Gräfin fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn mild und freundlich
anblickte; »darum wollen wir mit aller Aufrichtigkeit zu einander
sprechen. Ich habe längst Deine tiefe Neigung für Prinzessin Sidonie
bemerkt und brauche Dir nicht zu sagen, wie schmerzvoll ich im Hinblick
auf die obwaltenden Verhältnisse dadurch betroffen worden bin. Du
bringst dieser Liebe Dein ganzes schönes Leben zum Opfer. Du hast die
Thränen nicht gesehen, welche ich darüber vergossen habe, und es soll
auch hier nicht davon die Rede sein. Ich kenne Deinen Charakter zu gut,
um nicht zu wissen, daß bei der Tiefe Deiner Neigung ein Uebertragen
derselben auf ein anderes weibliches Wesen nicht möglich ist, und Du
viel zu edel denkst, um ein Mädchen, ohne Liebe für sie zu fühlen, zu
Deiner Gattin zu erwählen. Das Rechte und Gute anzuerkennen, selbst
wenn wir auch dadurch betrübt werden, ist eine Pflicht der Vernunft,
und ich unterdrücke darum den tiefen Schmerz, den ich im Hinblick
auf alle diese traurigen Umstände fühle. Wer, wie ich, das Glück der
Liebe in der ungetrübtesten Heiterkeit so viele Jahre genossen hat,
fühlt es um so inniger, daß seinem eigenen geliebten Kinde ein so
übles Loos zu Theil werden mußte. Warum konntest Du nicht gleich uns
glücklich werden! Doch es scheint, daß auch in Bezug auf die Neigungen
der Menschen zu einander ein besonderes Geschick obwaltet, dem wir nur
selten zu entgehen vermögen, und so habe ich mich in den Gedanken zu
finden gesucht, daß es nicht anders sein soll.«
Sie schwieg bewegt und ihr bekümmertes Auge feuchtete sich.
Römer drückte, nicht minder bewegt, seine Lippen auf ihre Hand.
Nach kurzer Pause fuhr die Gräfin fort:
»Du bist noch nicht alt, Bernhard, und dennoch sehe ich schon viele
Silberfäden in Deinem Haar, ein Zeichen des tiefen, verschlossenen
Kummers, den Du schon seit Jahren in Dir trägst. Denn wie das Glück den
Menschen verjüngt, so altert der Kummer ihn rasch und vor der Zeit.« --
Und aus dem feuchten Auge drängte sich jetzt eine volle Thräne und
rann langsam auf der blassen, feinen Wange nieder. Römer bemerkte dies
nicht, denn er hielt das Haupt vor ihr geneigt.
Die Gräfin bemühte sich, ihre Rührung zu beherrschen, und nahm alsdann
ihre Mittheilung wieder auf.
»Doch,« sprach sie, »ich sollte Dich nicht an Dinge erinnern, die Dich
betrüben müssen, besonders in der Stunde vor der Trennung für längere
Zeit; das Mutterherz hängt jedoch mit zu großer Liebe an dem Kinde, um
die Zeichen seines frühen Verblühens in Schmerz und Vereinsamung nicht
zu beklagen; darum vergieb mir, mein Sohn!«
Des Grafen Bewegung war viel zu tief, um ein Wort hierauf erwidern
zu können. Die Lippen seiner Mutter sprachen zum ersten Mal all' das
Schmerzliche offen aus, was er bisher ertragen hatte und sich selbst
nicht gestehen mochte. Aber ihre Liebe und Milde thaten ihm wohl, ihre
Lippen entheiligten sein Geheimniß nicht, sondern verliehen demselben
eine wohlthuende Bedeutung. Und mit vermehrtem Dankgefühl neigte sich
auch jetzt sein Mund auf ihre Hand.
»Nicht wahr, mein theurer Sohn, ich hatte nicht Unrecht?« fragte sie.
Römer bejahte stumm.
»Sieh, Bernhard,« fuhr sie gesammelter fort, »ich würde Dein Unglück
ruhiger ertragen, wenn mich nicht schon lange die Sorge bedrängte, es
könnte Dir aus diesem Verhältniß irgend ein Unheil erwachsen. Wie Du
mit der Prinzessin stehst, weiß ich nicht; doch bin ich überzeugt,
daß Ihr niemals die Schranken übersehen habt, welche Euch trennen.
