_Weimar_, 14. Mai 1828.
_Verehrter Herr und Freund!_
Wenn auch fern und fast immer von Ihnen getrennt, denke ich doch oft
Ihrer mit wahrer Anhänglickeit und meine Frau zählt sich unter Ihre
Verehrerinnen, wie sie Ihnen selbst sagte. So kommen wir denn vereint
heut, Sie zu bitten, zu gestatten, daß wir Ihren Nahmen als den eines
Taufpathen unserer im April gebohrenen Tochter in das Kirchenbuch
eintragen lassen dürfen. Es wird Ihnen diese Bitte wunderbar und
überraschend erscheinen, uns gab sie wahre Verehrung und Anhänglichkeit
ein. Dankbar, sehr dankbar erinnert sich meine gute Frau der
Theilnahme, welche sie im Herbste v. J., bei einem traurigen Ereignisse
in Ihrem Hause fand und dankt noch tausendmal der Frau Gräfin
Finkenstein, welcher auch ich mich ehrerbietig zu Gnaden empfehle.
Der Nahme Gerstenbergk hat einigen Anspruch auf das Wohlwollen der
deutschen Dichter. Hindern mich auch düstere Berufsarbeiten, selbst
mit ein Stück vom Parnaß zu erklimmen, so bin ich doch mit Auge und
Ort gern dort und so wie mein Knabe sich einst freuen soll, daß Göthe
sein Pathe ist, so wollte ich, daß meine Marie, lebt sie, mit Stolz
einst daran denken könnte: ihr Pathe sei Tieck, der Freund ihrer Aeltern
gewesen. Große Erinnerungen wecken oft Fleiß und Liebe zur Poesie. Und
so wie ich mit Grimm oft des großen Kanzlers v. Gerstenbergk denke,
der so viel Kalvinisten hinrichten ließ, so danke ich dem Andenken an
meinen Großoheim, den Dichter von Gerstenbergk meine Liebe zur Poesie,
zum Wissen.
Dame Schopenhauer verläßt uns in diesen Tagen; macht eine Reise in die
Niederlande, grüßt Sie aber freundlich. Wenn Sie Quandt sehen, meine
theilnahmvollen Grüße. Meine gute Frau empfiehlt sich mit mir Ihren
Damen; ich aber bin unwandelbar
Ihr
Freund und Verehrer
von _Gerstenbergk_.
=Gmelin, Leopold.=
Geb. 1788 am 2. Aug. zu Göttingen; Sohn von Johann Friedrich; gest.
am 13. April 1853 zu Heidelberg, wo er bis 1851 als Professor der
Medicin und Chemie an der Universität docirt hatte, und sich zwei
Jahre vor seinem Tode in Ruhestand versetzen ließ.
Gelehrter Verfasser vieler in sein Fach schlagender, und
physiologischer wissenschaftlicher Werke und Schriften.