Das deutsche Volk hat in seiner gelassenen Art immer Selbstkritik geübt

und ertragen, damals aber versuchten die Übereifrigen es zur gereizten

Empfindlichkeit aufzustacheln.

Einrichtungen, deren Nutzen und Wert kein vernünftiger Mensch bestritt,

wurden gemeinsam mit Mißbräuchen als heiligste Güter für unantastbar

erklärt, ganze Stände waren erhaben über Kritik und noch erhabener über

den Witz.

Von Umsturzgedanken und fanatischen Theorien war im Kreise der jungen

lebensfrohen Künstler nichts zu finden, aber auch nichts von ängstlicher

Zurückhaltung, wenn es galt, einem Unfug oder einer Anmaßung

entgegenzutreten.

Der Satire bot sich damals ein besonderes Angriffsziel in einer Bewegung,

die angeblich auf Hebung der Sittlichkeit gerichtet war.

Man erklärte das deutsche Volk für im sittlichen Niedergange begriffen,

donnerte über körperliche und moralische Verderbnis und sah vor lauter

germanischen Idealen die Tatsache nicht, daß diese heranwachsende Jugend

ernster, strebsamer, tüchtiger war als die einer früheren Zeit, daß sie

sich von alten Mißständen, vom hochmütigen Kastengeiste wie vom

verderblichen Saufen abgewandt hatte und körperliche Tüchtigkeit in viel

höherem Maße zu schätzen begann.

Und in der Freude an tönenden Redensarten schenkte man sich die härtere

und doch allein Erfolg versprechende Arbeit, gegen die Ursachen sittlicher

Schäden vorzugehen.

Die lagen in sozialen Mißständen, in Armut, in Ausbeutung, in der

Wohnungsnot u. a. viel tiefer begründet als etwa in der Ausstellung einer

Nudität im Schaufenster.

Es war selbstverständlich, daß die Orthodoxen beider Konfessionen mit

Begeisterung an der Bewegung teilnahmen und sie gehörig ausnutzten.

Die Regierung ging täppisch, wie so oft, auf die moralischen und

staatserhaltenden Bestrebungen ein, und es kam zur Vorlage der

berüchtigten Lex Heinze.

Den Namen leitete sie von einem Berliner Kupplerprozesse her, aber ihre

Tendenz richtete sich weniger gegen großstädtische Übelstände als gegen

eine unbequeme Freiheit der Presse.

In Süddeutschland waren es nicht zuletzt die beiden jungen Wochenschriften

„Jugend“ und „Simplicissimus“, die den ultramontanen Eifer für scharfe

Gesetze wachriefen und nährten.

So war es auch ein Kampf um die eigene Existenz, wenn sie gegen die

offenen und noch mehr gegen die heimlichen Bestrebungen der reaktionären

Parteien losschlugen.

_Diffizile non erat, satiram scribere._

Wie da zarteste Dinge vor die Öffentlichkeit gezerrt und angegrinst

wurden, wie sich wohllebige Männer als Tugendhelden aufs Podium stellten,

wie man in schmalzigen Redensarten schwelgte und wiederum mit rohem

Unverstande auf künstlerischem Empfinden herumtrampelte, das alles

forderte den schärfsten Spott heraus.

Es kam dann auch zu großen organisierten Widerständen, und in München

wurde auf Anregung Max Halbes der Goethe-Bund aller Freunde künstlerischer

Freiheit gegründet.

Es ging ein frischer Zug, an den man sich gerne erinnern darf, durch jene

Versammlung im Münchner Kindl-Keller, in der die Gründung beschlossen

wurde.

Und wo _Georg Hirth_ und _M. G. Conrad_ gegen Muckerei und Schnüffelei vom

Leder zogen, da durfte man sicher sein, daß es scharfe Hiebe absetzte.

Die Lex Heinze fiel, aber das Bedürfnis nach übersteigerter „Sittlichkeit“

blieb erhalten, ebenso wie die Sehnsucht nach Unterdrückung unangenehmer

Geister.

Von dem Hasse, den dieses Sehnen wachrief, richtete sich ein herzhafter

Teil gegen den „Simplicissimus“, dessen Mitarbeiter sich nicht zum

wehleidigen Dulden verstanden.

Zwischen damals und heute, 1919, liegen Ereignisse, die

Kaffeehausliteraten zu Leitern des Staatswesens machten und die es vielen

Bewunderern und Verfechtern des früheren Systems ratsam erscheinen ließen,

es nunmehr zu verdammen.

Glückselig pries sich, wer während des Krieges den Opfermut des eigenen

Volkes nicht allzu laut bewundert hatte, Gott ähnlich war, wer ein paar

internationale Seufzer losgelassen hatte.

Jämmerliche Hanswurste stellten sich im Niedergange des Vaterlandes

entzückt von Freiheit und Menschlichkeit, und niemand hatte mehr Anspruch

auf Bewunderung des Volkes als der große Pessimist, der als erster vor

allen andern am glücklichen Ausgange gezweifelt hatte.

Wie schnell hat sich das Bürgertum in den Untergang der heiligsten Güter

gefunden, wie hat es sie widerstandslos aufgegeben!

Selbstgeschaffene, mit nüchternem Sinne für notwendig erkannte

Einrichtungen, an denen man tätigen Anteil gehabt hätte, wären wohl anders

verteidigt worden; so aber gerieten durch den im Kriege übermächtig

gewordenen Haß gegen die Verlogenheit gezüchteter Begriffe die inneren

Lebenskräfte miteinander in Kampf.

Ein wohlgegliederter, gewordener Organismus, in dem eines das andere

unterstützte, wurde durch die Theorie zerstört.

Mögen Schwätzer ein System, das allerdings noch auszubauen war, verdammen,

wir waren mächtig unter ihm und wären glücklich geworden, wenn man es auf

breite Fundamente gestellt hätte.

Deutschland war in den Sattel gesetzt, aber reiten hat es nicht können; es

überließ die Führung unsicheren Händen.

Dünkelhafter Dilettantismus hat die Möglichkeit unseres Unterganges

geschaffen.

Keiner von uns war so weitblickend, die letzten Folgen der operettenhaft

geführten Politik vorauszusehen, aber ihre Lächerlichkeit erkannten wir,

und hinter dem Spotte über große Worte und Gesten steckte ein lebhafter

Unmut. War es nicht natürlich, daß sich gerade Künstler am schärfsten

gegen die Stillosigkeit der pompösen Aufmachung wandten?

Die alte Viktor konnte mein ferneres Wirken nur aus der Ferne betrachten,

und zuweilen meinte sie seufzend, daß ich zu übermütig wäre, aber, wenn

sie ängstlich darüber sprach, tröstete sie der gute Pfarrherr von

Allershausen, der lustig auffaßte, was lustig gemeint war.

Oft suchte ich das kleine Haus an der Amper auf und nahm teil an dem

stillen Glück, das die Alte hier gefunden hatte.

Ein Garten, dem sie Sorgfalt erwies, ein paar kleine Zimmer, deren

schönster Schmuck ihre peinliche Sauberkeit war, das war die Welt, in der

sie sich wohl fühlte und von der aus auch auf mich eine Fülle von Behagen

überging.

Kam ich unangemeldet, so schmollte sie ein wenig, denn sie wollte, daß

mein Besuch mit guten Dingen gefeiert würde. Ein frisch gebackener

Kaffeezopf gehörte auf den Tisch, und in der Küche mußte sie geheimnisvoll

rumoren, um fröhlich lächelnd eine Lieblingsspeise aufzutragen. Dann saß

sie mir gegenüber und hörte aufmerksam zu, wenn ich von meinem Leben

berichtete. Es schien sich zum Guten zu wenden, aber – aber.

Da waren doch neulich recht unehrerbietige Verse im „Simplicissimus“

gestanden, und wenn sie auch wußte, daß es nicht so schlimm gemeint war,

was sollten die Leute von mir denken, die mich nicht kannten?

In solchen Fällen ergriff der Herr Pfarrer, der als lieber Gast dabei saß,

meine Partei und führte aus, daß man nicht immer fein sein könne. Er war

noch aus der alten Schule, die keine Zeloten erzog; er stand nicht

außerhalb der Welt, in der er wirkte, sondern mit tüchtigem Verstande

mitten drin. Er kannte die Bauern und verstand seine Aufgabe, in ihnen den

ererbten Sinn für tätiges Leben und ehrbare Sitte wach zu erhalten. Wie

sie, mochte er kein übertriebenes Wesen leiden, er war fröhlich mit ihnen,

ohne seinem Stande etwas zu vergeben, er hatte volles Verständnis für ihre

Vorzüge und Fehler und zeigte sich nie empört über natürliches Geschehen.

In ernsten Dingen bewahrte er Ruhe, und kleine Schmerzen heilte er am

liebsten mit einem Scherzworte.

Viktor schätzte ihn sehr hoch, und auch er hatte seine Freude an ihrer

braven Art.

Immer bezeigte er ihr freundschaftliche Anteilnahme und holte sie, wenn es

irgend ging, zum Spaziergange ab.

Er neckte sie gerne mit ihrer Zuneigung zu mir, und als ich das erstemal

nach Allershausen kam, erklärte er mir lachend, daß die Vorstellung

eigentlich überflüssig wäre, denn er hätte mich in- und auswendig

kennengelernt aus den erschöpfenden Mitteilungen des Fräuleins Viktor

Pröbstl.

Eine Unterbrechung des Stillebens wurde durch die Heimkehr meines ältesten

Bruders herbeigeführt.

Er kam mit seiner Frau und seinen vier Buben von Australien herüber; und

regte schon das Wiedersehen nach der langen Zeit die Gemüter auf, so

brachte die fremde Art der Frau wie der Kinder allerlei Unruhe in das

kleine Haus.

Die Buben, der älteste zwölf, der jüngste über drei Jahre alt, hatten sich

in Katoomba in den blauen Bergen nicht das geringste Verständnis für

europäisches Ruhebedürfnis angeeignet.

Ich glaube nicht, daß sie eine Viertelstunde am Tage still waren, und Frau

Jenny schien nur dann an die volle Gesundheit der Kinder zu glauben, wenn

sich die Stimmen von allen vier laut und deutlich vernehmbar machten. Sie

selbst, eine Engländerin aus der Kolonie, war eine sympathische, stille

Frau, und es war unschwer zu sehen, daß sie in glücklicher Harmonie mit

meinem Bruder lebte. Aber wenn sich Frauen schon überhaupt nicht allzu

leicht verstehen, so konnte sich eine herzliche Neigung zwischen

hausbackener Schongauer Art und Australiertum erst recht nicht entwickeln.

Es war zwischen ihnen ein kleiner, stiller Krieg, den zwar Gutherzigkeit

und Takt auf beiden Seiten nicht zum Ausbruche kommen ließen, aber der

eben doch da war, der in der Luft lag und die Temperatur herunterdrückte.

Meine Schwägerin gehörte einer strengen protestantischen Sekte an, die

jeglichen Bilderdienst verabscheut, und als sie in ihrem Zimmer ein

Ammergauer Kruzifix bemerken mußte, schlug sie zwar keinen Lärm, aber sie

verhüllte den Heiland mit einer Nachtjacke.

Viktor war nicht unduldsam, ihr Katholizismus vertrug sich schlecht und

recht mit liberalen Neigungen, aber diese Lieblosigkeit gegen ein

Kruzifix, das jahrelang im Risser Forsthause gehangen hatte, ertrug sie

nicht; sie befreite es schweigend von der Hülle, nahm es an sich und trug

es in ihr Zimmer.

Dabei mochten ihre Blicke und der Auftakt ihrer Schritte Empörung verraten

haben, jedenfalls hatte diese Szene so etwas vom Zerschneiden des

Tischtuches zwischen den beiden Weiblichkeiten an sich.

Die Neigung Jennys für lärmende Kinderstimmen teilte die Alte nicht;

vermutlich hatte sie mein Geschrei dereinst liebevoll ertragen, und die

Wiederholung von Brüllen und Quäken wäre ihr nach der langen Pause

erträglich und nett vorgekommen, wenn es sich um Kinder von mir gehandelt

hätte, aber der Milderungsgrund lag nicht vor. Sie sah und hörte die

australischen Spiele ohne die Nachsicht, deren sie dringend bedurft

hätten, und am Ende war die gute Alte wirklich zu jäh aus einer schönen

Ruhe gestört worden. Sie beklagte sich nicht, wenn ich hinauskam, aber ich

las in ihren Augen die stumme Frage, ob es denn wirklich für immer zu Ende

sei mit den stillen, schönen Tagen.

Das und ein paar andere Beobachtungen ließen mir eine schleunige Änderung

wünschenswert erscheinen.

Denn auch an meinem Bruder bemerkte ich ein seltsames Unbehagen.

Seit Jahren war es sein brennender Wunsch gewesen, wieder nach Deutschland

zurückkehren zu dürfen.

Nun war er ihm erfüllt, und er mußte die schmerzliche Erfahrung an sich

selber machen, daß ihm die Heimat fremd geworden war.

Hätte er gleich befriedigende Tätigkeit gefunden, so wäre alles anders und

besser gewesen, aber die Erkenntnis, wie schwer es in den festgefügten,

ihm gar zu systematisch geordneten Verhältnissen sei, als Mann von

zweiundvierzig Jahren von vorne anzufangen, fiel ihm schon gleich schwer

aufs Herz. Dazu kam eine Frage, die in den Kolonien kaum aufgetaucht wäre:

Was sollte aus den Buben werden?

Drüben war Platz für kräftige Jugend, und es hätte keiner weit

ausschauenden Vorbereitung bedurft, um vier gesunden Buben ein Auskommen

zu verschaffen.

Drüben gab es keine konventionelle Verpflichtung, die schon in

Knabenjahren zur Wahl zwischen höheren und niederen Berufen zwang.

Drüben gab es Arbeit für starke Arme; und langte es weiter, dann ging es

auch weiter.

In Deutschland aber stand schon vor dem Abcschützen die große Frage: Was

willst du werden?

Studieren oder dich gleich mit Geringerem bescheiden?

Private Stellung oder den sicheren Staatsdienst wählen?

Beim Ältesten, der zwölf Jahre alt war, brannte es eigentlich schon auf

den Nägeln.

Wer immer in dem sich gleichmäßig drehenden Kreise blieb, dessen Leben

drehte sich mit, wer aber hinausgetreten war, kam kaum mehr hinein.

Diese Erkenntnis stimmte meinen Bruder bitter und ließ ihm vieles

kleinlicher und widerwärtiger erscheinen, als es war.

