Zwei Semester war ich an der Forstakademie in Aschaffenburg, dann ging ich
zur Rechtswissenschaft über, studierte in München und Erlangen, wo ich
nach Ablauf der vorgeschriebenen Zeit das Examen bestand.
Meine Erlebnisse auf der Hochschule waren die herkömmlichen, so sehr, daß
ich sie nicht zu schildern brauche.
Damals, als ich die Schlußprüfung ablegte, war es noch Sitte, dem
erfolgreichen Kandidaten den Zylinder einzutreiben.
Meine Freunde harrten vor der Türe auf mich und schlugen mir den Hut bis
zu den Ohren hinunter.
Da wußten die Bürger, die uns begegneten, daß aus dem Studenten ein
Rechtspraktikant geworden war, und nickten mir beifällig zu.
Am Abend zogen wir zum Bahnhofe hinaus, und ich fuhr heim ins Berufsleben,
das mit der Praxis beim Amtsgerichte Traunstein anfing.
Rückblickend auf mein Studium, kann ich sagen, daß ich das meiste aus
Büchern lernte und vom bestimmenden Einflusse eines Lehrers nichts zu
fühlen bekam.
Wenn ich lese, daß jemand durch eine führende Persönlichkeit aus dem
Dunkel ins Licht geleitet wurde, kann ich mir keine Vorstellung davon
machen, denn was ich vom Katheder herunter vortragen hörte, war trockene
Wissenschaft, die man nachschrieb, um dann zu finden, daß es gedruckt
nicht anders zu lesen war. Dagegen habe ich mir persönliche Erinnerungen
an etliche Professoren bewahrt.
Sie waren ziemlich alte Herren und wirkten auf mich wie Überbleibsel aus
der Uhlandzeit, paßten auch in das Bild der kleinen Universitätsstadt, in
der man so viele Erinnerungstafeln an berühmte Theologen, Mediziner und
Juristen sieht.
Sie waren Sonderlinge von einer Art, nach der man Heimweh haben darf.
Der alte _Gengler_ mit seinen langen, weißen Haaren und den blanken
Kinderaugen war der Gelehrte aus der Biedermeierzeit, weltfremd, verloren
und verträumt, ganz in seine Welt der Deutschen Rechtsgeschichte
eingesponnen, und doch recht lebhaft, fast leidenschaftlich, wenn er von
Freiheiten sprach, die es einmal gegeben hatte. Man belegte damals die
_Collegia_ persönlich bei den Professoren. Als ich Gengler besuchte, war
er schüchtern wie ein Kandidat, saß ganz vorne auf dem Stuhlrande und
hielt das Gespräch mit Mühe im Gange.
Vom alten _Makowitzka_, dem Nationalökonomen, ging die Sage, er sei Anno
48 zum Tode verurteilt und begnadigt worden.
Das stimmte nicht, wie ich später hörte, vielmehr hatte er eine geringe
Freiheitsstrafe erhalten, aber in Erlangen, wo man noch Erinnerungen an
_Sand_ hochhielt, ließ man nicht ab vom Glauben an das Henkerschwert, das
über dem braven Herrn geschwebt haben sollte.
Er empfing mich im Lehnstuhl sitzend, die fast erblindeten Augen durch
einen Schirm geschützt.
Mehrmals wiederholte er die Frage, ob es mein ernster Vorsatz und Wille
sei, bei ihm zu belegen, und als ich höflich darauf bestand, sagte er:
„Ja, also dann lese ich ... es war nämlich noch ein Herr da, und da Sie
nun zu zweit sind, werde ich die Vorlesung abhalten.“
Der andere und ich, wir sahen uns im ersten Kolleg etwas süß-säuerlich an,
denn da gab es nun einmal kein Schwänzen, wenn wir nicht unsern Lehrer
kränken wollten.
Professor _Lüders_, Philister der Hannovera und Korpsbruder Bismarcks, war
ein distinguiert aussehender, sehr wohlhabender Herr bei hohen Jahren.
Er lehrte Strafrecht, sprach sehr gemessen, mit hannöverschem Akzente, und
wenn sich Unruhe bemerkbar machte, konnte er würdevoll sagen: „Meine
Herren, ich muß um Ruhe bitten ... übrigens, mein Name ist Lüders, ich
wohne in der Friedrichstraße Nr. 2 ...“
Von seinem einzigen Leibeserben sprach er als von seinem Sohne und
Korpsbruder Karl ...
Zu den Originalen, an denen es in Erlangen nicht fehlte, gehörte der
Anatomiediener, ein alter Student und Korpsphilister; dann waren sehr hohe
Semester vertreten, verbummelte Herren von vierzig und mehr Jahren,
darunter ein Grieche, der Papadakis oder so ähnlich hieß und, als
obdachlos aus der Stadt verwiesen, sich in den Bierdörfern herumtrieb, bis
er eines Tages erschlagen wurde.
Von besonderer Art waren auch die Bürger, die sich über Mensuren und
Abfuhren unterhielten; die Handlungsdiener und Friseurgehilfen, die
Verbindungen gründeten, Wein- und Bierzipfel trugen und sich studentisch
gebärdeten, und die jungen Damen, die für Burschenschaft oder Korps
eintraten, kurz diese kleine Welt, die ich nun verließ, um sie nirgends
mehr zu finden.
In mein letztes Semester fiel die Erregung über die Entlassung Bismarcks,
vielmehr der Mangel an Erregung darüber, und gerade der blieb nicht ohne
Einfluß auf meine Entwicklung. Ich war nicht naseweis, und ich harrte auf
die bedeutenden Worte der Älteren.
Da sah ich mit Erstaunen, wie ein ganzes Volk den Verlust seines größten
Staatsmannes und seines Kredits im Auslande wie eine Schicksalsfügung
hinnahm, ich sah, wie man hausbackene Erklärungen dafür, daß ein junger
Kaiser keinen alten Kanzler wollte, suchte und fand, wie man die Willkür
eines Dilettanten zufrieden oder unzufrieden, aber jedenfalls ergeben
trug.
Nicht der Triumph der Gegner Bismarcks, die Geduld seiner ehemaligen
Anhänger brachte mich um alles gläubige Vertrauen und schärfte mir den
Blick für die Knechtseligkeit des deutschen Spießbürgers.
Ein englisches Witzblatt brachte damals ein Bild, wie der Lotse das
deutsche Schiff verläßt. Es traf den Nagel auf den Kopf; aber in
Deutschland sah man schweigend zu, wie unberufene Hände das Steuer
ergriffen, und wie im gefährlichsten Fahrwasser der Zickzackkurs begann.
Manches Mal noch hörte ich in der folgenden Zeit jeder Taktlosigkeit
gemütvoll und loyal Beifall spenden, und ich fragte mich bescheiden, ob
diese erfahrenen Männer nicht am Ende besser sähen als ich.
Nur allmählich löste sich aus Zweifeln der gründlichste Abscheu vor dem
Treiben los, dem ich später, so oft ich konnte und so scharf ich konnte,
Ausdruck gab.
Ein Vorfall, den ich bald nach der Heimkehr erlebte, zeigte mir, daß es
nicht lauter Gleichgültige und Ängstliche gab.
Ich saß mit den Forstmeistern der Traunsteiner Gegend in einem Bierkeller,
und das Gespräch kam selbstverständlich auf die Entlassung des
Reichsgründers, auf Undank und Jämmerlichkeit, und es wurde mit Schärfe
geführt.
Schweigend saß ein alter Forstmann aus Marquartstein am Tische, der sich,
wie man mir erzählte, im Kriege von 1870 oft bewährt und ausgezeichnet
hatte; er trank still, aber grimmig und reichlich Bier, und plötzlich
sprang er auf seinen Stuhl und schrie saftige Majestätsbeleidigungen übers
Publikum hinweg.
Erschrocken faßten ihn die andern am Rockschoß und wollten ihn
herunterziehen, aber der alte Krieger war in Feuer geraten und wiederholte
hartnäckig seine Worte, bis man ihn endlich in die Versenkung brachte.
„Und von mir aus passiert mir, was mag!“ schrie er. „Das is mir wurscht
...“ Es passierte ihm nichts, und es war schön, daß sich unter den
Hunderten nicht einer fand, der den Alten denunzierte oder ihn durch
leichtfertiges Erzählen des Vorfalls in Verlegenheit brachte.
Für gewöhnlich aber und besonders im Kreise von Juristen hörte ich nur
lederne Unterhaltungen über das Geschehnis, als hätte sich’s irgendwo in
der Fremde zugetragen, außerhalb der Interessensphäre dieser wackeren
Beamten, und der immer wiederkehrende Refrain vom neuen Herrn und alten
Faktotum wirkte beschwichtigend auf alle.
Für meine Mutter hatte es den Verzicht auf liebgewordene Vorstellungen
bedeutet, als ich dem Forstwesen den Rücken kehrte; meine Ausführungen,
gegen die sie etwas mißtrauisch war, wurden jedoch unterstützt durch die
Klagen aller in der „Post“ einkehrenden Forstleute über das neue
Schreibwesen und die miserablen Gehälter.
So fand sie sich darein; leichter als die alte Viktor, die sich ihre
Hoffnungen auf einen Lebensabend in der Vorder-Riß schon allzu schön
ausgeschmückt hatte, um sich mit einem Male davon trennen zu können.
Als ich aber im Frack vor ihr stand und zur Ablegung des Staatsdienereides
ins Amtsgericht schreiten mußte, verzog sich ihr Gesicht zu einem
zufriedenen Lächeln, und sie erinnerte sich, daß mein Vater nach einem
lebhaften Streite, den ich als Kind mit meinen Geschwistern durchgefochten
hatte, der Meinung gewesen war, es könne ein Advokat aus mir werden.
Ich selber nahm den Eintritt in die Praxis sehr ernst, und ich kam mir
wohl bedeutend vor, als ich, den Bäcker Jäger grüßend und dem Kaufmann
Fritsch dankend, dahinschritt, um eidlich Wahrung der Dienstgeheimnisse
und Fernbleiben von geheimen Verbindungen zu geloben.
Dem Amtsvorstande stellte ich mich freudig zur Verfügung, und ich wollte
ein unbeugsamer Hüter der Gerechtigkeit sein.
Von da ab brachte mir fast jeder Tag Enttäuschungen, bis ich von allen
Illusionen geheilt war.
Der Chef des Amtsgerichtes war nicht bloß ein trockener, unbedeutender
Mensch, sondern auch ein Bürokrat von der Schadenfreude, die sich vor 48
mit Prügelstrafen hatte ausleben dürfen und nun zurückgedämmt das Gemüt
verfinstern mußte. Mitleidlos und sackgrob gegen die kleinen Leute,
mißtrauisch gegen jedermann, selbstgefällig, unwissend und geschwätzig, so
war der Mann, der mich bei den ersten Schritten in eine mit viel Respekt
betrachtete Welt leiten sollte.
Von der Geistlosigkeit und dem Unwerte der Praxis bei einem solchen
Gerichte macht sich der Außenstehende doch wohl keinen Begriff.
Ich lernte nichts von allem, was ich für später hätte lernen müssen.
Zuerst nahm mich der Chef in Beschlag.
Ich mußte bei den Pflegschaftsverhandlungen Protokolle schreiben und
durfte zuhören, wie die Kindsväter sich sperrten, die üblichen acht bis
zehn Mark monatlich für das illegitime Kind zu bezahlen.
Bei den Schöffengerichtsverhandlungen war ich stellvertretender
Gerichtsschreiber, und das war immerhin noch unterhaltender als das
Nachschreiben der Urteile, die mir mein Vorgesetzter diktierte.
Er tat sich was darauf zugut, ellenlange Sätze zu bilden, und schwelgte
wie ein alter Gendarm in eingeschachtelten, zusammengestopselten Perioden.
Was sich alles über die verbrecherischen Absichten eines Landstreichers
sagen ließ, der ein Hufeisen gefunden, selbiges aber nicht abgeliefert
hatte, das erfuhr ich damals mit Unbehagen. Mein Chef aber wiegte sich in
den Hüften, hing noch ein paar Relativsätze, schlauen Verdachtes voll, an
die Hauptwörter, und wenn die lange Periode hinkend und mühsam bis an den
Schluß gelangt war, forderte er meine Bewunderung heraus: „Han, was sag’n
Sie jetzt?“
Mein Ersuchen, selber einmal ein Urteil anfertigen zu dürfen, wies er
barsch zurück.
Nach ein paar auf die Art zugebrachten Monaten mußte ich im Hypothekenamt
unter ängstlicher Aufsicht des Amtsrichters und des Aktuars ein paar
Einträge in die heiligen Bücher machen.
Meine respektlose Art zu schreiben erregte ihr Entsetzen, und sie waren
beide froh, wenn ich ausblieb.
In den Zivilverhandlungen lernte ich die Dehnung der Bagatellsachen durch
Advokaten kennen. Wie lange konnte sich ein Prozeß um zwanzig Mark
hinschleppen! Wie bald verschwand die Streitsumme neben den Kosten der
Zeugen, Sachverständigen und Anwälte, womöglich gar eines Augenscheines!
War man endlich ans Ziel gelangt, nämlich dahin, daß es den Streitenden zu
dumm wurde, dann stellte sich heraus, daß die Brühe viel teurer geworden
war als der Fisch, und aus Scheu vor den Kosten prozessierte man weiter,
bis es den Streitteilen abermalen zu dumm wurde. Wenn zuletzt der
Amtsrichter und die beiden Anwälte gemeinsam den Geist der Versöhnlichkeit
heraufbeschworen, kam er mit einer langen Rechnung, und die Parteien
mußten sein verspätetes Eintreffen beklagen. Es gab damals in Traunstein
ein paar Advokaten, die sich an Saftigkeit überboten und dafür sorgten,
daß ihre bajuvarischen Bonmots die Runde machten.
Keiner wollte leiden, daß der andere der Gröbere war, und ich hegte
manchmal den Verdacht, daß ihre Derbheiten nicht frisch aus dem Gemüte
sprudelten, sondern sorgsam vorbereitet waren.
Dem Publikum gefielen sie.
Als die Herren älter, kränklich und sanfter wurden, konnte man oft mit
Bedauern sagen hören: „Ja ... früher! Wie die Herren noch beim Zeug waren,
da hat ma was hören können ... aba jetzt is ja gar nix mehr ...“
Zuweilen erhielt ich vom Landgerichte den Auftrag, vor der Strafkammer
eine Verteidigung zu führen.
