Prinzessin Charakter trotz der von ihm gebilligten verführerischen
Maßnahmen dennoch so trefflich bewährt hatte, indem dem Prinzen
dadurch jeder Anhalt zu einer Weigerung, das frühere Verhältniß
wieder herzustellen, genommen wurde. Er schrieb der Prinzessin einige
freundliche Worte, ohne jedoch seiner geheimen Wünsche und Erwartungen
zu gedenken.
Noch freudiger überrascht wurde er durch des Prinzen Antwort auf
Sidoniens Mittheilung über die Erkrankung der Tochter, die ihm dieser,
vielleicht absichtlich, eingehändigt hatte, um sie mit des Fürsten
Brief an Sidonie durch den Courier befördern zu lassen.
Ihm war dieselbe ein Beweis des wiedergewonnenen Interesses, welches
der Prinz für seine Gemahlin hegte, und wie sehr die Trennung zur
Erzeugung von dergleichen guten Wirkungen geeignet ist.
Auf seinen Wunsch war der Prinz bereits entschlossen, Sidonie zu
besuchen; als jedoch in dieser Zeit die Nachricht von dem gefahrlosen
Ausgang der Krankheit der Tochter eintraf, gab der Prinz im Hinblick
auf die weite Reise sein Vorhaben wieder auf und begnügte sich, der
Prinzessin seine Freude über das Vernommene auszudrücken.
Sidonie athmete in der Gewißheit, ihr stilles Glück durch des Prinzen
Besuch nicht gestört zu sehen, froh auf. Ihre Freude war um so größer,
da mit seinem Besuch die Gefahr für sie herbei geführt worden wäre, daß
er sowol Kenntniß von dem Entwenden der Chatoulle als dem Verschwinden
des Dieners erhalten hätte, und dadurch veranlaßt worden wäre,
Nachforschungen darnach anstellen zu lassen. Waren dieselben jedoch
von Erfolg, so hatte sie auch den Verrath des Briefes und Portraits zu
fürchten und konnte die Folgen desselben leicht voraussehen.
Trotz alledem durfte sie sich noch nicht beruhigen; denn die Bemühungen
des Grafen und der Beamten waren bisher fruchtlos gewesen und somit die
sie bedrohenden Gefahren noch nicht beseitigt.
Römer traf nach wenigen Tagen mit der wenig befriedigenden Nachricht
bei ihr ein, daß die sorgfältigsten Nachforschungen nicht die geringste
Spur von dem Verbleib des Dieners ergeben hätten. Zwar wollte man
diesen auf einem bestimmten Punkte der Landstraße gesehen haben;
Weiteres jedoch wußte man nicht, da alsdann keine Spur von ihm zu
entdecken war.
Es waren zu derselben Zeit an verschiedenen Orten in der Nähe des
Bades Einbrüche und Diebstähle vorgekommen, und so lag die Vermuthung
nahe, daß man den Diener, dessen Livrée ihn als einen fürstlichen
bezeichnete, wahrscheinlich in der Voraussetzung, eine gute Beute zu
machen, getödtet und beraubt hatte. Eben so wahrscheinlich war es, daß
dieselben Verbrecher auch die Chatoulle entwendet hatten.
Diese Annahme fand um so mehr Glauben bei Sidonien, da der
Polizeibeamte dieselbe durch seine Mittheilungen noch wahrscheinlicher
machte.
In Folge der angestellten Nachforschungen war man nämlich zu der
Entdeckung mehrerer Verbrecher gelangt, die in den nahen Waldungen
hausten und sich von dem Raub der Reisenden und allerlei Diebstählen
ernährten.
Diese Umstände ließen voraussehen, daß die Briefe, als werthlos,
wahrscheinlich vernichtet worden waren. Was die Chatoulle anbelangte,
so lag die Voraussetzung nahe, daß die Verbrecher sich nach einer
entfernten Stadt begeben haben würden, um die kostbaren Sachen
verkaufen zu können. Traf diese Annahme zu, so unterlag es auch
keinem Zweifel, daß die geraubten Gegenstände bald zerstreut wurden
und wahrscheinlich auch, um nicht erkannt zu werden, eine Umarbeitung
erfuhren. Diesem Geschick mußte dann auch das an sich wenig werthvolle
Portrait verfallen, das man wol zerstörte, um das Gold der Einfassung
zu nutzen.
