sich mit einigen zu dem engeren Kreise des Fürsten gehörigen Personen,
welche wie die Ersteren ohne Masken waren. Die Unterhaltung schien
sehr heiter zu sein; denn Lachen und Scherze unterbrachen dieselbe.
Der Fürst zog sich bald darauf mit einem der Herren ein wenig von der
Gruppe zurück und sprach vertraulich mit diesem, während der Prinz mit
den übrigen Personen die Unterhaltung in der früheren Weise fortsetzte.
Einige Augenblicke darauf bemerkte der Graf, daß ein schwarzer Domino,
der sich so lange in dem Nebenzimmer aufgehalten hatte und das
Zurückziehen des Fürsten abgewartet zu haben schien, dasselbe verließ,
sich dem Prinzen von der Rückseite näherte und ihm ein paar Worte
zuflüsterte.
Der Prinz wandte sich rasch um und fragte nach dessen Begehr.
»Wollen Hoheit so gnädig sein, mir ein paar Worte im Geheimen zu
gestatten? Es betrifft Ihre Ehre,« -- entgegnete die Maske zwar in
vertraulichem, jedoch so lautem Ton, daß sie von den Umstehenden
unschwer vernommen werden konnte.
Das Gespräch stockte sofort, und mit Ueberraschung blickte man auf den
Prinzen und die Maske, gespannt, was der Erstere thun würde.
Dieser besann sich einen Augenblick, alsdann wandte er sich an die
Maske und entgegnete:
»Sie sagen, es beträfe meine Ehre? Wenn dem so ist, so folgen Sie mir.«
Zugleich begab er sich in das nahe Nebenzimmer, wohin ihm die Maske
folgte.
Daselbst angelangt, zog die Maske einen Brief und ein kleines Paquet
aus dem Busen und überreichte es dem Prinzen mit den Worten:
»Sie werden die Bestätigung meiner Worte in diesem Briefe finden, und
ich bitte, davon Kenntniß zu nehmen.«
»Zeigen Sie mir erst Ihr Gesicht, mein Herr,« bemerkte der Prinz, die
Maske forschend betrachtend.
»Gestatten Hoheit, daß ich mich erst zu erkennen gebe, nachdem Sie den
Brief gelesen haben,« entgegnete der Domino mit einer Verbeugung und
trat ein wenig von ihm zurück.
»Sie wissen, daß dergleichen hier nicht Sitte ist,« bemerkte der Prinz.
»Ich weiß es; doch hoffe ich, der Inhalt des Briefes wird mich
entschuldigen, und darum wiederhole ich meine Bitte, denselben sogleich
lesen zu wollen. Hoheit haben alsdann über mich zu befehlen,« wandte
die Maske ein.
Der Prinz betrachtete diese nochmals mit mißtrauischen Blicken und
entgegnete alsdann nach kurzem Entschluß:
»Nun gut, mein Herr, ich will Ihren Worten vertrauen und den Brief
lesen; Sie werden mir alsdann weitere Aufklärung darüber geben.«
Die Maske gab ihre Zustimmung durch eine tiefe Verbeugung zu erkennen,
worauf der Prinz sich nach den in der Nähe befindlichen Kerzen begab,
den Brief öffnete und las. Der Inhalt des letzteren mußte wol von
großer Wichtigkeit für ihn sein; denn sein Antlitz röthete sich rasch
vor innerer Erregung, und mit einem Ausruf zornigster Entrüstung fuhr
er auf und suchte die Maske. Er fand dieselbe jedoch nicht, denn sie
hatte sich, während er sich mit dem Briefe beschäftigte, heimlich aus
dem Gemach entfernt.
Der Fürst hatte trotz seiner Unterhaltung dennoch des Prinzen
Entfernung mit der Maske bemerkt, ebenso war ihm der Ausdruck der
Ueberraschung nicht entgangen, welcher sich in seines Neffen Antlitz
in Folge dessen verrieth, und er schloß daraus auf die Wichtigkeit des
Vorganges. Als nun des Prinzen zorniger Ausruf an sein Ohr drang, ging
er dem ihm bereits mit dem Zeichen großer Entrüstung entgegen kommenden
Neffen entgegen und fragte, was geschehen sei.
