_Berlin_ d. 8t. Dezbr. 39.
_Hochgeehrter Freund und Gönner!_
Meine Pariser Briefe sandte ich Ihnen, ohne eine Zeile zur Begleitung
mitzugeben; es war kurz nach dem Tode meiner Tochter, und ich vermochte
noch nicht viel Anderes als meinen Verlust zu denken. Vielleicht
haben Sie von unsrem Unglück gehört und werden mir den Mangel an Form
verziehen haben. Es würde mir unendlich viel Freude machen, wenn
ich erfahren könnte, ob diese Briefe Ihnen irgend etwas Erwünschtes
gebracht haben? ob die Gesichtspunkte, aus denen ich die Dinge gesehen,
von dem Ihrigen nicht allzusehr abweichen? -- Ich entbehre es gar zu
sehr, so lange nicht mit Ihnen zusammengewesen zu sein, ich wollte auf
meiner Heimreise noch nach Dresden kommen, die Zeit war zu kurz und
meine Sehnsucht nach Haus zu groß, es ging nicht an. So muß ich nun
eine Menge von Gegenständen bei Seite gestellt sein lassen, bis auf
eine günstige Zeit, die vielleicht im nächsten Sommer sich erzwingen
läßt.
Heut trete ich nun schon wieder mit einer kleinen Arbeit vor Sie
hin, die ich aber mit einer Art von entschuldigender Erklärung
begleiten muß. Mit meinem Unmuthe gegen Uebertragung der französischen
Bühnenstücke im Allgemeinen scheint es im Widerspruche zu stehen,
daß ich selbst mich damit beschäftigt habe, ein französisches Stück
auf unsrer Bühne heimisch zu machen, aber die Veranlassung dazu
war mannichfacher Art. Ich sah dies Stück in Paris vortrefflich
dargestellt, fand es den Kräften der deutschen Bühne angemessen, Bau
und Charakter des Stückes sehr nach deutschem Sinn und Schnitt, die
nöthigen Modificationen traten mir lebendig entgegen, ebenso manche
Erweiterung und Bereicherung des Dialoges für deutsche Gefühls- und
Denkweise, so daß ich das Stück mitnahm. -- Jetzt nach dem Tode
meiner Tochter verlangte mich nach einer Arbeit, die mich beschäftige
ohne anzustrengen und so nahm ich das Stück vor. Es fing mich an
zu interessiren, die Darstellung französischer Zustände durch eine
bequeme Form deutschverständlich zu machen, durch Abkürzen und
Hinzufügen den Situationen noch mehr Lebendigkeit zu geben, und ich
bin auf diesem Wege wenigstens zu der speciellen Einsicht gelangt, daß
unsre gewöhnlichen Uebersetzer das Wichtigste an ihrer Aufgabe immer
versäumen. -- Natürlich kann ich bei diesem ersten Versuche, der
zugleich auch wohl mein letzter sein möchte, nicht erreicht haben, was
ich als nothwendig bei einer Bearbeitung für unsre Bühne erkannt, aber
ich hoffe, das Stück, wie es da ist wird eine angenehme Aufgabe für
die Darstellung, und eine willkommene Gabe für das Publikum sein. Daß
ich es Ihnen mittheile, geschieht hauptsächlich, um keine Gelegenheit
zu verabsäumen, mein Gedächtniß bei Ihnen aufzufrischen und Ihnen
einen Antheil für die eine Hälfte meiner Bestrebungen für die Bühne
aufzudringen. Alles was ich von dieser letzten Arbeit hoffe, ist daß
Sie sie nicht mißbilligen mögen. Von meiner Schauspielerthätigkeit
weiß ich leider nicht viel zu sagen; unser Repertoir ist ganz
elend, die neuerscheinenden Stücke sind matt und liefern wahrhaft
trostlose Aufgaben, unsre Meisterwerke dagegen werden höchst selten
aufgeführt, obschon unser Publikum jederzeit den allerlebendigsten
Antheil dafür zeigt. Nur einige bequem aufführbare Stücke halten sich
auf unsrem Repertoire, die größeren kommen bei dem geräuschvollen
Geschäftsstrudel unsres Bühnenlebens höchst selten zu Stande. Nichts
ist aber so niederschlagend, so entnervend für den Künstler, als der
Mangel an Aufgaben, die alle seine Kräfte in Anspruch nehmen. Wenn
tagtäglich nichts mehr von einem gefordert wird, als was man schon
längst geleistet hat, so ist es kaum möglich sich vor einem bloßen
Arbeiter-Schlendrian zu bewahren. So ist dann nichts natürlicher,
als daß ich mich in Zeiten der Noth immer zu schriftstellerischer
Thätigkeit flüchte, um Beschäftigung und Erregung zu finden. Einen
Aufsatz, den Sie in dem Berliner Theateralmanach finden werden,
möchte ich auch wohl Ihrer Durchsicht empfehlen, aber ich fürchte,
Sie schelten mich unbescheiden, weil ich Ihnen mit meinen Arbeiten so
lästig werde.
So scheide ich denn heut mit dem Wunsche, daß meine heutige Sendung
Sie wohlauf und heiter treffen und Ihre wohlwollende Freundlichkeit für
mich neuanregen möge.