Es ist mir nicht bekannt, ob der Wortlaut der Disziplinarsatzungen unserer
bayrischen Gymnasien heute ein anderer ist als vor dreißig Jahren; die
Ansichten der Lehrer wie der Schüler haben sich jedenfalls geändert, und
darum ist trotz aller Widerstände ein vielbegehrter und viel angefeindeter
Fortschritt erzielt worden. Als ich Schüler der oberen Gymnasialklasse
war, galt uns Jungen körperliche Ausbildung nicht viel mehr als unseren
Professoren. Sie nannten alles, was sie fördern konnte, Allotria treiben,
und sie waren immer besorgt, daß die Jugend nicht vom Studium abgelenkt
wurde.
Wenn ich heute die Scharen junger Leute in die Berge laufen sehe,
Backfische mitten unter heranwachsenden Jünglingen, stelle ich mir vor,
was die Rektoren älterer Ordnung dagegen zu sagen gehabt hätten oder wie
die Eltern vor so etwas zurückgeschreckt wären.
Wie sauertöpfisch stellten sich viele Lehrer gegen den einen herkömmlichen
Maispaziergang! Einige mußten immer wieder daran erinnert werden, und wie
oft schrieben wir an die Tafel: „_Oramus dominum professorem, ut
ambulemus!_“ Endlich ließ sich der Gestrenge herbei, das Unvermeidliche zu
gewähren. Man fuhr etwa nach Bruck, ging zum Maisacher Keller und zurück,
und der forsche Schüler trank dann mehr, als er vertragen konnte. Es
gingen Heldensagen in der Klasse herum, daß der und jener vierzehn Halbe
Bier hineingeschüttet habe, und alle staunten das an.
Jungen haben immer Ehrgeiz. Wenn er sich auf Dummheiten schlägt, ist die
Erziehung schuld.
Das törichte Froschverbindungswesen zum Beispiel war aus einem Punkte
leicht zu kurieren. Hätte man die Jugend angehalten, in Mut und
körperlicher Gewandtheit zu wetteifern, so wären ihr sogleich die Folgen
heimlicher Saufgelage verächtlich erschienen. Durch strenge Verbote reizte
man gerade die Tüchtigsten zur Übertretung, die nun Auszeichnung im Kampfe
gegen drakonische Maßregeln suchten. Dazu kam, daß Philister dieser
Verbindungen, Fähnriche, Studenten, Praktikanten, zuweilen sogar ältere
Esel, mit kommersierten und mit den darüber hocherfreuten Pennälern die
Burschenhüte durchstachen.
Das leuchtende Vorbild für frische Jungen konnte damals ein
aufgeschwemmter Student sein, der sich in ein paar Semestern um Gesundheit
und Tatkraft soff. Heute verachtet jeder Schüler einen Mann, der in den
zwanziger Jahren schon an Folgen des Trinkens leidet, heute rühmt er den
besten Bergsteiger, Schneeschuhläufer, Ballspieler, kennt hervorragende
Leistungen und träumt davon, sie zu übertreffen.
Und es gibt Lehrer, die diesen Geist fördern und nicht entsetzt daran
denken, daß ein Tag im Freien die Lust am Präparieren trüben könnte. Sie
stellen sich, wie ich höre, auch auf einen andern Fuß zu den Schülern.
Wenn ich eine stattliche Reihe von Professoren in der Erinnerung an mir
vorüberziehen lasse, finde ich kaum einen darunter, der uns ein
wohlwollender Freund oder gar ein Kamerad gewesen wäre. Sonderlinge,
Tyrannen, die Aufruhr witterten, gute Kerle, die seufzend ihren Dienst
taten, waren sie Lenker unserer Geschicke, mißtrauische Vorgesetzte, aber
niemals Kameraden. Es wurde ungeheuer viel Respekt verlangt und recht
wenig eingeflößt. Leichte Dinge wurden unmäßig schwer genommen, und man
dachte wohl gar nicht daran, wie empfindlich die Jugend gegen die
Unwahrheit ist, die in jeder Übertreibung steckt.
Ich halte für die beste Erziehung die, die jungen Menschen Widerwillen
gegen Taktlosigkeit und Unbescheidenheit einflößt. Da ist Vorbedingung ein
herzliches Verhältnis zu den Lehrern. Das unsere war so, daß wir alle,
auch da, wo wir das Recht auf seiten der Lehrer sahen, Partei gegen sie
nahmen. Das natürliche Empfinden der Jugend entscheidet sich aber, wenn es
nicht durch schädigende Einflüsse beirrt wird, immer für das Recht. Der
schädliche Einfluß war das ganze System. Heute ist, wie ich sehen kann,
vieles besser geworden. Und ich glaube, die Schüler von heute werden sich
dereinst nicht mehr als Graubärte mit Entrüstung über ihre Schulzeit
unterhalten.
Wenn einmal die Rede darauf kommt, breche ich heute noch eine Lanze für
die humanistische Schulbildung. Ich habe Gründe dagegen anführen hören,
die mir sehr vernünftig, aber nie überzeugend vorkamen. Daß die
Naturwissenschaften heute einen ganz andern Rang einnehmen als zu der
Zeit, da der Lehrplan für humanistische Gymnasien festgesetzt wurde, kann
wohl nicht bestritten werden, aber immer gewinnen mich gleich wieder die
für sich, die Zweckmäßigkeit nicht als ausschlaggebend für die Bildung des
Geistes gelten lassen. Wenn ich nachdenke, was in meinem Schulranzen von
früher her geblieben ist, so finde ich wenig an positiven Kenntnissen,
wohl aber manches an Gesamteindrücken, Anregungen und Stimmungen, die mir
förderlich waren.
Immer bleibt es mir ein Gewinn, daß ich Homer in der Ursprache gelesen
habe. Keine andere Dichtung kann empfängliche Jugend, während sie ihre
Phantasie anregt, so in das eigentliche Wesen der Dichtkunst einführen wie
die Odyssee. Ehrwürdig durch ihr Alter, durch ihre Wirkung auf viele
Geschlechter der Menschen, zeigt sie ihr in herrlicher Sprache die
Unwandelbarkeit natürlichen Empfindens. Die Wirkung dieser Einfachheit und
Wahrheit auf ein junges Gemüt läßt sich nicht scharf umgrenzen; sie bleibt
haften und vermag uns nach manchen Irrgängen zum Verständnisse echter
Größe zurückzuführen.
Heute noch steht mir die Schilderung, wie die Schaffnerin Eurykleia den
Herrn an der Narbe wiedererkennt, oder jene, wie Argos, der Hund, von
Ungeziefer zerfressen, auf dem Lager das Haupt und die Ohren hebt, da ihm
nach zwanzig Jahren Odysseus naht, weit über allem. Und weil sie mich
damals tief ergriffen, glaube ich fest daran, daß sie mir den Weg zum
rechten Verständnisse wiesen. Ich habe über die Lektüre Homers manches
andere vernachlässigt, wie ich überhaupt mein Interesse für bestimmte
Fächer gerne übertrieb.
Ich konnte mich nur schwer in gleichmäßige Ordnung fügen, und noch weniger
gelang es mir, in der Schule aufmerksam zu bleiben. Dazu kam, daß ich
vieles begann, eine Zeitlang mit Freude betrieb und dann wieder achtlos
liegenließ. So erinnere ich mich, daß ich einige Monate hindurch eifrigst
Zeichnungen zur Odyssee machte, zu denen ich in verschiedenen Büchern
Unterlagen fand; ich kolorierte sie säuberlich, erwarb mir damit auch die
Anerkennung eines noch ziemlich jungen Professors, der in mir
künstlerische Begabung entdeckte und mir hinterher sein Wohlwollen entzog,
als mein Eifer nachließ und zuletzt ganz einschlief. Es war klar, daß ich
bei dieser Veranlagung wenig Neigung zur Mathematik fassen konnte, die
systematisches Fortschreiten verlangt und keiner Draufgängerei Vorschub
leistet.
Dagegen betrieb ich mit Eifer Geschichte, und die Neigung dafür ist mir
geblieben. Nach meiner Gewohnheit hielt ich mich weder an das Schulpensum
noch an die Schulbücher. Ich las die bändereichen Werke von Schlosser,
Weber und Annegarn, der heute nicht mehr vielen bekannt ist. Annegarn mit
Abneigung und innerlichem Widerspruche, denn ich hatte seiner ultramontan
gefärbten Darstellung eine waschechte liberale Gesinnung
entgegenzustellen.
Ich kann heute darüber lächeln, wie ich mit einer der Gegenwart, nicht
aber dem Geist der Zeiten angepaßten Leidenschaft für und gegen längst
vergangene Ereignisse und Zustände Partei nahm. Aber ich habe späterhin
gereifte Männer gesehen, die sich in die Haare gerieten über den Gang nach
Canossa oder die Schuld Maria Stuarts, und so kann ich es mir selber
verzeihen, daß ich als Gymnasiast von der Maximilianstraße bis zum Isartor
unter heftigen Reden gegen Anjou oder Rom oder die Welfen dahinschritt.
Mein Widerpart war ein kluger Junge, der vom Papa altbayrische Skepsis
angenommen hatte und meine wortreiche Heftigkeit belächelte. Gröblicher
wurde der Kampf, wenn ich auf den Fahrten in die Vakanz mit meinen
Chiemgauer Kommilitonen beisammensaß. Sie studierten fast alle in Freising
und zerzausten mir meinen Großen Kurfürsten mitsamt dem Alten Fritz, daß
es eine Art hatte.
Geschichte wurde auf den Münchner Gymnasien sehr vorsichtig traktiert. Mit
1815 hörte man auf, wenn es überhaupt so weit ging; was nachher kam, war
zu gefährlich, zu aktuell und nicht reif für abgeklärte Darstellung. Ob es
auf einen Wink von oben unterlassen wurde, weiß ich nicht.
Was für Absonderlichkeiten damals noch möglich waren, mag ein Beispiel
zeigen. Wir hatten in der zweiten Gymnasialklasse, der heutigen siebenten
oder Obersekunda, einen Professor, der nur Katholiken in seiner Klasse
haben wollte. Man sah dem alten Herrn die Schrulle nach, und da es eine
Parallelklasse gab, wurde in sie alles, was Protestant und Jude war,
gestopft. Erst das Jahr darauf wurden wir wieder simultan.
Einiges von unseren deutschen Klassikern, mit denen ich frühzeitig
vertraut geworden war, lasen wir auch in der Schule, in einer Art, die
wirklich Tadel verdiente. Hätte ich zum Beispiel Hermann und Dorothea
nicht vorher gekannt, so wäre mir vielleicht auf lange Zeit der Geschmack
daran verdorben gewesen durch die unbeschreiblich langweilige Behandlung,
die sich monatelang dürftig und dürr hinschleppte.
Am Ende waren unsere Lehrer auch da wieder in einer Zwickmühle. In den
Werken unserer Dichter ist allerlei enthalten, zu dem man sich als
Erzieher nicht freudig bekennen durfte; davor warnen, hieß darauf
hinweisen, und so tat man so, als glaubte man uns, daß wir selber alles
Gefährdende scheu von uns abweisen würden. Aus einem so verdruckten Getue
kommt nie was Gescheites heraus. Natürlich hatten wir Leute unter uns, die
wahre Entdecker von Verfänglichkeiten waren und besonders bei Shakespeare
Stellen fanden, die sie kichernd vor dem Unterrichte und in den Pausen
ihren Vertrauten mitteilten. Vor so was schützt kein Verhütungssystem,
bloß eine Erziehung zum frischen und gesunden Sinn.
Wir hatten einen Lehrer, den alten Eilles, einen Grobianus, der trotz
seines rauhen Wesens unser Liebling war und dem wir alle über die Schule
hinaus Verehrung bewahrten. Wenn der im Homer an eine Stelle kam, wo etwa
Odysseus sich mit Kalypso zurückzog, dann strich er lachend seinen roten
Bart und schrie er uns zu: „Nur laut reden und nicht murmeln! Hinterher
tuschelt ihr euch doch das dümmste Zeug in die Ohren! Und er schlief bei
ihr ... jawoll! Ihr Lausbuben und Duckmäuser!“
Mein Interesse an der deutschen Literatur bewies ich nicht bloß durch
reichlichen Ankauf von Reclambüchern und Gesamtausgaben, deren Kosten
meine gute Mutter oft mit Kopfschütteln bestritt, sondern neben dem
übrigens verbotenen Theaterbesuch auch dadurch, daß ich mich in die
Universität einschlich. Damals las Bernays ein Kolleg über Schiller; es
begann eine Viertelstunde nach vier Uhr, also nach Klassenschluß. Ich lief
mit zwei Freunden Trab durchs Lehel, den Hofgarten und die Ludwigstraße
und saß dann keuchend und erhitzt auf der hintersten Bank. Daß es _per
nefas_ geschah und uns das Aussehen akademischer Bürger verlieh, war
vielleicht der stärkere Ansporn zu dem anstrengenden Hospitieren.
Bernays wirkte mit schauspielerischen Mitteln; wenn er bald flüsterte,
bald die Stimme erhob, wenn er Pausen machte und dann ein bedeutendes Wort
in die Zuhörer schleuderte, machte er starken Eindruck und wollte ihn
machen. Wir bewunderten ihn und bewunderten uns auch ein wenig selber, daß
wir uns die Bildung so sauer verdienten.
