_Berlin_ 29. Oktbr. 1838.
_Mein hochverehrter Freund!_
Das Gefühl der Angehörigkeit, das Sie mir vor 16 Jahren einflößten,
als ich bei meinem ersten Ausfluge in die Welt in Ihre Nähe kam,
hat im Verlaufe der Jahre eine fortdauernde Bestätigung gefunden.
Theils in dem Antheil, der mir bei meinen Arbeiten für die Bühne
von Ihnen zu Theil wurde, dann in den geistigen Beziehungen, welche
Ihre Schriften mir fortdauernd eröffneten -- wie ich denn kürzlich
wieder bei abermaligem Lesen der dramaturgischen Blätter ein Fülle
eigner Wahrnehmungen und Erfahrungen bestätigt und gesichert gefunden
-- und nun hat in der neuesten Zeit Ihr rührender Antheil für mein
Stück mich so reich gemacht, daß ich in diesem Bewußtsein: Ihnen
zuzugehören, recht beruhigt und erquickt mich fühle in all den Wirbeln
der trübseligsten Erfahrungen, die das heutige Kunstleben bewegen. Ich
mag Ihnen deshalb auch gar keinen Dank sagen, erstens weil ich ihn doch
nicht auszudrücken wüßte, dann weil ich weiß daß, da sie meine Arbeit
Ihres Antheils werth gefunden, Ihnen Alles was Sie gethan, selbst ein
Genuß Ihres Liebesschatzes war. Es ist ja eben so süß: Wohlwollen
und Freundlichkeit bezeugen, als sie empfangen. Aber die Theilnahme
und Ermunterung, die ich von Ihnen erfahren, auch die welche ich von
Immermann erhalten, das sind die eigentlichen Trophäen, die ich mir
aus dem übergünstigen Erfolge des Stückes davon trage und worauf ich
mir in der Stille meines Herzens wahrhaft etwas zu gute thue. Möge der
Himmel mir nun Muße schenken und gute Einfälle dazu, damit ich Ihrem
Vertrauen ferner entsprechen könne. Jetzt ist es das Studium wichtiger
Rollen, das mich, nach überstandener mühsamer Einrichtung in meinem
neuen Hause, ganz in Anspruch nimmt. Besonders ist es der Hamlet, der
sich meiner ganzen Seele bemeistert hat, die Beschäftigung mit diesem
tiefbedeutsamen Charakter hat sogar, das fühle ich lebhaft, einen
großen Einfluß auf meine Lebensanschauung ausgeübt, und ich wollte
oft, ich könnte mich retten aus dem Gefühle: wie ekel schaal und
unerquicklich das ganze Treiben dieser Welt ist. Wie gern möchte ich
mich über diese Gestalt des Hamlet einmal mit Ihnen aussprechen. Es
müßte ja dabei Alles zur Sprache kommen, was den Menschen Weh bereitet,
alles was dem Schauspieler Lust an der Höhe seines Berufes geben kann.
Mir ist es wunderlich mit diesem Charakter ergangen. Immerdar hat mich
die volle Gewalt des poetischen Lebens im ersten Akte erschüttert, aber
Hamlet hat im Verfolge des Stückes mich kalt gelassen, die Entwicklung
erschien mir willkührlich, grillig, der Hamlet selbst der unleidlichste
Gesell von der Welt, ich konnte es zu keiner Theilnahme bringen, so
oft ich ansetzte, so aufmerksam ich Alles las, was darüber geschrieben
war; ja dies machte mich nur verwirrter. Ich begann das Studium der
Rolle im Frühjahre, wie eine Verpflichtung, aber da ich nun in alle
Lebensfasern eindrang, entdeckte ich bald die Wahrheit einzelner
Zustände, Stimmungen und Geistesrichtungen und wie durch einen
Zauber schossen die einzelnen Strahlen zum Sterne zusammen, ich sah
Licht wie nach langer Blendung, fühlte auf einmal den glühend warmen
Lebenspuls in der Gestalt, die bisher nur wie ein flacher Schatten
von meinem Auge stand. Da sahe ich denn, daß durch Alles was über den
Charakter geschrieben worden, er mir nicht zugänglicher wurde, sein
Mangel an Thatkraft war mir immer ein zu willkührlicher Grund seines
Thuns, jetzt erkannte ich, daß dieser Mangel nur ein _Ergebniß_
der Ueberfülle der Anschauung in ihm ist. -- Doch ich mache mich wol
schlecht verständlich. -- In Hamlet finde ich den großen Erdenschmerz:
sein Ideal niemals erfüllen zu können, den ewigen Zwiespalt, in den
der Mensch gesetzt ist, begabt mit aller Befähigung das Höchste zu
erkennen, zu wollen, es aber an sich und Andren nie darstellen zu
können; woraus zuletzt die tiefste Verachtung der Welt hervorgehn
kann. Alles widerstrebt hier dem reinen Seelendrange, überall stört
die Nichtigkeit und Elendigkeit, die eigne Mangelhaftigkeit und
Gebrechlichkeit läßt den Geist in einem Kerker sich fühlen, er isolirt
sich immer mehr, dieser höheren Selbstsucht fehlen dann, vermöge seiner
irdischen Natur, alle Kleinlichkeiten der Eitelkeit nicht und je mehr
der Mensch sich nun vertieft in geistiges Leben, in höhere Reflection
im Umfassen des Universums, je untüchtiger wird er, seine Thätigkeit
auf irgend einen kleinen Kreis, auf irgend eine Arbeit oder eine That
beschränken und fesseln zu können. Dies, meine ich, hat Shakespeare im
Hamlet zeigen wollen, man könnte aus diesem ewigen Weh des Lebens noch
100 vortreffliche Stücke machen, so reich und mannichfaltig erscheinen
einem von diesem Standpunkte aus die Conflicte der Dinge. Der große
Dichter hat nun in seinem unvergleichlichen Gedichte den Menschen
einem furchtbaren Verbrechen gegenübergestellt, einer That, welche
die größte menschliche Verderblichkeit bezeugt und das entschiedenste
Entgegenhandeln fordert. So ist Alles hier auf das Schärfste gestellt
und muß die schlagendsten Wirkungen hervorbringen. Ein einfacher
Mensch wäre schnell fertig mit dem, was zu thun ist, aber der so
geistig Gesteigerte hat einen viel größeren Drang, sich die ganze
Fülle des Vorganges allseitig zum Bewußtsein zu bringen, er muß alles
daran durchdenken, mit bittren Schmerzen durchempfinden, die äußere
That bleibt, als das Geringere immer zurück und dadurch zerfällt er
völlig mit sich selbst. Ich weiß nicht, ob ich das ganz gesagt habe,
was ich meine, ich bin wenig geschickt etwas zu deduciren, was mir
überzeugend lebendig in der Seele brennt, ich wäre glückselig, wenn
meine Darstellung es zur vollen Anschauung brächte.