Der Prinz deutete auf den in seiner Hand befindlichen Brief und sprach
die Bitte aus, dem Fürsten das Nähere darüber im Geheimen mittheilen
zu dürfen. Dieser, durch alle die genannten Umstände eben so sehr
überrascht als erregt, nahm des Prinzen Arm und ging mit ihm nach einem
nur dem Fürsten zugänglichen Cabinet, woselbst sie vor einem jeden
Lauscher sicher waren.
Daselbst angelangt rief der Prinz:
»Alle meine Voraussetzungen bestätigen sich; hier, mein Fürst, sind die
Beweise!«
Zugleich legte er den Brief und das Paquet vor dem Fürsten auf den
Tisch nieder.
»Wer war die Maske, die Ihnen dieselben brachte?« fragte der Fürst.
»Ich weiß es nicht. Aus guten Gründen scheint sie unbekannt bleiben zu
wollen; denn sie hat sich sogleich heimlich entfernt.«
»Sie hätten das nicht gestatten sollen,« wandte der Fürst ein.
»Ich vermochte das nicht, da mich der Inhalt des Schreibens fesselte.
Ueberdies ist an dem Manne selbst nichts gelegen, da er seine Worte
durch die unzweifelhaftesten Beweise unterstützt.«
»So lassen Sie mich den Brief lesen,« sprach der Fürst, ergriff das
Schreiben und las dasselbe mit großer Aufmerksamkeit durch, betrachtete
sodann mit nicht geringerem Interesse den Inhalt des Paquets, und
nachdem dies geschehen war, blickte er einige Augenblicke sinnend vor
sich hin und bemerkte alsdann mit einem besondern Ausdruck in Mienen
und Blick: »Ich denke, Prinz, das Alles kommt uns sehr gelegen.«
»Wer konnte dergleichen auch voraussehen; ich begrüße es mit Freuden,
denn es rechtfertigt mich bei Ihnen und giebt meiner Angelegenheit eine
ganz andere Wendung.«
»So meine ich auch und denke überdies, wir können diese Dinge in
unserm Sinn benutzen,« sprach der Fürst vertraulich. »Doch,« fuhr er
fort, »ein wenig Vorsicht kann nicht schaden, namentlich wäre es gut,
Aufsehen zu vermeiden, um die Sache nicht etwa denjenigen zu verrathen,
die ein Interesse dafür haben. Darum fassen Sie sich, mein lieber
Prinz, und zeigen Sie Ruhe und Unbefangenheit, damit man nichts ahnt,
und dann lassen Sie uns in den Saal zurückkehren und noch eine Stunde
unseren Gästen schenken. Also täuscht man am besten. Ueberdies, glaube
ich, haben wir auch im Besitz dieser Dinge,« er deutete auf das Paquet,
»einigen Grund, nicht betrübt zu sein. Mir, ich gestehe es Ihnen, ist
ein großer Gefallen damit geschehen, denn ich kann nun mit voller
Freiheit handeln.«
Nachdem er sich darauf noch eine längere Zeit mit dem Prinzen
vertraulich unterhalten hatte, kehrte er, wie er es gewollt, mit
demselben zu den Gästen zurück, und ihre heiteren und unbefangenen
Mienen ließen nicht die hohe und ernste Bedeutsamkeit des soeben
Verhandelten ahnen.
Die mit dem stattgehabten Vorgang bekannten Personen wurden durch
diesen Umstand ein wenig überrascht, da sie darauf nichts weniger als
vorbereitet waren und also das Gegentheil erwartet hatten. Da es eine
Angelegenheit war, die, wie sie vernommen, des Prinzen Ehre betreffen
sollte, so konnte es nicht ausbleiben, daß man sowol mit einander
als mit Befreundeten nach dem Entfernen des Fürsten dieselbe in
eifriger Weise besprach und sich somit das Gerücht von dem sonderbaren
Vorfall sehr rasch unter den Gästen verbreitete. Mit um so größerer
Spannung hatte man daher der Rückkehr des Fürsten entgegen gesehen,
und zwar in der bestimmten Erwartung, Näheres zu erfahren. Man war
jedoch getäuscht; denn sowol der Fürst als der Prinz berührten die
Angelegenheit gegen die ihnen bekannten Personen mit keinem Wort,
und die von ihnen gezeigte gute Stimmung verrieth, daß sie derselben
durchaus keine ernste Bedeutung beilegten. Diese Umstände verleiteten
denn auch die Gäste, lediglich des Prinzen leichter Erreglichkeit die
Veranlassung zu seinem früheren Verhalten zuzuschreiben. Der Fürst
verweilte, seinem Vornehmen getreu, noch eine längere Zeit auf dem Fest
und zeigte die beste Laune; der Prinz tanzte sogar mehrmals, theilte
die Stimmung seines Oheims und verließ erst lange nach diesem den Saal.
