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Prinzessin Sidonie.
Roman
von
Julius Bacher.
Dritter Band.
[Illustration]
Leipzig,
Verlag von Friedrich Fleischer.
1870.
Erstes Kapitel.
Graf Römer war durch Aurelie über die bekannten Vorgänge am Hofe
unterrichtet worden, und es darf kaum bemerkt werden, wie um so
schmerzlicher ihn diese Mittheilungen ergriffen, da er wußte, daß
Sidonie durch dieselben tief verletzt sein mußte. Seinen Kummer
steigerte überdies noch die Hoffnungslosigkeit, Sidoniens gegen den
Fürsten ausgesprochenes Verlangen, sich durch die Trennung ihrer
Ehe aus dem sie erdrückenden Unheil zu retten, erfüllt zu sehen.
Denn Aurelie hatte ihm diesen Umstand nicht verschwiegen, doch auch
zugleich die geringe Aussicht auf Erfüllung des so natürlichen Wunsches
angedeutet.
Der Graf kannte die Hofverhältnisse zu genau, um ihr darin nicht
beizustimmen. Mit der Abneigung des Fürsten gegen dergleichen
gewaltsame Mittel bekannt, besonders wenn diese durch des Prinzen
Schuld bedingt wurden, war er überzeugt, daß derselbe sich kaum jemals
zu der Trennung verstehen und Sidoniens Schritt daher vergeblich sein
würde.
Alle diese Umstände waren nur zu sehr geeignet, ihn noch tiefer zu
beugen, da er überdies keinen rettenden Ausweg aus diesen Verhältnissen
zu entdecken vermochte und zugleich verhindert war, Sidonien nahe zu
sein. Um so größer war daher seine Freude, als die Mittheilung zu ihm
gelangte, daß die Prinzessin auf den Wunsch des Fürsten zur Stärkung
ihrer Gesundheit ein Bad gebrauchen würde. Seine Freude wurde freilich
durch die Sorge getrübt, daß Sidoniens Befinden wahrscheinlich sehr
übel sein müßte, da sie zu einem solchen Mittel genöthigt war, und
dieser Umstand mehrte seine Unruhe in so hohem Grade, daß er darunter
sichtlich litt und das Auge seiner Mutter oft mit Besorgniß auf seinen
bleichen Zügen ruhte. Wie sehr beglückte ihn daher die Nachricht von
Sidoniens Wahl des Badeorts; er erkannte darin ihre Liebe und das
Verlangen, ihm nahe zu sein und die Gelegenheit zu geben, sie, von den
Hofschranzen unbeobachtet, zu sehen.
Die geringe Entfernung seines Wohnortes von dem Bade ließ seine Besuche
bei Sidonien auch als den Ausdruck der ihr schuldenden Ehrerbietung
und daher durchaus selbstverständlich erscheinen. Welche Fülle von
Glück lag in dieser angenehmen Aussicht, doppelt groß, da er bereits
die Hoffnung aufgegeben hatte, Sidonie so bald schon wieder sehen zu
können. In der gespanntesten Erwartung harrte er daher auf Aureliens
Mittheilung, welche jene Nachricht bestätigen und zugleich die Zeit der
Abreise und des Eintreffens in dem Badeorte bezeichnen würde.
Er sollte, wie wir erfahren haben, nicht allzu lange und nicht
vergeblich harren; denn schon nach wenigen Wochen erhielt er den
hierauf bezüglichen Brief. Sidonie war in dem Badeort glücklich
angelangt und begrüßte denselben mit der hingebendsten Freude, nicht
nur in dem Bewußtsein, dem Freunde endlich so nahe gerückt zu sein,
sondern auch durch die Schönheit des Ortes selbst in hohem Grade
angenehm überrascht.
In demselben vereinigten sich alle Naturreize einer Gebirgsgegend --
bewaldete Höhen, nackte Felsen, überraschende reizende Fernsichten
auf eine verfallene Burg oder den aus Gebüschen und Gestein hervor
schimmernden Bergstrom -- in dem anmuthigsten Wechselspiel, über
welche jene dem kranken Herzen so wohlthuende Ruhe und Stille
ausgebreitet lag, die den vollen Genuß der Naturschönheiten nicht nur
gestatten, sondern auch so lieb und angenehm machen. In dem von dem
Bergstrom durchrauschten Thal lagen die zierlichen Badegebäude unter
laubigen Gärten und schattigen Anpflanzungen versteckt und mit allen
Bequemlichkeiten ausgestattet.
Sidonie athmete mit vollen Zügen die erfrischende Bergluft in dem
Gefühl der Freiheit, die ihr hier in so reichem Maß zu Theil wurde. Sie
bewohnte ein von den anderen Gebäuden ziemlich entferntes und auf einem
sanften Hügel errichtetes Hôtel, war also dem eigentlichen Badeleben
fern, von welchem sie nur wenig berührt wurde. Alle diese Umstände
entsprachen so ganz ihren Wünschen, daß sie Aurelien eingestand, sich
durch die dargebotenen Genüsse sehr befriedigt zu fühlen und daran die
besten Hoffnungen für die Zukunft zu knüpfen.
Die Freundin lächelte, ohne jedoch den Anlaß dazu zu verrathen; sie
wußte nur zu wohl, daß diesen Genuß nicht die Naturreize allein,
sondern wol lediglich die Hoffnung auf das Wiedersehen des Freundes
erzeugt hatten. Ihr edles Herz theilte diese Freude vollkommen, da sie
der gebeugten Prinzessin so ersprießlich und heilsam war.
Ungefähr eine Woche nach ihrer Ankunft traf der Graf bei ihnen ein. Er
hatte Aurelie mit seinem beabsichtigten Besuch vorher bekannt gemacht
und diese Sidonie darauf vorbereitet. Wie klopfte ihm ihr Herz doch so
freudig entgegen, wie war sie in dem Bewußtsein so glücklich, den so
lange entbehrten Freund endlich zu sehen!
Der Graf war früh aufgebrochen und langte zeitig am Vormittag an.
Sidonie harrte seiner auf dem Balkon, der ihr eine freie Aussicht auf
den Weg gestattete, auf welchem Römer nahen mußte. Wie jubelte sie, als
sie ihn in der Ferne erblickte und er sie nach wenigen Augenblicken im
Vorüberfahren begrüßte. Kaum eine halbe Stunde darauf befand er sich
bereits in ihrem Hôtel. Aurelie empfing und führte ihn zu Sidonien, die
ihn in ihrem Boudoir erwartete, dessen Lage jede Sorge, belauscht zu
werden ausschloß.
Sie streckte dem Eintretenden mit strahlenden Augen die Hände entgegen,
die der Graf in tiefer Bewegung ergriff und an die Brust drückte. So
standen sie einige Augenblicke vor einander, Auge in Auge gesenkt,
schweigend, von dem Glück des Wiedersehens überwunden. Sanft drängte
sich eine Thräne in Sidoniens Wimpern, als sie des Freundes kränkliche
Blässe bemerkte, die das flüchtige Roth der Aufwallung in seinem
Antlitz bald wieder überwand. Sie bedeckte die Augen mit der Hand und
ließ sich in den nahe stehenden Sessel nieder, von einer Schwäche
angewandelt, die sie nicht mehr zu verbergen vermochte.