Ich hoffte, daß seine Sprachkenntnisse, seine Tüchtigkeit ihm zum

Erreichen eines Postens förderlich sein könnten, aber die ersten Versuche

schlugen fehl, und man gab ihm und mir zu verstehen, daß man in

Deutschland langsam und ordnungsmäßig vorrücke. Und das muß man in der

Jugend beginnen. Zu diesen Enttäuschungen kam schmerzliche Reue darüber,

daß er nicht früher heimgekehrt war und unsere Mutter noch am Leben

angetroffen hatte.

Meine tröstenden Worte nützten nicht viel. Oft saßen wir irgendwo im

Freien, am Rande eines Waldes, und sprachen von alten Zeiten und

Erinnerungen, und ich sah wohl, wie sein Herz daran hing, aber auch, wie

vergeblich er sich mühte, sich das, was einmal gewesen war, wieder

lebendig zu machen. Redete ich von Gegenwart und Zukunft und von

Hoffnungen, die sich erfüllen sollten, dann wurde er still und blies

stärkere Rauchwolken aus der Pfeife vor sich hin.

Es war einmal.

Die Art, wie er seinem Ärger über Ungewohntes, was verschieden von

australischen Dingen war, Ausdruck gab, zeigte mir deutlich, daß keine

Freude in ihm aufkommen wollte. Und auch, daß die Worte Jennys, die sich

oft genug über die Verhältnisse in dem ihr so fremden Lande beklagen

mochte, tiefer Fuß faßten als meine Tröstungen. Da ihm die Untätigkeit

immer weniger zusagte, war ich froh, als ihm unsere Verwandten in

Oberammergau einstweilen eine Stellung anboten.

Es war eine kleine Bosheit des Schicksals, daß meine Schwägerin dorthin

übersiedeln mußte, wo man die Kruzifixe schnitzte.

Die Stellung war nur eine vorübergehende; nach einiger Zeit erklärte mir

mein Bruder, daß Berichte, die er von seinen Schwägern erhalten habe, ihm

für sich und seine Familie die Auswanderung nach Kanada als das Beste

erscheinen ließen.

Es war mir möglich, ihm dazu behilflich zu sein, und so machte er sich im

August 1902 auf die Reise; er traf Verhältnisse an, die ihm weitaus besser

zusagten, und in seinen Briefen rühmte er das Entgegenkommen, das er

gerade als Deutscher in Winnepeg gefunden hatte.

Später siedelte er nach S. Diego in Kalifornien über und starb dort an den

Folgen eines Sonnenstiches.

Seine Buben wuchsen zu tüchtigen Männern heran, wie Jenny schrieb; sie

waren ihr nach des Vaters Tode treue Helfer.

Viktor zeigte sich immer besorgt um das Schicksal meines Bruders, aber ich

glaube, sie atmete doch auf, als in dem kleinen Hause an der Amper keine

australischen Kängeruhs mehr nachgeahmt wurden, und als die Zimmer wieder

still und fein säuberlich, recht sonntagsnachmittäglich dalagen.

Für manche Plage und Verdrießlichkeit konnte ich sie entschädigen, als ich

mit ihr im Sommer 1902 beim Sixbauern in Finsterwald am Tegernsee Wohnung

nahm; da gefiel es ihr.

Über die Vorberge schauten die Gipfel des Roßstein und Buchstein herüber,

unter denen die Rauchalm lag, und die gehörte Lenggrieser Bauern; wenn man

sich da hinüberdachte, kam man an die Isar, und etliche Stunden

flußaufwärts lag das Paradies, die Vorder-Riß.

Der Six war selber ein halber Lenggrieser – aus Fischbach – und kannte

vertraute Namen und Menschen; den Glasl Thomas, der als Jagdgehilfe die

dauernde Freundschaft des Fräulein Pröbstl errungen hatte, und andere

Jagdgehilfen und Förster, die Riesch, Sachenbacher, Murbeck,

Rauchenberger, Heiß, lauter Namen, die durch ihre Verbindung mit schönen

Zeiten und geliebten Persönlichkeiten ehrwürdig waren.

Der Six erzählte auch Risser Wilderergeschichten, und noch lieber hörte er

sie an, wenn wir auf der Bank vor dem Hause saßen und Viktor ein langes

Garn spann.

Das war wirklich wie Heimkehr in die alte, so lang entbehrte Welt.

[Illustration: Thoma beim Tarock]

Auch die Leute waren die gleichen wie die in der Jachenau, am Fall, in

Wackersberg und Lenggries, hochgewachsene, stämmige Bauern, verwegene

Burschen und frische Mädel.

Am gemütlichsten saß es sich in der kleinen Küche, wenn ein paar Nachbarn

zum Heimgarten kamen und die Pfeifen zu breit ausgesponnenen Reden

brannten, oder wenn die Sixbäuerin mit der Viktor uralte Kochrezepte

austauschte.

Wenn ich aber droben in meinem Zimmer saß und an der „Lokalbahn“

herumbastelte, wurde unten mein Lebenslauf mit liebevoller Gründlichkeit

geschildert, was ich darin merken konnte, daß die Sixin über alle

Einzelheiten trefflich unterrichtet war.

Beim Unterbuchberger oberhalb Gmund hatte sich Georg Hirth mit seiner Frau

Wally festgesetzt, und er unterhielt einen regen Verkehr mit uns, der bald

zur herzlichen Freundschaft führte.

In dem temperamentvollen, sich immer mit seiner ganzen Persönlichkeit

einsetzenden _Georg Hirth_ war ein gutes Stück deutscher Vergangenheit und

Münchner Entwicklung verkörpert.

Als sehr junger Mann hatte er anfangs der sechziger Jahre die

Aufmerksamkeit Ernst Keils, des Begründers der „Gartenlaube“, auf sich

gezogen, war mit Feuereifer für freiheitliche Ideen und die deutschen

Einigungsbestrebungen eingetreten und hatte dann 1866 bei Langensalza als

Kämpfer auf preußischer Seite eine schwere Verwundung erlitten. Immer

tätig und voll Unternehmungslust, gründete er in Berlin die Annalen des

Deutschen Reiches und trat mit vielen hervorragenden Männern in Beziehung,

siedelte dann nach München über und stand hier über vierzig Jahre lang im

Mittelpunkte literarischer, künstlerischer, journalistischer und

politischer Interessen als Mitbesitzer und Leiter der größten Zeitung, als

Begründer der „Jugend“, als kunstverständiger Sammler und vor allem auch

als Hüter und Förderer freier Gesinnung.

Als ich ihn damals an seinem geliebten Tegernsee kennenlernte, war er

nicht mehr der kampflustige Streiter von ehedem, wenngleich sein Gemüt

immer noch gegen Dummheit und Unterdrückung aufflammen konnte, aber er war

abgeklärt, voll verstehender Güte und gerecht gegen Widersacher und

gegnerische Meinungen.

Auch im Äußern eine fesselnde Erscheinung, mit dem energisch geformten

Gesichte unter weißen Haaren, mit den ausdrucksvollen Augen, gewann er

einen sogleich mit seinem milden Urteile über Menschen und Dinge und mit

seiner lebhaften Anteilnahme an allen die Zeit bewegenden Fragen. Er

verstand es prachtvoll, von seinen Erlebnissen zu erzählen, von

bedeutenden Menschen, mit denen ihn das Leben zusammengeführt hatte, von

Kämpfen, die überwunden waren, von politischen und kulturellen

Streitfragen.

Da sah sich nun Viktor in Beziehungen zu einem von ihr stets bewunderten

geistigen Leben gebracht und fühlte Interessen in die Nähe gerückt, die

sie bisher ehrfürchtig von weitem angestaunt hatte. Oft sagte sie, daß

diese Tage ihre glücklichsten wären.

Und es waren ihre letzten.

Mitte Oktober wurde im Münchner Residenztheater meine „Lokalbahn“ zum

ersten Male aufgeführt.

Es war die zweite Premiere, die die Alte mitmachte; im Sommer vorher, am

Vorabende meines Namenstages, war sie mit Herzklopfen in der

Erstaufführung meiner „Medaille“ gesessen. Als sich der Vorhang etliche

Male hob und der Verfasser sich dankend vor dem Publikum verneigen mußte

oder durfte, wie die Kritiker schreiben, da gingen ihr die Augen über, und

sie sah nicht einmal, was lieblosere Menschen bemerkten, daß ich mit

staubbedeckten Lackschuhen oben auf der Bühne stand.

Ich war zur Aufführung gedankenverloren und Träumen nachhängend durch den

Englischen Garten gegangen und hatte nicht darauf geachtet, wieviel Staub

sich auf meine Schuhe gelegt hatte. Viktor erwartete mich neben meinen

Brüdern und Schwestern vor dem Theater und konnte mir kaum die Hand zum

Glückwunsch geben, so beschäftigt war sie, die Nase zu putzen und die

Tränen abzuwischen.

Nunmehr kam die Premiere der „Lokalbahn“, und im dichtgefüllten Parkett

saß sie neben festlich gekleideten Menschen, von denen nur wenige wußten,

wieviel Anteil sie am Schicksale des Stückes nahm. Es ging wieder gut, und

nach der Aufführung fand sich eine zahlreiche Gesellschaft in den „Vier

Jahreszeiten“ zusammen. Hirth hielt eine freundliche Rede, und wir blieben

so lange beisammen, daß ich für Viktor, die sich nicht ganz wohl fühlte,

keinen Wagen mehr bekam.

Auf dem Heimwege erkältete sie sich gründlich, fuhr aber trotz Abmahnens

am andern Tage nach Allershausen, wo sie gleich von einer schweren

Influenza befallen wurde.

Ihr Herz, das ohnehin nicht fest war, wurde in Mitleidenschaft gezogen,

und nach einer Woche erhielt ich die telegraphische Nachricht, daß sie

sehr schlecht daran sei.

Als ich hinausfuhr, kam mir im Dorfeingange der Pfarrer entgegen und sagte

mir, daß es mit Viktor zu Ende gehe. Doch würde ich sie noch lebend

antreffen, denn sie habe erklärt, daß sie erst sterben wolle, wenn sie von

mir Abschied genommen habe.

Ich eilte ins Haus und stand erschüttert vor meiner alten Viktor, deren

verfallene Züge mir jede Hoffnung nahmen.

Sie lächelte freundlich und streckte mir die Hand entgegen; fast unwillig

wies sie meine weinende Schwester zurecht, da Klagen doch keinen Sinn

hätten und mir weh tun könnten.

Ich setzte mich an den Bettrand, und sie bestand darauf, daß uns Kaffee

gebracht würde.

Dann versuchte sie, sich ein wenig aufzurichten, stieß mit mir an und sah

mich aus müden, halb erloschenen Augen noch einmal freundlich und voll

Güte an.

Sie nickte zufrieden mit dem Kopfe, denn nun war’s in Ordnung, und das

Letzte, was sie gewollt hatte, war geschehen.

Bald darauf verlor sie das Bewußtsein und phantasierte.

Am Abend starb sie; die Geschichte von den Vorder-Risser Tagen war zu Ende

erzählt.

Im Frühjahr 1901 war ich zu kurzem Aufenthalte in Berlin und verlebte in

fröhlicher Künstlergesellschaft ein paar genußreiche Wochen. Die

Reichshauptstadt, die ich zum ersten Male sah, gefiel mir außerordentlich,

und es schien mir hier alles ins Große und Bedeutende zu gehen.

Ganz gewiß war vieles dazu angetan, diese Meinung hervorzurufen, aber es

lag auch in meiner Art, mich neuen Eindrücken stark hinzugeben und keine

Mängel zu bemerken, wo ich nur Vorzüge sehen wollte.

Ich war als eifriger Leser von Treitschke, Häußer, Förster, Kugler, Onken,

Archenholtz u. a. ziemlich vertraut mit preußischer Geschichte, und es

hatte für mich einen besonderen Reiz, nunmehr an Stätten zu kommen, mit

deren Namen sich mir so oft bestimmte Vorstellungen verbunden hatten.

Als eingefleischter Friderizianer erlebte ich einen eindrucksvollen Tag in

Potsdam, wo, wie kaum an einem andern Ort, noch vieles auf Geist, Wissen

und Art eines großen Mannes hinweist.

Ich möchte hier sagen, daß ich mir kein dümmeres Wort als das vom

Potsdamismus denken kann, mit dem man die Zeit Wilhelms II. mißbilligend

oder verächtlich bezeichnet hat. Das Wort trifft in gar nichts den

Charakter der Zeit und der Männer, die nach 1890 die Geschichte Preußens

lenkten. Da herrschte das gerade Gegenteil vom Potsdamismus, unter dem ich

mir die glücklichste Verbindung von Klugheit und festem Willen vorstelle,

die aus einem armen kleinen Lande einen mächtigen Staat geschaffen hat.

Wenn Äußerliches das Wesen eines großen Mannes widerzuspiegeln vermag, so

tut das Sanssouci. Alles in dem kleinen Schlosse, und nicht weniger das,

was _nicht_ darin ist, zeigt künstlerischen Takt, sich bescheidende

Weisheit, Eigenschaften, die zur wahren Größe gehören.

Und es ist auch kein Zufall, daß das schöne Bild der aufsteigenden, von

dem niedern Schlosse gekrönten Terrasse durch die in Marmor ausgeführte

Kopie des Rauchschen Denkmals stark beeinträchtigt wurde.

Wilhelm II. hat sie dort aufstellen lassen, und sie paßt wieder einmal gar

nicht hin.

Der Gefallen, den ich an Berlin gefunden hatte, blieb in mir wach, und als

sich mir im folgenden Herbste die Möglichkeit bot, auf längere Zeit

dorthin zu übersiedeln, besann ich mich nicht lange und entschloß mich,

München auf einige Zeit zu verlassen.

Freiherr von Wolzogen hatte im Januar 1901 sein Überbrettl eröffnet, und

der Erfolg des Unternehmens hatte ihn veranlaßt, in der Köpenicker Straße

ein eigenes Theater zu erbauen.

Wolzogen machte mir den Vorschlag, ich sollte gegen ein Fixum die

Verpflichtung übernehmen, jedes geeignete Gedicht zuerst dem Überbrettl

zur Verfügung zu stellen und den kommenden Winter in Berlin zu bleiben.

Außerdem sollte ich ihm zur Eröffnung des Theaters das Aufführungsrecht

der „Medaille“ überlassen.

Nach Einigung mit der Redaktion des „Simplicissimus“ nahm ich das

Anerbieten an, und schon Ende September 1901 bezog ich ein paar möblierte

Zimmer in der Lessingstraße in Berlin, ein wenig ängstlich vor der

eingebildeten Größe meiner Aufgabe in der gewaltigen Stadt und ein wenig

stolz, ihr anzugehören.