Der Theaterbesuch! Natürlich war er verboten, oder richtiger gesagt, nur
„nach vorgängiger Erlaubnis des Rektors gestattet“. Heute bin ich froh
darüber, daß ich mich auch hierin nicht an die Satzungen hielt, denn die
allerschönsten Stunden verlebte ich auf der Galerie des Hoftheaters, wo
ich mit Herzklopfen saß und beim freundlichen Anschlag der Glocke mich
sogleich in eine Märchenwelt versetzt fand. Wenn ich ihren Klang höre und
sich der Vorhang feierlich hebt, fühle ich mich immer wieder
zurückversetzt in jene Zeit, Jahre versinken, und ich bin wieder jung wie
damals. Das Hoftheater hatte ein Ensemble, dessen sich heute die Berliner
und Wiener Bühnen nicht rühmen können. Vorstellungen mit Rüthling, Herz,
Richter, Kainz, Häusser, Schneider, Possart, Keppler, mit der Heese, Bland
und Ramlo bleiben im Gedächtnisse.
Draußen am Gärtnertheater war auch eine Künstlerschar tätig, die, wie
heute keine mehr, Volksstücke und Possen herausbringen konnte. Der alte
Lang, Albert, Hofpauer, Neuert, Dreher, Brummer, die Schönchen, Kopp,
Hartl-Mitius.
So gab mir das Theater schöne Feste, und eine brave Tante und
Theaterfreundin gab mir die dreißig Pfennig für den Platz auf der Galerie.
Mit einem Stück Brot und einer Hartwurst in der Tasche wartete ich gerne
eine Stunde lang vor den geschlossenen Toren, um dann die engen Treppen
hinaufzustürmen und mir den besten Platz zu erobern.
Einen sehr starken Eindruck machte auf mich das Gastspiel der Meininger.
Es ist bekannt, wie ihre Regie mit äußeren Mitteln, mit wildbewegten
Volksmassen, mit echten Kostümen Wirkungen hervorbrachte, und ich erinnere
mich heute noch an die hereinstürmenden Pappenheimer Kürassiere oder an
das Geschrei des Volkes auf dem römischen Forum. Aber auch die
schauspielerischen Leistungen waren groß, und Teller, Nesper, Drach sind
Namen, die sich ins Gedächtnis geprägt haben. Daß die Meininger sich
ausschließlich mit der Darstellung klassischer Werke Ansehen erwarben,
darf man im Zeitalter der Operette und des gemeinen Filmdramas besonders
hervorheben.
Ich war der Obhut zweier Onkel anvertraut, die, so entfernt verwandt sie
auch mit uns waren, doch nach Sitte und Brauch so genannt wurden. Sie
hatten zusammen eine kleine Wohnung in der Frauenstraße inne; der eine,
pensionierter Postsekretär, war mit der Schwester des andern, eines
pensionierten Premierleutnants, verheiratet. Diese, die gute alte Tante
Minna, war der Mittelpunkt des Hausstandes, die Friedensbringerin bei
allen auftauchenden Differenzen zwischen den Herren und nebenher eine
altbayrische Chronik. Ihre Geschichten gingen zurück in die zwanziger und
dreißiger Jahre und spielten in Freising und Altmünchen. Sie erzählte
gerne und sehr anschaulich und kannte die städtischen Familien, dazu auch
eine erkleckliche Zahl bayrischer Staatsdiener, von denen sie allerlei
Menschliches wußte, das im Gegensatze zu etwa vorhandenem Staatshochmute
stehen durfte.
Wenn der Onkel Postsekretär abends, wie es seine Gewohnheit war, den
„Münchner Boten“ vorlas und mit einem Blaustift ärgerliche Nachrichten
zornig anstrich, dann unterbrach Tante Minna nicht selten die Vorlesung
mit einer Anekdote über einen Gewaltigen in Bayern. „Der brauchet sich
auch net so aufmanndeln ...“ Damit begann sie gewöhnlich die Erzählung,
und dann folgte die Geschichte eines Begebnisses, in dem der hohe Herr
schlecht abgeschnitten hatte.
Das konnte oft bis in die frühe Jugend des Getadelten zurückreichen, denn
die Tante hatte ein unerbittliches Gedächtnis. Dabei war sie heiter,
wohlwollend und herzensgut und sah aus wie ein altes Münchner Bild, mit
ihren in der Mitte gescheitelten Haaren, auf denen eine kleine Florhaube
saß. Sie hielt den kleinen, aber behäbigen Haushalt in bester Ordnung und
ließ in ihrer heiteren und doch resoluten Art keine Verstimmung andauern,
die sich zuweilen einstellte, denn die zwei Onkels repräsentierten zwei
verschiedene Welten. Der Postsekretär hatte – schon anfangs der dreißiger
Jahre – in München Jura studiert, war aber vor dem Examen zur Post
gegangen und hatte zuletzt als Sekretär in Regensburg amtiert. Der
Premierleutnant hatte die Feldzüge mitgemacht, war nach siebzig krank
geworden und hatte den Dienst quittiert.
Vorne, wo Onkel Joseph, der Sekretär, sein Zimmer hatte, war’s ganz
altbayrisch, partikularistisch, katholisch. Sechsundsechzig und was
nachher kam, Reichsgründung, Liberalismus um und um, Kulturkampf, alles
wurde als Untergang der guten, alten Zeit betrachtet. Hier bildeten
Kindererinnerungen an Max Joseph, der das Söhnchen des Burghauser
Landrichters getätschelt hatte, das Allerheiligste, und eine
Studentenerinnerung an Ludwig I., der den Kandidaten Joseph Maier im
Englischen Garten angesprochen hatte, konnte durch keine neudeutsche
Großtat in den Schatten gestellt werden.
Wenn aber das „Regensburger Morgenblatt“, das auch abends vorgelesen
wurde, einen schmerzlichen Seufzer über Falk, Lutz oder Bismarck brachte,
fuhr der angenetzte Blaustift gröblich übers Papier. Da konnte es dann
auch Pausen geben, und zwischen zwei Schlucken aus der Sternecker Maß
setzte es ingrimmige Worte über respektabelste Persönlichkeiten ab, bis
Tante Minna fand, daß es nun genug wäre und daß man weiterlesen sollte.
Im Zimmer rückwärts, wo Onkel Wilhelm hauste, lebten die Erinnerungen an
Wörth, Sedan und Orleans, hier herrschten Freude am neuen Reiche und
temperierter Liberalismus.
Freilich war’s auch recht gut altbayrisch, und in heroische Töne vom
wiedererstandenen Kaisertum mischten sich die anheimelnden Klänge aus dem
alten Bockkeller, aus lustigen Münchner Tagen, wo der Herr Leutnant Paulus
mit dem Maler Schleich und anderen Künstlern selig und fröhlich war. Im
allgemeinen vermieden es die zwei Antipoden, besonders in meiner
Anwesenheit, auf strittige Fragen zu kommen; wenn’s doch geschah, war der
Angreifer immer der Herr Postsekretär, der auch vor mir weder seine noch
seines Gegners Würde zu wahren beflissen war.
Zuweilen streckte er, wenn ihm etwas mißfiel, heimlich, aber unmenschlich
lang seine Zunge hinterm Maßkrug heraus und schnitt Gesichter.
Ich kann mich nicht erinnern, daß ihn der alte Offizier einmal bei der
Kinderei ertappt hätte, und ich hütete mich wohl, den prächtigen Onkel,
der so wundervolle Grimassen machen konnte, durch dummes Lachen zu
verraten.
Trotz des Kleinkrieges vertrugen sich die beiden Herren recht gut, und
wenn die Sprache auf vergangene Zeiten kam, fingen sie miteinander zu
schwärmen an vom Schleibinger Bräu und vom Schwaigertheater, vom sagenhaft
guten Bier und von billigen Kalbshaxen, und sie waren sich darüber einig,
daß im Kulinarischen und im Trinkbaren das goldene Zeitalter doch vor der
Kapitulation von Sedan geherrscht hatte. Und das versöhnte die Gegensätze.
Waren damals eigentlich andere, mildere Sommertage als jetzt? Mir kommt’s
so vor, als hätte es bei weitem nicht so oft geregnet, denn viele Tage
hintereinander gab es Hitzvakanzen, und wochenlang gingen wir jeden Abend
auf den Bierkeller.
Onkel Wilhelm war nicht dabei; er blieb entweder zu Hause, oder er war um
die Zeit schon in Prien zur Erholung. Reisen war nicht Sache des Herrn
Postsekretärs. Nördlich ist er nicht über Regensburg hinausgekommen, aber
auch nach Süden zog ihn sein Herz nicht, und es genügte ihm, wenn er an
föhnigen Tagen vom Fenster aus die Kette der Alpen sah.
Das ging damals noch.
Vom rückwärts gelegenen Zimmer aus sah man über einen breiten Bach hinweg
die Höhen am rechten Isarufer, darüber hinaus aber die Salzburger und
Chiemgauer Berge.
Am Bache unten lag das freundliche Häuschen eines bekannten Musikers,
mitten in einem hübschen Garten. Jetzt ist der Bach überwölbt, die
Aussicht von einer öden Reihe hoher Mietskasernen versperrt, und wo die
gepflegten Rosen des Musikers blühten, sind gepflasterte Höfe, darüber
Küchenaltanen, auf denen man Teppiche ausklopft. Ein Stück Altmünchen nach
dem andern wurde dem Verkehr, dem großstädtischen Bedürfnisse, dem
Zeitgeist oder richtiger der Spekulation geopfert.
Seit Mitte der achtziger Jahre haben Gründer und Bauschwindler ihr Unwesen
treiben dürfen, haben ganze Stadtviertel von schlecht gebauten, häßlichen
Häusern errichtet, und keine vorausschauende Politik hat sie daran
gehindert. In meiner Schulzeit lag vor dem Siegestor ein behäbiges Dorf
mit einer netten Kirche; heute dehnen sich dort fade Straßen in die Länge,
die genau so aussehen wie überall, wo sich das Emporblühen in
Geschmacklosigkeit ausdrückt.
Damals lagen noch die Flöße vor dem „Grünen Baum“, der behaglichsten
Wirtschaft Münchens, und weiter unten an der Brücke lag die Klarermühle,
in der die Säge kreischte, wie irgendwo im Oberland. Jetzt gähnt uns eine
Steinwüste an, Haus neben Haus und eine Kirche aus dem
Anker-Steinbaukasten. Die Klarermühle mußte verschwinden, denn sie paßte
so gar nicht ins Großstadtbild; sie hatte, und das ist nun einmal das
Schlimmste, Eigenart, erinnerte an bescheidene Zeiten, wo München in
seiner äußeren Erscheinung, wie in Handel und Gewerbe, zu dem rassigen
Landesteile gehörte, dessen Mittelpunkt es war.
Dem Manne, der München zur schönsten Stadt Deutschlands gemacht hat, ist
das Sägewerk vor der Brücke nicht peinlich aufgefallen, und im „Grünen
Baum“ hat Ludwig I. öfters zugesprochen, aber die neue Zeit, die für
amerikanische Snobs Jahrmärkte abhielt, ihnen eine Originalität
vorschwindelte, von der sie sich losgesagt hatte, die konnte es nicht
weltstädtisch genug kriegen. Ich habe in meiner Jugend noch so viel von
der lieben, alten Zeit gesehen, daß ich mich ärgern darf über die
protzigen Kaffee- und Bierpaläste, über die Gotik des Rathauses und die
Niedlichkeit des Glockenspiels und über so vieles andere, was unserem
München seine Eigenart genommen hat, um es als Schablonengroßstadt
herzurichten.
Wenn ich Onkel Joseph an einem Sonntagvormittag auf seinem Spaziergang
durch die Stadt begleiten durfte, machte er mich überall auf verschwundene
Herrlichkeiten aufmerksam.
Da war einmal dies, und da war einmal das gewesen, und es klang immer
wehmütig, wie der Anfang eines Märchens.
Selten oder vielleicht nie handelte es sich um die großen Erinnerungen,
sondern um die kleinen, die wirklich Beziehungen zum Leben des einzelnen
haben. Da war einmal die Schranne abgehalten worden, und was hatte sich
für ein Leben gerührt, wenn die Bauern anfuhren, Wagen an Wagen, und ihre
Säcke aufstellten, wenn Markthelfer und Händler durcheinander liefen, wenn
geboten und gefeilscht und zuletzt im Ewigen Licht oder beim Donisl oder
im Goldenen Lamm neben der Hauptwache der Handel bei einem guten Trunk
abgeschlossen wurde.
Kaffee tranken die Schrannenleute beim Kreckel; die Frauenzimmer aber, die
auf dem Kräutelmarkt oder, wie es bald vornehmer geheißen hat, auf dem
Viktualienmarkt ihre Einkäufe machten, kehrten beim Greiderer oder beim
Goldner ein.
Wer es nobel geben wollte und gerne ein gutes Glas Wein trank, ging zum
Schimon in die Kaufingergasse, der in dem Durchhause seine große Lokalität
hatte.