Ich ging das erstemal mit Eifer an, konferierte mit dem gefangenen
Klienten, suchte nach juristischen Finessen und nach Mitleid erregenden
Momenten, setzte eine wohlgeformte Rede auf und nahm mir vor, Pathos zu
entwickeln, bis ich merkte, daß alles, was ich sagte, den fünf Herren oben
am langen Tisch wurscht und egal war.
Auch der Klient, der dem Verteidiger gerührt die Hand drückt, blieb ein
schöner Traum, und der einzige Mensch, auf den ich als forensischer Redner
Eindruck machte, war der alte trinkfeste Förster Schwab, den die
Freundschaft zu mir in den Gerichtssaal geführt hatte. Er faßte die Sache
als großartigen Spaß auf, denn für ihn war ein Angeklagter ein Lump und
damit fertig. Er verzog seinen Mund zu einem breiten Lachen, zwickte die
Augen zu und sagte: „De hast amal schö ang’logen ... Herrschaftsaggera ...
wia’s d’as no so daherbracht host ...“
Ich habe die fünf Herren noch öfter anlügen müssen, aber der Eifer flaute
ab, und ich lernte verstehen, daß Gewohnheit alle Feuer löscht.
Als Praktikant am Landgerichte mußte ich den geheimen Beratungen, in denen
die Urteile gefällt wurden, beiwohnen. Es sollte dem jungen Manne einen
Begriff davon geben, wie man’s mache. Ich sah noch einiges andere und
dachte darüber nach.
Draußen im Saale saß ein Angeklagter, der angstvoll seinem Schicksale
entgegensah, denn mehr als einmal handelte es sich um Reputation und
Existenz. Es wäre unnatürlich gewesen, wenn ein junger Mann sich nicht
stärkeren Empfindungen hingegeben und Partei für den armen Teufel genommen
hätte. Ich wartete ungeduldig auf das erste Votum des jüngsten Beisitzers
und hoffte, er möchte sich auf meine Seite schlagen. Das ging aber nicht
so rasch mit dem Beraten.
Die Herren hatten über der Tragik des Falles nicht den Appetit verloren,
holten sich die Gaben der Hausfrauen aus den Taschen und aßen erst einmal.
Öfters hörte ich mit gleichmütigen Worten auf Strafen erkennen, deren
Folgen ich mir vielleicht übertrieben vorstellte, und ich konnte auf die
scharfen wie auf die pomadigen Richter einen starken Groll werfen.
Um so mehr begeisterten mich andere, die bei gerechtem Abwägen immer noch
Güte zeigten, und wenn sie gar dem Vorsitzenden mit höflicher Bestimmtheit
entgegentraten, war ich gerne bereit, sie zu bewundern. In solchen Dingen
sah der grüne Praktikant scharf genug, und er machte sich Begriffe, die
von ihm nicht verlangt wurden.
Wenn ich der Wahrheit streng die Ehre gebe, muß ich sagen, daß ich nie
böswillige Härte sah, wohl aber Engherzigkeit und Mangel an Verständnis
für die Motive strafbarer Handlungen.
Leidenschaften, denen eine Tat entsprungen war, wurde man selten gerecht,
und oft sah man abschreckende Roheit, wo sich ein starkes Temperament
hatte hinreißen lassen. Gefährlich waren erzieherische Gesichtspunkte;
denn durch Strenge gegen den einzelnen bessernd auf die Allgemeinheit
wirken zu wollen, führt von gerechten Maßen ab.
Befremdend und manchmal komisch war es, wie wenig ein verbeinter Jurist
von dem Volke wußte, in dessen Mitte er lebte. Sitten, Gebräuche und
Mißbräuche, die Art zu denken und zu reden, das alles konnte gröblich
mißverstanden werden, und es kam vor, daß der Praktikant im
Beratungszimmer, durch Räuspern die Aufmerksamkeit auf sich lenkend,
Auskunft über dies und das erteilen durfte.
Natürlich gab man ihm zu verstehen, daß die andere Ansicht auch richtig,
ja, wenn man logisches Denken beim kleinen Volke voraussetzen könnte,
allein richtig wäre.
Von ungewöhnlicher und überragender Begabung war unter den Herren
eigentlich nur einer, der Erste Staatsanwalt v. A.
Der schweigsame, in sich gekehrte Junggeselle konnte aber zuweilen
bedenklich über die Schnur hauen, wenn er alle Quartale – hier und da
öfter – sich einen gewaltigen Haarbeutel anschnallte.
Er wurde grölend in einer Wirtschaft sitzend von den Bürgern angestaunt,
ja einmal hantelte er sich am hellen Morgen an der eisernen Barriere
entlang, die um die Hauptkirche angebracht war. Ein anderes Mal retteten
ihn ein Bierbrauer und ich vor dem Angriffe, den hitzige Bauernburschen
auf ihn unternahmen. Kurz vorher waren Leute aus dem Dorfe, wo der Herr
Staatsanwalt zechte, zu empfindlichen Strafen verurteilt worden, und da
schien den Krakeelern, die auch nicht mehr nüchtern waren, eine günstige
Gelegenheit zur Rache gegeben. Er sprach nie darüber, aber eines Tages lud
er mich ein, ihm einige Arbeiten vorzulegen, über die er sich dann auf
Spaziergängen eingehend mit mir unterhielt.
Das war sein Dank für meine Hilfe an jenem unangenehmen Abend.
Nach der landgerichtlichen Praxis trat ich beim Bezirksamte ein.
Obwohl oder vielleicht weil ich einiges von den Wünschen und Bedürfnissen
der Landbevölkerung kannte, blieben mir Zweck und Nutzen der
Verwaltungstätigkeit ein Rätsel.
Da saß in Traunstein ein Herr, ohne dessen Genehmigung kein Anbau an einen
Schweinestall, kein Neubau einer Waschküche erfolgen durfte, der die
Gemeindeverwaltung überwachte und die Schulen überwachte, der überall
dreinzureden und zu befehlen hatte, meist in Dinge, von denen er
sicherlich weniger verstand als die Interessenten, und über die er immer
Sachverständige das eigentliche Urteil abgeben lassen mußte.
Er war recht eigentlich der Repräsentant einer anfechtbaren staatlichen
Bevormundung.
Während meiner Praxis erlebte ich einen mich persönlich schmerzenden
Beweis von der Schädlichkeit des Systems, das einem Juristen die letzte
Entscheidung überwies, wo nur sehr geschulte Fachleute hätten zum Worte
kommen dürfen.
Eine sehr populäre Forderung ging seit Jahren auf die Tieferlegung des
Chiemsees.
Das Populäre ist nicht immer das Kluge oder das Nützliche. Am Südufer des
Sees sahen die Bauern einen großen Gewinn in der Trockenlegung ihrer
Streuwiesen; Landtagskandidaten hatten ihre Gunst mit Versprechungen
erworben, viel Papier war verschrieben worden, Projekte lagen vor, aber
der alte Bezirksamtmann ging nicht mehr an das schwierige Werk heran.
Der neue sah darin die Gelegenheit, sich hervorzutun; er betrieb die Sache
mit Eifer, und der Chiemsee wurde tiefer gelegt.
Auf Jahre hinaus waren die Inseln und die Nordufer verunstaltet; lange
Sandbänke, Schilffelder zerstörten das schöne Bild, und eine rechte
Fliegenplage kam dazu.
Die erhofften Vorteile blieben großenteils aus, die Nachteile übertrafen
die Erwartungen.
Freilich hätten sich die Anwohner stärker gegen den Plan auflehnen müssen,
aber auch an der Teilnahmlosigkeit war das System schuld.
Wer unter Vormundschaft gehalten wird, bleibt unmündig.
Ich brachte der Verwaltung weder Verständnis noch Neigung entgegen; nur
einmal erwarb ich mir Anerkennung, als ich die eben in Kraft tretende
Alters- und Invaliditätsversicherung im Amtsblatte in gemeinverständlicher
Sprache erläuterte.
Die treuherzigsten Stellen strich mir der Assessor, aber das Ganze klang
immer noch unjuristisch genug, um Aufsehen zu erregen. Mit mir war ein
Freiherr von G. als Praktikant eingetreten, dem ich zu viele Bären
aufband, als daß ich ihn für sehr klug hätte halten können.
Aber er besaß eine hereditäre Anpassungsfähigkeit an das seltsame Geschäft
im Bezirksamte.
Die Kunst, Akten zu erledigen und den Schein einer umfassenden Tätigkeit
für sich und das Amt zu erregen, hatte er sofort heraus.
Jeder Antrag wurde _brevi manu_ an den Bürgermeister, den
Distriktstechniker, die Gendarmerie usw. geschickt zur näheren
Berichterstattung, oder ergebenst an Behörden mit dem Ersuchen um
Auskunft. Wenn sie zurückkamen mit den eingeforderten oder erbetenen
Berichten, fand sich gleich wieder ein Häkchen, über das erneute Auskunft
verlangt werden konnte. So waren die Akten immer auf der Reise, und immer
schien was zu geschehen, und nie geschah was.
Herr v. G. betrieb das Rotierungssystem so eifrig und auffällig, daß ihm
der Chef sein Erstaunen über diese Geschäftsgewandtheit mit
schmeichelhaften Worten ausdrückte.
Zu den Bären, die ich dem gutmütigen Baron aufband, gehörte auch die
Geschichte von unserm wackern Gendarmeriewachtmeister in Traunstein, einem
fidelen Rheinpfälzer, mit dem wir Rechtspraktikanten gerne zusammensaßen.
Herr v. G. hatte wenig Verständnis für diesen Verkehr und sprach mich
daraufhin an.
Ich erzählte ihm, daß der Wachtmeister ein hochgebildeter Mann sei, der
sechs Sprachen, darunter alle slawischen, beherrschte; er habe ein großes
Vermögen verloren und sei zur Gendarmerie gegangen, um sein Leben fristen
zu können.
Der Roman machte Eindruck.
Eines Tages wurde ein böhmischer Landstreicher eingeliefert, der kein Wort
Deutsch verstand, und unser Assessor, der Amtsanwalt war, äußerte sich
verdrießlich über die Schwierigkeit, einen Dolmetscher aufzutreiben.
Da konnte Herr v. G. wieder einmal hilfreich einspringen, und er meldete,
daß der Wachtmeister alle slawischen Sprachen beherrsche.
Der Assessor war freudig überrascht und wollte unsern Pfälzer Krischer
vors Amtsgericht laden; hinterher kam ihm die Sache verdächtig vor; er
schickte nach dem Wachtmeister, der dem Schwindel gleich ein Ende machte.
„Das hawwe mer wieder die Praktikante eingebrockt“, sagte er. „Das
G’sindel kann doch kein Ruh gewwe ...“
Herr v. G. wurde von da ab vorsichtiger gegen meine Erzählungen.
Was werden?
Gewöhnlich entschied sich darüber der Rechtspraktikant erst nach dem
Staatskonkurse und der Bekanntgabe der Note, die den Pegelstrich seiner
Fähigkeiten und Aussichten bildete.
Einem Zweier stand alles offen, einem Dreier war beinahe alles
verschlossen.
Sogar die Post und Eisenbahn kaprizierte sich auf intelligente Juristen;
beim Notariat, beim Auditoriat, bei der Intendantur, von Justiz und
Verwaltung nicht zu reden, überall begehrte man die Marke „zwei“.
In vergangenen Zeiten brannte man Galeerensträflingen ein entehrendes
Zeichen auf die Schultern; sie trugen nicht schwerer daran, als geprüfte
Juristen an einem Dreier.
Ich brauchte nicht erst das Ergebnis des letzten Examens abzuwarten, um zu
wissen, daß ich weder Richter noch Verwaltungsbeamter werden mochte.
In beiden Berufen sah ich Beschränkungen der persönlichen Freiheit, gegen
die ich mich auflehnte; die Vorstellung, daß ich mir den Aufenthaltsort
nicht selbst sollte wählen können, hätte allein genügt, mich
abzuschrecken.
Und dies und das im Leben der Richter und Beamten, das ich täglich
beobachten konnte, sagte mir nicht zu; es schien sich doch in einem engen
Kreise zu drehen, von einer Beförderung und Versetzung zur andern, und
alles Interesse, das sich über den Beruf hinaus erstreckte, starb von
selber ab.
Ich floh, wenn ich irgend konnte, die Gesellschaft der Juristen.
Jede Unterhaltung mit Bürgern, Handwerksgesellen oder Bauern war
unvergleichlich anregender als ein Gespräch mit trefflichen Räten. Wie
Schüler von ihren Aufgaben unterhielten sich die Herren von ihren Fällen,
die älteren mit Genugtuung, weil sie _noch_, die jüngeren, weil sie
_schon_ so klug waren.
Die Medisance, die auch in diesem Kreise blühte, bestand immer darin, daß
einem Abwesenden nachgesagt wurde, er habe oberstrichterliche
Entscheidungen nicht gekannt oder falsch verstanden.
Nachmittags gegen fünf verließ der Staatshämorrhoidarius die Kanzlei,
schloß sich einem Gleichgesinnten an und spazierte auf dem Bürgersteige
auf und ab, Fälle erwägend, Sätze abrundend, Deduktionen zum logischen
Ende führend.
Eine Karawane von Paragraphenkennern pilgerte so zum Bahnhofe, grüßte
sich, verlästerte sich, sagte sich Unkenntnis einer Bestimmung und
Verkalkung nach und wartete auf den großen Schnellzug Paris–Wien, der hier
eine halbe Minute lang hielt.
Man sah verächtlich auf die fremdartigen Menschen, die keine Ahnung von
Einführungs- und Ausführungsgesetzen hatten, und die Fremden sahen
verächtlich auf die Havelocks und abgelatschten Schuhe der
Schriftgelehrten.
Man stieß sich gegenseitig ab, bis der Zug weiterfuhr.
Die Fremden zogen gen Wien, die Räte gen ein Bräuhaus, wo neue Gedanken
über alte Entscheidungen aufblitzten.
Ich wußte, daß ich dieses Leben nicht führen würde, und so malte ich mir
meine Zukunft als Rechtsanwalt aus, bescheiden, mit gemütlichem Einschlag.
Eine auskömmliche Praxis in Traunstein, die mir Muße ließ zu kleinen
schriftstellerischen Versuchen, denn an die dachte ich damals schon.
Wenn ich mit meiner Mutter über kommende Zeiten sprach, überlegten wir
uns, wo ich etwa einmieten und wieviel Zimmer ich brauchen würde, denn es
galt mir als ausgemacht, daß sie dann die Wirtschaft aufgeben und zu mir
ziehen sollte.