Es war wieder einmal nicht ganz so, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Das Theater in der Köpenicker Straße war noch nicht ausgebaut, gute Zeit

wurde versäumt, und als es im November eröffnet wurde, war Überbrettl

schon nicht mehr Mode, hatte Konkurrenten, und überdies hatte das Theater

in dem Armenviertel die ungünstigste Lage.

Es mußte aufreizend wirken, wenn in dieser Straße Equipagen vorfuhren und

Dämchen mit Einglasträgern ausstiegen.

Was auf der Bühne geboten wurde, war nett, aber unzulänglich und hätte

einer heiter gestimmten Gesellschaft einen Polterabend sehr vergnüglich

gestaltet, doch Berlin _W_ war nicht so harmlos, und es hatte seine

Neigung für gehobene Varietékunst bereits wieder abgelegt.

Die Konkurrenz versuchte es mit Attraktionen, und Liliencron las vor einem

Parkettpöbel seine Novellen und Gedichte vor.

Mich befiel ein schwerer Katzenjammer, als ich das hörte, und schon vor

der Eröffnungsvorstellung im Wolzogenschen Theater war ich mit allen

Illusionen fertig.

Meiner „Medaille“ ging es nicht zum besten; sie fiel nicht durch, aber sie

erregte sichtlich wenig Freude, und vor allem paßte sie nicht auf diese

Bühne.

Es war für mich nicht angenehm, den Kampf mit ansehen zu müssen, den

Wolzogen mit der Ungunst des Publikums einige Monate hindurch führte, bis

er mit einer Niederlage endete.

Ganz Berlin gab sich damals dem mächtigen Eindrucke hin, den das Lied

„Haben Sie nicht den kleinen Cohn gesehn?“ machte, und es war aus mit den

vertonten Liedern Bierbaums und Liliencrons.

Von meiner Freude an der lauten Großstadt kam ich bald zurück.

Zwar das Berlin, wie es geschäftig war, arbeitete und bei aller Hast und

Hetze Ordnung hielt, imponierte mir noch immer; erst in späteren Jahren

wurde ich mißtrauisch gegen die fixen Leute, die so viel Spektakel mit

ihrer Arbeit machten und immer neue, unmögliche Pläne und Ideen am

Telephon hatten und sich in der Pose der unter fürchterlicher Arbeitslast

Zusammenbrechenden wohl fühlten.

Aber auch schon damals sah ich Berlin, wie es sich unterhielt, mit

kritischen Augen an, und es gefiel mir nicht mehr.

Selbst in Abendgesellschaften merkte ich bei den geladenen Gästen, daß sie

einander weder Ernst noch Heiterkeit glaubten und sich kühl beobachteten.

Diese Leute waren einander fremd, kaum aneinander gewöhnt und ganz und gar

nicht miteinander verwachsen; sie konnten nur nach Äußerlichkeiten

urteilen und waren veranlaßt, ihre Art nach außen zu wenden, da sie keinen

innerlichen Zusammenhang hatten. Vom Berliner Nachtbetrieb wurde oft mit

einem gewissen Stolze gesprochen, als wäre in ihm der weltstädtische

Charakter sichergestellt und deutlich zur Erscheinung gebracht.

Ich weiß nicht, ob dieses Ziel erreicht wurde, noch weniger, ob es

irgendeinen Wert hatte.

Ich sah nur dichtgedrängte Haufen von Menschen, die das eine gemeinsam

hatten, daß sie sich fröhlicher gaben, als sie waren.

Daß der eigentliche, echte, alte Berliner viele Vorzüge habe, wurde mir

eindringlich versichert, und ich zweifelte nicht daran, weil ich es durch

den verehrten Theodor Fontane schon erfahren hatte, aber in der

Völkerwanderung, die nach 1870 von Osten her einsetzte, wurden die Modelle

Glasbrenners stark in den Hintergrund gedrängt. Mir schien es, als lebten

die Massen neben, nicht miteinander, und das Auffälligste war gerade das

Fehlen alles Charakteristischen.

Die Tunnelzeit war auch überwunden.

Daß sich die Schriftsteller regelmäßig hätten zusammenfinden können, wäre

nicht mehr denkbar gewesen, und nichts war bezeichnender für die neue

Zeit, als daß die Kritiker präponderierten. Sie waren die Berühmtheiten,

auf die sich die Aufmerksamkeit des Publikums richtete, von ihnen war am

meisten die Rede, ihr Ruhm überdauerte – was wenigen Autoren oder

Künstlern beschieden war – mehr als eine Saison. Ihre Geltung stand fest,

die der Dichter blieb schwankend zwischen den Erfolgen, konnte abflauen

und stürzen, und nach einer Niederlage sanken auch die alten Werte.

In der Premiere von Gerhart Hauptmanns „Rotem Hahn“ saß ich neben einem

literarisch „versierten“ Herrn, der mir in den Zwischenakten Anhänger und

Gegner des Dichters zeigte und zweifelnd, nach äußerlichen Merkmalen, den

Ausgang abschätzte. Die feindlichen Mächte errangen den Sieg, und das

Stück fiel durch.

Daß die Fortsetzung des „Biberpelzes“ nicht gefiel, verstand ich, aber für

die feindselige Wut, die sich um mich herum austobte, hatte ich keine

Erklärung.

Es war so, als hätten sich die Theaterbesucher für irgendeine Kränkung zu

rächen, als müßten sie einem lange zurückgehaltenen Hasse gegen den

Dichter endlich Luft verschaffen. Und doch hatten sie ihm schon oft im

gleichen Theater zugejubelt.

Gute Aufführungen konnte man damals in Berlin oft sehen, aber ich glaubte

damals wie heute, daß die Kunst, mit tüchtigen Schauspielern Stücke, die

was taugen und sich für die Bühne eignen, gut herauszubringen, für einen

geschmackvollen und klugen Mann nicht allzu schwer ist.

Später ist das ja anders geworden.

Hinter Regie- und Dekorationskünsten, hinter Turn- und Tanzleistungen

mußte sogar der alte William Shakespeare mit seinem Texte zurückstehen.

Von Schriftstellern, deren Erfolge ich einmal als Gipfel des Glückes

betrachtet hatte, sah ich nun auch etliche. Das Wetter ist nie so

schlecht, wie es sich vom Fenster aus ansieht, und die Berühmtheiten sind

nie so erhaben, wie man von weitem glaubt.

Damals stand allerdings in Berlin kein Dichter im Zenit; Hauptmann hatte

Mißerfolge gehabt, Sudermann war mit einem Schlager im Rückstande, neue

Götter gab es nicht, die Saison war flau, und Zugkraft hatte das

Unliterarische.

Der kleine Cohn – und ein Studentenstück „Alt-Heidelberg“, das verschämt

zurückgestellt worden war und nun, da man es endlich gab, in Berlin wie in

ganz Deutschland einen vollen Sieg errang.

Die Kritiker zuckten die Achseln, schüttelten die Köpfe, und zuletzt

lächelten sie wohlwollend.

_Sudermann_ lernte ich in einer Abendgesellschaft kennen. Er wollte mir

anfangs etwas zu dekorativ vorkommen, wie jener Mann in den „Fliegenden

Blättern“, den die Hausfrau stets unter ein Makartbukett setzte, aber im

Gespräche zeigte er gewinnende Natürlichkeit, und ich bat ihm heimlich das

Vorurteil ab.

Mit seinem Koätanen, dem alten Feuilletonisten _Pietsch_, trieb die

Berliner Damenwelt einen seltsamen Kultus.

Er schrieb Plaudereien über gesellschaftliches Leben, berichtete über

Bälle und Toiletten und konnte einer Schönen die begehrte Sensation

verschaffen, in der Zeitung mit einigen schmückenden Beiworten genannt zu

werden.

Das reichte hin, um ihn zum Löwen der Ballabende zu machen.

Wenn er im Saale auftauchte und mit den lustig zwinkernden Äuglein

Ausschau hielt, umringte ihn sogleich die weibliche Jugend, die zarte wie

die reifere, und schnullte den vergnügten Greis ab, nur um ja bemerkt und

genannt zu werden.

Als Zeitbild war es erwähnenswert, wegen seiner Lieblichkeit brauchte man

sich den Anblick nicht zu merken.

Wie in München, hatte ich auch in Berlin regeren Verkehr mit Künstlern als

mit Schriftstellern.

Man kam allwöchentlich im kleinen Kreise zusammen und unterhielt sich aufs

beste. Gearbeitet wurde viel, und ich konnte wohl sehen, daß man sich hier

leichter und in größeren Maßen durchsetzen konnte als in München.

Die Sezession hatte neben ihrer künstlerischen auch noch die gewisse

oppositionelle Bedeutung, da der Hof in Kunstfragen so bestimmt wie

unpassend eingriff.

Berlin _W_ trat, wie es ihm zusagte, für das Neue ein und empfand

sicherlich einigen Reiz in diesem ungefährlichen Frondieren. Überdies

glaubte man an der Spitze einer vorwärtsdrängenden Bewegung zu stehen und

tat sich was darauf zugut, Berlin als Mittelpunkt geistiger und

künstlerischer Bestrebungen zu preisen. München sollte seinen Rang als

Kunststadt verloren haben.

Das wurde freilich von Kritikern und Kunsthändlern eifriger behauptet als

von den Künstlern, die zum größeren Teile aus Süddeutschland stammten,

aber auch diese gaben sich nicht ungern der Ansicht hin.

Vielleicht entschädigte es sie für allerlei Unannehmlichkeiten ihres

Aufenthaltes, über die sie trotz allem seufzten, und die Entwicklung hat

gezeigt, daß zum Gedeihen der Kunst das Mäzenatentum allein nicht genügt,

besonders nicht eines, das so unselbständig und lenkbar ist wie das

Berlinische.

Auch da gab es Mode und Saisongeltung, und die Götter von gestern wurden

gestürzt, wenn die Götter von heute auf den Altar gehoben wurden.

Immer war eines nicht bloß das Beste, sondern das allein Gute, und der

Herr Kommerzienrat ging willig von Manet zu Cezanne, von Cezanne zu

Picasso über, nach den Dogmen, die von Kunsthändlern und Kunsthistorikern

aufgestellt wurden.

Während des Krieges, und erst recht nach seinem unglücklichen Ausgange

unter dem Eindrucke des Zusammenbruches, war viel die Rede von

Verfallserscheinungen, die verspätete Propheten in der Weltstadt Berlin

bemerkt haben wollen; davon habe ich nichts gesehen, und auch was mir

nicht gefiel, hat in mir darum noch keine düsteren Ahnungen erregt.

Ich sah in allem nur die natürlichen Folgen eines großen, schnell

angehäuften Reichtums, des Zusammenströmens aller Kräfte des Reiches in

diese Stadt, des ungeheuren Wachstums, bei dem es zur natürlichen

Entwicklung einer bodenständigen Kultur nicht kommen konnte, und obwohl es

mir in dem Treiben immer unbehaglicher wurde, übersah ich doch nicht,

wieviel guter Wille am Werke war, und wie trotz allem in diesem rastlosen

Vorwärtsdrängen und Sichausbreiten kräftiges Leben steckte.

In dieser Riesenstadt, in der alles wie am Schnürchen ging, in deren

Straßen es keine Bettler gab, keine Unordnung, keine Unreinlichkeit, die

unvergleichlich besser verwaltet war als das so viel kleinere München,

konnte man eher Hochachtung vor preußischer Tüchtigkeit empfinden als

Angst vor baldigem Verfalle.

Aber was sich nachträglich dozieren läßt, ist, daß man sich gerade in

Berlin hätte klar werden können, wie unfruchtbar Opposition ist, die sich

ausschließlich auf Kritik beschränkt.

Eine intelligente Bürgerschaft, die ihrer freisinnigen Tradition anhing,

wirtschaftlich große Erfolge errang, in der Verwaltung Mustergültiges

leistete, brachte, von jedem Einflusse auf die Geschicke des Staates

ferngehalten, gegen diese schädlichste Bevormundung und ihre verderblichen

Folgen lange nicht den Widerstand auf, den die vorhergehende Generation

einer erfolgreichen Regierung entgegengesetzt hatte.

Ja, in dem Lächeln über die zahlreichen, sehr starken Entgleisungen des

persönlichen Regiments lag verzeihendes Wohlwollen und wirklich nicht die

Erbitterung, die zur Befreiung von diesen unheilvollsten Dingen hätte

führen können.

Der gutmütige Spott, mit dem man die Aufstellung der das Stadtbild

verunzierenden Denkmäler hinnahm, wandte sich schonend gegen die

Planlosigkeit der inneren wie der äußeren Politik und verkehrte sich nicht

selten in ein beifälliges Schmunzeln über tönende Phrasen.

Welche ängstlichen, unschönen Rücksichten selbst solche Männer im Bann

halten konnten, die mit ihrer Opposition ein bißchen kokettierten, hatte

ich schon im Frühjahr 1901 gesehen.

Die Eröffnung einer Ausstellung der Sezession wurde durch ein Festbankett

gefeiert, und es waren schon etliche Worte gegen höfische Kunst gefallen,

als sich aus der Mitte der Gäste unser Münchner _Georg von Vollmar_ erhob

und eine kluge, sehr gemäßigte Rede hielt.

Die Aufnahme war freundlich, aber es gab bei allen näher oder offiziell

Beteiligten derart betretene Mienen, daß es auffallen mußte.

Vollmar sagte zu mir: „Sehen S’, denen is mit ihren geschmerzten

Redensarten über freie Kunst nicht ernst; denen wär nix lieber, als wenn

der Kaiser kommet, und wär er da, könnt er über die Rinnsteinkunst sagen,

was er möcht, sie hätten alle miteinander die größte Freud drüber ...“

Es zeigte sich, daß er noch mehr recht hatte, als er vielleicht selbst

glaubte. Gleich nach der Rede sah man Herren, die von einem Tisch zum

andern gingen, eifrig einander in die Ohren tuschelten – und am Abend, als

ich noch mit einigen Häuptern der Sezession in einem Kaffeehause saß,

griffen diese begierig nach den Abendzeitungen und stellten aufatmend

fest, daß in den ausführlichen Berichten über die glänzende Eröffnung der

Ausstellung die Anwesenheit des sozialdemokratischen Führers und seine

Rede mit keinem Worte erwähnt waren.

Man hatte die Berichterstatter oder Redaktionen durch Bitten dazu

gebracht, daß sie das kompromittierende Ereignis totschwiegen.