Dazu kenne ich meinen Sohn und die Prinzessin zu wohl. Dennoch sah ich
Dich stets nur mit Kummer an den Hof ziehen, vernahm mit vermehrter
Unruhe Deinen näheren Umgang mit Sidonien und immer und immer quälte
mich jene Besorgniß. Vielleicht gehe ich darin zu weit, vielleicht
ist meine Angst durchaus unbegründet; denn was vermöchte man einem
Schuldlosen vorzuwerfen? Und dennoch drängt es mich gerade vor unserer
Trennung, Dich an das Alles zu erinnern und Dich durch mein Wort zu
steter Vorsicht zu veranlassen. Ich weiß, wie es an des Fürsten Hof
zugeht, weiß, daß der Glaube an Sittlichkeit daselbst längst keine
Stätte mehr hat, und weiß überdies, daß uns weder unsere Unschuld noch
unsere sittlichen Vorzüge vor der Verleumdung mit ihren übeln Folgen
schützen. Man pflegt meistens nur das zu billigen, was man selbst
anerkennt, und hält Andere nicht für besser, als man selbst ist, und
diesen Grundsätzen huldigt vor Allem des Fürsten Hof. Habe ich Recht,
mein Sohn?«
»O gewiß, gewiß!« fiel Römer ein.
»Da Du dies erkennst, so zweifle ich auch nicht, daß Du nach meinem
Rath thun wirst, und das beruhigt mich. Auch weiß ich ja, daß Du
besonnen genug bist, das Nahen etwaiger Gefahren zeitig genug zu
erkennen, um Dich vor ihnen schützen zu können. Und so möge Dich der
Himmel behüten und Dir alle jene Freuden gewähren, die Deine Ehre
rechtfertigen kann, wenn sie auch Dein Herz unbefriedigt lassen!« Sie
endete und küßte ihn bewegt wiederholt auf die Stirn.
Welches Herz verschlösse sich wol dem heiligsüßen Ton der Mutterliebe!
Am wenigsten hätte dies bei Römer der Fall sein können, vielmehr
wurde er von derselben so sehr angegriffen, daß er der Gräfin sein
ganzes Herz öffnete, ihr seine Freuden, aber auch alle schmerzvollen
Kämpfe und Sorgen mittheilte, und seine Worte mit der beglückenden
Nachricht schloß, daß nun die Leiden bald ein Ende erreicht und seine
Wünsche befriedigt werden würden. Die Gräfin erschrak in Folge dieser
Mittheilung heftig. Die Trennung der Ehe, und namentlich fürstlicher
Personen, erschien ihr überaus bedeutungsvoll, und um so mehr in diesem
Fall, bei welchem ihr Sohn betheiligt war. Denn lag die Vermuthung
nicht nahe, daß Sidonie dazu wahrscheinlich nicht nur durch des Prinzen
Verhalten, sondern auch durch die Liebe zu ihrem Sohn veranlaßt worden
war? -- Gewiß. Dieser Umstand steigerte ihre Unruhe, die sie dem Sohn
zu erkennen gab, worauf er entgegnete:
»Ich verhehle nicht, meine theure Mutter, daß Ihre Voraussetzung nicht
ungegründet ist; doch bitte ich Sie auch, die Verhältnisse zu erwägen,
unter welchen Sidonie schon seit Jahren gelitten hat, und versichere
Sie, daß bei ihrem Entschluß ihre Ehre eben so maßgebend gewesen ist,
als ihre Liebe.«
Und er war bedacht, ihr auseinander zu setzen, daß Sidonie sich nur
durch eine Trennung von dem Prinzen zu retten vermochte, wollte sie ihr
Leben nicht nutzlos einem übertriebenen Pflichtgefühl opfern. Er sprach
mit der ganzen Wärme seiner Liebe und Ueberzeugung, und es konnte
nicht ausbleiben, daß die Gräfin Sidoniens Schritt endlich billigte
und zugleich mit ihrem Sohn die Freude mit empfand, welche sich an
denselben für ihn knüpfte. Es war ihr der Gedanke so beglückend, diese
Liebe endlich doch noch durch den ersehnten Verein belohnt und damit
ihres geliebten Sohnes Leben verschönt zu sehen.