Der Kupferstecher Professor Hecht aus Wien, der in der „Post“ ein paar
Sommermonate wohnte, lächelte zu meinen Plänen und sagte: „Sie werden sich
nicht als Advokat in das kleine Nest verkriechen! Sie gehören in die Welt
hinaus, und ich weiß gewiß, daß Sie in München als Schriftsteller oder
Leiter einer Zeitung einen Namen haben werden.“
Ich hörte die Prophezeiung gerne, wenn ich auch nicht zuversichtlich daran
glaubte.
Ein anderer ständiger Gast in der „Post“ und Freund der Familie, Assessor
F., mußte wohl eine ähnliche Meinung haben, denn er redete mir zu, das
letzte Jahr meiner Praktikantenzeit in der Hauptstadt zu verbringen, und
gab mir die Mittel dazu.
Ich glaube nicht, daß irgendein Ereignis so bestimmenden Einfluß auf mein
Leben gewonnen hat wie die Übersiedlung nach München; ich fand dort
Anschluß an Männer, die mich zur Schriftstellerei ermunterten, und vor
allem, ich fand selber den Mut, zu wollen, und verlor den Geschmack daran,
mich unter die Decke eines behaglichen Philisterlebens zu verschliefen.
Ein anderes Ereignis mit seinen Folgen trug auch etwas dazu bei.
Mein zweiter Bruder war nach zehnjähriger Abwesenheit aus Australien
zurückgekehrt; er war als junger Kaufmann hinübergegangen, mußte sich aber
später als Matrose, Fischer und Jäger durchschlagen.
Um ihn daheim zu halten, erwarb meine Mutter das Postanwesen in Seebruck
am Chiemsee und zog selber mit meinen zwei jüngeren Schwestern dorthin.
Ich war viel bei ihnen draußen und verlor etwas den Zusammenhang mit
Traunstein.
Das Seebrucker Anwesen war vom Vorbesitzer vernachlässigt worden; es gab
Sorgen genug, die mich deshalb bedrückten, weil ich mir die alten Tage
meiner Mutter ruhevoller und heiterer gedacht hatte.
Darüber verblaßten die Bilder eigener Behaglichkeit, die vielleicht am
Ende, nicht aber am Anfange eines tätigen Lebens ihren Platz finden
durften.
Ich dachte ernsthafter ans Vorwärtskommen und ergriff dankbar die
Gelegenheit dazu, die mir Assessor F. bot, der damals Junggeselle war und,
wie ich sagte, mich vorm Versauern in den kleinen Verhältnissen bewahren
wollte.
Klein und eng war es in Traunstein und von einer Gemütlichkeit, die einen
jungen Mann verleiten konnte, hier sein Genüge zu finden und auf Kämpfe zu
verzichten. Es ist altbayrische Art, sich im Winkel wohl zu fühlen, und
aus Freude an bescheidener Geselligkeit hat schon mancher, um den es schad
war, Resignation geschöpft.
In dem Landstädtchen schien es sich vornehmlich um Essen und Trinken zu
handeln, und alle Tätigkeit war auf diesen Teil der Produktion und des
Handels gerichtet. Am Hauptplatz stand ein Wirtshaus neben dem andern,
Brauerei neben Brauerei, und wenn man von der Weinleite herabsah, wie es
aus mächtigen Schloten qualmte, wußte man, daß bloß Bier gesotten wurde.
Durch die Gassen zog vielversprechend der Geruch von gedörrtem Malz, aus
mächtigen Toren rollten leere Bierbanzen, und am Quieken der Schweine
erfreute sich der Spaziergänger in Erwartung solider Genüsse.
Der Holzreichtum der Umgegend hatte schon vor Jahrhunderten die Anlage
einer großen Saline, wohin die Sole von Reichenhall aus geleitet wurde,
veranlaßt.
Sie förderte das Emporblühen der Stadt, die auch jetzt im Wohlstand
gedieh. Als Sitz vieler Behörden, sehr günstig zwischen Gebirg und
fruchtbarem Hügellande gelegen, bildete sie den Mittelpunkt einer
volkreichen Gegend.
Zur allwöchentlichen Schranne und zu den Märkten strömten die Bauern
herein, und dazu herrschte ein starker Verkehr von Musterreisenden, die
von hier aus die Chiemgauer Orte besuchten.
Ein anheimelndes Bild der alten Zeit boten die zahlreichen Omnibusse, die
von blasenden Postillonen durch die Stadt gelenkt wurden, denn damals
waren die Kleinbahnen nach Trostberg, Tittmoning, Ruhpolding noch nicht
gebaut.
Hier saß nun ein besitz- und genußfrohes Bürgertum, das sich den Grundsatz
vom Leben und Lebenlassen angeeignet hatte. Genauigkeit und ängstliches
Sparen erfreuten sich keines Ansehens, und war man stolz auf den Wohlstand
eines Mitbürgers, so verlangte man auch, daß er nicht kleinlich war.
Rentamtmann Peetz, der Chronist Traunsteins, erzählt eine Geschichte, die
für altbayrische Lebensauffassung bezeichnend ist.
In den siebziger Jahren spielten zwei gutsituierte Bürger, der
Mittermüller und der Untermüller, regelmäßig Tarock mit einem jungen
Advokaten. Sie fühlten sich verpflichtet, für den Mann ein übriges zu tun,
und fingen in Frieden und Eintracht miteinander einen Prozeß über
Wasserrechte an.
Die Geschichte hätte sich auch später genau so zutragen können, denn die
Lust, etwas springen zu lassen, und die gewisse unbekümmerte Art lagen in
der Rasse begründet.
Zum Oktoberfestschießen meldete sich beim Höllbräu alljährlich ein
Traunsteiner Bürger, denn da es Brauch war, daß ein Leibjäger für den
König etliche Schüsse abgab, machte es sich gut, wenn auch der Höllbräu
einen Vertreter dort hatte.
Wenn dieser, der Eigentümer der größten Brauerei, zum „Bierletzt“, das ist
zum letzten Sommerbier, in ein Dorf fuhr, wo er einen Kunden hatte, mußte
ich öfter mithalten. Es wurden riesige Platten, angehäuft mit Gans- und
Entenvierteln, Hühnern, Schweinernem und Geräuchertem aufgetragen, und die
Honoratioren des Ortes, Pfarrer, Lehrer und Gendarm, waren eingeladen.
Der Höllbräu hatte weder zu bestellen noch nachzurechnen, wenn am Schlusse
der Betrag von ein paar hundert Mark verlangt wurde. Gewöhnlich hingen
etliche Pfennig daran, damit es nach Gewissenhaftigkeit aussah.
In kleineren Maßen hielt es jeder so, daß er im angenehmen Wechsel von
Geben und Nehmen der Kundschaft Gelegenheit bot, ihn zu schröpfen.
Mit den Beamten hatte man sich in früheren Jahren besser verstanden;
nunmehr schlossen sich die Herren Juristen ab, und die Bürger erwiderten
die Zurückhaltung mit herzlicher Abneigung gegen die Hungerleider.
So hieß der königliche Beamte. Für die pensionierten Offiziere, an denen
kein Mangel war, hatte man den Namen Schwammerlbrocker erfunden.
In ihren politischen Meinungen unterschieden sich die Traunsteiner nicht
von den übrigen Oberbayern. Tiefe Abneigung gegen alles Leidenschaftliche
in diesen Dingen vereinigte sich mit dem üblichen Maße von Wurstigkeit und
Partikularismus, und das ergab bei Wahlen eine sichere ultramontane
Mehrheit.
Daneben konnte sich der mit Beamten, Pensionisten und etlichen Rentnern
eingewanderte Liberalismus nicht sehen lassen.
Er gab nur einige Lebenszeichen von sich, und man verzichtete schmerzlich
lächelnd im vorhinein auf jeden Erfolg, agitierte nicht und stellte
Kandidaten auf, denen die bescheidenste Rolle in der Öffentlichkeit Ersatz
für den Durchfall bot.
Mehr Lärm erregte der damals neu auftauchende Waldbauernbund, der sich
bald darauf mit dem niederbayrischen Bauernbund in den Zielen
zusammenfand. Professor Kleitner, Eisenberger, der Hutzenauer Bauer von
Ruhpolding und ein kleiner Geschäftsmann, der Melber Jehl von Traunstein,
waren die Führer der gleich mit grobgenagelten Schuhen auftretenden
Partei.
Durch sie wurde das politische Phlegma etwas aufgerüttelt.
An Respektlosigkeiten, Kraftsprüchen und Widerhaarigkeiten hatte man doch
seine landsmännische Freude.
Von einem Schreinermeister, einem braven Familienvater und fleißigen
Handwerker, wurde mit einer gewissen Scheu erzählt, er sei Sozialdemokrat,
der einzige in der Stadt, die König Ludwig I. als treu gesinnt vor allen
andern belobt hatte, weil eine Traunsteiner Deputation zu ihm nach seiner
Abdankung gekommen war.
An König Max bewahrte man freundliche Erinnerungen.
Nach dem großen Brande im Jahre 1851 war er in die Stadt gekommen und
hatte den Unglücklichen Trost zugesprochen.
In den neunziger Jahren, als man allerorts nach Motiven für Feste suchte,
kam ein Pläne ersinnender Mann auf die Idee, dem gütigen Landesherrn ein
Denkmal zu errichten.
Das Denkmal fiel sehr klein aus, das Einweihungsfest sehr groß.
In der Zeit des allgemeinen Aufschwungs gab es natürlich Leute, die den
Fremdenverkehr auf alle mögliche Weise heben wollten.
Er hielt sich jedoch in mäßigen Grenzen, obwohl man Reunions
veranstaltete, bei denen wir Rechtspraktikanten das Ballkomitee bilden
mußten.
Wenn es herbstelte, versank die Stadt wieder in stillen Frieden, in dem es
nichts Fremdes und Neuzeitliches gab, und von dem umfangen man zwischen
Tarockrennen und Kegelschieben vergessen konnte, daß ihm der Kampf
vorangehen müsse.
Im Februar 1893 trat ich beim Stadtmagistrat in München, zwei Monate
später bei Rechtsanwalt Löwenfeld als Praktikant ein.
Da waren also nun die größeren Verhältnisse, die ich kennenlernen sollte,
allein bei Amt und Gericht merkte ich wenig davon.
Der Fabrikbetrieb im Labyrinth des Augustinerstockes, wo die Gerichte
untergebracht waren, verwirrte mich wohl anfangs, allein ich merkte bald,
daß die Herren auch mit Wasser kochten, und die erste Zeugenvernehmung,
die ein buchgelehrter Konkurseinser in meinem Beisein vornahm, erregte in
mir den Verdacht, daß es jeder Dreier besser gemacht hätte.
Der Verdacht hat sich späterhin gefestigt und ist zur sicheren Überzeugung
geworden.
Vielbeschäftigte und berühmte Anwälte gab es zu bewundern, darunter
manchen, dessen Gewandtheit und Wissen exemplarisch waren.
Unter den Verteidigern ragten Wimmer und Angstwurm hervor und wurden in
Aufsehen erregenden Prozessen viel genannt.
Der beste forensische Redner, den ich kennengelernt habe, war der joviale
Justizrat _Wimmer_, dem die glücklichste Mischung von Sachlichkeit und
Pathos eigen war.
Ein ganz öliges Pathos hatte _Angstwurm_, der einen Komödianten und einen
Pfarrer hätte lehren können, ein Mann, der in Bildern schwelgte, bis ein
anderer kam, der ihn darin weit übertraf.
Gerade damals ging der Stern des _Mößmer Franzl_ auf, des Vaters der
Gerichtshofblüten.
Unzählig sind die gewagten Vergleiche, Bilder und Parabeln, die von ihm
erzählt werden, aber die Art, wie er sie mit feierlichem Ernste,
losbrechender Heftigkeit und wieder mit dumpfer Resignation vorbrachte,
machte sie erst zu den Ereignissen, von denen sich die Herren Kollegen
vormittagelang unterhielten.
Am Stammtisch im „Herzl“, wo ich einen Kreis alter und neuer Freunde
gefunden hatte, verkehrte der Vertreter der „Augsburger Abendzeitung“
_Joseph Ritter_.
Er fand Gefallen an meiner Art, über allerhand Dinge zu urteilen, und
forderte mich auf, ganz so wie ich redete, auch einmal zu schreiben und es
ihm für seine Zeitung zu geben.
Ich versuchte mich in Plaudereien über Zustände, die ich kannte, und die
Artikel erschienen zu meiner großen Genugtuung in der „Abendzeitung“. Der
Redaktion sagten sie zu, und damit war eine Verbindung hergestellt, die
für mich wichtig wurde.
In Freundeskreisen machten zuweilen Gedichte von mir die Runde, die,
meistens im Dialekt, bald derb, bald hanebüchen lustig waren, und von
denen mir das eine und andere nach langen Jahren wieder unterkam, wenn es
jemand vortrug.
So waren sie ungedruckt erhalten geblieben, und ihren Vater kannte nur
ich, der ich schweigend zuhörte.
Die literarische Bewegung, die damals in Deutschland einsetzte, erregte
mein lebhaftes Interesse.
Von Hauptmann hatte ich „Vor Sonnenaufgang“ und „Einsame Menschen“
gelesen, von Sudermann „Die Ehre“ gesehen. „Vor Sonnenaufgang“ packte mich
stark, gegen „Die Ehre“ lehnte ich mich auf; und ich erregte Widerspruch,
wenn ich etwas schroff erklärte, der Graf Trast sei eine ausgestopfte
Marlittfigur; die hausbackenen Halbwahrheiten, die er deklamiere, seien
unerträglicher als ganze Dummheiten.
Den stärksten Eindruck machte Fontanes „Jenny Treibel“ auf mich; in dieser
abgeklärten, lächelnden Schilderung sah ich, was Goethe als das
Reizvollste und Wichtigste hervorhebt, die Persönlichkeit, und zwar eine
recht überlegene und sympathische zugleich. „Jenny Treibel“ ist mir ein
Lieblingsbuch geblieben, auch deswegen, weil es mich zuerst und auf die
angenehmste Art lehrte, wie nur eine souveräne Darstellung wirklichen
Lebens wertvoll sei, und wie langweilig und gleichgültig sich daneben
Stimmungen und Gefühle ausnehmen.
Je weiter wir uns von jener Zeit entfernen, und je mehr und Größeres sich
zwischen sie und uns stellt, desto klarer sehen wir, daß in der scheinbar
so leicht hingeworfenen Schilderung mehr Kulturgeschichte steckt als in
gelehrten Werken.
Darum werden solche Bücher für später Lebende noch erhöhten Wert haben,
wenn man längst nichts mehr weiß und wissen will von den tiefen Gedanken
und Schmerzen eines Ästheten.
