»Ich freue mich, meine Gnädigste, dies bejahen zu können,« entgegnete

Bieberstein selbstgefällig und sicher.

»O, mein Sohn kennt seine Freunde!« rief die Baronin und fügte hinzu:

»Er wußte, daß er Ihrer Klugheit unbedingt vertrauen durfte. Hat man

nicht für gut gefunden, Ihnen nachzuforschen?«

»Auf des Fürsten Befehl ist das geschehen; ich sorgte natürlich dafür,

daß dies ohne Erfolg sein mußte,« bemerkte Bieberstein.

»Und die Wirkung war, so viel ich bemerken konnte, eine durchaus gute.«

»Wenigstens ist der Wunsch Ihres Sohnes erfüllt; das Weitere müssen wir

dem Fürsten anheim geben, und wie dieses sein wird, dürfte leicht zu

errathen sein. Der Prinz wurde von der zornigsten Aufwallung übermannt;

wie der Fürst darüber geurtheilt haben mag, vermag ich nicht zu

bestimmen. Als ich nach Ablegung der Maske wieder in dem Saal erschien,

war ich ein wenig überrascht, Oheim und Neffen in der besten Laune

zu finden. Doch das mag ein abgekartetes Spiel gewesen sein, um sich

nicht zu verrathen. Der Fürst ist klug, und der Prinz wird sich seinen

Anweisungen gefügt haben. Sie kennen das, meine Gnädige.«

»Sie wissen, von welcher großen Wichtigkeit meinem Sohn die bekannte

Angelegenheit ist; es gilt die Rechtfertigung seiner Ehre, und Sie

können daher von seinem tiefsten Dank überzeugt sein,« sprach die

Baronin mit großem Wohlgefallen.

»Ich weiß es, meine gnädigste Frau, und bin überzeugt, mein Freund

wird, sobald er wieder zu Einfluß am Hofe gelangt ist, mir sein Wort

gern halten.«

»Zweifeln Sie nicht daran und möchten seine so eifrigen Bemühungen

einen recht baldigen und zugleich erwünschten Erfolg herbei führen!«

»Der Prinz ist sein Freund, und so wird daher der Lohn nicht

ausbleiben, ganz abgesehen, daß Ihr Sohn auch zugleich dem Fürsten

einen wichtigen Dienst leistet.«

»Es ist so, und ich gestehe Ihnen, ich sehe der Entwicklung dieser

Angelegenheit mit großer Spannung entgegen,« erwiderte die Baronin,

wurde jedoch in der Fortsetzung ihrer Rede unterbrochen, da ein Diener

den Chevalier Boisière meldete.

»Wie, der Chevalier?!« fragte sie mit Ueberraschung. »Welche Gründe

können ihn veranlaßt haben, mich aufzusuchen? Er hat mich seit dem

Zerwürfniß mit meinem Sohn gemieden, wahrscheinlich, weil er keine gute

Aufnahme bei mir erwartete. Es muß ihn also ein ganz besonderer Anlaß

zu mir führen. Bitten Sie ihn, einzutreten.«

Der Diener entfernte sich, und die Baronin fuhr fort: »Vielleicht

will er sich nach meinem Befinden erkundigen und auf diese Weise den

abgebrochenen Umgang wieder anknüpfen.«

»So will ich nicht stören,« bemerkte der Kapitän und erhob sich.

»Behalten Sie nur Ihren Platz, lieber Kapitän!« fiel die Baronin ein

und fügte hinzu: »Ich gedenke noch später ein paar Worte mit Ihnen zu

sprechen; überdies ist mir Ihre Gegenwart gerade jetzt sehr angenehm.«

Der Chevalier trat ein und begrüßte die Baronin mit der höchsten

Ehrerbietung, und es schien ihm große Freude zu bereiten, in dem

Kapitän einen Freund des Barons kennen zu lernen.

»So darf ich mich offen zu Ihnen aussprechen meine Gnädigste, und das

ist mir außerordentlich lieb, denn ich habe an Ihrem von mir so hoch

verehrten Sohne ein Unrecht gut zu machen und hoffe mir dadurch auch

zugleich Ihre so schätzenswerthe Gunst wieder zu erwerben, die Sie mir

in der letzten Zeit, und leider mit Grund! ein wenig entzogen haben,«

bemerkte der Chevalier und küßte die Hand der Baronin.