Zu jenen Personen, welchen der bezeichnete Vorfall nicht entgangen
war, gehörte auch eine uns bereits genügend bekannte Dame, und zwar
die Oberhofmeisterin der Prinzessin, Baronin Mühlfels. Sie hatte von
einer geeigneten Stelle aus demselben die höchste Aufmerksamkeit
geschenkt und mit gleichem Interesse das Benehmen der Fürsten beachtet,
namentlich nach deren Rückkehr.
Wie viel sie dabei gesehen und vernommen hatte, ließ sich nicht
bestimmen, wenngleich die Annahme nahe lag, daß ihr nichts entgangen
sein mußte. So dachte wenigstens Graf Römer, der, wie wir erfahren
haben, die bezeichneten Vorgänge bequem hatte beobachten können. Ihm
war dabei auch die Baronin in's Auge gefallen und deren besonderes
Interesse für die letzteren bekannt geworden. Erschien ihm dieses im
Hinblick auf die ihr beiwohnende Neugier natürlich, so däuchte ihm ihre
Theilnahme dennoch einem tieferen Grunde entsprungen zu sein, was ihr
Benehmen verrieth. Er verfolgte diese Betrachtungen jedoch nicht, da
ihm der beobachtete Vorgang viel zu wichtig war, um demselben nicht
seine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Nachdem sich der Fürst mit dem Prinzen zu der Unterredung fortbegeben
hatte, suchte er einige in seiner Nähe befindliche Bekannte auf, um mit
diesen über den Vorfall zu sprechen und vielleicht von ihnen darüber
etwas zu erfahren. Er sah sich jedoch getäuscht; denn sie befanden sich
gleich ihm in Unkenntniß darüber, sprachen jedoch die Erwartung aus,
daß ein so besonderer Vorfall nicht lange verschwiegen bleiben könnte.
Der Graf wartete die Rückkehr der Fürsten in der Hoffnung ab,
vielleicht alsdann irgend welche Aufklärung zu erhalten, was jedoch
aus den angeführten Gründen nicht erfolgte. Er befand sich in einer
ganz ungewöhnlichen Erregung, welche durch die sich ihm unwillkürlich
aufdrängende Vermuthung erzeugt worden war, es könnte jener Vorgang
mit dem Prinzen in irgend welcher für Sidonie gefahrvollen Beziehung
stehen. Zwar vermochte er sich für diese Annahme keine Rechenschaft
zu geben; dennoch verließ ihn diese Sorge nicht, so viel er sie auch
von sich abzuweisen bemühte. Vielleicht lag der Grund dazu darin, daß
ihm die Ansprache der Maske an den Prinzen nicht entgangen war, die
auf eine den Letzteren betreffende Ehrensache hindeutete; vielleicht
jedoch noch mehr in der Erinnerung der in dem Badeort stattgehabten
sonderbaren Vorfälle mit den sich möglicher Weise daran knüpfenden
Folgen.
Seine Unruhe veranlaßte ihn daher, noch länger auf dem Fest zu
verweilen, um sich nichts entgehen zu lassen und sein Forschen
fortzusetzen.
Der Ball nahte jedoch seinem Ende, ohne daß seine Absichten sich in
irgend welcher Weise erfüllten.
So schloß er sich denn den Fortgehenden an.