Von Berlin her klangen damals Namen, die einen aufhorchen machten.
Neben den Eroberern der Bühne, Hauptmann und Sudermann, neben Liliencron
die Dehmel, Hartleben, Schlaf, Holz; und von der freien Bühne las man von
Schlenther und Brahm.
M. G. Conrad, dem es nie am Brustton fehlte, war in seiner „Gesellschaft“
bemüht, in München die Schläfer zu wecken.
Es war damals sehr viel die Rede vom Naturalismus und Realismus im
Gegensatze zum Idealismus, der dahinsiechte.
Auch an Stammtischen sprach man darüber und äußerte Gram über das
„Aufsuchen des Schmutzes“, wie über das Schwinden idealer Anschauungen,
und da im „Herzl“ etliche Maler einkehrten, setzte man Seufzer über den
Impressionismus drauf.
Ich trat keck für das Neue ein, und wenn der Streit lichterloh brannte,
war ich sehr unzweideutig und ließ Worte fahren, die Staunen und Unbehagen
erregten.
Das Bemerkenswerteste an den Diskussionen war das Interesse, das man in
München auch in Kreisen fand, die sich anderswo sicherlich nicht um
künstlerische Streitfragen kümmerten.
Im Dezember begann die letzte Prüfung, die ich abzulegen hatte, der
gefürchtete Staatskonkurs.
Ich eilte jeden Morgen, noch bevor es hell wurde, in die Schrannenhalle,
half andern und ließ mir helfen, schrieb Kommentarstellen ab und fand, daß
auch diesmal das Wetter nicht so schlecht war, wie es von weitem
ausgesehen hatte.
Ich habe mich damals zum ersten, aber auch zum letzten Male über
Rechtslagen mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit verbreitet, wenn ich
in der Mittagspause das Prüfungslokal verließ.
Die Aufsicht wurde milde gehandhabt; man konnte sich fast ungestört
unterhalten, sich Mitteilungen zukommen lassen, ja, wenn es die Zeit
erlaubte, auch einmal die Arbeiten zum Vergleiche zuschieben.
Unvergeßlich bleibt mir ein phlegmatischer Kollege, der mit einem
stumpfsinnigen Lächeln unserm Eifer zusah und selber kaum etliche Worte
hinmalte. Ich bot ihm mitleidig einen Bogen an, den ich schon hastig
vollgeschrieben hatte. Er schob ihn mir zurück und sagte: „Dös hilft mir
aa nix.“ Ich verstand seine Resignation, als ich erfuhr, daß er der
einzige Sohn eines reichen Münchner Hausherrn wäre und keinen Wert auf
eine glänzende Laufbahn legte.
Nach etlichen Wochen war die Prüfung beendet, und ich fuhr heim.
Mit tiefem Schmerze mußte ich sehen, wie meine Mutter, die seit dem Sommer
kränkelte, in ihren verfallenen Zügen die Spuren eines nahen Endes zeigte.
Ich blieb in Seebruck, und es folgten bittere Monate, in denen ich mir
Gewalt antun mußte, um eine Zuversicht zur Schau zu tragen, die ich
aufgegeben hatte.
Im darauffolgenden Juni ging ich hinter dem Sarge meiner Mutter her.
Lange Zeit klang mir ihre müde Stimme in den Ohren, mit der sie mich
fragte, was der Arzt nach dem Besuche gesagt habe, lange Zeit sah ich ihr
Lächeln, mit dem sie meinen tröstenden Bericht anhörte, und eigentlich bin
ich heute noch nicht darüber weggekommen, daß sie sterben mußte, bevor sie
irgendeinen Erfolg gesehen hatte.
In ihren letzten Tagen konnte ich ihr noch eine Zuschrift der „Augsburger
Zeitung“ und einige Artikel vorlesen, und sie legte ihre abgemagerte Hand
in die meine. „Es wird alles recht werden“, sagte sie und nickte mir
freundlich zu.
Ich kehrte nach München zurück, wo ich eine Konzipientenstelle bei einem
Rechtsanwalt angenommen hatte.
Zweifel über das, was ich nun eigentlich tun sollte, drückten mich schwer;
unselbständig bleiben, hieß Zeit verlieren, in der Hauptstadt eine Praxis
eröffnen, war aussichtslos, und mir fehlten zum Abwarten alle Mittel; in
Traunstein anzufangen, sagte mir auch nicht zu. So dachte ich bald an
dies, bald an jenes, kam zu keinem Entschlusse und fühlte mich
unglücklich.
An einem Augustabende fuhr ich mit einem Freunde nach Dachau, um von da
weiter nach Schwabhausen zu gehen.
Wie wir den Berg hinaufkamen und der Marktplatz mit seinen Giebelhäusern
recht feierabendlich vor mir lag, überkam mich eine starke Sehnsucht, in
dieser Stille zu leben.
Und das Gefühl verstärkte sich, als ich andern Tags auf der Rückkehr
wieder durch den Ort kam.
Ich besann mich nicht lange und kam um die Zulassung in Dachau ein.
Alte Herren und besorgte Freunde rieten mir ab, allein ich folgte dem
plötzlichen Einfalle, und ich hatte es nicht zu bereuen.
Mit nicht ganz hundert Mark im Vermögen zog ich zwei Monate später im
Hause eines Dachauer Schneidermeisters ein und war für den Ort und die
Umgebung das sonderbare Exemplar des ersten ansässigen Advokaten.
Als ich beim Vorstande des Amtsgerichtes meinen Besuch machte, strich der
alte Herr seinen langen, grauen Schnauzbart und sagte brummig: „So? Sie
san der?“
Er versprach sich offenbar weder Nutzen noch Annehmlichkeit von der neuen
Erscheinung, und als echter Oberpfälzer hielt er mit seiner Meinung nicht
hinterm Berge.
Wir haben uns später gut vertragen und verstanden.
[Illustration: Thoma als Anwalt in Dachau]
In den ersten Tagen wartete ich mit Beklemmung auf Klienten. Auf den
Schrannentag hatte ich meine Hoffnungen gesetzt, und es kam auch ein
stattlicher, wohlgenährter Bauer in die Kanzlei, setzte sich auf mein
Ersuchen und erzählte irgendwas von einem alten Kirchenweg.
Als ich zur Feder griff, legte er seine Hand auf meinen Arm und sagte:
„Net schreib’n! Na ... na ... net schreib’n!“
Ich verstand, daß er bloß gekommen war, um den neuen Advokaten kostenlos
anzuschauen; nach seiner Meinung war die Sache erst brenzlig, wenn was
geschrieben wurde.
Er ging und versprach wiederzukommen.
Die Tage schwanden, die Mittel auch, und ich wurde ängstlich.
Noch dazu hatte ich Schulden gemacht, als der Vertreter einer Buchhandlung
zu mir gekommen war und mich bestimmt hatte, eine Bibliothek anzulegen.
Als ich schon recht verzagt wurde, kam ein Lehrer aus der Pfaffenhofener
Gegend und übertrug mir seine Verteidigung in einem Beleidigungsprozesse,
den ihm Bürgermeister und Bezirksamtmann aufgehängt hatten.
Ich erfuhr bald, warum der Mann aus einem andern Bezirke just mich
ausgesucht hatte; in der Bahn war ihm von dem Reisenden der Buchhandlung
der junge Dachauer Anwalt so gerühmt worden, daß er seine Fahrt nach
München unterbrach und in Dachau ausstieg.
Von nun an ging’s, wenn auch nicht über alle Maßen gut, doch ordentlich
und so, daß ich nach einer Weile die alte Viktor einladen konnte, mir den
Haushalt zu führen. Sie kam mit Freuden, und wenn’s auch nicht beim
Oberförster in der Vorder-Riß war, so war es doch im ersten selbständigen
Hauswesen des Herrn Anwalts, den sie als Kind auf dem Arm getragen hatte.
Als „d’ Frau Mutter“ genoß sie Ansehen und Vertrauen bei allen
Bauernweibern, die ein Anliegen zu mir führte und die nach der Aussprache
mit mir erst noch die richtige und ausgiebige mit ihr in der Küche
abhielten.
Und jede brachte, wie es damals schöner Brauch war, etwas im Korbe mit,
einen Gockel oder eine fette Ente oder, in Blätter eingeschlagen, frische
Butter.
Ihre alte Tugend, tätigen Anteil am Leben zu nehmen, hatte Viktor nicht
abgelegt, und sie kümmerte sich um Gang und Stand der Prozesse, besonders,
wenn es eine ihrer Schutzbefohlenen recht dringlich gemacht hatte.
Eine besondere Freude war es ihr, wenn sie Klagen oder Erwiderungen
abschreiben durfte.
Dann saß die Alte stundenlang an ihrem Schreibtische, ganz eingenommen von
der Wichtigkeit ihrer Aufgabe und ihrem Anteile an meinen Erfolgen.
War ich bei Gericht und kam in meiner Abwesenheit ein Klient, so brauchte
er nicht ohne Bescheid wegzugehen, denn Viktor nahm ihn ins Gebet, ließ
sich seine Schmerzen vortragen und flößte ihm das Vertrauen ein, daß er an
die rechte Schmiede gekommen sei. Wenn’s irgend zu machen wäre, dann würde
es der Herr Doktor machen, und meine Dachauer faßten schon gleich
Zuversicht, weil „d’ Frau Mutter“ sie so gut angehört hatte.
Es war eine stille, liebe Zeit, ganz so, wie ich sie mir vorgestellt hatte
an jenem ersten Abend, als ich die gepflasterte Gasse hinuntergegangen war
an den Bürgern vorbei, die ausruhend vor den Haustüren saßen.
Hinter Dachau, dem das große Moos vorgelegen ist, dehnt sich ein welliges
Hügelland von großer Fruchtbarkeit aus, in dem Dorf an Dorf bald zwischen
Höhen, bald hinter Wäldern versteckt liegt.
Hier lebt ein tüchtiges Volk, das sich Rasse und Eigenart fast unberührt
erhalten hat, und ich lernte verstehen, wie sein ganzes Denken und
Handeln, wie alle seine Vorzüge begründet liegen in der Liebe zur Arbeit
und in ihrer Wertschätzung.
Arbeit gibt ihrem Leben ausschließlich Inhalt, weiht ihre Gebräuche und
Sitten, bestimmt einzig ihre Anschauungen über Menschen und Dinge.
Es liegt eine so tiefe, gesunde, verständige Sittlichkeit in dieser
Lebensführung eines ganzen zahlreichen Standes, in dieser Auffassung von
Recht und Unrecht, von Pflicht und Ehre, daß mir daneben die höhere Moral
der Gebildeten recht verwaschen vorkam.
In dem, was Leute, die Redensarten und Empfindelei schätzen, als Rauheit,
Derbheit, als Mangel an Kultur und Feinnervigkeit, als Urzuständliches
betrachten wollten, trat mir ungeschriebene Gesetzmäßigkeit eines
tüchtigen Sinnes entgegen. So, wie das Bauernvolk natürliches Geschehen
hinnimmt, wie ruhig es sich über Krankheit und Sterben wegsetzt, wie es
nur die Nützlichkeit des Daseins schätzt, zeigt es wahre Größe.
Und Klugheit darin, daß ihm nie Worte für Begriffe gelten.
Derb zugreifende altbayrische Lebensfreude, aufgeweckter Sinn,
schlagfertiger Witz und eine Fülle von Talenten vervollständigen das Bild.
Im Verstehenlernen faßte ich Lust, dieses Leben zu schildern.
Auf einer Fahrt nach München kam mir ganz plötzlich der Gedanke, es ließe
sich am Ende versuchen, etwas über die Bauern zu schreiben.
Daraus entstanden die Erzählungen, die zuerst im „Sammler“, später in
einem Buche unter dem Titel „Agricola“ erschienen sind. Im Kreise der
Dachauer Freunde fanden sie beifällige Aufnahme, aber der Ton war nicht
auf Enthusiasmus gestimmt, den sie am Ende auch nicht erregen mußten. Eher
machte sich im „Stellwagen“ – so nannte sich unsere Gesellschaft, die sich
allabendlich beim Zieglerbräu versammelte – sachliche Kritik geltend, denn
jeder der Beamten kannte doch die Bauern oder wollte sie kennen. Natürlich
waren die Herren vom Bezirksamt geneigt, mich zurechtzuweisen, wenn ich
ihren widerspenstigen Untertanen im lebhaften Wortwechsel zuviel Ehre
erwies.
So konnte nur der Laie urteilen, der keine Ahnung davon hatte, wie viele
Hindernisse der Bauer einer wohlmeinenden Erziehung entgegenstellte, wie
bockbeinig und hintersinnig er war, wie mißtrauisch gegen die wohlwollende
Regierung.
Der Bezirksamtmann war Bürokrat, wie aus den „Fliegenden Blättern“ von
1850 herausgeschnitten, lieblos und ganz Herrscher. Der Assessor sehnte
sich nach der Stadt unter Menschen. Was ihn hierorts mit kleinlichen
Anliegen plagte, war Untertan und konnte gerade noch für zweibeinig
gelten. Die Sprache war schauderhaft, der Begriffsmangel erschreckend.
Gehorchen und Zahlen konnte man von den Leuten verlangen, und dann kam die
Scheidewand, diesseits derer die Intelligenz thronte.
Der Assessor verdiente sich einen Spitznamen, den wir ihm verliehen. Er
hieß „der Durrasch“.
Und wie er dazu kam, das verriet sein herzliches Verständnis für das Volk
und seine Sprache.
In einer Strafsache, bei der unser Assessor als Amtsanwalt den Staat
vertrat, erzählte ein Bauernbursche, er habe von einer Rauferei nichts
gesehen, weil er immer hinausgelaufen sei. Er habe den Durchmarsch gehabt.
Nach seiner Vernehmung erhob sich der Assessor und verlangte zu wissen,
was dieser Zeuge unter einem „Durrasch“ verstehe. Es handle sich offenbar
um eine faule Ausrede.
Vergeblich bemühte sich unser alter Oberamtsrichter klarzulegen, daß der
Zeuge Durchmarsch gesagt und Diarrhöe gemeint habe. Er wählte bei der
Wiederholung sogar ein deutsches Wort, das der Sache ganz auf den Grund
ging. Half nichts. Der Herr Assessor hatte deutlich „Durrasch“ verstanden
und verlangte unter drohendem Hinweis auf den geleisteten Eid genaue
Auskunft über das seltsame Wort.
Ein tiefes Mißtrauen gegen den hinterlistigen Burschen blieb in ihm
zurück.