Er stützte sie und blieb alsdann neben ihr stehen, die feine Hand, die
er nicht frei gegeben hatte, wiederholt an die Lippen drückend.
Sie waren zu bewegt, um das Wort zu finden, war ihr Wiedersehen doch
eben so beglückend als schmerzlich, und drängte sich in die Freude doch
auch zugleich die Mahnung des Erfahrenen und der gebotenen Entsagung.
Wie anders wäre dieses Wiedersehen gewesen, hätte Sidonie dem Geliebten
die frohe Nachricht bringen können, daß durch die Trennung von dem
Prinzen ihrer Verbindung nun nichts mehr entgegen stände.
Daß sie dies nicht thun durfte, daß die Ketten, welche sie an den
verachteten Gemahl fesselten, in diesem Moment doppelt verletzend
klirrten und sie so rasch aus der glücklichen Selbstvergessenheit
aufstörten, erfüllte sie mit einem unnennbaren Schmerz. Das übervolle
Herz rang nach einem Ausdruck, und doch, was konnte es sagen, was der
Andere nicht schon wußte; war ihr Fühlen und Denken doch so innig mit
einander verwebt.
Der Graf fand zuerst das Wort; er bemerkte:
»Wie gering war mein Hoffen auf diesen glücklichen Augenblick, der
leider durch Ihr übles Befinden herbeigeführt werden mußte.«
Sie blickte voll inniger Liebe zu ihm auf, und dieser Blick sagte ihm,
wie geringe Bedeutung sie dem letzteren dem Glück des Wiedersehens
gegenüber beilegte.
Er verstand sie nur zu wohl und drückte dankend seine Lippen auf ihre
Hand.
»Die letzten Monate haben viel Unglück über uns gehäuft,« sprach sie
sanft.
»Lassen Sie es uns vergessen, meine theuerste Freundin, und ich denke,
die Gegenwart wird uns das erleichtern,« entgegnete er beruhigend.
»Wol haben Sie Recht; wir müssen uns diese Fertigkeit aneignen, sollen
wir nicht dem Unheil erliegen. Ja, ja, mein Freund, ich will vergessen
und werde es in dem neugewonnenen Glück. O, daß all' mein Mühen umsonst
sein mußte!« fügte sie betrübt hinzu.
Der Graf verstand sie nur zu wohl und vermochte einen Seufzer nicht zu
unterdrücken.
»Aurelie hat Ihnen meinen Schritt bei dem Fürsten mitgetheilt?«
Der Graf bejahte schweigend.
»Und auch die geringe Aussicht, die sich daran für mich knüpft?«
Der Graf neigte auch jetzt schweigend und zustimmend das Haupt, und
Sidonie fuhr fort:
»Dennoch will ich nicht alle Hoffnung aufgeben, daß der Fürst durch
die Verhältnisse und mein wiederholtes Verlangen sich endlich genöthigt
sehen wird, von seinem Widerstande zu lassen.«
»Wäre dem doch so!« fiel der Graf in tiefer Bewegung ein und schaute
sie mit einem Blick innigster Liebe an.
»O, wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich von diesen unheilvollen
Banden endlich erlöst und mir selbst wieder zurück gegeben, meinen
theuern Freund begrüßen können!« rief Sidonie, und ihr strahlendes
Auge verrieth die lebhaften Empfindungen ihres Herzens, welche dieses
Verlangen in ihr erzeugten.
Ihre Worte übten eine tiefe Wirkung auf Römer aus; er vermochte
derselben nicht länger zu widerstehen und sank an ihr nieder und preßte
ihre Hände an die Lippen. Die so lange nur mühsam beherrschte Liebe
brach mit ganzer Heftigkeit aus, so sehr dies auch gegen seinen Willen
war; er fühlte sich jedoch in diesem Augenblick und dem so tief und so
innig liebenden Weibe gegenüber aller Kraft beraubt.
Sidonien erging es nicht anders; von dem sie erfüllenden Gefühl
überwunden und unter hervorbrechenden Thränen neigte sie sich zu ihm
nieder, umschloß sein Haupt sanft mit den Händen und hauchte scheue
Küsse darauf.
»O, meine Sidonie, wie unaussprechlich liebe ich Dich!« rief der Graf
leise, verklärt zu ihr aufschauend.
»Ich weiß es, Du guter, edler, theurer Mann, ich wußt' es, da ich noch
ein Kind war, dessen Fühlen und Denken schon Dir gehörte, und das Dir
und nur Dir immer und immer gehören wird. Ich wäre längst gestorben,
hätte mich Deine Liebe nicht stets auf's Neue belebt; in ihr allein
ruht der Quell meiner Kraft und meines Lebens!« entgegnete sie sanft
und streichelte seine Haare. Alsdann fuhr sie mit erhöhtem Feuer fort:
»Und wer will es mir verargen, wenn ich mich in meiner Noth anklammere
an den Mann meiner Liebe, an ihn, der mit edelsinniger Hingebung mir
sein schönes, reiches Leben opfert?! O, halte mich, halte die in
Schmerz Versinkende mit Deinem kräftigen, starken Arm, daß sie nicht
dahin geht in die grausige Nacht des Todes, verletzt und gebrochen und
ohne Mitleid ihrer Peiniger! O, ich bin noch so jung, und Deine treue
Liebe hat mich mit den süßen Ahnungen eines schönen, glücklichen Lebens
erfüllt, hat das Verlangen nach ihm immer mächtiger in mir erregt; o,
lass' mich nicht sterben, lass' mich mit der Hoffnung leben, mein Traum
könnte sich einst dennoch erfüllen und noch einmal das verwelkte Leben
sich in frischer Blüthe entfalten!«
Sie ließ ihr Antlitz auf sein Haupt sinken und weinte heftig.
»Du sollst nicht sterben, Du sollst glücklich werden!« fiel der Graf
tief erschüttert ein. »So lange ich athme, wird mich das Bestreben,
Dich zu beglücken, erfüllen. O, es zerreißt mir die Seele, daß ich
diesen unglückseligen Verhältnissen gegenüber so machtlos bin, Dich
nicht aus ihnen auf meinen Armen davon tragen kann zu dem schönen
Glück unserer Liebe! O, gieb die Hoffnung auf ein Besserwerden nicht
auf! Zu groß ist Dein Leid, um sich nicht endlich zu erschöpfen. Ein
wiederholter Antrag bei dem Fürsten muß seine Wirkung ausüben, durch
den Einfluß Deines Bruders unterstützt. Es muß, es muß ein Ende nehmen
mit diesem Leid, und sollten wir auch zu dem äußersten, letzten Mittel
unsere Zuflucht nehmen müssen. ~Du sollst, Du darfst~ in diesem
Leid nicht untergehen!« rief der Graf mit der ganzen Energie seines
Charakters.