Am Ausgang des Saals angelangt, woselbst ein ziemlicher Andrang von
Gästen stattfand, wollte er soeben hinausschreiten, als ihm Jemand von
der Rückseite einen Zettel in die Hand drückte. Dadurch überrascht,
wandte er sich um, um den Geber desselben zu entdecken; er erblickte
jedoch nur gleichgiltige Mienen und zwar in einer solchen Entfernung
von ihm, daß er unmöglich annehmen durfte, von einer dieser Personen
den Zettel erhalten zu haben. Was ihn noch mehr in dieser Voraussetzung
bestärkte, war der Umstand, daß er beim Umherblicken dieselbe Maske
zu entdecken glaubte, die früher dem Prinzen das Schreiben überreicht
hatte und jetzt durch das Gewühl in den Saal eilte. Eine Frage an
die ihm Folgenden zu richten, wäre unpassend und zugleich fruchtlos
gewesen, da der Billetgeber die Absicht hatte, dem Grafen unbekannt
zu bleiben; Römer bemühte sich daher in keiner Weise und steckte den
empfangenen Zettel zu sich, um ihn später in seinem Hause zu lesen.
Dergleichen geheimnißvolle Mittheilungen waren in jener Zeit sehr
beliebt, und der Graf würde durch die erhaltene auch nicht weiter
beunruhigt worden sein, hätte er nicht zufällig jene Maske erblickt,
deren eilige Rückkehr in den Saal sie als die Geberin verrieth,
wenigstens eine solche Vermuthung rechtfertigte.
Mit um so größerer Spannung entfaltete er daher, in seinem Hause
angelangt, das Billet, und that dies zugleich mit dem besorgnißvollen
Gefühl, nichts Gutes zu finden.
Er hatte sich nicht getäuscht; denn die Worte lauteten also: »Fliehen
Sie, so schnell Sie können. Ihr Verhältniß zu der Prinzessin ist
verrathen und Sie haben daher das Uebelste zu erwarten.« Mehr
enthielt das Billet nicht, noch auch hatte der Warnende seinen Namen
unterzeichnet. Die Worte waren flüchtig auf ein abgerissenes Stück
Papier hingeworfen und die Handschrift dem Grafen durchaus unbekannt.
Es durchrieselte ihn eisig, als er die Worte las, indem dieselben seine
frühere Vermuthung hinsichts eines Zusammenhangs des stattgehabten
Vorgangs auf dem Ball mit Sidonien zur Gewißheit erhoben. Einige
Augenblicke gingen ihm in der tiefsten Erschütterung dahin, ehe er
sich zu fassen und seine Lage zu übersehen vermochte. Seine Liebe
zu Sidonien hatte also einen Verräther gefunden und war zufolge des
Billets dem Prinzen bereits mitgetheilt worden.
Seine frühere so unerklärliche Besorgniß hatte ihn also nicht getäuscht.
Dieser Verrath war unter den gegenwärtigen Verhältnissen von ganz
unberechenbarer Wichtigkeit, da er mit dem Verlangen der Prinzessin,
ihre Ehe zu trennen, zusammen fiel.
Jetzt glaubte der Graf auch eine Erklärung für des Fürsten kaltes
Zurückhalten gegen Sidonie gefunden zu haben. Derselbe mußte bereits am
Vormittage irgend welche Andeutungen über die Neigung der Prinzessin
erhalten haben. Durch welche Umstände das Alles geschehen war und wer
der Verräther sein konnte, blieb für Römer eine ungelöste Frage.
Niemand befand sich am Hofe, der weder für Sidonie, noch für ihn selbst
ein besonderes Interesse hegte; eben so wenig glaubte er durch sein
Verhalten seine Neigung zu erkennen gegeben zu haben.
Er erwog alle diese Umstände des genauesten und gelangte endlich zu
der Ueberzeugung, daß der Quell des Verrathes lediglich an jenem von
Sidonien besuchten Badeort zu suchen sei. Mit dieser Erkenntniß kam
ihm jedoch auch zugleich der Argwohn, der Prinz hätte ihn und Sidonie
dort vielleicht im Geheimen beobachten lassen und die etwa gemachten
Entdeckungen zu dem Verrath geführt haben.
Dieselben konnten jedoch unmöglich von solcher Bedeutung gewesen sein,
um daraus eine Schuld für die Prinzessin oder ihn zu folgern.