Dabei hatten sich die Herren seit Jahren darin gefallen, die allerhöchste

Abneigung gegen die moderne Kunst als Aushängeschild zu gebrauchen, und

die größeren wie die kleinen Kapazitäten hatten gerne gezeigt, wie sie

ihre Unbeliebtheit lächelnd und stark zu ertragen wüßten.

War es auch kein erschütterndes Ereignis, so zeigte es doch als Beispiel

aus vielen, und auch darin, daß sehr ernsthafte und bedeutende Männer die

Schwäche bewiesen, wie sehr die Ausartung des persönlichen Regimentes in

den Fehlern der Regierten begründet war.

Gegen eines lehnte ich mich auch damals schon auf: daß immer wieder betont

wurde, der Kaiser habe den besten Willen, meine es gut und vergreife sich

nur in den Mitteln.

Es gab in Berlin sehr viel gut Unterrichtete und Eingeweihte, die ihren

Herrscher zu ehren glaubten, wenn sie mit Bonhomie versicherten, er möchte

wohl, aber er könne nicht.

Männer, die in ihrem Wirkungskreise das Beste leisteten und die bei keinem

ihrer Angestellten den Willen für die Tat hätten gelten lassen, hegten

keine Bedenken über das Schicksal des Landes, wenn die größten politischen

Fehler nicht aus Böswilligkeit begangen worden waren.

Das wurde zum üblen Schlagworte, bei dem sich allzu viele beruhigten.

In Wirklichkeit stammte die Zufriedenheit oder dieser Mangel an Auflehnung

aus Saturierung durch guten Verdienst und glänzende Geschäfte.

Die Sozialdemokratie aber – das habe ich damals geglaubt, und heute bin

ich erst recht davon überzeugt – hat den Angriff gegen die gefährlichen

Schadenstifter abgeschwächt, von ihnen abgelenkt durch maßlose und

doktrinäre Polemik gegen den Kapitalismus.

Das alles ließ sich um das Jahr 1902 in Berlin schon sehr eingehend

beobachten. Ich will nicht behaupten, daß ich mich hellseherisch argen

Befürchtungen hingab, doch habe ich mich darüber zuweilen geärgert und

meinem Ärger auch unbekümmert Ausdruck verliehen.

Für die ersten Tage des März 1902 hatte Langen eine Zusammenkunft in

Zürich anberaumt, und ich folgte gerne der Einladung, die meinem Berliner

Aufenthalte ein Ende bereitete.

Von meiner heftigen Neigung für die Weltstadt war ich abgekommen, und ich

saß recht undankbar vergnügt in dem Zuge, der mich an Kiefernwäldern und

Windmühlen vorbei nach dem Süden führte.

Von Zürich aus reiste ich mit Langen nach Paris, wo ich zwei schöne

Frühlingsmonate verlebte. Hier, wo jede Einzelheit zum Ganzen gehörte, wo

zwischen allen Menschen unsichtbare und doch starke Zusammenhänge

bestanden, begriff ich erst recht, wie erkältend gerade der Mangel daran

in Berlin auf mich gewirkt hatte.

Bei Langen lernte ich _Rodin_, _Carrière_, _Besnard_, _Steinlen_ und den

fröhlichen Norweger _Thaulow_ kennen; die Stunden, die ich mit ihnen

verleben durfte, werden mir unvergeßlich bleiben.

Besonders gern rufe ich mir einen Besuch in Rodins Atelier in Erinnerung,

und nicht bloß wegen der Kunstwerke, die ich sah, fast noch mehr wegen der

Art, wie der Meister alles zeigte und erklärte, wie er mit einem stillen

Lächeln über den Enthusiasmus Langens wegsah und ruhig und verbindlich auf

das Wesentliche zurückkam.

Ein Denkmal Victor Hugos, der dargestellt war, wie er nackt an einer

Quelle liegt und träumend auf ihr Murmeln horcht, erregte die laute

Bewunderung Langens. Er sprach seine Empörung darüber aus, daß die Stadt

Paris dieses Monument abgelehnt und statt seiner einen schauderhaften

Kitsch aufgestellt habe.

Rodin lächelte nur und zog die Achseln hoch.

Zu den täglichen Gästen in Langens Haus gehörte der entlassene

Oberstleutnant _Picquart_, der im Dreyfus-Prozeß berühmt geworden war.

Ein stiller Mann von zurückhaltendem Wesen und verbindlichen Manieren, der

nicht gerade typisch französisch aussah; der Eindruck verstärkte sich,

wenn er tadellos Deutsch ohne jeden Akzent, und noch mehr, wenn er

elsässisch Dütsch sprach.

Er beobachtete viel und sprach wenig, und er war mir mit seiner

schweigsamen, nachdenklichen Art fast unheimlich; er muß, wenn er dazu

gebraucht worden ist, als Spion in Deutschland die besten Dienste

geleistet haben.

Langen sagte einmal zu ihm: „Sie haben sicher bei uns mehr gesehen, als

Sie sehen durften.“

„Man sieht nie genug“, antwortete Picquart ruhig.

Von der deutschen Armee sprach er immer mit großer Hochachtung.

Als aus irgendeinem Anlasse die Rede auf 1870 kam, sagte er, man dürfe

froh sein, daß die französischen Truppen nicht über den Rhein gekommen

seien; sie wären nicht zu halten gewesen, denn von deutscher Zucht und

Disziplin sei bei ihnen kaum etwas zu finden gewesen.

Damals war gerade der englische General Methuen von Delarey

gefangengenommen worden, aber als man bei Tische Befriedigung über diesen

Erfolg der Buren äußerte, sagte Picquart kurz und bestimmt: „In sechs

Wochen ist die Sache trotzdem zu Ende.“

Es hat fast auf den Tag gestimmt.

Über den Dreyfus-Prozeß wurde noch immer viel gesprochen, besonders wenn

_Paul Clemenceau_, ein Bruder des Tigers, anwesend war.

Picquart beteiligte sich selten an dem Gespräche, doch einmal sagte er:

„Man wollte mich im Gefängnisse umbringen, und man hätte es auch sicher

getan, wenn ich nicht kurz vor meiner Verhaftung die Erklärung

veröffentlicht hätte, daß ich unter keinen Umständen, geschehe was wolle,

Selbstmord verüben würde. So konnte man keinen Selbstmord vortäuschen, wie

bei Henry, und scheute sich, mich um die Ecke zu bringen.“

_Georges Clemenceau_, der damals ohne Mandat war und für den Senat

kandidierte, sagte, wie uns sein Bruder erzählte: an dem Tage, wo er

Ministerpräsident werde, erhalte Picquart das Portefeuille des

Kriegsministers.

Es klang nach wenn und aber, und war zwei Jahre später Tatsache.

Picquart ist ziemlich lange vor dem Kriege gestorben; gab es französische

Heerführer, die Deutschland und seine Armee so gut kannten wie er, dann

waren sie gefährliche Gegner.

Bald nach meiner Ankunft in Paris kam auch der dänische Maler _Kröyer_ zu

Langen.

Der rotblonde Skandinave, ein trinkfester, gemütlicher Herr, schloß sich

mir an, und wir wurden gute Kameraden, besonders als Langen mit seiner

Familie eine länger währende Automobilfahrt nach Spanien unternahm. Wie

wir allein waren, hielt Kröyer in seiner umständlichen und feierlichen Art

eine Rede an mich: „Thöma, ich kann nicht allein hier essen, und du kannst

nicht allein hier essen. Ich glaube aber, wir finden in ganz Paris kein so

gotes Wirtshaus und kein so gotes Essen, und jedenfalls kein so billiges.

Wir wollen uns also jeden Tag pünktlich hier treffen, Mittag und Abend und

zusammen essen, und dann kann jeder gehen, wohin er mag ...“

So hielten wir es auch, und wir saßen jeden Tag bei Langen und gaben dem

Diener Josèphe unsere Wünsche für die nächste Mahlzeit bekannt.

Zu einem Glase guten Bordeaux rauchten wir Importen, die auch nirgends so

gut und billig waren wie in der _Rue de la Pompe_.

Langen kam nicht aus dem Lachen heraus, als ich ihm nach seiner Rückkehr

von unseren pünktlich eingehaltenen Zusammenkünften erzählte.

Die Schilderungen Josèphes und ein paar leere Zigarrenkisten gaben die

Illustrationen dazu ab.

Mein Weg führte mich fast täglich ins nahe Bois de Boulogne.

Ich wußte nichts Schöneres, als ein paar Stunden unter den grünenden

Bäumen zu sitzen, in dieser Mischung von lauen Frühlingslüften und zartem

Parfüm.

Die große Welt und die Halbwelt rollten in eleganten Equipagen an mir

vorüber, Wagen an Wagen, aber man sah nichts gewollt Auffälliges, hörte

keinen Aufsehen erregenden Lärm, es war überall wirkliche Heiterkeit, die

nicht auf Zuschauer berechnet war, und wie Geläute von kleinen silbernen

Glocken drang aus den Kaffeegärten das Lachen der Frauen herüber.

Aber wenn ich an stillen Frühlingsabenden auf den gepflegten Wegen

spazierenging und die Amseln pfeifen hörte, überkam mich doch das Heimweh.

Es war mir erst recht wohl, als ich etliche Wochen später in Finsterwald

vor dem Sixbauernhause saß. Und roch es auch nicht nach zartem Parfüm und

klang es auch nicht nach silbernen Glöckchen, die Frühlingsluft wehte

stärker, derber und gesünder um mich.

_Schlenther_, damals Direktor des Burgtheaters, hatte meine „Lokalbahn“

zur Aufführung angenommen, und so stand ich eines Abends im Januar 1903

vor dem Wiener Prachtbau, sah Equipagen heranrollen, geputzte Damen und

festlich gekleidete Herren aussteigen und ins Theater eilen, um meiner

Premiere beizuwohnen.

Ich stand hinter einer Säule und schaute ihnen zu.

Ein in diesem Augenblicke vielleicht seltsames Gefühl von Gleichgültigkeit

und Verlassenheit kam über mich.

Ging’s gut oder schlecht, was konnte es mich viel kümmern?

Die liebsten Menschen, denen dieser Abend bedeutsam gewesen wäre, lebten

nicht mehr, und ich hatte recht eigentlich niemand, der ein tieferes

Interesse am Ausgange genommen hätte.

Ich dachte daran, wie es wohl meiner Mutter zumut gewesen wäre, wenn sie

mich vor dem berühmten Theater der alten Kaiserstadt unmittelbar vor der

Aufführung meines Stückes gesehen hätte.

Wie ein unglaubwürdiges Glück wär’s ihr vorgekommen, wie eine märchenhafte

Fügung des Schicksals, das den Buben aus der Vorder-Riß in dieses marmorne

Prachtschloß geführt hatte.

Und war’s auch nicht so ganz wundersam, wie sie es empfunden hätte,

merkwürdig war es doch, und das Erreichen eines Zieles war es doch, und

darum zog es mir das Herz zusammen, daß ich mich nicht darüber freuen

konnte.

Es schneite in dichten Flocken, und ich stand immer noch hinter der Säule

und träumte vor mich hin. Die letzte Equipage war längst weggefahren, ein

paar verspätete Fußgänger eilten noch ins Theater, als ich mich aufmachte

und hinter die Bühne ging.

Man führte mich in die Direktionsloge, da der Autor im Burgtheater erst

nach dem zweiten Akte erscheinen durfte. Schlenther war über meinen

Gleichmut erstaunt und sagte mir hinterher beim herkömmlichen Glase

Pilsner, Kaltblütigkeit in Ehren, aber so was von Wurstigkeit sei ihm doch

noch nicht vorgekommen.

Ich mochte ihm die Gründe nicht sagen, warum ich still war, und ließ ihn

bei seiner Ansicht.

Die „Lokalbahn“ hatte Erfolg und wurde ziemlich oft aufgeführt; aus den

Kritiken erfuhr ich, daß das Lustspiel nicht von überwältigender Bedeutung

wäre.

Ich hatte es schon vorher gewußt, und recht eigentlich wollte ich auch gar

nicht überwältigen.

Ich lernte in Wien _Schönherr_ und _Pernerstorfer_ kennen, _Busson_ war

mir schon befreundet.

_Schönherr_, in Art und Sprache ein echter Nordtiroler, redet nicht mehr,

als man um Imst und Stams und Telfs herum zu reden pflegt, hie und da ein

bedächtiges Wort.

Sehr lebhaft war der alte _Pernerstorfer_, der merkwürdigste

Sozialdemokrat, den ich gesehen habe. Denn er war ganz und gar völkisch

bajuvarisch und sagte mir einmal ums andremal, daß die Ober- und

Niederösterreicher, Steirer und Oberkärntner waschechte Bajuvaren wären,

genau so vollgültig wie wir hinter unsern weiß-blauen Grenzpfählen.

Ich mußte mit ihm das Parlamentsgebäude ansehen, und er zeigte mir die

historischen Stätten, wo zappelnde Volksboten an Händen und Füßen

ergriffen und hinausgetragen worden waren und wo der Bahöll immer zum

Staatsereignisse wurde.

Als ich neben ihm durch die Gänge schritt, merkte ich was von der

Krakeelstimmung, die hier herrschte. Man wurde so grimmig fixiert wie an

scharfen Ecken in kleinen Universitätsstädten, drohende Blicke richteten

sich auf mich, und ich hätte gleich ein paar Kontrahagen haben können,

weil ich mit Pernerstorfer ging.

Als mein Mentor führte er mich in eine Frühschoppengesellschaft, die mich

kennenzulernen wünschte; darunter war auch ein Benediktiner, der von

seinem Kloster beurlaubt war und an der Universität Geschichte lehrte.

Ich fühlte mich damals wie später heimisch in dieser Atmosphäre herzlicher

und jovialer Teilnahme.

Was waren _Pötzl_, _Chiavacci_ und andere Altwiener für schlichte,

natürliche Menschen!

Sie stammten aus einer andern Zeit, in der man sich gemeinsamen Strebens

bewußt geblieben war, und in der einer den andern hatte gelten lassen.

Das Theaterwesen in Wien war, wie ich damals und später bemerken konnte,

recht verschieden von dem Berlinischen. Das Ausleihen der Schauspieler,

das Starsystem, das Setzen auf Saisonschlager und Serienspiel gab es

nicht; um illustre Direktoren und Regietalente kümmerte man sich weniger

als um die Künstler, von denen jeder bekanntere eine große Gemeinde hatte.

Die höchste Verehrung genoß neben Girardi mit Recht der alte _Baumeister_

am Burgtheater, der mich als Richter von Zalamea verstehen lehrte, wie

hoch die feine, diskrete Schauspielkunst einer früheren Zeit gestanden

hatte.