»So kann ich denn mit einer schönen Hoffnung von Dir scheiden, mein
theurer Sohn. Ziehe denn dahin, wohin Dich eine heilige Pflicht ruft.
Ich weiß, Du wirst dieser und Deiner Ehre gemäß handeln. Alles Weitere
müssen wir vertrauend dem Himmel anheim geben, der Dich und die arme
Prinzessin mit der erforderlichen Kraft stärken möge. Hoffentlich
wirst Du mich dann bald durch die Nachricht von Deinem künftigen Glück
erfreuen; ich werde ihr mit Ungeduld entgegen harren.«
Also sprach die edle Gräfin in freudiger Bewegung und schied dann von
dem Sohne. Diese Unterredung war namentlich für sie in einer ganz
andern Weise zu Ende geführt worden, als sie erwartet hatte; statt
Kummer und Sorge begleitete sie nun Freude und Hoffen auf dem Wege zu
ihrer Tochter.
Wenige Tage nach der Abreise seiner Mutter begab sich der Graf zu
Sidonien, von der Gewißheit beglückt, ihr nun für längere Zeit nahe
sein und mit seinem Rath bei der Erledigung der bekannten Angelegenheit
beistehen zu können.
Drittes Kapitel.
Der Fürst kehrte nach der Unterredung mit Sidonien in einer sehr übeln
Stimmung in sein Palais zurück. Sich in allen seinen so gewissen
Erwartungen in der bezeichneten Weise getäuscht zu haben, die in
dieser Hinsicht mit Berechnung angelegten Pläne als vollkommen unnütz
erkennen zu müssen, verdroß ihn in hohem Grade. Dazu gesellte sich
überdies noch der wichtige Umstand, durch Sidoniens festes Beharren
auf ihrem Verlangen genöthigt zu sein, gerade Dasjenige ausführen zu
müssen, was er zu vermeiden so sehr bedacht gewesen war. Denn nach der
so entschiedenen Erklärung der Prinzessin machte das Staatsinteresse
die Trennung der Ehe und eine Neuvermählung des Prinzen unumgänglich
nothwendig. So war der gefürchtete Eclat denn sicher, und mit
demselben verband sich zugleich die nahe liegende Besorgniß, der üble
Leumund über den Prinzen dürfte mancherlei Hindernisse bei der Wahl
einer Prinzessin herbeiführen. Denn lag auch eine Verlockung in der
Aussicht, die Gemahlin des künftigen Regenten zu werden, so mußte doch
das Bekanntwerden der wenig lobenswerthen Eigenschaften desselben,
welche die Trennung der Ehe des Prinzen herbeigeführt hatten, die
etwa erwählten fürstlichen Damen auf das Eingehen einer Ehe mit ihm
bedenklich machen, da ihnen ein ähnliches Schicksal wie Sidonien
bevorstand.
Alle diese so wichtigen Bedenken veranlaßten den Fürsten, sich in
seinen Maßnahmen nicht zu übereilen, sondern vorläufig mit dem Prinzen
über Sidoniens Verlangen zu sprechen und ihm die Nothwendigkeit einer
Neuvermählung vorzustellen. Zugleich gedachte er ihn auf die dabei zu
erwartenden Hindernisse aufmerksam zu machen, damit der Prinz durch
eine gemäßigte Lebensweise seinen guten Ruf wieder herstellte und
somit sicherer auf die Annahme einer Werbung hoffen durfte.
Seinem Vornehmen getreu, ließ der Fürst den Prinzen ein paar Tage
darauf zu sich bescheiden und theilte ihm das Obige mit. Der
Prinz zeigte sich über das Vernommene in hohem Grade überrascht,
erklärte sich jedoch zugleich ohne irgend welches Bedenken zu einer
Wiedervermählung geneigt, indem er die Ueberzeugung aussprach, daß die
von dem Fürsten in dieser Beziehung gehegten Besorgnisse sich nicht
bestätigen würden.