Sie erhob das Haupt und blickte ihn gefaßt und zärtlich an, indem sie
entgegnete:
»~Du~ sagst es, mein Geliebter, so wird es auch geschehen.«
»Ja, es wird geschehen. Fasse Muth und lass' uns überlegen, wie wir
zu unserm Ziel gelangen,« sprach der Graf, dessen leuchtendes Auge
und feste Haltung die ganze Thatkraft seiner liebeerfüllten Seele
verriethen.
Sidonie antwortete nicht, sondern ließ bewundernd ihr Auge auf seinem
Antlitz ruhen. Seine Worte und die sich in seinem Wesen aussprechende
warme Leidenschaft hatten sie angenehm überrascht.
Sie hatte ihn ~so~ noch nie gesehen. Immer bedacht, seine Gefühle
zu beherrschen, erschien der Graf stets ruhiger und ernster, als es in
der That sein Charakter war; und so geschah es, daß man ihn für kalt
und unzugänglich hielt.
Sidonie wußte wol, daß dem nicht so sei; doch noch niemals hatte sie
die Sprache der Leidenschaft von ihm vernommen, noch niemals der
nur Liebende in seiner ganzen Hingebung sich ihr gezeigt, und darum
erschien ihr der Graf in einer neuen und verschönerten Gestalt. Und von
ihren Empfindungen überwunden, drückte sie seine Hand und bemerkte:
»Sie nennen Dich kalt und stolz; o, wer Dich jetzt sähe, wie leicht
würde er seine Täuschung erkennen!«
»O, es ist gut, daß man mir solche Eigenschaften beilegt, sie dienen
mir als ein Mittel, meine Liebe zu verbergen. Nur ~so~ schütze ich
uns vor einem Verrath.«
»Ja, ja, mögen sie es thun; kenne ~ich~ doch Dein edles, treues
Herz,« fiel Sidonie erfreut ein, und sie sprachen alsdann noch manches
liebe Wort mit einander, beglückt, von allem Zwange befreit, die
lang verhaltenen Gefühle endlich einander in der Sprache der Liebe
mittheilen zu können. Und was wäre ihre Liebe gewesen, hätte sie die
hemmenden Verhältnisse nicht überfluthet und sich in ihrer schönen
Macht und Herrlichkeit geltend gemacht, ohne dem Vorwurf ein Recht
einräumen zu müssen. Dieser Gedanke mochte Sidonie erfüllen, als sie,
in dem Glück des Augenblicks aufgehend, sinnend vor sich hinschaute und
bemerkte:
»O, es ist doch etwas Großes und Schönes um die volle Liebe zweier
Menschen; ich habe das nie so ganz empfunden, als eben jetzt. Welche
Kraft verleiht sie dem zagenden Gemüth, welches Vertrauen flößt sie
uns ein in dem Bewußtsein, daß unser Fühlen und Denken widertönt in
dem geliebten Herzen, daß unser Schmerz, unsere Lust die gleichen
Empfindungen in der verwandten Seele wach rufen. Süßes, unerforschtes
Geheimniß der Natur.«
Sie traten auf den Balkon hinaus; die Blicke von der Schönheitsfülle
der Landschaft umfangen, deutete der Graf darauf hin und bemerkte, an
ihre Worte anknüpfend:
»Wir schauen ihr ewiges Walten in diesem reizenden Bilde, wir vernehmen
es in den Tönen des Lebens, in dem Rauschen des Stromes dort, in dem
Klange der Vogelsänge, wir schauen es in den farbigen Gestaltungen der
düfteathmenden Blumen.«
Und sie blickten schweigend um sich, lieblich angemuthet von dem
Geschauten; aber nur eine Secunde, dann suchten sich ihre Augen. Sie
verstanden sich nur zu wohl. Mehr als in der Schönheit und dem Weben
der Natur lasen sie der Liebe Herrlichkeit in ihren von reinem Glück
beseligten Augen. Rasch floh ihnen also die Stunde dahin, mit ihr war
die schickliche Dauer für des Grafen Besuch dahin gegangen; Aureliens
Nahen erinnerte sie daran.
»Sie mahnen mich an das Scheiden,« bemerkte der Graf und fügte, sich zu
Sidonien wendend, hinzu: »Es wäre mir minder schmerzlich, dürfte ich
die angenehme Hoffnung mit mir nehmen, Sie und unsere Freundin heute
noch wiederzusehen. Ich bleibe bis zum Abend hier; vielleicht gestatten
es die Umstände, Sie an einem andern Ort zu treffen, da ich meinen
Besuch im Hôtel nicht zu wiederholen wage.«
»Unsere Wünsche lassen sich leicht erfüllen und ich habe bereits
daran gedacht,« entgegnete Sidonie und fügte nach kurzem Ueberlegen
hinzu: »Ich habe die Schloßruine schon öfter besucht; das soll auch
heute geschehen; ein Zusammentreffen dürfte daselbst, ohne Aufsehen zu
erregen, leicht stattfinden können. Von dort aus benutzen wir alsdann
einen wenig besuchten Pfad zur Rückkehr.«
Ihr Vorschlag fand den reichsten Beifall und den wärmsten Dank des
Grafen, der, dadurch sehr beglückt, bald darauf schied, um die Zeit bis
zu dem Ausflug in dem Hôtel zuzubringen.
Bei seiner Rückkehr nach demselben empfing ihn ein lebhaftes Treiben.
Der Badeort war von Gästen und Durchreisenden fast vollständig
besetzt, und es fand in Folge dessen ein reger Verkehr auf den Plätzen
und in den schattigen Anlagen statt, da dieselben gewöhnlich zu den
Vormittagsspaziergängen benutzt wurden.
Römer, der nichts Besseres zu thun wußte, gesellte sich den
Lustwandelnden zu und kürzte die Zeit durch Betrachten des sich seinem
Auge darbietenden belebten Bildes.
Der Badeort, den einst selbst Ludwig der Vierzehnte mit seinem
wiederholten Besuch beehrt hatte, zählte zu seinen Gästen vorzugsweise
nur vornehme Leute, und es machte sich besonders die Damenwelt mit
ihren kostbaren und auffälligen Toiletten in derselben Weise geltend,
wie man dies auch heute selbst in den kleinsten Bädern zu sehen
hinreichende Gelegenheit findet. Die Herren standen ihnen in dieser
Beziehung würdig zur Seite und trugen in ihren Kleidungen eben so viel
Luxus an Sammet, Seide, Gold- und Silberstickereien und Brillanten in
Busentuch und Schnallen zur Schau wie jene; der kostbaren Stöcke nicht
zu gedenken, die damals eine nothwendige Ergänzung eines vornehmen
Anzuges waren. Daß Koketterie und allerlei Intriguen ihre Netze
spannen, und wahrscheinlich in noch erhöhterem Grade, wie dies in der
Gegenwart geschieht, darf kaum bemerkt werden.
Die meisten der Badegäste waren nicht eigentlich leidend, sondern nur
vergnügungssüchtig und nutzten daher die aufgesuchte Gelegenheit so
viel als möglich nach Wunsch aus.
Der Graf schritt an der geputzten und schwatzenden Menge vorüber und
erreichte weiter wandelnd nach einiger Zeit einen Punkt, von welchem
aus sich seinem Auge eine Fernsicht auf die zu dem Ausfluge bezeichnete
Schloßruine darbot.