Ja, wie gemütlich und lebhaft es dort zugegangen war! Offiziere, Künstler,
Beamte, Bürger, auch Frauen aller Stände, alles durcheinander im schönen
Verein, und überall ruhige Heiterkeit, wie es unter anständigen Leuten
sein mußte, die einen edlen Tropfen liebten und das wüste Geplärr nicht
brauchten und nicht machten. Wie viele anheimelnde Namen sagte mir der
Onkel, der fast jeden mit einem Seufzer begleitete! Da waren der
Mohrenköpflwirt am Saumarkt, der Melber in der Weinstraße, der Krapfenbräu
am Färbergraben, der Fischerwirt neben der Synagoge, der Haarpuderwirt in
der Sendlinger Straße und dort auch der Stiefelwirt, der Rosenwirt am
Rindermarkt, der Schwarze Adler, der Goldne Hirsch und der Goldne Bär und
in der Neuhauserstraße der Goldne Storch, wo Stellwagen und Boten von
überall her gerne einkehrten.
Das klang anders als die armselige Internationalität der heutigen Firmen,
die dem Snob sagt, daß er auch in München den hübschen Zug der Nachäfferei
und des Aufgebens aller Bodenständigkeit findet.
Dagegen sicher nicht mehr die schmackhafte Spezialität der guten Dinge,
die klug verteilt hier im Derberen, dort im Feineren zu finden war.
Aber die schönste Entwicklung hat der brave Herr Postsekretär nicht mehr
erlebt; er sah nur die Anfänge dazu und starb noch, bevor man zwischen
Marmorsäulen unter überladenen Stuckdecken eine Tasse Kaffee trank und
sich einbilden konnte, in einem Bahnhofe oder in einem Tempel zu hocken.
Das blieb dem eingefleischten Altmünchner erspart.
Wenn Maibock ausgeschenkt wurde, nahm er mich zuweilen mit, und da konnte
es geschehen, daß er in eine bedenkliche Fröhlichkeit geriet und beim
Heimweg den Hut sehr schief aufsetzte.
Bei einem dieser Frühschoppen zeigte er mir einmal einen alten Herrn, der
aussah wie ein Oberförster aus der Jachenau oder vom Königssee.
„Das ist der Kobell“, sagte mein Onkel. „Und jetzt hast amal an bayrischen
Dichter g’sehn.“ Ich bewunderte ihn von weitem, und ich weiß nicht, was
mich mehr freute, daß ich den berühmten Mann sah oder daß er so
berglerisch und jägermäßig ausschaute. Hermann Lingg und der Olympier
Heyse wurden mir auf der Straße gezeigt.
Auch den alten Döllinger habe ich mehrmals gesehen, und Tante Minna, mit
der ich ging, gab mir von ihm und seinem Wirken eine Schilderung, die sich
in Persönliches verlor und geschichtlich nicht unanfechtbar war.
Von den bayrischen Staatsmännern kannte ich von Angesicht zu Angesicht die
Herren von Lutz und Fäustle.
Es läßt sich denken, was der Herr Postsekretär dem Erfinder des
Kanzelparagraphen nachmurmelte; über Fäustle wurde milder geurteilt. Daß
er Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte und als Gelegenheitsjäger
mehr Eifer als Talent verriet, wurde aber doch festgestellt.
Den Doktor Johann Baptist Sigl, der damals im Zenit seines Rufes stand und
seine lebhaftesten Artikel schrieb, konnte man oft genug sehen.
Es war von ihm mehr die Rede als von irgendeinem süddeutschen Publizisten
oder Politiker, und die schmückenden Beinamen, die er Personen und Dingen
beilegte, fügten sich dem Münchner Wortschatz ein.
Ereignisse, die die Meinung lebhaft erregten, gab es nicht; mit Murren
über die Neuordnung der Dinge, die auch schon das erste Jahrzehnt hinter
sich hatte, mit Murren über den König und seine Bauten wurde so ziemlich
der Bedarf an Kritik gedeckt.
Es war eine stille Zeit; auch in literarischen und künstlerischen Dingen
gab es keine Aufregungen; wenigstens keine so lauten, daß hellhörige
Gymnasiasten was davon vernommen hätten.
Zur Weihnachtsbücherzeit lag ein Band Ebers in der Auslage, daneben was
Germanisches von Dahn.
Von ihnen hörte man in der Entfernung, die für einen Schüler abgesteckt
war, am meisten.
Freytags „Ahnen“ und Scheffels Werke standen in Ansehen bei uns. Nur
wenige kannten Storm, Keller, Raabe, Fontane, Konrad Ferdinand Meyer, aber
daß auch damals die Jungen schon gescheit zu reden wußten, beweist mir die
Erinnerung an ein Gespräch mit einem Mitschüler, der mir bei der Nachricht
vom Tode Auerbachs klarmachte, daß dieser Schriftsteller bedeutend
überschätzt worden sei.
Ich glaube, daß ich den klugen Altersgenossen bewundert habe, denn ich
hatte keine Anlagen zur Zweifelsucht; auch was mir nicht gefiel, war mir
schon fast durch die Tatsache, daß es gedruckt war, dem Urteil entrückt.
Einen eigenartigen Eindruck machte auf mich ein kleines Buch, das ich als
Siebzehnjähriger in der dritten Gymnasialklasse in die Hände bekam.
Es war Fritz Mauthners „Nach berühmten Mustern“, worin Auerbach, Freytag,
Scheffel u. a. parodiert waren. Die scharfen Karikaturen wirkten nicht
bloß erheiternd auf mich; sie quälten mich geradezu, weil sie mir mit
einem Schlage den unbefangenen Glauben an eine Vollkommenheit nahmen, die
mir unantastbar erschienen war.
Ich ließ mich eine Zeitlang mit Zögern auf Enthusiasmus ein; denn was
waren Illusionen, die mit einer Zeile zerstört werden konnten? „’ktober
war’s; der Wein geraten ...“, diese Parodie auf Scheffelsche Verse blieb
mir lange im Gedächtnis.
Ich hatte einen wachen Sinn für bildende Kunst, und vor den Schaufenstern
der Kunsthandlungen konnte ich lange stehen. Den Historienbildern im alten
Nationalmuseum, den Ausstellungen im Kunstverein widmete ich lebhaftes
Interesse; und wenn ich an die Eindrücke, die ich empfing, zurückdenke,
sehe ich eine bestimmte Entwicklung des Geschmackes.
Ich hatte kein frühreifes Urteil und mußte immer gegen einen
festgewurzelten Respekt kämpfen, bevor ich mich von einer Sache abwandte,
die Geltung und Ansehen hatte. Ja, ich erinnere mich wohl, daß ich mich
zur Bewunderung zwingen wollte und den Fehler bei mir suchte, wenn es mir
nicht gelang. Aber auf die Dauer lassen sich Zweifel, die auf innerlichem
Erleben und auf unbewußtem Wachsen beruhen, nicht unterkriegen. So weiß
ich, wie ich mich geradezu danach sehnte, den Glauben an die Schönheit
historischer Bilder wiederzufinden, und wie mir’s nicht mehr gelingen
wollte.
Ich sah nur mehr kostümierte Personen. Größe, Tragik des Geschehens hatten
ihre starke Wirkung verloren.
Ich brachte den ketzerischen Gedanken nicht los, daß unter den meisten
dieser Bilder auch irgend was anderes stehen könnte, denn ob man bei
Giengen, Ampfing oder sonstwo Schwerter schwang und Spieße vorstreckte,
das machte doch keinen Unterschied. Ich ging nun durch das Nationalmuseum,
das ich häufig aufsuchte, ohne den Wandgemälden Beachtung zu schenken,
desto mehr aber der Sache selbst. Rüstungen, Waffen, Trachten,
handwerklichen, künstlerischen Erzeugnissen, die mir die Vergangenheit
wirklich lebendig machten.
Ich bedauere es noch heute, daß mir jede Führung fehlte, die mir Wissen
und Verständnis, die ich mir mühsam und stückweise errang, ganz anders
hätte beibringen können. Aber ich hatte niemand, und in der Schule fehlte
schon gar jede Anregung, die mich gefördert hätte.
Nichts wurde so trocken gelehrt wie bayrische Geschichte, und ich glaube,
daß man das heute in jeder Dorfschule besser macht. Ist es die
Vaterlandsliebe weckende Geschichte, die nichts zu erzählen weiß als
Erbschaftsstreitigkeiten der Wittelsbacher, die Spaltung und
Wiedervereinigung von Bayern-Ingolstadt, Bayern-Landshut, Bayern-Straubing
und Bayern-München?
Vom Volke hörte man nichts, von seinem Leben, von Bauart, Kunst und
Handwerk, von Handel und Wandel im Lande, ja kaum etwas von den
kunstreichen und klugen Männern, die unser Stamm hervorgebracht hat.
Der Gymnasiast lief in München an Kirchen, Palästen, Brunnen und
Denkmälern vorbei, und sie waren ihm nichts als totes Gestein und Erz.
Sustris, Frey, Hans Krumper, Muelich, Peter Candid und Christoph
Angermaier und viele andere waren leere Namen, wenn sie schon wirklich in
Pregers Lehrbuch standen, und doch wäre es möglich gewesen, mit ein paar
Hinweisen, am Ende gar auf einem Gange durch die Stadt, dem Schüler
bleibendes Wissen beizubringen.
Man lernte in zwei Zeilen auswendig, daß Johann Turmair, genannt
Aventinus, der große Geschichtsschreiber Bayerns war, aber auch nur eine
Seite von ihm zu lesen, paßte nicht in den Rahmen des bayrischen
Geschichtsunterrichtes. Es ist nicht bloß mir, es ist am Ende allen so
gegangen: wenn man das Gymnasium verließ, hatte man nichts gelernt und
erfahren, was einem die Heimat wertvoller machen konnte.
Im Gegenteil, es war einem die Meinung anerzogen, als stünden wir arg im
Schatten neben dem großen Geschehen und Emporblühen anderswo.
Wir hatten kein Fehrbellin, kein Roßbach, Leuthen und Belle-Alliance;
unser Schlachtenruhm konnte einem warmherzigen Jungen wohl anfechtbar
erscheinen, wenn er auf seiten der Feinde Deutschlands errungen war.
Daß es anderes gab, was uns auf die Heimat stolz machen durfte, davon
erfuhr der Gymnasiast wenig oder nichts.
Die Pflicht zu meiner Erziehung nahm Onkel Wilhelm wie etwas
Selbstverständliches oder seinem militärischen Charakter Zukommendes auf
sich, und meine Mutter, die sich vom soldatischen Wesen die besten Erfolge
versprechen mochte, war damit sehr einverstanden. Ich glaube nicht, daß
der Herr Postsekretär eifersüchtig oder gekränkt war, aber er zeigte
zuweilen mit Zitaten aus Klassikern, daß seine Kenntnisse solider waren
als die „des Soldatenschädels“.
Der Oberleutnant wiederum wollte den Schein wahren, als ob er alle Gebiete
des Wissens beherrschte, und ließ im Gespräche mit seinem Schwager
Bemerkungen über Unterrichtsgegenstände fallen, die sein Vertrautsein mit
ihnen beweisen sollten.
Das führte bloß dazu, daß Onkel Joseph heimlich die Augen rollte und
hinterm Maßkrug die Zunge herausstreckte, wenn der Krieger, der nach
einigen Jahren Lateinschule Regimentskadett geworden war, bedenkliche
Blößen zeigte.
Mein Onkel Wilhelm war das Urbild des altbayrischen Offiziers von Anno
dazumal, als es noch keinen preußischen Einschlag gab.
Ritterlich und ehrenhaft, bescheiden nach den recht kleinen Verhältnissen
lebend, aber doch gesellig und ganz und gar nicht auf Kasinoton gestimmt,
rauhschalig und stets bemüht, die angeborene Gutmütigkeit hinter Derbheit
zu verstecken, freimütig und nicht gerade sehr ehrgeizig. Dazu mit einem
wachen Sinn für gutes Essen und gutes Bier begabt, natürlich ein
leidenschaftlicher Vorkämpfer des Altbayerntums gegen fränkische und
pfälzische Fadessen und Anmaßungen. Wenn der dicke Bader Maier aus der
Zweibrückenstraße kam, um meinen Onkel zu rasieren, hörte ich vieles, was
mir ein Bild von der alten Zeit gab.
Die beiden duzten sich, da sie, der eine als Korporal und Feldwebel, der
andere als Kadett im gleichen Regiment gedient hatten. Da gab es
Erinnerungen an Erlebnisse und an alte Kameraden, von denen manche etliche
Sprossen höher auf der militärischen Leiter gestiegen waren, da gab es
Erinnerungen an kriegerische Abenteuer, denn auch der schnaufende und
schwitzende Bader Maier war Anno 66 in der Gegend von Würzburg in
Weindörfern gelegen, und immer gab es ein seliges Erinnern an Eß- und
Trinkbares, an sagenhafte Leberknödel, die ein Feldwebel besser als jede
Köchin zubereitet hatte, an Kartoffelsalate oder an Schweinernes mit
bayrischen Rüben, für die ein jetziger Major das feinste Rezept besessen
hatte.
Der Bader besonders war nur mit kulinarischen Andenken an den Bruderkrieg
behaftet, und wenn er auch sonst nicht viel Gutes an den Franken gefunden
hatte, ihre Preßsäcke und Schwartenmägen hatten ihm doch Ehrfurcht
eingeflößt.