Ein solches, durchaus nicht erwartetes Entgegenkommen überraschte den
Fürsten überaus angenehm und er sprach dem Prinzen seine Freude darüber
aus, indem er ihm zugleich anempfahl, die Angelegenheit so geheim als
möglich zu behandeln, damit die Welt nicht allzu viel davon erführe
und man den Vortheil gewinnen könnte, das Urtheil derselben darüber im
eigenen Sinn zu lenken.
Der Prinz erklärte sich damit gern einverstanden und sprach die
Versicherung aus, sich in alle von dem Oheim getroffenen Maßnahmen
unbedingt fügen zu wollen.
»Es freut mich, Dich mit meinen Ansichten einverstanden zu wissen,«
fuhr der Fürst in herzlichem Ton fort, »und ich rechne mit Bestimmtheit
darauf, daß Du auch durch Dein künftiges Verhalten dem Interesse des
Landes entgegen kommen wirst und die in Bezug auf Sidonie gemachte
Erfahrung Dich dabei leiten wird.«
»Seien Sie davon überzeugt,« entgegnete der Prinz in unterwürfigem Ton.
»So will ich hoffen, daß Du auch hinsichts jenes Mädchens, das Du in
Paris unterhältst, für die Folge solche Arrangements treffen wirst,
welche geeignet sind, jede Störung bei Deiner Wiedervermählung fern zu
halten.«
»Es wird geschehen. Mariane hängt ganz von meinem Willen ab und wird so
lange in Paris bleiben, als ich es für nöthig erachte. Auch könnte ich
das Mädchen in der geeigneten Zeit verabschieden.«
»Das Letztere wäre unter allen Umständen das Beste und Du magst daran
denken.«
Es trat nun eine kleine Pause ein, in welcher der Prinz nachdenkend vor
sich hinblickte. Der Fürst bemerkte dies und erkundigte sich nach der
Veranlassung dazu worauf der Prinz ihn ersuchte, ihm eine Mittheilung
von Wichtigkeit machen zu dürfen. Der Fürst, dadurch ein wenig
überrascht, verstand sich gerne dazu, worauf dieselbe erfolgte und eine
sehr eingehende und vertrauliche Unterredung zwischen ihnen hervorrief.
Das Vernommene schien den Fürsten in hohem Grade zu interessiren; denn
länger als zwei Stunden blieb er mit dem Neffen beisammen, worauf sie
in einem so guten Einvernehmen von einander schieden, wie dies bisher
zwischen ihnen noch nicht der Fall gewesen war; der Fürst, wie es
schien, von dem lebhaftesten Interesse erfüllt; der Prinz mit einem
Lächeln vollster Genugthuung.
Kaum war der Letztere in seinem Palais angelangt, so begab er sich
sofort an seinen Schreibtisch und fertigte ein Schreiben an Mühlfels,
das er alsdann durch einen geheimen Boten an diesen befördern ließ.
Seit diesem Augenblick zeigte der Prinz seiner Umgebung die
leutseligste Freundlichkeit, arbeitete fleißig und kam seinem Oheim mit
steter Ergebenheit entgegen. Und die Welt erstaunte nicht wenig über
diese ungewöhnlichen Erscheinungen.
Römer traf in dieser Zeit in der Residenz ein, und die Absicht,
den Winter daselbst zuzubringen, veranlaßte ihn, sich sofort eine
entsprechende Wohnung zu besorgen und in derselben einzurichten.
Es darf kaum bemerkt werden, wie überaus angenehm Sidonie durch seine
ungehoffte Ankunft überrascht wurde und wie sich ihre Freude in der
Gewißheit steigerte, den ihr unter den obwaltenden Umständen doppelt
theuern Freund nun dauernd zur Seite zu haben, und durch seine Nähe und
seinen Rath ermuthigt und beruhigt, ihre Absicht hinsichts der Trennung
ihrer Ehe mit größerer Sicherheit verfolgen zu können.