Lag für Sidonien im Hinblick auf die angeführten Umstände eine
gewisse Beruhigung, so durfte sie dem Prinzen doch das Verschwinden
des Dieners nicht verschweigen. Sie theilte ihm dasselbe daher mit, so
wie die näheren Umstände, welche dazu geführt hatten. Sie ließ jedoch
eine längere Zeit vorüber gehen, ehe sie sich zu dieser Mittheilung
bequemte, und nachdem alles Forschen fruchtlos geblieben war.
Der Prinz hatte ihr in Folge dessen erwidert, alles Weitere den
Behörden anheim zu stellen und sich deshalb durchaus nicht zu
beunruhigen. Er schien auf das Verschwinden des Dieners kein Gewicht zu
legen.
Damit hatte diese Angelegenheit für Sidonie ihr Ende erreicht, und sie
war erfreut, daß dasselbe in solcher Weise erfolgte.
Durch die allmälig fortschreitende Genesung ihres lieben Kindes und die
Besuche des Grafen jetzt doppelt beglückt, durch die Erörterungen des
Beamten über das wahrscheinliche Schicksal der Chatoulle beruhigt, und
von der Angst befreit, des Prinzen Besuch erwarten zu müssen, genoß sie
die sich ihr darbietenden Freuden mit vollem Herzen. Hatte sie auch
durch die Krankheit ihrer Tochter schwer gelitten, so führte dieselbe
doch auch zugleich eine Verlängerung ihres Aufenthaltes im Bade herbei,
und was hätte ihr wol erwünschter sein können.
Doch die Tage eilten schnell dahin, und so nahte endlich auch die
gefürchtete Scheidestunde.
Wir übergehen das schmerzliche Lebewohl der Liebenden, das die Hoffnung
eines baldigen Wiedersehens milderte. Denn der Graf gedachte, wenn
es seine Verhältnisse irgend gestatteten, zum Herbst die Residenz für
einige Wochen zu besuchen.
Und so trennte sich Sidonie von ihm und dem liebgewonnenen Ort mit
bekümmertem Herzen und trat mit Zagen die Rückreise an. O, wie so sehr
bangte ihr vor dem Hofe! Es däuchte ihr fast unmöglich, sich wieder
in die alten traurigen Verhältnisse zu finden und dem Zwange der
Hofetikette zu unterwerfen. Fühlte sich ihre Seele doch nur wohl in der
süßen Freiheit, unbeengt und unberührt von dem gleißnerischen Schein
des schaalen Hoflebens. So manche Schmerzensthräne drängte sich in ihr
Auge in der Erinnerung des verlorenen Glücks, in der Sorge, ob es ihr
gelingen würde, sich dasselbe in der erwünschten Weise zu erringen.
Denn wie wir wissen, kehrte sie mit dem noch mehr befestigten
Vorsatz zurück, die Trennung ihrer Ehe zu bewirken. Zu früh für
ihre Wünsche erreichte sie die Residenz. Sie wurde zu ihrer nicht
geringen Ueberraschung von dem Prinzen empfangen, der ihr seine Freude
über ihr gutes Aussehen und die Genesung seiner Tochter mit wenigen
Worten zu erkennen gab. Doch war ihr Wiedersehen nur ein förmliches
und fern von aller Herzlichkeit; denn weder der Prinz, noch weniger
Sidonie vermochten mehr als eben nothwendig war, zu sagen, und ihre
gegenseitige Abneigung machte sich in dem Moment des Wiedersehens in
vermehrter Weise geltend. Mit dieser Begegnung hatte es vorläufig sein
Bewenden, denn seit derselben suchte der Prinz sie nicht wieder auf.
Der Fürst besuchte Sidonie am zweiten Tage nach ihrer Ankunft und
begrüßte sie mit großer Freundlichkeit, indem er ihr sein besonderes
Wohlgefallen an ihrem gesunderen Aussehen zu erkennen gab und nicht
anzudeuten unterließ, wie sehr ihn des Prinzen erneutes Interesse für
sie freue und er daran die Hoffnung knüpfe, seine Wünsche erfüllt und
die Aussöhnung zwischen ihnen endlich ermöglicht zu sehen.