Ich saß am Tisch, und indes ich zu arbeiten schien, horchte ich aufmerksam
zu, voll Erwartung, von diesen lebenden Zeugen etwas über Schlachtenlärm
und Getümmel zu hören, aber es kam nichts als Berichte über Zutaten zu
geräucherten Blut- und Leberwürsten, in denen auch die Rheinpfalz Großes
geleistet hatte, als der Gefreite Maier unter General Taxis als Strafbayer
dort geweilt hatte. Ich konnte also meinen Hunger nach lebendiger
Geschichte nicht stillen, allein vielleicht wuchs in mir heimlich das
Verständnis für altbayrische Lebensfreude.
Wie man es von ihm erhofft hatte, verhielt sich Onkel Wilhelm gegen mich
als soldatischer Vorgesetzter, der keine Respektlosigkeit und nichts
Saloppes duldete und, wenn er schon einmal lobte, auf die Anerkennung
stets eine scharfe Mahnung folgen ließ.
Die Überwachung meiner Arbeit, die zu seinem Pflichtenkreise gehörte,
bereitete ihm Schwierigkeiten, über die er sich nicht ganz ehrlich
wegsetzte.
Da ich seine Schwäche schnell durchschaut hatte, legte ich ihm manches
Problem vor und hatte meinen Spaß daran, wie er den Zwicker aufsetzte und
sich in den Text einer Stelle in Cornelius Nepos oder Cäsar zu vertiefen
schien, um zuletzt zu entscheiden, sie sei gar nicht so schwer, ich solle
nur ordentlich nachdenken und selber die Lösung finden.
Nicht selten hielt er Ansprachen an mich, in denen er mich als beinahe
reif gelten ließ und mir die Ehrenstandpunkte klarmachte.
So sehr mir das gefiel, war meine Neigung zu Kindereien doch viel zu
lebhaft, als daß ich mich als werdender Mann benommen hätte, und das nahm
er stets übel, sah eine Woche lang über mich weg und erwiderte meinen Gruß
mit abweisender Kälte.
Ich wartete meine Zeit ab und fand das Mittel, ihn zu beschwichtigen,
indem ich ihn über gelehrte Dinge respektvollst zu Rate zog.
Sein Kopfleiden fesselte ihn den ganzen Winter über ans Zimmer, und ich
mußte für ihn aus der Lindauerschen Leihbibliothek häufig Bücher holen.
Das kleine Fräulein hinter dem Ladentische, ich glaube eine Irländerin,
besaß meine ganze Bewunderung, wenn es in gebrochenem Deutsch über jedes
verlangte Buch Urteile abgab. Es schien wirklich alles gelesen zu haben.
Ich selber war lesewütig und benutzte jede Gelegenheit, Romane zu
verschlingen.
Ich las auf der Straße und hatte daheim oft unterm Schulbuche einen
Schmöker liegen.
Ich habe Gutes und Schlechtes wahllos gelesen, neben Dickens, Gotthelf,
Keller auch ganz seichtes Zeug, und es ist mir wie den Konditorlehrlingen
ergangen, die sich am Überflusse das Naschen abgewöhnen.
Ich hörte nach und nach auf, an süßlichen und gespreizten Romanen Gefallen
zu finden, und wurde mit der Zeit sogar recht empfindlich gegen gedruckte
Unwahrheit.
Aber ich möchte doch die Kur nicht allen empfehlen.
Im Mai oder zu Anfang Juni ging Onkel Wilhelm aufs Land, und dann begann
für mich eine Zeit genußreicher Ungebundenheit.
Der Herr Postsekretär war kein strenger Stellvertreter; übrigens starb er
bald so ruhig und gelassen, wie er gelebt hatte.
Tante Minna aber konnte kaum Aufsicht üben, und so mußte man schon das
meiste meinem eigenen Ernste überlassen.
Es ging schlecht und recht.
Der beste Antrieb war die Aussicht auf die selige Vakanz, die damals
merkwürdigerweise, und weil Zopfigkeit immer hartnäckig ist, nach den
heißesten Tagen am 8. August begann.
Es bedeutete offenbar eine ungeheure Umwälzung, die noch jahrelang
vorbereitet und erwogen werden mußte, sie schon am 15. Juli anfangen zu
lassen. Aber auch so, wie sie waren, brachten mir die Ferien eine Fülle
ungetrübter Freuden. In Prien am Chiemsee hatte meine Mutter ein Gasthaus
gepachtet, die „Kampenwand“, und ich durfte die Knabenjahre, wie ehedem
die Kinderzeit, auf dem Lande verbringen.
Der Chiemsee! Wenn ich die Augen schließe, und sei es, wo immer, Wasser an
Schiffsplanken plätschern höre, erwacht in mir die Erinnerung an die
Jugendzeit, an Stunden, die ich im Kahn verträumte, den See rundum und den
Himmel über mir.
Ich sehe die stille Insel, von der die feierlichen Glockenklänge
herüberklingen, ich höre den Kahn auf feinem Kiese knirschen, springe
heraus und stehe wieder unter den alten Linden, von wo aus der Blick über
die blaue Flut hinunter nach den Chiemgauer und Salzburger Bergen
schweift. Ich gehe an der Klostermauer entlang und sitze am Ufer, wo
Frieden und Feierabend sich tiefer ins Herz senken als irgendwo in der
Welt, ich gehe zu den niederen Fischerhütten und sehe zu, wie man die
Netze aufhängt und die Arbeit für den kommenden Tag bereitet.
Ein abgeschiedenes Stück Erde und ein versunkenes Glück in Jugend und
Sorglosigkeit!
Aber doch! Dieses Glück gab es einmal, es erfüllte das Herz des Knaben mit
Heimatliebe und wirkte lange nach.
In der efeuumrankten Wirtsstube auf der Fraueninsel habe ich oft
ehrfürchtig die Bände der Künstlerchronik durchgeblättert und gesehen, wie
diese friedliche Schönheit um mich herum auf bedeutende Menschen Eindruck
gemacht hatte.
In den Gedichten war viel die Rede vom Chieminseeo, von Werinher und
Irmingard, und diese Romantik der Scheffel- und Stielerzeit begeisterte
mich zu den ersten Versen, die ich, allerdings viel später, auf blaue Flut
und Klosterfrieden dichtete.
Die Mitglieder der Künstlerkolonie betrachtete ich mit respektvoller
Bewunderung, in die sich etwas Neid mischte; denn Maler zu sein, erschien
mir als das schönste Los, und heute noch, wenn ich Ölfarbe rieche und
Farben mischen sehe, überkommen mich alte Wünsche.
Haushofer, Raupp, Wopfner und etliche mehr waren die Herrscher auf der
Insel, die von Künstlern entdeckt und in Besitz genommen worden war.
Laienbesucher hielten sich nur etliche Stunden auf und strichen scheu um
die Größen herum, die nach der Abfahrt des letzten Dampfschiffes unter
sich blieben. Der dicken, alten Julie standen sie weniger als Gäste, denn
als Hüter ihrer Rechte und der alten Ordnung gegenüber, und wenn meine
Mutter, wie sie es jeden Sommer einmal tat, zu Besuch kam, mußte sie
Seufzer und Klagen über die Maler hören.
Die jungen Künstler, Söhne oder auch Schüler der Herren Professoren,
hatten für Fröhlichkeit und die herkömmliche Ungebundenheit zu sorgen. Sie
veranstalteten Feste an Geburtstagen der Größen, Kahnfahrten, Ausflüge,
die dann im Chronikstil ausführlich beschrieben wurden.
Es war eine andere Zeit, und wenn ich mich daran erinnere, wie damals eine
absprechende Kritik über einen der Könige der Fraueninsel die ganze
Kolonie in Aufregung versetzte, wie sich die Entrüstung übers Wasser gegen
Prien hin fortschwang und viele Gemüter beschäftigte, dann darf ich wohl
sagen, es war eine harmlose Zeit.
Im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses stand der Bau des
Königsschlosses auf Herrenchiemsee, der als Symptom der beginnenden
Erkrankung Ludwigs II. gelten darf.
Vielleicht ist noch kein Platz unpassender für eine Geschmacklosigkeit
gewählt worden als der einstmals wunderschöne Hochwald auf Herrenwörth.
Um ihn zu retten, hatte der König die Insel gekauft, als im Jahre 1874
württembergische Händler den Besitz vom Grafen Hunoldstein erworben und
mit dem Abholzen begonnen hatten.
Nunmehr, Ende der siebziger Jahre, zerstörte er selber den Wald und das
reizvollste Landschaftsbild, indem er den unglücklichen Abklatsch des
Versailler Schlosses errichten ließ.
Der Bau ist nicht fertig geworden, und der viereckige Kasten, der patzig
die Insel beherrscht und der von weit und breit die Blicke auf sich zieht,
schaut aus wie ein Gefängnis.
Tritt man näher hinzu oder besucht man den Prachtbau, so friert einen vor
dem überladenen, planlos angehäuften Prunk.
Damals freilich kritisierte man nicht; im Lande galt auch dieser Plan des
Königs als Beweis seiner kunstfreudigen, vom Großvater ererbten Art, und
am Chiemsee war man wohl zufrieden mit dem regen Leben, das sich nunmehr
entwickelte.
Lärm gab es genug.
Scharen von Arbeitern siedelten sich auf der Insel, aber auch auf den
nächsten Ufern an; Bauführer und Poliere mieteten sich in Prien ein, die
Zufuhr des Materials brachte Fuhrleuten und Schiffern guten Verdienst, und
der große Mann in diesem früher so stillen Winkel war der Erbauer des
Schlosses, Ritter von Brandl.
Der Bau währte bis zum Frühjahr 1886 und gab Anlaß zu vielen Geschichten
und Gerüchten.
Dem König dauerte er zu lange, und es soll ihm bei Besuchen manches
vorgetäuscht worden sein, was nach seiner Abreise wieder verschwand;
zuweilen wurde die Zahl der Arbeiter stark verringert, und am Chiemsee
erzählte man sich dann mit Augenblinzeln die seltsame Mär, daß auch einem
König das Kleingeld ausgehen könne.
Eine barbarische Maßregel war der Abschuß des Damwildes, das bis dahin
ungestört auf der Insel gehegt worden war. Wenn man an stillen Abenden an
der Südspitze der Herreninsel vorüberfuhr, sah man stets etliche Hirsche
und Tiere, die ganz vertraut waren; auch von der Klosterwirtschaft aus
hatte man oft den Anblick, wie Damwild auf die Wiesen austrat und äste.
Jetzt sollte es wegen der neuen Gartenanlagen ausgerottet werden. Alle
Jäger und Schießer und Schinder im Chiemgau wurden zu dieser Jagd
eingeladen; mit grobem und leichtem Schrot, mit gehacktem Blei und ganz
vereinzelt nur mit der Kugel wurde auf das gehetzte Wild geschossen.
Angepatzt und immer wieder aufgestört, wurden viele davon erst nach Tagen
zur Strecke gebracht, und endlich war kein Stück mehr am Leben, das die
übrigens nie ausgeführten Gartenanlagen hätte beschädigen können.
Wenn der König kam, wurden vorher viele Tausende von Blumen in Töpfen
herbeigeschafft; man grub sie in den Boden ein und täuschte dem
Schloßherrn einen herrlich gepflegten Garten vor.
Im Frühjahr 1886 wurde die Arbeit, die schon vorher gestockt hatte, ganz
eingestellt; es war so was wie ein Bankerott, dem bald die Absetzung
folgte.
Späterhin führte die Neugierde viele Besucher herbei, und es gehörte auch
zu der weit verbreiteten Geschmacklosigkeit, daß diese leblose überladene
Pracht bewundert wurde. Die Vorstellung, daß ein einzelner Mensch mit ein
paar Dienern in diesen Räumen, langgestreckten Gängen und Spiegelgalerien
auch nur etliche Stunden zubringen, hinter diesen von Gold starrenden
Brokatvorhängen schlafen sollte, ist unmöglich.
Meine Mutter ließ sich nach dem Tode des Königs nicht zu einem Besuche des
Schlosses überreden; sie wollte sich teure und in Ehren gehaltene
Erinnerungen an den unglücklichen Mann und an schöne Tage in der stillen
Vorder-Riß nicht zerstören lassen. Wenn sie enthusiastische Berichte von
der Pracht und Herrlichkeit hörte, erzählte sie, wie sich der König
einstmals in seinem Jagdhause so wohl gefühlt hatte und wie schlicht und
einfach er gewesen war.
Die Erinnerung an vergangene Tage wachte besonders lebhaft auf, wenn die
alten Freunde, _Graf Tattenbach_, _Julius Noerr_ oder der _Jagdgehilfe
Bauer_, zu Besuch kamen.
Sie ließen es sich nicht nehmen, von Zeit zu Zeit Nachschau zu halten, und
mochten wohl fühlen, wieviel Freude sie damit erregten.
Auch für sie war mit dem Wegzuge meiner Eltern die Risser Gemütlichkeit zu
Ende gegangen; Graf Tattenbach konnte es ebensowenig wie Noerr übers Herz
bringen, unter den veränderten Umständen den Isarwinkel aufzusuchen, und
Bauer hatte seine Versetzung ins Loisachtal erbeten und erhalten.
So sprach man von dem stillen Forsthause wie von einer verlorenen Heimat,
an die sich alle mit Wehmut zurückerinnerten.