Seine Zusprache war ihr um so nothwendiger, da ihr Bruder auf ihre
Mittheilung ihr sein ganzes Mißfallen über ihr Verlangen zu erkennen
gegeben hatte. Er erachtete das letztere für ungerechtfertigt und
sprach darum auch die bestimmte Absicht aus, dasselbe in keiner Weise
unterstützen zu wollen. Er machte ihr den Vorwurf der Prüderie und
Unklugheit und gab es ihr schließlich anheim, nach eigenem Gutdünken
ihre Sache auszufechten. Er verhehlte ihr nicht, diese seine Ansichten
und Entschließungen dem Fürsten zu erkennen gegeben zu haben, und
stellte sich damit auf des Letzteren Seite.
Sidonie litt unter dieser nicht geahnten Lieblosigkeit ihres Bruders
um so mehr, da sie auf seinen ihr so wichtigen Beistand mit Sicherheit
gerechnet hatte und diesen im Hinblick auf die besonderen Umstände für
selbstverständlich erachtete.
Aus seinen Vorwürfen und seinem Verhalten erkannte sie nun zu ihrer
großen Bestürzung, daß auch er dem Einfluß der herrschenden Sitten
unterlegen sei, und das schmerzte sie tief, indem sie zugleich die
niederdrückende Ueberzeugung erfüllte, nun auch nicht in die Heimath
zurückkehren zu können, wie sie es so sehr gewünscht hatte.
Was konnte ihr dieselbe unter so übeln Umständen noch bieten? Statt
Ruhe und Trost nur noch der Mißmuth und die vorwurfsvollen Mienen eines
Bruders.
So tief wirkte der herrschende Zeitgeist.
Sie sah sich in Folge dessen in die peinigende Verlegenheit gesetzt,
vorläufig in der Residenz zu verweilen, gedachte jedoch ihren
Aufenthalt daselbst so viel als möglich abzukürzen und, sobald es
die Verhältnisse gestatteten, sich nach dem von ihr früher besuchten
Badeort zu begeben und hier das Weitere abzuwarten. Zwar hätte sie
Aufnahme an einem befreundeten Hofe gefunden; es widerstrebte jedoch
ihrem Gefühl, sich mit einer Bitte darum an einen solchen zu wenden.
So wollte sie, da ihr die Heimath verschlossen war, sich eine neue
Heimath in angenehmer Unabhängigkeit gründen; denn was nach erfolgter
Trennung von dem Prinzen geschehen sollte, war noch eine unbesprochene
Frage, die weder sie noch der Graf zu berühren für gut gefunden. Als
nun ihres Bruders Brief anlangte, theilte sie dem Letzteren den Inhalt
desselben, sowie ihren Entschluß der Uebersiedlung nach dem Badeort
mit, und Römer stimmte ihr darin bei, da sich ein anderer Ausweg nicht
finden ließ.
Sidonie hatte nach ihrer Rückkehr ihre frühere Lebensweise in der
Absicht wieder aufgenommen, sich dadurch die gewünschte Gelegenheit zu
verschaffen, Römer ungezwungener sehen zu können.
Eine zu große Zurückgezogenheit und das Aufgeben der gewöhnten
gesellschaftlichen Beziehungen würden auch jedenfalls Aufsehen erzeugt
haben, was sie zu vermeiden wünschte. Die Vorsicht gebot überdies, den
Grafen fortan nur in Begleitung ihres Bruders zu empfangen und sich auf
diese Besuche und die Gesellschaftsabende zu beschränken, um künftigen
übeln Beurtheilungen vorzubeugen.
Einige Wochen waren seit Sidoniens Antrag bei dem Fürsten dahin
gegangen, ohne daß sie irgend einen Bescheid erhielt; dies beunruhigte
sie, da sie einen solchen erwartet hatte. Als sie alsdann noch eine
längere Zeit fruchtlos gewartet hatte, steigerte sich ihre Besorgniß,
indem ihr jede Erklärung für die Verzögerung fehlte.
Obgleich Alles seinen gewöhnlichen Gang ging, so schien ihr doch
eine gewisse bedrückende und nichts Gutes verheißende Schwüle auf
allem Leben und Treiben zu ruhen. Sie sah weder den Fürsten, noch
den Prinzen, doch war ihr bekannt, daß dieselben viel mit einander
verkehrten und der Erstere seinem Neffen ein besonderes Wohlwollen
zeigte.