_Schlenther_, einst Bahnbrecher der Moderne und strenger Kritiker,

Ostpreuße und gar nicht auf Wien zugeschnitten, war als

Burgtheater-Direktor in einer falschen Lage, was ihm auch häufig von den

Zeitungen bestätigt wurde.

Die einst nachdrücklich betonten Prinzipien und Lehrsätze konnte er nicht

verwirklichen; kaum etwas von dem, was er verlangt hatte, konnte er selbst

erfüllen.

Zwischen Untunlichkeiten und Rücksichten war er eingeklemmt. Dabei mußte

er die Empfindung haben, daß er Usurpator war oder Platzhalter. Denn der

richtige, echte Burgtheater-Direktor saß in Hamburg, Herr von _Berger_,

und es war bloß eine Frage der Zeit, wann er seinen Einzug halten und den

falschen Waldemar entthronen würde.

Ich glaube, daß Schlenther herzlich froh war, als er wieder als P. S. mit

Strenge seines Amtes walten und als Kritiker den Direktoren zeigen konnte,

was der Direktor den Kritikern nicht hatte zeigen dürfen. Damals aber

mußte er immer wieder die düstere Frage anhören, was er mit dem Geiste des

alten Burgtheaters angefangen habe.

Er hat ihn wirklich nicht verscheucht, allerdings er hat ihn auch nicht

herzitiert.

Der Gute blieb verschwunden; irgendwas im neuen Wien mißfiel ihm so, daß

er nicht mehr darin umgehen mochte. Vielleicht hat ihn das neue Haus

vertrieben, vielleicht der Operettenblödsinn; jedenfalls, er kam nicht

wieder, und auch an die Nachfolger Schlenthers, den echten Thronerben

nicht ausgenommen, mußte die peinliche Frage gestellt werden.

Wien war für uns Süddeutsche noch immer die Hauptstadt geblieben, der Sitz

der Freude, des Reichtums, des Wohllebens, das Ziel der Wünsche.

Auch meine Phantasie hatte die Stadt mit Reizen geschmückt, und oft hatte

ich mich hingeträumt, wenn ich als Rechtspraktikant auf dem Traunsteiner

Bahnhof stand und in den eleganten Kupees Reisende auf schwellenden

Polstern sitzen sah. Wenn ich jetzt in der Dämmerstunde die

Rothenthurmstraße und den Graben entlangschritt, konnte ich mir gestehen,

daß mir das Leben mehr gehalten als versprochen hatte.

Von dem alten Wien, das ich aus vergilbten Bänden von „Über Land und Meer“

und aus Beschreibungen Hackländers kannte und liebte, fand ich nicht mehr

vieles, aber ich stieß doch auf einige Kneipen, die gemütliche Namen

trugen, und in denen man sich in die Nestroyzeit zurückversetzt fühlen

konnte.

Und der schönen Stadt, die zwischen Waldhügeln und Weinbergen gebettet

liegt, ist eine Eigenart geblieben, die ihr auch moderne Architekten nicht

nehmen können.

Der Premiere in Wien war die in Stuttgart vorausgegangen. Im Spätherbste

1902 besuchte ich zum erstenmal die schwäbische Residenz, in die mich der

Staatsanwalt späterhin öfter als Angeklagten holte.

Ich lernte dabei _Friedrich_ und _Conrad Haußmann_ kennen und durch sie

einige andere Führer der demokratischen Partei, _von Payer_, _Liesching_

u. a. Und ich trat in Beziehungen zu einem regen politischen Leben, das

für mich als Altbayern neu und ungewohnt war, denn bei uns drehte sich

doch viel oder alles um ausgeleierte Gegensätze. Wenn ich es vermeide,

über Lebende ein Urteil abzugeben, darf ich doch von dem nachhaltigen

Eindruck sprechen, den _Friedrich Haußmann_, der vor mehr als zehn Jahren

gestorben ist, auf mich gemacht hat.

Er war der stillere von den beiden Zwillingsbrüdern, die in ihrem Äußeren

wie in ihren Meinungen, in ihrer beruflichen wie in ihrer politischen

Tätigkeit die auffälligste Ähnlichkeit miteinander hatten.

Friedrich war minder lebhaft, und wenn sein Bruder meinen oft zu bestimmt

vorgebrachten Ansichten widersprach oder beipflichtete, hörte er lächelnd

zu.

Meine Laufbahn vom Anwalt herüber zum Schriftsteller sprach ihn an, da er

selbst Neigung und Beruf zum literarischen Schaffen in sich fühlte.

An der Art, wie ich über die Schnur zu hauen pflegte und nicht leicht

einem Dinge seine zwei Seiten ließ, hatte er Vergnügen, wenn er sie auch

nicht als die einzig richtige gelten ließ. Ein gradsinniger und gütiger

Mann, hielt er sich selbst vom raschen Urteil zurück, aber er war dabei in

seinen Ansichten unverrückbar fest gerichtet; und gegen alles, was einer

Überheblichkeit und dem Willen zur Unterdrückung ähnlich sah, konnte er

trotz der Milde seines Wesens eine Schärfe zeigen, die jedes Paktieren

ausschloß. Er erschien mir als der geborene Führer, als ein Mann, der den

Willen vieler zu leiten berufen war und dem viele unbedenklich überall hin

folgen durften.

Weder Eiferer noch Phantast, zeigte er im Angriffe wie in der Abwehr den

schalkhaften Humor, der aus tiefem, gütigem Verstehen kommt und immer

Überlegenheit gewährt.

Daß ein Mann wie er zeitlebens in Opposition gegen die Reichsregierung und

ihre Politik stehen mußte, beweist deutlich, wie verfehlt das System war.

In Stuttgart hatte der „Simplicissimus“ vom ersten Tage seines Bestehens

an eifrige Freunde, und es lag in der schwäbischen Freimütigkeit

begründet, daß Saftigkeit des Ausdruckes und Schärfe des Angriffs hier

keine Schauer des Entsetzens erregten.

Man verstand hier besser als manchenorts, daß sich hinter dem Spotte ein

ernster Unwille, den man teilte, verbarg.

Schon darum war die gerichtliche Entscheidung, daß Stuttgart, wo der

„Simplicissimus“ gedruckt wurde, zuständig sei, für die Redaktion günstig.

Ein Verfahren mit solchen Mitteln, wie man sie in Leipzig für zulässig

gehalten hatte, war hier ausgeschlossen. Es kam allerdings zu einer Reihe

von Strafverfolgungen, aber die Verhandlungen wurden sachlich geführt, und

sie blieben frei von dem behördlichen Entsetzen über die ganze Richtung.

Es handelte sich immer um den gegebenen Fall, und war Anlaß zu Strafen

gegeben, so griffen die Richter nicht zimperlich ein. Freilich, auf sechs

und sieben Monate Gefängnis erkannten sie nicht; es fehlte ihnen an der

Schadenfreude, mit der man in Sachsen beschwingten Meinungen die Federn

ausrupfte.

Man war ruhig, manchmal ein wenig nüchtern.

Ich erinnere mich eines Vorsitzenden, der seine liebe Not hatte mit den

getragenen, in die Höhe strebenden Ausführungen literarischer

Sachverständiger; er zog sie immer wieder aus der Region freiheitlicher

Gedanken auf den Boden der Tatbestandsmerkmale nieder.

Es handelte sich um eine Beleidigung der Sittlichkeitsprediger, und bei

dem Thema konnte man warm werden.

_Ludwig Ganghofer_, der als sachverständiger Zeuge vor den Schranken

stand, wurde warm und schlug mit der Faust auf den Richtertisch, daß die

Tintenfässer klirrten; die Richter waren erstaunt, aber nicht gerührt, und

brummten mir sechs Wochen auf.

Meine Stellung als Angeklagter konnte mir sonderbar scheinen in Erinnerung

an vergangene Jahre, wo ich als Protokollführer oben auf dem Plateau der

Erkenntnis oder unten im Anwaltstalar gesessen hatte.

Nach einer Stuttgarter Verhandlung, in der die Rede war von Ludwig Pfau,

vom Rechte der politischen Satire und von ihren Aufgaben, vom Kampfe für

die Freiheit der Meinungen, war die Begründung des Freispruches noch nicht

beendet, als ein junger Landstreicher hereingeführt wurde und meinen Platz

einnahm.

Haußmann sah mich lächelnd an, das Publikum kicherte, und ich dachte an

den Wandel des Schicksals.

Meine Erlebnisse im Gerichtssaale liegen nach der Zeit, von der ich

erzähle.

Vom Herbste 1902 ab war ich wieder eifriger in der Redaktion des

„Simplicissimus“ tätig.

Obwohl ich als Anfänger mit dem Erfolge der „Lokalbahn“ zufrieden sein

konnte, fühlte ich keinen Drang in mir, festen Fuß auf der Bühne zu

fassen. Erst sechs Jahre später versuchte ich es wieder mit der „Moral“.

Ich kam bis zum Herbste 1904, wo ich meinen „Andreas Vöst“ begann,

überhaupt nicht zu größeren Arbeiten, schrieb kleinere Erzählungen, die

Erlebnisse eines Lausbuben, später den „Heiligen Hies“.

Der Tod der alten Viktor wirkte lange auf mich nach, um so mehr, als er

für mich den Verlust des letzten Stückes von Heim und Häuslichkeit

bedeutet hatte.

Ich war nicht gerne allein und suchte Zerstreuung, ging auch mehr in

Gesellschaft als früher.

Gerne schloß ich mich an _Ludwig Ganghofer_ an; eigentlich war es

sonderbar, daß wir uns nicht früher gefunden hatten, denn schon von

Großvaters Zeiten her hatte es zwischen unsern Familien Beziehungen

gegeben, und beide Schriftsteller, beide Jäger, beide aus sehr ähnlicher

Umgebung stammend, hätten wir uns in Wien sicherlich sofort, in Berlin

bald einander genähert. In München lebt aber jeder auf seiner Insel.

Er lud mich in sein Jagdhaus Hubertus ein, wo ich schöne Wochen verbrachte

und wo mir Umgebung und Leben alte Kindererinnerungen an weltverlorene

Bergtäler wachriefen.

Im Frühjahr 1903 machte ich mit _Wilke_ und _Thöny_ eine Radtour über

Mailand, Genua, die Riviera entlang, dann zurück über Pisa nach Florenz,

wo wir etwa sechs Wochen blieben. Ich bin die folgenden elf Jahre bis zum

Ausbruche des Krieges in jedem Frühling nach Italien gereist, habe manche

Freude dort gefunden, aber nie mehr habe ich sie mit der sorglosen

Fröhlichkeit ausgenossen wie bei jenem ersten Male.

[Illustration: Thoma und Ganghofer]

Von der Riviera allerdings war ich nicht in dem üblichen Maße entzückt;

das schönste war die Fahrt bergauf, bergab die Küste entlang durch die

kleinen Nester. Am lauen Abend, nachdem einen tagsüber die Sonne tüchtig

verbrannt hatte, durch Pinienwälder zu fahren, tief unten das Meer gegen

die Felsen branden zu hören, das war wundervoll.

Und wie war man in eine andere Welt versetzt, wenn man durch die engen

Gassen der Fischerdörfer schritt, an den Gruppen schwatzender Menschen

vorbei, die einen neugierig betrachteten.

Bunte Farben, das Trällern eines Liedes und immer wieder der Lärm eines

Orgelklaviers, der einem lange nachfolgte, das alles mutete einen fremd

und wieder vertraut an, wie etwas, das man sich in Sehnsucht so ausgemalt

hatte.

Weiterhin, etwa nach _Albenga_, wurde es schon zu sehr Hotelpepinière, um

anzusprechen, und die Landschaft, immer tiefes Blau und grelles Weiß,

ermüdete den Blick; am wenigsten gefielen mir die vielgerühmten Palmen.

In Bordighera, das damals noch nicht auf großen Fremdenverkehr

eingerichtet war, fanden wir in einer deutschen Pension gutes Unterkommen,

blieben etwa eine Woche und besuchten das Paradies der Faulenzer und

Gauner, Monte Carlo, das mich nicht bloß enttäuschte, sondern auch

gründlich anwiderte.

Ich hatte ein recht unangenehmes Gefühl, weil ich nicht von dem Eindrucke

loskam, daß diese aufdringliche Eleganz um mich herum zum großen Teil mit

gestohlenem und unterschlagenem Gelde bestritten war; und wenn ich auch

nicht an Prüderie kränkelte, so fand ich es keineswegs erhebend, von einer

Gesellschaft umgeben zu sein, in der man die Diebe längst nicht mehr an

den Fingern zählen konnte. Als ich das in einem Feuilleton so schilderte,

wie ich es empfunden hatte, und die Meinung vertrat, der erhabene Fürst

von Monaco, der von der Spielbank ausgehalten wird, lebe von recht

unschönen Mitteln, kanzelte mich ein Journalist in einer Berliner Zeitung

ab. Es sei unerträglich spießbürgerlich, sich als deutscher Moralphilister

dagegen aufzulehnen, daß die amerikanischen Milliardäre in diesem

Paradiese ihre Dollars sitzen ließen. Vielleicht kamen die Yankees

zuweilen nach Monte Carlo; ihre Anwesenheit machte nichts besser, aber

jedenfalls gaben sie dem Leben dort nicht das Gepräge. Ganz gewiß stellten

das größte Kontingent Betrüger und Leichtsinnige, und auf sie war auch der

ganze Betrieb zugeschnitten, auf sie machten die kostümierten Kokotten und

die Händler mit Schwindelwaren Jagd. Gewiß auch auf zahlreiche Neugierige

und Dumme, die sich Romane zusammengeträumt hatten vom großen Leben, das

in Monaco berückend schön und angenehm gruselig anzustaunen sei. Am Ende

war es nichts als ein Markt der Gemeinheit, und ein recht langweiliger

obendrein.

Es kam mir auch so vor, als hätte _tout Berlin_, das sich im Vorsaale

drängte, den eigentlichen prickelnden teuflischen Reiz vermißt.

Wenigstens versicherte mir das Herr _Alfred Holzbock_, der plötzlich vor

mir auftauchte, ganz so wie auf einem Berliner Balle, wo er den

ausgelassenen Champagnergeist im ganzen Saale wie eine Stecknadel suchte

und nicht fand.