Wenn ich diese Männer, die sich in ihrer wortkargen, zurückhaltenden Art
ähnelten, warm werden sah beim Lobe des alten Oberförsters, dann wurde mir
der Vater wieder lebendig vor Augen gestellt und er selbst sowie seine
Umgebung mit einem romantischen Schimmer umkleidet, der für mich daran
haften blieb. Bauer sprach von ihm mit einer fast kindlichen
Anhänglichkeit, ließ keinen andern Jäger und Schützen neben ihm was
gelten, und es kam ihm dabei auch nicht auf Übertreibungen an.
Das stach so sehr von dem Wesen dieses harten Lenggriesers ab, daß es viel
stärker wirkte wie lange Reden und schöne Worte.
Er kam später auf einen ruhigen Posten in die Nähe Münchens, diente unter
verschiedenen Vorgesetzten, heiratete, hatte Kinder und stand neben der
Jagd einem kleinen Anwesen vor, aber wie sich sein Leben auch änderte, in
der Anhänglichkeit an seinen ersten Oberförster blieb er sich die
Jahrzehnte hindurch gleich. Wenn ich ihn besuchte, als Student, als Anwalt
und später, als ich längst Schriftsteller geworden war, saß er mir zuerst
schweigsam gegenüber, fragte mich kaum nach meinen Schicksalen und wurde
erst vertraut, wenn er die Rede auf meinen Vater gebracht hatte. Dazu bot
ihm jedes Ding Anlaß. Eine Pfeife, die er vom Rahmen holte und die noch
von meinem Vater her stammte, der österreichische Landtabak, den auch mein
Vater geraucht hatte, ein Hirschgeweih aus der Riß, eine alte Büchse, die
natürlich viel besser hingegangen war als die neuen, eine gemalte Scheibe,
auf die mein Vater geschossen hatte, kurz alles, was ehrwürdige Beziehung
zur Riß und ihrem Oberförster hatte.
Daß ein Sohn des verehrten Mannes ihm gegenüber saß, machte ihn sogar
mitteilsam, und er erzählte in seiner trockenen Art von Zusammenstößen mit
Wilderern oder Lumpen, wie man im Isarwinkel sagte, bei denen es sich
recht selbstverständlich um Tod und Leben gehandelt hatte.
Trat seine Frau, die allerhand Gutes auftragen mußte, in die Stube, dann
hörte er sogleich zu reden auf und rauchte bedächtig vor sich hin, und er
fuhr in seiner Erzählung erst wieder fort, wenn sie hinausgegangen war.
„Sie braucht’s net z’ wissen“, sagte er. Bei den Herbstjagden, die der
Regent im Gebirge abhielt, mußte Bauer alljährlich Dienst leisten. Dabei
erregte er das Mißfallen des Jagdpersonals, weil er das Verständnis der
Lebenden für gar nichts achtete und hartnäckig darauf stehenblieb, daß man
bloß früher, wie noch der Max Thoma Oberförster in der Riß war, die Jagd
richtig und weidmännisch betrieben habe.
Mein ältester Bruder durfte in Prien ein Festschießen mitmachen, und Bauer
fand sich dabei ein, um zu sehen, ob der Sohn dem Vater nachschlage. Am
Schießstand stellte er sich hinter ihn und beobachtete ihn, gab ihm gute
Lehren beim Laden und Kapselaufsetzen – damals schoß man noch mit
Vorderladern –, prüfte Wind und Licht, und wie es dann ganz anständig
ging, lachte er freundlich und sagte: „Er werd scho.“
Aber auch in ernsteren Dingen, wenn es sich um wichtige Entschlüsse
handelte, wurde der alte Jagdgehilfe um Rat gefragt, und Viktor wollte
ihre Ersparnisse nur so anlegen, wie er es für gut und nützlich hielt.
Als er ans Heiraten dachte, zog er sie in sein Vertrauen und schrieb ihr
einen Brief, worin er ihr über die Eigenschaften und die
Vermögensverhältnisse seiner Zukünftigen genauen Bericht erstattete.
Sie erwog seine Angaben gewissenhaft und gab ihr Gutachten für das brave
Frauenzimmer ab, das auch eine tüchtige Hauserin wurde, und ich glaube,
daß sich Viktor immer mit Stolz für die Stifterin dieses Glückes hielt.
Späterhin übernahm sie die Patenstelle bei einer Tochter und blieb ihr
Leben lang eine sorgsame Gödin, die sich an Geburts- und Namenstagen
vernehmen ließ.
Der Eindruck, den Bauer auf mich als heranwachsenden Knaben machte, war
nachhaltig, und ich habe an diesem gescheiten und ehrlichen Manne manches
von der wertvollen Art unserer Oberlandler kennen und verstehen gelernt.
Er gilt mir als Vertreter der germanischen Bauernrasse, die sich im
Gebirge rein erhalten hat; bedächtig im Reden, kühn im Handeln, trotzig
und unbeugsam, taktvoll und klug, auch mit manchen Talenten und mit einem
schlagfertigen Witze begabt.
Und die verschmitzte Schlauheit fehlte ihm nicht, die den Isarwinkler zum
guten Jäger oder zum gefährlichen Wilderer macht.
_Graf Tattenbach_ zeigte bei seinen Besuchen in Prien, späterhin in
Traunstein, immer das gleiche, stillvergnügte Verständnis für das Behagen,
das er vom ersten Tage an in meinem Elternhause gefunden hatte.
Seine Anwesenheit in der „Kampenwand“ hätte man mir gar nicht erst
bekanntgeben müssen, sie verriet sich sofort durch einen wundervollen
Tabakgeruch, der das Haus durchzog.
Der Herr Oberst rauchte immer noch aus einem Tschibuk, dessen Rohr
bedeutend länger war als er selber, eine Herzegowinermischung, deren Aroma
mir unvergeßlich geblieben ist.
Und noch immer schaute der Herr Oberst hinter buschigen Augenbrauen
scheinbar sehr streng und grimmig in die Welt, und dabei saß doch das
gutmütigste Lachen in seinen Augen, wenn eine fröhliche Erinnerung
aufgefrischt wurde.
Seine Jagdgeschichten wurden immer breiter ausgemalt; eine reichte für die
Kaffeestunde. Er bewohnte als Pensionist in München mit seinem Bruder, der
gleich ihm Hagestolz geblieben war, ein reizendes Häuschen in der
Gartenstraße, jetzt Kaulbachstraße, wo ich ihn öfter besuchen durfte.
Die beiden Brüder waren sich herzlich zugetan und lebten in einer Harmonie
zusammen, die nur durch den Tod gestört werden konnte. Als der Ältere, der
General außer Dienst war, die Augen schloß, hatte auch für unsern Risser
Jagdkavalier das Leben keinen rechten Sinn mehr. Er folgte bald dem Bruder
nach.
Als Gast meiner Mutter erkrankte er in Traunstein just in der
Kaffeestunde, als er, die lange Pfeife in der Hand, eine ausgiebige
Geschichte von einem erlegten Hirsch begonnen hatte.
Ganz plötzlich überfiel ihn ein Schüttelfrost, der ihn zwang, mit Rauchen
und Erzählen aufzuhören und sich ins Bett zu legen.
Ein paar Tage blieb er noch in Traunstein. „Jetzt blasen wir Halali“,
sagte er zu meiner Mutter kurz vor dem Abschied, und er hörte lächelnd
ihren zuversichtlichen Tröstungen zu.
„Nein, nein, Frau Oberförster“, erwiderte er. „Diesmal is es Ernst und
macht auch nix. Ich kann jeden Tag abmarschieren, mein Rucksack is schon
gepackt.“
Verwandte holten ihn ab und brachten ihn nach München, wo er gelassen und
vornehm die letzten Dinge abmachte.
_Julius Noerr_ kam in den ersten Jahren zu längerem Aufenthalt und malte
in Prien, Übersee, Bernau Studien, aber vielleicht war ihm der Chiemsee zu
sehr Domäne einzelner, oder er fand nicht, was er suchte, jedenfalls
beschränkte er sich später auf vorübergehende Besuche, die nur der Pflege
alter Freundschaft galten.
Ich durfte ihn zuweilen in seinem Atelier in der Schillerstraße aufsuchen,
und was ich bei ihm an Zeichnungen, Porträtskizzen, Landschaftsstudien, an
Vorarbeiten für jedes Bild gesehen habe, gibt mir heute noch, so weit das
auch zurückliegt, einen Maßstab für das ehrliche, große Können Noerrs und
manches Zeitgenossen von ihm, und ich bin überzeugt, daß mich diese
Jugendeindrücke gefeit haben gegen allen Schwindel, der seitdem getrieben
worden ist. Ich lernte verstehen, warum nur ehrliche Arbeit wirkliche
Werte schaffen kann.
Und gewiß schlug damals meine Liebe für diese von aller Manie, Methode und
Mode freie Kunst die ersten Wurzeln.
Sie ist mit den Jahren immer stärker geworden, und heute, wo galizische
Schwindler alle Begriffe umfälschen dürfen, betrachte ich es als Glück, zu
Noerr, Spitzweg, Steub und manchem anderen Altmünchner zu fliehen.
Der See war der schönste Tummelplatz für einen gesunden Buben, und ich
brachte jeden Tag, den ich loskam, darauf zu. Die ängstlichen Bedenken
meiner Mutter wurden durch den Westernacher Franz, der meinem Rudern das
beste Zeugnis ausstellte, beseitigt.
Allerdings, andere Befürchtungen schwanden nie ganz, und besonders meine
ältere Schwester sah mir immer mit Sorge nach und empfing mich mit
Mißtrauen.
Sie ahnte, daß die schönen Obstanlagen auf der Herreninsel einen starken
Reiz auf mich ausüben mußten und daß ein Pirat immer in Versuchung war,
sich auf der Krautinsel Rettiche zum Brot zu holen.
An der Hachel, einer Stelle, die man nach Kirchturm und Baumwipfeln
bestimmen konnte, wenn man das Geheimnis wußte, gab es schwere
Bürschlinge, die an regnerischen Tagen gut bissen, und die Fischerei war
um so prächtiger, weil sie verboten war.
Dies und noch mehr hatte meine Schwester vor Augen, und als heiratsfähiges
Mädchen kümmerte sie sich um die Reputation der Familie.
Ich ersparte ihr die Schande des Ertapptwerdens, obwohl mancher Verdacht
auf mich fiel.
Daß mir der Westernacher als fünfzehnjährigem Buben Passagiere zur
Überfahrt auf die Inseln anvertraute, galt mir als hohe Auszeichnung, und
wenn mich die fremden Gäste für einen Schifferjungen hielten, war mein
Glück vollständig, und ich war bemüht, den Eindruck zu befestigen.
Ab und zu hielt sich auch eine Dame zu meiner großen Befriedigung darüber
auf, daß mir eine Pfeife im Maul baumelte.
Daran war vornehmlich der alte Bosch schuld, der mein Lehrmeister im
Rauchen war.
Ich mußte für ihn Zigarrenstummel in unserer Wirtschaft sammeln, die er
auf dem Herd dörrte und dann in einer Kaffeemühle zerrieb. So gewannen wir
unseren Tabak. Daneben rauchten wir ungarischen in blauen Paketen, Varinas
mit den drei griechischen Palikaren als Warenzeichen, und den schwarzen
Reiter, Kornährentabak, der aus der Pfeife herauswuchs, zischte und
lieblich roch. Ich saß oft beim Bosch; an schlechten Tagen in der niederen
Stube, an schönen Abenden auf der Bank vorm Haus, und er teilte mir seine
Ansichten über alles Geschehen auf dieser Welt mit.
Sie waren recht verschieden von den allgemein gültigen, und wenn sie nicht
samt und sonders richtig waren, so waren sie doch auf Grund eigenen
Nachdenkens und tüftelnder Bauernschlauheit gefunden, und darum ganz gewiß
anregender als alle gedruckten Zeitungsmeinungen.
Zu mir hatte der Alte Zuneigung gefaßt, die auf innigem Vertrauen beruhte.
Er lebte in dauernder Feindschaft mit dem Bauern, der ihm den Austrag
reichen mußte, und da seine eigene Kraft nicht mehr ausreichte, mußte ich
die Bosheiten ausüben, die zum Wachhalten eines gediegenen Ärgers
notwendig waren.
Ich erledigte die Aufgaben mit Geschick und erwarb mir die Zufriedenheit
des braven Bosch.
Manchmal besuchten ihn zwei Leidensgenossen, Austrägler, die in
benachbarten Häusern lebten, und dann sangen sie zu dritt mit dünnen
Kopfstimmen alte Lieder.
Eines handelt vom Rückzug aus Rußland.
Ich habe später den Versuch gemacht, den Text zu erhalten, aber von den
Alten lebte längst keiner mehr, und so blieben meine Nachforschungen
vergeblich.
Tür an Tür mit dem alten Bosch wohnte ein ausgedienter Zimmermann, der
Martin, der Leitern machte, Sägen feilte, die Bauern rasierte, Uhren
richtete und als Viehdoktor in Ansehen stand.
Er hatte einem Hausierer eine Bibel abgekauft, vermutlich aus keinem
andern Grunde, als weil die Geistlichkeit vor dem heiligen Buche warnte
und es nicht dulden wollte.