»Das klingt ja in der That sehr erfreulich!« fiel die Baronin

überrascht und geschmeichelt ein, und fügte hinzu: »So erklären Sie

mir, mein verehrter Freund, welchem glücklichen Umstande ich einen so

schönen Erfolg verdanke.«

»Lediglich der Gnade unseres Fürsten,« bemerkte Boisière mit Betonung.

»Wie, dem Fürsten?!« fragte die Baronin erstaunt und meinte dann: »Ich

verstehe nicht, mein Freund.«

»Ich glaube es; denn auch ich vermag die Ursachen nicht zu ergründen,

welche den Fürsten so plötzlich bestimmt haben, Ihrem Sohn zu verzeihen

und ihn wieder an den Hof zurück zu rufen.«

»Das hat der Fürst gethan?!« fragte die Baronin in der freudigsten

Ueberraschung.

»Ja, meine Gnädigste, es ist so, und Serenissimus haben mich aus guten

Gründen ganz besonders ausersehen, Ihnen dieses Handbillet zu übergeben

und dabei mitzutheilen, daß dasselbe die Begnadigung Ihres Sohnes

enthält.«

»O, mein Gott, welche große Güte!« rief die Baronin, indem sie das

offene Schreiben empfing und die darin enthaltenen gnädigen Worte mit

gesteigerter Freude überflog. »Nun sagen Sie, wie das Alles zugegangen

ist,« sprach sie darauf.

»Es war etwa die zehnte Stunde,« erörterte der Chevalier, »als mich

Serenissimus zu sich befehlen ließen. Als ich eintrat, kam er mir mit

einem eigenthümlichen Ausdruck in seinem Antlitz entgegen, jedoch nicht

unfreundlich, und bemerkte: »»Hören Sie, Boisière, besondere Umstände

haben mich überzeugt, daß wir dem Baron ein Unrecht gethan, und da habe

ich mich denn kurz entschlossen, dasselbe wieder gut zu machen. Bringen

Sie dieses Schreiben der Baronin; denn es wird ihr Freude bereiten,

wenn ihr Sohn durch sie die Begnadigung erhält. Ich habe absichtlich

Sie zum Ueberbringer derselben erwählt, weil ich voraussetze, daß es

Ihnen lieb sein wird, dadurch zugleich die Gelegenheit zu finden, sich

mit Mutter und Sohn wieder auszusöhnen, die Ihnen wie mir ein wenig

grollen werden.«« Also sprach Serenissimus in leutseligem Ton, und ich

drückte ihm meine Ueberraschung und meinen tiefsten Dank aus, mir diese

Gelegenheit zu gewähren, Ihre und Ihres Sohnes mir so unschätzbare

Freundschaft wieder zu erwerben. Und so bitte ich, vergessen Sie das

Vorgefallene und schenken Sie Ihrem alten Freunde Ihr Wohlwollen auf's

Neue.« Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand und drückte zärtliche

Küsse darauf.

»Von Herzen, mein theurer Freund! Wie könnte ich Ihnen grollen, da Sie

wie auch der Fürst lediglich das Opfer einer Täuschung waren. Die Gnade

unseres Gebieters macht Alles wieder gut.«

Also rief die über die Maßen glückliche Baronin, während sie zugleich

im Geheimen einen vertraulichen Blick mit dem Kapitän austauschte.

»Doch, mein Freund, sind Ihnen etwa die Umstände bekannt geworden,

welche diese Sinnesänderung in dem Fürsten erzeugt haben?« fragte die

Baronin forschend.