Von ganz anderem Schlage war der prächtige Vorstand des Amtsgerichtes, in
dem ich den letzten einer aussterbenden Rasse, der urbayrischen
Landrichter älterer Ordnung, kennen und schätzen lernte.
Er stand gut mit den Bauern. Seine Derbheit verletzte sie nicht, ja ich
glaube, sie hatten Spaß an seiner Art, alle Dinge beim rechten Namen zu
nennen, und an Schrannentagen hatte er viel Zuhörer.
Immer hatte man den Eindruck, daß er es gut meinte; am besten, wenn er
Leute, die wegen eines Schimpfwortes Prozesse anfingen, so
zusammenstauchte, daß sie aus dem Gerichtssaal verletzter herauskamen, als
sie hineingegangen waren.
Von der einmal sprichwörtlichen Prozeßwut der Bauern merkte ich kaum mehr
etwas; insbesondere waren die Grundstreitigkeiten fast ganz verschwunden.
Gerade die Wohlhabenden und Angesehenen in den Gemeinden redeten immer zum
Frieden, wenn Zwistigkeiten über Wege und Fahrtrechte entstehen wollten.
Auch von dem großen Einflusse der Geistlichkeit wurde und wird mehr
erzählt, als wahr ist.
Ich fand, daß sich die Bauern in Gemeindeangelegenheiten recht ungern
dareinreden ließen und daß sich eifrige Pfarrer damit schnell mißliebig
machten. Hier wußte jeder einzelne, was er wollte, und konnte sich über
die Folgen eines Beschlusses ein Urteil bilden; sich zu beugen und gegen
die eigene Meinung Gehorsam zu leisten, lag den Leuten ganz und gar nicht
im Sinne.
Gewiß wählten sie, bevor die Caprivischen Handelsverträge abgeschlossen
wurden, fast ausnahmslos die klerikalen Kandidaten in den Landtag und in
den Reichstag. Weil sie sich mit Politik nicht befaßten, weil sie bei
keiner andern Partei die Interessen ihres Standes berücksichtigt sahen und
weil Pfarrer wie ultramontane Kandidaten immer noch die einzigen waren,
mit denen sie Fühlung hatten.
Das wurde anders, als infolge jener Handelsverträge die Getreidepreise
stark zurückgingen und der Bauernbund gegründet wurde.
Der eingewurzelte Respekt vor der Geistlichkeit, über den man so viel
hören konnte, war wie weggeblasen, und der Zorn wurde nicht im mindesten
durch Rücksichten in Schranken gehalten.
Geistliche, die damals in Versammlungen auftraten, mußten mit Staunen
wahrnehmen, wie ihnen ein grimmiger Haß entgegengebracht wurde.
Sie kannten dieses Volk nicht mehr.
Sie hatten es unterschätzt, hatten an eine Fügsamkeit geglaubt, die dem
Stamme fremd war, und die Erfahrungen, die man nunmehr machte, übten einen
starken, nachhaltigen Einfluß auf die Haltung des Zentrums aus. Auffällig
war, wie viele schlagfertige, wirksame Redner sogleich aus dem
Bauernstande hervorgingen. Wenn man auf der gegnerischen Seite, durch
einen gewissen Bildungsdünkel verleitet, glaubte, leichtes Spiel mit den
unwissenden Leuten zu haben, so wurde man schnell eines Bessern belehrt.
Auch ein Dachauer Herr mußte daran glauben.
Ein ultramontaner Rheinpfälzer, sonst ein umgänglicher Mann, aber
sprudelnd vor Eifer, in Ausdrücken und Gebärden sich gehen lassend, meinte
er, den aufgebrachten Bauern einmal die Leviten lesen zu müssen. Ein
Bürgermeister aus der Umgegend deckte ihn aber unter dem schallenden
Gelächter der Hörerschaft so zu, daß man ihm hinterher nahelegte, er möge
im Interesse der Autorität und des Ansehens der Beamtenschaft nicht mehr
auftreten.
Und da ich nun gerade von Reden und Rednern erzähle, will ich anfügen, daß
ich mich auch einmal hören ließ.
Zur Feier des 25. Jahrtages des Frankfurter Friedens hielt ich auf dem
Marktplatze eine Ansprache an die Veteranen.
Den größten Erfolg hatte ich damit bei der alten Viktor, die an einem
Fenster des Zieglerhauses stand und Tränen der Rührung vergoß und zu den
Umstehenden sagte, nur das hätte meine Mutter noch erleben müssen.
Nach dem Umzug und der Pflanzung einer Friedenseiche war Festessen.
Als ich etwas verspätet den Saal betrat, standen alle Veteranen auf, um
den Redner zu ehren.
Den Bezirksamtmann, der schon anwesend war, verdroß das, und er erhob
sich, um von seinem höheren Standpunkte aus den Tag zu beleuchten.
Zuerst war es still, aber wie der Mann im trockensten Amtsstil über den
Krieg sprach, als hätte das Königliche Bezirksamt Dachau nachträglich
seine Billigung auszudrücken, fingen alle Veteranen wie auf ein gegebenes
Zeichen an, mit klappernden Löffeln die Suppe zu essen. Und in dem Lärm
ging die obrigkeitliche Meinung unter.
In Dachau waren damals zahlreiche Maler, darunter Dill, Hölzel,
Langhammer, Keller-Reutlingen, Flad, Weißgerber, Klimsch.
Bei Hölzel verkehrte ich häufig. Er malte damals pointillistisch, trug die
Farben mit der Spachtel auf, und man mußte etliche Schritte zurücktreten,
um zu erkennen, was ein Bild darstellte.
Später ging er unter dem Einflusse Dills zur Malweise des Schotten
Brangwyn über.
In abgetönten Farben, meist in Grün und Grau, wurden überhängende Bäume an
Gräben und Bächen dargestellt, und die Bilder wirkten wie Gobelins.
Mir wollte es scheinen, als hätte sich die Gegend recht wohl so malen
lassen, wie sie war, und jede Stimmung so, wie sie der Künstler erlebte
und empfand, aber es gab auch damals einzig richtige Methoden, hinter die
die Persönlichkeit zurücktrat.
Ein Sonderling war Flad, dem es nicht zum besten ging. Mit einem dicken
Knüppel bewaffnet, den er nach kläffenden Hunden warf, lief er tagelang im
Moos herum und sprach eifrig vor sich hin. Zuweilen schloß er sich mir auf
einem Spaziergange an und trug Stellen aus Scherrs „Blücher und seine
Zeit“ vor. Er schien das Buch auswendig zu können.
Bei Hölzel, einem liebenswürdigen Österreicher, der Kenntnisse und
Interesse und ein lehrhaftes Wesen hatte, gab es immer anregende
Unterhaltung, und ich verdankte ihm manchen Hinweis auf gute Bücher.
Besonders die Russen und einige Skandinavier lernte ich durch ihn kennen;
ich bereute es nicht, ihnen erst später und mit gereifterem Urteil
begegnet zu sein.
Anna Karenina wurde und blieb ein Lieblingsbuch von mir; aber Raskolnikow
konnte ich nicht zu Ende lesen. Die unheimliche Schilderung jeder Regung
einer Seele, die zum Verbrechen wie zu etwas Notwendigem und fast
Selbstverständlichem hingedrängt wird, erschütterte mich so, daß ich das
Buch immer wieder weglegte, so oft ich danach griff.
Mit geteilten Empfindungen nahm ich Ibsens „Baumeister Solneß“ auf; da
schien mir zuviel mit Absicht hineingeheimnist zu sein, und die Menschen
gingen auf Stelzen.
Ich glaube, solche Gedanken waren damals sehr ketzerisch, denn etliche
Päpste zu Berlin hatten längst die Infallibilität des großen Norwegers
verkündigt. Aber mir fehlte stets die Führung durch den literarischen
Zirkel, und ich mußte alles unmittelbar auf mich wirken lassen, ohne
vorher zu wissen, was die Mode verlangte.
Denke ich zurück, so meine ich fast, ich hätte damals unbewußt schon den
Reiz empfunden, den, wie Gottfried Keller sagt, das Verfolgen der
Kompositionsgeheimnisse und des Stils gewährt. Heute erblicke ich
jedenfalls darin das Anziehendste, hinter den Zeilen den Autor beim
Schaffen zu sehen und aus dem Worte die Stimmung und aus der Stimmung
Gedanken, die sich schufen, zu erraten. Wenn man das recht genossen hat,
ist man gefeit gegen Literaturzirkel und ihre Dogmen.
Am 1. Januar 1896 erschien die erste Nummer der „Jugend“.
Ich kann noch heute das Titelbild dieses Heftes nicht sehen, ohne mich
ergriffen zu fühlen von der Erinnerung an jene Zeit und von der Sehnsucht
nach ihr, die voll Fröhlichkeit, voll Streben, voll Hoffen war. Bald
darauf sah man in München überall ein auffallendes Plakat, ein junges
Mädel an der Seite eines Teufels.
Es war die Ankündigung des „Simplicissimus“.
Was regte sich damals für eine Fülle von Talent und Können, und vor allem
von Teilnahme an diesen Dingen!
Mag die Bedeutung beider Wochenschriften beurteilt werden, wie immer; auch
ein Gegner kann es nicht leugnen, daß sie frisches, neues Leben brachten.
Wer erschrak und widerstrebte, war doch mit hineingezogen in den Kreis
dieser neuen Interessen, die München aus dem Schlafe aufweckten.
Mit welcher Aufmerksamkeit betrachtete man die Zeichnungen, prüfte man die
Beiträge, las man die Namen der Künstler und Schriftsteller!
Sie waren Ereignisse, über die man diskutierte, nicht Kaffeehauslektüre,
die man durchblätterte und weglegte; sie gaben mannigfaltigste Anregung
und öffneten die Bahn für die Jungen, die sich mit den Älteren messen
wollten.
Ich schickte zögernd und ohne rechtes Vertrauen ein politisches Gedicht an
die „Jugend“ und war nicht wenig stolz, als es schon in der zweiten Nummer
erschien.
Ein paar andere folgten, und meine Zuversicht wuchs.
Damals war das „Gasthaus zur Post“ in Traunstein verkauft und der
Pachtvertrag gelöst worden; meine älteste Schwester erwarb eine
Fremdenpension in München, die Zuspruch fand, und wir vereinbarten, daß
ich mich nach einiger Zeit in der Stadt als Anwalt niederlassen sollte.
Ein Herr, der Gast in der Pension war, fragte mich eines Tages, ob ich der
Verfasser der Gedichte in der „Jugend“ wäre, und als ich es bejahte,
meinte er, ich sollte nicht abseits von der aufstrebenden Bewegung bleiben
und mich nicht bloß gelegentlich und so von außen her daran beteiligen.
Es war _Graf Eduard Keyserling_, der als Verfasser feiner, von leiser
Ironie durchdrungener Werke bekannt geworden ist; recht bewundern lernte
ich ihn viele Jahre später, als er in seiner schweren Krankheit, die zur
Erblindung führte, eine Heiterkeit bewahrte, die nur aus Überlegenheit und
Größe kommen konnte.
Die Stunden, die ich in anregenden Gesprächen mit dem geistreichen, im
besten Sinne vornehmen Manne verbringen durfte, sind mir in lieber
Erinnerung geblieben.
Den Umzug nach München wollte ich aber nicht übereilen; es war besser, in
der Landpraxis noch fester Fuß zu fassen, und zudem hatte ich mit einem
Universitätsfreunde die Verabredung getroffen, mit ihm gemeinsam die
Kanzlei zu eröffnen.
So blieb ich noch ein Jahr in Dachau.
Eines Tages, im Frühjahr 1896, besuchte mich Redakteur Ritter und zeigte
mir ziemlich aufgeregt ein illustriertes Blatt.
Das sei denn doch zu stark! Zu solchen Dingen solle man nicht schweigen,
und wenn er auch nicht nach Polizei und Zensur schreie, so meine er doch,
man müsse dagegen Stellung nehmen, und ich solle ihm den Gefallen tun,
einen kräftigen Artikel gegen dieses neuzeitliche Gebilde zu schreiben.
Ich sah mir das Blatt an. Es war die Nummer 1 des „Simplicissimus“. Eine
Erzählung, „Die Fürstin Russalka“ von Frank Wedekind, hatte den guten
Ritter in Harnisch gebracht.
Er war etwas gekränkt, als ich ihm sagte, daß ich seine Ansicht nicht
teilen könnte.
Im Frühjahr 1897 kam der Abschied von Dachau; ich hatte doch das Gefühl,
aus sicheren, wenn auch kleinen Verhältnissen heraus ins Ungewisse zu
gehen, und so fiel es mir nicht leicht; noch schwerer freilich bedrückte
es die alte Viktor, die es nicht verstehen wollte, warum ich mit meinem
sorglosen, glücklichen Zustande nicht zufrieden war.
Es lag nicht in ihrer Art, darüber viele Worte zu machen, aber von ihren
Spaziergängen im Hofgarten kehrte sie immer traurig zurück, und manchmal
sah ich an ihren verweinten Augen, wie schwer ihr das Ende dieses
bescheidenen Glückes fiel.
Noch dazu erlitten meine Münchner Pläne eine arge Störung durch die
plötzliche Erkrankung und den Tod meiner Schwester, aber zurück konnte ich
nicht mehr, und so begann ich recht freudlos und sorgenvoll die Tätigkeit
in meiner Kanzlei am Marienplatze.
Ich mußte bald erkennen, wie schwer es für einen jungen Anfänger ist, in
der großen Stadt durchzudringen; am Ende ist es unerläßliche
Notwendigkeit, auf irgendeine Art aufzufallen.
Wenn das Los der vielen, die es versuchen, nicht doch sehr bitter wäre,
könnten die angewandten Mittel, die erfolgreichen wie die vergeblichen,
komisch wirken.
Die marktschreierischen Volkstribunen, die sich um den Beifall im
Zuschauerraum bemühten und das unwahrste Pathos in Bagatellsachen
anwandten, waren arme Teufel, schon weil sie das tun mußten.
Mir bot die Praxis, die ich vom Lande hereingebracht hatte, einigen Halt,
aber der Entschluß, sobald als möglich diese Tätigkeit aufzugeben, stand
in mir fest.
Ein Freund vom Stammtische im „Herzl“, Rohrmüller, hatte mit zwei anderen
Herren die Waldbauersche Buchhandlung in Passau gekauft und erklärte sich
im Sommer 1897 bereit, meine Bauerngeschichten gesammelt herauszugeben und
sie illustrieren zu lassen.
Ich wandte mich brieflich an Bruno Paul, dessen Zeichnungen im
„Simplicissimus“ mir aufgefallen waren, und nach einer kurzen Unterredung
sicherte er mir seine Mitarbeit zu.