Seine Worte durchrieselten Sidonie kalt, indem sie dadurch zugleich
überrascht wurde. Denn es lag ihr die Ahnung fern, daß der Fürst
noch eine solche Hoffnung hegte. Um so mehr erachtete sie es daher
für nothwendig, ihm sogleich die Gehaltlosigkeit derselben und ihr
bestimmtes Verlangen der Trennung zu erkennen zu geben.
Sie entgegnete:
»Ihre Worte, mein gnädiger Fürst, verrathen mir, daß Sie noch immer an
die Möglichkeit einer Aussöhnung zwischen mir und dem Prinzen glauben.
Vielleicht hat Sie mein bisheriges Schweigen über diese Angelegenheit
dazu verleitet. Um so mehr fühle ich mich daher bewogen, Ihnen schon
jetzt zu erklären, daß ich das Verlangen nach einer Trennung von dem
Prinzen nicht aufgegeben habe und Ihnen dasselbe binnen kurzer Zeit
wiederholt haben würde, hätten mich Ihre Worte nicht schon jetzt dazu
veranlaßt.«
»Wie, Prinzessin?« rief der Fürst, unangenehm überrascht, und blickte
sie forschend an.
»Es ist so, wie ich sagte,« bemerkte Sidonie ruhig.
»Sie übereilen sich!« fiel der Fürst ein, durch die Erkenntniß der
nichts weniger als geahnten Selbsttäuschung.
»Durchaus nicht, vielmehr hat sich mein Entschluß nach reiflichem
Erwägen desselben nur noch mehr befestigt,« entgegnete Sidonie.
»Das ist in der That ein übles Wiedersehen, und ich gestehe Ihnen, so
etwas nicht erwartet zu haben!«
»Ich bedaure das; doch erinnere ich Sie, daß Sie nichts berechtigte,
mein früheres Verlangen für erledigt zu betrachten.«
»Doch, doch!« bemerkte der Fürst und fügte voll Eifer hinzu: »Ich bin
bedacht gewesen, Ihnen in jeder Beziehung Genugthuung zu verschaffen,
meine Maßnahmen in Ihrem Interesse haben überdies die guten Folgen
gehabt, daß der Prinz eine liebevollere Theilnahme für Sie zeigt und
sich auch in jeder andern Beziehung sehr lobenswerth geändert hat.
Was verlangen Sie also noch mehr? Sie müssen das Alles anerkennen und
dürfen daher die sich Ihnen zur Versöhnung darbietende Hand nicht
zurückweisen.«
»Ich bezweifle, daß diese wirklich von dem Prinzen gewünscht wird.«
»So gilt Ihnen mein Wort nichts?!« fragte der Fürst.
»Doch, mein Fürst; indessen habe ich Gründe zu der Vermuthung, daß der
Prinz selbst einen solchen Wunsch nicht ausgesprochen hat,« entgegnete
Sidonie, ohne sich durch des Fürsten fast strengen Ton einschüchtern
zu lassen, und setzte alsdann mit ruhiger Stimme hinzu: »Ihre Worte,
mein gnädiger Fürst, verrathen mir überdies, wie sehr Sie sich über
die von dem Prinzen für mich gehegten Gefühle täuschen; wären Sie bei
dem Empfange anwesend gewesen, womit mich der Prinz überraschte, so
würden Sie zu einer andern Ansicht hierüber gelangt sein. Denn der
Prinz achtet mich weder, noch liebt er mich, sondern er ~haßt~
mich, und welcher Art meine Empfindungen für ihn sind, darf ich Ihnen
kaum sagen. Nichtachtung und Haß erzeugen nur ihres Gleichen, so wie
Liebe die Liebe erzeugt. Sie täuschen sich daher nicht nur in dieser
Beziehung, sondern scheinen auch nicht erkannt zu haben, daß der Prinz
mir den Verlust seiner Geliebten und seines Günstlings nicht vergeben
hat, vielmehr erfreut sein würde, sich dafür an mir rächen zu können.«
»Sie gehen zu weit, zu weit!« rief der Fürst erregt und fügte hinzu:
»Sie legen dem Prinzen Gesinnungen bei, die ihn erniedrigen.«
»Ich sprach nur meine Ueberzeugung aus und fürchte, die Zukunft wird
meine Vermuthungen bestätigen.«
»Nein, nein! Ihre Abneigung gegen den Prinzen läßt Sie in seiner
Beurtheilung ungerecht werden! So böse ist er nicht.«
Sidonie schaute den Fürsten einen Augenblick forschend und schweigend
an, alsdann bemerkte sie mit Nachdruck:
»Seien Sie aufrichtig, mein Fürst, und sagen Sie mir, glauben
~Sie~, daß ich dem Prinzen mehr gelte, als seine Günstlinge?«
»Wie können Sie eine solche Frage thun, die sich von selbst
beantwortet?!« fragte der Fürst.
