III.

_Berlin_ 6/4. 38.

_Hochgeehrter Herr Hofrath!_

Die innigste Freude hat mir Ihr Schreiben erregt, das mir einen

so wohlwollenden Antheil für mein Stück, eine so tröstliche und

ermuthigende Billigung meiner Intentionen bekundete. Ich weiß sehr

wohl, daß Sie das bürgerliche Drama nicht verwerfen, aber ich

fürchtete: die Tendenz meines Stückes möchte Ihnen nicht bestimmt genug

ausgedrückt erscheinen, freilich hätte ich Ihrem ebenso scharfen,

feinen als wohlwollendem Blicke mehr vertrauen sollen, aber ich war

durch manches Mißverstehen von einigen Seiten her zaghaft gemacht

worden. Man erkannte nicht, oder wollte nicht erkennen, daß ich die

Kleinlichkeit und ~misère~ unsrer Zustände nicht um ihrer selbst

willen habe schildern wollen, sondern um sie vor unsren Augen in ihrer

Nichtigkeit zerbröckeln zu lassen und uns an einer idealen Anschauung,

an einer Tüchtigkeit der Gesinnung aufzurichten. Ich habe eben zeigen

wollen, daß wer Gesetze von unsrer socialen Elendigkeit annimmt,

ebenso verloren ist, als wer alle Bande und Schranken phantastisch

überfliegt, daß aber das Verfolgen eines höheren, geistigen Zieles,

das Maaßhalten in den Forderungen an das Leben, zuletzt auch in allen

Beziehungen das Leben bezwingen muß. Darum konnte ich auch alles

mögliche Geld verloren gehn lassen und die Hauptfiguren zuletzt

glücklich machen, ohne dies in den meisten bürgerlichen Stücken nöthige

Hülfsmittel. Dies ist wol eine Art von Rechnenprobe über die geistige

Bedeutung des Stückes, aber nur die Wohlwollenden nehmen sie an.

Ihr Beifall hat nun all den Genuß gekrönt, den mir die Aufführung

dieses Stückes bereitet, das Publikum hat durch sechs gefüllte Häuser

und den lebhaftesten Beifall seine Theilnahme ausgesprochen, die

Schauspieler sind mit Lust bei der Darstellung, viele gute und tüchtige

Menschen habe ich gerührt und erfreut, Sie billigen, was ich gethan --

welch menschliches Unternehmen könnte einen schöneren Erfolg haben?

Gespannt bin ich auf die Wirkung, welche das Stück von andren Bühnen

herab machen wird; einige der gezeichneten Zustände sind ganz lokal.

Ein rasches, lebhaftes Zusammenspiel ist hier Hauptbedingung, das

Stück empfängt auf der Bühne ein ganz neues Leben und ich möchte Sie,

verehrter Herr, bitten, die beabsichtigten Abkürzungen noch bis zu den

Theaterproben aufzuschieben und erst darüber zu entscheiden, wenn das

Spiel schon im Zuge ist.

Welche Rolle mein Bruder am förderlichsten für das Stück übernehmen

möchte, darüber kann ich in der That nicht entscheiden, da ich

das jetzige Personal Ihrer Bühne nicht kenne. -- So eben habe ich

einen Brief meines Bruders erhalten, aus dem ich ersehe, daß Herr

Baison bei Ihrer Bühne angestellt ist, ich habe denselben hier als

„Landwirth“ gesehen und mein Wunsch ist daher unbedenklich, daß er

den Christoph, mein Bruder den Born spielen möge; ich werde meinem

Bruder darüber schreiben, der mir größere Lust zum Christoph zu haben

scheint. Obschon die Rolle des Born nicht groß ist, so repräsentirt

sie doch, (trotz ihres Antheiles an den Verirrungen in pedantischem

Besserungseifer) den Typus des Edlen und Tüchtigen, für die

Darstellung ist es daher von großer Wichtigkeit, daß ein Schauspieler

sie übernehme, der in edlen und idealen Gestalten anerkannt ist

vom Publikum. Daß mein Bruder das mir so neidenswerth erscheinende

Verhältniß zu Ihnen nicht benutzt, thut mir recht herzlich leid, ich

möchte nur glauben, daß er mehr Ihre Sprache, als Ihre Intentionen

mißversteht, da ich in ihm immer eine so edle, künstlerische Natur

gesehen, daß ich mir im allgemeinen kein Abweichen von Ihrer Richtung

bei ihm denken kann. Der Beifall der Menge ist freilich ein gefährlich

Ding, und ich fühle zu genau, wie der Schauspieler alltäglich sich die

eigentliche Würde und Höhe seines Berufes vor’s Auge halten muß, um

sich nicht der weichen Beifallswoge zu überlassen, die, wie Sie nur zu

richtig sagen, durch so kleine Künste zu erreichen ist. So unähnlich

der Künstler dem Prediger sein soll, darin muß er ihm gleich stehen,

daß er den Leuten zeige, was sie erfahren _sollen_, nicht was sie

erfahren _wollen_. Ueberhaupt giebt es vielleicht keinen Stand, von

dem so sehr eine Fülle der Tugenden gefordert wird, als der unsrige.