Es mußten daher noch andere Umstände dabei maßgebend gewesen sein,
deren Natur er jedoch trotz alles Nachdenkens nicht zu ergründen
vermochte.
Der Warner rieth ihm, so schnell als möglich zu fliehen, da ihm Gefahr
drohen sollte; derselbe deutete ihm damit zugleich an, daß man dieser
Angelegenheit eine so große Bedeutung beilegte, die sie doch sowol von
dem Standpunkt des Fürsten als des Prinzen aus nicht besaß. Denn weder
ihn noch die Prinzessin traf irgend welcher Vorwurf. Die gegenseitige
Zuneigung schloß keine Schuld ein; ihr näherer Umgang mit ihm war durch
die Sitte berechtigt und durchaus nicht ungehörig. Woher sollte und
konnte ihm daher irgend eine Gefahr drohen. -- Er erkannte dieselbe
nicht und gelangte daher zu der Vermuthung, ein ihm Befreundeter habe
sich in übergroßer Aengstlichkeit zu der Warnung bewogen gefunden. War
dies jedoch der Fall, so konnte er die letztere auch nicht von der
nämlichen Maske erhalten haben, die dem Prinzen die geheime Botschaft
brachte. Er mußte sich daher in dieser Beziehung getäuscht haben. In
dem Gefühl seiner Schuldlosigkeit war er weit entfernt, der Warnung
irgend welche Wichtigkeit beizulegen, erachtete es vielmehr für um
so nothwendiger, die Residenz gerade in diesem Zeitpunkt nicht zu
verlassen, sondern alles Weitere mit Ruhe abzuwarten. Der geringste
Schritt, den er in dieser Angelegenheit that, vor Allem aber eine
Flucht mußte ihn in ein zweideutiges Licht stellen und ihn zum
Schuldigen stempeln. So sehr ihn auch die Gewißheit peinigte, einer
lieblosen Beurtheilung entgegen zu gehen und an seiner Ehre leiden zu
müssen, überwog dennoch der Gedanke, welche übele Tage die Geliebte
erwarteten, alle seine Besorgnisse. Denn es war für ihn keine Frage
mehr, daß die im Geheimen gegen sie gesponnene Intrigue bald mit
frecher Stirn auftreten und sie anklagen würde. Eine Intrigue an diesem
sittenlosen Hofe ließ aber auch mit Bestimmtheit das Uebelste erwarten.
Um so mehr mußte er daher bedacht sein, Sidonie darauf so rasch als
möglich vorzubereiten, damit sie dadurch nicht überrascht wurde und
sich verrieth. Ihr durch Aurelie die erforderlichen Andeutungen
zugehen zu lassen, gab er in der Ueberzeugung auf, daß unter den
obwaltenden Umständen der Brief vielleicht aufgefangen werden könnte.
Ein jedes geschriebene Wort war daher gefährlich und also unzulässig,
und so war er sogleich entschlossen, Sidonie am nächsten Tage selbst
aufzusuchen und ihr das Erfahrene mitzutheilen. Eine Unterredung mit
ihr war in Erwartung des Kommenden auch von der höchsten Wichtigkeit.
Es bestimmte ihn zu dem Besuch überdies noch die Absicht, dadurch zu
zeigen, wie wenig Gründe er habe, den gewöhnten Umgang mit Sidonien
aufzugeben, und daß die erhaltene Warnung in keiner Hinsicht nothwendig
gewesen. Ihn leitete dabei die nahe liegende Voraussetzung, es könnte
ihm die letztere vielleicht nicht von einem Freunde zugesteckt,
sondern lediglich ein schlau berechnetes Mittel sein, ihn zu einem
Schritt zu veranlassen, der seine Schuld verrieth. Jedenfalls war es
gerechtfertigt, das Schlimmste anzunehmen und darnach sein Handeln
einzurichten.
In wiederholten Erwägungen aller dieser Umstände gingen ihm die
Stunden dahin, und es drängte sich in die ersteren zugleich die
Erinnerung an die von seiner Mutter ausgesprochene Besorgniß hinsichts
einer gegen ihn gesponnenen Intrigue, die sie so sehr fürchtete.