»Sie haben ganz Recht, mein Fürst; diese Frage beantwortet sich leicht;
doch damit Sie erkennen, in welcher Art ~ich~ mir dieselbe
beantworte, so sage ich Ihnen, daß der Prinz mich seinen Günstlingen
gern geopfert hätte, würde Ihr Befehl ihn nicht daran gehindert haben.«
»Was berechtigt Sie zu dieser Annahme?« fragte der Fürst rasch und in
scharfem Ton.
»Der Umstand, daß der Prinz sich nur scheinbar von dem Mädchen getrennt
hat, sie in Paris ausbilden läßt, um sie wahrscheinlich früher oder
später wieder in seine Nähe zu rufen. Sie sehen, mein Fürst, daß ich
von Allem unterrichtet bin und welchen Werth ich auf die mir gewährte
Genugthuung in dieser Hinsicht lege. Achtete mich der Prinz und
wünschte er wirklich eine Aussöhnung, so müßte er vor Allem bedacht
sein, den mir angethanen Schimpf für immer zu vertilgen.«
»Sie greifen der Zukunft durch eine solche Voraussetzung vor!« wandte
der Fürst ein.
»Ich thue nur das, wozu mich eine langjährige, so schmerzenvolle
Erfahrung berechtigt.«
»So sehe ich nicht, wohin das Alles führen soll,« warf der Fürst
unmuthig hin.
»Doch, doch, mein gnädiger Fürst! Ihr Scharfblick wird die
Verhältnisse leicht durchdringen und Sie zu der Erkenntniß leiten, daß
nur die Erfüllung meines Wunsches eine entsprechende Lösung dieser
Angelegenheit herbei zu führen vermag. Und damit Sie über meine
Gesinnungen nicht länger in irgend einem Zweifel bleiben, erkläre ich
Ihnen hiemit mit aller Bestimmtheit, daß ich nie und unter keinen
Umständen jemals mehr in eine nähere Beziehung zu dem Prinzen treten
werde. Ich achte den Prinzen nicht also, um ihm die Ehre zuzugestehen,
mich fernerhin Gemahlin nennen zu dürfen; ich achte mich selbst aber
so viel, um die Nothwendigkeit zu erkennen, mich von einem Manne zu
trennen, der meine Ehre in so hohem Grade befleckte.«
»Ihre Worte verrathen mir, daß Sie nicht gesonnen sind, von Ihren
überspannten Forderungen und Ansichten zu lassen!« rief der Fürst in
ungewöhnlicher Aufregung, eine Folge der von Sidonien mit großer Ruhe
und Bestimmtheit gesprochenen Erklärungen.