»Ich vermag Ihnen nichts Gewisses zu sagen und habe darüber nur

Vermuthungen.«

»Und welche, mein bester Chevalier?«

Dieser zögerte mit einer Antwort, wodurch die Baronin veranlaßt wurde

zu bemerken:

»Kapitän Bieberstein ist ein intimer Freund meines Sohnes und verläßt

schon heute die Residenz, um in die Garnison zu dem Letzteren

zurückzukehren; er wird ihm die erfreuliche Botschaft des Fürsten

überbringen und ihm unsere Unterredung mittheilen, und sie erkennen aus

diesen Umständen, daß jede Zurückhaltung in dieser Angelegenheit von

meinem Sohn herzlich bedauert werden würde.«

»Das ist freilich etwas Anderes, und so will ich denn meine Meinung

aussprechen, obwohl Ihnen dieselbe auch nur wenig Aufklärung gewähren

dürfte,« entgegnete Boisière. »Ich meine,« fuhr er vertraulich fort,

»der gestrige räthselhafte Vorfall mit der Maske dürfte mit des Fürsten

Intentionen in irgend einer Verbindung stehen.«

»Woher glauben Sie das?«

»Wie ich aus guter Hand erfuhr, hat der Fürst bereits eine längere

vertrauliche Unterredung mit dem Prinzen am Vormittage gehabt und es

soll dabei auch der Maske gedacht worden sein. Noch kann ich Ihnen

sagen, daß der Fürst den Befehl ertheilt hat, im Geheimen nach der

Maske unausgesetzt forschen zu lassen; ein Zeichen, wie wichtig ihm

deren nähere Kenntniß sein muß; ein ebenso sicheres Zeichen jedoch

auch, welche große Bedeutsamkeit der Fürst dieser Sache beilegt.«

»So scheint es,« bemerkte die Baronin nachdenkend und fragte alsdann:

»Der Fürst befindet sich also in guter Stimmung?«

»Ich glaube dies bejahen zu dürfen, wenngleich ich auch hinzufügen

muß, daß er ungewöhnlich nachdenklich zu sein scheint und dies stets

ein Zeichen zu sein pflegt, daß ihn eine Sache von großer Wichtigkeit

beschäftigt.«

»Ich hoffe, mein theurer, wiedergewonnener Freund, Sie werden mir

Ihre später gemachten Beobachtungen betreffs dieser Angelegenheit

nicht vorenthalten,« bemerkte die Baronin, ihn mit koketten Blicken

herausfordernd anschauend.

»Da Sie mich auf's Neue Ihrer Freundschaft und Ihres gütigen Vertrauens

zu würdigen so gütig sind, wird mir die Erfüllung Ihres Wunsches ein

ganz besonderes Vergnügen gewähren,« entgegnete der Chevalier in der

artigsten Weise.

»Und wie steht es ~dort~? Ist nichts im Gange?« fragte die Baronin

darauf vertraulich und deutete mit dem Finger über ihre Schulter in die

Gegend, woselbst sich des Prinzen Palais befand.

»Es hat mit dem bekannten Antrag seine Richtigkeit. Ich setzte voraus,

Sie kennen denselben.«

»Sie meinen die gewünschte Trennung?«

»So ist's.«

»Ist vielleicht schon von dem Fürsten ein Beschluß gefaßt worden?«

»Ich glaube dies verneinen zu müssen. Serenissimus, der, wie Sie

wissen, mich seines gnädigen Vertrauens bisweilen würdigt, scheint es

für angemessen zu halten, sich nicht zu übereilen, vielleicht auch

nicht geneigt zu sein, sich über seine Intentionen in dieser Beziehung

auszusprechen.«

»Seine Weisheit wird einen ersprießlichen Entscheid herbei zu führen

wissen, um diese traurige Angelegenheit seiner und des Prinzen Ehre

gemäß zu erledigen.«

»Ja, ja, das ist es, das hat den Fürsten auch in der letzten Zeit

sehr lebhaft beschäftigt! Sie wissen, er ist im Punkt seines Ansehens

äußerst difficil. Alle Welt weiß, daß ~er~ diese Ehe gestiftet,

und darum verdrießt es ihn in hohem Grade, sich in solcher Weise offen

compromittiren zu müssen. Ich bin überzeugt, er gäbe viel darum, fände

er ein geeignetes Mittel, welches ihm einen solchen Eclat ersparte.«

Die Baronin wechselte, während er sprach, bisweilen einen

verständigenden Blick mit dem Kapitän, der ein aufmerksamer Zuhörer des

Mitgetheilten war, ohne sich jedoch durch irgend eine Bemerkung in das

Gespräch zu mischen. Als der Chevalier endete und aufbrach, entgegnete

sie mit großer Freundlichkeit:

»Der heutige Tag ist ein doppelt und dreifach beglückender für mich, da

er mir nicht nur meinen Sohn, sondern auch einen so sehr geschätzten

Freund wieder giebt. Ich hoffe, mein bester Chevalier, es soll unsere

Intimität fortan durch keinen Mißklang mehr beeinträchtigt werden, und

versichere Sie nochmals, welche große Freude mir Ihr heutiger Besuch

bereitet hat, dem hoffentlich, und wie ich herzlich bitte, noch recht,

recht viele in Bälde folgen mögen!«

Sie reichte ihm die Hand, die der Chevalier an die Lippen führte, indem

er bemerkte:

»Sie sind die Güte selbst, meine theure Baronin, und ich scheide

mit eben so viel Verehrung als Bewunderung von meiner überaus

liebenswürdigen Freundin.«

Er verabschiedete sich alsdann auch von dem Kapitän und ersuchte ihn,

Mühlfels in seinem Namen um Vergebung und um seine Freundschaft zu

bitten.

»Nun, lieber Bieberstein, wie gefällt Ihnen das Alles?« fragte die

Baronin, nachdem sich der Chevalier entfernt hatte und sie sich mit

Ersterem allein befanden. »Ich denke, Sie sind mit diesen Erfolgen sehr

zufrieden gestellt.«

»Ich gestehe, mich von meinem Erstaunen noch nicht erholen zu können.

In der That, die Mittel, welche Ihr Sohn in diesem Fall angewandt hat,

scheinen sehr wirksamer Natur zu sein,« fiel der Kapitän ein.

»Sie haben aus des Chevaliers Worten entnommen, welchen Werth dieselben

unter den obwaltenden Umständen bei Hofe besitzen. Ich kenne meinen

Sohn zu genau, um nicht überzeugt zu sein, daß er durchaus sicher

gegangen ist. Doch die Folge wird es uns ja noch deutlicher zeigen.

Jetzt, lieber Bieberstein, gestatten Sie mir, meinem Sohn zu schreiben,

damit er durch Sie die ihm so willkommene Botschaft erhält. Ich erwarte

Sie zum Diner und dann plaudern wir noch ein Stündchen.«

Sie reichte ihm die Hand, wobei sie nicht unterließ, den ziemlich

hübschen Kapitän gleichfalls mit einem koketten Lächeln zu beglücken,

das nach Belieben gedeutet werden konnte, ohne den Beglückten irgend

welcher Gefahr einer Täuschung auszusetzen.

Als die Baronin allein war, athmete sie froh auf; ihr Auge leuchtete

freudig; welch' ein überaus glücklicher Tag war der heutige! Derselbe

hatte sie gleichsam mit Freuden überschüttet. Nochmals las sie des

Fürsten Billet und Marianens Schreiben, und dieselben alsdann hoch

haltend, sprach sie vor sich hin: »~Diese~ Schätze sichern uns

eine große Zukunft!«

Wir kehren jetzt zu dem Grafen zurück. Seinem Vornehmen getreu,

änderte er nichts in seiner bisher beobachteten Lebensweise. Er ließ

sich an einzelnen öffentlichen Orten sehen, besuchte seine Freunde

und besprach mit ihnen in der unbefangensten Weise das Fest und den

bereits ziemlich allgemein bekannten Vorfall mit der mysteriösen Maske.

Allerlei Vermuthungen wurden dabei ausgesprochen, ohne daß man jedoch

die eigentliche Bedeutung desselben ergründet zu haben schien; denn

auch nicht die leiseste Anspielung verrieth dies, welche jedenfalls

erfolgt wäre, würde man mit dem Sachverhalt bekannt gewesen sein.

Eben so fruchtlos war des Grafen absichtliches Bemühen, Aufklärung zu

erhalten oder den unbekannten Warner zu entdecken. Niemand verrieth

sich ihm als derselbe, noch auch fand sich dieser veranlaßt, sich dem

Grafen zu nahen und ihm die Dringlichkeit seines Rathes an's Herz zu

legen, wozu die beharrliche Anwesenheit des Grafen herausforderte.

Wäre, so sagte sich dieser, der unbekannte Freund ein wahrer gewesen,

so würde er seine Warnung wiederholt und zugleich durch Erklärungen

unterstützt haben. Da dies im Lauf des Tages jedoch nicht erfolgte,

so hielt sich der Graf auch zu der Annahme berechtigt, vielleicht

getäuscht, vielleicht sogar auf die Probe gestellt worden zu sein.

