haben; diese wären

in der That nicht geboten gewesen, da der Graf weit entfernt war, sich

irgend welcher Verantwortung zu entziehen. Er theilte mir mit, daß

man ihn auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam gemacht hätte, er der

Warnung jedoch kein Gehör schenken würde, sondern es für Pflicht und

klug erachtete, die Stadt nicht zu verlassen. Bedenken Sie das, mein

Fürst, und erwägen Sie zugleich, daß, fühlte sich der Graf schuldig, er

Zeit genug besaß, sich in Sicherheit zu bringen. Sie müssen mir dies

zugestehen und ebenso, daß eine solche außerordentliche Maßnahme an

einem Mitgliede einer der geachtetsten Familien des Landes kaum von der

öffentlichen Meinung gebilligt werden dürfte, und bitte Sie, den Grafen

frei zu geben, indem ich Sie nochmals versichere, daß es Ihnen nie

gelingen wird, des Grafen Schuld zu begründen.«

»Daß Ihre Sorge zunächst den Mann Ihrer Liebe bedenkt, scheint mir

natürlich; dies pflegt stets so zu sein. Doch bemühen Sie sich

vergeblich und scheinen zu übersehen, daß meine Maßnahmen stets genau

erwogen sind, und ich weit entfernt bin, über die Folgen derselben

besorgt zu sein. Erinnern Sie sich dessen stets, und meine Worte

mögen Ihnen zugleich sagen, daß die auch für die Folge zu treffenden

Arrangements unter ähnlichen Umständen hervor gehen werden.«

»Ich will dies thun und kann es mit der ganzen Ruhe eines schuldlosen

Herzens,« entgegnete Sidonie ruhig und voll Selbstgefühl. »Wenn unter

solchen Verhältnissen auch unsere Unterredung ihr Ende gefunden hat, so

kann ich dennoch nicht von Ihnen scheiden, mein Fürst, ohne Ihnen meine

Ansichten über diese Angelegenheit auszusprechen. Ich bin überzeugt,

das Opfer Ihrer Staatspolitik zu werden, trotz meiner Unschuld. Sie

besitzen die Gewalt, ich keine Mittel zur Vertheidigung, da Sie mich

schuldig wissen ~wollen~.«

»Welche unerhörte Zumuthung!« rief der Fürst entrüstet.

Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 6 / 15 段