Aus dieser Erkenntniß des Hamlet erklären sich mir nun alle
Widersprüche und Uebertreibungen seines Benehmens. Die an Vergötterung
streifende Liebe zu seinem Vater, die rührende Liebe zu seiner Mutter,
die überall durch den Abscheu gegen ihre Handlungen hervorbricht,
die Härte gegen Ophelia, in welcher er seine eigne Liebe mißhandelt.
Wie schön ist das „ich liebte Euch nicht“ d. h. „so wie ich Euch
lieben sollte, das was man nur Liebe nennen sollte, das fühlte ich
nicht, dazu bin ich, wie alle Menschen zu elend.“ Dies Ungenügen
seiner selbst, der Höhe seines Ideales gegenüber, scheint so sehr
zu contrastiren mit der Selbgefälligkeit, in der er sich gegen die
Höflinge überhebt und wie erschreckend wahr ist dies Alles? Das sind
die Kleinlichkeiten der großen Menschen; der Hamlet ist dafür ein
treuer Spiegel auf jedem Blatte. Er sagt „Sie narren mich, daß mir
die Geduld fast reißt“ und doch ist er es, der die unbedeutenden
Menschen fortdauernd reitzt, ihre Streiche vor ihm zu machen. Die
Sehnsucht nach dem Tode und dies Schaudern vor der Verwesung, dann
der verstellte Wahnsinn, wie ist er doch nur eine Zuflucht für den
übermannten Geist, keine besonnene, kluge Wahl -- doch ich langweile
Sie mit dem Auseinanderschälen einer Frucht, deren Gehalt Sie so genau
kennen. Wollte ich Alles sagen, was ich beim Studium dieser Rolle
erfahren, ich müßte jede Rede commentiren, ein Buch darüber schreiben.
Wüßte ich doch, was Sie zu meiner Ansicht sagen? Wie sehr habe ich
bedauert in Ihren Schriften nichts Ausführliches über den Hamlet
selbst zu finden, was Sie in den dramaturgischen Blättern andeuten
genügte meinem Durste nicht, so vertraut mir Manches erschien. Was
im Wilhelm Meister steht, hat mir bis jetzt gar nichts geholfen.
Sein Sie mir nur nicht böse, daß ich so schwatzhaft bin und mich
klüger als die Klügsten anstelle, meine Seele ist zu voll von dieser
Arbeit und es mag wol ein Beweis prägnanten Lebens am Hamlet sein,
daß ein Jeder, der sich ernstlich mit ihm beschäftigt, eine eigne
und besondre Anschauung will gefunden haben; so ist’s ja mit allem
Großen und Bedeutenden, man ist nie ganz in Uebereinstimmung darüber.
So kann ich auch nicht begreifen, wie bedeutende Schauspieler haben
den Hamlet besonnen oder sentimental darstellen können, beides
liegt ihm, meine ich, ganz fern; eine leidenschaftliche Bitterkeit,
lebhafte Erregbarkeit und ein sich ganz Verlieren in Stimmungen und
Vorstellungen, das scheinen mir seine Grundzüge zu sein. Doch genug
des Raisonnirens, die Aufführung ist vor der Thür. Könnte ich Sie
nur dazu hieher bannen und hernach von Ihnen hören, wie viel oder
wie wenig ich von meinen eignen Ansichten getroffen und wo sie sich
bewährt, wo nicht. Es bedarf Ihrer freundlichen Aufforderung sicher
nicht, um mich zu treiben, einmal wieder Dresden und Ihr Gespräch zu
suchen und wenn die Umstände mich begünstigen, so wird ein Reiseplan
zum nächsten Frühjahre ausgeführt, dessen ~route~ quer durch
Ihr Zimmer führt. Welche Erwartungen und Wünsche knüpfe ich schon
längst daran! Seit meiner letzten Anwesenheit in Dresden hat sich
der Kreis meiner künstlerischen Wirksamkeit so verändert und mit ihm
meine Erfahrungen und Wahrnehmungen. Wie gern zeigte ich mich Ihnen
nun einmal in Allem, was ich kann und weiß; ich bin gewiß von Ihnen
das Lösungswort für manches Dunkle und Unverstandene in mir zu hören.
Nun ich will mich der Hoffnung hingeben, es ist so süß, sich mit der
Erwartung großer Erfrischungen durch das Jammerthal unsres Bühnenlebens
hindurchzuschlagen. Erhalten Sie mir Ihr Wohlwollen, es ist mein Sporn
und Stolz in meinen Bestrebungen.
Ganz der Ihrige
_Eduard Devrient_.