Ihre Voraussetzung schien sich nach allen Anzeichen nun in der That
bestätigt zu haben; es fragte sich nur, in wie weit Sidonie und er
selbst davon berührt werden und welchen Ausgang dieselbe nehmen würde.
Die nächste Zeit mußte das zeigen. Der Graf hatte aber auch sein
Verhalten gegen die Geliebte erwogen, und wenn er sich auch eingestand,
einer augenblicklichen Schwäche nachgegeben zu haben, war er sich doch
auch keines Fehls bewußt, der ihre und seine Ehre hätte beflecken
können.
Dieses Bewußtsein führte ihm die so nothwendige Ruhe der Seele wieder
zu; sein Selbstgefühl machte sich geltend; klar wurde sein Auge, das
dem leuchtenden Morgen entgegen schaute, der über sein Brüten rasch
genaht war. Er löschte die herabgebrannten Kerzen und suchte alsdann
sein Lager auf, weniger um zu schlafen, als in der Absicht, durch das
entgegen gesetzte Verhalten die Aufmerksamkeit seiner Umgebung nicht zu
erregen.
Von der Ueberzeugung erfüllt, von den Fäden einer Intrigue im Geheimen
umsponnen zu sein, glaubte er fortan die peinlichste Vorsicht in jeder
Hinsicht beobachten zu müssen. Was ihm der nahende Tag bringen würde,
wußte er nicht; er sah demselben mit vollster Ruhe entgegen; doch
war er entschlossen, am Abend zu der gewöhnten Zeit die Prinzessin
aufzusuchen.
Viertes Kapitel.
Am Vormittage nach dem Ball saß die Oberhofmeisterin voller
Behaglichkeit im bequemen Negligé vor dem wärmenden Kamin und
beschäftigte sich mit einem Brief, dessen Inhalt ihr nicht nur sehr
angenehm zu sein, sondern ihre Freude darüber beim weiteren Lesen noch
wesentlich zu steigern schien. Sie deutete dies durch allerlei Ausrufe
der Ueberraschung und des Behagens an, durch welche sie das letztere
unterbrach.
»Sieh, sieh, das kluge Kind! Ich hatte so etwas vorausgesehen, und es
freut mich, in meinen Erwartungen über sie nicht getäuscht worden zu
sein,« sprach sie vor sich hin, nachdem sie den Brief zu Ende gelesen
hatte.
Sie befand sich allein in dem Gemach und konnte sich daher ganz
ungestört in den Betrachtungen ergehen, wozu sie das Schreiben
veranlaßte. Sie hatte das letztere soeben erhalten und war dadurch um
so mehr überrascht worden, da die Absenderin niemand Anders als Mariane
war, von der sie und zwar eine derartige Mittheilung zu erhalten, nicht
erwartet hatte. Zwar versäumte das Mädchen nicht, nachdem sie die Villa
bezogen, der Baronin ihren Dank für die in ihrem Interesse gehabten
Bemühungen auszusprechen, und ebenso nahm sie die ihr von der Letzteren
später gemachten heimlichen Besuche stets mit Ehrerbietung und Freude
an und verabschiedete sich auch vor ihrer Abreise nach Paris bei ihr;
sie hatte jedoch dabei nicht den Wunsch ausgesprochen, ihr schreiben
zu dürfen.
In der nahe liegenden Voraussetzung, daß Mariane sich dazu auch
nicht aufgefordert fühlen würde, hatte die Baronin eben so wenig an
dergleichen gedacht, überzeugt, daß die neuen Verhältnisse das Mädchen
vollständig in Anspruch nehmen würden. Um so größer war daher ihre
Ueberraschung, als nach so langer Zeit das soeben erhaltene Schreiben
bei ihr einlief, welche der Inhalt desselben noch wesentlich steigerte.
Mariane wandte sich nämlich mit der Bitte an sie, sie durch ihren
Rath in einer ihr so wichtigen, sich auf den Prinzen beziehenden
Angelegenheit zu unterstützen. Sie hatte das Leben in Paris genossen
und fand kein Vergnügen mehr an dem vereinsamten Aufenthalt daselbst;
zugleich peinigte sie die Ungewißheit über ihre Zukunft. Der Prinz
hatte ihr seit längerer Zeit nicht geschrieben, sein Interesse für sie
schien sich verringert zu haben; auch gab er ihr auf ihre Frage, wie
lange sie nun noch in ihrem Exil verweilen sollte, keine bestimmte
Antwort, so daß sie von der Furcht erfüllt war, er würde sie vergessen
und ihrem Schicksal an dem fremden Ort überlassen.