Die Fahrt nach Florenz führte uns über Sestri Levante aufwärts durch

entlegene Apenninendörfer, in denen wir manches anmutige und wieder

belustigende Erlebnis mit dem neugierigen und naiven Volke hatten. Wilke

hatte eine Kurbel abgetreten, und wir mußten in einem kleinen Dorfe

haltmachen und versuchen, den Schaden reparieren zu lassen. Unsere

Zweifel, ob das wohl in diesem Neste möglich wäre, zerstreute der Wirt,

der uns mit großen, ausholenden Gesten und in feuriger Rede versicherte,

es wäre der beste Mechaniker des Landes im Orte.

Wir brachten das Rad zu dem berühmten Künstler und ließen es uns in der

Wartezeit wohl sein bei den trefflichen Makkaronis, die uns der

Herbergsvater vorsetzte.

Wir mußten ihm viele Fragen nach unserer Herkunft, unserem Berufe, unseren

Reiseplänen, auch nach dem Leben, das man in dem hyperboräischen

Deutschland führe, beantworten; er hatte gehört, daß es auch dort trotz

unwirtlicher Kälte viele Menschen, große Städte und sonderbarerweise

ungemessenen Reichtum gebe.

Wir erzählten ihm Wahres und Unwahres und mehrten seinen Respekt vor den

Nordmännern, die im Gelde schwimmen und trotzdem in der frostigen Gegend

wohnen bleiben.

Ein paar Stunden später kam die ganze Einwohnerschaft die enge Gasse

herunter zum Wirtshaus gezogen, Männer, Weiber, Kinder, alles was gehen

konnte und Zeit hatte, und Zeit hatten sichtlich alle.

Voran schob triumphierend der Mechaniker das Rad Wilkes und übergab es

feierlich dem Wirte, der es uns mit sichtlichem Stolze vorwies. Hatte er

zuviel gesagt, daß der trefflichste Künstler des Landes in seinem

Heimatorte zu finden sei?

Dann hielt er von der Freitreppe herunter eine Ansprache an die Einwohner,

sagte ihnen, daß wir von weit her, aus dem großen Monaco di Baviera, nach

dem schönen Italien gefahren wären, um uns an den Reizen dieses einzigen

Landes zu erfreuen, daß wir nach dem altberühmten Florenz reisen wollten,

wo reiche Menschen aus allen Ländern der Erde zusammenkämen, um die

Kunstschätze zu bewundern. Er wünschte uns Glück zur Fahrt, schöne Tage

und fröhliche Heimkehr. Die ganze Dorfschaft hörte andächtig zu und

klatschte am Schlusse lebhaft Beifall, winkte uns zu und rief uns

glückliche Reise nach, als wir aufstiegen und weiterfuhren.

Diese Leute waren so unverbildet, gutmütig und neugierig wie Kinder; und

wie sie fand ich noch viele, ja eigentlich alle, besonders auf dem Lande.

Wie leicht hätte es sein müssen, mit ihnen stets im Frieden zu leben –

wenn es in Italien keine abgefeimten Advokaten und in Deutschland keine

Diplomaten und Esel gegeben hätte.

Wie sonderbar aber die Ansichten über Volk und Land verbildet waren, das

sah ich ein paar Wochen später in Florenz, als ein Tiroler Arzt uns mit

sichtlichem Entsetzen fragte, ob es denn wahr sei, daß wir zu Rad durch

die Apenninentäler gefahren wären.

Und er wollte es kaum glauben, daß wir das Wagnis ohne Abenteuer, ohne

gefährliche Begegnungen mit Räubern bestanden hätten.

Ein Jahr später beschwor mich ein römischer Hotelier, ein geborener

Italiener, ich möchte doch um Gottes willen von dem Plane abstehen, allein

durch die Campagna gegen Amelia hin zu fahren, da ich sonst bestimmt

Räubern in die Hände fiele.

So glücklich wirken die Zeitungen, und so bringen sie die Menschen

einander näher.

Ich habe gerade auf jener Fahrt durch Umbrien und Toskana unter dem

Landvolke die höflichsten, gastfreundlichsten Menschen gefunden, die

kennenzulernen ebenso angenehm wie lehrreich war.

Denn Abkömmlingen Fra Diavolos bin ich nirgends begegnet.

Nach einer heiteren, durch ihre Sorglosigkeit beglückenden Fahrt ins

Unbekannte hinein, die uns auf Schritt und Tritt noch mehr als die mit

Sternen versehenen Baedekerwunder bot, überließen wir uns in Florenz mit

freudigem Verständnisse dem Faulenzen und Schlendern, das sich in dieser

Stadt zur wirklichen Kunst ausgebildet hat.

Wir suchten nicht mit unschöner Hast die Museen ab, wir besorgten das mit

gelassener Ruhe, ohne Gewissensbisse, wenn wir es einmal an einem

Vormittage versäumt hatten; wir lernten auf gut florentinisch, mit den

Händen in den Hosentaschen, an einer schwärzlichen Toskana schnullend,

durch die engen Gassen bummeln, an den Ecken stehen, wir spielten Boccia

mit kleinen Handwerkern, wir schütteten gewandt wie die Ureinwohner das Öl

aus den langhalsigen Fiaschis ab, um uns den trefflichen Chianti

einzuschenken, wir wurden Kenner der Tortellini und Spaghetti und lernten

diese widerspenstigen Nudeln elegant um die Gabel wickeln.

An einigen Mitgliedern der deutschen Künstlerkolonie fanden wir gute

Berater und Wegweiser im süßen Nichtstun, und fast jeden Abend saßen wir

im Keller des Palazzo Antinori, wo man zur Weltweisheit und

Kunstgeschichte ziemlich viel Rotwein trank.

Wir waren bald Stammgäste und konnten uns an dem Empfange beteiligen, den

man dem _General von Mussinan_ bereitete, als er auf seiner Hochzeitsreise

nach Florenz gekommen war und der Einladung der würdigen Künstlerkolonie

folgend in unseren Keller hinunterstieg. Leere Fässer dienten als

Trommeln, Gießkannen als Trompeten, als sofort bei seinem Erscheinen der

Mussinanmarsch intoniert wurde; alle bemühten sich, dem alten Soldaten

einen guten Begriff von deutscher Künstlerfröhlichkeit zu verschaffen, als

sich Wilke erhob und ganz in der Manier eines Oberlehrers mit

unerschütterlichem Ernste einen Vortrag über die Entstehung Fiesoles

hielt. Der General hörte mit Aufmerksamkeit zu, bis man ihm ins Ohr

flüsterte, daß dieser sich als Gelehrter gehabende Herr ein Mitarbeiter

des „Simplicissimus“ sei und den größten Blödsinn auftische.

Unter den Künstlern, mit denen wir täglich verkehrten, war einer, der bei

knappen Mitteln unbekümmert in den Tag hineinlebte und im Genusse einer

frohen Stunde sich nie um die kommende sorgte. Wilke hatte ihn gleich am

ersten Tage ins Herz geschlossen, weil ihm ein Vorfall gezeigt hatte, daß

er hier eine verwandte Natur getroffen habe. Wir gingen nach San Miniato

hinauf, und ein Herr der Gesellschaft, der mit jenem Maler befreundet war,

machte ihn darauf aufmerksam, daß der Sommerüberzieher, den er anhatte,

doch eigentlich zu abgetragen und schäbig wäre. Der Maler lächelte zu dem

Vorhalte, zog den Mantel aus und warf ihn seelenruhig in den

Straßengraben.

Von der Stunde an hatte er in Wilke einen Freund.

Unser besonderes Vergnügen hatten wir an den deutschen Reisenden, die nach

Florenz gekommen waren, um eine unumgängliche Pflicht zu erfüllen, die

immer Vergleiche mit den soviel besseren Zuständen daheim, die sie leider

auf Wochen entbehren mußten, anstellten, und die gewissermaßen unter der

Aufsicht eines sie unsichtbar begleitenden Bildungsüberwachungsorganes

alle Museen rastlos durchjagten. Man konnte jedoch feststellen, daß sich

die englischen Besucher, die stets in zahlreichen Trupps in die

Kunststätten einfielen, noch unberührter und dämlicher zeigten. Die hatten

immer einen Führer dabei, gewöhnlich einen, der vom vielen Laufen und

Reden schwindsüchtig geworden war und dem sie mit Hilfe ihrer Baedeker

genau aufpaßten, ob er auch alle besonders angemerkten Bilder und

Plastiken in seinem monoton abgeleierten Vortrag erwähnte.

Wirkliches Interesse sah man nur im Kloster San Marco, wenn die Ladies und

Gentlemen die verkohlten Reste des Hemdes anstarrten, das Girolamo

Savonarola bei seiner Hinrichtung angehabt hatte.

Da umwehte sie nervenkitzelnd der Geist vergangener Zeiten, den der

schwindsüchtige Führer vor den Mediceergräbern mit dem längsten Vortrag

nicht herbeizitieren konnte.

Es war bei uns Sitte – und wenn es zur Besserung beitrug, war’s auch recht

–, daß man sich über die deutschen Touristen im Auslande aufregte, aber

wer die amerikanischen und englischen besser fand, hatte schlechte Augen.

Sie waren geschmackvoller angezogen, aber sonst boten diese

zusammengetriebenen Herden von Gewohnheitsmenschen, die sich keiner Sitte

des Landes anpaßten, nirgends dem Volke und seinem Leben nähertraten und

wie Sträflinge die von Hoteliers vorgeschriebenen Dinner- und

Supperstunden einhielten, begieriger nach ihren gewohnten _jams_ als nach

allen Kunstschätzen, wirklich kein Bild, das man den Deutschen

vorenthalten konnte.

Unter denen gab es immer noch viele kunstfrohe, kenntnisreiche Leute, die

abseits vom Haufen stille Freuden und wirklichen Gewinn fanden, und mit

Bemerkungen über Jägerwäsche war es nicht abzutun, daß am Ende doch der

deutsche Professor vieles in Italien für die Italiener zu neuem Leben

erweckt hatte.

Mir war lange Jahre, bevor sich der Wunsch verwirklichen ließ, eine

Wanderung durch Italien in Aussicht gestellt worden, und ich hatte mich,

glückselig über das Versprechen, monatelang auf die Reise vorbereitet, die

zuletzt unterbleiben mußte.

Was ich damals und später lernte, blieb nicht ohne Früchte. Besonders

_Victor Hehn_ hatte mich zur Vorliebe für Italien erzogen und mich schon

im vornhinein von Vorurteilen kuriert, durch die sich viele Freude und

Genuß verkümmern lassen. Ich sah mich nicht auf Schritt und Tritt

enttäuscht, brachte nicht jedem Einheimischen Mißtrauen entgegen und

konnte mich über bodenechte Lässigkeit und Unordnung freuen; die

einförmige, alle Eindrücke verwischende Hotelkur vermißte ich gerne.

Wer Italien wie ein Museum durcheilt, in dem er nur die Kostbarkeiten

einer vergangenen Zeit findet, indes er sich von allem Lebendigen

abgestoßen fühlt, beraubt sich der Möglichkeit, die Eigenart des Landes

wie des Volkes, die tiefen Zusammenhänge zwischen ihr und der einstigen

Größe und so aus der Gegenwart die Vergangenheit verstehen zu lernen.

In den Museen waren mir meine Freunde die besten Führer, da sie

unbeschwert durch Baedeker und gültige Anschauungen das Rassigste zu

finden wußten, und ich erinnere mich gerne daran, wie mich Heine in die

Uffizien aus den Sälen der toskanischen Meister holte, um mir die

wundervolle Anbetung der Hirten von van der Goes zu zeigen. Neben den

disziplinierten Leuten, die sich unverbrüchlich an die Sterne Baedekers

hielten, waren nicht wenige Jünger der Kunstgeschichte zu bemerken, die es

sich vorgenommen hatten, durch eine Entdeckung bekannt zu werden, und die

in unbeachteten, irgendwo in einer Kapelle verborgenen Kunstwerken die

eigentlichen Wunder des Quattrocento auffanden. Darüber ließen sich dann

beachtenswerte Artikel schreiben.

Wenn man darüber lächelt, überkommt einen doch die unbändige Sehnsucht

nach jener schönen Zeit, in der diese Dinge etwas bedeutet haben.

Auch strengen Richtern begegnete man, die mißtrauisch die Bilder

musterten, und als ich wieder einmal vor dem großen Bilde des van der Goes

stand, klopfte mir _Karl Voll_ auf die Schulter und sagte im brunnentiefen

Basse: „Ja, ja, Sie haben es schön; Sie dürfen hier alles bewundern,

unsereiner aber muß die Bilder auf ihre Echtheit untersuchen.“ Und dann

ging er gleich daran, seinem Verdachte gegen einen Memling neue Nahrung zu

geben.

Durch Zufall fand ich in Florenz bei einem Antiquar etliche Bände Vasaris

in deutscher Übersetzung und ging nun daran, mit der Lebensgeschichte

alter toskanischer Meister ihre Werke an den von Vasari angegebenen

Stätten kennenzulernen und sie aufzusuchen, wenn sie dort nicht mehr zu

finden waren. Dieser Anschauungsunterricht verschaffte mir schöne Stunden,

dabei auch die bleibende Überzeugung, daß die erzählende, von Kritik und

vordringlicher Klugheit freie Kunstgeschichte Vasaris unendlich

lehrreicher, vornehmer und verdienstlicher ist als alles, was moderne

Weisheit über Kunst zusammengeschrieben hat.

Von den Werken der in Florenz lebenden deutschen Künstler sah ich nicht

viel, und mancher der trefflichen Meister erinnerte mich an Gottfried

Kellers Bildhauer, der in Rom viele Jahre an einer Statue arbeitete und

immer italienischer und dolcefarnienter wurde.

Es mußte sehr schwer sein, sich an sonnigen toskanischen Tagen in ein

Atelier gebannt zu sehen.

Auch wir seufzten über die Beiträge, die wir doch für die Münchner

Redaktion zu machen hatten, und Mama Frattigiani, bei der wir wohnten,

hatte das ganz echte florentinische Mitleid mit den armen Menschen, die

arbeiten mußten. Der faulste war ihr Liebling, und diesen Rang nahm

unbestritten Rudolf Wilke ein, den man nur durch furchtbare Drohungen mit

Entziehung von Geld, Nahrung und Chianti dazu brachte, eine Zeichnung

anzufangen oder gar zu vollenden.

Für Thöny war die gegenüberliegende Kaserne eines Kavallerieregimentes

eine wahre Fundgrube der Unterhaltung und Belehrung.

Was man sah, war in allem das Gegenteil vom deutschen Drill; eigentlich

geschah nie etwas, und immer schien das Wichtigste zu geschehen. Wenn ein

Heuwagen einfuhr, schmetterten die Trompeten, Soldaten liefen

durcheinander, Offiziere kommandierten, Signal auf Signal ertönte, bis

endlich der Wagen in der Remise war. Dann breitete sich wieder unendliche

Ruhe über dem Kasernenhofe aus.