Dieser Umstand und die Schönheit des Landschaftsbildes veranlaßten
ihn, an dem Ort zu verweilen und sich an der Aussicht zu ergötzen.
Es befanden sich nur wenige Personen in seiner Nähe und er vermochte
daher seine Absicht ziemlich ungestört auszuführen. Früher, als es ihm
angenehm war, wurde er jedoch durch eine an ihn gerichtete Bemerkung
darin gestört. Beim Hinwenden zu dem Sprechenden sah er einen fein
gekleideten Cavalier, der sich, artig verneigend, mit höflichen Worten
entschuldigte, ihn vielleicht in seinem Genuß gestört zu haben.
»Ich bemerkte,« fuhr der Fremde fort, »das von Ihnen verrathene große
Interesse für diese Aussicht, und da ich dasselbe in hohem Grade
theile, so freute ich mich, einen Gleichfühlenden zu treffen, deren
es in unserer Badegesellschaft nicht eben viele giebt. Man zieht das
Gesellschaftsleben hier dem Naturgenuß vor, denn man kann sich so
schwer von dem Gewöhnten und Beliebten trennen!«
Der Graf wurde durch diese höfliche und seine gegenwärtigen Gefühle
angenehm berührende Ansprache um so mehr erfreut, da es ihm Bedürfniß
war, sich über die empfangenen Eindrücke auszusprechen, und ging daher
auf die Unterhaltung ein.
Sich wieder der Aussicht zuwendend, gestand er, von deren Schönheit
entzückt zu sein, und erbat sich von dem Fremden über einzelne Punkte
gefälligen Aufschluß.
Dieser wurde ihm in der gütigsten Weise gewährt, worauf der Fremde die
nahe liegende Vermuthung aussprach, daß Römer wahrscheinlich erst kurze
Zeit hier sei, und daran die Frage knüpfte, ob er etwa gesonnen wäre,
das Bad für längere Zeit zu benutzen.
Römer theilte ihm seinen vorüber gehenden Besuch mit, worauf der Fremde
die Frage an ihn richtete, ob er etwa gesonnen wäre, die Schloßruine zu
besuchen, indem er ihm zugleich diesen Ausflug als in jeder Beziehung
lohnend anpries.
Der Graf wurde in Folge dessen veranlaßt, ihm sein Vornehmen in dieser
Hinsicht mitzutheilen, da er es für besser erachtete, dasselbe nicht
zu verheimlichen, da überdies auch sein Besuch jenes Ortes nicht
verborgen bleiben konnte. Hierauf erbot sich der Fremde, ihm noch
einzelne in der Nähe befindliche Anlagen zu zeigen, was der Graf gern
annahm, worauf sie unter lebhaftem Gespräch weiter gingen.
Während dessen erkundigte sich der Fremde in durchaus nicht
belästigender Weise nach dem Anlaß seines Besuchs, ob er denselben etwa
wiederholen und vielleicht längere Zeit hier verweilen würde, indem er
zugleich die schmeichelhafte Bemerkung hinzufügte, wie sehr angenehm
ihm die Gegenwart des Grafen wäre, da sein Umgang hier nur auf sehr
wenige Personen beschränkt sei.
Römer sprach das Bedauern aus, durch seine Verhältnisse an einem
längeren Besuch des Bades behindert zu sein, verschwieg jedoch seine
Absicht nicht, denselben zu wiederholen.
In solcher Weise war die Zeit zum Diner genaht, und der Fremde begab
sich mit dem Grafen nach dem Hôtel, woselbst sie gemeinschaftlich
speisten und der Erstere sich auch jetzt als gewandter und angenehmer
Gesellschafter geltend zu machen wußte. Nach dem Diner ersah Römer
eine geeignete Gelegenheit, sich von dem Fremden zu trennen, da er
fürchtete, derselbe könnte sich ihm als Begleiter nach der Ruine
anbieten, was er aus nahe liegenden Gründen vermeiden mußte.
Der Fremde nannte sich von Bieberstein und war Hauptmann bei einem
Fußregiment des Fürsten, also ein Landsmann des Grafen. Er hielt sich
eines Leidens wegen in dem Bade auf und gedachte daselbst ungefähr
zwei Monate zuzubringen.
So angenehm auch dem Grafen diese Begegnung für den Augenblick war,
würde er dennoch im Hinblick auf Sidonie gern darauf verzichtet haben,
da er es für zweckmäßig erachtete, sich so viel als möglich von allen
gesellschaftlichen Berührungen frei zu halten, um der Beobachtung zu
entgehen. Er erkannte jedoch, wie schwer er seine Absicht erreichen
würde, da die Verhältnisse in einem Bade dieselbe nichts weniger als
begünstigen, und so nahm er das Unvermeidliche mit dem Vornehmen hin,
seine Vorsicht zu verdoppeln.
Die zu dem Ausflug bestimmte Zeit war genaht, und der Graf begab sich
in seinem Wagen nach dem Ziel des ersteren. Als er an Sidoniens Hôtel
vorüber fuhr, gewahrte er sie auf dem Balkon; sie hatte auf diesen
Augenblick gewartet, um darnach die eigene Fahrt zu bestimmen.
Sie begrüßten sich in der angenehmen Hoffnung, bald bei einander zu
sein und im süßen Verein die Naturschönheiten zu genießen.
Etwa eine halbe Stunde darauf traf Sidonie auf der nur von wenigen
Personen besuchten Schloßruine ein. Römer führte sie umher, und ihr
Glück steigerte sich im Gefühl der Freiheit und des Bewußtseins,
wie einst mit einander leben zu können. Wie viele trübe Jahre lagen
zwischen der Gegenwart und der schönen Vergangenheit mit all' ihren
süßen Hoffnungen. Dessen gedachten sie, und so konnte es nicht
ausbleiben, daß ihnen die mannichfachen reizvollen Fernblicke nur ein
vorüber gehendes Interesse abgewannen.
So ging die Zeit rasch dahin, und die längeren Schatten mahnten an die
Rückkehr, besonders da noch eine kleine Strecke gehend zurückgelegt
werden mußte und Sidonie die ihr obliegenden Rücksichten nicht
übersehen durfte.
Auch mehrte sich der Besuch auf der Ruine und machte ihnen den
verlängerten Aufenthalt daselbst nicht mehr erwünscht, und so brachen
sie auf.
Als Römer mit der Prinzessin und Aurelien im Begriff war, die Ruinen
zu verlassen, gewahrte er seinen früheren Begleiter, der mit mehren
Personen umher wandelte. Er, wie auch die Anderen begrüßten Sidonie
ehrerbietig. Man kannte sie und hatte sich mit ihren ehelichen
Verhältnissen bald vertraut gemacht, wie das eben nicht ausbleiben
konnte. Wesen und Benehmen der Prinzessin waren auch überdies sehr
geeignet, Interesse zu erregen, und so war eine Begegnung mit ihr sehr
gewünscht, indem eine solche Stoff zur Unterhaltung über sie darbot.