Die Prinzessin bekämpfte den dadurch in ihr erzeugten Unmuth, alsdann
entgegnete sie:
»Sie nennen meine Ansichten überspannt; ich glaube, daß dieselben eine
solche Bezeichnung nicht verdienen, und frage Sie, warum wir Frauen im
Punkt der Ehre nicht gleich den Männern unsere eigenen Ansichten haben
dürfen, nach welchen wir unsere Ansprüche bestimmen? Sie mögen durch
Ihre Erfahrungen in der Schätzung der Frauen herabgestimmt worden sein
und eine scheinbare Berechtigung dazu überdies in der herrschenden
leichtfertigen Sitte finden; Sie gewinnen dadurch jedoch nicht das
Recht, dieses Urtheil über mein ganzes Geschlecht auszudehnen. Hierauf
beruht Ihr Irrthum, mein Fürst, hierauf auch Ihr falscher Schluß, daß,
weil Sie nur Frauen leichten Charakters kennen lernten, auch nicht an
wahre Frauenwürde glauben dürften. Das Geschlecht geht Ihnen über den
Menschen. Sie vergessen zu erwägen, daß Sie vor Allem diesem seine
Berechtigung einräumen müssen und ihr Urtheil dabei nicht durch sein
Geschlecht bestimmen lassen dürfen. Ich selbst glaube Ihnen einen
Beweis dafür zu liefern, und weiß sehr wohl, in wie weit ich dabei
die von Ihnen gehegten Ansichten über die Frauen umstoße. Es gewährt
mir jedoch eine große Genugthuung und ich erachte es für eine Pflicht
gegen mich selbst und mein Geschlecht, Sie auf einen solchen Irrthum
aufmerksam zu machen, dessen Folgen unter Umständen sehr bedeutungsvoll
werden können.« Sidonie schwieg.
Der Fürst hatte ihr mit einem ironischen Lächeln und abwechselnden
Aufblitzen seiner scharfen, graublauen Augen ruhig zugehört, ohne sie
zu unterbrechen. Ihre Worte, von deren Wahrheit er sich getroffen
fühlte, hatten ihn verletzt. Er sah sich genöthigt, ihr im Geheimen
Recht zu geben, ohne jedoch hochherzig genug zu sein, ihr das
einzugestehen. Der ihm gemachte Vorwurf gehaltloser Vorurtheile hatte
seinen Unmuth erregt; er war daran nicht gewöhnt und daher um so tiefer
dadurch betroffen worden. Er räumte Niemand das Recht ein, seine
Ansichten vor ihm selbst in solcher Weise zu zerlegen, um ihn einer
Schwäche oder eines Irrthums zu zeihen. Er glaubte die Welt und die
Menschen genügend zu kennen, um in deren Beurtheilung berichtigt werden
zu müssen. Und das hatte nun eine Frau, die einfache Prinzessin gethan
und obenein in ziemlich schonungsloser Weise. Es war nicht seine Art,
sich mit Frauen in eine ausgedehnte Unterredung einzulassen; er hielt
sie für zu wenig befähigt, um sie einer solchen Ehre zu würdigen. Denn
trotz der von Sidonien ausgesprochenen Auseinandersetzungen galten ihm
die Frauen nur so viel, als sie ihm eben seinen Zwecken dienten. Er
hatte jedoch auch aus der Prinzessin bestimmten Worten entnommen, an
jenem Punkt mit ihr angelangt zu sein, wo Vorstellungen und Ermahnungen
fruchtlos waren und er bedacht sein mußte, sich seine hoheitliche
Autorität zu bewahren, um nicht an Einfluß auf sie zu verlieren. Er
durfte ihr daher kein Zugeständniß ihrer Ansichten und Ansprüche
machen, sondern mußte es ihr überlassen, sein Benehmen und seine
Worte nach ihrem Belieben zu deuten. Und so entgegnete er mit einem
ironischen Lächeln:
»Ich bin viel zu tolerant, um nicht jedem Menschen seine Ansichten zu
lassen, vorausgesetzt, daß ich durch dieselben nicht irgendwie berührt
werde. Dies Letztere ist nun bei Ihnen der Fall; doch bin ich weit
entfernt, mich darüber in Erörterungen einzulassen. Es handelt sich
hier um eine sehr ernste und wichtige Sache, und ich frage Sie daher,
ob Sie auf dem Verlangen, Ihre Ehe zu trennen, bestehen?«
»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig und ohne Zögern.
»So werde ich den Prinzen damit bekannt machen und bitte das Weitere zu
erwarten.«
Mit diesen in kühlem Ton gesprochenen Worten und einem leichten Neigen
des Hauptes entfernte sich der Fürst.
Sidonie athmete hoch auf, indem die sie bisher beherrschende Spannung
einem freieren Gefühl wich. Ihr Auge strahlte, und des Geliebten
gedenkend, preßte sie die Hände auf die Brust und rief in freudiger
Bewegung:
»Es ist geschehen; der erste Schritt zu unserm Glück gethan!«
»So hat mich meine Ahnung nicht getäuscht,« fiel eine ihr bekannte
Stimme ein und zwei Arme umschlangen sie. Es war Aurelie, die leise
eingetreten war und die Freundin überraschte.