Fürs Landschaftliche war Adolf Hölzel sogleich gewonnen, und nun begann
für mich die sehr anregende Tätigkeit, die beiden Künstler zur Ausführung
des Versprochenen anzuhalten.
Bei Bruno Paul stieß ich dabei auf größere Schwierigkeiten, denn er war
von Korfiz Holm, dem damaligen Chefredakteur des „Simplicissimus“, stark
in Anspruch genommen.
Im Spätsommer setzte sich Paul nach Lauterbach bei Dachau, wo er im
Oktober mit seinen Zeichnungen fertig wurde, so daß wir endlich darangehen
konnten, das Buch zusammenzustellen. Dabei leistete uns Rudolf Wilke, den
ich nicht lange vorher kennengelernt hatte, sachverständige Hilfe, und der
Sonntag, an dem wir von früh bis abends Text und Bilder zusammenklebten,
bleibt mir in fröhlichster Erinnerung.
Im Dezember war der „Agricola“ gedruckt, und ich konnte das erste Exemplar
dem Fräulein Viktor Pröbstl widmen und überreichen, die es zeitlebens für
das beste und vollkommenste Buch hielt trotz ihrer Hinneigung zu den
Klassikern.
Ich gestehe, daß es für mich ein recht erhebendes und die Brust
schwellendes Gefühl war, als ich bei Littauer am Odeonsplatze zum ersten
Male mein Werk in der Auslage liegen sah.
Ich bin damals nicht ganz zufällig an allen größeren Buchhandlungen
Münchens vorbeigebummelt, und meine Wertschätzung der Sortimenter richtete
sich danach, ob sie den Agricola ausgestellt hatten.
Es kamen auch bald Kritiken, und merkwürdigerweise die anerkennendsten in
norddeutschen Zeitungen; doch fehlte es in München keineswegs an
freundlichem Beifalle, und M. G. Conrad sang mir in der „Gesellschaft“ ein
klingendes Loblied.
Die nachhaltigsten Folgen hatte es für mich, daß ich durch die Arbeit am
„Agricola“ mit dem „Simplicissimus“-Kreise bekannt wurde.
Der Verleger _Albert Langen_ lud mich eines Tages zu einer Unterredung
ein.
Daß wir uns bei dieser ersten Begegnung gleich gefallen hätten, möchte ich
nicht behaupten.
Der elegant gekleidete, mit dem gepflegten Vollbart recht pariserisch
aussehende junge Herr war mir zu beweglich, sprang von einer Frage zur
andern über, ohne recht auf Antwort zu warten, und leitete mir das
Gespräch zu sehr von oben herab. Dabei prüften mich seine flinken Augen
halb neugierig, halb mißtrauisch, und ich glaubte deutlich zu merken, daß
er mich nach bekannter Manier ein bißchen unterwertig süddeutsch fand.
Weil ich das merkte, war ich schroffer und kratziger und kürzer
angebunden, als es sonst meine Art war, und dieses erste Zusammentreffen
endete, wenn auch nicht mit einem Mißklange, so doch mit dem Eindrucke,
daß wir einander nicht viel zu sagen hätten.
Ich habe späterhin meine Ansicht über den gescheiten, heiteren und
lebhaften Mann gründlich geändert, und mehr als einmal unterhielten wir
uns über jene erste Begegnung, bei der ich ihn zu sehr als feinen Hund und
reichen Jüngling betrachtet hatte.
Vielleicht haben ähnliche Urteile über ihn manche Verstimmung
hervorgerufen; Frank Wedekind hat seinem Ärger bekanntlich in mehreren
Theaterstücken Luft verschafft, aber er hat stark danebengegriffen und ist
am Äußerlichen hängengeblieben.
Über den Reichtum Langens war man sich in München einig, und Doktor Sigl
schrieb in seinem „Bayrischen Vaterlande“ mehr bestimmt als unterrichtet
von den Millionen des jungen Verlegers. In Wirklichkeit hat dieser den
„Simplicissimus“ wie seinen Buchverlag mit den sehr bescheidenen Resten
seines väterlichen Vermögens gegründet, und als die einen von seinen
reichen Mitteln fabelten, andere wieder seine Zurückhaltung gegenüber
kühnen Plänen oder hochgespannten Erwartungen für knauseriges Wesen
hielten, war Langen mehr als einmal vor die Frage gestellt, ob er das
Unternehmen noch länger halten könne.
Im Café Heck am Odeonsplatze trafen sich damals fast alle Künstler, die am
„Simplicissimus“ und an der „Jugend“ mitarbeiteten: zuweilen Heine,
regelmäßig aber Paul, Wilke, Thöny, Reznicek, Jank, Erler, Putz, Gröber,
Eichler, Georgi, Feldbauer u. a.
Den stärksten Eindruck machte der damals vierundzwanzigjährige Rudolf
Wilke aus Braunschweig auf mich. Er war von einer Unbekümmertheit, die
beim Fehlen jeglicher Pose, bei gründlichen Kenntnissen und beim tiefsten
Ernste in künstlerischen Dingen viel ansprechender wirkte als die von
Murger geschilderte Sorglosigkeit der Pariser Bohemiens.
Er hätte ins elterliche Geschäft – sein Vater war Baumeister gewesen –
eintreten sollen, war aber bald nach München gezogen, wo er bei Holossy
studierte.
Er arbeitete zuerst für kleine illustrierte Münchner Blätter, bis ihn das
Ergebnis des ersten Preisausschreibens der „Jugend“ mit einem Schlage
bekannt machte.
[Illustration: Auf der Jagd]
Charakteristisch für ihn war die Art, wie er sich an dem Wettbewerbe
beteiligte. Er hatte das Ausschreiben übersehen oder den Termin
verbummelt, setzte sich am letzten Tage hin und machte etwas ganz anderes,
als vorgeschrieben war, aber seine Zeichnung war so verblüffend gut, daß
Georg Hirth mit Zustimmung des Preisgerichtes einen weiteren ersten Preis
stiftete, der ihm zugesprochen wurde.
Von da ab war er regelmäßiger Mitarbeiter der „Jugend“, bis er zum
„Simplicissimus“ übertrat.
Er war von allen, die sich damals durchsetzten, sicher das stärkste Talent
und übte einen sehr bemerkbaren Einfluß auf die ganze Richtung aus; er
wurde nachempfunden und nachgeahmt, und am Ende hätten nur wenige
bestreiten können, daß sie beim jungen Meister Rudolf Wilke in die Schule
gegangen waren.
Er selber machte kein Wesen daraus, denn er wußte, daß er noch ganz
anderes zu geben hatte; mochte er andern für fertig gelten, er selber
arbeitete an sich weiter und reifte langsam heran, um dann von Reichtum
überzuquellen.
Als er mühelos und selbstsicher das Beste schuf, mußte er sterben.
Mit ihm hat Deutschland einen großen Humoristen verloren; wer in dem Werke
seines kurzen Lebens den überraschenden Aufstieg bemerkt und sich
Rechenschaft darüber geben kann, wie diese liebevolle Schilderung des
Komischen sich immer mehr vertiefte und immer mehr die gute Art der
niederdeutschen Rasse zeigte, wer dieses stille, so gar nicht lärmende,
aber doch erschütternde Lachen über die Schwächen der lieben Menschheit
versteht, der weiß, welche Hoffnungen der Tod Rudolf Wilkes zerstört hat.
Auch als Persönlichkeit war er prachtvoll. Von der Gewandtheit und Kraft
des hochgewachsenen Mannes wurde vieles erzählt, und kaum etwas war
übertrieben; auf großen Radtouren, die wir zusammen machten, hatte ich oft
Gelegenheit, mich über seine Tollkühnheit zu ärgern, aber auch immer
wieder zu sehen, wie kaltblütig und selbstverständlich er jede gefährliche
Situation überwand.
Schon wie er sich zu größeren Reisen anschickte, war bezeichnend für ihn;
sogleich entschlossen, unbeschwert durch irgendwelche Rücksichten oder
Verpflichtungen, unbekümmert um Länge der Fahrt und Dauer der Reise,
setzte er sich mit in den Zug, und dann durfte es gehen, wohin es wollte.
Freilich konnte er einem dann beim ersten Frühstück in Mailand so nebenbei
mitteilen, daß er ganz vergessen habe, Geld einzustecken. Einmal radelten
er, Thöny und ich durch die Provence nach Marseille, setzten nach Algier
über und fuhren über Constantine nach Biskra und Tunis.
Da war Wilke in seinem Element; seinetwegen hätte die Reise noch viele
Monate dauern dürfen, und er hätte sicherlich nie gefragt, ob uns das Geld
lange; wär’s ausgegangen, hätte man sich schon auf irgendeine Weise
geholfen.
Unvergeßlich bleibt mir sein Entzücken über einen alten Araber, dem wir in
der Nähe von Bougie begegneten; er ritt auf einem Maultiere, links und
rechts neben sich einen Korb mit Orangen gefüllt, über sich einen großen
Sonnenschirm aufgespannt, der kunstreich am Sattel befestigt war, und so
saß der alte Herr vergnügt im Schatten, las in einem kleinen Buche und aß
Orangen.
So was von kluger Art, zu reisen, so selbständig ausgedacht und frei von
herkömmlichen Zwangszuständen, gefiel unserm Wilke derart, daß er vom Rad
herunterstieg und eine Weile neben dem alten Kerl herlief, nur um ihn
recht zu beobachten.
Er wußte überhaupt den würdevollen Gleichmut der Araber, von dem wir immer
wieder Beweise erlebten, nicht genug zu rühmen, und das war leicht
erklärlich, denn er war darin selbst ein Stück von ihnen.
Sein unbändiger Wandertrieb ließ ihn daheim besonderen Gefallen an
landstreichenden Handwerksburschen finden.
An einem warmen Märztage, wo einen Ahnungen von wundervollem Sonnenschein
und blauem Himmel zum Reisen verlocken, fuhr ich mit ihm auf der
Landstraße nach Dachau an zwei walzenden Kunden vorbei, die, ihre
schmutzigen Bündel umgehängt, ins Weite hineinmarschierten.
Wir setzten uns auf einen Schotterhaufen und ließen sie noch einmal an uns
vorbeistapfen.
„Die Kerle haben es doch am schönsten“, sagte Wilke mit ehrlichem Neide,
und dann setzte er mir auseinander, wie es einzig weise sei, in den Tag
hineinzuleben und von aller Konvention frei zu sein.
Jede Pose war ihm verhaßt, und jede sah er mit unbestechlichen Augen, auch
wenn sie Leute von klingendem Namen zu verstecken suchten.
Damit war einer bei ihm sofort unten durch, und zuweilen, wenn sich uns
gegenüber eine Berühmtheit wohlwollend gehen ließ, sagte Wilke, der Kerl
sei doch bloß ein Hanswurst; zu dem Urteil genügte ihm irgendeine
Selbstgefälligkeit im Ton oder in der Gebärde.
Das literarische Jung-München, das sich auch damals absurd gebärdete und
sich bedeutender gab, als es war, bot ihm reichliche Gelegenheit zum
Spotte; wenn er sich zuweilen mit übertriebener Bescheidenheit in der
Torggelstube zu den Unsterblichen setzte, mit schüchternen Fragen
Belehrungen anregte, ahnten die Gecken nicht, wie sehr sie die Gefoppten
waren. Auch nicht, wie gründlich sie der harmlose Künstler durchschaute,
und wie er ihre unmännliche Art verabscheute.
Sein ernsthaftes Wesen, das sich frei von Vorurteilen und Schulmeinungen
in selbstgedachten Gedanken zeigte, trat sogleich hervor, wenn er über
wirkliches Können urteilte.
Er ging immer auf das Wesentliche ein und vermied auch Großem gegenüber
die Banalität des Superlatives.
Ein hoher Genuß, der bleibende Erinnerungen zurückließ, war es, ihn über
ein gutes Bild reden zu hören; es war nichts von Schulmeisterei, die
klassifiziert und Zusammenhänge beweist, darin, es war bei aller
Zurückhaltung die Meinung des großen Könners, dem tief verborgene,
unbewußte Vorgänge des Schaffens klar vor Augen standen.
Auch über Bücher habe ich nicht leicht jemand so gut urteilen hören wie
Rudolf Wilke; er las gerne und mit Auswahl, am liebsten gute Memoiren, die
eine vergangene Zeit zum Leben erweckten; an die Freude, die er über
Platons „Laches“ empfand, erinnere ich mich gerne.
Die ehrliche Gescheitheit des Sokrates, der jeden Begriff ins kleinste
zerlegt und sein Eigentliches herausschält, der nie bloße Worte gelten
läßt, keiner Schwierigkeit ausweicht, der nichts sich in den Nebel der
Redensarten verlieren läßt, entzückte ihn, und gleich stand ihm der kluge
Athenienser plastisch vor Augen, der sich von braven Spießbürgern zuerst
hergebrachte Meinungen vortragen läßt, um sie dann bloß durch Fragen zu
der unerquicklichen Erkenntnis zu bringen, daß sie weder etwas wirklich
geglaubt, noch sich etwas gedacht hatten.
Er stellte Betrachtungen darüber an, wie uns heute die Kunst des geraden
Denkens, aber auch das Verlangen danach durch die verfluchte Phrase
verlorengegangen sei, und eifrig las er mir nach ein paar Seiten aus
„Laches“ Proben aus dem Zarathustra vor, um daran zu zeigen, wie hoch wir
das Spielen mit Worten und Stimmungen einschätzen. Natürlich sah Wilke als
Maler nur in der echten Schilderung menschlicher Charaktere und der sich
daraus folgerichtig aufbauenden Geschehnisse schriftstellerische Werte,
und das Kokettieren mit hintersinnigen Gedanken und Weltschmerzen führte
er auf künstlerische Impotenz zurück.
Ich erwähne das, um seine Stellung und damit wohl auch die andern Künstler
zu den neuen Göttern zu kennzeichnen. Eigentlich bestand wenig oder kein
Zusammenhang zwischen den literarischen und den künstlerischen
Mitarbeitern der „Jugend“ und des „Simplicissimus“. Hirth versuchte ihn,
wie mir erzählt wurde, in geselligen Zusammenkünften anzuregen, aber man
fand aneinander kein übermäßiges Gefallen.
Die Herren Dichter fühlten sich wohler, wenn sie unter sich waren und sich
mit ein bißchen Medisance und recht viel gegenseitiger Bewunderung die
Zeit vertreiben konnten; natürlich gehörte dazu ein Auditorium von Jüngern
und Jüngerinnen, die mit aufgerissenen Augen dasaßen und den Flügelschlag
der neuen Zeit rauschen hörten.