Diese Ueberzeugung, die sich immer mehr bei ihm befestigte, beunruhigte

ihn; denn er glaubte darin den Beweis zu finden, daß die gegen ihn und

Sidonie gesponnene Intrigue mit großem Vorbedacht angelegt und erwogen

sei. Er mußte daher auf Alles gefaßt sein. Denn daß es in diesem Fall

nicht ihm allein galt, konnte für ihn kein Zweifel mehr sein. Er war

gewöhnt, nach Tisch einen Ritt in's Freie zu machen, und that dies auch

heute, obgleich das Wetter dazu wenig einladend war; so sehr war er

bedacht, seine Unbefangenheit zu zeigen.

In der Erwartung, vielleicht bei seiner Rückkehr durch irgend eine

Maßnahme überrascht zu werden, fand er sich dennoch beim Betreten

seiner Wohnung getäuscht. Weder hatte ihn Jemand aufgesucht, noch war

ein Schreiben oder eine Bestellung eingelaufen.

Ueberraschte ihn dieser Umstand auch, da die erhaltene Warnung

dergleichen erwarten ließ, so beruhigte ihn derselbe doch auch

zugleich, indem er daraus die Ueberzeugung schöpfte, daß man Gründe

hatte, die vorausgesetzte Angelegenheit nicht zu übereilen.

So nahte der Abend und er begab sich zu der gewöhnten Stunde zu

Sidonien. Er befand sich in großer Spannung, welche die Ungewißheit

erzeugte, in wie weit die Geliebte von dem Allen betroffen und ob sie

überhaupt mit dem Vorfall bereits bekannt gemacht worden war. Ehe er

das Palais betrat, bemühte er sich, die erforderliche Ruhe zu gewinnen,

und nachdem ihm dies in einem gewissen Grade gelungen war, ließ er sich

bei der Prinzessin melden.

Er wurde angenommen und dieser Umstand beruhigte ihn, mehr noch jedoch

die Unbefangenheit, mit welcher ihn Aurelie wie gewöhnlich empfing.

Rasch that er einige Fragen an sie, ob irgend etwas Besonderes

vorgefallen sei oder Sidonie betroffen hätte; als dies Aurelie mit

Ueberraschung über sein Verhalten verneinte, theilte er ihr alsdann mit

wenigen Worten das Vorgefallene mit.

Aurelie erschrak in hohem Grade; doch die Verhältnisse gestatteten

keine Erörterung, und so begaben sie sich schweigend zu der Prinzessin.

Diese empfing ihn in einer gewissen Erregung. Sein Besuch war

ungewöhnlich und hatte sie in hohem Grade überrascht, indem sich ihr

die Vermuthung zugleich aufdrängte, daß irgend ein wichtiger Vorfall

ihn dazu veranlaßt haben müßte. Ueberdies war sie von allerlei

trüben Ahnungen schon seit längerer Zeit erfüllt, die sie auf Uebles

vorbereitet hatten. Kaum hatte sie daher des Grafen und Aureliens

besorgte Mienen erkannt, als auch sie erschrak und bemerkte:

»Meine Ahnung scheint mich nicht getäuscht zu haben; es ist etwas von

Bedeutung vorgefallen.« Sie heftete zugleich ihr Auge forschend an das

seine.

»Es ist so, meine theure Freundin, und ich bitte Sie, sich auf schlimme

Dinge gefaßt zu machen,« entgegnete Römer und erkundigte sich alsdann

nochmals, ob irgend etwas Besonderes sie betroffen hätte.

»Durchaus nicht. Der Tag ist mir in der gewöhnten Einförmigkeit dahin

gegangen; nur beunruhigte es mich, daß Aurelie keine Nachricht von

Ihnen erhielt,« entgegnete Sidonie.

»So vernehmen Sie denn, was geschehen ist und wie weit wir davon

betroffen worden sind,« fiel der Graf ein und theilte ihr alsdann das

Bekannte mit, indem er ihr zugleich das erhaltene Billet zeigte.