Darum hatte sie sich auf die Baronin besonnen und sich entschlossen,
dieser ihre Besorgnisse mitzutheilen und sie zugleich zu bitten, mit
dem Prinzen ihretwegen zu sprechen und dessen Bestimmungen über sie zu
erfahren.
Die Fassung des Briefes verrieth die Bildung, welche sich Mariane
während ihres Aufenthaltes in Paris anzueignen gewußt hatte, und die
zugleich den Beweis lieferte, daß sie ihre Lehrer nicht erfolglos
bemüht hatte.
Die Baronin erstaunte darüber; denn nicht nur war die Ausdrucksweise
gewählt, sondern es sprach daraus auch Geist; vor Allem jedoch machte
sich darin ein verborgener Ehrgeiz geltend. Und so war es in der
That. Mariane hatte des Prinzen Versprechen, sie dereinst zu einer
Gräfin zu machen, nicht vergessen; dasselbe war zugleich der Sporn zu
ihrem Fleiß, sich die einer vornehmen Dame nothwendigen Kenntnisse
anzueignen, um des versprochenen Vorzugs auch würdig zu werden.
Mariane hatte das Alles der Baronin mitgetheilt, und diese erkannte mit
ihrem geübten Scharfblick sofort, daß es sich in diesem Fall nicht nur
um eine gewöhnliche Liaison, sondern um viel wichtigere Dinge handelte,
die unter geeigneten Umständen zur Geltung gelangen könnten.
Und so war es ihr in hohem Grade angenehm, zur Vermittlerin dieser
Angelegenheit beansprucht zu werden. Sie kannte Marianens großen
Einfluß auf den Prinzen nur zu wohl und war überdies überzeugt, daß
sich derselbe für die Folge nicht nur erhalten, sondern im Hinblick
auf des Mädchens Klugheit sogar noch steigern würde. Denn daß der
Prinz wirklich noch mit vieler Zuneigung an dem Mädchen hing, ging
daraus hervor, daß er eine neue Liaison nicht angeknüpft hatte und zu
dieser auch keine Neigung zeigte. Ueberdies hatte ihr Sohn dies auch in
den Briefen an sie wiederholt angedeutet und auf Marianens künftigen
Einfluß hingewiesen.
Alle diese Umstände waren wichtig genug, den empfangenen Brief mit
hoher Freude zu begrüßen und die Baronin zu veranlassen, die so
willkommene Angelegenheit der eingehendsten Erwägung zu unterwerfen,
um sich die daraus für sie ergebenden wichtigen Vortheile zu sichern.
Gelang es ihr, Marianens Wünsche zu erfüllen, so hoffte sie auch
deren ganzes Vertrauen für jetzt und in der Zukunft zu gewinnen,
und das genügte ihr; denn dieses Vertrauen sicherte ihr einen nicht
geringen Einfluß nicht nur auf das Mädchen, sondern auch auf den
künftigen Regenten, und das waren entzückende Aussichten für die stets
speculirende und intriguirende Frau. Sie ging daher auch sogleich
mit sich zu Rathe, in welcher besten Weise sie sich die nöthigen
Erklärungen von dem Prinzen verschaffen und die gewünschte Vermittlung
anbahnen könnte. Noch damit beschäftigt, wurde ihr ein Besuch gemeldet,
der ihr Interesse in hohem Grade beanspruchte. Aus einer hingeworfenen
Bemerkung konnte man überdies entnehmen, daß sie denselben bereits und
mit Ungeduld erwartet hatte.
Es trat ein Officier ein, in welchem wir den Kapitän von Bieberstein
erkennen. Seine Begrüßung verrieth, daß er mit der Baronin in
vertraulichen Beziehungen stehen müßte.
»Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet,« bemerkte die Baronin etwas
erregt. »Ich hoffe, es ist Alles zur Zufriedenheit abgelaufen?«