Martin saß oft mit einer großen Hornbrille auf der Nase vor dem
dickleibigen Exemplar und versuchte herauszufinden, wo denn eigentlich die
geistliche Obrigkeit der Schuh drückte. Ich glaube nicht, daß er darauf
gekommen ist, aber es paßte ihm gut, daß er infolge seiner verbotenen
Studien bei den Bauern für einen Mann galt, der geheimes Wissen besäße.
Im Pfarrhof erhielt man natürlich auch Kenntnis davon, aber der alte
Geistliche Rat Hefter kannte seine Pappenheimer und wußte, daß Zureden
nichts helfen und das Ärgernis nur vergrößern konnte.
Wenn er dem Bibelforscher auf der Straße begegnete, sagte er bloß: „O mei
Martin, du werst aa alle Tag dümmer ...“ Das sprach sich herum und nützte
mehr als Eifer und heftiges Schelten.
Der Geistliche Rat war noch aus der alten Schule; ein gemütlicher,
behäbiger Mann, Verehrer einer trefflichen Küche, eines guten Trunkes und
Freund aller Menschen, die ihre Ruhe haben wollten und ihn selber in Ruhe
ließen.
Seine volkstümlichen Predigten waren berühmt, und mancher Sommergast ging
in die Kirche, um zu hören, wie der alte Herr im breitesten Dialekt, mit
fetter Stimme seinen Bauern das Evangelium auslegte.
Damals war es guter Brauch, daß die Studenten nach beendetem Schuljahre im
Pfarrhofe ihre Aufwartung machten und die Zeugnisse vorwiesen.
Am ersten Feriensonntag traten wir zu fünf oder sechs vor den Geistlichen
Rat, der uns fröhlich begrüßte und ein mildes Wort für minder gute Noten
hatte.
„Macht nichts“, sagte er. „Für an Dreier muß ma auch was leist’n, wenn’s
nur koa Vierer net is. Es is allaweil um an Grad bessa, und überhaupts
koane Gelehrt’n wollt’s ja ihr gar net wer’n ...“
Wir hatten einen unter uns, einen Häuslerssohn aus der Umgegend, der immer
glanzvolle Zeugnisse mitbrachte, und es wollte den andern wie mir
scheinen, daß ihn der Herr Rat mit Mißtrauen, ja mit einer gewissen
Abneigung betrachtete. Seine Laufbahn ist übrigens weder so glänzend, wie
seine Lehrer vermuteten, noch so schlimm, wie vielleicht der alte Herr
besorgte, verlaufen; er ist Landpfarrer geworden und hat seine Talente
vergraben.
Ein anderer, der älteste von uns Studenten, hat nach den Weihen noch dem
geistlichen Stande Valet gesagt und als Kunstmaler einen harten Kampf mit
dem Leben geführt, den ihm seine Verwandten, lauter reiche Bauern, nie mit
der geringsten Unterstützung erleichterten.
Vielleicht hätte der brave Herr Rat Hefter die Leute zu seinen Gunsten
gestimmt, aber der war längst tot, als sich das Unglück ereignete, und
sein Nachfolger war ein scharfer Herr, der die Entrüstung aller Frommen in
Prien teilte und sicherlich nicht dämpfte.
So mußte der gute Franzl für seine Gewissenhaftigkeit und
Überzeugungstreue Hunger leiden und ein Künstlerelend kennenlernen, wie es
schlimmer kaum in Romanen geschildert worden ist. Erst nach langen Jahren
ist es ihm besser ergangen.
Damals stand er mit uns im Zimmer des Priener Pfarrherrn und wies sein
Primanerzeugnis vor, wie wir Lateinschüler die unsrigen.
Für den zweiten oder dritten Sonntag wurden wir dann zu Tisch geladen,
eine Ehre, die wir sehr hoch schätzten, denn es gab nicht bloß reichliches
und gutes Essen, sondern auch lustige Unterhaltung; wenn die Mehlspeise
aufgetragen wurde, kam die dicke, alte Köchin ins Zimmer, noch gerötet vom
Herdfeuer und den Anstrengungen des Tages, um die Lobsprüche des Herrn
Rates in Empfang zu nehmen.
Kaum saß sie, den Stuhl bescheiden etwas zurückgerückt, so fing Herr
Hefter an, Geschichten zu erzählen von dem Bauerndirndl, das im
Beichtstuhl den Finger in ein Astloch gesteckt hatte und nicht mehr
loskam, und dann auf die Frage des Geistlichen, warum es nicht gehe, eine
undeutliche Antwort gab, die zum Mißverständnisse führte.
Jedesmal kam Fräulein Marie in schamvolle Verlegenheit, und jedesmal
lachte der joviale Pfarrherr und erklärte umständlich, daß es die
allerunschuldigste Geschichte sei.
Wir freuten uns darüber, aber einer saß am Tische, der eine säuerliche
Miene aufsetzte, ein Kooperator aus dem Kölnischen, den die Folgen des
Kulturkampfes nach Altbayern verschlagen hatten, ein eifriger Kämpfer und
ein heimlicher Feind des gutmütigen Pfarrers, der übrigens die Abneigung
kräftig erwiderte.
Ein seltsames Vorkommnis befreite ihn bald von dem unangenehmen Streiter,
aber den Prienern trug es einen Spitznamen ein, den sie heute noch nicht
angebracht haben.
Sie hatten als Denkmal für die gefallenen Krieger einen Friedensengel
bestellt, dessen linke Brust dem Herrn Kooperator zu groß und zu sehr
entblößt erschien. Am Tage vor der Enthüllung überredete er einen
Schlosser, nachts die Brust abzufeilen. Er wurde über der Tat ertappt, das
Fest konnte noch verschoben und ein neuer Engel bestellt werden, aber wer
in der Umgegend einen Priener ärgern will, heißt ihn heute noch
„Duttenfeiler“.
Der Streit, der damals im Nachklingen noch in ganz Deutschland die Gemüter
erregte, und der später selbst von den Liberalen, die ihn mit Feuereifer
betrieben hatten, als „unseliger Kulturkampf“ bezeichnet wurde, teilte
auch den guten Markt Prien in zwei Lager.
Was bäuerlich war, und was am Alten hing, und was insbesondere auch noch
über die Verpreußung grimmige Bedenken nährte, wandte sich mit
leidenschaftlichem Zorn gegen die neu-diokletianische Verfolgung.
Haarsträubende Geschichten wurden gedruckt, noch haarsträubendere erzählt,
und mehr als ein braver Mann im Altbayrischen glaubte, was mir der Herr
Aufschläger in Prien ernsthaft erzählte, daß Bismarck nur deshalb so
unmenschlich wüte, weil er täglich einen Schnapsrausch habe.
Ich war gefeit gegen diese Angriffe auf meinen Helden und ließ nichts auf
ihn kommen, aber ich erinnere mich wohl, mit welchem Ernste auch diese
Tatsache im Gastzimmer unserer Kampenwand besprochen wurde. Im anderen
Lager standen liberale Kaufherren und ein paar aufgeklärte
Handwerksmeister, die sich den Rationalismus und die gemütliche
Kirchenfeindlichkeit der „Gartenlaube“ zu eigen gemacht hatten, und die
eine aus Zeitungen zusammengelesene Freigeistigkeit gegen Altöttinger
Kalendergeschichten ins Feld führten.
Sie waren die wortreichen Dialektiker, die anderen die härteren Köpfe; bei
den nicht seltenen Wortgefechten behielten jene mit ehrlichen und
geschwindelten Zitaten recht oder schienen es zu behalten, denn im Laufe
der Zeit siegten doch die Hartköpfigen und Konsequenten.
Die Priener Diskussionen wurden pompös eingeleitet mit tiefgründigen
historischen Kenntnissen und wurden verbrämt mit Schlagworten aus
Klassikern, aber sie endeten gewöhnlich mit landesüblichen Derbheiten und
Grobheiten, ja zuweilen mit Hinauswurf und Schlägen. Ein
Buchbindermeister, dessen dröhnender Baß mir unvergeßlich ist, mußte fast
allwöchentlich Pflaster auf seine liberale Schädeldecke legen, denn seine
Hitze führte ihn zur Betrunkenheit und seine Betrunkenheit zu ätzenden
Bemerkungen, die weniger gewandte Streiter mit Schlägen und
Hinausschmeißen erwiderten.
Das erregte aber keinen bitteren Haß. Der Herr Buchbindermeister saß ein
paar Tage darauf, zuweilen noch mit den Spuren des Kampfes, wieder
gemütlich bei seinen Mitbürgern und Honoratioren, die ihn mißhandelt
hatten, und trank und stritt und hatte von Glück zu sagen, wenn er zu
alten Pflastern nicht gleich neue erhielt.
So litt und stritt man in Prien noch manches Jahr nach dem unseligen
Kulturkampf.
Von seinen Gegnern merkte übrigens der eiserne Kanzler nichts, als er auf
der Fahrt nach Gastein einige Minuten in Prien verweilen mußte.
Der Bahnsteig war dicht besetzt von Einheimischen und Fremden, da der
Expeditor bekanntgegeben hatte, daß der Zug in der Station halten werde.
Der Bürgermeister war mit einigen Männern vom Gemeindeausschuß erschienen
und stand eingepreßt in seinem Gehrock und schwitzend vor Aufregung in der
vordersten Reihe. Ich harrte mit Herzklopfen auf den Moment, wo ich den
großen Mann nun wirklich sehen sollte, und als die Lokomotive, weiße
Rauchwolken auspustend, sichtbar wurde, wollte mir das Ereignis ganz
unwahrscheinlich vorkommen. Aber der Zug hielt, und Bismarck stand
wirklich am offenen Fenster.
„Ist das Prien?“ fragte er den Bürgermeister.
„Na, Prean“, antwortete der verzagte Mann, und ein unterdrücktes Lachen
ging durch die Menge, die sich eilig vorwärts gedrängt hatte.
Es kamen noch ein paar Fragen nach der Zahl und der Beschäftigung der
Einwohner, die ein Ausschußmitglied beantwortete, denn der Vorsteher
unseres Marktes war ganz vernichtet und machte nur eine tiefe Verbeugung
nach der andern. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, Hüte und Tücher
wurden geschwenkt, stürmische Hochrufe ertönten, und mir war’s zumute, als
wäre ein nachklingendes Märchen zu Ende erzählt.
Ich hatte keinen Blick von dem Manne abgewandt, der mir ein körperliches
Sinnbild deutscher Größe war und nun fast greifbar nahe stand und genau so
aussah, wie ich ihn aus vielen Bildern kannte.
Das Verhalten des Herrn Bürgermeisters bei diesem historischen Vorgange
wurde lange Zeit besprochen mit Behagen an dem Spaße, aber auch mit
Unwillen über den Mangel an gebührender Repräsentation. Wir hatten im Orte
Kaufherren, die sich städtisch und weltgewandt fühlten und immer der
Meinung waren, daß sich Prien zum Feineren entwickeln müsse, aber da war
eben die erste Bedingung, daß an der Spitze der Gemeinde ein Mann von
höherem Streben stand. Es war, wie man mit bedauerndem Achselzucken
feststellte, nicht möglich, denn die Mehrheit ließ sich nicht von höheren
Gesichtspunkten leiten.
Aber doch regte sich in jener behaglichen Zeit auch in diesem Winkel ein
reges Bildungsbedürfnis, vielleicht noch mehr das Verlangen, gebildet zu
scheinen, über vieles zu reden und über veraltete Anschauungen erhaben zu
sein.
Wie sich das Reich ins Große reckte und streckte, überkam bei Wachstum und
Gedeihen den Kleinbürger eine Ahnung von seiner Bedeutung und von der
Pflicht, sich ihrer würdig zu zeigen. Das führte nicht zu einem
vertieften, wohl aber zu einem gesprächigen Interesse am geistigen Leben,
das vornehmlich durch Zeitungen angeregt und gestillt wurde.
[Illustration: Bismarck auf der Durchreise in Prien]
Zugleich fing man an, sich mehr Bücher zu kaufen, billige
Klassikerausgaben und daneben das Konversationslexikon, aus dem sich für
anzuschlagende Themata viel Stoff holen ließ. In Prien gab es einen
Schreinermeister, dem es nicht darauf ankam, eines Abends Urteile über
Richelieu und seine Politik abzugeben und ein andermal gründliche
Kenntnisse über chinesische Seidenraupen zu verraten.
Er stand in hohem Ansehen, bis auch andere seine Quellen entdeckten.
Aber es war doch schon etwas, daß sich eine Tafelrunde von Bürgern
zusammenfand, die an bildungsfördernden Gesprächen Freude hatte, und meine
Mutter sah darin arglos ein Fortschreiten der Welt zum Guten und Schönen,
ohne an das Konversationslexikon und an kleine Eitelkeiten der Redner zu
denken.
Sie sah es gerne, wenn ich an solchen Abenden am Tische saß, und indes sie
unermüdlich strickend zuhörte, mahnte sie mich mit Blicken, ja aufmerksam
zu sein und von schlichten Bürgern zu lernen, wie man sein Wissen
bereichern müsse.
Weniger befriedigt war sie, wenn die alte Viktor, die natürlich bei diesen
Bildungskonventikeln nicht fehlen durfte, durch Fragen, die ihr eigenes
Interesse geschickt verrieten, das Gespräch belebte, denn darin bestand
zwischen den herzensguten Frauen eine gründliche Meinungsverschiedenheit,
daß meine Mutter dem weiblichen Wesen nur ein aufnehmendes, Viktor aber
ein möglichst tätiges Verhalten zubilligte.