Dem Grafen war dieses Zusammentreffen nichts weniger denn angenehm,
indem dasselbe seine nähere Beziehung zu der Prinzessin verrieth, was,
wie wir erfahren haben, er gern vermieden hätte. Er wurde jedoch zu
sehr durch die angenehme Gegenwart heraus gefordert, um dem empfangenen
Eindruck nachzuhängen.
Bald hatten sie den Pfad erreicht und blieben in der Absicht, sich
von der Gegenwart des sie begleitenden Dieners zu befreien und ihre
Verabredung zu verbergen, stehen und beriethen, ob sie den Pfad
einschlagen sollten oder nicht.
Daß sie sich für den Gang erklärten, verstand sich von selbst, worauf
der Graf den Diener beauftragte, sich zu den am Fuß des Berges
haltenden Equipagen zu begeben und dieselben nach einem weiter
liegenden Punkt zu bestellen, von wo aus sie sich derselben wieder
bedienen wollten. Sie wandelten alsdann weiter.
Der Weg war bequem und zog sich auf einem bewaldeten Bergrücken
bis nach dem Badeort hin fort und gewährte den Wandelnden die
mannichfachsten Fernsichten. Hübsche Anlagen mit einladenden Ruhesitzen
unterbrachen denselben. Was ihnen den Gang jedoch ganz besonders
angenehm machte, war die ringsum herrschende, nur durch Vogelsang
unterbrochene Stille und der Mangel an Besuchern, der ihnen den
Vortheil gewährte, nicht beobachtet zu sein und sich ungezwungen an
einander zu erfreuen.
Manches liebe Wort wurde gesprochen, dessen Quelle Liebe und
Freundschaft war. Langsam gingen sie dahin, oft ruhten sie aus auf
den einladenden Sitzen. So erreichten sie beim Abendschimmer die auf
sie harrenden Wagen, und hier trennte sich der Graf von den Frauen
in förmlicher Weise, nachdem er ihnen vorher bereits ein herzliches
Lebewohl gesagt und seinen baldigen Besuch bezeichnet hatte.
Während Sidonie mit Aurelien nach ihrem Hôtel zurückkehrte, trat der
Graf seine Rückfahrt an, wie er das ursprünglich beabsichtigt hatte.
Bald hüllte Dunkelheit die Gegend ein. Sidonie und Aurelie saßen auf
dem Balkon und gedachten der verlebten Stunden und des Freundes, der
sich auf dem Wege nach der Heimath befand, und die angenehme Hoffnung
seiner baldigen Rückkehr milderte Sidoniens Schmerz über die Trennung
von ihm. Ihr Herz war von süßem Glück erfüllt, das ihr der heutige Tag
gebracht, dem sie in der Erinnerung nachhing und dessen Erneuung ihr
die Zukunft verhieß.
Wir übergehen einen Zeitraum von vier Wochen, in welchem der Graf
die Prinzessin durch seinen wiederholten Besuch erfreute, den er
jedoch nur einmal auf mehre Tage ausdehnte; gewöhnlich pflegte er
nur einen Tag daselbst zu verweilen. Es darf kaum bemerkt werden,
daß sie bedacht waren, die ihnen zum Zusammensein gebotenen Stunden
so viel als möglich auszunutzen, und darin durch die Abwesenheit
jedes höfischen Zwanges wesentlich unterstützt wurden. Diese
Umstände waren aber zu verführerisch, um sie nicht zu einem längeren
Beisammensein im Hôtel und zu öfteren gemeinschaftlichen Ausflügen
in die Umgegend zu verleiten. Zwar wurden dabei sowol von Seiten des
Grafen als der Prinzessin alle üblichen Rücksichten beobachtet; trotz
alledem verrieth sich dadurch jedoch die nähere Beziehung Römer's zu
Sidonien, und die Badegäste fanden darin ergiebigen Stoff zu allerlei
pikanten Bemerkungen. Wie man dergleichen Verhältnisse in jener Zeit
beurtheilte, ist uns bereits bekannt, und wir bemerken nur noch, daß
die Besucher des Bades sich veranlaßt sahen, in dieser Beziehung keine
Ausnahme zu machen.
Römer traf mit Bieberstein noch öfter zusammen, und dieser schloß
sich ihm noch näher an, wobei es dem Ersteren nicht entging, daß des
Kapitäns Bemühen darauf gerichtet war, sein Vertrauen zu gewinnen. Daß
ihm das nicht gelang, verstand sich von selbst, doch vermochte sich
der Graf von seinem Umgange nicht ganz frei zu machen, so sehr er auch
darauf bedacht war und ihm des Kapitäns Neugier, die sich nicht nur auf
des Grafen, sondern auch auf Sidoniens Verhältnisse erstreckte, endlich
lästig wurde.
Ohne durch die Besorgniß gestört zu werden, in welcher Weise des Grafen
Besuche gedeutet wurden, gab sich Sidonie ihrem Glück mit ganzem Herzen
hin, das nur durch die sich nicht eben selten aufdrängenden Gedanken,
wie bald dasselbe sein Ende erreichen sollte, beeinträchtigt wurde.
Einem solchen Gedanken nachhängend, hatte sie sich, angelockt von der
kühlenden Abendluft, nach dem Balkon begeben.
Aurelie hatte wegen eines leichten Unwohlseins bereits die Ruhe
gesucht und konnte ihr also nicht Gesellschaft leisten. Sidoniens
Stimmung war an diesem Abend besonders gedrückt. Der Graf hatte sie
heute nämlich mit der betrübenden Nachricht verlassen, durch allerlei
Verhältnisse an seinem baldigen Besuch verhindert zu sein, indem er
zugleich im Hinblick auf den nur noch kurzen Aufenthalt Sidoniens im
Bade andeutete, daß sein nächster Besuch wahrscheinlich auch der letzte
würde sein müssen.
Sidonie erkannte, sich darin fügen zu müssen, aber um so schmerzlicher
bewegte sie daher auch der Gedanke, daß ihr schönes Glück nun bald sein
Ende finden sollte.
Und welch eine Zukunft erwartete sie! --
Ihr Herz empörte sich in der Voraussicht derselben, indem sich zugleich
der Entschluß in ihr befestigte, auf's Neue die erforderlichen Schritte
zur Trennung von dem Prinzen zu thun, um den auf sie harrenden Leiden
zu entfliehen.
Daß sie nur durch einen beharrlichen Kampf zu diesem Ziel gelangen
würde, wußte sie; aber sie erkannte auch ebenso die unabweisbare
Nothwendigkeit, zur Erlangung desselben vor keiner Mühe schwächlich
zurück zu beben. Galt es doch dem Glück des ihr so theuren Mannes, mit
welchem sich ihr eigenes so innig verkettete, galt es doch, sich aus
den entehrenden Fesseln zu befreien.
Die wenigen Tage, welche ihr mit Römer zu verleben gestattet worden
waren, hatten überdies die Sehnsucht nach einem dauernden und
ungetrübten Verein mit ihm in hohem Grade gesteigert, so daß sie es für
unmöglich erachtete, fernerhin ohne ihn leben zu können.