In Schwabing trieb, wie erzählt wurde, der Kultus des Stephan George
seltsame Blüten, und man sagte, der Dichter habe sich’s bei gelegentlicher
Anwesenheit gefallen lassen, daß die Schwabinger Lämmer um ihn
herumhüpften und ihn auf violetten Abendfesten anblökten. Andere
vereinigten sich zu andern Gemeinden, und es wurden viele Altäre
errichtet, auf denen genügend Weihrauch verbrannt wurde.
Das neue genialische Wesen brachte immerhin Leben und Bewegung nach
München, und am Ende hatte es doch mehr Gehalt als das marktschreierische
Getue der heutigen Talente, die jede Form verachten, die sie nicht
beherrschen.
Viel Aufsehen erregte damals Frank Wedekind mit seinen Gedichten im
„Simplicissimus“; sein „Frühlings Erwachen“ hatte ihm in literarischen
Kreisen schon Geltung verschafft, aber das größere Publikum wurde erst
durch seine geistreichen, zuweilen recht gepfefferten Verse auf ihn
aufmerksam. Ein Gedicht auf die Palästinareise des Kaisers ist wegen
seiner Folgen berühmt geworden, und Wedekind hat späterhin für die Bildung
einer Legende gesorgt, die schmerzhaft klang, aber der Wahrheit nicht
entsprach.
Ich kam damals täglich mit Wilke, Thöny und Paul zusammen und erlebte als
Unbeteiligter die Geschichte der oft erzählten und auch für die Bühne
bearbeiteten Majestätsbeleidigung.
Eines Mittags im Oktober 1898 suchte Korfiz Holm die Künstler des
„Simplicissimus“ und mich im Parkhotel auf und zeigte mir den
Korrekturabzug der späterhin vielgenannten Palästinanummer, weil ich den
Text zu einer Zeichnung Pauls gemacht hatte. Wir lachten über das
Titelbild Heines, das Gottfried von Bouillon und Barbarossa mit dem
Tropenhelm Wilhelms zeigte, und dann las ich das Gedicht Wedekinds.
Darin war der Kaiser so direkt angegriffen, daß ich sagte, wenn die Verse
nicht in letzter Stunde noch entfernt würden, sei die Beschlagnahme der
Nummer und eine Verfolgung wegen Majestätsbeleidigung unausbleiblich.
Holm erklärte aber, das Gedicht sei von einer juristischen Autorität
geprüft worden, und außerdem sei die Nummer schon im Drucke, so daß
Änderungen nicht mehr möglich seien. Ich blieb auf meiner Ansicht stehen,
aber am Ende war es Sache der Redaktion, ob sie die Strafverfolgung
riskieren wollte oder nicht.
Die Nummer wurde sofort nach Erscheinen konfisziert; Albert Langen floh
nach Zürich, Heine wurde nach Leipzig vorgeladen und dort in
Untersuchungshaft genommen, späterhin auch zu sechs Monaten Gefängnis
verurteilt.
Obwohl Wedekind das Gedicht unter einem Pseudonym hatte erscheinen lassen,
konnte er sich doch nicht für gesichert halten, denn zu viele Leute
kannten ihn als Verfasser. Eine andere Frage ist, ob er ehrenhalber nicht
hätte hervortreten müssen, aber die Entscheidung darüber wurde ihm
erspart, da die Polizei durch einen Übergriff des Leipziger Gerichtes
hinter das Geheimnis kam. Wedekind wurde rechtzeitig gewarnt und floh von
der Premiere seines „Erdgeistes“ weg in die Schweiz zu Langen.
Daß er über die Aufdeckung seiner Autorschaft ungehalten war, läßt sich
begreifen, aber ganz unverständlich bleibt der Vorwurf, den er später
gegen Langen erhob: der habe ihn gezwungen, eine Majestätsbeleidigung zu
dichten, indem er seine Notlage ausgenützt habe.
Wedekind war regelmäßiger Mitarbeiter des „Simplicissimus“ und konnte
darauf rechnen, daß jeder Beitrag von ihm angenommen und anständig
honoriert wurde. Von einem Zwange, ein bestimmtes Gedicht zu machen,
konnte schon darum ebensowenig die Rede sein wie von einer Notlage. Der
Hergang war auch ein anderer. Das Gedicht auf die Palästinafahrt war in
seiner ersten Fassung so scharf, daß Albert Langen Bedenken trug, es
aufzunehmen, und Änderungen verlangte. Wedekind, der es in der Redaktion
mit Vaterfreuden vorgelesen hatte, wollte an die Milderung zuerst nicht
heran und verstand sich nur mit Widerstreben dazu. Darum blieb auch die
zweite Fassung noch so gepfeffert, daß Langen die Aufnahme vom Gutachten
des Herrn Justizrat Rosenthal abhängig machte.
Der gab seinen Segen dazu, vielleicht etwas zu sehr beeinflußt durch das
Vergnügen an der famosen Satire und dem formvollendeten Gedichte. Damit
war das Unheil im Zuge und nahm seinen Lauf.
Die Gegner, an denen es dem „Simplicissimus“ nicht fehlen konnte, haben
sich hinterher stark über planmäßige Majestätsbeleidigungen und
geschäftliche Spekulationen aufzuregen gewußt. Daß ein aus künstlerischen
Gesichtspunkten geleitetes Witzblatt sich aufs Geschäftemachen nicht
einlassen konnte, war am Ende leicht einzusehen; schwieriger mußte auch
für kluge Leute in Deutschland die Erkenntnis sein, daß ein sich so sehr
und in solchen Formen in den Vordergrund drängendes persönliches Regime
ganz von selber die Satire herausforderte. Die unnahbare Höhe des Thrones
mußte zu allererst von dem Herrscher selbst gewahrt werden. Wenn er in die
Niederungen der Tagesstreitigkeiten bei jeder möglichen Gelegenheit
herunterstieg, rief natürlicherweise dieser Widerspruch zwischen der
eigenen Unverletzlichkeit und dem Vorbringen von anfechtbaren und
verletzenden und sehr konventionellen Meinungen scharfe Entgegnungen
hervor.
Als Repräsentant eines großen Volkes Polemik zu treiben, in alles und
jedes dreinzureden, ging nicht an. Die aufdringliche Bewunderung, die auch
groben Verstößen und Fehlern gegenüber an den Tag gelegt wurde, die
Manier, jeden ehrlichen Unwillen über das gefährliche, vorlaute Wesen als
vaterlandslose Gesinnung zu brandmarken, verschärften den Widerspruch und
mehrten den Zorn, der sich – heute dürfen wir sagen _leider_ – viel zu
wenig Luft machte. Wäre das Ersuchen um geneigteste Zurückhaltung, das
1908 zu sehr in Moll gestellt wurde, zehn Jahre vorher von Parlament und
Presse mit rücksichtsloser Entschiedenheit vertreten worden, dann hätte
vieles anders und besser werden müssen.
Es ist heute schwer, gerade weil es leicht ist, darüber große Reden zu
halten; aber das wollte ich in diesem Zusammenhange sagen, daß jene
angeblich planmäßigen Majestätsbeleidigungen bloß die Antworten auf
planmäßige Herausforderungen waren. Dazu kam, daß der Ton, mit dem damals
die Musik gemacht wurde, auf Künstler, denen die Persönlichkeit viel oder
alles gilt, höchst aufreizend wirkte.
Die unechte Heldenpose, die einem so häufig vor Augen gestellt wurde,
konnte nicht immer einem schweigenden Mißbehagen begegnen; es mußte sich
äußern, und die Form des Spottes wirkte erlösender als schwerblütiger
Tadel, denn er zeigte blitzartig, mit unwiderleglicher Schärfe das, worauf
es ankam, und die ärgerliche Erkenntnis milderte sich durch die
Möglichkeit, darüber herzhaft lachen zu können.
Spott untergräbt keine echte Autorität, weil er sie nicht treffen kann,
aber dem auf Äußerlichkeiten ruhenden, konventionell festgehaltenen, dem
übertriebenen und angemaßten Ansehen tut er Abbruch, und das ist nicht
schädlich, denn treffender Spott heilt unklare Verstimmungen, indem er mit
einem Worte, mit einer Geste die Ursachen des Unbehagens aufdeckt.
Im übrigen hätte ein von politischen Gehässigkeiten unangekränkeltes
Empfinden sich wirklich darüber empören müssen, daß ein Künstler des
„Simplicissimus“ für ein gutes Bild und ein Witzwort über die pompöse
Reise nach Jerusalem zur Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt
werden konnte. Diese brutale Vergewaltigung als Antwort auf einen mit
geistigen Waffen geführten Angriff war abscheulich.
Aber man nahm damals sogar einen Rechtsbruch und eine Verletzung der
bayrischen Staatshoheit geduldig hin, weil es sich um Sühne für eine
Majestätsbeleidigung, und auch, weil es sich um den „Simplicissimus“
handelte.
Der sächsische Untersuchungsrichter wollte noch mehr Schuldbeweise gegen
den Künstler zusammenbringen und glaubte, daß eine gründliche Haussuchung
in der Redaktion des „Simplicissimus“ Erfolg verspräche; allein, den
bayrischen Behörden traute er nicht genug Eifer zu, und darum suchte er um
die durch das Gesetz nachdrücklich verwehrte Erlaubnis nach, selber die
Haussuchung vornehmen zu dürfen.
Der bayrische Justizminister ließ sich verblüffen und gab dem
unverschämten Ansinnen nach; der sächsische Richter kam nach München,
schnüffelte in allen Schränken und Schubladen herum und fand auch einen
Brief, den er brauchen konnte.
Daß weder der Landtag noch die Presse gegen diese Gesetzwidrigkeit
entschieden Stellung nahm, daß das Ministerium sich feige auf einen nicht
anwendbaren Paragraphen berief, das alles war wirklich verächtlicher
Byzantinismus.
Das Recht mißachtet, die Würde des Staates preisgegeben, um das Ansehen
eines Monarchen gegen ein Witzwort zu wahren.
Je intensiver mein Verkehr mit den Künstlern wurde, desto lebhafter wurde
in mir der Wunsch, mit ihnen zusammenzuarbeiten, alle meine Interessen
gingen darin auf, und eine immer stärkere Unlust am anwaltschaftlichen
Berufe drückte schwer auf mich.
Aber noch sah ich keinen Weg, der ins Freie führte. Das Heim, das ich der
alten Viktor und meiner jüngsten Schwester geboten hatte, mußte ich
erhalten, und ich konnte nicht darauf rechnen, daß schriftstellerische
Arbeit mir diese Möglichkeit gewährte. Ich schrieb wohl einige Erzählungen
für den „Simplicissimus“, die gefielen, aber das gab mir, wie ich mir
selbst gestehen mußte, noch lange nicht das Recht, darin Sicherheiten für
die Zukunft zu sehen.
Frühling und Sommer 1899 waren darum recht unerquicklich für mich; ich
plagte mich ab mit der Sehnsucht nach einem anderen, so viel reicheren
Leben und mit den Bedenken, die gegen einen raschen Schritt sprachen.
Ich ging daran, ein Lustspiel zu schreiben, das auch im Laufe des Jahres
fertig wurde, den Titel „Witwen“ führte und gottlob nicht aufgeführt
wurde.
Die Genugtuung darüber empfinde ich heute nicht deshalb, weil das
Lustspiel nach alten Mustern auf Verwechslungen aufgebaut war, sondern
weil die Ablehnung heilsam für mich wurde.
Der Oberregisseur Savits, der mir von einem Ferienaufenthalte in Seebruck
her befreundet war, las die Komödie und erklärte mir bei der Unterredung
im Regiezimmer des Hoftheaters, das ich mit Herzklopfen und auch mit
frohen Erwartungen betrat, daß dieses Ei keinen Dotter habe.
Es seien ganz nette Sachen darin, sogar eine famose Szene zwischen einem
Bauern und dem Anwaltsbuchhalter, aber das lange nicht, und kurz und gut,
das Ei habe keinen Dotter, und er rate mir, es zurückzuziehen.
Ich erlebte ein paar bittere Tage, grollte über Verkennung und fand nach
reiflichem Nachdenken, daß Savits recht hatte.
Ich war zu tief im Milieu gesteckt, hatte nach eigenen Erlebnissen und
Stimmungen und nach Modellen gearbeitet. Dabei blieb ich im Gestrüpp.
Damals aber, im Sommer 1899, saß ich gläubig am Schreibtische, freute
mich, wenn die Handlung vorwärts schritt, und sah hinter grauen Wolken ein
Stück blauen Himmel. Wenn der Lärm unter meiner Kanzlei am
Promenadenplatze allmählich verstummte, legte ich die mich immer mehr
langweilenden Akten beiseite und holte aus der Schublade das Manuskript
der „Witwen“ hervor, um bis in die tiefe Nacht hinein zu sinnieren und zu
schreiben. Dann traten mir aus den sich kräuselnden Tabakwolken Bilder
einer freundlichen Zukunft entgegen, und oft überwältigten sie mich so,
daß ich aufsprang und im Zimmer auf und ab lief und laute Selbstgespräche
führte.
Die alte Viktor saß im Zimmer daneben, hörte das Gemurmel mit sorglichen
und von Hochachtung erfüllten Empfindungen an, denn sie wußte, daß ich ein
Lustspiel dichtete, und für sie gab es keinen Zweifel, daß es prachtvoll
werden müsse.
Vielleicht knüpfte auch sie einige Hoffnungen daran auf Rückkehr zum
Landleben, aus dem Lärm heraus zur Stille.
Oft höre ich noch heute die tiefen Schläge der Domuhr, die von den
Frauentürmen herunter über den Platz dröhnten, und ich erinnere mich
daran, wie oft ich mit heißem Kopfe am offenen Fenster stand und in die
Nacht hinaussah.
Wieder war eine Szene fertig, es wollte sich runden und wollte werden, und
vor mir lag die ersehnte Freiheit.
Dann klang aus der Ferne die leise Stimme meiner Mutter herüber: „Es wird
noch alles recht werden.“
Die Erlösung kam unerwartet und auf andere Weise, als ich geträumt hatte.
Eines Tages, es war im September 1899, sprach mich ein Rechtsanwalt, der
meine geheimen Wünsche erraten hatte, daraufhin an und erbot sich, meine
Praxis gegen eine runde Summe zu übernehmen.
Ich konnte nicht sofort zusagen und sprach darüber mit meinem
Rechtskonzipienten, der mir nachdenklich schweigend zuhörte und mich am
folgenden Tag um eine Unterredung ersuchte.