Selbstverläugnend sollen wir sein, beim größten Anreiz zu Eitelkeit

und Selbstsucht, uns aufgeben an das Total einer Darstellung, wo es so

leicht ist sich abgesonderten Vortheil und Beifall zu verdienen, das

Höchste und Vergeistigte immerfort anbieten, wo es wenig geschätzt,

dagegen das Geringe und Gemeine begierig verlangt wird und reichlich

gelohnt. -- In der That, das Abweichen von den Berufstugenden rächt

sich in jedem Stande auch äußerlich, beim Schauspieler wird es belohnt

und gefeiert, dennoch soll er getreu bleiben -- wahrlich um der Größe

der Aufgabe willen ist es fast zu verzeihen, daß wir sie so miserabel

lösen. Und das ist es doch überhaupt, woran die ganze Bühne krankt

und ehe der Staat ihr nicht eine strenge Forderung stellt, ehe die

Gesellschaft nicht anfängt Ernst und Bedeutsamkeit vom Theater zu

verlangen, wird der bessere oder schlechtere Zustand, wie die Wellen

des Meeres, immer von den zufälligen Winden abhängen... Die herrschende

~aria cattiva~ hat auch den Schauspielerverein, den ich mit

einigen erfrischenden Hoffnungen gestiftet, bis auf 3 Mitglieder

heruntergebracht, und keine Wirksamkeit für das Ganze ist mehr von ihm

zu hoffen. Ich dachte, dieser Verein sollte eine _Gesinnung_ unter

uns erwecken, vergaß aber, daß sie für das Bestehen des Vereines schon

vorhanden sein müßte. Jetzt sehe ich ein, diese Gesinnung muß, mit der

Bildung zugleich, in Schauspielerschulen gepflanzt werden, die es aber

nicht giebt. Im allgemeinen haben die Schauspieler keinen Respect vor

ihrem Berufe und daher mißbrauchen sie ihn. Es scheint, der Mensch

achtet nur, was ihm sauer wird; wenn die jungen Schauspieler arbeiten

müßten, bevor sie zur Production zugelassen würden, wie alle andren

Künstler, so würden sie mit mehr Ernst und Achtung daran gehn, sie

würden beim Studiren gelernt haben, wie himmelweit wir immer von dem

Ideale unsres Berufes entfernt bleiben.

Entschuldigen Sie meine Redseligkeit, es giebt ja nicht viele Orte, wo

ich meinem Kummer Luft machen kann. Mit meiner persönlichen Stellung

hier, nach der Sie so freundlich fragen, könnte ich sehr wohl zufrieden

sein, ich fühle mich oft beschämt vor den Beweisen der Achtung, die

mir von Tüchtigen entgegenkommt, auch läßt sich hin und wieder etwas

Gutes und Rechtes bei uns hindurch bugsiren, -- mit dem Blaubart ist

mir’s freilich immer noch nicht geglückt, -- die Anstellung Seydelmanns

kann unser Personal sehr förderlich vervollständigen, aber der Durst

nach der tief ins Leben greifenden Wirksamkeit, welche die Bühne haben

könnte und sollte, der Durst brennt immer ungestillt in der Seele. Es

soll auch wol so sein und bleiben. Wie unendlich werth würde es mir

sein, mich einmal wieder mündlich gegen Sie verehrter Mann aussprechen,

vielleicht Ihnen etwas von dem zeigen zu können, was ich seit 4 Jahren

gelernt; vor dem nächsten Jahre habe ich aber dazu keine Aussicht. In

diesem Sommer muß ich hier bleiben, mein neues Haus ausbauen und damit

die Ruhe und Arbeitsgemächlichkeit für mein häusliches Leben ein für

allemal feststellen. Erhalten Sie mir Ihr unschätzbares Wohlwollen, ich

bleibe mit unveränderlicher Verehrung und Anhänglichkeit

der Ihrige

_Eduard Devrient_.

Darf ich um Beförderung der Einlage ergebenst bitten?

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 197 / 326 题