Von allen diesen Empfindungen und Erwägungen in hohem Grade bewegt,
lehnte sie sich vom Balkon hinaus und schaute in die tiefdunkle Nacht.
Ihre Gedanken verfolgten den geliebten Mann, der auf dem Wege zur
Heimath dahin eilte.
Ein Bangen erfüllte sie, als sie den mit dunkeln Wolken bedeckten
Himmel betrachtete, aus welchem in der Ferne heftige Blitze zuckten,
denen ein schwacher Donner folgte.
Und die Angst ergriff sie, er könnte von dem Unwetter zu leiden haben,
und beklagte es, daß er seine Abreise nicht bis zum nächsten Tage
verschoben hatte.
Und die Blitze zuckten immer heftiger, vernehmlicher wurde der Donner,
beängstigender die schwüle Nachtluft.
Ihre Unruhe drängte sie, sich an dem Bilde des Geliebten zu trösten
und zu erquicken, und sie holte eine kleine silberne Chatoulle herbei,
in welcher sie außer einigen kostbaren Andenken auch das Portrait des
Grafen aufbewahrte, welches sie sich, wie wir erfahren haben, bereits
früher von Aurelien hatte zurückgeben lassen und seitdem bei sich
bewahrte. Sie öffnete die Chatoulle, nahm das Bild und betrachtete es
mit der ganzen Innigkeit ihrer Empfindungen. Wie tief wurde sie von dem
Anblick der geliebten Züge bewegt! --
»O, ich will keinen Schmerz, keinen Kampf scheuen, um Dir, Du edler,
theurer Mann, für immer anzugehören. Komme was da will, ich will es
tragen; Deine Liebe macht mich stark; ich werde nicht erliegen. O,
welch ein süßes Glück wird mein Lohn sein, welche Tage der Wonne, des
himmlischen Friedens wird uns die Zukunft bringen, vor Allem aber
werde ich Dein liebes, treues Auge von innigem Glück erhellt sehen, und
darin birgt sich der Inbegriff des meinen.«
So dachte Sidonie, im Anschauen des Bildes versunken, und sprach in
solcher Weise noch viele, viele liebe Worte mit demselben.
Eilig nahende Schritte störten sie plötzlich aus ihren süßen
Träumereien und veranlaßten sie, das Portrait rasch in die Chatoulle
zu legen. Noch beschäftigt, dieselbe zu schließen, erblickte sie
die Wärterin ihrer Tochter, welche ihr mit besorgten Mienen die
beunruhigende Nachricht brachte, daß sich das Kind nicht wohl befände;
sie fürchtete den Ausbruch irgend einer Krankheit. Durch das Vernommene
in hohem Grade erschreckt, erhob sich Sidonie sofort und folgte der
Wärterin. Sie fand die Mittheilung der Letzteren leider durchaus
bestätigt und sandte sogleich nach ihrem Arzt, während sie bis zu
dessen Ankunft bei dem Kinde blieb. Aurelie, die von der Erkrankung
Kenntniß erhielt, erschien bald und leistete ihr Gesellschaft.
Wenige Minuten darauf traf der Arzt ein und erklärte nach Prüfung
des Zustandes der Kranken, daß wahrscheinlich eine der gewöhnlichen
Krankheiten, welche in dem Alter der Leidenden vorzukommen pflegen,
im Anzuge sei, indem er Sidonie zugleich in Bezug auf den Ausgang
derselben beruhigte.
Die sofort angewandten Heilmittel thaten bald eine gute Wirkung, und
das Kind fiel in einen leichten Schlaf. Während dessen war es tief in
der Nacht geworden, und Aurelie drang in die Freundin, sich Ruhe zu
gönnen und mit ihr in der Pflege des Kindes abzuwechseln. Da dieses
schlief und eine Gefahr für dasselbe nicht vorhanden zu sein schien, so
gab Sidonie ihren Vorstellungen nach und ging nach ihrem Schlafgemach.
Daselbst angelangt, erinnerte sie sich der Chatoulle, die sie auf
dem Balkon stehen gelassen hatte, und begab sich sogleich dahin, um
dieselbe zu holen. Als sie den Blick auf den Tisch richtete, auf
welchem dieselbe gestanden hatte, fand sie das Kästchen nicht; es war
fort. In der nahe liegenden Vermuthung, daß einer der Diener dieselbe
wahrscheinlich nach ihrem Boudoir getragen hatte, beunruhigte sie sich
darüber nicht weiter, sondern ging in der Gewißheit nach dem Zimmer,
die Chatoulle daselbst vorzufinden.
Sie sah sich jedoch getäuscht; denn trotz alles Suchens war dieselbe
auch hier nicht zu entdecken. Dabei fiel ihr ein, daß sie die Lichte
auf dem Balkon noch brennend gefunden hatte; ein Umstand, der sie
befremdete; denn es lag die Annahme nahe, daß der Diener, der die
Chatoulle holte, auch das Auslöschen derselben wol kaum vergessen haben
würde. Sie ließ sogleich nachforschen, wer die Chatoulle fortgetragen
hätte, und erhielt hierauf die beunruhigende Nachricht, daß dies keiner
der Diener gethan. Ebenso war auch Niemand auf dem Balkon gewesen, noch
auch hatte irgend Jemand Kenntniß von dem Vorhandensein der Chatoulle
daselbst gehabt.
Sidonie sah sich im Hinblick der eigenthümlichen Umstände, unter
welchen sie den Balkon besucht und die Chatoulle dahin getragen hatte,
genöthigt, die erhaltene Mittheilung als begründet anzuerkennen. Sie
erschrak. Ihre Dienerschaft war treu und jeder Verdacht in Erwägung der
bezeichneten Umstände unzulässig; die Chatoulle mußte also entwendet
sein.
Die Gelegenheit dazu war durch die Erkrankung ihrer Tochter, welche
sie und die Dienerschaft aus der Nähe des Balkons entfernte und in
dem entgegengesetzten Flügel des Hôtels beschäftigte, geboten worden.
Diesen günstigen Augenblick mußte der Dieb zu seinem Verbrechen benutzt
haben. Das werthvolle Kästchen reizte dazu. Ueberdies war, wie wir
erfahren haben, das Hôtel von dem Badeort entlegen, der niedrige
Balkon von dem Garten aus leicht zu ersteigen, besonders da die tiefe
Dunkelheit ein solches Unternehmen wesentlich begünstigte.
Alle diese Umstände erwog Sidonie und gelangte zu der übeln
Ueberzeugung, der Chatoulle beraubt zu sein.
Den Verlust der in derselben enthaltenen Werthsachen hätte sie leicht
verschmerzt, nicht so denjenigen des Portraits. Ihre Unruhe und
Besorgniß steigerte überdies noch der Gedanke, zum Verschweigen des
Raubes genöthigt zu sein, da die Entdeckung desselben auch den Verrath
des Portraits herbeigeführt hätte.
Sie wurde dadurch veranlaßt, der Dienerschaft das strengste Schweigen
anbefehlen zu lassen, indem sie dieses durch die Annahme zu
rechtfertigen bedacht war, durch geheimes Forschen sicherer zu ihrem
Verlust gelangen zu können.