Die fortdauernde Ungewißheit quälte sie, vermehrte ihre Sorgen und ihr
Bangen, und nur in dem ruhigen und sichern Wesen des Geliebten fand sie
die so nothwendige Ermuthigung.
Der Winter hatte sich bereits eingestellt und mit ihm war auch der
Geburtstag des Fürsten genaht, der gewöhnlich von dem Prinzen durch
einen glänzenden Maskenball gefeiert zu werden pflegte, auf welchem der
Fürst stets erschien.
Eine solche Festlichkeit war auch dieses Mal von dem Prinzen angeordnet
worden, die auf seinen Wunsch außerordentlich glänzend werden sollte.
Dieselbe kam Sidonien sehr gelegen, da sie ihr die gewünschte
Gelegenheit zu einem Besuch bei dem Fürsten darbot, welchen sie
benutzen konnte, sich über ihre Angelegenheit irgend welchen Aufschluß
von ihm zu verschaffen und so der sie beängstigenden Ungewißheit ein
Ende zu machen.
Es konnte daher nicht ausbleiben, daß, als der Geburtstag genaht war
und sie sich zu dem Fürsten begab, ihre Seele mit Unruhe erfüllt war.
Der Letztere empfing sie ziemlich abgemessen und nahm ihren Glückwunsch
mit mehr Höflichkeit als Freundlichkeit entgegen. Eben so kühl vernahm
er ihr Bedauern, an dem Maskenball nicht Theil nehmen zu können,
das sie in der Absicht aussprach, sich in dieser Beziehung einmal
bei dem Fürsten zu entschuldigen, dann aber auch, um dadurch einen
Anknüpfungspunkt für ihr Interesse zu gewinnen.
»Ich erachte mich nicht für berechtigt, Ihre Intentionen irgendwie zu
beurtheilen, und stelle Ihnen Alles anheim,« entgegnete der Fürst kühl.
»Ich glaube dieses Fernhalten von dem Fest meinen Verhältnissen
schuldig zu sein,« bemerkte Sidonie.
»Sie werden das am besten wissen.«
»Und darf ich nicht erfahren, welche Beschlüsse in meiner Angelegenheit
getroffen worden sind?«
Der Fürst blickte nachdenkend zu Boden und entgegnete alsdann in
ziemlich gemessenem Ton:
»Ich muß Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden, da ich noch nicht
Gelegenheit fand, die Sache dem Staatsrath vorzutragen. Ich denke
jedoch, daß Sie in nächster Zeit Weiteres hierüber vernehmen werden.«
Diese Worte so wie der Ton, in welchem sie gesprochen wurden,
verriethen nur zu deutlich des Fürsten Absicht, Sidonien das für
diese Angelegenheit gehegte geringe Interesse erkennen zu geben.
Das verletzte und überraschte sie zugleich, indem sich darin ein
Widerspruch gegen des Fürsten frühere so lebhafte Theilnahme dafür
geltend machte. Sie fragte sich, durch welche Umstände ein solcher
ungewöhnlicher Umschlag erzeugt worden sein könnte, ohne sich jedoch
darauf eine Antwort geben zu können.
Sie blickte den Fürsten fragend an, um ihn zu einer Erklärung zu
veranlassen: er vermied es jedoch wie vorher, ihrem Auge zu begegnen,
und zeigte überdies nicht die geringste Neigung, ihrem Verlangen
irgend wie entgegen zu kommen, so daß sich Sidonie, dadurch noch mehr
verletzt, veranlaßt sah, die Unterredung zu enden und sich zu entfernen.
Der Fürst verließ sie höflich, jedoch kalt. Durch das Erfahrene in
hohem Grade beängstet, kehrte sie in ihr Palais zurück und beeilte
sich, Aurelie mit Allem bekannt zu machen und deren Ansicht darüber zu
hören.
Nachdem sie die Angelegenheit vielfach erwogen hatten, gelangten sie
zu dem beunruhigenden Schluß, daß irgend ein wichtiger Umstand die
Ursache von des Fürsten Verhalten gegen Sidonie sein müßte; welcher
Art derselbe jedoch wäre, vermochten sie trotz aller Mühe nicht zu
erforschen. Diese Ungewißheit beängstete sie um so mehr, da auch der
Graf bei seinem bald darauf erfolgten Besuch sie nicht zu beruhigen
oder aufzuklären vermochte und obenein ihre Ansicht und Besorgniß
theilte.