_Carlo Böcklin_, der Sohn des Maestro Arnoldo, und _Peter Bruckmann_, sein

Schwiegersohn, bereiteten uns eines Abends ein Fest in Fiesole, wozu sie

die Liedertafel des Ortes eingeladen hatten.

Lauter Handwerker, Maurer, Schuster, Schneider, zeigten uns die Leute

soviel vornehme Höflichkeit, wie sie wohl in keinem anderen Lande bei

ihresgleichen anzutreffen sind. Sie sangen wundervoll und nahmen unsere

Begeisterung darüber gelassen auf, nippten nur ein wenig an dem Wein, der

ihnen vorgesetzt wurde, um uns freundlich Bescheid zu geben, und als ein

Deutscher die unvermeidliche Rede auf Bündnis, Freundschaft und Garibaldi

gehalten hatte, erwiderte ein Maurerpolier, mit edler Gebärde aus der

Schar vortretend, mit einer Rede von Sonne und Mond, die über allen

Ländern schienen, und vom Gesang, der aller Menschen Herz erfreue.

Alles, was wir kennen und besser verstehen lernten, war dazu angetan, uns

Liebe zu Land und Leuten einzuflößen und in uns, als wir scheiden mußten,

den Wunsch nach baldiger Wiederkehr wachzuhalten.

Wir durften ihn auch gemeinsam erfüllt sehen, aber so fröhlich haben wir

den Aufenthalt nie mehr genossen wie bei jenem ersten Male.

Wir waren noch in Florenz, als wir die Nachricht erhielten, daß _Albert

Langen_ nach München zurückgekehrt sei. Er war zwei Monate vorher zu uns

nach Bordighera gekommen und hatte damals Andeutungen gemacht, daß

vielleicht die Strafverfolgung gegen ihn eingestellt und ihm die Heimkehr

gestattet werde.

Ich glaubte nicht daran, weil ich keine Ahnung davon hatte, daß dem König

von Sachsen ein Recht zustand, im Gnadenwege Prozesse niederzuschlagen.

Auf Verwendung Björnsons und eines einflußreichen sächsischen Herrn wurde

von diesem Rechte Gebrauch gemacht, und gegen Bezahlung einer ziemlich

hohen Summe durfte Langen nach fünf Jahren wieder nach Deutschland kommen.

Er lebte wieder auf, und wer ihn nunmehr geschäftig, voll von Plänen,

rastlos und glücklich zugleich sah und die völlige Veränderung in seinem

Wesen bemerkte, der konnte wirklich die Anschuldigung, er habe absichtlich

durch eine Majestätsbeleidigung Geschäfte machen wollen, rechtschaffen

dumm finden.

Die lange Abwesenheit hätte das Bestehen seines Unternehmens gefährden

können, wenn nicht der Konzern der Mitarbeiter den „Simplicissimus“

unabhängig von geschäftlicher Leitung erhalten hätte.

Als das Blatt drei Jahre später in die Hände der aus Langen und den

Mitarbeitern bestehenden Gesellschaft überging, fehlte es nicht an Leuten,

die in dieser Transaktion eine Vergewaltigung sehen wollten, und Wedekind

hat diese Meinung zu einem Stücke verwendet.

Wer gerecht urteilen will, mag sich sagen, daß wir, wenn wir von Langen

schon etwas erzwingen wollten, nie eine bequemere Gelegenheit dazu gehabt

hatten als in der Zeit, wo er in Paris weilte und alles von unserem guten

Willen abhing.

Der Anspruch auf Beteiligung war vollauf begründet, als Langen den Preis

des „Simplicissimus“ erhöhte. Darin lag ein Risiko, das wir mitzutragen

hatten, und so konnten wir auch ein Recht auf den Vorteil beanspruchen.

Damals, also nach der Rückkehr aus Italien, fand ich Langen glückselig in

neu erwachter Unternehmungslust vor; auch äußerlich hatte er sich völlig

verändert, da er den gepflegten, etwas pariserisch anmutenden Vollbart

abgetan hatte und glattrasiert eher einem amerikanischen Geschäftsmanne

glich.

Er war mit Elektrizität geladen, brachte jeden Vormittag neue Vorschläge

ins Büro, hielt Conseils ab und fühlte sich pudelwohl, wenn er mit

sprunghaften Ideen Redaktion und Verlag in Bewegung erhielt.

Der Kreis der Mitarbeiter hatte in _Olaf Gulbransson_ Zuwachs erhalten.

Im März 1902 hatte mir Langen in Paris ein von Gulbransson illustriertes

Buch gezeigt und schon damals die Absicht geäußert, den Künstler für den

„Simplicissimus“ zu gewinnen; im Sommer darauf lud er ihn nach Aulestad

ein und überredete ihn, schon im Herbste nach Deutschland zu übersiedeln.

Gulbransson kam im November nach Berlin, wo er nach Langens Meinung zuerst

einmal Studien machen sollte, aber der Aufenthalt behagte ihm so wenig,

daß ihn die übernommene Verpflichtung beinahe reute.

Kaum war er im Januar 1903 in München angelangt, fühlte er sich, obwohl er

kein Wort deutsch sprach und verstand, heimisch und zeigte auch gleich das

lebhafteste Verständnis für die Freuden des Karnevals, der damals

reizvoller war als späterhin, wo er für die herbeieilenden Fremden

originell werden mußte.

Ich erinnere mich an sehr ernsthaft ausgesponnene Beratungen, die von

namhaften Männern über einen Künstler- und Schriftstellerball abgehalten

wurden, und die ein solches Fest als wichtige Haupt- und Staatsaktion

erscheinen ließen.

Die Vorbereitungen dazu führten mich mit _Ignatius Taschner_ zusammen, mit

dem mich bald eine Freundschaft verband, die für mich zum Lebensereignisse

und wertvollsten Besitztume geworden ist.

Als er damals mit dem Bildhauer _August Heer_ zu einer Besprechung kam,

war’s mir nach den ersten Worten, als hätten wir uns zeitlebens gekannt

und wären als Nachbarkinder mitsammen aufgewachsen.

In einer entbehrungsreichen Jugend und in den härtesten Kämpfen hatte er

sich eine Fröhlichkeit bewahrt, die jedes Zusammensein zum Feste machte.

Sein Vater stammte aus Niederbayern, seine Mutter war Fränkin, und die

Eigenschaften der beiden Rassen waren in ihm auf das glücklichste vereint.

Übermütig, derb, ungemein tätig und arbeitsfroh, und wieder so ernsthaft,

pflichttreu, aufs Kleinste bedacht, schien er in seinem Charakter, wie in

seiner Kunst aus einer vergangenen, so viel schöneren Zeit zu stammen.

Wenn er von seiner Lehrlings- und Gesellenzeit erzählte, war’s wie eine

Dreingabe zu Kellers Gerechten Kammachern, und wie klang es dann wieder

ernsthaft und zum Herzen dringend, wenn er über künstlerische Dinge

sprach!

Keiner hat wie er die heimlichen Zusammenhänge von Heimat und Rasse mit

der Kunst gekannt, keiner so verstanden, wie sie über tüchtiges Handwerk

hinaus zur höchsten Kunst führen, und das war bei ihm angeborenes oder

durch Arbeit errungenes Wissen, weit weg von angelernter Doktrin.

[Illustration: Thoma mit Taschner, Peter Thoma und Schauspieler Deng]

Darum war er unbeirrbar durch alles, was Mode oder Richtung heißen mag,

und zeigte in seinem Leben wie in seinem Schaffen die Art der hohen

fränkischen Meister, deren Geist in ihm wieder lebendig geworden war. Ich

verdanke ihm viel.

Anregung, Belehrung, Freude, die fröhlichsten, wie die inhaltsreichsten

Stunden, Verständnis für die Kunst und ihre Wirkungen auf alle

Erscheinungen des Lebens.

Im Umgange mit ihm fand ich Sicherheit; er lehrte mich durch Wort und

Beispiel, strenger gegen mich sein.

Er nahm einige Monate, nachdem wir uns kennengelernt hatten, einen Ruf

nach Breslau an; zwei Jahre später ging er nach Berlin, wo er die

fruchtbarste Tätigkeit entfaltete. Aber wenn er nur irgend konnte, kehrte

er nach Süddeutschland zurück, und immer war mir ein Heimweh gestillt,

wenn er bei mir war.

Viele Pläne hatten wir gefaßt; sie sollten ausgeführt werden, wenn er,

aller Verpflichtungen ledig, in seinem Hause in Mitterndorf endlich zu

freier, durch keine Aufträge festgelegter Arbeit gekommen wäre. Die

Erfüllung unserer Wünsche war nahegerückt, als er starb.

Mit ihm ging mir manche lieb gewordene Hoffnung zu Grabe, doch am

härtesten traf es mich, daß ich seine ehrliche, kluge Freundschaft

verlieren mußte.

Damals im Januar 1903 half er froh und ausgelassen an den

Karnevalsunterhaltungen mit.

Auf seine Anregung veranstalteten wir einen Veteranenball, bei dem es wie

in einem altbayrischen Dorfe hergehen mußte; wir stellten lebende Bilder

aus dem Jahre 1870, und das Fest gefiel so, daß wir es die folgenden drei

Jahre wiederholten.

Derartige Dinge wurden ja in München sehr ernst genommen, und zu ihrem

Gelingen wurden Mühe und Fleiß und sehr viel Können aufgewandt.

Ich erinnere mich an ein antikes Fest im Hoftheater, das _Lenbach_ und

_Stuck_ und alle bekannten Künstler wochenlang vorbereiteten.

Natürlich hat man das in der Hauptstadt der Kritik ein bißchen ironisch

beurteilt, aber wo immer Künstler die Bedingungen fröhlichen

Zusammenlebens gefunden haben, sind Feste gefeiert worden, und wo das

unterblieben ist, hat es nicht der Ernst der Arbeit verhindert.

In München ist auch mehr und mehr die Lust zu größeren Veranstaltungen

geschwunden; die Zerwürfnisse in der Künstlerschaft, die Spaltung in

zahlreiche Gruppen trugen viel dazu bei, und ich glaube nicht, daß sich

bei den jüngeren Leuten soviel Phantasie finden ließe, wie ehedem zu

Festen aufgewandt wurde; übersprudelndes Talent und Humor wird niemand von

den Kümmerlingen erwarten, die sich heute gegenseitig ihre

expressionistische Bedeutung aufschwätzen.

Langen konnte sich ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr recht in sein

Element, in das bewegteste Leben, versetzt fühlen, da wir mit einer gegen

die Zentrumsherrschaft gerichteten Nummer großen Aufruhr erregten.

Ich hatte mit einer im Stile Abrahams a Santa Clara gehaltenen Predigt

gegen die Dunkelmänner Veranlassung zur Konfiskation gegeben. Eine heftige

Polemik setzte in den Zeitungen ein, der Minister von Feilitzsch wurde in

der Kammer interpelliert, ein Abgeordneter las im Landtag Bruchteile der

Predigt vor, und als der Präsident von Walther dagegen einschritt, ließ er

sich irgendwelche Verstöße gegen die Geschäftsordnung zuschulden kommen

und mußte abtreten; die Frage, ob München oder Stuttgart zuständig sei,

führte zu lebhaften Kontroversen, der Generalstaatsanwalt lud mich sogar

zu einer Besprechung ein, die er mit den Worten schloß: _Vive la guerre!_

Ich beteiligte mich ausgiebig an der Zeitungspolemik und handelte nach dem

Grundsatze, daß die beste Abwehr der Hieb sei.

So griff ich auch ohne Federlesen den Richter an, der im

Ermittelungsverfahren tätig gewesen war und, als Sohn eines ultramontanen

Abgeordneten selbst mit einem Zentrumsmandat behaftet, seine politische

Abneigung deutlich genug ins Amtliche übersetzt hatte.

Das löste natürlich erneutes Zetergeschrei aus, und wochenlang blieb das

Feuerchen angefacht, bis die Sache zuletzt wie das Hornberger Schießen

ausging.

Langen glänzte vor Vergnügen.

Wenn unsere Feinde, die sich gewiß herzliche Mühe gaben, äußerst bittere

Sätze gegen uns zu konstruieren, gehört hätten, wie ihre saftigsten

Artikel unter schallendem Gelächter vorgelesen wurden, dann hätten sie

wahrscheinlich den Kampf aufgegeben.

Aber die Herren vom Zentrum waren selber so empfindlich, daß sie sich jene

Wirkung ihrer Angriffe niemals hätten vorstellen können.

Gute Hasser waren sie. Als ich ein Jahr später wegen Beleidigung einiger

Sittlichkeitswächter unter den Pastoren verurteilt wurde, rauschte Beifall

durch die Zentrumspresse, und manches Blatt stellte sich entsetzt über

mein Vergehen, wenn es auch anderen Tages wieder die ausgiebigsten

Beschimpfungen gegen den Protestantismus brachte.

Mir aber war das ganz und gar nicht in den Sinn gekommen; ich hatte mich

nur gegen die unverschämte Rede eines einzelnen gewandt, der sich als

Tugendbeispiel und ganz Deutschland als sittlich verkommen bezeichnet

hatte.

Nach meiner Verurteilung beschäftigte sich ein Sittlichkeitskongreß in

Magdeburg mit mir, und ein Berliner Hofprediger sprach der Vorsehung, die

meine Bestrafung herbeigeführt hatte, seine wohlwollende Anerkennung aus.

Ich wollte dazu nicht schweigen und brachte in einem von Gulbransson

illustrierten Flugblatte jener Magdeburger Versammlung einen größeren

Mangel an Ehrerbietung entgegen.

Das Blatt war in München gedruckt, und ich mußte mich vor dem

Schwurgericht verantworten. Von einer erhöhten Bank aus, auf der sonst

Mörder und Diebe saßen, blickte ich hinüber zu den Geschworenen, unter

denen ich recht behäbige, einem derben Spaß wohlgeneigte Landsleute

bemerkte. Ich wäre als dreizehnter unter ihnen vielleicht der gewesen, dem

eine saftige Geschichte das geringste Vergnügen bereitet hätte.

Als mein Gedicht vom Protokollführer im trockensten Tone vorgelesen wurde,

schlugen sogleich einige hanebüchene Stellen ein; verschiedene Geschworene

hatten Mühe, ernst zu bleiben, und kämpften mit blauroten Gesichtern gegen

den Lachreiz an; die ehrbaren Volksrichter waren wie Schulkinder, die

heimlich kichern.