Nachdem sie in solcher Weise am zweckmäßigsten für ihr Interesse
gesorgt zu haben glaubte, begab sie sich zu Aurelien, die durch
Sidoniens Mittheilung nicht wenig erschreckt wurde. Sie billigte die
getroffenen Maßnahmen und die Frauen beriethen alsdann, welche Schritte
sie zur Wiedererlangung der Chatoulle thun dürften, ohne den Verrath
des Portraits fürchten zu müssen.
Nach längerem Erwägen gelangten sie zu dem Entschluß, Aurelie sollte
einen der am Ort anwesenden Polizeibeamten in's Vertrauen ziehen, das
Kästchen als das ihrige bezeichnen und ihn beauftragen, im Geheimen
darnach zu forschen, und seinen Eifer durch eine in Aussicht gestellte
namhafte Belohnung anspornen. In solcher Art hofften sie ihren Zweck am
sichersten und besten zu erreichen. Gelang dies den Nachforschungen des
Beamten nicht, so gewannen sie wenigstens den in diesem Fall besonders
wichtigen Vortheil, daß Sidonie nicht bloßgestellt wurde, was durch die
Entdeckung des Portraits jedenfalls geschehen wäre, der übeln Folgen
nicht zu gedenken, welche sich daran knüpfen mußten, würde der Fürst
oder der Prinz davon Kenntniß erhalten haben.
Am folgenden Tage wurde das besprochene Vorhaben in der angegebenen
Weise von Aurelien ausgeführt, und der gewonnene Beamte schied mit
dem Versprechen von ihr, mit Anwendung aller ihm zu Gebot stehenden
Kräfte und mit Beobachtung strengster Discretion sich dem Auftrage zu
unterziehen. In der angenehmen Hoffnung, ihren Wunsch vielleicht bald
erfüllt zu sehen und dadurch allen weiteren, sich mit dem Entwenden
der Chatoulle verknüpfenden Gefahren zu entgehen, fühlte sich Sidonie
wieder in etwas beruhigt. Das Interesse für diese Angelegenheit wurde
durch den sich rasch verschlimmernden Zustand ihrer Tochter wesentlich
gemäßigt.
Des Arztes Voraussage war nämlich wirklich eingetroffen und die Kleine
von einer der gewöhnlichen Kinderkrankheiten ergriffen worden, welche
Sidoniens ganze Sorge in Anspruch nahm. Sie hatte den Prinzen sogleich
mit Allem bekannt gemacht und das Gutachten des Arztes ihrem Briefe
beigefügt. Da das letztere im Ganzen beruhigend war, so befremdete es
Sidonie nicht, in des Prinzen Erwiderung ein nur geringes Interesse
für das Leiden seiner Tochter ausgedrückt zu finden; da gegen machte
sie der Umstand in hohem Grade bestürzt, daß er ihr für den Fall der
Verschlimmerung der Krankheit seinen Besuch in Aussicht stellte. Er
drückte ihr zugleich seine Freude über die guten Wirkungen der Badecur
aus, die bereits ihr Befinden gebessert hätten, und seine Worte
verriethen eine ungewöhnliche Theilnahme für sie, die sie beängstigte.
Vor Allem jedoch that dies die Aussicht seines Besuchs; denn in
keinem andern Augenblick wäre ihr derselbe so unangenehm gewesen, als
eben jetzt. Die verletzendste Kälte von seiner Seite würde sie gern
hingenommen haben, da Alles, was sie an das verhaßte Band mit ihm
erinnerte, ihr jetzt doppelt unangenehm war. Sie hatte sich in der
geträumten Freiheit so wohl befunden, und so mußten ihr seine Worte
doppelt unangenehm sein, da dieselben sie an ihr Unglück mahnten.
Mit dem Empfang seines Briefes hatte auch ihre Ruhe, ihr stilles,
reines Glück sein Ende gefunden, und zu diesem schmerzvollen Verlust
gesellte sich nun auch die Besorgniß um die leidende Tochter.
Trotz der guten Voraussage des Arztes verschlimmerte sich der Zustand
der Letzteren in einem gefährlichen Grade, so daß der Arzt über den
Ausgang derselben bedenklich wurde. Das waren kummervolle Stunden für
die schwer gebeugte Sidonie, um so schwerer, da sich an den Zustand der
Kranken zugleich die Angst knüpfte, durch die Gefährlichkeit desselben
den Besuch des Prinzen herbei zu führen. Und so waren ihre Gebete für
die Genesung ihres theuern Kindes doppelt heiß.
Auf ihren Wunsch hatte Aurelie dem Grafen sowol die Erkrankung des
Letzteren als auch die Entwendung der Kassette und deren nähere
Umstände mitgetheilt, und nicht anzudeuten unterlassen, wie erwünscht
ihnen gerade jetzt sein Besuch sein würde. Diesem Briefe fügte Sidonie
einige Zeilen bei. Von Schmerz und Sehnsucht erfüllt, fühlte sie ein
großes Verlangen, sich dem Freunde mitzutheilen, und es gewährte ihr
einen ganz besondern Trost, ihm ihre Empfindungen selbst ausdrücken zu
können.
Ueberdies wußte sie, welche große Freude sie ihm dadurch bereiten
würde; denn es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete;
bisher hatte sie dies zu thun nicht gewagt. Es waren freilich nur
wenige Worte, die sie ihm schrieb; dieselben athmeten jedoch eine um
so größere Innigkeit und verschwiegen den Trost nicht, den ihr der
Gedanke, ihre Gefühle von seinem edeln Herzen getheilt zu wissen, so
wie die Hoffnung gewährte, ihn bald wiedersehen zu können. Ebenso hatte
sie nicht unterlassen, ihm mitzutheilen, unter welchen Verhältnissen
sie des Prinzen Besuch zu erwarten hätte, jedoch auch zugleich die
Hoffnung ausgesprochen, daß dieser üble Fall nicht eintreten würde.
Wenige Tage müßten nach des Arztes Ansicht darüber entscheiden. Einer
ihrer Diener, der zu dergleichen Besorgungen bestimmt war, wurde von
Aurelien mit dem Ueberbringen des Briefes betraut.
Mit Ungeduld sah Sidonie der Rückkehr desselben entgegen; sie hoffte
durch ihn eine Antwort von dem Grafen und die so sehr gewünschte
Nachricht seines baldigen Besuchs zu erhalten, und es beunruhigte sie
daher, als der Bote nicht wie früher an dem nächsten Tage eintraf.
Doch, es konnte ihm ein Unfall zugestoßen sein, oder er hatte
vielleicht den Grafen nicht auf dessen Besitzung getroffen und wartete
auf dessen Rückkehr; diese Voraussetzungen bewogen sie, noch zwei
weitere Tage geduldig zu warten. Aber auch diese verstrichen; der Bote
blieb jedoch aus.
Auf Aureliens Rath harrte sie noch einen Tag, als aber auch dann
der Diener nicht erschien, erachtete sie es für nothwendig, einen
zweiten Boten an den Grafen abzusenden, ihm durch Aurelie das Nähere
mitzutheilen und um Aufklärung bitten zu lassen.