Römer hatte eine Einladung zu dem Maskenball erhalten und
beabsichtigte, auf demselben zu erscheinen, wozu ihn überdies die
Verhältnisse und die Rücksichten auf den Fürsten nöthigten; er traf
daselbst mehre Bekannte und gedachte nun diesen Umstand zu benutzen,
sich irgend welche Aufklärung über die so beunruhigende Angelegenheit
zu verschaffen.
So schien sich denn Sidoniens frühere Ahnung bestätigen zu wollen,
und mit Bangigkeit erwog sie, in wie weit sie davon betroffen werden
würde. Es war natürlich, daß sie vor Allem der räthselhaften Vorgänge
an dem Badeort gedachten, die ja ungelöst geblieben waren und darum
mit ihren Gefahren drohten. Ein näheres Erwägen beruhigte sie jedoch
wieder, da sie sich vergeblich bemühten, irgend welchen Zusammenhang
derselben mit des Fürsten Verhalten zu ermitteln.
Unter solchen Umständen blieb ihnen schließlich nur ein geduldiges
Harren übrig und die Hoffnung, es könnte dem Grafen gelingen, Licht in
dieses Dunkel zu bringen.
Mit dem Versprechen, Aurelie mit dem etwa erzielten Erfolg sogleich
bekannt zu machen, schied der Graf, um, da die Zeit nahte, sich auf den
Ball zu begeben. Ihm wurde das Scheiden von Sidonien heute schwerer
denn sonst, da er ihr Herz voll Unruhe und Sorge wußte und sich auch
seiner ein beengendes Gefühl bemeistert hatte, das er nicht abzuweisen
vermochte.
Etwa um die neunte Stunde begab sich der Graf in das fürstliche Palais,
in welchem die Festlichkeit stattfand. Sämmtliche Räume desselben waren
bereits mit den glänzendsten und buntesten Masken erfüllt und gewährten
in ihrer reizenden Anordnung einen sehr angenehmen Anblick. Der Wunsch
des Prinzen hatte die Gäste zu den höchsten Anstrengungen veranlaßt,
und so konnte es nicht fehlen, daß das Auge in jeder Hinsicht mehr als
befriedigt wurde.
Römer, lediglich von seinen trüben Gedanken erfüllt, schenkte dem
Allen nur geringe Aufmerksamkeit, lediglich darauf bedacht, ein und
den andern seiner Freunde aufzufinden, um seine Absicht so rasch als
möglich erreichen zu können.
Das war jedoch wegen der Menschenmenge und der verhüllenden Masken
keine leichte Sache, und nur die Kenntniß von den Masken einzelner
Bekannten ließ ihn nicht zu lange und fruchtlos forschen.
Die herrschende festliche Stimmung war überdies wenig geeignet,
dergleichen Angelegenheiten zu besprechen, ganz abgesehen, mit welcher
Vorsicht er dabei zu Werke gehen mußte, um sein Verlangen nicht zu
verrathen.
So viel er sich jedoch auch mühte, erlangte er dennoch nicht die
mindeste Aufklärung. Niemand wußte ihm in dieser Beziehung nur das
Geringste zu sagen, obgleich Sidoniens Antrag, sich von dem Prinzen zu
trennen, bereits bekannt geworden war.
Endlich gab der Graf weiteres Forschen als vergeblich auf und begab
sich nach dem Saal, in welchem der Fürst mit seiner Gemahlin und
seinem Hofgefolge und auch der Prinz befanden. Die erheiterten Mienen
des Ersteren und Letzteren verriethen den angenehmen Genuß, den ihnen
das Fest zu gewähren schien, ganz besonders machte sich jedoch das
gute Einvernehmen zwischen Oheim und Neffen geltend, das die nicht
eingeweihten Gäste in hohem Grade überraschte. Der Graf war in der
Nähe einer nach einem Nebenzimmer führenden Thür stehen geblieben und
beobachtete, durch seine Larve geschützt, den Hof und das Treiben im
Saal.