Die Stricknadeln klapperten lauter, und Blicke richteten sich nach oben
gegen die Decke, wenn die alte Viktor das Wort ergriff und nicht allzu
schnell losließ.
Großes Ansehen erwarb sich damals ein Maurermeister, der nach Palästina
gereist war und nun an manchen Winterabenden seine Erlebnisse zum besten
gab; daß er dabei einen roten Fes auf hatte und aus einem Tschibuk
rauchte, übermittelte den Eindruck einer orientalischen Welt. Bald wurde
er aber durch meinen ältesten Bruder in den Hintergrund gedrängt, denn der
fuhr nach Australien, und seine brieflichen Reiseberichte, vorgelesen und
erläutert von jenem bildungsreichen Schreinermeister, überstrahlten die
Abenteuer eines Jerusalempilgers. Meine Mutter erlebte trotz allen
Trennungsschmerzes, der in ihr wach blieb, doch manchen stolzen
Augenblick, wenn sich in den frisch geschriebenen Briefen gesundes Urteil
und tapferer Sinn offenbarten. Sie hat ihren Ältesten, der ein zärtlicher
Sohn und das Ebenbild des Vaters war, klug, ernsthaft und weit über seine
Jahre männlich, nicht mehr gesehen. Als er nach zwei Dezennien heimkehrte,
lag sie schon lange auf dem stillen Friedhofe in Seebruck am Chiemsee.
Die Priener, die literarische Neigungen hatten oder zeigten, fanden
zuweilen Gelegenheit, einen berühmten Vertreter des Schrifttums leibhaftig
zu sehen.
Ich erinnere mich wohl, wie der Schreinermeister aufgeregt in unsere Küche
kam und meine Mutter fragte, ob sie denn auch wisse, daß der Herr, der im
Garten draußen Kaffee trinke, kein Geringerer sei, als der Volksdichter
Hermann von Schmid, und wie meine Mutter dann respektvoll zu dem
gefeierten Gaste trat und ihn fragte, ob er mit allem zufrieden wäre, und
wie Viktor, etwas ärgerlich, weil sie zurückstehen mußte, den Dichter vom
Fenster aus sehr kritisch betrachtete und sagte, er sähe eigentlich nach
nichts Besonderem aus.
Und dabei hatte der Dichter doch keine aufrichtigere Verehrerin seines
„Kanzlers von Tirol“ als die brave Alte, die ihn nunmehr in ihrem Unmute
verleugnete.
Felix Dahn, den Dichter des Kampfes um Rom, sah man ab und zu in Prien,
wenn er seine Verwandten im nahen Ernstdorf besuchte. Und zwei Sommer
weilte der Tübinger Ästhetiker und Poet F. Th. Vischer als Gast in der
„Kampenwand“.
Der kleine, etwas cholerische Herr ließ sich von mir häufig nach den
Inseln rudern und war mit meiner Geschicklichkeit ebenso zufrieden wie mit
der Billigkeit dieser Fahrten. Er entlohnte mich stets mit einer Halben
Bier und einem Stückchen Käse.
Er sprach sehr wenig und machte mir deutlich klar, daß ich nur auf Fragen
zu antworten, sonst aber das Maul zu halten hätte.
Einmal fand ich ihn redselig.
Er hatte sich im Wirtshaus auf der Fraueninsel Kaffee bestellt und die
Kellnerin eindringlich ermahnt, daß ja keine Zichorienmischung darin sein
dürfe. Hernach merkte er doch den fatalen Geschmack heraus und schritt
zornig in die Küche, wo er den erschrockenen Weibern im breitesten
Schwäbisch ihre saumäßige Frechheit und viechsmäßige Dummheit vorhielt, so
daß sie noch lange an sein ästhetisches Wesen denken mußten.
Leider wollte Viktor eines Tages an dem berühmten Manne ihre Liebhaberei
für die schöne Literatur auslassen, was ihr sehr übel bekam. Nur ganz
allmählich versöhnte sich Vischer wieder mit ihr, und es bedurfte
prachtvoller Strauben und duftenden Kaffees, um ihn zu überzeugen, daß sie
trotz allem ein erträgliches Weibsbild wäre.
So gut es ihm in der „Kampenwand“ gefallen hatte, blieb er doch weg, als
ein anderer Schwabe, der Bruder eines württembergischen Ministers,
auftauchte.
Es war ein pensionierter Hauptmann, der sich in der Welt als Kriegsmann
umgetan hatte.
Reiterleutnant in österreichischen Diensten, Freiwilliger bei den
Nordstaaten von Amerika, zuletzt Offizier in der württembergischen Armee,
hatte er verschiedene Feldzüge mitgemacht und lebte nun von einem mäßigen
Kapital und einer bescheidenen Pension auf größerem Fuße, als es sich
machen ließ.
Als er mit seinem Vermögen fertig war, erschoß er sich.
Es war schade um den gebildeten, gescheiten Mann, der sich, wie ich heute
glaube, als Schriftsteller Ansehen und Einkommen hätte verschaffen können.
Im nüchternen Zustande befaßte er sich eifrig mit geschichtlichen Studien,
aber immer wieder kam er ins Trinken, beging Verschwendungen und verlor
jegliche Willenskraft, die zu ernsthafter Arbeit gehört.
Sonst schweigsam und zurückhaltend, wurde er sehr gesprächig, wenn das
nasse Viertel eintrat, und dann erzählte er aus seinem abwechslungsreichen
Leben Abenteuer und Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten.
Wie weit das alles zurücklag!
Österreichisches Militärleben im Frieden mit Fußeisen und Fuchtelhieben,
seltsame Zustände in galizischen Garnisonen, dann kriegerische Erlebnisse
in der Lombardei, im Stabe Gyulais, Begegnung mit Hackländer,
Kriegsdienste in Amerika in einem Regiment, das sich selbst _les enfants
perdus_ nannte, weil sich Schiffbrüchige aus aller Herren Länder darin
zusammengefunden hatten, dann Tauberbischofsheim und Champigny.
Es läßt sich denken, daß ich begierig zuhorchte, und ich war nicht nur ein
aufmerksamer, sondern häufig auch der einzige Gesellschafter des
Hauptmanns, von dem sich seine Bekannten meist zurückzogen, wenn er zu
trinken anfing.
Einer hielt zuweilen bei ihm aus, ein Fürst W., der als Baron Altenburg in
bescheidenen Verhältnissen in Prien lebte. Er war ein gutmütiger Herr, der
gerne vom Glanze früherer Tage redete, als er noch Kavallerieoffizier war,
und der sich doch in diesem Exil ganz wohl fühlte und regelmäßig mit den
Bürgern beim Abendtrunke zusammensaß.
Sie machten es ihm nicht immer leicht, die Kontenance zu bewahren, denn
als Fürst ohne Mittel, als Preuße und als alter Offizier stieß er überall
an den kantigen Ecken der Priener Ansichten und Manieren an.
In der „Kampenwand“ kehrte er mit Vorliebe ein, und die Höflichkeit meiner
Mutter, die ihn trotz seines Inkognitos immer als Durchlaucht anredete,
erwiderte er mit ritterlichen Komplimenten gegen das Haus, die Familie und
die Persönlichkeit der Frau Oberförster. Wenn sie von der Vorder-Riß und
dem König erzählte, hörte er mit der Teilnahme zu, die man dem Treiben und
Befinden eines Gleichgestellten entgegenbringt, und er warf Bemerkungen
ein, die seine intime Kenntnis des Hofes verraten sollten.
Er hatte immer eine Liebenswürdigkeit im Vorrat.
Meiner jüngsten Schwester, die als Kind eine auffällig tiefe Stimme hatte,
prophezeite er eine glänzende Laufbahn als Sängerin, da irgendeine Dame
auf oni oder eine Lucca, wie er als alter Theaterhabitué wußte,
gleichfalls mit einem Basse behaftet gewesen war.
Auch an mir entdeckte er Ansätze zu glänzenden Eigenschaften, und wenn
meine Mutter auch nicht ganz davon überzeugt war, so hörte sie es doch
gerne und schätzte die gute Absicht. Er sah gut aus, und selbst in dem
Anzuge eines Priener Schneiders wirkte er als vornehmer Herr, und wenn er
höchst eigenhändig ein Paar neubesohlte Stiefel vom Schuster heimtrug, sah
er immer noch wie ein Grandseigneur aus. Über die unfreiwillige
Bescheidenheit seines Lebens verlor er nie ein Wort und übersah die
Ungeschlachtheit der Ortsbürger, die sich anblinzelten und anstießen, wenn
Seine Durchlaucht dreißig Pfennig als Ausgabenetat für zwei Halbe Bier
zurechtlegte.
Eine Bemerkung, die ich darüber machte, wies meine Mutter mit ungewohnter
Schärfe zurück, und sie erklärte mir, wie ehrenwert diese Selbstzucht
eines Mannes war, der einmal in ganz anderen Verhältnissen gelebt hatte.
Wenn der Fürst mit dem Hauptmann zusammensaß und die alten Kavaliere
Erinnerungen austauschten, gab mir meine Mutter deutlich zu verstehen, daß
ich meinen Platz zu räumen hätte.
Wahrscheinlich vermutete sie, daß die Herren Reiteroffiziere auch einmal
auf ein paar Kapitel kommen könnten, die sich nicht für die reifere Jugend
eigneten.
Immer war mir der letzte Tag im September, und mochte auch die schönste
Herbstsonne leuchten, mit grauen Nebeln verhängt.
Frühmorgens gab es die letzten Vorbereitungen zur Abreise; Mahnungen von
Viktor, auf meine Wäsche zu achten, da schon wieder Taschentücher und dies
und das gefehlt hätten, Mahnungen meiner Mutter, allen Fleiß daran zu
setzen; dann das letzte Frühstück in der Küche, die mir nie anheimelnder
vorkam als im Augenblick des Scheidens, und der Gang zur Bahn.
Wer mir begegnete, auch wenn ich ihn sonst nicht ehrte, erschien mir als
ehrwürdiges und liebenswertes Stück Heimat und empfing meinen wehmütigen
Gruß.
Der Herr Maurermeister stand unter der Tür, weil auch seine Buben
abreisten, und lüftete seinen Fez, und ich beneidete ihn, daß er so Tabak
rauchend alle Tage in dem lieben Ort bleiben durfte.
Ich beneidete den Schreinerlehrling, der pfeifend einen Karren auf die
Straße zog, und den Stationsdiener, der auch dableiben durfte, und wenn
mich der Expeditor väterlich auf die Schulter klopfte und Glückauf zum
Studium wünschte, dachte ich, er habe leicht reden und unbekümmert sein,
wenn er doch nicht in die weite Welt hinaus müsse. Pfiff nicht die
Lokomotive jämmerlicher als sonst, und schlich nicht der Zug trübseliger
von Bernau herein?
Was für rohe Menschen waren die Kondukteure, die hinter einem die Türe
zuwarfen und das verhängnisvolle Billet mit gleichgültiger Miene zwickten!
Dann ging es im weiten Bogen herum ums Dorf. Dort sahen noch Bauernhäuser
hinter Bäumen hervor, dann kam der Blick auf den See und die Inseln.
Ich habe auch später noch an Heimweh gelitten, damals aber kam es wie
Krankheit über mich.
Das Oktoberfest war mir verhaßt, weil das Ende der Ferien mit ihm
zusammenfiel, und ich habe lange Zeit nachher den Lärm von Karussellorgeln
und den Duft gebratener Heringe in Verbindung mit bitteren und
schmerzlichen Gefühlen gebracht.
Der gutmütige Onkel Joseph nahm mich auf die Theresienwiese mit in der
Meinung, daß diese Freuden meinen Trübsinn verscheuchen müßten, aber der
Anblick von Oberlandler Bauern oder von Schützen aus dem Gebirge war nur
angetan, mir mein Elend erst recht fühlbar zu machen. Daran änderten auch
die scharfen Vermahnungen des Herrn Premierleutnants nichts, der mir
sagte, er habe das sogenannte Heimweh der Rekruten stets als Scheu vor
Disziplin und Pflichterfüllung betrachtet, und er müsse leider annehmen,
daß auch meine Wehleidigkeit darauf hinausgehe.
Ich aber legte mir ein Verzeichnis der Tage meiner babylonischen
Gefangenschaft an und strich jeden Abend einen aus; nach ein paar Wochen
vergaß ich darauf und war geheilt.
Späterhin, als ich über die Flegeljahre hinausgewachsen war, halfen mir
ein paar Verliebtheiten, am Aufenthalt in München mehr Gefallen zu finden.
Denn natürlich fehlte es auch an der Jugendeselei nicht; aber ich muß
bekennen, daß es nie zu Erklärungen kam.
Ich bewunderte einige Mitschüler, die auf dem Eise oder sonstwo mit
Backfischen verkehrten, sprachen, Arm in Arm mit ihnen gingen.
Ich selber verehrte sie nur aus der Entfernung, und sogar vor ihrem
Entgegenkommen versteckte sich meine Blödigkeit hinter Trotz.
Machte ich den Versuch, eine junge Dame, die im gleichen Hause wohnte,
anzureden, dann war mir die Kehle wie zugeschnürt. Einmal setzte ich an,
aber heiser vor Aufregung stotterte ich ein paar nichtssagende
Entschuldigungen und floh eilig die Treppe hinunter. Und doch brachte mich
ein Jugenderzieher, Schulmann und Rektor in ernstliche Gefahr, indem er
mich als Verlorenen behandelte und in einer Weise bloßstellte, die sich
nicht für ihn ziemte.