Es wurde zur Ausführung dieser Botschaft ein in Diensten des
Hôtelbesitzers stehender Mann, der als durchaus zuverlässig bezeichnet
wurde, erwählt. Demselben war große Eile empfohlen worden, und er
entledigte sich des Auftrages auch in so kurzer Zeit, daß er bereits am
Abend mit einem Brief des Grafen zurückkehrte. Der Inhalt des letzteren
überraschte und beunruhigte die Freundinnen in hohem Grade; denn der
Graf theilte ihnen mit, weder den Boten noch die ihm zugedachten
Briefe empfangen zu haben. Er wäre in der bezeichneten Zeit auf seiner
Besitzung anwesend gewesen, würde also den Boten, falls derselbe sich
gemeldet hätte, daher auch jedenfalls gesehen und gesprochen haben. Er
bemerkte zugleich, durch die betreffenden Umstände zu der Vermuthung
geleitet zu sein, daß den Boten irgend ein Unfall betroffen haben
müßte, und wollte sich durch Kundschaft hierüber in der kürzesten Zeit
Gewißheit zu verschaffen suchen.
Sobald er diesen Zweck erreicht haben würde, gedachte er Sidonien
persönlich über den erzielten Erfolg Bericht abzustatten, und glaubte
im Hinblick auf die Wichtigkeit der eingebüßten Botschaft, die
Nachforschungen persönlich leiten zu müssen.
Die Freundinnen stimmten seinem Vorhaben mit vollem Herzen bei;
denn es galt, Sidoniens Brief nicht in unbefugte Hände gelangen zu
lassen. Zwar hatte sie nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens unter
denselben gesetzt; dieser jedoch und Aureliens Schreiben genügten,
die Schreiberin zu verrathen. Es darf kaum bemerkt werden, wie tief
Sidonie von dem Allen betroffen wurde. Der Verlust des Portraits, das
räthselhafte Verschwinden des Boten und die rasche Aufeinanderfolge
aller dieser Vorfälle, so wie die Ungewißheit, in welcher Art sich
dieselben lösen würden, erfüllten sie mit beängstigender Sorge, und
gewiß mit allem Recht. Denn gelangte sie nicht in den Besitz dieser
Gegenstände, so stand für sie das Gewichtigste, ihre Ehre, auf dem
Spiel.
Zweites Kapitel.
Mühlfels hatte sich nichts weniger als beeilt, die ihm angewiesene
Garnison zu erreichen, und langte daselbst erst nach mehren Tagen und
in der übelsten Stimmung an. Diese steigerte sich noch mehr, als er von
dem Commandanten ziemlich kalt empfangen und fortan zum strengen Dienst
angehalten wurde. Es geschah dies auf den geheimen Befehl des Fürsten,
und der Commandant war viel zu dienstergeben, um denselben nicht zu
respectiren, trotz der von Mühlfels ihm übergebenen Empfehlung des
Prinzen.
Der Commandant befand sich schon seit vielen Jahren an diesem Ort und
wußte, wie er die ihm zugeschickten Officiere zu behandeln hatte,
besonders wenn ein fürstlicher Befehl ihm die Winke dazu gab.
Mühlfels war in Verzweiflung, und das um so mehr, da er sich für die
Unannehmlichkeiten des Dienstes durch irgend eine angenehme Zerstreuung
nicht zu entschädigen vermochte.
Wie wir erfahren haben, lag die kleine Grenzstadt in der ödesten Gegend
und von allem größeren Verkehr abgeschnitten, und bot daher fast gar
keine, oder doch nur solche Vergnügungen, an welchen der durch die
raffinirtsten Genüsse verwöhnte Baron keinen Geschmack fand, und so
däuchten ihm namentlich die ersten Wochen seines Aufenthalts kaum
erträglich. Er beeilte sich, den Prinzen mit seiner unglücklichen Lage
bekannt zu machen und um eine neue Empfehlung bei dem Commandanten zu
bitten. Der Erstere erfüllte gern seinen Wunsch, sprach sein herzliches
Bedauern über sein trauriges Leben aus und ermahnte ihn zum geduldigen
Ausharren. Des Prinzen wiederholtes Schreiben übte eine gute Wirkung
auf den Commandanten aus, und Mühlfels wurde seitdem rücksichtsvoller
behandelt.
So angenehm ihm dies auch war, ging sein Verlangen dennoch stets darauf
aus, zurückkehren zu dürfen, und er bestürmte den Prinzen mit Bitten,
den Fürsten zur Abkürzung seiner übeln Lage zu veranlassen; jedoch
vergebens.
Des Prinzen Zerwürfniß mit dem Fürsten war noch nicht ausgeglichen
worden, und so wagte der Erstere nicht, sich bei diesem für Mühlfels
zu verwenden, da er überdies die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen
voraussah. Er vertröstete ihn daher für eine geeignetere Zeit, die,
wie er meinte, bald eintreten dürfte. Um jedoch etwas von Belang für
seinen Günstling zu thun, veranlaßte er die Baronin, den Fürsten
persönlich im Interesse ihres Sohnes anzugehen. Ein solcher Schritt war
in jeder Hinsicht gerechtfertigt, und die Baronin zögerte denn auch
nicht, denselben zu thun.
Ihre Mühe war jedoch fruchtlos, denn der Fürst entließ die getäuschte
Oberhofmeisterin mit dem Bedeuten, daß ihrem Sohn der Aufenthalt in
der stillen Garnison sehr gut thue und er ihn deshalb noch einige Zeit
daselbst lassen würde.
So sah sich denn der Baron genöthigt, das Unabänderliche mit Geduld zu
ertragen; je mehr er jedoch darunter litt, um so mehr steigerte sich
auch in ihm das Verlangen, sich an der Urheberin seiner Leiden rächen
zu können.
Was ihn zu trösten schien, war der rege Briefwechsel, den er mit dem
Prinzen unterhielt.
Weitere Bemühungen um seine Entlassung aus dem Dienstverhältniß fanden
fortan nicht statt, und es schien, als ob sich der Baron mit demselben
bereits ausgesöhnt hätte.
In dem Benehmen des Prinzen gegen den fürstlichen Oheim trat bald nach
Sidoniens Abreise eine wesentliche Aenderung ein, indem der Erstere bei
einer geeigneten Gelegenheit diesen wegen seiner Thorheiten und seines
aufbrausenden Benehmens nicht nur um Verzeihung bat, sondern ihn
auch überdies durch eine vermehrte und fast eifrige Theilnahme an den
Staatsgeschäften auszusöhnen sich bemühte.
Der Fürst, von dem Glauben erfüllt, daß dies Alles lediglich die Folge
seiner strengen Maßregeln wäre, freute sich darüber nicht wenig, indem
er daraus die Zweckmäßigkeit derselben entnahm. Nicht minder erfreute
es ihn, von Sidonien zu vernehmen, welche gute Wirkungen der Gebrauch
des Bades auf sie erzeugt hatte, indem er zugleich hoffte, daß ihm nun
auch vielleicht die Aussöhnung des getrennten Paares gelingen würde.