»Sie täuschte Dich nicht und Du erkennst meine Freude, sobald schon
durch den Fürsten selbst zu einer bestimmten Erklärung veranlaßt worden
zu sein. Wie sehr bangte mir vor diesem Augenblick; Gott sei Dank, daß
er vorüber ist und ich die heilige Pflicht gegen den Freund erfüllt
habe!« entgegnete Sidonie.
»Der Fürst hat also Deine Erklärung nicht mit Unwillen aufgenommen? Ich
fürchtete das.«
»Im Gegentheil, sie hat ihn verletzt, wie ich trotz seiner
Zurückhaltung bemerkte. Auch scheinen ihm manche andere Worte von mir
nicht gefallen zu haben, da sie ihn auf seinen Irrthum aufmerksam
machten,« bemerkte Sidonie gedankenvoll.
»Er schied doch nicht etwa im Zorn?« fragte Aurelie besorgt.
»Wenn ich auch dies nicht fürchte, so bin ich doch gewiß, daß die
offene Weise, mit welcher ich ihn auf seinen Irrthum aufmerksam machte,
seinen Unmuth erregte.«
»Das wäre übel; denn es däucht mir von hoher Wichtigkeit, Dir des
Fürsten Freundschaft zu erhalten. Du weißt, er ist von dem größten
Einfluß in Deiner Angelegenheit.«
»Ich weiß es und wünschte von Herzen, seine Worte hätten mich nicht zu
mancher Bemerkung herausgefordert, die zu verschweigen in meiner Lage
vortheilbringender gewesen wäre. Doch baue ich auf seine Einsicht und
sein Gerechtigkeitsgefühl.«
»Möchte Dich Dein Vertrauen nicht täuschen!«
»So zweifelst Du daran?«
»Ich muß aufrichtig sein und dies bekennen. Mich macht die Ueberzeugung
besorgt, daß, wenn der Fürst in die Trennung willigt, er auch bedacht
sein wird, die Ehre des Prinzen so viel als möglich zu retten,
vielleicht auf Deine Kosten. Er wird diese Angelegenheit lediglich als
ein Staatsgeschäft behandeln und sich den möglichst größten Vortheil
dabei zu sichern bedacht sein. Denn mit der Trennung wird auch sein
Interesse für Dich ein Ende finden, da Du seinen Staatszwecken nicht
mehr dienst, und so müssen wir auf mancherlei üble Erfahrungen
vorbereitet sein.«
»Ich darf Dir nicht widersprechen; doch wenn dies auch sein muß, so
glaube ich doch auch auf das Kommende vorbereitet genug zu sein, und
die Aussicht, endlich aus diesen erniedrigenden Fesseln erlöst und dem
so heiß ersehnten Glück zugeführt zu werden, wird mich kräftigen und
meinen Muth erhalten. O schon jetzt, nachdem ich das entscheidende Wort
gesprochen habe, fühle ich mich freier, glücklicher, und es ist mir,
als hätten sich die Bande bereits gelockert, die meine Seele so lange
niederhielten.«
»Ich glaube Dir, meine Gute, und freue mich von Herzen über Deinen
Muth, den die Liebe nähren und erhalten wird,« entgegnete Aurelie,
Sidonie umarmend.