Sidonie hatte seine Worte mit tiefer Erschütterung vernommen; als er

endete, entgegnete sie in schmerzvoller Bewegung:

»O, wäre mir ~das~ erspart worden! Ein namenloses Weh ergreift

mich bei dem Gedanken, mein heiligstes Gut von ~diesen~ Menschen

angetastet, bespöttelt und verurtheilt zu sehen! Denn sie werden es

thun, wenn sie nicht noch Aergeres im Sinn haben.«

»Das Letztere fürchte ich, und muß das um so mehr besorgen, da das

erhaltene Billet darauf hindeutet. Jedenfalls, meine theure Freundin,

steht uns irgend ein Kampf mit noch ungekannten, vielleicht auch

bekannten Feinden bevor, auf welchen wir gefaßt sein müssen.«

»So wird es sein, und ich denke, mein Freund, wir kennen diejenigen,

die es sich angelegen sein ließen, das Geheimniß unserer Liebe zu

erforschen. Dies, ich bin überzeugt, werden sie als ein Mittel für

ihre niederen Zwecke gebrauchen, obwol ich nicht einsehe, wie sie das

könnten und -- zu welchem Zweck sie das thun sollten.«

»Wenn ich auch Ihre Ansicht theile, so erinnere ich Sie doch, daß man

gewiß mit Vorbedacht zu Werke gegangen ist und die Rachsucht überdies

vor keinem Mittel zurückschreckt, um ihre Ziele zu erreichen.«

»Und wenn dem auch wirklich so wäre, mein Freund, wer darf es wagen,

unsere Liebe als ein Vergehen zu bezeichnen!«

»Die Falschheit, die Tücke und vielleicht die -- -- Staatspolitik«

-- -- bemerkte Römer.

»Sie haben Recht, die Staatspolitik!« fiel Sidonie, von einem

plötzlichen Gedanken ergriffen, ein und fuhr alsdann mit Erregung

und Unmuth fort: »Nun, mögen sie denn versuchen, was sie über mich

vermögen; ich will in dem Gefühl meiner Schuldlosigkeit und in dem

erhebenden Bewußtsein meiner Liebe vor einem mir angebotenen Kampf

mit ihnen nicht zurück schrecken. O, mein theurer Freund, die Arglist

übersieht, daß sie dem schuldlos Leidenden dadurch eine Waffe in die

Hand giebt, indem sie ihm das Uebelste zumuthet und vor ihm ihre

ganze Schamlosigkeit enthüllt. Das, fürchte ich, wird geschehen, das

aber wird mir auch den Muth geben, den ich diesen Menschen gegenüber

gebrauche. Darum fürchten Sie nicht für mich. Was, mein Freund, hätten

wir auch zu fürchten? Ich wüßte nicht.«

Sie reichte ihm die Hand und blickte ihm liebevoll in die Augen, indem

sie fortfuhr: »Und wir kämpfen ~gemeinschaftlich~ und haben nur

~ein~ Ziel; das wird uns Kraft verleihen.«

»Wie sehr beruhigen und beglücken mich Ihre Worte! Mein Schmerz über

den Verrath war nur darum so groß, weil ich wußte, wie tief Sie davon

getroffen werden würden. Jetzt bin ich ruhiger, da ich Sie so gefaßt

sehe. Denn nach dem Erfahrenen unterliegt es wol keinem Zweifel mehr,

daß uns eine trübe Zukunft erwartet.«

»Ja, mein Freund, so wird es sein; aber ich denke auch, um Liebe leiden

sei nicht schwer,« entgegnete Sidonie in zärtlichem Ton.

Der Graf neigte seine Lippen auf ihre Hand und bemerkte alsdann:

»Lassen Sie uns diese Stunde benutzen, um uns über das zu Erwartende zu

verständigen. Es könnten uns vielleicht unvorhergesehene Umstände in

irgend welcher Weise herausfordern, ja, es dürfte nicht ganz unmöglich

sein, daß wir nicht sobald wieder zu einander kommen und daher unsere

Gedanken auch nicht austauschen können, und so ist es gut, dies schon

jetzt zu thun.«

Sidonie stimmte ihm darin bei und er bat sie, falls er verhindert wäre,

sie zu sprechen oder ihr Nachricht zugehen zu lassen, seine Mutter

durch Aurelie mit ihren Wünschen bekannt machen zu lassen, und zu

erwarten, daß dieselbe durch deren Erfüllung sehr beglückt sein würde.