Die Verhandlung, welche übrigens mit einem Freispruche endete, wurde im

Landtag und bei ultramontanen Parteitagungen recht abfällig kritisiert,

weil zwölf Sachverständige, darunter _Professor Forel_ aus Zürich,

Dr. _Hirth_, _Ganghofer_ u. a., Stellung gegen die Anklage genommen

hatten.

Außerdem kam es zu einer Beschwerde beim Justizminister, da der

Staatsanwalt einige Sachverständige angeflegelt hatte.

Das Bezeichnendste dafür, wie töricht damals Parteipolitik getrieben

wurde, ist, daß man, wütend über den Ausgang des Prozesses, die in Bayern

gesetzlich festgelegte Zuständigkeit der Schwurgerichte für Preßvergehen

am liebsten aufgehoben hätte. In einer verärgerten Stimmung wollte man ein

wichtiges Volksrecht aufgeben und vergaß völlig, daß ihm die ultramontane

Presse in der Ära Lutz sehr viel zu verdanken gehabt hatte.

Damals schrieb ein klerikales Provinzblatt, daß Religion und Sitte in

Bayern durch meine Freisprechung für vogelfrei erklärt worden seien; so

dick trug die Partei auf, als es sich nicht einmal um eine sie nahe

berührende Sache handelte.

Freilich hatte man etliche Monate vorher vergeblich die Lärmtrommel gegen

den Verfasser des „Andreas Vöst“ gerührt, und der „Bayrische Kurier“ hatte

das Ministerium erfolglos aufgefordert, die Kirche und ihre Diener

pflichtgemäß gegen die Veröffentlichung des Romans zu schützen.

Die Feindseligkeiten verschärften sich, und der Ton wurde grob und gröber,

als ich die Briefe eines ultramontanen Abgeordneten veröffentlichte. Ich

war nicht wehleidig und konnte es verstehen, daß mir aus dem Zentrumswalde

kein liebreiches Echo entgegenschallte, aber imposant fand ich die

mächtigen Gebieter des Landes nicht, die so wenig innerliche Stärke bei so

viel äußerlicher zeigten.

Wenn wir im Januar 1906 bei Gründung der Gesellschaft geglaubt hatten, daß

nunmehr ein lange dauerndes gemeinsames Schaffen gesichert wäre, so zeigte

uns das Schicksal wenige Jahre später, daß sich auf die Zukunft nicht

bauen läßt.

Seit 1907 kränkelte _Wilke_, im November 1908 starb er an einer

Lungenentzündung.

J. B. _Engl_ war ihm vorausgegangen, und Ende April 1909 folgte ihm

_Albert Langen_, dessen Leiche Ferdinand von _Reznicek_ nach Köln

überführte. Vierzehn Tage darauf starb auch er in einer Münchner Klinik an

Magenblutung.

Wilke war vierunddreißig Jahre alt, Langen neununddreißig, Reznicek

vierzig; allen dreien schien nicht nur das blühende Alter, sondern auch

Kraft und Gesundheit langes Leben zu verbürgen. Wilke allerdings, dessen

Stärke und Gewandtheit einmal vorbildlich waren, hatte uns schon ein Jahr

vor seinem Tode Grund zu Befürchtungen gegeben, aber ganz unvermutet kam

das Ableben Langens und Rezniceks.

Dieser war der typische Österreicher von guter Familie; taktvoll,

liebenswürdig, heiter, in Manieren wie im Charakter vornehm. Ich habe ihn

nie laut oder heftig gesehen, und ich glaube, er wäre gegen Brutalität

völlig hilflos gewesen. Die Grazie, die seine Zeichnungen auch denen, die

herbere Kunst schätzen, wertvoll machte, lag in seinem Wesen.

Von den Künstlern, die durch den „Simplicissimus“ und die „Jugend“ bekannt

wurden, war er sogleich der populärste, und er ist es geblieben.

Daß er, verhätschelt und umworben, von Eitelkeit völlig frei blieb und

ganz und gar nicht zügellos lebte, bewies seinen wirklichen Wert, den nur

die anzweifelten, die ihn nicht persönlich kannten. Die Art und das

Gegenständliche seiner Kunst veranlaßten manchen Sittenrichter, der sehr

unangefochten leben konnte, in dem guten Ferdinand von Reznicek einen

Wüstling zu vermuten, und zuweilen wurde ihm das auch gedruckt

unterbreitet.

Derlei Vorwürfe verletzen die Ehre der Männer nicht, vielen erscheinen sie

so schmeichelhaft, daß sie sie mit diskretem Lächeln entgegennehmen,

Reznicek aber blieb davon unberührt. Er war weder der „verfluchte Kerl“,

noch wollte er es zu sein scheinen.

Ohne Launen, immer aus dem Herzen heraus liebenswürdig, hilfsbereit und

empfänglich für jede heitere Stimmung, war er der beste Kamerad, in dessen

Gegenwart Mißmut nie aufkommen konnte.

Krankheit und Tod lassen den Charakter eines Menschen erst recht erkennen.

Alle drei, Wilke, Langen und Reznicek, haben die härteste Prüfung würdig

bestanden, und sie sind ohne zweckloses Klagen tapfer gestorben, und die

letzten Dinge waren für die Art eines jeden von ihnen bezeichnend.

Wilke lehnte sich mit einer unmutigen Gebärde gegen den Tod auf; als er

auf dem Krankenlager in seiner Heimatstadt Braunschweig fühlte, daß es zu

Ende gehe, sagte er nur: „Das ist dumm.“

Und es war töricht, daß ein genialer Mensch, als er sein Bestes erst noch

zu geben hatte, weg mußte.

Langen traf ruhig Anordnungen über seinen Nachlaß, und von dieser Sorge

befreit, dankte er höflich lächelnd dem Anwalte, der das Testament

aufgesetzt hatte; keine Klage, kein wehleidiges Wort entschlüpfte ihm.

Reznicek, der sich in einer Klinik operieren lassen wollte, schrieb mir

zwei Tage vor seinem Tode, daß er der Sache mit der üblichen Fassung

entgegensehe; als dann ein heftiger Blutsturz jede Hoffnung vereitelte,

bat er den Arzt, daß er ihm nach dem Ableben das Herz mit einer Nadel

durchstechen solle, und bestellte Grüße an uns alle.

Der Tod dieser drei Männer, wie der von J. B. Engl, war ein harter Schlag

für den „Simplicissimus“, und wenn er auch überwunden wurde, so bleibt es

doch wahr, daß Künstler wie Wilke und Reznicek unersetzlich waren.

Mit der Erinnerung an sie soll das Buch enden; durch ihr Hinscheiden waren

Lücken in den einst so fröhlichen Kreis gerissen, die nichts mehr

schließen konnte, und manche Änderung, die eintrat, läßt mich in jenen

Ereignissen den Abschluß einer heiteren, erfolgreichen Zeit sehen.

Spätere Erlebnisse haben kaum mehr Einfluß auf mein Schaffen gehabt; was

nun kam, war Arbeit und Ernte, kein Kampf mehr ums Werden.

Das Schicksal des Vaterlandes hat fast alle Zusammenhänge zwischen damals

und heute zerrissen; es führt keine Entwicklung aus jener nahen

Vergangenheit, die uns doch so weit entrückt wurde, herüber.

Ich fühle mich um so mehr vereinsamt, als ich alles, was sich heute in der

Literatur, in der Kunst, in der Politik lärmend vordrängt, verabscheue.

In dieser Zeit, in der das Ungeheuerlichste alltäglich wurde, haben

unbeschäftigte Gemüter Muße gefunden, dem „Simplicissimus“ wie mir

persönlich vorzuwerfen, daß wir im Kriege unsere Ansichten geändert,

unsere einmal heftig verfochtenen Grundsätze aufgegeben hätten.

Es ist ein Laster politisierender Spießbürger, im Festhalten an einer

Meinung ein Verdienst zu erblicken.

Es liegt im Lernen und im Bekennen.

Und zudem ist der Vorwurf unbegründet.

Im „Simplicissimus“ sind wir alle – ich weder allein, noch vorzugsweise –

für die Erhaltung des Friedens eingetreten, wir haben ohne ängstliche

Rücksichten das persönliche Regiment mit seinen schädlichsten

Begleiterscheinungen, dem aufdringlichen Reden, der Heldenpose, der

Gottähnlichkeit, der Operettenpolitik, dem Mangel an

Verantwortlichkeitsgefühl, angegriffen, wir haben das rückgratlose

Philistertum, die verlogene Phrase, wir haben jede Schnodderigkeit und

Selbstgefälligkeit bekämpft, aber als der Krieg da war, gab es nichts mehr

als das Schicksal des eigenen Landes.

War es ein Fehler, daß wir ebensowenig blind waren gegen das Heldentum des

deutschen Volkes wie gegen den giftigen Haß der Feinde?

Oder war es ein Verbrechen, Vertrauen zu haben, wenn Mißtrauen und Zweifel

nur Verwirrung anrichten konnten?

Wer das heute behauptet und alle Meinungen hinterher nach dem endlichen

Ausgange korrigiert haben will, ist doch nur ein Schwätzer, und sein Tadel

trifft nicht hart. Ich glaube heute, was ich immer geglaubt habe, daß auf

dem Boden der alten Gesellschaftsordnung recht wohl die Reformen zu

erreichen waren, die das Glück und die Größe Deutschlands sichergestellt

hätten.

[Illustration: „UM MICH IST HEIMAT.

UND DIE ERDE KANN EINMAL DEN, DER SIE HERZLICH LIEBTE, NICHT DRÜCKEN“]

Der Kampf für sie mußte am 1. August 1914 nicht aufgegeben werden, aber er

mußte aussetzen, und Schweigen war Pflicht.

International zu empfinden, gerecht gegen die verderblichsten Feinde zu

sein, war nie in meiner Natur gelegen, und es fiel mir wirklich nicht

schwer, ihnen den Untergang, Deutschland aber den vollen Sieg zu wünschen.

So mag sich, wer will, über meine Wandlungen und meine Wandlungsfähigkeit

aufregen.

Von dem Drucke, den ich wie alle nach dem Zusammenbruche des Vaterlandes

auf mir lasten fühle, suchte ich und fand ich zeitweilige Befreiung in der

Erinnerung an die Vergangenheit.

Ich habe dem Schicksal für vieles dankbar zu sein, am meisten für eine

Jugend, in der ich wie in frischen Quellen Erquickung finde und die mir

durch das Andenken an die Eltern verschönt bleibt.

In dem schlichten Wesen meines redlichen Vaters zeigt mir jeder Zug die

staubfreie, aller Engherzigkeit abholde Art des Forstmannes vom alten

Schlage.

Ich war noch ein Kind, als er starb, und ich lernte ihn lieben aus der

Schilderung, die mir meine Mutter von ihm gab; sie hatte seinen gütigen,

alles exaltierte Empfinden ausschließenden Humor um so besser würdigen

können, als er in ihrer heiteren Natur den schönsten Widerklang gefunden

hatte.

Ihr Leben ist Mühe und Arbeit und Freude daran gewesen. Als ihr nach dem

Tode meines Vaters die Sorge für sieben unmündige Kinder überlassen blieb,

bei einer Witwenpension von nicht ganz hundert Mark im Monat, griff sie

tapfer zu und pachtete den Gasthof „Zur Kampenwand“ in Prien.

Zu unserer Erziehung hatte sie kein anderes Mittel als ihre Herzensgüte;

Schärfe lag nicht in ihrem Wesen, aber ebensowenig blinde Liebe, die sich

an Fehlern ergötzt oder darüber wegsieht.

Ihr überlegener, ganz auf Tüchtigkeit gerichteter Verstand ließ sie

manches heitere, treffende Wort finden, das einen jungen Menschen von

verstiegenen Ansichten heilen mußte. Wie wertvoll ihr gesundes Urteil war

und was es bedeutete, daß sie nie landläufige Meinungen nachsprach und nie

Redensarten gebrauchte, das lehrte mich erst das Leben verstehen.

Ich habe späterhin zuweilen gehört, wie dieser und jener Wunsch nach

Zerstreuung und Vergnügen berechtigt sei, ich habe erfahren, daß eine

gewisse Bildung verschiedene Ansprüche erfüllt sehen müsse, um fortdauern

zu können; meine Mutter hat nie Ansprüche gestellt, und doch besaß sie

eine Herzensbildung, die ihr Leben wie das ihrer Kinder verschönte. Ich

durfte in meiner Jugend das hohe und bleibende Glück genießen, an ihrem

Beispiele den Segen eines bescheidenen Sinnes kennenzulernen.

Den Schatz, der in der Erinnerung an edle Eltern liegt, hat mir ein

gütiges Geschick verliehen.

Und auch dafür bin ich ihm dankbar, daß es mich in die engste Heimat

zurückgeführt hat.

Aus den Fenstern meines Tegernseer Hauses sehe ich zu den Bergen hinüber,

die das Lenggrieser Tal einschließen, und sie tragen vertraute Namen; in

den Wäldern, die sich an ihren Hängen hinaufziehen, lief ich neben meinem

Vater her, und das stille Forsthaus, in dem ich die Kinderzeit verlebte,

liegt nicht allzu weit von hier. Wo ich auch war, und was mir das Leben

auch gab, immer hatte ich Heimweh danach, immer regten sich in mir

Neigungen, die aus jenen frühesten Eindrücken herstammen.

Viele Wünsche gingen mir in Erfüllung, anders und schöner, als ich

erwartet hatte, auch der Wunsch, der am tiefsten in mir wurzelt, hier

leben und schaffen zu dürfen.

Je enger sich der Kreis von Ausgang und Ende schließt, desto stärker

empfinde ich es, wie darin das beste Glück enthalten ist.

Um mich ist Heimat.

Und ihre Erde kann einmal den, der sie herzlich liebte, nicht drücken.

[Handschriftenfaksimile]

[Transkription:]

_Am San_

Wo ist die Heimath? Ach so weit!

Wer über hundert Hügel geht,

Wer auf dem höchsten Berge steht,

Kann sie noch nicht erschauen.

Wir hören’s wohl im frohen Mai,

Es grüne in der gleichen Welt

Der deutsche Wald, das deutsche Feld,

Und wollen schier nicht trauen.

Wo liegt die Heimath? Ach so nah!

Ich weiß mit jedem Herzensschlag,

Daß nichts von ihr mich scheiden mag,

Nicht Berg und Fluß und Auen.

Ludwig Thoma

z. Zt. im Feld

Erinnerungen · 第 9 / 10 题