»O, wenn diese Fesseln endlich fallen, wenn ich wieder frei bin wie
einst, dann kehren wir dahin zurück, wo ich die reinsten und süßesten
Stunden des Lebens genossen habe, dann darf mein Herz ohne Zwang die
Sprache seiner Liebe sprechen, dann darf ich der Welt offen sagen,
seht, ~dieser~ ist der Mann meiner Neigung und Achtung, er, den
die Welt verehrt und schätzt, wie er es verdient. O, nun der Schritt
gethan ist, frage ich mich, warum ich mich damals zum Zaudern durch
den Fürsten bestimmen lassen und es über mich gewinnen konnte, auch
nur einen Tag länger die Qual des Bewußtseins zu tragen, diesem
verächtlichen Manne zu gehören. Wie tief mag Römer dadurch verletzt
worden sein, diese edle, feinfühlende Natur. Doch nun ist ja Alles
gut, und mein Handeln wird den Geliebten wieder ganz mit mir aussöhnen;
sein Herz ist ja eben so edel als gütig!«
In solcher Weise drückte Sidonie ihre überwallenden Empfindungen aus,
wozu ihre Lage sie drängte, alsdann fertigte sie ein Schreiben an
ihren Bruder, den Herzog, um ihn mit ihrem Entschluß bekannt zu machen
und ihn zugleich zu ersuchen, sie, sobald der Prinz und Fürst in
Trennung willigten, bei sich aufzunehmen, um daselbst die Erledigung
der betreffenden Verhandlungen abzuwarten. Denn es drängte sie, einen
Ort so schnell als möglich zu verlassen, in welchem sie dieselbe Luft
mit dem Prinzen athmete und sie Alles an ihre Leiden erinnerte. Lag
zwischen ihr und dem Hof erst die Ferne, dann durfte sie auch nicht
mehr eine Rückkehr an denselben fürchten, dann ließ sie die entehrenden
Fesseln zerbrochen zurück und tauchte mit kräftigen Schwingen in den
Aether der Freiheit.
Seit diesem Augenblick erfüllte sie eine erhöhte Lebenskraft. Aus dem
Jahre langen Dulden endlich zum entscheidenden Handeln heraus getreten,
fühlte sie sich erhoben, wie das stets zu sein pflegt.
Auf ihren Wunsch theilte Aurelie dem Grafen sogleich das Nähere über
ihre Rückreise so wie den an den Fürsten gestellten Antrag mit; er
sollte sogleich erfahren, daß sie ihm ihr Wort gehalten hatte, und
dieses Bewußtsein seine trauernde Seele mit neuer Hoffnung erfüllen.
Es darf kaum erwähnt werden, wie sehr Römer dadurch beglückt wurde, und
dies um so mehr, da er trotz Sidoniens Versprechen dennoch fürchtete,
sie würde trotz des sie erfüllenden Muthes dennoch durch die sich ihr
entgegen stellenden Hindernisse von diesem Schritt zurück geschreckt
werden. Und auch selbst nachdem er die bedeutsamen Worte erhalten
hatte, drängte sich mancher beunruhigende Zweifel über das Gelingen
ihrer Absicht in seine Seele, und so konnte es nicht ausbleiben, daß
sein Wesen die Sorge des Herzens verrieth. Diese wurde überdies noch
durch das Bedauern erhöht, Sidonien in dieser so wichtigen Zeit nicht
nahe sein zu können. Ihr Alleinsein beängstete ihn; denn er fürchtete,
und mit Recht, den großen Einfluß des Fürsten und der Verhältnisse auf
sie.
Sein Seelenzustand konnte seiner ihn so innig liebenden Mutter nicht
verborgen bleiben, und in der Voraussetzung, daß derselbe durch die
Trennung von Sidonien hervor gerufen worden war, entschloß sie sich,
ihm die, wie sie wußte, heiß gewünschte Freiheit zum Wiedersehen
der Prinzessin zu bieten. Um ihm jedoch ihre Absicht nicht zu
verrathen, benutzte sie eine zufällig eintretende Unpäßlichkeit ihrer
verheiratheten Tochter als Vorwand zu der Mittheilung, bei dieser eine
längere Zeit verweilen zu wollen. So innig Römer seine Mutter auch
liebte, kam ihm dieser Umstand doch sehr gelegen, indem dadurch die
Befriedigung seines Verlangens ermöglicht werden konnte.
Am Abend vor der Trennung befanden sich Mutter und Sohn wie gewöhnlich
allein bei einander und besprachen allerlei die Familie betreffenden
Verhältnisse. Nachdem dieselben erledigt worden waren, ergriff die
Gräfin nach kurzem Schweigen das Wort und bemerkte:
»Ich glaube mich in der Voraussetzung nicht zu täuschen, mein Sohn,
daß Du während meiner Abwesenheit wahrscheinlich die Residenz besuchen
wirst.« --
»Ich denke, es wird so sein,« entgegnete Römer zögernd und indem er
erröthete.