V.

_Berlin_ d. 31t. Januar 1839.

_Mein hochverehrter Freund!_

Ein junger dänischer Componist, Baron von Löwensciold und der

Coppenhagener Theaterdichter Borgaard, welche auf ihrer Reise

durch Deutschland, Italien und Frankreich begriffen sind, wünschen

sehnlichst, bei ihrem Aufenthalte in Dresden, in Ihre Nähe zu kommen.

Es ist der nächste Zweck dieser Zeilen, Sie verehrter Mann, um die

Erlaubniß zu bitten, daß diese Herren Sie besuchen dürfen, vielleicht

einer Ihrer Vorlesungen beiwohnen. Da sie in der ernstlichen Absicht

reisen, zu lernen, so ist das was ich erbitte von so großer Wichtigkeit

für sie, daß ich nicht fürchten darf, Sie werden es versagen. Von dem

jungen Musiker habe ich recht schöne Proben seines Talentes gesehen,

außerdem bringen beide einen reinen Geschmack, keine Vorliebe für

irgend etwas Verkehrtes mit, so daß es mir recht lohnend schien ihren

Gesichtskreis zu erweitern. Ich übergebe sie Ihrem Wohlwollen, auf

welches ich noch nie vergebliche Rechnung gemacht. So hoffe ich auch

Ihnen nicht lästig zu werden, wenn ich Sie ein Weilchen von mir

unterhalte. Ich habe nun in den letzten Monaten erst den Hamlet, dann

den Tasso gespielt, und zu meiner innigsten Freude durch beide Rollen,

nicht nur einen äußerlichen Erfolg errungen, sondern einen wahrhaften

Eindruck bei vielen guten und tüchtigen Menschen hervorgebracht. Im

Hamlet habe ich vieles wieder hergestellt, was meine Vorgänger seit

Wolf unterschlagen hatten, wobei z. B. zuerst Opheliens Begräbniß

beseitigt worden, zuletzt sogar die ganze Kirchhofscene. Ich habe es

sogar durchgesetzt, die Theaterscene nach Ihrem Vorschlage in den

dramaturg. Blättern einzurichten und die Wirkung hat es vollständig

gerechtfertigt. Die ganze Scene gewinnt unendlich an Sammlung und

rückt ihr Hauptinteresse eigentlich erst dadurch dem Beschauer vor

die Augen. Am Tasso habe ich im Verfolge des Studiums viel größere

Freude gehabt, als ich anfangs glaubte. Im Allgemeinen legt man dieser

Rolle hauptsächlich ein rhetorisches Interesse bei, ich habe gefunden,

daß dies sehr untergeordnet ist, der Charakter ist mit der äußersten

Sorgfalt ausgeführt und jedes Wort daran ist charakteristisch. Im

Grunde ist es ein unleidlicher Gesell, in Selbstsucht vollgenährt,

die überall, selbst in seiner Liebe zur Prinzessin ihn bestimmt und

umherwirft, der Reichthum seiner Fantasie allein läßt ihn liebenswürdig

erscheinen und bei aller Zweideutigkeit seines Wesens, die uns stets

verletzt, müssen wir ihn wieder gelten lassen, weil er so durchaus

naiv sich auslebt; es fällt ihm niemals ein, daß er auch nur im

Entferntesten Unrecht habe, wenn er sich noch so abscheulich zeigt. Es

ist eigentlich ein pathologisches Interesse, was uns an ihn fesselt.

Ich habe mit rechter Lust daran gearbeitet und freue mich, bei ferneren

Wiederholungen alle Farben recht sicher zu stellen. Das Publikum, wir

hatten freilich ein ganz auserlesenes, ging ganz auf meine Zeichnung

ein, es war ein Abend, der viele Schock andrer, die man mit schaler

Brodarbeit hinbringen muß, überhalten kann.

Meine Reisepläne, die ich im Herbst bildete, und worin ein Besuch bei

Ihnen meine Hauptrolle spielte, habe ich verworfen, und hoffe Ihnen

auch im nächsten Jahre noch willkommen zu sein. Ich muß und will nach

Paris reisen; ich bin gewiß, daß vor den französischen Bühnen noch

viel zu lernen ist. Die frappante Auffassung, die große Rührigkeit

des Lebens überhaupt, das sind Dinge, die einem Deutschen treffliche

Anregungen geben können. Ich halte mich für sicher genug, mir keine

Art der Nachahmung aufpacken zu lassen, nur frische, neue, fremde

Anregungen suche ich und bin gewiß, sie zu meinem Nutzen zu finden.

Ich denke, Sie billigen mein Unternehmen; außerdem ist Paris so reich

an geistigem und sinnlichem Leben, daß seine Kenntniß eine Art von

unentbehrlichem Bildungsmittel ist. Ich denke mich in 4-6 Wochen dahin

aufzumachen, vielleicht erlebe ich Manches, was Sie interessiren

dürfte, dann nehmen Sie meine Mittheilung wol freundlich auf.

Ganz der Ihrige

_Eduard Devrient_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 199 / 326 题