Zugleich theilte er ihr seine Unterredung mit seiner Mutter mit und

verschwieg ihr deren Zustimmung zu seiner Liebe nicht. Diese Nachricht

erfreute Sidonie in hohem Grade und sie vertraute ihm, wie tief sie

unter der naheliegenden Voraussetzung, daß seine Liebe zu ihr von

seiner Familie nicht gebilligt würde, bisher gelitten hätte.

Und sie besprachen alsdann noch mancherlei Dinge, die für sie von

Wichtigkeit waren, und es trat mit diesen Mittheilungen, an welchen

sich auch Aurelie voll Wärme betheiligte, immer mehr Ruhe in ihre

Seele. Der Graf kürzte seinen Besuch ab und schied alsdann, nachdem sie

verabredet hatten, sich nur in den dringendsten Fällen Mittheilungen

zukommen zu lassen und diese auch nur durch die zuverlässigsten

Personen. Aurelie schlug dazu ihre Freundin, Frau von Techow, vor,

durch welche sie die letzteren besorgen lassen wollte; auch gedachte

sie bei derselben wie ehemals mit ihm zusammen zu kommen, falls die

Umstände es erheischen sollten.

Das Scheiden wurde ihnen heute schwerer denn je. Sie sagten sich in der

Furcht Lebewohl, vielleicht für lange Zeit von einander getrennt zu

bleiben. Zwar gedachte Sidonie, wie sonst ihre Wochengesellschaft zu

geben, und der Graf versprach, dieselbe, falls es ihm nicht unmöglich

gemacht wurde, jedenfalls zu besuchen; sie zweifelten jedoch an deren

Zustandekommen und schöpften die Gründe dazu aus den obschwebenden

Verhältnissen; denn sie trennten sich mit der Gewißheit, daß ihnen die

nahenden Tage wichtige Ereignisse bringen würden.

Der Graf verließ das Palais. Er hatte sich heute zu Fuß dahin begeben

und es verabsäumt, seinen Wagen nachkommen zu lassen, wie das sonst wol

unter ähnlichen Umständen zu geschehen pflegte. Der Abend war dunkel;

der Himmel mit Wolken bedeckt; die Luft rauh und durch einen eisigen

Zug aus Norden um so empfindlicher gemacht. Römer hüllte sich fester in

seinen Mantel und trat den Heimweg an.

Nur vor dem Palais brannten mehre Lampen; die Stadt selbst war äußerst

spärlich erleuchtet, und wer zu dieser Zeit nicht eine Laterne auf

seinem Gange mit sich führte, mußte große Vorsicht beobachten, um

nicht über das schlechte Pflaster zu stolpern, oder in eine der vielen

Pfützen zu gerathen, die sich überall geltend machten.

So schritt auch Römer, durch die bezeichneten Hindernisse genöthigt,

seine Aufmerksamkeit auf die Vermeidung derselben zu richten, langsam

und vorsichtig weiter, in Folge dessen ihm ein Umstand entging, der im

Hinblick seiner Lage für ihn von Bedeutung genannt werden mußte.

Kaum hatte er sich nämlich einige Schritte von dem Palais entfernt,

so tauchten aus der Dunkelheit der neben dem letzteren befindlichen

Anlagen zwei Personen auf, die den Nebenausgang, aus welchem der Graf

gekommen war, bisher beobachtet hatten und ihm nun in einer gewissen

Entfernung folgten. Ohne die Gegenwart und das Interesse derselben für

ihn zu ahnen, schritt der Graf durch eine Straße und erreichte alsdann

eine am Wasser gelegene Allee, durch welche er gehen mußte, um zu

seiner Wohnung zu gelangen.

Die späte Abendstunde, das üble Wetter und die nichts weniger als

einladende Dunkelheit hatten diese ohnehin einsame Promenade von jedem

Menschenverkehr geleert, ganz abgesehen, daß die Stadt um diese Zeit

überhaupt nur wenig belebt zu sein pflegte.

Der Graf blieb hier stehen, um einige Augenblicke zu ruhen, bevor er

den Weg durch die ziemlich lange Allee antrat.

Prinzessin Sidonie (Band 3/3) · 第 5 / 15 段