Ich trug wochenlang einen herzlich dummen Brief an jenen Backfisch in
einem Schulbuche herum, immer mit der Absicht, ihn zu überreichen, wozu
mir stets wieder der Mut fehlte.
Eines Tages erwischte mein Ordinarius den Brief, übergab ihn dem Rektor,
und dieser sonderbare Freund der Jugend, der zufällig wußte, daß ich von
einer angesehenen Familie zuweilen eingeladen wurde, schrieb an sie und
behauptete, ich hätte an die jüngere Tochter des Hauses diesen
unziemlichen Brief gerichtet.
Es war unwahr, und ich wehrte mich leidenschaftlich gegen die Anklage,
aber es half mir nichts; die Mama war indigniert, und der Papa gab mir
jovial zu verstehen, daß man mich nicht mehr einladen könne.
Damals habe ich mich ein paar Tage lang mit Selbstmordgedanken getragen,
und ich glaube, daß ich nahe genug daran war, die Torheit zu begehen.
Ein erfahrener Mann hätte wahrhaftig in der Unbeholfenheit des Briefes
knabenhafte Blödigkeit erblicken müssen und alles andere eher als Routine
und Verdorbenheit.
Der einzige, der damals für mich eintrat, war der Religionslehrer, der
über die gedrechselten Phrasen, die ich an das sehr geehrte Fräulein
gerichtet hatte, gelächelt haben soll. Er merkte, wie verstört ich war,
und sprach mich daraufhin an; schon das wirkte als etwas Ungewöhnliches
auf mich, und als mir der strenge und zurückhaltende Mann mit freundlichen
Worten zu verstehen gab, daß er mir glaubte, kam ich darüber weg.
Das Erlebnis gilt mir heute noch als Beweis dafür, wie schwer sich
Unverständnis und Übelwollen an der Jugend versündigen können.
Ich habe später aus Ferne und Nähe Schülerselbstmorde erlebt und
gewöhnlich recht törichte Urteile darüber gehört; selten fand ich
Verständnis für die Wahrheit, daß roher Eingriff und grobes Unrecht gerade
jugendlichen Gemütern unerträglich erscheinen können.
Sehr drückend empfand ich es damals, daß ich bei den Mitschülern wenig
oder kein Verständnis für meinen Schmerz fand; eher beifällige Zustimmung
zu der Verfehlung, die ich gar nicht begangen hatte, schlaues Mißtrauen
gegen meine Verteidigung, aber kaum Billigung des leidenschaftlichen
Zornes, mit dem ich mich gegen das Unrecht wehrte.
Ich darf sagen, daß lauter halb und ganz fertige, ihr eigenes Heil und
ihren Nutzen kennende Spießbürger um mich herum auf den Schulbänken saßen.
Schwärmen und rückhaltloses, übertreibendes Sichhingeben an irgendeine
Sache konnten sie mit überlegenem Lächeln beantworten.
Die meisten wußten ja auch schon, was sie werden wollten oder sollten.
Diese prädestinierten Amtsrichter, Ärzte, Assessoren, Intendanturbeamten
und Offiziere kannten Vorteile und Nachteile der Berufe, und es sollte
mich wundern, wenn sie sich nicht über künftige Pensionsbezüge
unterrichtet hätten.
_Nunc est bibendum,_
_Nunc pede libero pulsanda tellus!_
war ein gern zitierter Vers Horazens.
Jetzt wollen wir trinken, jetzt befreit mit dem Fuß auf die Erde stampfen.
Aber die Ausgelassenheit war bei den meisten schon klug gedämpft; nach ein
bißchen konventionellem Saufen trat der freie Fuß in die herkömmliche
Laufbahn, und der ordentliche junge Mensch erwarb nicht erst, sondern
behielt die vom Vater überkommene Klugheit, innerhalb der Schranken im
sachten Trabe zu gehen.
Ich war dazu bestimmt und gewillt, Forstmann zu werden, und mein Vormund,
auch einer vom grünen Tuche, hielt mir zuweilen vor Augen, daß
Pflichttreue und Wahrheitsliebe gerade die Männer zieren müßten, denen der
Staat den hohen Wert der Waldungen anvertraue.
Ich nickte beifällig zu der hohen Auffassung, aber mit meinen Wünschen
verband sich doch eher die Vorstellung von einem Hause im Grünen, von
Pürschgängen und Tabakrauchen.
Ich hatte das reizvolle Bild meiner Zukunft vor Augen, wenn ich den Bruder
meines Vaters, den Oberförster von Wörnbrunn bei Grünwald, besuchte.
Er saß dort unter Förstern und Jagdgehilfen in einem ansehnlichen, von den
Münchnern gern besuchten Wirtshause.
Sohn, Enkel und Urenkel schwerer Altbayern und Pfeifen rauchender Jäger,
hatte ich natürlich das vollste Verständnis für diese Freuden, und wenn
ich an Sonntagen bei den derben und nicht durchaus wahrheitsliebenden
Männern saß, wollte ich ihnen ähnlich sein und werden.
Einer davon, der Förster Holderied, war noch ein Vertreter der
aussterbenden Rasse von Wildlingen, die einen unaufhörlichen Kampf mit
Lumpen führten. Man erzählte von ihm Schauermären, lauter echte
altbayrische Geschichten, voll Jägerromantik des Hinaufschießens oder
Hinaufgeschossenwerdens.
Ein Prachtkerl war der Jagdgehilfe Schröder, der in der Sauschütte das
Schwarzwild zu füttern hatte.
Er konnte lügen, wie ich es nie mehr gehört habe, und ich glaube, daß die
Pflege des Jägerlateins in ihm ihren letzten ehrwürdigen Meister gehabt
hat.
Er log immer und verzog keine Miene dabei; mit steinerner Ruhe brachte er
die ungeheuerlichsten Geschichten vor und schien in Zorn zu geraten, wenn
jemand Bedenken oder Zweifel zeigte.
Für mich waren die Besuche in Wörnbrunn nicht ungefährlich. Ich gab mich
der Herrlichkeit rückhaltlos, wie immer, hin und wollte auf allen Glanz
der Welt verzichten, um in die Lodenjoppe und dieses bajuvarische Behagen
zu schliefen. Ich setzte meiner Mutter mit Bitten zu, mich zum niederen
Forstdienst gehen zu lassen, aber zu meinem Glücke erkannte sie die
Ursache meiner Resignation auf die höhere Laufbahn. Ich durfte nicht mehr
so häufig zum Forsthause wandern, und da mir Onkel Franz das selber und,
wie ich merkte, mit Bedauern eröffnen mußte, blieb ich ganz weg.
Die Oberklasse des Gymnasiums besuchte ich in Landshut; ich wollte das
Wohlwollen jenes Münchner Rektors nicht noch mehr herausfordern.
Die wohlhäbige Stadt, Mittelpunkt der reichsten Bauerngegend, in der eine
starke Garnison lag und die ihre Tradition als ehemaliger Sitz der
Landesuniversität noch bewahrte, gefiel mir sehr gut.
Die breite Altstadt mit ihren hochgiebligen Häusern und der mächtigen
Martinskirche als Abschluß war die Hauptstraße, auf der nachmittags die
Herren Offiziere, Beamten, Fähnriche und Gymnasiasten bummelten, um den
zahlreichen hübschen Bürgertöchtern Beachtung zu schenken.
Vom Kollerbräu zum Dome hinauf, vom Dome zum Kollerbräu hinunter flanierte
die Jugend, die in Uniform schon etwas vorstellte, und die andere, die mit
Band und Mütze bald etwas vorstellen wollte, und sie grüßten, hier
verwegen, dort schüchtern, die Weiblichkeit.
Ich war bei einer angesehenen Bürgerfamilie untergebracht und genoß zum
ersten Male volle Freiheit in meinem Tun und Lassen.
Daß ich sie nicht mißbrauchte, rechnete mir der wohlwollende Rektor des
Gymnasiums hoch an; er hatte mich mit einigem Mißtrauen empfangen und im
Auge behalten, weil ihn der Münchner Kollege brieflich vor mir gewarnt
hatte.
Nach Ablauf einiger Monate rief er mich zu sich und fragte mich, was ich
denn eigentlich an meinem früheren Gymnasium pekziert hätte. Ich erzählte
ihm frischweg das Schicksal meines verhinderten Liebesbriefes. Lächelnd
hörte er mich an, und dann las er mir einige kräftige Stellen aus dem
Briefe seines Kollegen vor.
„Was sagen Sie dazu?“ fragte er mich.
Ohne langes Besinnen gab ich zur Antwort: „Wenn ich Rektor wäre, würde ich
über einen Schüler keinen Brief schreiben.“
Er bewahrte mir sein Wohlwollen während des ganzen Jahres wie in der
Schlußprüfung, und ich blieb ihm über das Gymnasium hinaus dankbar dafür;
als Universitätsstudent besuchte ich ihn mehrmals, und er brachte das
Gespräch gerne auf die resolute Antwort, die ich ihm damals gegeben hatte.
Im Juni meines letzten Schuljahres starb König Ludwig II.
Das Ereignis machte tiefen Eindruck, und er war echt, wie er sich in
Schweigen und Niedergeschlagenheit zeigte.
Was später folgte, das Herumerzählen von Schauergeschichten, Tuscheln,
Flüstern und Kokettieren mit Frondeurgelüsten, die doch nicht ernst
gemeint waren, erregte in mir schon damals Zweifel in die Stärke populärer
Stimmungen. Den gepreßten Bürgerherzen in Landshut tat die Kunde wohl, daß
man aus irgendeinem Bräuhause einen vorher ordnungsmäßig verdroschenen
preußischen Unteroffizier der schweren Reiter hinausgeschmissen habe, weil
er in unehrerbietigen Zweifeln befangen gewesen wäre.
Wenn nicht wahr, so gut erfunden. Denn wie ich an meinem Hausherrn sehen
konnte, herrschte Befriedigung, daß sich die allgemeine Erregung, und zwar
gegen Norden hin, Luft gemacht hatte.
Im August bestand ich die Schlußprüfung, die von Kennern für leichter als
gewöhnlich erklärt wurde. Ich möchte nicht entscheiden, ob das stimmt;
jedenfalls war man auch mit der Begründung bei der Hand.
In München hatte ein Prinz das Absolutorium zu bestehen, und dem hätte man
es nicht schwer machen wollen.
Meinen Ansprüchen genügte die Prüfung, und zu meiner Freude genügte ich
den Ansprüchen.
Ein seliger Vormittag, als wir unter dem Tore des Gymnasiums die Hüllen
von den farbigen Mützen entfernten und nun mit leuchtenden Rotkappen durch
die Stadt gingen.
Beim Abschiedskommerse hatte ich die Rede zu halten.
Meine Kommilitonen trauten mir nach etlichen dichterischen Versuchen, die
ich hinter mir hatte, Erkleckliches zu, und an tüchtigen Redensarten von
der Sonne der akademischen Freiheit hätte es auch nicht gefehlt, wenn ich
nicht beim zweiten Satze steckengeblieben wäre.
Ich rang nach Worten, fand kein einziges und setzte mich unter peinvollem
Schweigen hilflos nieder.
Ähnliches war nie geschehen, und ich glaube, daß es mir der Jahrgang lange
nachgetragen hat.
Die Situation rettete aber mein verehrter Studiendirektor, der sogleich
aufstand und eine wohl gegliederte und durchdachte Rede an die abziehende
Jugend hielt.
Manches kluge und manches schöne Wort aus den nun abgetanen Klassikern war
darin verflochten, und ich sah freilich, wie man’s hätte machen sollen.
Die Befriedigung über das ungewöhnliche Hervortreten des Rektors, die
Freude an seinen Worten schwächten einigermaßen das Unbehagen, das ich
verursacht hatte, ab.
Etliche Tage sangen und tranken wir noch in Landshut herum und kamen uns
bedeutender und freier vor, wie jemals wieder im Leben.
_Nunc est bibendum,_
_Nunc pede libero pulsanda tellus!_
Damit ging es heim.
Meine Mutter war etliche Jahre vorher nach Traunstein übergesiedelt und
hatte den Gasthof „Zur Post“ in Pacht genommen. So hatten nun die Bürger
dieser Stadt Gelegenheit, mich in Farbenpracht mit dem _pede libero_
stolzieren zu sehen und der braven Frau Oberförster zu dem Erfolge ihres
Sohnes Glück zu wünschen.
Sie holte mich mit den Schwestern von der Bahn ab und war gerührt, mich an
einem unter manchen Seufzern herbeigesehnten Ziele zu sehen.
Allzuviel konnte ich nicht erwidern, da ich vom _bibendo_ stockheiser
geworden war.
Die alte Viktor war etwas gekränkt, weil man sie als Hüterin des Hauses
daheim gelassen hatte, und so drängte sie zuerst ihre Gefühle zurück, um
brummig zu sagen, ich sähe doch sehr versoffen aus.
Sie rang sich aber zur Freude durch und meinte, nun sei ich auf dem Wege
zum Berufe meines Vaters und könne wohl gar noch Oberförster in der
Vorder-Riß werden.