Er bat mich dabei, nicht jenem Anwalt, sondern ihm unter den gleichen
Bedingungen die Praxis abzutreten.
Jetzt besann ich mich nicht mehr lange, und schon am nächsten Tage
schlossen wir den Vertrag ab, der mir überraschend schnell die Freiheit
verschaffte.
Gleichzeitig traf es sich, daß in Allershausen bei Freising, wo sich eine
Schwester von mir kürzlich verheiratet hatte, ein kleines Haus um billiges
Geld zu mieten war.
Ich machte Viktor den Vorschlag, mit meiner andern Schwester dorthin zu
ziehen, und versprach, möglichst oft hinauszukommen; die bescheidenen
Mittel, die beide zum Leben brauchten, getraute ich mich aufzubringen, da
mir nunmehr auch Langen ein monatliches Fixum für regelmäßige Mitarbeit am
„Simplicissimus“ zugesagt hatte.
Ich selber mietete ein paar unmöblierte Zimmer in der Lerchenfeldstraße
und war nun auf wenig gestellt, aber frei wie ein Vogel, und wohl nie mehr
habe ich mich so glücklich gefühlt wie in jenen ersten Wochen, als ich
eifrig an meinem Lustspiele schrieb, an keine Zeit und keine Pflicht
gebunden war und mir auf Spaziergängen im Englischen Garten ausmalte, wie
unbändig schön es erst nach einem Erfolge werden würde.
Dann kam freilich die betrübliche Erkenntnis, daß das Ei keinen Dotter
hatte, aber bald trug ich den Kopf wieder hoch, und nach dem tiefen
Eindrucke, den eine Bauernhochzeit in Allershausen auf mich gemacht hatte,
schrieb ich „Die Hochzeit“ und daran anschließend ein Lustspiel „Die
Medaille“.
In der Zwischenzeit war ich auch in die Redaktion des „Simplicissimus“
eingetreten.
Der Kongreß der Mitarbeiter, auf dem der Beschluß gefaßt wurde, fand in
der Schweiz statt, in Rorschach am Bodensee, weil Langen deutschen Boden
nicht betreten durfte.
Fünf Jahre lang mußte er im Ausland bleiben, bis er 1903 durch Vermittlung
eines mächtigen Herrn in Sachsen nach Hinterlegung einer beträchtlichen
Summe außer Verfolgung gesetzt wurde.
Was es für den rührigen, etwas zappeligen Mann bedeutete, sein junges
Unternehmen im Stiche lassen zu müssen, kann man sich denken, und schon
darum kennzeichnet sich die Behauptung, daß er zu geschäftlicher Förderung
eine Majestätsbeleidigung von Wedekind erzwungen habe, als sinnloses
Geschwätz.
Es ist ihm ein Vorwurf daraus gemacht worden, daß er sich nicht dem
Strafrichter gestellt habe, und es gab dafür eine klingende Redensart, daß
er nicht den Mut gehabt habe, die Folgen seiner Handlung zu tragen.
Es gehört aber neben Mut auch kräftige Gesundheit dazu, sich ein halbes
Jahr einsperren zu lassen, und die fehlte Langen, der damals an starken
nervösen Kopfschmerzen litt.
Wir haben in den folgenden Jahren noch manche Zusammenkunft in Zürich
gehabt, und es war unschwer zu sehen, wie sehr die Trennung von Geschäft
und Tätigkeit Langen bedrückte.
In der Redaktion des „Simplicissimus“ hatte ich neben _Reinhold Geheeb_
eine anregende Tätigkeit, die mir zusagte und die mir stets Zeit zu
eigenen Arbeiten ließ.
Von maßgebendem Einflusse auf den Inhalt der einzelnen Nummern war von den
Künstlern immer _Th. Th. Heine_, der häufig in die Redaktion kam, sich mit
uns beriet und Anregungen gab.
Die andern, _Paul_, _Thöny_, _Wilke_, _Reznicek_ zeichneten entweder nach
Laune und Einfall, was ihnen gerade zusagte, oder sie übernahmen es, einen
vereinbarten Text zu illustrieren. Redaktionssitzungen, an denen alle
Künstler teilnahmen, wurden erst später nach Langens Rückkehr abgehalten.
_Wilhelm Schulz_ hielt sich noch in Berlin auf, und der Verkehr mit ihm
blieb aufs Schriftliche beschränkt; _J. B. Engl_ machte selber die Texte
zu seinen Zeichnungen.
Von literarischen Mitarbeitern sah man zuweilen _Bierbaum_, _Falkenberg_,
_Gumppenberg_, _Greiner_, ziemlich häufig _Holitscher_.
Hier und da kam ein junger Mann in der Uniform eines bayrischen
Infanteristen, trug einen Stoß Manuskripte, die er für den Verlag geprüft
hatte, bei sich und übergab der Redaktion ab und zu Beiträge; er war sehr
zurückhaltend, sehr gemessen im Ton, und man erzählte von ihm, daß er an
einem Roman arbeite. Der Infanterist hieß _Thomas Mann_, und der Roman
erschien später unter dem Titel „Buddenbrooks“.
Mit den literarischen Vereinen kam ich nicht in Fühlung, ebensowenig mit
den engeren Zirkeln um _Halbe_, _Ruederer_ u. a.
_Otto Erich Hartleben_ lernte ich in einer Gesellschaft kennen; er gab von
Zeit zu Zeit Gastrollen in München, und man hörte nach seiner Abreise
Erzählungen von endlosen Kneipgelagen, die von fröhlichen Philistern, die
sich was darauf zugute taten, noch gehörig übertrieben wurden.
Er hatte was vom alten Studenten an sich, auch ein bißchen was vom
gefeierten Genie, um das sich Kreise bilden, aber wenn er nach einer Weile
die Geste beiseite ließ, konnte man sich an dem Frohsinn des hochbegabten,
warmherzigen Menschen erfreuen. Zuletzt traf ich ihn in Florenz, im
Frühjahr 1903, aufgelegt wie immer zum Schwärmen und Pokulieren, aber jede
fröhliche Stunde mußte er mit körperlichen Schmerzen bezahlen, und er sah
recht verfallen aus.
Bald nach meinem Eintritt in die Redaktion des „Simplicissimus“ lernte ich
_Björnstjerne Björnson_ kennen.
Das heißt, um es respektvoller auszudrücken, ich wurde ihm vorgestellt,
und er hatte die Güte, mir etwas Wohlwollendes über ein paar Gedichte zu
sagen.
Er gehörte zu den Männern, die körperlich größer aussehen, als sie sind,
und die man stets über andere wegragen sieht; in der größten Gesellschaft
mußte sogleich der Blick auf ihn fallen, und das wußte er und hielt was
darauf. Er sah imponierend aus mit seiner geraden Haltung, mit den
blitzenden Augen unter buschigen Brauen, die ein bißchen über die kleinere
Menschheit wegsahen, mit den schlohweißen Haaren auf dem stolz getragenen
Haupte. Im Gespräche mit uns war er so was wie wohlaffektionierter König,
aber er konnte auch aus sich herausgehen und derb und herzlich lachen.
Wer bei ihm zu Besuch in Aulestad gewesen war, rühmte seine zwanglose
Gastfreundschaft; hier in München war er schon etwas Vertreter einer
fremden Großmacht und kritisch und mißtrauisch gegen den
Unteroffiziersgeist, den er diesseits der schwarzweißroten Pfähle
witterte. Damals war er auf Deutschland gut zu sprechen und hielt uns für
bildungs- und besserungsfähig. „Über unsere Kraft“ hatte in Berlin volles
Verständnis gefunden, und viele Angehörige der preußischen Nation
schrieben sich die Finger schwarz über die tiefen Probleme des ersten wie
des zweiten Teiles, und so sah Björnson, daß sie auf dem rechten Wege
waren und sich zu einigem Werte durchringen konnten.
Immer leidenschaftlich, setzte er sich ganz für eine Sache ein und ließ am
Widerparte gar nichts gelten; er besaß im höchsten Maß die Gabe, nur die
eine Seite zu sehen, und war darum ein erfolgreicher Parteiführer und
nebenher ein glänzender Journalist; alles sah er aus bestimmten
Gesichtswinkeln und ordnete es seinem Systeme ein.
Ich besuchte einmal um Ostern 1904 mit ihm das Forum in Rom.
_Professor Boni_ begrüßte den illustren Gast aus Norwegen mit romanischer
Höflichkeit und würdevoller Devotion und machte selbst den Führer.
Wilke und ich gingen hinterdrein.
Als Boni, den die vom preußischen Unteroffiziersgeist angekränkelten
deutschen Gelehrten für einen Scharlatan halten, unter anderem sagte, die
Auffindung eines Altars hätte ihn zu der Überzeugung gebracht, daß die
Plebejer eine andere Religion als die Patrizier gehabt hätten, daß sie
überhaupt eine fremde, von den Römern unterjochte Nation gewesen seien,
war Björnson über diese neuen, großen Gesichtspunkte begeistert, denn mit
unterdrückten Völkern hielt er es immer.
Auf dem Heimwege fragte er mich, ob ich ihm kein gutes Buch über römische
Geschichte nennen könne, „aber“, fügte er bei, „bleiben Sie mir weg mit
diesen deutschen Gelehrten, mit Ihrem Mommsen! Es muß so sein, wie es Boni
darstellte.“
Ich erwiderte etwas schnoddrig, daß meines Wissens in Deutschland kein
derartiger Bockmist gedruckt worden sei.
Einen Augenblick war er verdutzt, dann brach er in ein schallendes
Gelächter aus, und daheim rief er gleich seine herzensgute Frau Karoline
herbei und erzählte ihr, daß der „onverschämte Kärl“ die Erklärungen des
prächtigen Professors Boni einen Bockmist genannt habe.
Einmal, als ich ihn in der Via Gregoriana besuchte, kam sein Enkel Arne
Langen ins Zimmer und stellte sich ans Fenster. Man hatte von da aus einen
wundervollen Blick auf die Peterskirche, und plötzlich rief der kleine
Arne, auf die mächtige Kuppel deutend: „Großpapa, wer wohnt dort?“
„Da wohnt niemand“, erwiderte Björnson sehr ernst.
„O ja! Da wohnt der liebe Gott!“
„Onsinn! Wer hat dir das gesagt? Das war wieder dieser preußische
Unteroffizier ...“ Björnson wurde ernstlich böse auf die deutsche
Erzieherin, die seinen beiden Enkeln solche Märchen erzählte und die ihm
überhaupt viel zu korrekt und, wie er es nannte, zu preußisch war.
Bekannt ist seine leidenschaftliche Anteilnahme am Schicksale von Dreyfus;
ihm teilte sich die Menschheit eine Zeitlang nur in edle, lichte Freunde
des Unschuldigen und in pechrabenschwarze Anti-Dreyfusards. Björnson
weilte in Paris bei Langen, als Dreyfus auf freien Fuß gesetzt wurde, und
er beeilte sich, dem Märtyrer seine Sympathien mündlich kundzugeben.
Wie mir erzählt wurde, war er von der Zusammenkunft stark enttäuscht; der
berühmteste Prozeßmann Europas soll sich als recht trockener Spießbürger
gezeigt haben, der für die Opfer, die ihm von einzelnen, insbesondere von
_Picquart_, gebracht worden waren, kaum Verständnis bewies.
Jedenfalls hat er durch seine dürftige Art dem großen skandinavischen
Gönner die weltgeschichtliche Szene verdorben.
Mir hat Björnson im Laufe der Jahre seine freundliche Gesinnung bewahrt
und zuweilen bewiesen. Als ich vom Landgerichte Stuttgart wegen
Beleidigung einiger Sittlichkeitsapostel verurteilt worden war, legte er
beim König von Württemberg Protest gegen die Strafe ein.
Um aber begnadigt zu werden, hätte ich selber ein Gesuch einreichen
müssen, und das konnte ich aus begreiflichen Gründen nicht tun.
In der neuen Tätigkeit, die mir immer als begehrenswert erschienen war,
fühlte ich mich glücklich.
Sehr viel trug dazu die freie Art bei, in der jeder einzelne seiner
Verpflichtung nachkam und in der alle die gemeinsame Aufgabe erfüllten.
Wir standen als angehende Dreißiger fast alle im gleichen Alter, hatten
keinen Willen als den eigenen zur Richtschnur und handelten nur nach
Gesetzen, die wir uns selbst im Interesse der Sache auferlegten.
Es gab keinen Chef, dessen Meinungen oder Wünsche zu berücksichtigen
waren; es gab keine äußerliche, außerhalb des Könnens und der Förderung
des Ganzen liegende Autorität; die ruhte auf Persönlichkeit und Leistung.
Der kameradschaftliche Ton, in dem wir miteinander verkehrten, führte
keineswegs zur nachsichtigen Beurteilung eines Beitrages; Duldung auf
Gegenseitigkeit gab es nicht, und wir blieben freimütig im Urteile
gegeneinander. Anerkennung drückte sich am besten in herzhaftem Lachen
aus, Bewundern und Anhimmeln unterblieben. Es war eine reizvolle Arbeit,
die wir zwanglos, fast spielend erledigten, und bei dieser unbekümmerten
Beschäftigung mit den Zeitereignissen, die wir, allen Parteidoktrinen
abgeneigt, vom gemeinsamen künstlerischen Standpunkte aus beurteilten,
hielten wir uns frei von Pathos und dünkelhafter Theorie.
Natürlich war uns die ziemlich weitgreifende Wirkung unserer Äußerungen
nicht gleichgültig, aber dabei machte uns die sich in Phrasen austobende
Entrüstung der Gegner viel mehr Spaß als die Zustimmung der Anhänger. Die
aufgestörten Philister wollten den Kampf gegen Spott mit sehr plumpen
Mitteln geführt haben, mit Einsperren, mit Boykott, mit Konfiskation, mit
Bahnhofsverboten usw.
Katholische und protestantische Geistliche gingen in die Buchhändlerläden,
verlangten Entfernung des „Simplicissimus“ aus den Schaufenstern oder
wollten den Vertrieb verbieten; Ministern, Polizeipräsidenten,
Staatsanwälten, sogar Richtern kam es nicht darauf an, gesetzliche
Bestimmungen zu umgehen oder zu verletzen, um das gehaßte, zum mindesten
für verderblich gehaltene Witzblatt zu unterdrücken oder zu schädigen.
Ich sah in der stets in Superlativen schwelgenden Entrüstung den Beweis
dafür, wie aus Phrasen sehr bald verlogene Empfindungen werden, und wie
sie gesundes Denken und Selbstsicherheit vernichten.
Es war ein Krankheitsprozeß.