I.

_Weimar_, 15. Februar 1821.

Ich möchte diesen Brief so gern mit einem „mein verehrter Freund!“

anfangen, gäbe mir die Zeit, seit welcher wir uns kennen, so viel Recht

dazu als mein inneres Gefühl. Mit etwas Anderem will ich nicht beginnen

und so habe, wie ein geistreicher Britte scherzend sagt, dieser Brief

lieber gar keinen Anfang.

Mit wahrer Betrübniß bin ich von Dresden gegangen, so lieb ich sonst

Weimar habe. Ich fühlte damals, was mir hier fehlen würde. Sie sind

es; ich habe hier keinen Mann, der mir Freund wäre und von dem ich

lernen könnte, der mein Gefühl so begriff wie Sie, der mein Streben

ermunterte. Nie kann ich vergessen, wie freundlich Sie den Unbekannnten

empfiengen, wie wohlwollend; nicht kann ich Ihnen mit Worten

ausdrücken, wie wohl es meinem Geiste, meinem Herzen bei Ihnen war;

wie schnell ich fühlte: wir sollten uns immer nahe bleiben. Nehmen Sie

das nicht als Anmaßung von mir. Ich bin literarisch verstimmt, weil

mir nichts gut genug dünkte von meinen Produkzionen, weil ich rings

um mich eigentlich Nichts hervorgebracht sehe, was mir würdig dünkt

_der_ Poesie, die ich meine. Sie würden mich, wäre ich in Ihrer Nähe,

aufmuntern, beleben, berichtigen. Aus Eigennutz habe ich denn um mich

geblickt nach einer Möglichkeit, Sie zum Beleben für den poetischen

Kirchhof zu gewinnen, der noch Weimar heißt; wo die Poesie, die ganze

Literatur zu Grabe getragen wird von den Furien, welche Politik und

Vornehmsein losgelassen hat. Aber ich kenne nur zwei Stellen, Ihrer

Würde, Ihrem Wunsche gemäß, von denen wir sprachen. Die eine ist

nicht ledig, die andere kann ein Mann wie Sie _für den Augenblick_

nicht annehmen. Ich habe dem Erbgroßherzog viel von Ihnen erzählt und

werde streben, meine Wünsche vorzubereiten, ohne Sie im Mindesten zu

kompromittiren. Aber was hilft dies der Gegenwart? Und wie kurz und

kostbar ist unsere zugemessene Zeit!

Die Damen Schopenhauer, welche mir hier so viel sind, theilen meine

Anhänglichkeit an Sie und so kann ich wenigstens oft von Ihnen

sprechen. Beide grüßen Sie von Herzen; besonders ergeben, mehr wie

sonst Jemand, ist Ihnen die Mutter, die auf Ihr Urtheil über „Gabriele“

stolzer ist, als über irgend eines. Ich möchte fragend hinzusetzen:

wollen Sie der Verfasserin nicht die Freude Ihrer öffentlichen Kritik

gönnen?

Wie geht es meinem lieben Grafen Kalkreuth? ich freue mich

theilnahmvoll, daß er in Ihrer Nähe ist; es ist einer der besten

Menschen die ich kenne, ich wollte ich könnte ihm zeigen, wie lieb er

mir ist. Grüßen Sie ihn innig, Herrn v. Malsburg freundlich.

Freund Weber soll mir auf meine Anfrage antworten. Ich denke seiner

oft und bitte den Himmel um Wiederkehr seiner frohen Laune. Der Frau

Gräfin Finkenstein danke ich ehrerbietig für die gnädige Aufnahme; bei

Ihrer jüngsten Fräulein Tochter empfehlen Sie mich zur Gewogenheit.

Oben konnte ich keinen Anfang finden; hier will mir kein Ende kommen.

Es geht mir in Weimar wie in Dresden, wenn ich bei Ihnen bin; die

Trennung wird mir so schwer. So sei der Wunsch: „baldiges Wiedersehn!“

das frohe Wort, mit welchem ich mir jene zu erleichtern suche.

An ihn knüpfe ich nur noch die Bitte: lassen Sie mich nicht untergehn

in Ihrem Andenken! lassen Sie mich wissen, daß diese Zeilen zu Ihnen,

in die liebe Klause kamen, wo ich so gern dem Sorgenstuhle gegenüber

saß und Zwiesprache hielt. Der Himmel lindre Ihre Schmerzen.

Mit großer Anhänglichkeit

der Ihrige

_Friedrich von Gerstenbergk_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 233 / 326 题